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Montag, 06. Oktober 2008

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Forum:

Welcher Longlist-Titel wird sich im Ausland durchsetzen?

Der deutsche Roman hat es auf der internationalen Bühne nicht leicht. Nur wenige Titel im Jahr schaffen es, in mehrere Sprachen übersetzt zu werden. Hat der deutschsprachige Roman das internationale Ansehen, das er verdient? Und welcher Titel der Buchpreis-Langliste könnte und sollte dieses Ansehen verbessern?

Beiträge

07.10.2008 | 12:52 Uhr

Ernst-Wilhelm Händler: Der Leser hat immer Recht

Die deutschsprachigen Schriftsteller sind Weltmeister im bewussten Schreiben. Die Besonderheit des Bewusstseins im Roman besteht darin: Indem das Bewusstsein entbirgt (ich hoffe, Martin Lüdke verzeiht mir diese unzweideutige Anwandlung von Eigentlichkeit), hüllt es zugleich sprachlich ein.

Wenn die Bewusstheit das Schreiben dominiert, schildert der Autor direkt oder indirekt nicht nur eine Gruppe von Figuren und eine Handlung, sondern viele mögliche Gruppen von Charakteren und viele mögliche Handlungen.

Der Leser ist nie zu kritisieren, der Leser hat immer Recht. Das heißt aber nicht, dass er immun gegen Missverständnisse ist. Ein manchmal wiederkehrendes Missverständnis besteht darin, dass der Leser meint, der Autor denke für ihn. Das wollen jedoch nur Autoren, die Illustriertenromane (der Ausdruck wurde gerne von Kempowski benutzt) schreiben. Sie möchten z. B. auch gerne anderen vorschreiben, welche politische Partei sie wählen sollen.

Die zentrale Rolle des Bewusstseins bedingt in jedem Fall, dass der Handlung niemals eine Vormachtstellung zukommen kann. Das wäre aber wohl eine Voraussetzung für die breitere internationale Basis einer nationalen Literatur.

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07.10.2008 | 09:50 Uhr

Julia Franck: Faszination für bestimmte Charaktere und Perspektiven

Kürzlich sagte mir meine Verlegerin aus einem Nachbarland, der Buchpreis würde für die ausländischen Verlage den Blick auf die deutsche Literaturlandschaft strukturieren. Sicherlich kommt es nicht auf "einhelliges Lob" an, das ...

allein war noch nie für internationale Erfolge wichtig (siehe Houellebecq, Roth, Sebald). Erfolg polarisiert – welcher Schriftsteller schreibt schon für bestimmte Leser, für Kritiker, für Vegetarier, für Protestanten?

Immer wieder gibt es einzelne Doktoranden in aller Welt, die seit Jahren über einen zeitgenössischen deutsche Schriftsteller promovieren, ohne dass jemals die deutsche Öffentlichkeit davon erfährt. Wird selbst zeitgenössische Literatur der jüngeren Generation in die Abiturprüfungen und sonstigen umfassenden Lehrmaterialien deutscher und fremdsprachiger Schulen aufgenommen (wir Schriftsteller erhalten regelmäßig Mitteilungen darüber von der VG Wort). Sind allein hohe Auflagen von Hesse und Funke der "internationale Erfolg"? Akademische Beschäftigung wie die mit Sebald und so einigen Autoren unserer Generation? Honore Rezensionen bei Erscheinen der Übersetzung?

Es könnte sein, dass das Etikett des Deutschen Buchpreises etwas bewirkt. Schon meine vorigen Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt, aber keines so schnell in so viele Sprachen mit so großer Resonanz in den jeweiligen Medien.

Für das Ausland scheint einerseits das deutsche Thema interessant zu sein, gleich welcher Epoche (Kehlmann, Schlink, Brussig – um keinen Kandidaten dieses Jahres zu nennen). Zum anderen ist auch bei den Kritikern und gewöhnlichen Lesern im Ausland die Faszination für bestimmte Charaktere des Buches wie auch die Perspektive ausgeprägt. Beispiel: Wie viele literarische Romane aus der Sicht eines Mannes gibt es? Einer Frau? Sagen wir jenseits des Genres Frauenroman? International, erfolgreich? Wer erzählt uns seine Welt?

Unterscheidet sich der Wandel in Deutschland in Bezug auf bestimmte gesellschaftliche Fragen so grundsätzlich von dem anderer Länder West-Europas, den Bildungsmöglichkeiten einer Frau in Frankreich, in England, in Japan, dem Standesdünkel? Dem Hedonismus, der Individualisierung und Isolation? Kann ein Mensch etwa Glück und Liebe verdienen? Ein Buch Ansehen? Es sind die komplexeren Fragestellungen, denen ein Buch durch deutsche Landschaften und Geschichte, mit deutscher Sprache und deutschem Denken, deutschem Trotz und deutscher Willkür nachgeht, denen der dänische Leser so neugierig folgt während er sich und seine Gesellschaft in Teilen wieder erkennt und das Fremde ausmacht.

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06.10.2008 | 18:36 Uhr

Olaf Petersenn: Ausländische Ausgaben haben nicht zu unterschätzenden Stellenwert

Mit Sicherheit hat die deutsche Gegenwartsliteratur im Ausland nicht das Ansehen, dass sie verdient, doch sind dafür vor allem außerliterarische Faktoren verantwortlich. Der Rückgang von Deutsch als Fremdsprache ist hier ebenso zu nennen wie ...

die Normalisierung der Verhältnisse seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Die Phase der deutschen Nachkriegsliteratur ist damit zu Ende gegangen, was auch bedeutet, dass spezifisch deutsche Themen in den Hintergrund treten - gerade die aber, so scheint es, machen immer noch den besonderen Reiz der deutschen Literatur im Ausland aus.

Das würde erklären, warum gerade weitausgreifende Familienromane so gut abschneiden. Ausschlaggebend für die Wahrscheinlichkeit, Auslandslizenzen zu verkaufen, sind ansonsten zwei Faktoren: ein vorderer Rang auf der Bestsellerliste oder ein einhelliges und vernehmliches Lob der literarischen Kritik.

Indem der Deutsche Buchpreis sich anheischig macht, beide Faktoren zusammenzubringen (literarisch kundige Jury und Breitenwirkung im Buchhandel), empfiehlt und bewährt er sich bei der Vermittlung deutscher Literatur ins Ausland. Dass dies sein eigentlicher Zweck ist und dieser wiederum die Auswahl des "besten Romans des Jahres" jenseits enger literarischer Kriterien mitbestimmt, steht zu vermuten.

Für deutschsprachige Autoren und ihre Verlage haben ausländische Ausgaben einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert, und insofern ist das Bemühen um eine breite internationale Würdigung der gegenwärtigen deutschsprachigen Romanproduktion in ihrer Breite und Vielfalt äußerst wünschenswert.

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06.10.2008 | 15:59 Uhr

Wolfgang Matz: Ein Hoch auf die Kritiker und den Deutschen Buchpreis

Natürlich las kein literarischer Leser je Cervantes, Manzoni, Stifter, Dickens, Proust, und Faulkner, weil sie aus Spanien, Italien, Österreich, England, Frankreich oder Amerika kommen. Bücher sind keine Exportartikel und machen sich ...

nicht Konkurrenz wie Tomaten aus Holland oder Italien, und Romanautoren sind keine Fußballkicker in der Nationalmannschaft. Sie repräsentieren nichts, sie sind ganz einfach nur sie selbst. Wie schön!

Natürlich werden wenige deutschsprachige Romane übersetzt, und zwar nicht erst seit gestern. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat sich das sogar ein wenig geändert, und das liegt nicht zuletzt am Deutschen Buchpreis. Durch den Buchpreis nämlich wurde für die Verlage im Ausland in der großen Menge der hier veröffentlichten Bücher wenigstens so etwas wie eine Vorauswahl, eine Gewichtung sichtbar.

Natürlich kann man auch darüber klagen, wie über alles. Doch beim Übersetzen von Büchern gilt’s leider nicht nur der Kunst: Das Übersetzen von Büchern ist eine ziemlich kostspielige Angelegenheit, die nur dann möglich ist, wenn der Verlag in Spanien, Italien, Österreich, England, Frankreich oder Amerika mit einiger Aussicht hoffen kann, die notwendigen Leser, sprich: Käufer für das übersetzte Buch zu finden. Die findet man aber nur, wenn es irgendeine Art von Öffentlichkeit für das Buch gibt.

Natürlich wäre es schön, wenn mehr übersetzt würde, aber der eigentliche Grund für das internationale Desinteresse ist ganz simpel: die Vorherrschaft der englischen Sprache und, genauer gesagt, der amerikanischen Kultur. Dagegen kommen andere Sprachen schon von der Menge her kaum an.

Natürlich werden auch von den Romanen dieses Jahres eine ganze Menge übersetzt werden. Welche? Ja, wenn man das wüsste! Man muss auch wirklich nicht alles übersetzen, denn das meiste (z.B. einen netten Autofahrer-, Künstler- oder Liebesroman) gibt es überall in einheimischer Gestalt. Andererseits sollte man das Interesse an den ewigen deutschen Menschheitsfragen auch nicht überschätzen, und Hunderte oder gar Tausende von Seiten über die gute, alte DDR oder die schöne neue Welt des neuen Deutschland – wer soll das so ohne weiteres lesen wollen in Birmingham, Besançon oder meinetwegen Paris/Texas? Ein Hoch auf die Kritiker und den Deutschen Buchpreis, die eine Aufmerksamkeit schaffen, die auch ein solches Abenteuer denkbar machen!

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06.10.2008 | 14:42 Uhr

Olaf Trunschke: Die Musen haben Stress:

Die Busse von Pegasustours karren inzwischen die Dichter im 5-Minuten-Takt über den Parnass. - Anderswo setzt sich nur fort, was hier beginnt: Abwesenheit. Legionen von Manuskripten drängeln zum Markt, ...

schubsen das eine oder andere wichtige Buch* in die Seitengassen. Manchmal, nur manchmal ist die Geschichte gerecht ...
* Eine Longlist vergessener/verhinderter Bücher jederzeit gern auf Anfrage.

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06.10.2008 | 13:20 Uhr

Ina Hartwig: Zu viele Leute kümmern sich um ihren Garten

In Frankreich war noch vor wenigen Jahren Peter Handke ein Superstar. Dass er es nicht mehr ist, liegt leider an ihm selber – seine Tobsucht wider die französische Presse in Sachen Serbien hat Spuren hinterlassen.

Thomas Bernhard war ebenfalls sehr beliebt, aber das lässt nach, so scheint mir, entsprechend dem Bedeutungsverlust des Lesens überhaupt. Nur der stählerne Ernst Jünger erfreut sich gleichbleibender Beliebtheit, allerdings ausschließlich im 6. Arrondissement von Paris. Es ist ansonsten wie überall: Die potentiellen Leser haben oft Besseres zu tun, oder das, was sie für etwas Besseres halten. Um Voltaires "Candide" zu bemühen: Zu viele Leute kümmern sich um ihren Garten. Da richten sie immerhin kein Unheil an. Aber dem Buchverkauf, geschweige denn dem Ansehen nützt es nichts.

Scherz beiseite: Die deutschsprachige Romanliteratur hat ja nicht einmal in Deutschland das Ansehen, das sie verdiente. Wie sollte sie da im Ausland das entsprechende Ansehen genießen können? Kehlmann, Grass: Das dürfte es gewesen sein. In der amerikanischen Intellektuellenszene noch W.G. Sebald. Die reichhaltige Gegenwartsliteratur hierzulande wird im Ausland wohl nur von Spezialisten Kenntnis genommen, von Scouts und Lektoren, und die schrecken im Zweifelsfall vor dem Lizenzerwerb zurück, weil sie wissen, wie schwierig sich die Sachen verkaufen lassen.

Klar, der Deutsche Buchpreis möchte genau dem entgegenwirken. Bisher mag das insofern geglückt sein, als dass viele Übersetzungen hergestellt worden sind von den nunmehr drei preisgekrönten Büchern. Sind deshalb deren Autoren im Ausland bekannt? Ich wage das zu bezweifeln. Julia Franck noch am ehesten. Aber, bei allem Respekt, repräsentiert sie deshalb den deutschsprachigen Roman der Gegenwart? Fassen wir uns an die eigene Nase: Wer in Deutschland kennt schon den letzten Pulitzer-Preisträger, den letzten Goncourt-Gekrönten? Nicht einmal im Hexagon ist der Goncourt, früher eine Garantie für einen Verkaufserfolg, noch ein sicheres Rezept.

Die Anerkennung, die bei uns einige osteuropäische Schriftsteller erleben - wie Imre Kertész, der nirgends so intensiv rezipiert wurde wie in Deutschland, oder wie der türkische Nobelpreiskollege Orhan Pamuk, der im eigenen Land immer wieder Angriffen ausgesetzt ist -, diese Anerkennung ist umgekehrt in anderen Ländern kaum zu erkennen.

Und trotzdem sollte die Jury im Hinterkopf haben, dass es darum geht: den einen preisgekrönten Roman auch ins Ausland verkaufen zu können. Es liegt in der Natur des Preises, sich zu fragen, wie und ob der ausgezeichnete Roman in anderen Ländern ankommen könnte.

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06.10.2008 | 12:17 Uhr

Kerstin Ahrendt: Buchpreis kann helfen

Uwe Tellkamps "Turm" müsste international seinen Weg machen. Er gehört auf Oprah Winfreys Sofa, um Amerika mitzuteilen, dass und wie die Mauer gefallen ist. Ein tolles Buch, das ...

wahrscheinlich nur einer schreiben konnte, was ja lange genug gedauert hat. Wenn die Welt das Buch nicht liest, sehe ich schwarz für die deutsche Literatur international. Hier kann der Buchpreis helfen.

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06.10.2008 | 10:35 Uhr

Daniel Neuhaus: Es liegt nicht an der deutschen Literatur,

es liegt an der Sprache, die international immer mehr ins Hintertreffen gerät. Die Themen haben wir ja, wie man an der Shortlist sieht: Zweimal DDR, einmal Islamismus und einen Dath, den die Welt noch nicht gesehen hat. Da kommt beim Überetzen Freude auf.

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06.10.2008 | 08:32 Uhr

Bodo Kirchhoff: Unwissenheit

Der deutschsprachige Gegenwartsroman k a n n als Marke gar kein internationales Ansehen haben, weil dazu viel zu wenige Bücher übersetzt werden. Die meisten von uns existieren im Ausland nicht, ...

auch wenn sie seit 30 Jahren veröffentlichen, und die Frage ist höchstens, ob wir diese vollständige Unwissenheit verdient haben. Natürlich nicht, aber diese Erkenntnis ändert nichts an den Tatsachen.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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