22.09.2008 | 08:07 Uhr
Julia Franck: Schön und brüchig
Was den Roman so anziehend macht, ist seine Fähigkeit, seinen Leser zu erregen, er regt seine Neugier an, sein Denken, seine Wahrnehmung und schließlich seine Empfindung, er bewegt seine Augen, seinen Hirnstrom und schließlich den Mund, mit dem der Leser Mitteilung macht und in Widerspruch gerät zum anderen Leser.
Dies geschieht im vollsten Bewusstsein der äußersten Subjektivität, niemals zeigt mir ein Roman dieselben Bilder wie meinem Gegenüber, was er mich denken lässt, denkt das Gegenüber noch lange nicht, zu keiner Sekunde muss ich die Empfindungen, die ein Roman in mir auslöst, in aller Intimität, Dringlichkeit oder auch Unwichtigkeit mit anderen teilen.
Es obliegt vollkommen meinem Geschmack, ob ich den Roman von vorne bis hinten langsam Wort für Wort, oder nur jede zehnte Seite überlese, ob ich ihn an einem Tag oder in genüsslichen Stunden über Monate verteilt lese, auch kann ich ihn nach einer Seite zurück legen und die Lektüre zwanzig Jahre später fortsetzen. Ob ich lache oder weine, jenseits der öffentlichen Kritik darf das ganz mein Geheimnis bleiben, allein die leuchtenden Augen verraten mich, wenn ich einen anderen mit eben diesem Buch beschenke. Der Roman kann dem Leser Erfahrungen ermöglichen, sofern er ihm nicht mit Erklärungen vor den Kopf stößt. Literatur funktioniert nicht im Sinne einer Kurvendiskussion, sie ist schön und brüchig – insofern erwirkt das Fragmentarische häufig besondere Erregung.
(Ich gestehe allerdings, all das gilt für die Novelle und die Lyrik ebenso, und abgesehen vom lauten Vortrag, von der Inszenierung und Interpretation auch für das Lied und das Theater. - Sollten wir uns wirklich von einer Gattung dominieren lassen?)
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