08.10.2008 | 08:08 Uhr
Oliver Vogel: Lesen ohne Reiseführer
Goethe schreibt den Werther. Zack, is ne Tendenz da. Und ein Thema. Eine Zeit, eine Geisteshaltung, ein Lebensgefühl findet ihren Ausdruck. Die Literatur war offenbar in Deutschland bis in den Herbst 1774 ihrer Zeit hinterher, jedenfalls war sie ...
der Literatur Frankreichs und Englands hinterher. Oder (ebenso offenbar) war die Literatur im Herbst 1774 der Zeit voraus. Die Tendenz heißt plötzlich Werther, das Thema war ein eben erst erfundenes Gefühl. Nach 1774 schrieben ganz viele plötzlich im Stil, der der Stil der Zeit geworden war. Aber natürlich hinkten all die, die nun so schrieben, der Zeit hinterher, waren Nachahmer und Kinder ihrer Zeit. Wen kennt man davon noch? Den wunderbaren Jakob Michael Reinhold Lenz (der mehr gemacht hat, als hinterherzuhinken). Aber gibt es noch einen Werther, der bis heute gelesen wird? Wen also interessieren heute noch die Themen und Tendenzen des Herbstes 1774?
Und heute? Themen und Tendenzen des letzten Jahres? Des letzten Jahrzehnts? Ist Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" Thema und Tendenz, oder ist es einfach nur ein gutes und erfolgreiches Buch? Und Julia Francks "Mittagsfrau"? Ist nun der Familienroman (wenn man die "Mittagsfrau" als solche bezeichnen wollte) die Tendenz der Zeit? Und Charlotte Roches "Feuchtgebiete"? Sind Hämorrhoiden das Thema der Zeit? Und in diesem Jahr sind alle begeistert von Tellkamps 1000-Seiten-Turm, einer Familiengeschichte in der untergehenden DDR. Wenn nun aber "Treffen sich Zwei" von Iris Hanika den Buchpreis gewinnt?
Ist dann der Roman einer komplizierten Zweierbeziehung das Thema und die so intelligenten wie amüsanten Rollenspiele nach therapeutischem Vorbild ihre Tendenz? Ist die DDR das Thema, weil Ingo Schulze und Uwe Tellkamp darüber schreiben, oder ist tendenziell eine Internationalisierung der deutschsprachigen Literatur festzustellen, weil Sherko Fatahs "Das dunkle Schiff" im Irak beginnt und Rolf Lapperts "Nach Hause schwimmen" zwischen Amerika, Irland und Schweden angesiedelt ist? Wendet sich die deutschsprachige Literatur gar von den aktuellen Themen ab und der Vergangenheit zu, weil der Börsencrash nicht auf der Shortlist steht (den man mit Marlene Streeruwitz’ "Kreuzungen" hätte haben können). Oder erkennt die deutsche Literatur den Krieg nicht als Thema der Zeit, weil Christian Kracht nicht genannt wird?
"Themen und Tendenzen" sind ein Gesellschaftsspiel. Die Regeln dieses Spiels werden von Einzelnen festgelegt. Die Gesellschaft, die diesen Regeln gehorcht, sind wir, wenn wir mitspielen. Die Regeln dienen der Zugänglichkeit, also dienen sie der Literatur. Aber sie haben mit Literatur nichts zu tun. Denn die ist eigensinnig, weit weg von Spielen dieser Art, frei von Regeln, die von anderen vorgegeben werden. Sie macht, was sie will, und entdeckt für uns die Welt. Das gute Buch, das wir lesen, kennt uns nicht, hat uns nie gesehen und erzählt trotzdem unser Leben. Das kann nur gehen, weil es auf ein Thema nicht zu reduzieren ist und seine Tendenz selbst erfindet. Wir sollten es uns nicht zu leicht machen, finde ich, wir sollten einfach jedes gute Buch unvorbereitet und für sich lesen. "Wir sehen nur, was wir kennen", heißt der Werbesatz der DuMont-Reiseführer. Sein wir mutig, verzichten wir beim Lesen auf Reiseführer, lassen wir uns überraschen.
Frank Miksch schreibt: Leises Votum
Im Stadium der fortgeschrittenen Mumifizierung der DDR-Erinnerung scheint es eigentlich müßig, dass sich West und Ost um den Schädel oder die verdorrten Gebeine dieses Kadavers streiten. Und doch erlebt man, gerade in diesen Tagen besonders, die typische Ost-West-Feindbild-Berührung, die mit zunehmender zeitlicher Entfernung von Streitobjekt eher zu- als abnimmt.
Nun schickt sich ein auf der Shortlist befindliches fast tausend Seiten starkes Buch an, selbst die unverdächtigen Belanglosigkeiten des verblichenen DDR-Alltags unter Diktaturverdacht zu stellen. Und je naturbelassener dieser Stoff daherkommt, desto überzeugender, meint wohl der Autor.
Was ist das für eine "welthaltige" Literatur, die selbst unverfängliche elementare Alltagsverrichtungen, die Bestandteil eines jeden normalen Gesellschaftsablaufes sind, in naserümpfender spieß-bildungsbürgerlicher Weise vorführt?
Beitrag kommentieren