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Samstag, 04. Oktober 2008

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Forum:

Wie kann der Roman neue Leser gewinnen?

Kaum jemand wird leugnen, dass Lesen zu den sinnvollsten Freizeitbeschäftigungen überhaupt gehört. Doch obwohl wir genügend Freizeit zum Lesen der wichtigen Gegenwartsromane hätten, halten sich die Verkaufszahlen in überschaubaren Grenzen. Wie kann der Roman neue Leser gewinnen - oder schöpft er sein Potenzial an Lesern bereits aus? Braucht er ein neues Image, helfen neue Vertriebswege?

Beiträge

04.10.2008 | 23:51 Uhr

Andreas Wilhelm: Stärken?

"Doch obwohl wir genügend Freizeit zum Lesen der wichtigen Gegenwartsromane hätten (...)"
Nun, vielleicht liegt es daran, dass das, was hier als wichtig bezeichnet wird, einfach nicht interessant genug aufbereitet ist.

Wenn etwas wichtig ist, dann sorge ich ja als Sender dafür, dass ich vom Empfänger unbedingt verstanden werde! Wenn ich mich darüber wundere, warum mir niemand zuhört, hmm ... könnte es dann sein, dass mich schlicht keiner versteht? Oder dass ich die Leute langweile?

Jede Nachricht - und gerade eine wichtige! darüber reden wir ja - kann so präsentiert sein, dass sie die Aufmerksamkeit weckt und den Empfänger interessiert. Mit egozentrischen Ergüssen allein ist das freilich schwer erreichbar. Aber einen Stoff so aufzubereiten, dass er möglichst viele Menschen anspricht und erreicht, das ist eine Kunst, die eben nicht viele beherrschen.

Sicher ist: Plakate, Werbeblöcke oder bunte Verpackung helfen nur wenig, wenn vom Inhalt selbst Silberfischchen das Husten bekommen.

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04.10.2008 | 14:09 Uhr

Literarisches Café Wolfgang Brammen: Ohne Bildung keine Leser

Fakt ist, dass die Zahl der Leser, somit letztlich auch die der Buchkäufer, seit geraumer Zeit zurückgeht, während die Vielleser ihren Buchkonsum dagegen weiter steigern. Auf diesen Zustand gilt es sich einzustellen.

Wer liest, wird auch zum Roman greifen. Hier ist anzusetzen. Es geht um die Leser von morgen, und die stecken im Augenblick noch in den Kinderschuhen oder sind noch nicht geboren. Denn wer nicht spätestens bis zum 10. Lebensjahr zum Lesen gebracht wurde, ist – die Erfahrungen lehren es – meist auf Dauer fürs literarische Lesen verloren.

Die alles entscheidende Frage muss lauten: wie bringe ich Kinder zum Lesen? Die Antworten darauf sind zahlreich, ungemein schwierig und bedürfen eines langen, langen Atems.

Die Fragen nach Inhalt und Form des zukünftigen Romans stellen sich in diesem Zusammenhang, wenn überhaupt, erst anschließend. Hier besteht wohl der kleinste Anlass zur Sorge; zu jeder Zeit verfügte die Welt über ausreichend talentierte, begnadete Roman-Autoren.

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04.10.2008 | 13:40 Uhr

Maria Büttner: Früher beginnen, besser werben

Das Problem, dem der Buchmarkt allgemein, und nicht nur der Roman, gegenübersteht, ist sein "Austragungsort". Derjenige der liest, wird das auch weiterhin tun. Vielleicht nicht alles, aber er ist interessiert, auch an Neuem.

Aber wer heute nicht liest und lesen nicht vorgelebt bekommt, wie soll der erreicht werden? Vielleicht mit mehr Unterstützung für Bibliotheken für Kinder und Jugendliche, auch und vor allem in Schulen. Wenn es kein inspirierendes Elternhaus gibt, dann wird die Schule oder ähnliches dafür da sein müssen.

Natürlich heißt es jetzt wieder, die Verantwortung würde an die Lehrer abgeschoben, die mit ihrer, nach wie vor unzureichenden und jetzt sogar gekürzten, Ausbildung und mit ihren überfrachteten Lehrplänen sowieso belastet genug sind. Aber, auch Lehrpläne lassen sich ändern, anpassen - ohne gleich die Klassiker zu vergessen. Ich stelle an Lehrer hohe Anforderungen, dass sollte auch gestattet sein, ich bin aber auch bereit, sie angemessen für ihre anspruchsvolle Aufgabe zu bewundern.

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04.10.2008 | 15:33 Uhr
Olaf Trunschke schreibt: Kein Geld für Garnix ...

Es gibt in Berlin, und sicher auch in anderen Bundesländern, zahlreiche Schriftsteller, die, wie früher durchaus üblich, Lesungen oder literarische Workshops in Schulen durchführen würden. - Die Crux: Autoren müssen von dem, was sie schreiben oder lesen, irgendwie leben.



04.10.2008 | 11:13 Uhr

Denis Scheck: Rabatt auf die Einkommenssteuer

Um den Deutschen Lust aufs Lesen zu machen, bediene man sich derselben Mittel, mit denen man ihnen die Lust auf Kinder und aufs Häuserbauen einbläuen und die aufs Rauchen austreiben will: des Steuerrechts.

Ab zehn gelesenen Romanen pro Jahr sollte ein kleiner Rabatt auf die Einkommenssteuer schon drin sein, selbstverständlich progressiv ansteigend. Und nix von wegen Ehegattensplitting: Einzelveranlagung! Gutverdienende müssten es da wohl schon auf 42 Romane im Jahr bringen, um in den vollen Genuss des Bernhard–Batzens, Gaddis-Groschens, Svevo-Scherfleins oder Tolkien-Talers zu kommen.

Auch brächte die wohl unweigerlich damit einhergehende "unangemeldete Leseprüfung" schöne Abwechslung in unseren Alltag: das schrille Klingeln der Prüfer im Morgengrauen, die Panik in den Augen der Schummler, das hilflose Stottern der wenigen Ehrlichen beim Beantworten der knallharten Fragen zu den Romanplots – "Hat Hans Castorp eine Schwester?", "In welchem Kapitel erwähnt Flaubert erstmals Madame Bovarys Lorgnon?", "Welche Aufgaben haben die Dachse in Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten"? Nicht zu vergessen die ungeahnten Beschäftigungsmöglichkeiten für arbeitslose Literaturwissenschaftler im neu geschaffenen Ministerium für Leserecht, dessen Raumbedarf das wiederaufgebaute Berliner Schloss nur zum Teil deckt und wo zehntausende beamtete Leser entscheiden, welche Romane aller Sprachen und Zeiten steuerabzugsfähig sind, welche hingegen steuerlich irrelevanter Schund. Ob man sich da schon bewerben kann?

Effektiver um das Potenzial an Romanlesern auszuschöpfen wäre wohl nur ein Generalstreik im Bett nach dem Vorbild von Astristophanes’ "Lysistrata" : Sex nur noch mit Lesern. Praktiziere ich übrigens seit vielen Jahren.

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04.10.2008 | 14:43 Uhr
Olaf Trunschke schreibt: »Der Scheck-Check«

Der »Scheck-Check«, seit 2009 ein fester Begriff im deutschen Steuerrecht, wurde 2010 ergänzt durch einen 60-prozentigen Aufschlag auf die reguläre Mehrwertsteuer (so genannte »Pilcher-Pauschale«) für alle Romane, die nicht als steuerabzugsfähig eingestuft werden. (Quelle: Wikipedia, 05.10.2012)


04.10.2008 | 11:36 Uhr
Thomas Scholz schreibt: Großartig!

Das wäre ein Leben für mich. Yes, we can!



04.10.2008 | 11:11 Uhr

Martin Lüdke: Nachschlagen bei Reinig

Die Frage wendet sich, ersichtlich, an Verleger, Lektoren, Verlagsleute, nicht an die Literaturkritik. Mir fällt auch nur ein, dass der Roman, der die Sommerferien meiner Kindheit beschreibt, von der Lyrikerin Christa Reinig stammt. Sein Titel "Urlaubsgrüße".

Der ganze Roman ist, das ist halt Dichtung, in dem einen Satz zusammengefasst:
"Hier ist nichts los / außer daß Kinder Ahornnasen tragen."
Dieser kleine Roman beschreibt mithin sehr günstige Bedingungen für den Roman (überhaupt), sein Potenzial auszuschöpfen.

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04.10.2008 | 09:06 Uhr

Thomas Anz: Auf mehreren Niveaus gleichzeitig spielen

Das Romanangebot ist gegenwärtig so breit und vielfältig, dass alle Leserinnen und Leser finden können, was ihren Fähigkeiten, Ansprüchen, Interessen und Bedürfnissen entspricht. Hinzugewinnen kann die Romanliteratur vor allem noch durch solche Leser, denen es gelingt, ...

andere mit ihrer Begeisterung anzustecken oder mit ihrer Urteilsfähigkeit von der Lektüre solcher Romane abzuhalten, die ihnen die Freude am Lesen verderben können.

Wie ein einzelner Romanautor sein Potenzial an Lesern erweitern kann, steht auf einem anderen Blatt. Sichere Erfolgsrezepte gibt es da nicht. Aber die dauerhaft großen und von vielen immer wieder gerne gelesenen Romane der Weltliteratur zeichnen sich durch ein gemeinsames Vermögen aus: eine Vielfalt ganz unterschiedlicher Bedürfnisse anzusprechen, intellektuelle und sinnliche, moralische und amoralische, konstruktive und destruktive. Die unseligen Grenzziehungen zwischen Ernst und Unterhaltung, Kunst und Kommerz, Elite- und Massenkultur haben sie dabei schon immer außer Kraft gesetzt.

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04.10.2008 | 09:04 Uhr

Julia Schröder: Der Roman, die schlafende Schönheit

Die Frage, ob der Roman sein "Potenzial ausschöpfe", geht ein wenig an den Verhältnissen vorbei. "Den Roman" als Subjekt eines im Aktiv formulierten Satzes auftreten zu lassen, ist zwar in der Kritik gang und gäbe ("Der Roman desillusioniert…", "Der Roman verfährt nach dem Motto…", "Der Roman wirft ein Licht auf…"), ...

verstellt aber in diesem Fall den Blick auf die Tatsache, dass "der Roman", wie er sich so zwischen seine Buchdeckel kuschelt, gar nichts tun kann als darauf warten, dass ein Leser ihn entdeckt.

Bei der Entdeckung einzelner Romane allerdings können wir (und darauf zielt ja die Frage wohl auch), die wir hier diskutieren, ein bisschen oder auch sehr nachhelfen; die einen durch Aufnahme in ein renommiertes Verlagsprogramm, die anderen durch Werbung und effizienten Vertrieb, die dritten durch mediale Empfehlung oder durch Verleihung prominenter Preise, die vierten durch schmissige Rezension - was die fünften, die Autoren nämlich, für die Früchte ihrer Schreibarbeit tun können, müssen sie selbst entscheiden.

Und all das funktioniert nur in einer Welt, der die Freude am Bücherlesen und -entdecken und die Wertschätzung der Schriftkultur noch nicht vollständig ausgetrieben sind. Womöglich wird sich ja irgendwann einmal herumsprechen, dass das gelungenste Schriftstellerporträt oder -interview, die spannendste Literaturverfilmung, der originellste Blog eines Autors und all das nicht schöner ist als das Buch selbst.

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04.10.2008 | 09:00 Uhr

Bodo Kirchhoff: Werbung vor der Tagesschau

Welcher Roman soll welches Potential ausschöpfen? Es gibt Romane, die schaffen sich ihr Klientel ("Feuchtgebiete") und es gibt Romane, die verfehlen es per se ("Der Mann ohne Eigenschaften"). Und wenn ich an meine Bücher denke, das muss ich wohl in dem Zusammenhang, kann ich nur sagen: sie sehen ihr Potential eher aus der Ferne.

Was kann man tun? Nicht darüber nachdenken und weiterschreiben. Aber helfen könnte sicher ein Werbeblock kurz vor der Tagesschau, gemacht von den Leuten, die Mercedes oder Lancia nach vorne bringen; und natürlich auch ein wundervoller Roman, so er denn bemerkt würde.

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04.10.2008 | 09:18 Uhr
Thomas Scholz schreibt: Am besten wäre doch wohl, ...

man würde das Fernsehen abschaffen.



04.10.2008 | 08:59 Uhr

Felicitas Feilhauer: Kein Produkt wie andere

Der eine tut's, der andere nicht. Der eine Roman hat ein 'Potential' von 500 Lesern, der andere von 500.000. Aber das Wort 'Potential' gefällt mir nicht. Es klingt ein bisschen so, als müsse der Roman mit diesem Anspruch antreten, so wie andere Produkte ihren Markt ausschöpfen müssen, damit sie sich amortisieren.

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04.10.2008 | 08:50 Uhr

Ernst-Wilhelm Händler: Stärke ausspielen

Der Film, die Fernsehserie, das Bild, die Skulptur, das Video und die Installation, die Performance sind begriffslos. Das ändert sich nur, wenn man die Selbstkommentare der Urheber als zu den Werken zugehörig auffasst. Will man das wirklich?

Der Roman ist ein Mittleres und ein Mittler zwischen Begrifflichkeit und Konkretheit. Im Gegensatz zu den Wissenschaften lässt er nicht nur gleichzeitig viele Begrifflichkeiten und viele Konkretheiten zu, wichtiger ist: Weder bestimmen von vornherein die Begrifflichkeiten die Konkretheiten, noch legen die Konkretheiten die Begrifflichkeiten fest.

Der Mensch braucht Begriffe, um das, was er erlebt, zu einem Teil seiner selbst zu machen. Die Wissenschaften und die Philosophie liefern Begriffe für die bewusste Wissensseite des Erlebens. Die nichtliterarischen Künste drücken die Gefühlsseite des Erlebens aus, und sie liefern Ordnungsschemata des Erlebens, aber sie präsentieren die Gefühle und die Ordnungen nur oder weisen auf sie hin. Sie sind nicht in der Lage, sie zu benennen.

Der Roman verbindet Gefühle und Begriffe. Versucht man, die Konstellationen aus Gedanken, Gefühlen und Handlungsbestandteilen eines Romans als Graphen darzustellen, so wird sich häufig ergeben, dass bestimmte Ideen über die Verbindung von Gefühlen und Begriffen eine Sonderstellung einnehmen: Die sie repräsentierenden Knoten weisen besonders viele Kanten, d. h. Verbindungen zu anderen Knoten auf. Der Autor kann im Roman mit den Mitteln des Romans seine Ideen über die Verbindung von Begriffen und Gefühlen erklären. Kein Drehbuchautor, kein Regisseur, kein Maler, kein Bildhauer und kein Performance artist kann in seinem Werk irgendetwas erklären.

Um sein Potenzial an Lesern auszuschöpfen, sollte der Roman nicht anderen Kunstformen nacheifern, sondern vor allem das versuchen, was seine Stärke ist: aus Gefühlen und Begriffen eine Welt zu bauen.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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