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Montag, 29. September 2008

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Forum:

Welche Eigenschaften braucht ein erfolgreicher Romanautor?

Die Leistung, die ein Autor erfolgreicher Romane mit der Bändigung meist hochkomplexer Stoffe vollbringt, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Welche Eigenschaften befähigen ihn dazu? Welches Maß an Marktnähe steigert seinen Erfolg, ohne dass er dabei an Prestige verliert?

Beiträge

30.09.2008 | 11:03 Uhr

Literarisches Café Wolfgang Brammen: Erfolg bedeutet im Sinne der Fragestellung Auflage, Einkommen...

Erfolg bedeutet im Sinne der Fragestellung Auflage, Einkommen und, damit eng verknüpft, Popularität; lauter Dinge, die nicht unbedingt literarische Qualität des Geschriebenen bedingen. Somit nähern wir uns bedenklich der Auftragsarbeit.

Der Autor, der, bevor er den ersten Satz schreibt, an den Erfolg denkt, wird jene Texte zu Papier zu bringen versuchen, die ihm die Lektorate mutmaßlich abzunehmen bereit sind. Und diese wiederum sind nicht unwesentlich geschäftlichen Zwängen ausgesetzt. Grob ausgedrückt, prostituiert sich die Literatur, jedenfalls die gängige mit den in großer Auflage verkaufbaren Titeln. Talentierte Autoren, die sich diesen Gesetzmäßigkeiten entziehen, darüber hinaus nicht über das notwendige Beziehungsgeflecht verfügen, werden in den allermeisten Fällen erfolglos bleiben, mögen sie noch so gute Romane fern der jeweils vorherrschenden literarischen Strömungen schreiben.

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30.09.2008 | 10:02 Uhr

Martin Lüdke: Mir ziemlich gleichgültig

Der Eine ist blind, der Andere blöd. Einer hört schwer, ein anderer riecht nichts, manche schlafen nachts, andere gar nicht oder am Vormittag. Die Einen trinken Tee, die Anderen Schnaps. Was es dem Autor ermöglicht, außerordentliche komplexe Leistungen zu erbringen, ...

das geht sicher auf höchst unterschiedliche Fähigkeiten zurück.

Ich kenne zwar viele Autoren, nur eineiige Zwillinge, die Romane schreiben, kenne ich nicht.
Seitdem ich weiß, dass Goethe ein schlechter Vater und Thomas Mann ein unerträglicher Mensch, Adorno zum Gotterbarmen eitel war, und mein Freund Reinhard Lettau über enorme hypochondrische Fähigkeiten verfügte, aber trotzdem relativ früh gestorben ist, ist mir das alles ziemlich gleichgültig geworden. Hauptsache: das Werk.

Wenn sich hübsche, junge Frauen dann noch mit Aktfotos auf den Buchumschlägen präsentieren, dürfte das dem Verkauf ebenso zu gute kommen, wie bei Männern ein überlebter Absturz von der Eiger-Nordwand. Richtig kümmert mich das aber nicht.

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02.10.2008 | 19:52 Uhr
Frank Miksch schreibt: Ganz im Gegenteil

Herr Lüdke meint doch nur, dass er beim Lesen eines guten (und erfolgreichen) Romans von den Visionen des Autors so überwältigt wird, dass dessen Eingenschaften in diesem Moment schon keine Rolle mehr spielen. Geht mir genauso.


02.10.2008 | 11:44 Uhr
Literarisches Café Wolfgang Brammen schreibt: Sie zerstören...

mit Ihren brachialen Einlassungen den Intellektuellen-Nimbus des Schriftstellers schlechthin. Ich fürchte, das wird man Ihnen kaum nachsehen.



29.09.2008 | 21:30 Uhr

Friedmar Apel: Niemals ernsthaft über das eigene Werk sprechen!

Der tiefste Grund für die (nicht selten schmerzhafte) Lust am Roman liegt vielleicht in einer intensiven und unauslöschlichen Trennungserfahrung. Sie kann ein Bewusstsein und ein Gefühl für die Facetten der Differenz zwischen dem erzeugen, was der Mensch je glaubt,
von der Welt erwarten zu können und dem, ...

was er tatsächlich erhält. Die Wirklichkeit erscheint dann selber in ihrer konstitutiven Fiktionalität, unübertrefflich dargestellt im ersten großen Muster "Don Quijote". Das
ist in reiner Form erst eine Erfahrung der Neuzeit, im Roman wurde und wird sie fasslich.

Wer sie nicht selbst und an sich erlebt hat, wird keine (guten) Romane schreiben. Große Romane zeichnen sich dadurch aus, dass sie solche Differenzverhältnisse bis hinein in die einzelne (sprachliche) Zelle des Werks gestalten, was sich im Glücksfall dann im ganzen als spannungsreiche Balance von Fiktion und Erfahrungswirklichkeit darstellt. Bei Kafka kann man diese Ineinsbildung in jedem einzelnen Satz finden, an jeder Stelle erspüren, wie Trennen und Schreiben zusammengehören. Rainer Stach hat es in seiner Biographie
noch einmal umfassend gezeigt.

Das Erfolgsrezept der Trivialliteratur basiert auf der sekundären und binären Gestaltung solcher Differenzen, die Ängste und Bedürfnisse des Menschen betreffen. Was immer geht: Freund- und Feindbilder, Liebe und Hass, Gewinn und Verlust, Aufstieg und Abstieg, Gefahr und Rettung, Scheitern und Gelingen im dauernden Wechselspiel von steigendem und
fallendem Spannungsbogen. Allgemeine Vor- und Werturteile bedenken, in Frage stellen, im Endeffekt aber bestätigen. Der authentische Ausdruck der Trennungserfahrung (von der Johannes Mario Simmel durchaus bewegend sprechen konnte) darf hierbei nicht in den Vordergrund treten. Wer sich vom Individuellen nicht lösen kann und nicht typisieren mag, ist in der Regel für die Trivialproduktion ungeeignet.

Alle Romanciers, die ich gut kenne, stehen dem Auftritt im Literaturbetrieb zwiespältig gegenüber. Er muss allerdings offenbar nicht unbedingt sein. Patrick Süskind oder Botho Strauß glänzen durch Abwesenheit. Viele fühlen sich aber zumindest sporadisch verpflichtet,
dem Literaturbetrieb zu geben, was seiner ist. Gerade die eigentlich Scheuen legen dann bewusst oder unbewusst die Rüstung einer Rolle an. Das ist nicht ungefährlich, weil sich Erwartungshaltungen schnell ändern können. Wo eben noch Aufrichtigkeit, moralische Entrüstung und politische Korrektheit gut ankamen, kann plötzlich Coolness, Amoralismus
oder Zynismus gefragt sein. Freundliche Ironie gepaart mit dezentem Ästhetizismus scheint mir auf die Dauer am praktischsten. Ganz wichtig: im Fernsehen und auf Podiumsdiskussionen niemals ernsthaft über das eigene Werk sprechen.

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29.09.2008 | 18:03 Uhr

Bodo Kirchhoff: Talent und Charakter sind zweierlei

Ein erfolgreicher Romanautor braucht im Grunde nur Talent, und die Eigenschaften, die dann noch dazugehören, sind vor allem Mut und die Bereitschaft, das Talent auch zu verschwenden, womit sich die Prestigefragen erübrigen.

Man muss auf sein Prestige pfeifen. Und der Erfolg besteht am Ende darin, dass man einen Roman nach langer Arbeit zu Ende bringt, das letzte Wort schreibt ohne es zu haben, in der Verbindung aus Handwerk und eigenem Abgrund. Wer zugleich ein guter Mensch und ein guter Romanautor sein will, wird höchstens bei Jurys Erfolg haben; Talent und Charakter sind zweierlei und das schreibend zu leben, ist vielleicht auch eine Eigenschaft.

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29.09.2008 | 19:35 Uhr
Tolya Glaukos schreibt: über 100 jahre nach nietzsche ...

... sollte da der gute mensch nicht (längst) antiquität sein ...? was ist ein guter charakter? das gute ist relativ wie das schlechte, kommt es nicht eher auf die perspektive an, die man einnimmt?

gewiss mag die 'gesellschaft' eine kollektive perspektive besitzen, und abhängig vom zeitgeschmack zuschreibungen wie guter charakter - schlechter charakter vornehmen. aus objektiver perspektive jedoch ist das überflüssig. ist die farbe weiß schöner oder besser als die farbe schwarz? oder umgekehrt?



29.09.2008 | 14:31 Uhr

Olaf Trunschke: Markt & Macht

Ein Roman* hat keinen Markt. Ein Roman schafft sich seinen Markt. Das Ungewisse dieses Weges ist die Folter des Autors. Ihn dennoch zu gehen, ist Arbeit gegen die Ohnmacht.
* Oft ist das, wo Roman drauf steht, alles - bloß kein Roman.

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29.09.2008 | 13:30 Uhr

Uwe Ebbinghaus: Gespür für Würde

Seit einiger Zeit hat sich bei mir eine fixe Idee festgesetzt, die besagt, dass der Schriftsteller, der Dichter, im Grunde ein Facharbeiter im Bereich "menschliche Würde" ist. Das klingt pathetisch ...

und die These mag von einer frühen und sehr nachhaltigen Prägung durch Lenz - Büchner - Brecht (alle drei eher Dramatiker als Epiker) herrühren, aber gerade die ungeschütztesten unter den hartnäckigen Thesen sollte man zur Diskussion stellen.

Woher kommt diese Idee? Am eindrücklichsten und prägendsten ist für Romanleser wohl das Erlebnis, dass man sich in literarischen Figuren in seiner ganzen Unzulänglichkeit wiederfinden kann (auf die Spitze getrieben bei Joyce, ins Unterhaltsame popularisiert bei Updike, Roth, Walser und vielen anderen). Während der Loser im Film oft in Posen verfällt, sein Schicksal stilisiert (z. B. Woody Allen, "Goodfellas") und auf der Bühne tendenziell die offene vierte Wand und der immer schon mitgedachte öffentliche Kontext meist die Intimität und Wahrhaftigkeit verhindert, die ein innerer Monolog bietet, bleibt der Loser in guten Büchern ungeschönt ein Verlierer und bewahrt sich dennoch - dadurch, dass er sich ausdrückt und zeigt, eine Würde, die umso mehr wert ist, als sie wirklich vor dem inneren Auge des Romanlesers auf die Probe gestellt wird. Grenzfälle sind Hauptfiguren wie die von Celine oder Littell.

Arnold Stadler hat seine Art der Menschenzeichnung einmal in die Worte gefasst, er "nehme sich" seiner Figuren "an", man könnte ergänzen, er lässt ihnen literarische Gerechtigkeit widerfahren.

Stimmt diese - viel zu bruchstückhaft entwickelte - These, wäre es nicht schlecht, der Dichter würde seine Sensibilität, seine Kompetenz, seinen Spürsinn in Sachen "Würde" pflegen, verfeinern, kultivieren. Er ist gesellschaftlich gesehen der stellvertretend Unabhängige, sein Privileg ist die nicht durch gesellschaftliche Anpassung korrumpierbare Würde. Wenn nicht er die menschliche Natur erkennt und verteidigt, wer dann?

Was bedeutet das alles - ein bisschen Genie-Gedanke schwingt zugegebenermaßen mit, aber wollen wir denn keine Genies? - für seine Außendarstellung? Es folgt daraus, dass man ihn nicht eben in seinem Element erwischt, wenn man ihn bei Preisverleihungen, die seine Unabhängigkeit stärken sollen, in der Gruppe ablichtet, ihm große bunte Blumensträuße überreicht, die er dann nicht mehr los wird und ihm - als Vertreter zum Beispiel der Telekom Austria - ein paar warme Sponsoren-Worte mit auf den Weg gibt (der Dichter hat ohnehin ein "Vorgefühl der ganzen Menschheit" in sich, wie es bei Wilhelm Meister heißt). Das soll nicht heißen, dass Situationen wie diese ihm die Würde nehmen (man kann sogar würdevoll aufs Schafott gehen), guten Geschmack und Einfühlungsvermögen verraten sie gleichfalls nicht.

Am effektivsten wäre im Grunde eine ganzseitige, schlichte Anzeige in der F.A.Z.: "Wir gratulieren dem Gewinner des Bachmannpreises, gez. Sponsor." Das war jetzt mit einem Augenzwinkern gesagt.

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29.09.2008 | 13:27 Uhr

Olaf Petersenn: Erfolg hat aber immer zuerst das Buch

Diese Frage scheint von der Annahme auszugehen, dass es spezifische Charaktereigenschaften oder gar ein Persönlichkeitsprofil eines idealen Erfolgsautors geben könne.

Meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Autoren zeigt, dass dem zum Glück nicht so ist. Trotzdem gibt es einige Eigenschaften, die beim Schreiben helfen können (ganz unabhängig davon, ob und wie erfolgreich der Roman dann ist): Eigensinn gepaart mit der Fähigkeit zur Selbstkritik, Beharrungsvermögen und Phantasie, Belesenheit und das Vertrauen auf die Urteilskraft einiger guter Freunde. Der Markt spielt dabei erstmal keine Rolle. Natürlich haben Autoren mit sozialer Kompetenz und Kommunikationsbereitschaft es in der Öffentlichkeit leichter als Eigenbrötler, aber bloß nett zu sein ist gerade kein Erfolgsgarant.

Ich bewundere jeden Autor dafür, dass er von der Notwendigkeit seines Werks überzeugt und bereit ist, dafür größte Anstrengungen und gravierende Verzichtsleistungen zu erbringen. Erfolg hat aber immer zuerst das Buch und dann der Autor. Spannend ist allerdings die Frage, was ein Autor mitbringen muss, um mit dem potentiellen Erfolg dann auch wirklich umgehen zu können, und zwar sowohl in seiner weiteren literarischen Produktion als auch in seinem Alltagsverhalten. Letztlich geht es da aber auch nur um Menschliches, Allzumenschliches.

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29.09.2008 | 13:06 Uhr

Ina Hartwig: Drin in der Ödnis-Falle

Dies ist doch keine PR-Agentur, oder habe ich da etwas missverstanden? Keine Ahnung, wer solche Fragen zu beantworten sich berufen fühlt. Der Literaturkritik, die noch einen Rest von Würde bewahrt, ist die Marktnähe, was immer das sei, naturgemäß gleichgültig.

Den Schriftstellern wünsche ich, dass sie nicht einmal in ihren niederschmetterndsten Momenten über so einen Blödsinn (der sich ohnehin nicht planen lässt) nachdenken. Thomas Bernhard, dessen Lieblingsadverb mir eben zu Hilfe kam, verfügte ja wohl kaum über die Eigenschaften, die ein smarter Markt sich wünscht; er verprellte die Leute, er verprellte sogar die, die ihm feine Preise gaben, und vermutlich tat er das nicht einmal mit Vergnügen. Es kommt nämlich gar nicht so selten vor, dass die wirklich bedeutenden Schriftsteller sich schlecht benehmen, dass sie ein Enfant terrible sind, sich den Konventionen entziehen, einfach nicht tun, was die liebe Umwelt von ihnen erwartet (siehe Céline, Handke, Jelinek, Goetz). Und nicht einmal auszuschließen ist, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Kurzum: Lieber Literaturgott, bewahre uns vor dem "Maß an Marktnähe, das den Erfolg steigert, ohne dass der Erfolgt dabei an Prestige verlöre". Wenn wir anfangen, darüber im Ernst nachzudenken, sind wir schon drin in der Ödnis-Falle.

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30.09.2008 | 21:00 Uhr
Frank Miksch schreibt: Umweg Großhirn, oder der Friedhof der Talente

Kreativität ist ein Produkt der erfolgreichen Lösung innerer Konflikte niederschmetterndster Art! Wie vermag ich sonst in meine empfindsame Seele zu schauen. Man fängt immer von vorn an, es macht Spaß, und schon ist es weg.

Die meisten Menschen haben Angst davor. Sie wollen sich nur am Geschaffenen festhalten. Der Grund, warum sie unsere Bücher lesen.
Der Mythos besagt, dass Autoren dann am besten sind, wenn sie leiden und unglücklich sind. Aber wie wird man richtig unglücklich. Vielleicht, wenn man den falschen Beruf hat und sowieso ständig das Falsche tut. Jedenfalls taugt Glücklichssein garantiert nichts! Man muss diesen Zustand mit allen Mitteln bekämpfen!! Nie hat ein glücklicher Mensch je etwas Großes geschaffen!!!



29.09.2008 | 12:18 Uhr

Felicitas Feilhauer: Marktnähe und Prestige schliessen sich nicht aus

Wenn er/sie diese Debatte verfolgt: ein dickes Fell. Ansonsten weiterhin das gesunde Vertrauen, dass, wer etwas zu sagen und einen guten Stoff hat, früher oder später auch gelesen oder zumindest anerkannt wird.

Dieses Vertrauen musste man als Schriftsteller auch schon vor dem Buchpreis haben und erfreulicherweise hat es sich auch manchmal ausgezahlt.

Die zweite Frage suggeriert, dass umgekehrt proportional je mehr Erfolg und Marktnähe, desto weniger Prestige vorhanden. Marktnähe und Prestige schliessen sich doch nicht aus.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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