29.09.2008 | 13:30 Uhr
Uwe Ebbinghaus: Gespür für Würde
Seit einiger Zeit hat sich bei mir eine fixe Idee festgesetzt, die besagt, dass der Schriftsteller, der Dichter, im Grunde ein Facharbeiter im Bereich "menschliche Würde" ist. Das klingt pathetisch ...
und die These mag von einer frühen und sehr nachhaltigen Prägung durch Lenz - Büchner - Brecht (alle drei eher Dramatiker als Epiker) herrühren, aber gerade die ungeschütztesten unter den hartnäckigen Thesen sollte man zur Diskussion stellen.
Woher kommt diese Idee? Am eindrücklichsten und prägendsten ist für Romanleser wohl das Erlebnis, dass man sich in literarischen Figuren in seiner ganzen Unzulänglichkeit wiederfinden kann (auf die Spitze getrieben bei Joyce, ins Unterhaltsame popularisiert bei Updike, Roth, Walser und vielen anderen). Während der Loser im Film oft in Posen verfällt, sein Schicksal stilisiert (z. B. Woody Allen, "Goodfellas") und auf der Bühne tendenziell die offene vierte Wand und der immer schon mitgedachte öffentliche Kontext meist die Intimität und Wahrhaftigkeit verhindert, die ein innerer Monolog bietet, bleibt der Loser in guten Büchern ungeschönt ein Verlierer und bewahrt sich dennoch - dadurch, dass er sich ausdrückt und zeigt, eine Würde, die umso mehr wert ist, als sie wirklich vor dem inneren Auge des Romanlesers auf die Probe gestellt wird. Grenzfälle sind Hauptfiguren wie die von Celine oder Littell.
Arnold Stadler hat seine Art der Menschenzeichnung einmal in die Worte gefasst, er "nehme sich" seiner Figuren "an", man könnte ergänzen, er lässt ihnen literarische Gerechtigkeit widerfahren.
Stimmt diese - viel zu bruchstückhaft entwickelte - These, wäre es nicht schlecht, der Dichter würde seine Sensibilität, seine Kompetenz, seinen Spürsinn in Sachen "Würde" pflegen, verfeinern, kultivieren. Er ist gesellschaftlich gesehen der stellvertretend Unabhängige, sein Privileg ist die nicht durch gesellschaftliche Anpassung korrumpierbare Würde. Wenn nicht er die menschliche Natur erkennt und verteidigt, wer dann?
Was bedeutet das alles - ein bisschen Genie-Gedanke schwingt zugegebenermaßen mit, aber wollen wir denn keine Genies? - für seine Außendarstellung? Es folgt daraus, dass man ihn nicht eben in seinem Element erwischt, wenn man ihn bei Preisverleihungen, die seine Unabhängigkeit stärken sollen, in der Gruppe ablichtet, ihm große bunte Blumensträuße überreicht, die er dann nicht mehr los wird und ihm - als Vertreter zum Beispiel der Telekom Austria - ein paar warme Sponsoren-Worte mit auf den Weg gibt (der Dichter hat ohnehin ein "Vorgefühl der ganzen Menschheit" in sich, wie es bei Wilhelm Meister heißt). Das soll nicht heißen, dass Situationen wie diese ihm die Würde nehmen (man kann sogar würdevoll aufs Schafott gehen), guten Geschmack und Einfühlungsvermögen verraten sie gleichfalls nicht.
Am effektivsten wäre im Grunde eine ganzseitige, schlichte Anzeige in der F.A.Z.: "Wir gratulieren dem Gewinner des Bachmannpreises, gez. Sponsor." Das war jetzt mit einem Augenzwinkern gesagt.
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