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Montag, 22. September 2008

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Forum:

Was macht den Roman so erfolgreich?

Seit über 200 Jahren ist er nun schon die beliebteste literarische Gattung. Was aber macht das Lesen von Romanen, diesen in sonderbarer Einkehr vollzogenen Zeitvertreib eigentlich aus, vor dem im 18. Jahrhundert noch die Frauenzimmer gewarnt wurden? Haben Sie eine Liebeserklärung parat - oder können Sie ohne Romane leben?

Beiträge

22.09.2008 | 18:40 Uhr

Friedmar Apel: Probehandeln im Geiste

Das nach wie vor entzückende und zugleich belehrende Muster des neuzeitlichen Romans hat ja sogar schon 400 Jahre auf dem Buchrücken. "Don Quijote de la Mancha" enthält bereits die Grundform einer Erklärung des Erfolgs der Form.

Er tritt in dem geschichtlichen Moment auf den Plan, an dem nicht ohne Angst die Ahnung heraufdämmert, dass das Individuum auf sich gestellt ist. In wunderbarer Balance entwirft daher Cervantes den Roman als Medium der Desillusionierung wie zugleich der Selbstbehauptung des der vergangenen Ordnung nachhängenden Subjekts in der entzauberten Welt.

Zur beliebtesten, bei Friedrich Schlegel schließlich zur höchsten Form wird der Roman im 18. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Einsicht in den Prozesscharakter allen Geschehens. Friedrich von Blanckenburgs "Versuch über den Roman" (1774) bindet die Gattung noch in die moralischen und didaktischen Erwägungen der aufklärerischen Kunsttheorie ein, befördert aber zugleich die Einsicht in die Fiktionalität von Moralvorstellungen und Lebensentwürfen selbst. Eine Schule der Sittlichkeit kann der Roman nur sein, "wenn der Dichter nicht zum Giftmischer für uns wird, und unsre Leidenschaften für Gegenstände
erregt, die es nicht verdienen." Im selben Jahr aber erschien Goethes "Werther", und es sollte nicht lange dauern, bis William Beckford und der Marquis de Sade demonstrierten, dass im Roman auch das Unsittliche, das Andere der bürgerlichen Ordnung, die Abgründe der menschlichen Seele dargestellt werden können.

Umsomehr wurde der Roman zum Medium des Selbst- und Fremdverstehens, spätestens seit Goethes "Wilhelm Meister" der entlastenden Selbstmodellierung von Subjekten, des Probehandelns im Geiste eines denkenden Lesers. Seither ist es vorzüglich der Roman, der Aussprache zwischen Subjekten stiftet und dem außerordentlichen Wagnis der Liebe
wie der immer komplexeren Alltagsorientierung die Semantik , die Situationsbilder und die Sprachformen vorgibt.

Daran hat sich im Prinzip nie etwas geändert, keine Reflexion auf die Abgenutztheit der Codes, keine Thesen vom Ende des Erzählens und vom Verschwinden des Subjekts hat bei passionierten Romanlesern die Überzeugung beseitigen können, dass Dasein erst verstanden wird, wenn es in Geschichten von Individuen erscheint. Auch die jüngst wieder
aufkommende Kritik am realistischen Erzählen im Namen des wahrhaft Poetischen wird ihr Ziel verfehlen. Ohne eine Grundausstattung an Realismus und Wahrscheinlichkeit in der Darstellung der Befindlichkeit von Individuen im Verhältnis zur Gesellschaft wird kein Roman Erfolg haben. Den Formen der Überschreitung aber, die den ästhetischen Mehrwert
ausmachen und zuletzt über den künstlerischen Rang entscheiden, sind heute weniger den je Grenzen gesetzt. Darin liegt die Gefahr des Zuviel. Ihr zu begegnen erfordert ein geschichtsphilosophisches Taktgefühl, das der Einbildungskraft nicht gratis mitgeliefert wird.

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22.09.2008 | 17:27 Uhr

Ernst-Wilhelm Händler: Inkarnation der Menschheitserinnerung

Ein Roman ist immer auch die Frage eines Sohnes oder einer Tochter der Zeit: "Wie war es an all den Tagen all der Jahre?" Die Tatsache, dass Musil diese Frage in seiner letzten Tagebucheintragung stellte, zeigt: Das Tagebuch ist nicht unbedingt der ideale Ort ihrer Beantwortung.

Das Tagebuch ist immer zu nah am Geschehen. Wer wirklich gewissenhaft Tagebuch führt, hat außerdem keine Zeit mehr, etwas zu erleben.

Für Proust ist die menschliche Erinnerung in materiellen Objekten inkarniert. Sie ist dort gefangen. Der Mensch begegnet einem solchen Objekt, durch es hindurch erkennt er die Erinnerung, er ruft sie, und sie wird befreit. Der Leser erinnert sich, der Autor hat ein Stück geröstetes Brot in einer Tasse Tee aufgeweicht, angeregt von der Empfindung im Gaumen, steigen Erinnerungen an die Landaufenthalte der Kindheit und an den Großvater auf. Im Roman wird aus dem Brot die Petite madeleine, der Erzähler taucht sie in Lindenblütentee und beschwört damit Combray herauf.

Ein Roman ist nicht unbedingt die erste Adresse für etwas Materielles. Aber nicht nur Kosmologie und High energy physics haben die Maßstäbe verändert. Man kommt auf den Gedanken, den Roman insgesamt als durchaus materielles Objekt zu sehen, in dem nicht der einzelne, der Autor oder der Leser, sondern die Menschheit, jedenfalls der lesende Teil, ihre Erinnerungen inkarniert.

Vielleicht bleiben vom Menschen überhaupt nur literarisches Fleisch und Blut übrig?

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22.09.2008 | 17:24 Uhr

Denis Scheck: Der Roman als Eintrittskarte

Der Roman ist eine Kunstform, deren Produktion ein übermenschliches Maß an Anstrengung und deren Rezeption ein übermenschliches Maß an Aufmerksamkeit erfordert. Ihr seit Jahrhunderten währender Erfolg mutet unwahrscheinlich, ja unglaublich an.

Weder in der Musik noch in der Malerei hat sich eine vergleichbare Marathon-Form etablieren können. Dreißigstündige Sinfonien, ar-große Gemälde sind die Ausnahme geblieben, nicht aber tausendseitige Romane. Wieso feiert diese jedem menschlichen Maß Hohn sprechende Form ausgerechnet in der Literatur Triumphe?

Weil wir Leser auf den langen Roman angewiesen sind. Einesteils auf seine Erklärungsmuster für unser Leben, auf seine Landkarten für unsere vielleicht immer komplexer werdende Gesellschaft und unsere vielleicht immer schlichter werdenden Seelen. Andernteils sind wir auf den Roman angewiesen als Trost. Der Roman gibt die befriedigendste Antwort auf die Einsamkeit, die wir nach einem Blick durchs Teleskop empfinden. Orhan Pamuks neuer Roman "Das Museum der Unschuld" enthält eine Eintrittskarte. Im Grunde ist jeder Roman so eine Eintrittskarte - nicht übertragbar, aber von unbeschränkter Gültigkeit.

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23.09.2008 | 13:34 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Landkarten für unsere vielleicht immer komplexer werdende Gesellschaft

Ich stimme zu, dass Literatur von vielen Menschen heutzutage als Landkarte in unserer immer komplexer werdenden Gesellschaft benutzt wird. Doch die Qualität dieser Landkarte beruht hauptsächlich hierauf, auf den Umstand, dass ich weiß, dass viele Menschen diese als Landkarte benutzen.

Von daher lohnt das Studium der Literatur. Doch die Menschen sind mehr als ein Heringsschwarm, in welchem jeder schaut, was sein (gebildeter) Nachbar tut. Und zum Erkennen des Futters taugt die im wesentlichen atheistisch geprägte Literatur leider gar nicht, weil es ein literarisches Tabu ist, (katholisch) kirchliche Positionen zu vertreten.



22.09.2008 | 12:42 Uhr

Wolfgang Matz: Gefäß für alles & jedes

Als anständiger Mensch kann man auf diese Frage naturgemäß nicht ohne Zitate antworten. Die "transzendentale Obdachlosigkeit" ist zwar sehr gut, aber etwas verbraucht. Machen wir’s anders: Walter Benjamin nennt in seinem Essay über Julien Green (schnell ein Steckenpferd geritten: Julien Green, einer der großartigsten Romanautoren des zwanzigsten Jahrhunderts! Bitte lesen!), also Walter Benjamin ...

nennt den Roman "dieses zusammengestoppelte Unding aus Erlebtem und Ausgedachtem". Nicht schlecht.

Zwei der circa 304 Gründe für den Erfolg des Romans liegen in diesem Umkreis.

Erster Grund: Der Roman eignet sich so wunderbar als Gefäß für alles & jedes, und ganz besonders für "Liebe, Schmerz und das ganze verdammte Zeug" (Zitat Doris Dörrie), das jeder so mit sich herumschleppt, Autoren und Leser wahrscheinlich gleichermaßen. Ein Haufen Papier oder ein Computerbildschirm, alles reingestopft, und ab geht die Post! Und das sprach- und bewußtlose "Ich" wirtschaftet dann ebenso sprach- und bewusstlos in Blütenstaubzimmern (für die Sensiblen) oder Feuchtgebieten (für die, die’s drastischer lieben), und mancher Leser wirtschaftet gerne mit, weil der intellektuelle Aufwand überschaubar bleibt. Es ist schön, sich in einer Parallelwelt aufhalten zu können, deren Wirklichkeit man ja nicht anzweifeln muss, wenn auch der Autor sie nicht anzweifelt: "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle" (Zitat Karl May).

Zweiter Grund: Der Roman eignet sich so wunderbar als Gefäß für die ganze Fülle des unüberschaubaren modernen Lebens, weil zwischen seiner Form und dem Stoff nicht zwangsläufig eine Idee ("das Tragische") stehen muss, so wie bei den großen Formen der Vergangenheit: Epos, Tragödie und so weiter. Zum wirklich großen Roman wird der Roman allerdings nur, wenn der Autor die Anpassungsfähigkeit der Romanform nicht mit Formlosigkeit verwechselt (siehe oben). Ein Zitat von Heimito von Doderer: "Ein Werk der Erzählungskunst ist es um so mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann."

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22.09.2008 | 12:35 Uhr

Heraklit Ephesos: Erfolgsrezept des Romans

Romanautor und Romanleser ergänzen einander. Der Autor kann seine Weltanschauung, seine Ideologie, seine Politik verbreiten und Geld verdienen, der Leser kann sich unterhalten lassen, der Realität entfliehen und sich der Illusion hingeben, er könne Einblick nehmen in die Psyche von fremden Menschen (leider ist die einzige Psyche, in welchen er einen Einblick gewinnt die des Romanautors). Auf dieser Win-Win-Situation beruht das Erfolgsrezept des Romans.

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22.09.2008 | 12:08 Uhr

Julia Schröder: Der Roman ist das Opium des Volks

Der Roman ist Schule und Steckkissen des Bürgers, mehr noch der Bürgerin. Der Roman zeigt die Welt, wie man sie noch nicht gesehen hat. Die Figuren des Romans handeln stellvertretend für den Leser und die Leserin.

Romane sind interessanter als deren eigenes Leben. Wer lebt, muss nicht lesen. Wer liest, hat erst einmal seine Ruhe. Der Roman weiß, dass es die ewigen Ordnungen, die das Epos unwiderstehlich repräsentiert, nicht mehr gibt, tut aber - als Form - so als ob, und hebt zugleich sein Beinchen dran. Wir Leser machen diese Bewegung willig mit und genießen die Dialektik.

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22.09.2008 | 20:50 Uhr
Herold Binsack schreibt: Erkanntes Leben

Wer schreibt, muss nicht/soll nicht lesen (jedenfalls nicht in diesen Momenten), und doch auch: wer liest, lebt nicht, hebt das eigene Leben auf (im doppelten Sinne dieses Wortes – hebt auf: dialektisch und wirklich/zeitlich), zugunsten dieses anderen, fremden "Über-Leben" (im Sinne von "Metaleben" und Überleben/Hineinleben in jene andere Welt, dieser eigenartig virtuell-realen). Dieses Leben in der Fantasie, in der Fantasie des Lebens, in einer fremden Poesie, aufgehoben für den Moment, ohne Identität, eigene jedenfalls, da in der Identität des anderen, des Schreibenden verweilend, und verbunden mit jener, worüber dieser schreibt, der Autor, und damit erst Leben im wirklichen, wahrhaftigen, gesellschaftlich erkannten (mit diesem abgeglichen); denn ist doch das das eigentliche Leben, ohne dass das eigene Leben ohne Bedeutung wäre, jedenfalls nicht mehr als das der Eintagsfliege, und auch nicht länger als dasjenige.



22.09.2008 | 11:02 Uhr

Martin Lüdke: Die "faule Existenz" muss ins Spiel gebracht werden

Unser alter Freund Hamm (der Freund von Clov) meinte einmal sehr richtig und, wie glaubhaft berichtet wird, auch "schwungvoll": "Ich liebe die alten Fragen. Ah, die alten Fragen, die alten Antworten, da geht nichts drüber".

Und wie er da Recht hat, der alte Hamm. Es sind selige Zeiten gewesen, als der Sternenhimmel noch die Landkarte der gangbaren und der zu gehenden Wege war und diese Wege vom Licht der Sterne erhellt und solche Fragen gestellt und solche Antworten gegeben worden sind. Da gab es noch "Die" Theorie des Romans, in der die Form des Romans als Ausdruck transzendentaler Obdachlosigkeit ausgerufen werden konnte.

Lang, lang ist’s her. Aber, um es kurz zu machen: nicht überall, wo Roman draufsteht, ist ja Roman drin. Wenn überhaupt, dann dürfte der Begriff der faulen Existenz hier einmal, und sogar voll, zutreffen. Diese "Form" des Romans ist mit der bürgerlichen Gesellschaft gekommen und sie wird, wenn die Anzeichen nicht trügen, auch mit ihr wieder verschwinden.

Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" führt uns allerdings mitten im real existierenden Sozialismus eine Gesellschaft von Bildungsbürgern vor, die man glatt als Beweis für das Gegenteil dieser Behauptung sehen kann. Und weil er, Tellkamp & der Roman, das schafft, ist er, der Roman (und in der Folge hoffentlich auch Tellkamp), so erfolgreich – auch heute noch.

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22.09.2008 | 11:00 Uhr

Olaf Petersenn: Er macht Leser zu Erzählern

Die Antwort auf die Frage danach, was den Roman zur dominierenden literarischen Gattung der letzten zweihundert Jahre gemacht hat, ist vordergründig einfach: Er kann und darf eigentlich alles.

Das war und ist nicht immer und in jeder Hinsicht so, aber zumindest kann der Roman Geschehen in Zeit und Raum nach Gutdünken gestalten. Er kann raffen und dehnen, springen und auf der Stelle treten, berichten und erfinden, zur Identifikation einladen oder auf Distanzierung und Verfemdung zielen, provozieren und rühren, erklären und verwirren und noch vieles mehr - und all das, weil er in seiner prototypischen Form erzählt.

Das schriftliche Erzählen im Roman greift auf einen onto- und phylogenetisch basalen Vorgang zurück, nämlich das Reden miteinander, das eben oft ein Erzählen und damit jedem aus der Alltagspraxis vertraut ist. So ist der Übergang von einer sozialen Praxis zum Vorgang einer ästhetischen Erfahrung zunächst sehr niederschwellig, bietet dann allerdings Möglichkeiten extremer Differenzierung und äußersten Raffinements. Letztendlich liegt das wohl daran, dass der Roman sich der Sprache bedient und damit auf Verständigung zielt (anders als die Lyrik, in der die Sprache als ästhetisches Material verwendet wird) und von Figuren erzählt und diese sprechen lassen kann (ohne wie im Drama auf die szenisch-dialogische Darstellung beschränkt zu sein).

Die wahre Erklärung liegt aber nicht in seinen strukturellen Eigenschaften, sondern in dem Angebot, das der Roman dem Leser macht. Er öffnet eine eigene Welt, in die sich jeder Leser für sich hineinbegeben und mit der er Erfahrungen machen kann, wie es ihm gefällt - im eigenen Tempo, wann und wo er will. Insofern entspricht der Roman auf wundersame Weise dem Individualisierungsprozess, der sich ebenfalls seit gut zweihundert Jahren vollzieht.

Schlussendlich ergibt sich die Antwort aus der eigenen Erinnerung an die großen Leseerlebnisse, und oft ist der beste Weg, um Menschen kennzulernen, die Frage nach den Lieblingslektüren. Die ganz großen Romane machen aus Lesern nämlich auch Erzähler - schließlich will man diese intensiven Erfahrungen doch mitteilen.

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22.09.2008 | 14:55 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Er kann und darf eigentlich alles

Für einen Romanautoren, der sich noch keinen Namen gemacht hat, gilt dies natürlich nur so lange dieser kein Bedürfnis hat seinen Roman veröffentlicht zu bekommen.



22.09.2008 | 08:39 Uhr

Thomas Anz: Von Beginn an eine Art Pop-Literatur

Ein Erklärungsangebot für die erstaunliche Erfolgsgeschichte des Romans, die im 18. Jahrhundert beginnt und bis heute anhält, liefert die Herkunft des Begriffs. Er kommt aus Frankreich ("romanz") und meinte zunächst eine Literatur, die nicht in der (lateinischen) Sprache der Gelehrten, sondern in der "lingua romana", der "romanischen" Volkssprache, verfasst wurde.

Zu einem charakteristischen Kennzeichen des Romans wird also zunächst, dass er nicht nur von einer kulturellen Elite, sondern aufgrund seiner Nähe zur alltagsnahen Sprache von allen verstanden werden kann. Er ist mithin eine frühes Beispiel von "Pop-Kultur". Im 18. Jahrhundert galt die Romanleserei vielen Kulturkritikern als eine massenhaft verbreitete und therapiebedürftige Suchtkrankheit, mit der man sich zu Tode amüsiert.

Erst die allgemeine Verständlichkeit und Attraktivität der Gattung Roman ermöglichte vielfältige Spezialisierungen, die nicht zuletzt erhebliche Unterschiede im literarischen Anspruch der Autoren und ihrer Leser hervorbrachte. Abwertende Ausdrücke wie "Schundroman", "Trivialroman" oder "Groschenroman" auf der einen Seite und respektvolle Bezeichnungen wie "Bildungsroman", "Künstlerroman" oder "Experimentalroman" auf der anderen zeugen davon. Es ist diese Offenheit für alle möglichen Spielarten und Spielniveaus, die zur Erfolgsgeschichte des Romans beigetragen hat.

Heute, in Zeiten knapper Zeit, erscheint der Erfolg des Romans, dessen Lektüre im Vergleich mit der von Erzählungen oder der Wahrnehmung eines Filmes geradezu unendlich viele Stunden erfordert, eigentlich ziemlich unwahrscheinlich. Dass Romane, sogar sehr umfangreiche, trotzdem immer noch so gerne gelesen werden, provoziert also zu weiteren Erklärungen. Ohnehin hat große Beliebtheit immer viele Gründe, nicht nur einen.

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22.09.2008 | 08:07 Uhr

Julia Franck: Schön und brüchig

Was den Roman so anziehend macht, ist seine Fähigkeit, seinen Leser zu erregen, er regt seine Neugier an, sein Denken, seine Wahrnehmung und schließlich seine Empfindung, er bewegt seine Augen, seinen Hirnstrom und schließlich den Mund, mit dem der Leser Mitteilung macht und in Widerspruch gerät zum anderen Leser.

Dies geschieht im vollsten Bewusstsein der äußersten Subjektivität, niemals zeigt mir ein Roman dieselben Bilder wie meinem Gegenüber, was er mich denken lässt, denkt das Gegenüber noch lange nicht, zu keiner Sekunde muss ich die Empfindungen, die ein Roman in mir auslöst, in aller Intimität, Dringlichkeit oder auch Unwichtigkeit mit anderen teilen.

Es obliegt vollkommen meinem Geschmack, ob ich den Roman von vorne bis hinten langsam Wort für Wort, oder nur jede zehnte Seite überlese, ob ich ihn an einem Tag oder in genüsslichen Stunden über Monate verteilt lese, auch kann ich ihn nach einer Seite zurück legen und die Lektüre zwanzig Jahre später fortsetzen. Ob ich lache oder weine, jenseits der öffentlichen Kritik darf das ganz mein Geheimnis bleiben, allein die leuchtenden Augen verraten mich, wenn ich einen anderen mit eben diesem Buch beschenke. Der Roman kann dem Leser Erfahrungen ermöglichen, sofern er ihm nicht mit Erklärungen vor den Kopf stößt. Literatur funktioniert nicht im Sinne einer Kurvendiskussion, sie ist schön und brüchig – insofern erwirkt das Fragmentarische häufig besondere Erregung.

(Ich gestehe allerdings, all das gilt für die Novelle und die Lyrik ebenso, und abgesehen vom lauten Vortrag, von der Inszenierung und Interpretation auch für das Lied und das Theater. - Sollten wir uns wirklich von einer Gattung dominieren lassen?)

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22.09.2008 | 08:05 Uhr

Olaf Trunschke: Keine Antwort.

Wie kann man sein Leben mit einem Roman vergeuden? - Ein Aphorismus ist schon zu viel gesagt ...

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04.10.2008 | 15:49 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: Wir haben uns beraten und sind der Meinung, dass der Roman ...

"Ein hinreissender Schrotthändler" von Arnold Stadler nicht nur dem Humor nahekommt, den Sie beschreiben, sondern auch große Literatur ist, deren subversive Kraft sich hoffentlich auf Sie überträgt. Hätten Sie Lust, in die Lektüre einzusteigen und uns zu berichten, wie Sie das Buch fanden?


29.09.2008 | 15:56 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Re: Bedenkzeit

Ich werde gespannt warten.


29.09.2008 | 15:29 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: Bedenkzeit

Ich persönlich tendiere zum "Hinreißenden Schrotthändler" von Arnold Stadler, möchte in so einer weitreichenden Frage aber noch unsere Experten um ihre Meinung bitten.


29.09.2008 | 10:28 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Re: Literatur-Cafe Wolfgang Brammen

Vielen Dank für ihren Vorschlag. Habe diesen mal gegoogelt. Nun, als Tatsachenbericht würde mich die Geschichte interessieren, würde mich dann aber auch ein bisschen traurig machen. Aber als Roman (Novelle)?? - ist halt eine ausgedachte Geschichte. Und wenn nicht?? ... Ich mag keine Spekulationen. Bin übrigens seit einigen Jahren dazu übergegangen Biographien zu lesen. Macht mir sehr viel Freude.


28.09.2008 | 13:07 Uhr
Literarisches Café Wolfgang Brammen schreibt: Vielleicht versuchen Sie es mal ...

beispielsweise mit Süskinds "Die Geschichte von Herrn Sommer", wenn ich mich an dieser Stelle ungefragt in Ihre Zwiesprache einzumischen unterstehen darf.


26.09.2008 | 14:29 Uhr
Heraklit Ephesos schreibt: Ich wüsste da was, Herr Ebbinghaus, ...

Wenn Sie mir einen Roman nennen könnten, bei dessen Lektüre Sie wirklich herzhaft lachen mussten, 'mussten' im Sinne von so ein bisschen gegen den eigenen Willen. Das würde mich wirklich interessieren. Herakles


26.09.2008 | 01:23 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: Aber wollen Sie denn wirklich ...

keine Romanempfehlung von uns? Die Gelegenheit ist günstig. Nennen Sie doch einfach ein paar Stichwörter mit Vorlieben und wir sorgen für den passenden Roman. Sollte er Ihnen nicht gefallen, lassen wir Sie auch in Ruhe. Aber es hätte etwas angemessen Melodramatisches, wenn wir hier einen Roman-Verächter zum -Leser machen könnten.



22.09.2008 | 08:05 Uhr

Oliver Vogel: Größte Intimität

Der Roman vermittelt uns eine Welt, eine ganz fremde, die uns nahe kommt, eine ganz bekannte, die uns fremd und dadurch neu erscheint. Ihm steht dafür ein Mittel zur Verfügung: die Sprache.

Sie transportiert die Bilder, die Gerüche, die Stimmung und das Licht. Glück und Unglück. Die Gesichter von Figuren, ihre Mimik, Bewegungen, ihren Gang. Die Landschaft, den Himmel, Zukunft und Vergangenheit. Diese Welt entsteht nur in uns, wir sind damit allein. Und wir interessieren uns für diese Welt, wie sie im anderen entsteht. Eine größere Intimität ist kaum denkbar. Wir lernen etwas über diese vorgestellte Welt, also über uns. Wenn wir darüber reden, reden wir über uns. Vielleicht ist das Teil des Erfolgsrezepts der Gattung Roman?

Die Sprache, die diese Welt entstehen lässt, muss gefunden werden. Sie kann den üblichen, also herrschenden Gepflogenheiten entsprechen oder das Verabredete über den Haufen werfen. Sie kann auch verabredet wirken und tatsächlich alles unterlaufen. Das spielt keine Rolle. Die Gattung Roman erlaubt es. Sie erlaubt fast alles. Ihr Wesen ist die Freiheit. Oder, wie Norbert Niemann im Gespräch mit Ingo Schulze (in den neuen Akzenten) sagt: »Das Verrückte und Tolle am Roman ist ja, dass es für ihn eigentlich kein Gerüst gibt, dass alles erlaubt ist, das Gerüst jedes Mal neu erfunden werden muss.« Vielleicht ist auch das Teil des Erfolgsrezepts?

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22.09.2008 | 08:04 Uhr

Ina Hartwig: Das Rätsel, das wir selbst sind

Was den Roman so erfolgreich macht? Wenn man das nur wüsste! Oft sind die großen Romane erst mit Verzögerung erkannt worden in ihrer Größe. Manchmal gelten sie zum Zeitpunkt ihres Erscheinens als Skandal, und später gehören sie zum Abiturprüfungsstoff (was die Liebe zur Literatur nicht unbedingt steigert).

Ihr Wert ist nichts Fixierbares. Fest steht, dass der Roman als einzige Kunstform allein mit der Sprache – magischer Akt – die Totalität des Empfindens, Denkens und Wissens anspricht, also die menschliche Komplexität (die keine Einzelwissenschaft erfasst) zugleich beantwortet und ästhetisch entwirft. So befinden wir uns lesend im Fluidum zwischen wiedererkannter und neuer, poetischer Wirklichkeit. Im Bestfall, wenn’s der richtige Roman ist, kommt man in Berührung auch mit dem Rätsel, das man sich selbst bleibt. Wer könnte da widerstehen.

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22.09.2008 | 08:02 Uhr

Felicitas Feilhauer: Erfahrungsräume

Die Literatur ist immer noch eine der glaubwürdigsten Instanzen, die wir haben, viel glaubwürdiger als viele andere gesellschaftliche Institutionen, die Kirche oder gar die Politik. In einer immer unübersichtlicher werdenden Welt suchen Menschen Erklärungen für fremde Welten, Erfahrungen, Gefühle.

Das findet man häufig in Büchern und man findet es eben häufig 'glaubwürdig'. Romane kommen beim Leser unmittelbarer an als Theater, das sich oft genug selbst verschlüsselt (oder von Dramaturgen und Regisseuren verschlüsselt wird) oder Lyrik. Was nicht heißt, dass man es als Autor dem Leser einfach machen muss. Leser sind bereit auch in komplexe Erfahrungen und Welten einzusteigen. Spontan fällt mir Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" ein. Oder Silvia Bovenschens "Älterwerden" (auch wenn das kein Roman, sondern ein philosophische Erzählung ist).

Und auch wenn man die Literatur als Instanz nicht braucht, will man vielleicht andere Deck(frei)räume eröffnet bekommen, liest man gerne, weil man weiß, dass man in seinen eigenen kurzen Leben nicht alle Erfahrungen machen kann, sie dann aber wenigstens bei und mit anderen machen und nachvollziehen möchte - in Büchern. Und wenn ein Roman dann auch noch dem Leser Raum lässt, seine eigenen Erfahrungen und Gefühle gegenzuspiegeln, dann haben wir es mit einem ziemlich guten Buch zu tun.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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