Olaf Trunschke: Marktspektakel
Auf dem Buchmarkt gibt es, wie auf jedem Markt, Marktschreier, Taschendiebe und Bettler. Kritiker sollten wie Detektive in diesem Milieu sein ... - viel Augenmerk auf das Randgeschehen.

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Seit seinem Bestehen hat der Deutsche Buchpreis viel Kritik auf sich gezogen: Er sei ein reines Marketing-Instrument, seine Auswahlpraxis sorge für eine Engführung literarischer Aufmerksamkeit. In welchem Maß hat er die Literaturkritik und die Rolle der Kritiker beeinflusst?
Auf dem Buchmarkt gibt es, wie auf jedem Markt, Marktschreier, Taschendiebe und Bettler. Kritiker sollten wie Detektive in diesem Milieu sein ... - viel Augenmerk auf das Randgeschehen.
Der Kritiker sollte herausarbeiten, welche Aufgabe sich der Autor eines Romans gestellt hat, er sollte beurteilen, inwieweit der Autor seinen selbst gestellten Anspruch eingelöst hat, und er ...
sollte darlegen, ob beziehungsweise auf welche Weise die gelöste oder nicht gelöste Aufgabe einen Gewinn für den Leser bedeutet.
Ist der Kritiker Mitglied einer Jury, die über einen Preis für ein Buch zu entscheiden hat, sollte er die ins Auge gefassten Bücher nach diesen Kriterien gewichten.
Um einen Roman zu schreiben, muss man nicht intelligent sein.
Jeder Preis für ein Buch ist auch Kritik. Die prominente Kritik, die der Deutsche Buchpreis darstellt, sollte ein Akt der Intelligenz sein.
Die Listen des Buchpreises haben offensichtlich Auswirkungen auf die Auswahl zu besprechender Bücher und wohl auch auf die Ausführlichkeit, Terminierung und Platzierung von Kritiken.
Auf das Urteil des einzelnen Kritikers muss das keinen Einfluss haben. Folgt man freilich Pierre Bourdieus Analyse der sozialen Bedingungen der Rezeption, so wäre zu erwarten, dass Billigung oder Mißbilligung des Buchpreises oder der Verlags- und Jury-Entscheidungen, selbst zu Faktoren der Positionierung des Kritikers im literarischen Feld werden oder schon geworden sind.
Bei Burkhard Müllers unmanierlicher Kritik von Dietmar Daths Roman zum Beispiel kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass der grobianische Ton eine Reaktion auf die Buchpreisnominierung ist. Allerdings gebärden sich einige freie Autoren der SZ schon länger als Krawallkritiker.
Was für ein Glück: Niemand muss gar nichts müssen, deshalb müssen sich naturgemäß auch keine Kritiker nach Preisen und Listen richten, und deshalb muss der Deutsche Buchpreis die Rolle der Literaturkritik und der Kritiker auch nicht verändern – wenn ...
Literaturkritik und Kritiker weiterhin das tun, was sie, zum Glück, bisher getan haben.
Man kann einen Zwang auch herbeireden, um ihn dann erhobenen Zeigefingers hochbedenklich zu finden. Die etwas absurdistische Debatte über den Buchpreis bewegte sich konsequent im Kreisgang der Zirkelschlüsse. Jedoch die Öffentlichkeit außerhalb des engsten Metiers, also jener gewöhnliche Leser, der die Bücher kauft und liest (wer jetzt die Nase rümpft, sage einfach "the common reader" und denke ganz fest & fromm an Virginia Woolf), interessiert sich natürlich sehr für den Preisträger, aber er interessiert sich überhaupt nicht für diese Debatte und – wenn man die Verkaufszahlen der Bücher sieht – auch nicht für die Longlist und nur ein bisschen für die Shortlist.
Der gewöhnliche Leser interessiert sich aber, zum Glück, sehr, sehr viel mehr für die Meinung von intelligenten, kritik- und begeisterungsfähigen Rezensenten, die ein Buch nicht nur auf eine Liste setzen, sondern es analysieren, auseinandernehmen (und zuweilen wie Gaston Lagaffe wieder zusammensetzen), es erklären, loben oder beschimpfen (oder etwas auf der unerschöpflich breiten Skala dazwischen) und so dem neugierigen Leser näherbringen. Also sollten sich die Kritiker durch diese Listen auch nicht stärker beeinflussen lassen, als sie es selbst für nötig halten.
Die Botschaft, schon jetzt würden nur noch Bücher von der Longlist rezensiert, ist auch mit Grundkenntnissen im Rechnen nachzählbar falsch. Wir haben hierzulande, zum Glück, eine außerordentlich urteilsfähige Literaturkritik, die sich ihre Urteilsfähigkeit bis dato durch keine Preislisten hat abkaufen lassen. Anstatt also kulturkritisch etwas zu analysieren, was gar nicht stattfindet, könnte man ja auch weiter in ganzer Breite die geschriebenen Bücher besprechen. Dann muss man auch nicht über Verarmung klagen.
Mit solchen Preisen, dem Deutsche Buchpreis, ebenso dem Preis der Leipziger Buchmesse,
kommt ein neues, zusätzliches Merkmal ins Spiel. Inhaltlich belanglos, gibt es weitere Orientierung.
Es dürfte kaum Besprechungen geben, die ignoriert haben, dass Marcel Beyer nicht auf der Short-List für Leipzig zu finden war. In jeder Besprechung zu Christian Kracht oder Marlene Streeruwitz wird vermerkt, dass die Jury für den Deutschen Buchpreis ihre Bücher übersehen hat.
Umgekehrt: die Nominierung wird stets erwähnt. Kleine Spekulationen am Rande wird sich kaum ein Kritiker verkneifen. Etwa, dass Uwe Tellkamp als Favorit für den Preis gilt, Ingo Schulze und Dietmar Dath Chancen haben. Für Bücher, die noch aus der vorherigen Saison stammen, Hanika, Lappert, entfällt die Möglichkeit allerdings, denn sie sind ‚durch’, das heißt: sie haben ihre Besprechungen bereits gehabt.
Für die verantwortlichen Literatur-Redakteure stellt sich ein Problem: sie sind durch die Termine, die von den Preisen gesetzt werden, ebenfalls unter Druck gesetzt. Auf Dauer werden sie sich diesem Terminzwang kaum entziehen können. In diesem Punkt haben die Kritiker des Preises, mit dem Vorwurf der Fokussierung, recht.
Aber: es ist mit den Preisen ein zusätzliches Forum eröffnet worden. Jahr für Jahr wird jetzt wieder über den Sinn des Ganzen munter geplaudert werden, über die ‚richtige’ Liste, die Fehlgriffe der Jury, den Skandal, dass ausgerechnet Gerd-Peter Eigner ("Die italienische Begeisterung", KiWi) von allen übersehen worden ist.
Fazit, mit den Worten von Stanislaw Jerzy Lec gesagt: "Der Sargdeckel ist auf der Seite des Verbrauchers schmucklos."
Der deutsche Buchpreis hat auf die Rolle von Literaturkritik und Kritikern nicht den geringsten Einfluss. Die Verteilung und Ausübung dieser Rollen liegt so fest, wie im "Kasperltheater", wo ...
der Polizist auch nicht auf die Idee käme, die Prinzessin dem Räuber zu überlassen und das Krokodil mit Kaspers Hilfe auf den Thron zu heben. Es geht alles seinen Gang, höchstens noch etwas aufgeregter.
Die Frage könnte zu empirischen Untersuchungen anregen. Literaturkritik ist in den letzten Jahren ein zunehmend beliebter Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung geworden. Vielleicht findet sich jemand, ...
der die Frage mit einer akademischen Abschlussarbeit beantwortet. Wenn sie überzeugend ist, sollte der Börsenverein die Veröffentlichung fördern.
Einstweilen mag man sich mit provisorischen Eindrücken und Vermutungen begnügen:
1. Der Deutsche Buchpreis ist auf Literaturkritik angewiesen. Auch in diesem Jahr wirken an der Jury mehrheitlich Literaturkritiker mit. Die Auswahl der potentiellen Preisträger ist das Ergebnis literaturkritischer Entscheidungen. Die Listen gleichen darin den monatlichen Kritiker-Bestenlisten des Südwestrundfunks, die ein Gegengewicht zu den Bestsellerlisten der meistverkauften Bücher bilden. Nicht zufällig waren und sind fast alle Bücher auf den Buchpreis-Listen auch auf den Kritiker-Bestenlisten zu finden. Auf Platz 1 setzten dort 29 Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker in den letzten drei Monaten Karen Duve, Uwe Timm und Uwe Tellkamp. Diese haben damit zwar keinen Preis, aber viel symbolisches Kapital gewonnen. Das lässt sich zum Teil in ökonomisches verwandeln. Der Buchpreis fördert also wie die Kritiker-Bestenliste nicht nur den Erfolg ausgewählter Autorinnen und Autoren, sondern auch den Einfluss, den Kritik auf das Lektüre- und Kaufverhalten des Publikums hat – im Verbund und in Konkurrenz mit anderen Einflussfaktoren (Verlagswerbung, Medienpublizität der Autoren, Empfehlungen von Freunden oder Buchhändlern, ‚Laienkritik’ in Online-Buchhandlungen usw.).
2. Julia Schröder hat in ihrem Forumsbeitrag vom 21.9. die "Zumutung" des Deutschen Buchpreises nicht nur für Autoren, sondern auch für Literaturredakteure angedeutet. Nicht so sehr einzelne Kritiker, sondern vor allem die für Literaturkritik zuständigen Redaktionen sind von der Preisermittlungsprozedur betroffen. Was andere literaturkritische Instanzen veröffentlichen, können sie nicht ignorieren. Schon gar nicht, wenn sie so viel Aufmerksamkeit an sich binden wie dieser Buchpreis. Die Vermutung, dass Bücher, die nicht auf der Liste stehen, von den Redaktionen und ihren Mitarbeitern vernachlässigt werden, hat Julia Schröder mit Recht zurückgewiesen. Aber anders behandelt werden gelistete Bücher von den Literaturredaktionen durchaus: Die Rezensionen dazu, so mein Eindruck, erscheinen schneller, sind umfangreicher und werden auffälliger präsentiert. Und ihre Wertungen, positive wie negative, fallen entschiedener aus. Wäre zum Beispiel die Rezension zu Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten" in der "Süddeutschen Zeitung" etwas weniger verheerend ausgefallen, wenn der Roman nicht auf der langen Liste gestanden hätte. Und ist es Zufall, dass sie von der Redaktion einen Tag nach Bekanntgabe der kurzen Liste veröffentlicht wurde? Mit Gewissheit lässt sich das nicht beantworten. Man müsst genauer untersuchen, ob Phänomene dieser Art typische Auswirkungen des Buchpreises auf die Kritik sind. Sicher ist jetzt schon: Solche Listen und Preise sind für die Literaturkritik belebend.
wenn man die Debatte auf seiten der Literaturkritik verfolgt.
Nach drei Jahren Deutscher Buchpreis schwanken die meisten Kritiker vermutlich zwischen Hysterie, Pflichterfüllung und Phlegma. Das ist als solches nicht weiter schlimm. Dennoch, der Deutsche Buchpreis hat die innere Ökonomie durcheinandergewirbelt.
Sofern der Kritiker zudem Redakteur ist, hat er sich darum zu kümmern, dass sein Medium bis zum Tage X, dem Tag der Preisverleihung, alle Bücher der Shortlist vorgestellt hat; Bücher, die er andernfalls vielleicht gar nicht hätte besprechen lassen. Das führt zwar dazu, dass die eher zarten Sachen, sagen wir das neue "Schreibheft" oder ein Essayband von Adam Zagajewski, aufgeschoben werden. Doch wenn das Buchpreistheater überstanden ist, kehrt man gemütlich zu den Herzensangelegenheiten zurück. So gesehen, ist der Frankfurter Buchpreis nichts anderes als eine mehrwöchige Unterbrechung, und man könnte mit einigen Gründen sogar sagen: eine amüsante Unterbrechung.
Der wunde Punkt ist ein anderer, nämlich die Multiplizierung der Rollen. Fast jeder Kritiker wird sich früher oder später als part of the game wiederfinden. Wer heute noch den Deutschen Buchpreis abzuschaffen fordert, könnte nächstes Mal selber in der Jury sitzen. (Der Bedarf an Jurymitgliedern ist ja groß.) Also muss der Kritiker/Redakteur/Juryteilnehmer auf einmal verschiedene Rollen und Aufgaben gleichzeitig jonglieren. Zum Jurybereitschaftdienst etwa beim Leipziger Buchmessepreis gehört, dass sowohl die Geshortlisteten als auch die endgültigen Preisträger moderatorisch begleitet werden von den Juryleuten. So dass der psychologisch je nachdem reizvolle oder mühsame Fall eintreten kann, dass man als Kritiker etwas anderes denkt, als man als Jurymitglied/Moderator nach außen hin zeigt; zeigen darf.
Man beginnt im Einzelfall also Rücksicht zu nehmen, um nicht zu verletzen. Der Kritiker zügelt sich um einer anderen Rolle willen. Oder er setzt sich trotzig gegen die Kollision der Interessen hinweg und verfehlt den Ton. Was dann zu nachträglichem Bedauern und Bauchweh führen kann, aber nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Hier liegt ganz klar ein Konflikt vor. Was tun? Hier wie überall gilt: Erkenne die Lage, und versuch das Beste draus zu machen. Mit dem Konflikt muss man, ob als Kritiker, Redakteur, Jurymitglied oder Moderator, leben. (Als Schriftsteller sowieso.)
Wohlfeil kommt es mir vor, auf dem komfortablen Hochsitz derer zu sitzen, die sich raushalten (können), und die ganze Chose als markttreiberisch abzuwatschen: Auch das ist nur ein Reflex aus angeblich guten, alten Zeiten; ein ideologisches Kostüm.

und als "amüsante Unterbrechung" Ihrer Arbeit betrachten, greift allerdings massiv in Lebensläufe ein, vermag in Windeseile aus bisher weniger beachteten Autoren dauerhaft wohlhabende zu machen, die unterlegenen Mitstreiter dagegen in ihrer Habenichts-Idylle ausharren zu lassen.
Verfolgt man das Prozedere der Preisverleihung und ihre so zahlreichen Zufälligkeiten, nicht zuletzt die widersprüchlichen Kritiken im Vorfeld, so ist das Losverfahren nicht mehr weit entfernt.
Bei den Verlierern, die es bis auf die Short- und Longlist schafften, aber auch bei der mehr als eine Hundertschaft zählenden Autorenschar, die von ihren Verlagen vergeblich vorgeschlagen wurden, wird sich – erst recht in Kenntnis des Glücksfallfaktors – gewiss kein Amüsement einstellen.
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