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Mittwoch, 08. Oktober 2008

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Forum:

Verrät die Longlist neue Trends des Gegenwartsromans?

Keine aktuelle Bücherauswahl ohne den Impuls, eine Gesetzmäßigkeit dahinter zu entdecken und unsere Zeit im Spiegel der Literatur zu verstehen. Schwer macht es uns die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Hier scheint es geradezu Programm gewesen zu sein, keinen Trend herauszuarbeiten. Verrät die Longlist mehr? Welche Thementrends und formalen Tendenzen erkennen Sie hinter der Buchpreis-Vorauswahl?

Beiträge

09.10.2008 | 10:29 Uhr

Friedmar Apel: Welthaltigkeit und erfreuliche Vielfalt

Trend klingt mir zu sehr nach Wahlforschung und sonstiger empirischer Vorspiegelung. Ich sehe aber die erfreuliche Entwicklung, dass der deutsche Roman "welthaltiger" geworden ist, sich mehr mit den Erscheinungsformen der Wirklichkeit und ...

den Handelnden und Leidenden der Geschichte und Gegenwart auseinandersetzt. Das aber zum Glück in sehr vielfältigen Formen und Stoffen. Die shortlist scheint ein Versuch zu sein, diese Vielfalt abzubilden, und zwar - wie die Nominierungen von Tellkamp und Dath zeigen - nicht nur auf dem Mittelweg.

Kommentare

09.10.2008 | 12:50 Uhr
Frank Miksch schreibt: Leises Votum

Im Stadium der fortgeschrittenen Mumifizierung der DDR-Erinnerung scheint es eigentlich müßig, dass sich West und Ost um den Schädel oder die verdorrten Gebeine dieses Kadavers streiten. Und doch erlebt man, gerade in diesen Tagen besonders, die typische Ost-West-Feindbild-Berührung, die mit zunehmender zeitlicher Entfernung von Streitobjekt eher zu- als abnimmt.

Nun schickt sich ein auf der Shortlist befindliches fast tausend Seiten starkes Buch an, selbst die unverdächtigen Belanglosigkeiten des verblichenen DDR-Alltags unter Diktaturverdacht zu stellen. Und je naturbelassener dieser Stoff daherkommt, desto überzeugender, meint wohl der Autor.
Was ist das für eine "welthaltige" Literatur, die selbst unverfängliche elementare Alltagsverrichtungen, die Bestandteil eines jeden normalen Gesellschaftsablaufes sind, in naserümpfender spieß-bildungsbürgerlicher Weise vorführt?



08.10.2008 | 16:34 Uhr

Thomas Anz: Trends sind nötig - und gehen auf die Nerven

Goethes "Werther" hat seinerzeit nicht nur Trends gesetzt, sondern ist mit der Form des Briefromans solchen gefolgt. Beliebte Romane aus England und Frankreich waren da Vorbilder.

Große Erfolge finden sofort zahlreiche Nachahmungen. Und Literaturkritik wie Literaturgeschichtsschreibung können sie nicht ignorieren. Sie kommen ohne mehr oder weniger spekulative Benennungen von Trends nicht aus. Literaturgeschichtliche Beschreibungen von ‚Epochen‘ sind Trendbeschreibungen über inhaltliche und formale Vorlieben in einem bestimmten Zeitabschnitt. Ohne sie hätten Begriffe wie Barock, Romantik, Sturm und Drang oder Expressionismus keinen Sinn.

Inzwischen wird man sich allerdings zunehmend bewusst, dass es sich dabei um vereinfachende Konstrukte handelt, die der Komplexität der literarischen Welt nie gerecht werden. Das gilt übrigens ebenso für die seit zwei Jahrzehnten so beliebte (also selbst trendartige) Konstruktion von Generationen, etwa der "Generation Golf", mit der man Trends charakterisiert, die vom Alter der Autorinnen und Autoren abhängig zu sein scheinen.

Man könne, schrieb einmal der Soziologe Niklas Luhmann, "Epocheneinteilungen als eine Art Volksglauben der Intellektuellen abtun, der sich bei näherem Zusehen in Nebel auflöst." Reine Erfindungen sind Einteilungen dieser Art allerdings nicht. Sonst könnte man nicht an sie glauben. Und vor allem sind sie nicht wirkungslos. Sie haben, so Luhmann, "Verstärkereffekte im Kommunikationsprozeß", haben eine Sogwirkung. Glaubt die Öffentlichkeit erst einmal an einen ausgerufenen Trend, dann setzt er sich auch eine Zeit lang durch. Und wer es schafft, als Trendbegründer oder -entdecker zu gelten, der erlangt über Jahre hinweg eines der begehrtesten, umkämpftesten und knappsten Güter: öffentliche Aufmerksamkeit.

Beispiel für einen Trend in der deutschen Literatur des 21. Jahrhunderts ist die Beliebtheit des Familienromans. Gleich zwei davon hatten bei der Deutschen Buchpreis-Findung Erfolg: die von Arno Geiger und Julia Franck. Eine Reihe von prominenten Titeln der letzten Jahre könnte für eine Konjunktur des Liebesromans im Bereich jenseits des ‚Trivialen’ sprechen: "Ein liebender Mann" (Martin Walser, 2008), "Liebesbrand" (Feridun Zaimoglu, 2008), "Die große Liebe" (Hans-Josef Ortheil, 2003), "Liebeserklärung" (Michael Lentz, 2003) oder, sogar in der Verneinung, "Dies ist kein Liebeslied" (Karen Duve, 2002). Daniel Kehlmanns Romanerfolg "Die Vermessung der Welt" haben manche als Symptom für die Beliebtheit historischer Figuren im deutschen Gegenwartsroman betrachtet. Der Roman "Pazifik Exil" von Michael Lentz oder der genannte Walser-Roman wären weitere Beispiele dafür.

Im Januar dieses Jahres gingen solche Trends einem Literaturkritiker der F.A.Z. (29.1.2008), Richard Kämmerlings, bereits auf die Nerven. "Man beginnt als Leser unter einseitiger Ernährung zu leiden. Denn es mangelt an dem, was unser Leben jenseits des Privaten formt und bestimmt: die Wirtschaft, die Technik, die Medizin, das Militär, ja selbst die Medien." Ein Versuch, neue Trends zu kreieren? Wilhelm Händlers großer Wirtschaftsroman "Wenn wir sterben" (2002) könnte davon nachträglich profitieren.

In Kämmerlings Reihung fehlte die Biologie. Außerhalb der Literatur haben Evolutionsbiologie und Biopolitik seit Jahren geradezu ungeheuerliche Aufmerksamkeit angezogen. Ist das die Chance für Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten"? Doch vergessen wir nicht: Literatur lebt zwar auch von ihren Themen, aber vor allem von ihrer Sprache.

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08.10.2008 | 15:24 Uhr

Wolfgang Matz: Die große Romanform

Tendenzen? Themen? Schwer zu sagen, dafür sind die Bücher zu vielfältig, zu unterschiedlich (und Themen und Tendenzen meist auch allzu flott unterwegs). Naturgemäß sieht man am allerbesten immer gerade die Tendenzen, die man ...

gerne sehen möchte. Probieren wir’s also einmal in dieser Richtung.

Und schon habe ich etwas gefunden: Ich sähe sehr gerne die Tendenz, ohne die proseminaristische Angst vorm "Konventionellen", vor dem Oberlehrerzeigefinger und dem "So-kann-man-heute-nicht-mehr-erzählen-Dogma", ohne alles Vorausbesserwissen und mit einem bewundernden Blick auf die großen Romane der Vergangenheit, ich sähe also sehr gerne die Tendenz, die große Romanform, wie sie der große Milan Kundera beschrieben und analysiert hat, auch auf die Gegenwart anzuwenden. Ohne einen gewissen Größenwahn (dafür steht auf der Shortlist ein Beispiel, und auf der Longlist ebenfalls eins) gab es selten große Bücher, und die Schmalspurweisheit, dass man heute nicht mehr wie Balzac schreiben könne, dürfen drum die wiederholen, die’s tatsächlich nicht können. Die anderen versuchen es trotzdem – zu Nutz und Frommen von uns Lesern. Denn solange noch lebendige Menschen auf diesem Globus herumlaufen, wird man von ihnen erzählen müssen.

"Wer keine Geschichten von Menschen sich anhören will, ist mir verdächtig", sagte einst (und zwar sehr zurecht) der auch ziemlich große Alfred Andersch. Die klassische Romanform, wie sie im neunzehnten Jahrhundert Vollkommenheit erreichte, wird nach vielen Umwegen (großartigen Umwegen!) und vor den nächsten Umwegen immer wieder das Muster, der Vergleichsmaßstab sein. Im Augenblick sind offenbar wieder einmal einige Autoren am Werk, die sich genau daran messen: Dies wäre eine Tendenz, die ich gerne sähe – weshalb ich mir hier großzügig erlaube, sie tatsächlich zu sehen. Man weiß ja nie.

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08.10.2008 | 15:23 Uhr

Felicitas Feilhauer: Erfreuliche Erkenntnis

Keiner den ich erkennen würde, aber hinterher ist man immer klüger. Die Verarbeitung der neueren Geschichte ist schon immer ein Thema, interessante Experimente wie bei Dietmar Dath gibt es immer wieder, bleiben aber in der Regel Einzelversuche.

Gerne hätte ich erkannt, dass mit Fatah und Zaimoglu deutschschreibende Autoren mit Migrationshintergrund 'im Trend' sind und mehr von unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit abgebildet wird. Aber sowohl 2007 waren mit Gorelik, und 2006 sogar drei (Zaimoglu, Stanisic und Trojanow) solcher Autoren vertreten. Aber das klingt jetzt entsetzlich politisch korrekt und die Longlist ist keine Wunschliste und das Herkommen des Autors kein Preiskriterium. Und wenn man solche Bücher lesen möchte, kann man sie auch ohne Longlist suchen (und finden).

Auch kein Trend, aber eine erfreuliche Erkenntnis ist, dass sich die Autoren nicht abhalten lassen ihren Lesern sehr umfangreiche, manchmal komplizierte, aber alles in allem sehr lohnende Romane zuzumuten.

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08.10.2008 | 10:36 Uhr

Heraklit Ephesos: Die Longlist setzt den Trend

In der Kategorie "anspruchsvolle Literatur" verrät die Longlist nicht neue Trends, sondern setzt diese. Denn welcher Leser ist heute schon in der Lage, zu erkennen, was anspruchsvolle Literatur ist?

Die F.A.Z. genießt den Ruf, anspruchsvoll zu sein. Widmet eine solche Zeitung jetzt dem Deutschen Buchpreis eine derartige Aufmerksamkeit, so wird damit der Buchpreis zur Institution. Und da sich deshalb die sich selbst als anspruchsvoll empfindenden Leser am Buchpreis orientieren, werden die von diesem berücksichtigten Bücher Quelle des Trends.

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08.10.2008 | 10:18 Uhr

Uwe Ebbinghaus: Widerspruch zum Vorredner

Oliver Vogel weist in seinem heutigen Beitrag zu Recht darauf hin, dass das Aufspüren von neuen Themen und Tendenzen der Gegenwartsliteratur ein Gesellschaftsspiel ist. Nun kann man unterschiedlicher Meinung darüber sein, ...

wie hoch man Spiele einschätzt, von Schillers Bewertung als höchster Entfaltungsform des Menschen sind wir heute wohl alle weit entfernt. Vielleicht sind wir uns aber darin einig, dass die Diskussion über Tendenzen in der zeitgenössischen Literatur oder anderen Lebensbereichen eine begrüßenswert kultivierte Form des gesellschatlichen Austauschs ist - und kaum schädlich für Literaturinteressierte, denn wem sollte damit Gewalt angetan werden? Was dem einen eine Tendenz ist, das tut der andere als Kaffeesatzleserei ab. Ein Wort gibt das nächste und am Ende, dessen bin ich ganz sicher, steht ein Erkenntnisgewinn.

Ein für mich ziemlich unerwarteter Trend in vielen Diskussionen dieses Lesesaals ist ein auffälliger Kokretismus. Häufig werden allgemeine, im weitesten Sinne philosophische (ästhetische) oder spekulative Fragen mit dem Argument zurückgewiesen, man könne keine allgemeinen Aussagen treffen, weil man nicht die ganze dahinterstehende Allgemeinheit kenne, nach der Devise: man könne den Weinjahrgang 2007 nicht beurteilen, weil man noch nicht alle Weine desselben getrunken habe. Mit diesem Argument im Gepäck kann man allerdings so ziemlich über gar nichts sprechen.

Zur aktuellen Frage und der Shortlist 2008: Hier ist für mich eine ganz bemerkenswerte Tendenz zu erkennen: die quicklebendige Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition. Tellkamps "Turm" wäre ohne Goethe, Proust, Thomas Mann nicht denkbar, was seine Leistung nicht schmälert, ganz im Gegenteil; Ingo Schulze greift auf den Adam-und-Eva-Mythos zurück, Iris Hanika auf Kleist und selbst der Klappentext zu Diemtar Dath holt George Orwell mit ins Boot. Die ausgewählten Romanautoren dieses Jahres stellen sich also ganz bewusst in oder gegen einen literarischen Kontext, eine Tradition, eine Allgemeinheit (mit der Klappentexte bekanntlich auch keine Berührungsängste haben) - warum sollten wir in unserer Diskussion über ihre Bücher also die Augen vor Allgemeinheiten verschließen?

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09.10.2008 | 14:02 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Vielen Dank für die ausführliche Antwort

Zitat: "Die Amoral in der Welt wird durch diese Romane aber gewiss nicht größer, im Gegenteil. In einem subtilen Akt steigt die Sehnsucht des Lesers nach Normalität mit der ungerührten Schilderung von Bestialität". -- Dies würde vieles in der Literatur erklären. Ist schon interessant, sich überhaupt Gedanken darüber zu machen, wie Literatur eigentlich wirkt, oder sich zu fragen, ob die eine Grundannahme ihrer Analyse, dass das Problem der Amoral in der Welt mit einer mangelnden Sehnsucht nach Normalität zusammenhängt, überhaupt stimmt. Aber die Erörterung solcher Fragen würden jetzt ein neues Fass aufmachen und das eigentliche Forumsthema nicht treffen.


08.10.2008 | 21:40 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: Das ist eine spannende Frage.

Wobei ich glaube, dass Romane festgefahrene, nicht haltbare Wertigkeiten gerade aufheben und eben nicht dazu tendieren, falsche Wertigkeiten zu schaffen.

Insofern stellen Romane eigentlich eher Gegen-Tendenzen dar. Ich denke, ein bedeutender Autor kann einen sehr guten Roman nicht auf einer Lüge aufbauen, die poetische Gerechtigkeit fährt ihm dazwischen - und er wird diese Lüge dann zumindest ironisch ausstellen.
Viele bekannte Romane neigen zu einer ausgleichenden Denkbewegung. In "Wilhelm Meisters Lehrjahren" zum Beispiel möchte man Wilhelm fast schon sein Aufgehen in einer letztlich doch beschränkten Künstlerexistenz gönnen, da fragt ihn Jarno aus heiterem Himmel, warum er seine Zeit mit dem Theatergesindel verschwende - und Wilhelm kann durch diesen Schock befreit in eine neue Lebensphase eintreten. Am Ende heißt es dann treffend, tröstlich und irgendwie stellvertretend für die Technik des gesamten Romans, Wilhelm habe ein Glück gefunden, das er nicht verdient habe, das er aber um nichts in der Welt eintauschen wolle.
Ein weiteres Beispiel ist Joyces "Ulysses", der nach all dem großartigen poetischen Hin und Her, in das Bloom verwickelt ist, mit Mollys entschiedenem "ja ich will ja" endet, während Fontanes "Stechlin" über die gesamte Handlung hinweg eine heitere Gelassenheit verbreitet, so verführerisch, dass man sie sich wirklich wünschen würde, wenn man einmal wie die Hauptfigur aus dem Leben scheidet. Und im räumlich gesehen statischen "Zauberberg" geht's am Schluss in den Krieg.

Es gibt natürlich auch Romane, die zunächst nicht in dieses Schema zu passen scheinen, die eine gedankelich Umkehr vom Leser fordern, so zum Beispiel Ellis' "American Psycho" oder Littells "Wohlgesinnte". Die Amoral in der Welt wird durch diese Romane aber gewiss nicht größer, im Gegenteil. In einem subtilen Akt steigt die Sehnsucht des Lesers nach Normalität mit der ungerührten Schilderung von Bestialität. Das wäre zumindest meine These. Mir fällt tatsächlich momentan kein Beispiel für eine nachgewiesen schädliche Romanwirkung ein, außer der, dass er viel Zeit verbraucht. Die angebliche Selbstmordserie im Gefolge "Werthers" vielleicht? Ist das eigentlich belegt?


08.10.2008 | 15:41 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Mal eine grundsätzliche Frage, Herr Ebbinghaus...

Trägt ein Romanautor eine Mitverantwortung dafür, was sein Roman beim Leser auslöst und bewirkt, ob sein Roman beim die Literatur liebenden Leser eventuell völlig missverstanden werden kann, und dieser diese missverstandenen Erkenntsnisse dann in sein Leben integriert, ganz abgesehen davon, wenn ein Roman ein völlig falsches Weltbild vermittelt?



08.10.2008 | 08:08 Uhr

Oliver Vogel: Lesen ohne Reiseführer

Goethe schreibt den Werther. Zack, is ne Tendenz da. Und ein Thema. Eine Zeit, eine Geisteshaltung, ein Lebensgefühl findet ihren Ausdruck. Die Literatur war offenbar in Deutschland bis in den Herbst 1774 ihrer Zeit hinterher, jedenfalls war sie ...

der Literatur Frankreichs und Englands hinterher. Oder (ebenso offenbar) war die Literatur im Herbst 1774 der Zeit voraus. Die Tendenz heißt plötzlich Werther, das Thema war ein eben erst erfundenes Gefühl. Nach 1774 schrieben ganz viele plötzlich im Stil, der der Stil der Zeit geworden war. Aber natürlich hinkten all die, die nun so schrieben, der Zeit hinterher, waren Nachahmer und Kinder ihrer Zeit. Wen kennt man davon noch? Den wunderbaren Jakob Michael Reinhold Lenz (der mehr gemacht hat, als hinterherzuhinken). Aber gibt es noch einen Werther, der bis heute gelesen wird? Wen also interessieren heute noch die Themen und Tendenzen des Herbstes 1774?

Und heute? Themen und Tendenzen des letzten Jahres? Des letzten Jahrzehnts? Ist Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" Thema und Tendenz, oder ist es einfach nur ein gutes und erfolgreiches Buch? Und Julia Francks "Mittagsfrau"? Ist nun der Familienroman (wenn man die "Mittagsfrau" als solche bezeichnen wollte) die Tendenz der Zeit? Und Charlotte Roches "Feuchtgebiete"? Sind Hämorrhoiden das Thema der Zeit? Und in diesem Jahr sind alle begeistert von Tellkamps 1000-Seiten-Turm, einer Familiengeschichte in der untergehenden DDR. Wenn nun aber "Treffen sich Zwei" von Iris Hanika den Buchpreis gewinnt?

Ist dann der Roman einer komplizierten Zweierbeziehung das Thema und die so intelligenten wie amüsanten Rollenspiele nach therapeutischem Vorbild ihre Tendenz? Ist die DDR das Thema, weil Ingo Schulze und Uwe Tellkamp darüber schreiben, oder ist tendenziell eine Internationalisierung der deutschsprachigen Literatur festzustellen, weil Sherko Fatahs "Das dunkle Schiff" im Irak beginnt und Rolf Lapperts "Nach Hause schwimmen" zwischen Amerika, Irland und Schweden angesiedelt ist? Wendet sich die deutschsprachige Literatur gar von den aktuellen Themen ab und der Vergangenheit zu, weil der Börsencrash nicht auf der Shortlist steht (den man mit Marlene Streeruwitz’ "Kreuzungen" hätte haben können). Oder erkennt die deutsche Literatur den Krieg nicht als Thema der Zeit, weil Christian Kracht nicht genannt wird?

"Themen und Tendenzen" sind ein Gesellschaftsspiel. Die Regeln dieses Spiels werden von Einzelnen festgelegt. Die Gesellschaft, die diesen Regeln gehorcht, sind wir, wenn wir mitspielen. Die Regeln dienen der Zugänglichkeit, also dienen sie der Literatur. Aber sie haben mit Literatur nichts zu tun. Denn die ist eigensinnig, weit weg von Spielen dieser Art, frei von Regeln, die von anderen vorgegeben werden. Sie macht, was sie will, und entdeckt für uns die Welt. Das gute Buch, das wir lesen, kennt uns nicht, hat uns nie gesehen und erzählt trotzdem unser Leben. Das kann nur gehen, weil es auf ein Thema nicht zu reduzieren ist und seine Tendenz selbst erfindet. Wir sollten es uns nicht zu leicht machen, finde ich, wir sollten einfach jedes gute Buch unvorbereitet und für sich lesen. "Wir sehen nur, was wir kennen", heißt der Werbesatz der DuMont-Reiseführer. Sein wir mutig, verzichten wir beim Lesen auf Reiseführer, lassen wir uns überraschen.

Kommentare

08.10.2008 | 13:26 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: An diesem Punkt scheint mir das Missverständnis zu beginnen.

Der Kritiker oder Leser, der mit einer eigenen Regelpoetik an die Literatur herangeht und ungehalten reagiert, wenn sich in einem Buch nicht die ästehtischen oder gesellschaftlichen Tendenzen widerspiegeln, die aus seiner Sicht gerade gerinnen oder gerinnen sollten, ist ein hartnäckiges Klischee. Diesem Jemand würde die Literatur nicht viel bedeuten. Natürlich hat jeder ein bestimmtes Verständnis von guter Literatur, dieses wird bei einem Kenner aber so allgemein sein, dass er neue geglückte Formexperimente oder was auch immer leicht darunter fassen kann. Und warum sollte er sein Literaturverständnis auch nicht gelegentlich ändern?
Was die möglichen Tendenzen in einer Short- oder Longlist angeht: Natürlich kann man darüber erst sprechen, n a c h d e m man sich lesend einen ausreichenden Überblick verschafft hat. Alles andere würde den Urteilenden ja diskreditieren.


08.10.2008 | 12:13 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Gute Bücher unvorbereitet lesen

Man sollte tatsächlich gute Bücher unvorbereitet und für sich lesen und nicht mit der Voreinstellung an diese herangehen, dass diese z. B. ihre Tendenz selber erfinden oder unser Leben erzählen.



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