06.10.2008 | 15:59 Uhr
Wolfgang Matz: Ein Hoch auf die Kritiker und den Deutschen Buchpreis
Natürlich las kein literarischer Leser je Cervantes, Manzoni, Stifter, Dickens, Proust, und Faulkner, weil sie aus Spanien, Italien, Österreich, England, Frankreich oder Amerika kommen. Bücher sind keine Exportartikel und machen sich ...
nicht Konkurrenz wie Tomaten aus Holland oder Italien, und Romanautoren sind keine Fußballkicker in der Nationalmannschaft. Sie repräsentieren nichts, sie sind ganz einfach nur sie selbst. Wie schön!
Natürlich werden wenige deutschsprachige Romane übersetzt, und zwar nicht erst seit gestern. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat sich das sogar ein wenig geändert, und das liegt nicht zuletzt am Deutschen Buchpreis. Durch den Buchpreis nämlich wurde für die Verlage im Ausland in der großen Menge der hier veröffentlichten Bücher wenigstens so etwas wie eine Vorauswahl, eine Gewichtung sichtbar.
Natürlich kann man auch darüber klagen, wie über alles. Doch beim Übersetzen von Büchern gilt’s leider nicht nur der Kunst: Das Übersetzen von Büchern ist eine ziemlich kostspielige Angelegenheit, die nur dann möglich ist, wenn der Verlag in Spanien, Italien, Österreich, England, Frankreich oder Amerika mit einiger Aussicht hoffen kann, die notwendigen Leser, sprich: Käufer für das übersetzte Buch zu finden. Die findet man aber nur, wenn es irgendeine Art von Öffentlichkeit für das Buch gibt.
Natürlich wäre es schön, wenn mehr übersetzt würde, aber der eigentliche Grund für das internationale Desinteresse ist ganz simpel: die Vorherrschaft der englischen Sprache und, genauer gesagt, der amerikanischen Kultur. Dagegen kommen andere Sprachen schon von der Menge her kaum an.
Natürlich werden auch von den Romanen dieses Jahres eine ganze Menge übersetzt werden. Welche? Ja, wenn man das wüsste! Man muss auch wirklich nicht alles übersetzen, denn das meiste (z.B. einen netten Autofahrer-, Künstler- oder Liebesroman) gibt es überall in einheimischer Gestalt. Andererseits sollte man das Interesse an den ewigen deutschen Menschheitsfragen auch nicht überschätzen, und Hunderte oder gar Tausende von Seiten über die gute, alte DDR oder die schöne neue Welt des neuen Deutschland – wer soll das so ohne weiteres lesen wollen in Birmingham, Besançon oder meinetwegen Paris/Texas? Ein Hoch auf die Kritiker und den Deutschen Buchpreis, die eine Aufmerksamkeit schaffen, die auch ein solches Abenteuer denkbar machen!
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