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Forum:

Gibt es ein Grundrecht auf Muttersprache?

Dänen, Friesen und Sorben genießen bei uns auch sprachliche Minderheitenrechte, nicht aber Türken oder Russen. Gibt es für Migranten ein Grundrecht auf Muttersprache, das zum Beispiel im Berliner Schulstreit gegen das Deutsche als Pausenhofsprache angeführt wurde? Wo sind die Grenzen?

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Beiträge

05.05.2008 | 14:51 Uhr

Seyran Ates: Es kommt auf das Konzept an

Es gibt kein Grundrecht auf Muttersprache. Eine multikulturelle Gesellschaft, ein Einwanderungsland trägt jedoch eine – auch - gesetzliche Verantwortung dafür, dass "Muttersprachen", "Herkunftssprachen" mit der Einwanderung in das Land nicht ausgelöscht oder gar verboten werden.

Eine gänzlich andere Frage ist natürlich, ob das Aufnahmeland grundgesetzlich verpflichtet ist, die "Muttersprache" zu fördern und für deren Erhalt verantwortlich gemacht werden kann. In Anbetracht der vielen Sprachen, die mittlerweile in nahezu allen multikulturellen Gesellschaften gesprochen werden, werden Staaten diesbezüglich mit Forderungen konfrontiert, die schier unrealistisch sind. Die Förderung von Mehrsprachigkeit sollte soweit unterstützt werden, wie es konzeptionell und gesellschaftspolitisch angemessen ist. Für Deutschland würde das bedeuten, dass durchaus bestimmte Sprachen, wie z.B. Türkisch, Kurdisch, Arabisch und Russisch, die von einer Vielzahl von Menschen gesprochen werden, auch in der staatlichen Schule angeboten werden sollten.

Aber, es kommt auf das Konzept an. Mehrsprachigkeit sollte das Konzept sein und nicht "Muttersprachliche" Förderung. Gerade bei vielen Türken, Kurden und Arabern besteht nämlich die Gefahr, dass sie mit der so genannten Herkunftssprache eine Identität verbinden, die im Ergebnis zu einem Separatismus führt. Viele Sprachen zu sprechen sollte Menschen zu offeneren Menschen für andere Kulturen machen und nicht zu Kulturchauvinisten. Der muttersprachliche Unterricht, gerade wenn es um die türkische Sprache geht, wird zurzeit verstärkt mit nationaler Identität verbunden. Dieses Konzept kann unserer Gesellschaft eher schaden, als bereichern. Wenn z.B. die türkische, kurdische, arabische und russische Sprache neben der deutschen Sprache als Bereicherung und gleichwertig angesehen wird, dann können Sprachen aus unseren Kindern weltoffene Menschen machen.

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30.04.2008 | 15:17 Uhr

Patrick Bahners: Die Wahrnehmung könnte sich ändern

Das rechtlich Gebotene fällt mit dem politisch Klugen nicht zusammen. Die Einbildung, das Gegenteil sei richtig, die Politik erschöpfe sich in der Erfüllung von Verfassungspflichten, gehört zu den Konsequenzen jener Beschwörung einer "Wertordnung des Grundgesetzes", mit der, wie die Deutsche Islamkonferenz dokumentiert hat, die Sprecher von Eingewanderten ihre verständlichen Verständnisprobleme haben.

Nachdem in Person von Jutta Limbach und Paul Kirchhof eine große Koalition höchster ex-verfassungsrichterlicher Autoritäten gesprochen hat, darf der Staatsbürger die Rechtsfrage auf sich beruhen lassen. Die Deutschen haben gleichwohl gute Gründe, die Frage ernstzunehmen, ob nicht auch den Türken ein Grundrecht auf den Schutz ihrer Sprache zustehen müsste – auch wenn nach geltendem Verfassungsrecht die Frage verneint werden muss. Denn in der Frage artikuliert sich ein berechtigtes Interesse, ein Wert, wenn man diese Semantik schätzt, aber auch durchaus unabhängig von Wertungen ein Interesse, das diejenigen, die es als Nicht-Türken nicht haben, nicht ohne Not ignorieren sollten.

Ihre historische Erfahrung macht es den Deutschen eigentlich leicht, dieses Interesse zu begreifen – was nicht bedeutet, jeden Anspruch zu akzeptieren, der mit dem Verweis auf dieses Interesse erhoben wird. Noch heute führen die Ortsschilder in Südtirol jedem Reisenden die elementare Bedeutung des Gebrauchs der Muttersprache für die demokratische Selbstbestimmung und die gleiche Teilhabe aller Bürger vor Augen. Es gehört zum Schicksal der Deutschen, dass sie lange in vielen Ländern Minderheit waren. Die Minderheitsrechte waren ihr Interesse, der Schutz dieser Rechte im Völkerrecht ist auch ihre Errungenschaft.

Im öffentlichen Streit um die Berliner Schule, die unter Berufung auf eine "freiwillige" Vereinbarung der Betroffenen das Deutsche auf dem Schulhof verpflichtend gemacht hat, war eine der interessantesten Wortmeldungen der Brief eines Lesers aus Trier an die Herausgeber der F.A.Z. Albert Zender gab in der F.A.Z. vom 4. Februar 2006 zu bedenken: Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, "sollte sich als Politikerin aus Rheinland-Pfalz eigentlich daran erinnern, daß genau dies, die obligatorische, mit Strafandrohung erzwungene Verwendung der Unterrichtssprache auf dem Schulhof, im benachbarten Elsaß-Lothringen zu dem Arsenal der französischen Sprachpolitik gehörte, mit der nach 1945 das Deutsche einschließlich der alemannischen und fränkischen Dialekte endgültig zum Verschwinden gebracht werden sollte."

Nun ist es nicht nur ein erklärtes, sondern das tatsächliche Interesse der Bundesrepublik Deutschland, dass die hier lebenden und arbeitenden Türken nicht die Inselexistenz einer nationalen Minderheit führen. Ein Argument für den EU-Beitritt der Türkei ist, dass diese Mitbürger und Mitbewohner einen formalen Grund weniger hätten, als Fremde aufzutreten und behandelt zu werden. Aus dem Gebot der Staatsräson, ethnische Segregation nicht zu begünstigen, folgt eine Klugheitspflicht des Staates und jener "Mehrheitsgesellschaft", die so stolz ist auf ihre Staatsgesinnung, Verhältnisse nicht entstehen zu lassen, in der Einwanderer verleitet sein könnten, sich als Volk im Volk organisieren zu wollen. Das wird in der Integrationsdebatte nicht gesehen, wenn nur von der "Bringschuld" der Immigranten die Rede ist.

Türken haben in Deutschland eigentlich keinen Grund, einen besonderen rechtlichen Schutz ihrer kulturellen Identität zu fordern. Es gibt Zeichen dafür, dass sich diese Wahrnehmung ändern könnte – die Kopftuchverbote für Lehrerinnen gehören dazu, die eine große Gruppe hier friedlich und unbescholten lebender Menschen zu mutmaßlichen Verfassungsfeinden stempeln, ebenso die Parole deutscher Politiker, Einwanderer hätten sich gefälligst an "die" Gesetze zu halten, mit denen Gesetze gemeint sind, die es zum Teil noch gar nicht gibt, die gemacht werden sollen, um mitgebrachte Bräuche und Traditionen aus unserer schönen deutschen Welt zu schaffen. Der Laizismus der Atatürk-Verehrer unter unseren Integrationsfachleuten könnte die frommen Türken unter uns in den Nationalismus treiben.

Es ist gut für den Staat, wenn in Fragen seiner Identität Verfassungsrechtslehrer unterschiedlicher Couleur wie Frau Limbach und Kirchhof übereinstimmen. Bedenklich am Konsens der Integrationspolitik im Deutschland der Großen Koalition ist, dass der konservativen Seite der Sinn für die Bedeutung von Traditionen und Unterschieden abhanden gekommen scheint. Das jakobinische Projekt des Gesinnungstests, der die Staatsbürgergesinnung von Einwanderern an der Einstellung zur Homosexualität messen wollte, wurde von der CDU-Regierung Baden-Württembergs erfunden. Wie liberal und tolerant ist der Staat, der Liberalität und Toleranz durchsetzen will, indem er zur Anpassung drängt? Wie offen ist die Gesellschaft, die sich in diesem Staat organisiert? Das Sprechen einer Sprache kann man jenseits der Umzäunung eines Schul- oder Kasernenhofs weder verbieten noch gebieten. Dass in kaum einer höheren Schule Türkisch gelernt werden kann, weil die Nachfrage fehlt, spricht nicht dafür, dass die Deutschen noch das neugierige Volk sind, dem die Völker die romantische Sprachwissenschaft verdanken.

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29.04.2008 | 14:55 Uhr

Hartmut Esser: Naturwüchsiger Rückgang der Muttersprache

Das hat mit "Recht" gar nichts zu tun. Jeder kann hierzulande sprechen, was er will. Das ist nach der Verfassung gar nicht anders denkbar. Das Problem ist ein anderes: Über die Generationen hinweg verlieren sich bei den Migranten meist die muttersprachlichen Fertigkeiten, aber nicht weil das jemand verbieten würde oder es kein "Recht" dazu gäbe, sondern einfach aus Mangel an Übung und sich verlierender Bedeutung für die Alltagsbeziehungen.

Den sozusagen naturwüchsigen Rückgang muttersprachlicher Fertigkeiten über die Generationen beobachtet man nach wie vor überall, auch hierzulande, bei den Türken oder in den Vereinigten Staaten zum Beispiel bei den Hispanics. Und mit den regional sehr begrenzten Minderheiten (und deren sprachlichen Sonderrechten, etwa in amtlichen Kommunikationen) sind die Migranten, die sich übers ganze Land verteilen, auch kaum vergleichbar.

Ganz abgesehen davon, ob man ihnen damit einen Gefallen tun würde oder nicht. Sprachliche Minderheitenpolitik, etwa auch in Kanada, ist meist eine Art versteckter Subvention und Regionalförderung aus meist ganz anderen politischen Motiven.

Auch könnte man fragen, warum denn in obiger Frage nur Türken und Russen erwähnt werden? Warum nicht jede Sprachgruppe? Und warum eigentlich dieser große Wert auf "ethnische" Merkmale?

Migranten sind eben (meist) keine (Heimat)Vertriebenen, um die sich eine Zeitlang die Vertriebenenverbände bemüht haben, die aber heute, gottlob, praktisch bedeutungslos geworden sind.

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29.04.2008 | 13:53 Uhr

Feridun Zaimoglu: Der Nutzen der Bilingualität: Ein Mythos

Ich habe immer ein bisschen scheel geguckt, wenn man mir weismachen wollte, dass nur Migrantenkinder, die ihre Muttersprache gut beherrschen, das Deutsche besser lernen. Das ist ein Mythos. Man möchte das glauben, weil in den liberalen, bürgerlich angehauchten Kreisen Bilingualität ein hoher Wert ist. Aber diese Leute übertragen bürgerliche Verhältnisse auf solche der Unterschicht und das klappt nicht.

Ich kann mich nur wiederholen: Deutsch muss Pflichtsprache sein, denn das, was Migrantenkinder zu Hause, im Urlaub und in ihren Milieus mitbekommen an Heimatsprache, ich spreche aus Erfahrung, das reicht schon. Und es kommt ja noch etwas hinzu: Man soll nur nicht glauben, dass die Türkisch- und Kurdischstämmigen der ersten Generation wirklich Türkisch sprechen. Es ist ein Allgäu-Türkisch, ein bäuerliches Türkisch.

Natürlich hat jeder Mensch ein Recht auf seine Muttersprache, aber dann muss er bitte auch die Konsequenzen tragen, wenn er später versagt. Ich meine, man kann nicht den beleidigten Nischenheiligen machen und sagen: Man nimmt uns hier nicht ernst - und dann wie ein Kanake daherreden. Ich glaube mit dem gesundern Menschenverstand kommt man in dieser Frage am weitesten. Man sollte einen türkischen Kulturverein von innen gesehen haben, bevor man sagt, türkische Kinder sollten zuerst Türkisch lernen, um dann Deutsch zu sprechen.


(Der Text F. Zs ist ein verschriftetes Telefongespräch)

Kommentare

29.04.2008 | 19:33 Uhr
Torsten Klier schreibt: Hat jemand eine Ahnung,

warum das so ist, das Feridun Zaimoglu vom tätigen Leben mehr Ahnung hat als unsere zig-tausend "Wissenschaftler" mit ihren unendlichen "wissenschaftlichen" Erkenntnissen?

Und weiß jemand einen vernünftigen Grund, warum uns die Medien zuballern mit der Wissenschaft und den daraus abgeleiteten (von vornherein zum Scheitern verurteilten) Aktionen – jedoch die vernünftigen, einfach normalen Statements von Zaimoglu regelmäßig unter den Tisch fallen?
Egal, Zaimoglu for president!


29.04.2008 | 15:20 Uhr
Rainer Ohliger schreibt: aus aufgeklärtem Eigeninteresse

Folgt man der Logik des deutschen Nationalstaats, sollte man Migrationsminderheiten in Deutschland ähnliche Rechte gewähren wie den deutschen Minderheiten im Ausland, will man sich nicht dem Vorwurf der Doppelmoral aussetzen. Dieser Logik wohnt allerdings die Implikation inne, dass es langfristig zu einer Verfestigung des Minderheitenstatus kommen würde.

Die Gründe für die gleichberechtigte Anerkennung von Minderheitensprachen resultieren aber nicht allein aus Gerechtigkeitserwägungen, sondern aus dem aufgeklärten Eigeninteresse Deutschlands. Mehrsprachigkeit ist ein Wettbewerbsvorteil. Zwar ist Englisch die lingua franca im internationalen Wirtschaftsverkehr. Doch bedarf es darüber hinaus spezifischer kultureller und sprachlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten, um Auslandsmärkte zu erschließen: Die Türkei ist ein Markt mit 70 Mio. Konsumenten, Russland mit 140 Mio. Die beiden größten Migrationsminderheiten Deutschlands könnten hier Türöffner sein oder eine (sprachliche) Brücke bilden.


29.04.2008 | 14:44 Uhr
TOBIAS RÜGER schreibt: Auf den Punkt gebracht

"Man kann nicht den beleidigten Nischenheiligen machen und sagen: Man nimmt uns hier nicht ernst - und dann wie ein Kanake daherreden."
Stimmt. Das bildungsbürgeliche Gepose von Leuten wie Limbach ist nicht zielführend. Vermutlich sind die nachrückenden Generationen da realistischer.



29.04.2008 | 13:35 Uhr

Paul Kirchhof: Zweisprachigkeit als Bildungschance

Jutta Limbach betont in ihrem schönen Buch, dass die Muttersprache der Königsweg zur Bildung der Persönlichkeit ist, auch Migranten dieser Weg offen stehen muss, dass andererseits der aufnehmende Staat alle Staatsangehörigen und Einwohner zu einer Sprech- und Handlungsgemeinschaft verbinden soll. Einwanderer sollen ihre Muttersprache bewahren, aber Deutsch als zweite Alltagssprache erlernen, damit die Sicherheit in ihrer Herkunftskultur festigen, ohne im Nebeneinander eigenständiger Kulturen den Zusammenhalt unserer demokratische Staatlichkeit zu gefährden.

Sobald die gemeinsame Sprache nicht selbstverständliche Grundlage des Staates und der Wahrnehmung individueller Freiheit ist, sucht die Rechtsordnung die Vielsprachigkeit durch Sprachregeln zu steuern. Bestimmungen über die Amts- und Arbeitssprache, über die Schul- und Gerichtssprache, über das Recht, den eigenen Namen in der eigenen Muttersprache und Ortsnamen in der traditionellen Sprache fortführen zu dürfen, machen die Sprache zum Inhalt eines wichtigen Minderheitsrechts .

Das Recht, die in der eigenen Sprache gewachsene "geistige Energie" zur Entfaltung bringen zu dürfen, begründet jedoch kein Recht auf sprachliche Identität. Derartige Minderheitsrechte finden in dem Benachteiligungsverbot des Art. 3 Abs. 3 S. 1 GG allenfalls einen vagen Rahmen. Zwar darf niemand wegen seiner Sprache benachteiligt oder bevorzugt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Sprachgemeinschaft sich auf die jeweilige Sprache eines anderen einlassen müsste. Selbstverständlich darf jeder Mensch seine eigene Sprache sprechen. Ob er damit aber seinen Gesprächspartner - seinen Lehrer, seinen Vertragspartner, ein Amt oder ein Gericht - erreicht, hängt von der Leistungsfähigkeit der Sprachgemeinschaft ab. Moderne Verfassungsstaaten gewähren jedenfalls vor Gericht einen Anspruch auf einen Dolmetscher.

Im Übrigen bleibt auch das Völkerrecht bei vorsichtigen Ansätzen zu einem sprachlichen Minderheitenschutz stehen. Die Freiheit des Menschen zur eigenen Sprache ist auf die sprachlichen Homogenitätsanliegen des Staates abzustimmen.

Praktische Erfahrungen lehren, dass ein Mensch, der sich in seiner Muttersprache sicher auszudrücken weiß, eine Fremdsprache leichter erlernt. Deswegen bietet das Gebot der Zweisprachigkeit dem Betroffenen eine besondere Bildungschance, erschließt ihm den Zugang zu seinem neuen deutschsprachigen Umfeld, bereichert unsere Kultur, die in der Sicherheit des Eigenen Anregungen des Fremden aufnehmen wird.

Gelegentlich sichert das Verfassungsrecht angestammten Minderheiten, die seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig sind, das Recht auf den Gebrauch der eigenen Sprache in Kindergärten und Schulen, in Rundfunk und kulturellen Einrichtungen. Doch diese Sonderrechte sind eher Ausdruck historischer Friedensbemühungen, weniger Zeichen einer langfristigen Sprachpolitik. Das Anliegen jedes Staates, seinen Bürgern und Einwohnern in einer gemeinsamen Sprache eine kulturelle Mitte zu geben, gilt für alle im Staatsgebiet auf Dauer lebenden Menschen, mögen sie angestammten Minderheiten oder jüngst hinzugekommene Migranten sein.

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29.04.2008 | 10:25 Uhr
Klaus Däßler schreibt: "Geistige Energie der Muttersprache" - das sind die Basiskategorien des Denkens!

Hier kann ich Hrn. Kirchhof fast uneingeschränkt zustimmen. Doch was ist "geistige Energie"? Das Kind hat, unabhängig von der Mutter, tausende kleiner
Erlebnisse, die ihm die Struktur der Welt vermitteln. Daraus bildet es NICHTSPRACHLICHE Begriffe, darunter die Basiskategorien des Denkens. Ich nenne sie so, weil Kant die Wichtigsten gefunden hat.

Da - fast nur - die Mutter mit dem Kind liebevoll spricht, bindet das Kind ihre Alltagswörter an diese Kategorien. Es entsteht die mächtige, konkurrenzlose Muttersprache, die hoffentlich in der Grundschule weitergenährt wird. Dieser Vorgang ist erst etwa mit 12 abgeschlossen. Vorher eine Fremdsprache hineinzutrichtern, löst das System auf - es vernichtet "geistige Energie", trotz schönem "Heppi Börsdei tu ju".
Unter diesem Aspekt sollte Hr. Kirchhof noch definieren, was er mit Zweisprachigkeit meint. Aus Früh- und Immersionsenglisch entsteht nur doppelte Halbsprachigkeit. Das hat übrigens nichts mit Zweimuttersprachigkeit zu tun.



29.04.2008 | 12:11 Uhr

Christian Meier: Großer Unterschied

Es macht einen großen Unterschied, ob in gewissen Gegenden seit Jahrhunderten und längst integriert kleine Minderheiten wohnen - oder ob Migranten in großer Zahl an den verschiedensten Orten, mehr oder weniger überall, sich niederlassen und noch gar nicht integriert sind.

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29.04.2008 | 12:09 Uhr

Jürgen Trabant: Die beiden riesigen Immigarationswellen des 20. Jahrhunderts

Irgendwann sind alle einmal "bei uns" eingewandert: der Neanderthaler, der homo sapiens sapiens, vorindoeuropäische Völker, die Indoeuropäer, das heißt zunächst die Kelten, ein paar Römer, dann "wir" selber, also die Germanen beziehungsweise die verschiedenen germanischen Stämme, hinter denen die Slaven, zu denen dann die Germanen ihrerseits wieder einwandern. Das ist alles nicht sehr vornehm und friedlich vor sich gegangen, sondern ziemlich brutal.

Die einen haben die anderen vertrieben, erschlagen, geheiratet, integriert. Die Deutschen, die Friesen, die Dänen und die Sorben sind sozusagen die Übriggebliebenen dieser frühen Völkerwanderungen. Dass auch "wir" hier einmal eingewandert sind, ist eine verblasste Erinnerung, wir "sitzen" seit Jahrhunderten hier.

Wir haben uns dann im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte eine gemeinsame Schriftsprache geschaffen, die unsere dialektalen Verschiedenheiten überwölbt und die uns – also die Deutsch(sprachig)en – als ziemlich einziges Band verbindet. Zuwanderung in dieses Sprachgebiet ist als kollektive Erfahrung etwas eher Neues und etwas, das immer dramatischer wird.

Die Hugenotten im 17. Jahrhundert waren ja nur wenige, sie waren Glaubensbrüder, und sie haben ziemlich schnell (in ca. drei Generationen) ihre Sprache aufgegeben. Die im 19. Jahrhundert einwandernden (zurückwandernden) Juden waren über das Jiddische sprachlich mit uns verbunden und haben bekanntlich die deutsche Sprachkultur immens bereichert. Die Polen im Ruhrgebiet waren immerhin Katholiken wie wir und haben sich schnell sprachlich assimiliert. Im 20. Jahrhundert kommen dann aber in sehr schneller Folge die beiden riesigen Immigrationswellen, zuerst die Immigration der aus dem Osten vertriebenen Deutschen. Eine leichte Begegnung war das Zusammentreffen der ja auch sprachlich verschiedenen Menschengruppen nicht. Immerhin hat dies die Verbreitung der deutschen Standardsprache befördert.

Dann die Immigration von Arbeitern und Flüchtlingen, die immer fremder werden. Dies ist eine in jeder Hinsicht viel schwerer zu bewältigende Situation. Da kann man zwar das kosmopolitische Näschen rümpfen und gleich das ganz große Wort "Rassismus" rufen, wenn es zu Konflikten kommt. Verbale Vorsicht wäre hier aber eher geboten. Vor allem: Lösungen müssen endlich aktiv von allen gesucht und umgesetzt werden. Und man muß ehrlich sagen, was man will und wovon man spricht. Es geht ja im wesentlichen um die türkische Zuwanderung. Diese ist auf beiden Seiten zunächst nicht mit Integrationsvorstellungen verbunden gewesen. Daher haben sich zunehmend türkischsprachige Sprachinseln auf dem deutschsprachigen Territorium gebildet. Dies generiert Segregation, gegenseitige Sprachlosigkeit und Ablehnung. Angesichts der immer konfliktueller werdenden Beziehungen ist es nun aber höchste Zeit zu sagen, wie es weitergehen soll. Es gibt zwei Möglichkeiten: den von Herrn Erdogan gewünschten Ausbau der türkischen Sprachinseln, also mehr Segregation, oder die (Teil-)Integration über die deutsche Sprache, also den Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden und ein Zusammenleben zu organisieren. Jetzt müssen wir sagen, was wir wollen, und entsprechend handeln. Ich plädiere für das Zweite: "Wir" wollen, daß die Einwanderer unsere Sprache sprechen. Und dafür müssen wir viel Kraft und Geld investieren - das ist noch nicht allen klar, es ist sehr teuer! Niemand will den Einwanderern ihre Sprache nehmen, im Gegenteil: sie sollen eine weitere Sprache bekommen. So wie auch die Bayern, die Schwaben, die Niederdeutschen etc. zu ihrer "Muttersprache" eine Schrift-Sprache hinzubekommen, die ihnen berufliches Fortkommen und die Teilnahme am politischen und kulturellen Leben des Landes ermöglicht und die dem Land ein Minimum an Kohäsion garantiert. Die "Muttersprache" bleibt, wie bei den meisten Deutschen auch, Sprache der Familie - und des Pausenhofs.

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29.04.2008 | 12:03 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Warum so viel Humboldt?

Keine Frage: Beim Grundrecht auf Muttersprache ist Jutta Limbach in ihrem Element. Unterstützung ja, aber Recht nein. Auf einen Minderheitenstatus kann sich niemand berufen – siehe die Europäische Charta von 1992. So etwas nennt man eine klare Argumentation. Nur bleibt es nicht dabei. Offensichtlich soll es nicht heißen, es gebe nicht auch ‚sachliche’ Gründe neben den offenbar allzu kühlen rechtlichen.

Und die findet Jutta Limbach in einer Sprachphilosophie, von der sie offenbar glaubt, dass sie allgemein verbindlich ist.

Wie schon im zweiten Hauptkapitel zur Muttersprache "als geistig-seelischer Heimat" wird auch im hier zugrundeliegenden vierten Humboldt angesprochen, diesmal mit der "Einsicht, dass die Muttersprache der Königsweg zur Bildung der Persönlichkeit" sei. Ist das Humboldt? Ungefähr so, als würde man sich bei der Frage nach dem Grundrecht auf Muttersprache darauf berufen, dass Grundrechte etwas Schönes sind. Von Humboldt stammen nur Floskeln, die nicht einmal Humboldt selbst sinnvoll wiedergeben, von einer irgendwie gearteten historischen Problematisierung ganz abgesehen.

Wer einmal aus unverdächtiger Quelle erfahren will, wie Humboldt Sprache und Denken aufeinander bezogen hat, sollte in Noam Chomskys Cartesianischer Linguistik nachschlagen. Dort findet er etwas zum Zusammenhang von Kreativitätsprinzip und – übriges – einem "Eintreten [Humboldts] für das menschliche Grundrecht, persönliche Individualität durch sinnvolle schöpferische Arbeit und uneingeschränktes Denken zu entwickeln". Das ist etwas anderes als verquaste Bemerkungen über "geistig-emotionale" Verortungen und dergleichen, die zum ‚Bildungsgut’ geworden sein mögen, aber mit zeitgemäßen Sprachreflexionen nicht das Geringste zu tun haben.

Und warum das? Warum so viel Humboldt bei der Verteidigung der Muttersprache für Migranten? Weil es ja letztlich um die Verteidigung des Deutschen in Brüssel geht, um – pardon – um die "geistig-seelische Heimat" unserer dortigen Vertreter, die angesichts der Einheitssprache Englisch bedroht sein soll. Welche ein Kurzschluss von einem unausgegorenen und inadäquaten Sprachbegriff auf die Frage, wie die EU ihr Sprachenproblem lösen kann!

Als wenn man mit Goethes "Tasso" entscheiden kann, warum es gerade drei oder fünf Sprachen sein sollen, die ihre "geistig-emotionale" Verortung einbringen dürfen und die anderen nicht (was sagen wir zum Beispiel den Italienern, deren Dante der allererste war, der in Europa die Muttersprache stark gemacht hat?). Warum dieses merkwürdige Plädoyer für die Segnungen der Mehrsprachigkeit (ebenfalls nach Humboldt, sogar mit Recht), wenn die höchst praktische Forderung nach Zweisprachigkeit (Englisch plus jeweilige Muttersprache für alle) verworfen wird? Wieviel Weltbild, bitteschön, soll denn in Sätzen verloren gehen, die sich auf die Größe von Tomaten oder die Abgasregelung beiziehen?

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29.04.2008 | 10:06 Uhr

Hans-Martin Gauger: Zweisprachigkeit wird kaum schädlich sein.

Jutta Limbach legt für mich - aber ich bin kein Jurist - überzeugend dar, dass "weder das Grundgesetz noch andere deutsche Rechtsquellen" (was für ein schönes Wort!) auf diese Frage eine Antwort geben. Aus diesen "Quellen" fließt offenbar in dieser Hinsicht nichts. Ebensowenig kommt da etwas, sagt sie, vom Europarat und der Europäischen Union. Vorgesehen ist da überall nur ein - auch sprachlicher - Schutz für angestammte Minderheiten, für diejenigen also, die "immer schon" da waren, nicht für die neuen, die der "Migranten".

Zwar verbietet unser Grundgesetz, jemanden, neben anderem, wegen seiner Sprache zu benachteiligen. Ich nehme aber an, dass da die Sprache des Herkunftslands, also die Muttersprache, gemeint ist. Es kann ja doch schwerlich gemeint sein, dass man jemanden nicht ablehnen darf, weil er unzureichend oder gar nicht deutsch kann. Jedenfalls, so Limbach, folge aus diesem Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes "kein Anspruch auf Unterricht in der Herkunftssprache".

Sieht zum Beispiel Paul Kirchhof dies genauso? In einem nächsten Schritt plädiert Jutta Limbach sodann - "ein Gebot politischer Vernunft" - "vor allem den türkischstämmigen Einwanderern Wege zum Erlernen und Erhalt der Muttersprache zu eröffnen". Hier, wo sie also rein politisch argumentiert, muss man ihr ebenfalls zustimmen. Denn es ist gut, wenn diese Menschen, auch gerade die jungen und ganz jungen, die Identität ihrer Herkunft, ihre "Wurzeln", um nicht zu sagen "roots", bewahren.

Das Ziel kann und darf nicht ‚Assimilation’ sein, obwohl, wenn sie sich einstellt, auch nichts dagegen zu sagen ist. Wenn auch faktisch speziell die jungen Türken ihre Sprache sprechen, ist da doch eine Förderung gerade von der Schule her wünschenswert. Wenn diese Identität gestärkt ist - und gerade von der Schule her -, muss es für die jungen Türkinnen und Türken doch noch leichter sein, zusätzlich das Deutsche gut zu erwerben.

Denn wirklich: dass alle die, die hier bleiben, deutsch können müssen (und je besser desto besser für sie), steht außer jeder Frage. Da kann ich als Sprachwissenschaftler schon eher mitreden und sagen, dass ich nach allem mir Vorliegenden nicht glaube, der Unterricht in der Erstsprache werde einen schädlichen Einfluss auf den Deutscherwerb haben.

Jutta Limbach stellt hier amüsiert fest, dass die zuständigen Wissenschaften verschiedene Antworten geben. Nun, sie wird nicht bestreiten, dass auch Juristen (ich meine, wenn es um Recht geht) gelegentlich verschiedene Ansichten haben... Es ist schwer zu zeigen, dass Zweisprachigkeit, im Kindesalter erworben, ein Nachteil ist. In der Sprachwissenschaft hat dies vor Jahren etwa Leo Weisgerber verfochten - etwas wie das Recht auf Einsprachigkeit. Er wollte es gleichsam in der "Charta der Menschenrechte" verankert wissen und meinte gar, Zweisprachigkeit führe zu sittlicher Erschlaffung. Dafür wäre dann Albert Schweitzer, der von früh auf in gleicher Weise deutsch und französisch sprach, ein gutes Beispiel!

Tun wir also, soweit es geht, auch natürlich in unserem Interesse, etwas in dieser Richtung für die türkischen Kinder bei uns. Sie sind eben die größte Minderheit. Besonders gut wäre es, wenn wir in die Grundschulen türkische Lehrer hätten, einen oder eine zumindest, die, obwohl türkisch geblieben, doch auch ganz integriert wären.

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30.04.2008 | 02:04 Uhr
Georg Dargelies schreibt: Rechtssprache verkrueppelt!

In einem Rechtsstaat lieber bei einer Sprache bleiben; denn die Wortwahl und Auslegungen wuerde zu einem Chaos in der Rechtssprechung fuehren. --- Es wuerde das ganze System unmoeglich machen!



29.04.2008 | 06:30 Uhr

Cem Özdemir: Deutsch zuerst

Der deutsche Staat ist nicht per Grundgesetz oder Grundrecht verpflichtet, die (zahlreichen) Muttersprachen seiner eingewanderten Bevölkerung aktiv zu fördern. Dennoch spricht nichts dagegen, Kinder aus Einwandererfamilien (von denen inzwischen viele deutsche Staatsbürger sind) dabei zu unterstützen, ihre Muttersprache zu lernen bzw. zu pflegen, etwa im Rahmen unseres Bildungssystems.

Diese Debatte sollte jedoch nicht so geführt werden, als ob Deutsch und die Muttersprache sich gegenseitig ausschließen. Schließlich kann man gerade als Kind recht leicht unter entsprechender Anleitung mehrere Sprachen lernen, in diesem Fall eben Deutsch und die Muttersprache.

Deutsch kommt zuerst - und dann freue ich mich über jede weitere Sprache, die unsere Kinder lernen, ob Englisch, Türkisch, Kurdisch oder Spanisch.

Oder soll Bilingualität Akademikerkindern vorbehalten sein, die aufgrund der Weitsicht und des Geldbeutels ihrer Eltern zweisprachige Kindergärten und Gymnasien besuchen? Doch wohl kaum.

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29.04.2008 | 15:32 Uhr
Michael Fichtner schreibt: Deutschland muss sich nicht anpassen

Egal welcher Abstammung jemand ist, ob deutscher Abstammung, türkischer, russischer oder anderer Abstammung - wer in Deutschland lebt bzw. leben will, hat Deutsch zu sprechen. Ich finde es einen Fehler, wenn man türkische, russische oder andere Lehrer bzw. Beamte einstellt, nur damit sich Deutsche, die anderer Abstammung sind, in Deutschland zurechtfinden.

Integration heißt, jemanden in ein System einfügen (integrieren), auch wenn der seine Kultur behält. Integration heißt aber nicht, das sich Deutschland den anderen Nationalitäten anpassen muss. Wenn ich in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, der Türkei oder Russland lebe bzw. dorthin auswandere, muss ich auch die Sprache vor Ort sprechen und mich dort in die Gesellschaft integrieren.



29.04.2008 | 06:29 Uhr

Stefan Luft: Mehrsprachigkeit ist längst Realität

Es bleibt Zuwanderern nicht nur unbenommen, ihre Herkunftssprachen zu pflegen, dies wird sogar – anders als Frau Limbach es darstellt – massiv gefördert. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist die Mehrsprachigkeit längst Realität: In großstädtischen Ämtern liegen Broschüren meist in mehreren Sprachen vor. Sonderrechte (wie sie alteingesessene Minderheiten genießen) auch Zuwanderergruppen zuzusprechen würde die Auseinanderentwicklung fördern und die Integration erschweren.

Generell gilt: Alle Sprachen sind gleichermaßen wertvoll, und Mehrsprachigkeit ist in jeder Hinsicht eine Bereicherung. So wird einerseits zu Recht beklagt, dass die Mehrsprachigkeit bei Zuwanderern (sofern es sich nicht um "doppelte Halbsprachigkeit" handelt) zu wenig Beachtung und Anerkennung finden. In der Lebenswirklichkeit werden die wenigsten Handwerksmeister die Türkisch-Kenntnisse von Bewerbern um eine Lehrstelle allerdings positiv in Rechnung stellen. Der Grund liegt in der Tatsache, dass Sprachen zwar als gleichermaßen wertvoll und erhaltenswert betrachtet werden, die Anzahl der Sprecher dieser Sprache sich allerdings drastisch voneinander unterscheidet. Für den Handwerksmeister in Deutschland sind daher die Kenntnisse der deutschen Sprache entscheidend, Türkischkenntnisse haben für ihn keine vergleichbar große Bedeutung. In der harten Konkurrenz um Ausbildungsplätze verdrängen Jugendliche mit höheren Abschlüssen zunehmend solche mit niedrigen Abschlüssen. Der Verdrängungswettbewerb durch Realschüler und Abiturienten trifft Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund besonders hart. Es hat also nicht zwingend etwas mit Diskriminierung oder gar mangelnder Wertschätzung von Sprachen zu tun, wenn vor allem türkische Jugendliche in der Berufsausbildung einen besonders schweren Stand haben. Gefragt sind höhere Schulabschlüsse. Und dafür sind gute Deutschkenntnisse unabdingbar.

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29.04.2008 | 06:22 Uhr

Gerhard Schulz: Das Beispiel Australien

Mit Rechten und Pflichten ist Sprachen nur schwer beizukommen, wenn überhaupt. Die Sor-ben in der Lausitz zum Beispiel haben als sprachliche, ethnische und religiöse – in diesem Fall katholische - Enklave eine lange, vor die westlichen Siedler zurückreichende Geschichte innerhalb eines nunmehr deutschsprachigen, protestantischen Landes. Zuwanderer aber waren sie nicht, sondern die ursprünglichen Bewohner, und sie waren und sind im übrigen in der modernen deutschsprachigen Gesellschaft gut integriert; die Sorben waren seit langem zwei-sprachig. Wir sind als Kinder gern zum österlichen Eierschieben nach Bautzen gegangen – ein sorbischer Brauch – und gehörten dazu.

Geht es um Zuwanderer oder Migranten, so ist Australien das bessere Beispiel. Ureinwohner waren längst vor den angelsächsischen Siedlern samt ihren "Convicts" da. Und wenigstens zwei Dutzend größere ethnische Gruppen haben sich dort seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs niedergelassen. In verschiedenen Wellen kamen sie aus den Unruhen und wirtschaftlichen Problemen ihrer jeweiligen Heimat – aus Europa, aus Asien und zuletzt aus Afrika. Ziel der Einwandererpolitik ist die Assimilation: "Wir sind alle Australier". Die Staatsbürgerschaft ist relativ leicht zu erhalten, ein Minimum an englischen Sprachkenntnissen aber Voraussetzung. Und die Schulsprache ist natürlich das Englische ohnehin. Wie sonst könnten sich die Kinder mit italienischen, türkischen, chinesischen, vietnamesischen oder somalischen Eltern untereinander verständigen?

Kirchen, Zeitungen, Radiosendungen, Fernsehprogramme und Clubs in der Sprache vieler dieser ethnischen Gruppen gibt es natürlich. Aber ein "Grundrecht auf Muttersprache" – was sollte das bedeuten? Das Wort an sich schon klingt "sehr deutsch", wenn man darunter den Drang verstehen will, Ordnung zu stiften. "Ein für allemal!" Das hat einen peinlichen Beiklang. Es würde mich beunruhigen.

Die Situation ethnischer Minderheiten in Deutschland, von denen Frau Limbach spricht, ist indes weder mit derjenigen der Sorben noch der Australier identisch. Aber aus beiden Bei-spielen lässt sich lernen. Es wird jedoch viel politischer Geduld bedürfen und noch viel Zeit vergehen müssen, ehe man die Probleme in den Griff bekommt, die in den letzten Jahrzehnten im deutschen Sprachbereich hinsichtlich sprachlicher Minderheiten entstanden sind – vier oder fünf Jahrzehnte sind für die Geschichte keine lange Zeit.

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29.04.2008 | 06:05 Uhr

Thomas Paulwitz: Ein Unterschied

Wir vergleichen hier Äpfel und Datteln. Trotz des besonderen Schutzes, den die Dänen, Friesen und Sorben genießen, sind die Sprachen dieser angestammten Minderheiten besonders gefährdet. Am besten haben es noch die Dänen, denn sie leben in der Nähe eines Landes, in dem ihre Muttersprache Landessprache ist. Diesen Vorteil besitzen Sorben und Friesen nicht. Saterfriesisch in Ostfriesland wird nur noch von rund 2.000 Menschen gesprochen, Ober- und Niedersorbisch von bis zu 30.000 Menschen. Diese Sprachen sind daher schon seit langer Zeit vom Aussterben bedroht.

Es ist daher richtig, sie besonders zu schützen, um nationales kulturelles Erbe zu bewahren und die Sprachenvielfalt zu erhalten. Die Sorben pflegen ihre Sprache auf eine Art und Weise, von der sich die Muttersprache-Deutschen einiges abschauen können.

Ausschließlich die Sorben haben die gesetzlich besonders hervorgehobene Möglichkeit, vor Gericht in ihrer Sprache zu reden – in ihren Heimatkreisen. Paragraph 184 des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG) lautet: "Die Gerichtssprache ist deutsch. Das Recht der Sorben, in den Heimatkreisen der sorbischen Bevölkerung vor Gericht sorbisch zu sprechen, ist gewährleistet."

Nichts gegen die türkische Sprache; doch Türkisch, die Sprache der größten Einwanderergruppe in Deutschland, ist nicht vom Aussterben bedroht. Es wird weltweit von einer wachsenden Zahl von derzeit rund 80 Millionen Muttersprachlern gesprochen. Davon leben allein in Deutschland rund zwei Millionen. Es gibt keine jahrhundertealte türkische Kultur in Deutschland. Es gibt keine türkischen Dörfer und Städte – höchstens Stadtteile. Es gibt türkische Zeitungen und empfangbare türkische Fernsehsender, die ohne Förderung durch den deutschen Staat überleben können. Türkisch hat den Schutz der "Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen" einfach gar nicht nötig, den die hierzulande geschichtlich verwurzelten und gewachsenen Sprachen dringend brauchen. Auch vor Gericht entstehen keine Nachteile, denn Paragraph 185 GVG garantiert bei der Beteiligung von Personen, "die der deutschen Sprache nicht mächtig sind", daß ein Dolmetscher hinzugezogen wird. Eide können sie in ihrer Muttersprache ablegen (Paragraph 188 GVG).

Man muß also unterscheiden zwischen unseren angestammten Minderheiten und den Einwanderern, die es ja schon immer gab – wenn auch nicht in dieser hohen Zahl und aus so weit entfernten Kulturkreisen wie heute. Aber was den Hugenotten oder den Ruhrpolen gelang, sollten doch auch die Einwanderer von heute schaffen, ohne daß ihr Recht auf Muttersprache angetastet wird: Deutsch zu lernen und sich einzugliedern.

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]

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29.04.2008 | 06:00 Uhr

Helmut Glück: Gefahr anderssprachiger Gegenwelten

Das Minderheitenrecht differenziert aus guten Gründen zwischen eingesessenen und eingewanderten Minderheiten. Eingesessene Minderheiten entstehen infolge von Staatsbildungen oder Grenzverschiebungen. Die Friesen und Sorben lebten in ihren Siedlungsgebieten längst bevor es Deutschland gab – anders als Limbach meint (S. 59).

Die schleswig-holsteinischen Dänen wurden 1864 zu einer Minderheit in Deutschland. Hätten die Dänen damals den Krieg gegen Preußen und Österreich nicht verloren, läge Altona heute noch in Dänemark. 1918 wurde die grenze revidiert, seither haben die Dänen wieder eine deutschsprachige Minderheit. Zugewanderte Minderheiten hingegen haben als langfristige Perspektive nur die allmähliche Assimilation, wie in Deutschland die Geschichte der Hugenotten, Waldenser und Böhmen im 17. und 18. Jahrhundert oder die der Ruhrpolen im späten im 19. Jahrhundert zeigt.

Die Einwanderungsländer würden sicher nicht "ihre Seele verlieren", wenn sie ihren potentiellen Neubürgern die Pflege ihrer Herkunftssprachen "wachhalten zu dürfen" erlaubten (S. 60). Verboten ist ihnen das auch nicht. Die Frage ist, ob man ihnen staatliche Unterstützung dafür gewähren soll; von ihren Herkunftsländern erhalten sie diese Unterstützung ja zum Teil. Problematisch ist eine solche Hilfe dann, wenn sie die Entstehung anderssprachiger Gegenwelten fördert, die dem Ziel der Integration zuwiderläuft.

Das Problem des (ergänzenden) muttersprachlichen Unterrichts für Kinder aus Migrantenfamilien wird seit 20 Jahren kontrovers diskutiert. Einige Untersuchungen erwiesne ihn als nützlich, weil er die sprachliche und kognitive Entwicklung der Kinder sowohl in der Erst- als auch in der Zweitsprache fördere. Andere Untersuchungen haben entgegengesetzte Resultate ergeben. Unbestreitbat ist, daß die Schulen viel zu viele Jugendliche ohne Abschluß entlassen, Jugendliche, die weder ihre Herkunftssprache noch das Deutsche beherrschen. Limbachs Berufung auf "amerikanische, österreichische und schweizerische" Experten (S. 63) geht deshalb an der Sache vorbei. Ähnliches gilt für den Abschnitt über PISA. Es sind nicht nur und nicht vor allem "mangelnde Lernhilfen", die für die miserablen Schulkarrieren vieler Kinder verantwortlich sind, sondern soziale Milieus, die mit "bildungsfern" unzureichend charakterisiert sind . bei deutschen und Migrantenkindern gleichermaßen.

Limbachs Forderung (S. 64), dem Lehrpersonal während seiner Ausbildung Türkisch beizubringen, ist in vielen Bundesländern längst verwirklicht: man kann das, wenn man will. Eine bessere Bezahlung ist damit allerdings meist nicht verbunden. Ob diese Qualifikation den Migrantenkindern zu besseren Lernerfolgen verhilft, ist nicht nachgewiesen; daß sie das Klima in der schule und bei Kontakten mit den Eltern verbessert, ist wahrscheinlich.
Der Vorschlag (S. 64), das Türkische im Fremdsprachenkanon der Schulen und Universitäten auszubauen, weil in der Türkei der Deutschunterricht ausgebaut wird, verkennt den Aspekt des Gebrauchswerts von Fremdsprachen. Die Nachfrage nach Türkisch in Deutschland ist gering und kann durch zweisprachige Personen mit türkischem Familienhintergrund völlig abgedeckt werden. Die Nachfrage nach dem Deutschen dürften in der Türkei höher liegen, sonst gäbe es die Schulsprache Deutsch dort nicht. Fremdsprachenpolitik ist ein sensibles Feld, auf dem gute Absichten allein nicht viel ausrichten. Das zeigen z. B. die Auseinandersetzungen um die Pflichtsprache Französisch in deutschen Grundschulen am Oberrhein oder die Konflikte um das Englische als erster Fremdsprache (statt des Französischen) im Kanton Zürich. Fremdsprachenpolitik ist ungeeignet für symbolische Handlungen, wie sie Limbach vorscheben.

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