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Forum:

Ist Deutsch als Wissenschaftssprache tot?

In dem jüngsten vorabgedruckten Kapitel schreibt Jutta Limbach, dass es mit dem Deutschen als Sprache der Wissenschaft seit dem Ende des Ersten Weltkrieg kontinuierlich bergab geht, der Traum von der Weltsprache sei längst ausgeträumt. Ist Deutsch als Wissenschaftssprache so tot wie oft behauptet wird? Wenn ja - was würde auf dem Totenschein stehen? Gibt es aussichtsreiche Wiederbelebungsversuche?

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Beiträge

06.05.2008 | 21:31 Uhr

Christian Meier: Wegen Unterernährung ins Invalidenheim

Deutsch als Wissenschaftssprache ist noch keineswegs tot, schon gar nicht in den Geisteswissenschaften, der Rechtswissenschaft oder Beitrebswirtschaft. Aber ich vermute (und es gibt Anhaltspunkte dafür), dass auch in den Naturwissenschaften wirklich Innovatives auf deutsch gedacht wird.

Allerdings - und das gilt gerader auch für die Geistesiwssenschaften - lebt eine Wissenschaftssprache davon, dass in der Wissenschaft, die sie spricht, etwas geschieht. Und zwar möglichst auf neuen Wegen. Und das ist natürlich im Moment in Deutschland sehr gefährdet. Wenn man ganze Generationen auf Kurzatmigkeit und Antragssprache trimmt und dafür sorgt, dass (bis auf ein paar teuer Angelockte) die Besten das Land verlassen, kann man unsere Wissenschaft und Wissenschaftssprache zwar nicht ins Leichenhaus, aber ins Invalidenheim einquartieren. Wegen übermäßiger Luftverschmutzung und Unterernährung.

Doch soll man die Hoffnung nicht aufgeben. Stets findet Überraschung statt / da, wo man's nicht erwartet hat. Nur - um die Sprache allein geht es nicht. Die Sache muss leben. Vieles kann man auf deutsch (auf dem Hintergrund, auf dem das Deutsche lebt) besser sagen als in anderen Sprachen, anderes wieder auf englisch, französisch, italienisch, polnisch etc. Man merkt es besonders gut bei den Schwierigkeiten der Übersetzung. 1: 1 kommt vieles nicht herüber. Man braucht die Mehrsprachigkeit, um zu verstehen - zusätzlich zur Muttersprache.

Kommentare

07.05.2008 | 20:44 Uhr
Owe Jessen schreibt: Einwand

Bei anderen Wissenschaften kenn ich mich nicht aus, aber zum Deutschen in der BWL muß ich doch etwas anmerken:

In 3/4 der Fälle sind betriebswirtschaftliche Artikel, die auf deutsch geschrieben werden, das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden - gute Arbeiten sind fast immer englisch und kommen aus den Vereinigten Staaten. Man mag jetzt darüber streiten, ob das an den Journalen liegt, die noch deutsch veröffentlichen oder ob einfach die BWL in Deutschland nicht konkurrenzfähig ist.

So sehr man den Trend weg vom Deutschen in der Wissenschaft auch bedauern mag, so ist er doch für die Autoren sinnvoll: Ihr Ziel ist Kommunikation, sie wollen sich möglichst vielen anderen Wissenschaftlern verständlich machen (nicht zuletzt auch, um von diesen zitiert werden zu können). Durch Publikation in englisch maximiert ein Wissenschaftler also seine potentielle Reichweite.


07.05.2008 | 09:26 Uhr
Fionn Huber schreibt: Wie steht es mit einer "Germanophonie"?

Deutschland geniesst heute grosses Ansehen, nichtzuletzt weil das Land eltexportmeister ist. Ist es nun Zeit, das Konzept einer "Germanophonie" zu pflegen und voranzutreiben? Genauso wie die Franzosen ihre Francophonie pflegen - insb. die Präsidenten Frankreichs, die immer wieder auf Reise irgendwo in der Francophonie sind.



06.05.2008 | 21:00 Uhr

Hans-Martin Gauger: Kaum einer kümmert sich um das Deutsche

Eine valentineske Situation: es ist schon alles gesagt worden - aber noch nicht von allen. Ein durchschlagendes ‚aber’: dann erst ist Einmütigkeit gegeben. Deutsch war einmal in den Wissenschaften eine führende international verstandene Sprache - bis ungefähr 1920. Roswitha Reinbothe hat schön und neu gezeigt, wie es nach 1918 bewusst zurückgedrängt wurde. Besonders von den Franzosen.

Immerhin konnte etwa Max Planck noch in den zwanziger Jahren an amerikanischen Universitäten deutsch sprechen. Auch Sigmund Freud konnte dies (als er sich damals der Küste näherte, soll er gesagt haben: "Wenn die wüssten, was wir ihnen bringen...!"). Ein weiterer tödlicher Schub kam in den Fünfzigern - schlicht aufgrund der Vormacht der Vereinigten Staaten. Aber noch als ich 1956 in der kleinen englischen Universität in Leicester studierte, gab es dort immer noch ein Lehrangebot "Scientific German" - einen Deutschkurs also für angehende Chemiker, Physiker usw.

Die Einwände gegen den Auszug des Deutschen aus den Wissenschaften sind diese: das Deutsche wird dann nicht mehr terminologisch "ausgebaut" - ein Verlust für unsere Sprache; die Konzeptualisierungen in den Wissenschaften vollziehen sich nur noch aufgrund einer einzigen Sprache, dem Englischen - ein Verlust für die Wissenschaften; die immer wichtiger werdende Politikberatung durch die Wissenschaften geschieht nur noch übers Englische - ein Verlust für die Politik; die Anglophonen haben in den Wissenschaften einen Riesenvorteil - ein Riesennachteil also für alle anderen; hinzukommt die ärgerliche Geräuschlosigkeit dieses Auszugs des Deutschen aus den Wissenschaften oder (so kann man es auch sehen) der Wissenschaften aus dem Deutschen.

Niemand interessiert sich dafür. Weder die Wissenschaften noch deren ‚Vereine’, die "Deutsche Forschungsgemeinschaft", der "Deutsche Akademische Austauschdienst", noch die Politiker noch die öffentlich Meinenden. Es gibt nur Ausnahmen. Dazu gehört Jutta Limbach. Auch die Sprachwissenschaftler, in deren Zuständigkeit dies fällt, haben sich da kaum hervorgetan. Ausnahmen: Harald Weinrich und Ulrich Ammon und einige andere. Und nun also dieser Lesesaal der F.A.Z.

Meine Meinung. Man muss auf der Hut sein. Wachsamkeit, Sensibilisierung sind angezeigt. Die ärgerliche Nichtbefassung muss aufhören. Sodann: die Deutschsprachigen sind auch hier wieder willfähriger als andere. Dass es noch immer mit Hitler zusammenhängt, glaube ich nicht. Diejenigen, die dies noch beeinflussen könnte, sind jetzt 70 plus. Also: Deutsche reden auch hier gerne englisch, wenn es gar nicht nötig ist. Ein französischer Kollege, bedeutender Germanist, Jean-Marie Valentin, kommt zurück von einem Kolloquium aus der Slowakei: "Alle haben deutsch gesprochen, nur die Deutschen englisch!". Es ging um deutsche Literatur. Oder die Slawisten machen für Slawisten ein Kolloquium zu slawistischen Problemen. Es soll auf Englisch stattfinden, obwohl alle Teilnehmer alles in irgendeiner slawischen Sprache verstehen. Vielleicht - was weiß ich - ärgern sich dann die Polen, weil das Russische dominiert.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft soll mitfinanzieren. Wird sie es wagen, "nein" zu sagen? Also: wenn englisch, dann nicht? Hier englisch zu reden ist doch die Sinnlosigkeit selbst. Weiter: wir brauchen in den einzelnen Fächern Terminologiekommissionen, die für die englischen Termini deutsche Entsprechungen vorschlagen. Nur vorschlagen. Zwingen kann man niemanden, klar. Die Deutsche Akademie hat solche Kommissionen vorgeschlagen - kein Echo, nirgends. Was die nur von einer Sprache ausgehenden Konzeptualisierungen betrifft, ist die Sorge schnell ausgesprochen. Lässt sie sich aber konkretisieren? Welcher wissenschaftliche Begriff wurde nur von welcher Sprache aus möglich? Darauf möchte ich eine Antwort. Trotzdem, zugegeben: so allgemein gesagt, ist es nicht zurückzuweisen. Es mag etwas dran sein. Aber müssten dann nicht die monoglotten Anglophonen wissenschaftlich verkümmern? Die Politikberatung muss in den jeweligen Sprachen erfolgen. Auch übrigens die auch wichtige publizistische Darstellung von Forschungsergebnissen. Tut sie ja aber auch. Geht doch gar nicht anders. Eben komme ich zurück von der Eröffnung des "Freiburg Institute for Advanced Studies". Da wurde zum Teil englisch geredet - etwa vom Direktor des "Institute for Advanced Study" in Princeton. Wie sollte aber Professor Peter Goddard deutsch reden? Das ganze neue Freiburger Institut ist stark anglisiert, weil weltweit Forscher herbeigeholt werden sollen. Kann man da einfach sagen: die sollen deutsch lernen?

Oder soll man, wenn es nicht deutsch geht, ganz darauf verzichten? Ist es nicht positiv, dass da jetzt eine Sprache ist, wie schlecht auch immer gesprochen, die alle verstehen? Dass diese Sprache das Englische ist - muss man es nicht einfach akzeptieren? Sehr problematisch wäre nur, wenn auch im deutschsprachigen Raum nur noch englisch gelehrt und geschrieben und schließlich ‚gedacht’ würde. Kann aber davon im Ernst die Rede sein? Wo wird denn vor deutschsprachigen Studenten, außer in der Anglistik, mehr als nur gelegentlich englisch gelehrt? Dann: ich bin Romanist, im Blick auf Frankreich und dann die riesige spanischsprechende Welt habe ich viel Anschauung, und da ist es nun noch ausgeschlossener, wenn der Komparativ angeht, dass man auf das Französische oder das Spanische in den Wissenschaften verzichtete. Ich bin gern bereit, mich mitzuängstigen und mitzuzittern, aber ich möchte es etwas konkreter begründet haben...

Kommentare

19.05.2008 | 21:42 Uhr
Hans-Jörg Schneider schreibt: Tenor dieser Beiträge geht an den Naturwissenschaften vorbei

Da sich auf dem eindrucksvoll besetzten Podium kein einziger Naturwissenschaftler findet, keiner der die zumindest zahlenmässig Hauptbetroffenen (wenn nicht Hauptschuldigen) vertritt, ein paar Anmerkungen eines solchen:
Frau Limbach schreibt, die Weltgeltung der englischen Sprache sei "ohne Zweifel ein Resultat von Macht"; H M Gauger beklagt die "ärgerliche Geräuschlosigkeit dieses Auszugs des Deutschen aus den Wissenschaften". Der Tenor dieser Beiträge geht an der erlebten Wirklichkeit derer vorbei, die Englisch weit häufiger als alle alle anderen Wissenschaftler benutzen. Sie tun das, weil sie nur noch so international kommunizieren können, und weil das dafür benötigte Englisch sich tatsächlich durch eine Einfachheit auszeichnet, auf dessen Altar die Präzision des Ausdrucks keineswegs geopfert werden muss (sagt ein Hochschullehrer für Chemie, der seit ein paar Jahrzehnten nur noch auf Englisch publiziert).


07.05.2008 | 09:04 Uhr
Klaus Däßler schreibt: Thema verfehlt! Warum nur?

Sehr geehrter Herr Gauger,
anstelle über die Stellung von Deutsch als UNSERER WISSENSCHAFTSSPRACHE in Deutschland zu sprechen, bringen Sie, Herr Hoberg, Herr Klatt mit seiner "einen Welt" (was ist'n das?), und Frau Reinbothe die internationale Verständigungssprache ins Spiel, die gar keine Wissenschaftssprache sein kann. Es geht doch nicht darum, dass Deutsch nicht internationale Verständigungssprache ist, sondern, dass unsere Muttersprache, die beste Wissenschaftssprache, im EIGENEN LAND von EIGENEN WISSENSCHAFTLERN zerstört wird.



Globalenglisch mag internationale Verständigungssprache sein, dazu ist es primitiv genug. Aber es gibt Grund, das widersinnige Verhalten deutscher Wissenschaftsbürokratie und Wissenschaftler zu beklagen, die teils aus Eitelkeit, aus Unverstand, was Muttersprache eigentlich bedeutet, aus Undankbarkeit ihrem Gemeinwesen gegenüber genau diesem Gemeinwesen einen große Schaden zufügen - die Muttersprache ihres Kraftquells und Wissenspotentials berauben.



06.05.2008 | 17:46 Uhr

Rudolf Hoberg: Englisch ist unerlässlich

Vor allem durch die Untersuchungen von Ulrich Ammon (Duisburg) wissen wir, welche hervorragende Stellung Deutsch als Wissenschaftssprache vor hundert Jahren innehatte, wie und warum seine Bedeutung seit dem Ersten Weltkrieg immer geringer geworden ist und welche Rolle Deutsch heute noch spielt. Zweifellos ist diese Wissenschaftssprache nicht tot, sondern höchst lebendig, schon deshalb weil die deutsche Sprachgemeinschaft die größte in der Europäischen Union ist, aber auch weil Deutsch in einzelnen (Geistes-)Wissenschaften - Jutta Limbach erwähnt besonders die Philosophie - international immer noch viel verwendet wird.

Aber man sollte sich nichts vormachen: Deutsch hat nicht die geringste Chance, mit Englisch als Weltwissenschaftssprache zu konkurrieren - genau so wenig wie Französisch, Spanisch, Russisch oder eine andere Sprache. Dies gilt zumindest für die nächsten Jahrzehnte, es gilt aber in meinen Augen für einen viel längeren Zeitraum. Denn Englisch ist, wie jeder weiß, nicht nur die vorherrschende Sprache in der Welt, sie ist auch, was sich nicht jeder klarmacht, überhaupt die erste Weltsprache in der Menschheitsgeschichte. Frühere übernationale Sprachen - etwa das Griechische, Lateinische, Französische, auch das Deutsche - wurden immer nur in bestimmten Regionen der Welt verwendet, die zuvor genannten vor allem in Teilen des vorderasiatisch - europäischen Raums. Und auch wenn sich die politischen und wirtschaftlichen Konstellationen ändern, wird man vermutlich an dem dann weltweit zur Zweitsprache avancierten Englisch -genauer: an den Varietäten des Englischen - festhalten.

Ich persönlich bedaure diese Entwicklung nicht, denn in einer Zeit, in der die Menschheit immer mehr zusammenwächst, in der die Interdependenzen zwischen Völkern und Kulturen immer mehr zunehmen, ist ein solches Verständigungsmittel unerlässlich, und Englisch erfüllt diese Aufgabe großartig.

Mit meiner Meinung und Haltung stoße ich häufig auf Widerspruch, und mir wird gelegentlich empfohlen, den Vorsitz der Gesellschaft für deutsche Sprache abzugeben und Vorsitzender einer Vereinigung für die englische Sprache zu werden. Solche Anwürfe kommen aber nur von Personen, die übersehen, dass ich - wie die Gesellschaft für deutsche Sprache und wie die allermeisten germanistischen Linguisten - mich selbstverständlich für die Förderung der deutschen Wissenschaftssprachen einsetze - eine Förderung, die natürlich in erster Linie von den Wissenschaftlern selbst ausgehen muss. Einem Naturwissenschaftler beispielsweise kann man nicht verdenken, wenn er die Ergebnisse seiner Forschung in Englisch publiziert, aber er sollte sie auch in Deutsch veröffentlichen, weil sich andernfalls die deutsche Wissenschaftssprache und insbesondere die Terminologien nicht weiterentwickeln können. Wir Sprachwissenschaftler und "Sprachpfleger" können hier helfen und tun das auch.

Kommentare

19.05.2008 | 21:46 Uhr
Hans-Jörg Schneider schreibt: auch das geht an den Naturwissenschaften vorbei

Lieber Herr Hoberg,
Sie fordern, ein Naturwissenschaftler sollte a u c h in Deutsch veröffentlichen - die Zeiten sind vorbei. Das ginge an der erlebten Wirklichkeit derer vorbei, die Englisch weit häufiger als alle anderen Wissenschaftler benutzen. Sie tun das, weil sie nur noch so international kommunizieren können, und weil das dafür benötigte Englisch sich tatsächlich durch eine Einfachheit auszeichnet, auf dessen Altar die Präzision des Ausdrucks keineswegs geopfert werden muss. (Das meint ein Hochschullehrer für Chemie, der seit ein paar Jahrzehnten nur noch auf Englisch publiziert, für den diese Sprache auf allen Kongressen schon lange die dominierende Sprache ist, ebenso im Labor.)


06.05.2008 | 22:00 Uhr
Franz Müller schreibt: In Freiburg Englisch

Im neu gegründeten Frias in Freiburg, so las ich in der heutigen Badischen Zeitung, ist Englisch Pflicht. Was anderes kommt scheint's gar nicht in Frage. Auch die neuliche Rede des Direx aus Princeton war natürlich in Englisch gehalten. (Frias = Freiburg institute of advanced science)







06.05.2008 | 20:48 Uhr
Tom Bloggiblog schreibt: Noch ist Englisch unerläßlich ... aber übermorgen ist es egal

Die jeweilige Mutersprache bietet etwas besonderes ... etwas das mitschwingt und sich nicht bis ins Detail so schnell übersetzen lässt, da nur wenige die andere Sprache zu 100% beherrschen. Der Zwang sich in einer Fremdsprache auszudrücken "flacht" ab oder kostet einfach Zeit für gute Übersetzungen.

In der Zukunft werden so intelligente superschnelle Übersetzungprogramme die Viel-Völker-Kommunikation vereinfachen, beschleunigen ... ohne an der eigenen kuturellen Identität zu verlieren. Schon heute (mit Fehlern, aber es geht) kann man mit GOOGLE einfach auf "Unersetzen in die Muttersprache" klicken und ein englischer, französischer Beitrag erfolgt in deutscher Sprache (oder umgekehrt) ... etwas holprig ... aber es ist OK.

Trotzdem sind Vielsprachenbegabungen sicher wünschenswerter als "Technikhilfen", Technik soll es aber ergänzen und für Millionen Menschen es "klick-mäßig" vereinfachen. Insofern ist Sprache in der Wissenschaft nicht mehr das Problem.



06.05.2008 | 17:43 Uhr

Jürgen Schiewe: "Exzellenz" spricht Englisch

Deutsch als Wissenschaftssprache ist in einem bewussten Gestaltungsprozess im Laufe des 18. Jahrhunderts erarbeitet und im 19. Jahrhundert gefestigt, in vielen Bereichen gar mit weltweiter Geltung ausgebildet worden.

Für den im 18. Jahrhundert stattfindenden Übergang der Wissenschaften und Universitäten von Deutschen zu Lateinischen ist festzustellen, dass es nicht einfach nur um die Sprache ging, sondern dass der Sprachenwechsel verknüpft war mit einer Veränderung der gesellschaftlichen Funktion der Institution ‚Universität‘ und einem Wandel des Begriffs von Wissenschaft.

Strukturell Vergleichbares erleben wir auch heute mit dem Übergang der Wissenschaften vom Deutschen zum Englischen. Es ist dies ein Vorgang, der bereits vor dem so genannten "Bologna-Prozess", der Europäisierung des Hochschulraumes nach amerikanischem Vorbild, eingesetzt hat. Bologna aber hat ihn verstärkt und beschleunigt. "Die Spitzenforschung spricht Englisch", sagte 1985 der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Hubert Markl. Was vor zwanzig Jahren noch wie eine Mischung aus Aufforderung und Feststellung klang, hat sich als Prophetie erwiesen. Von den 41 im Oktober 2007 mit dem Prädikat "Exzellenz" gekürten Graduiertenschulen – eigentlich heißen sie "graduate schools" – und "Exzellenzclustern" wartet nicht die Mehrheit mit englischen Forschungsprogrammen auf – nein, sie tun es allesamt! Selbst ein Friedrich Schlegel findet sich nun in einer "Friedrich Schlegel Graduate School of Literary Studies" wieder.

Der Umbau der Universitäten zu Wirtschaftsunternehmen und die Auffassung, exzellente Wissenschaft müsse ökonomisch be- und verwertbar sein, stehen in engem Zusammenhang mit dem weiteren Fortschreiten des Englischen als Wissenschaftssprache. Diesen Zusammenhang muss man sich m.E. klarmachen: Wer Deutsch als Wissenschaftssprache erhalten will, muss auch zum Umbau der Universitäten und Wissenschaften Stellung nehmen. Wer diesen Umbau befördert, muss den sich bereits ankündigenden Verlust einer vollgültigen deutschen Wissenschaftssprache akzeptieren.

Deutsch als Wissenschaftssprache ist noch nicht – überall – tot, aber insgesamt in Gefahr, aufgegeben und nicht mehr weiter ausgebaut zu werden. Noch ist kein Totenschein nötig, aber wenn er denn einmal auszustellen wäre, müsste auf ihm sicherlich vermerkt werden, dass eine wichtige Domäne der Kultursprache "Deutsch" nicht mehr existiert, weil die Wissenschaftsgemeinschaft insgesamt zu wenig über die Gründe und Folgen des Sprachenwechsels reflektiert und kaum etwas für den Erhalt des Deutschen als Wissenschaftssprache getan hat.

Kommentare

19.05.2008 | 21:53 Uhr
Hans-Jörg Schneider schreibt: Rückzugsgefechte

Lieber Herr Schiewe ,
Sie machen den (durchaus auch von mir beklagten) Umbau der Universitäten zu Wirtschaftsunternehmen als Schuldigen aus für die Dominanz des Englischen. Nein, Naturwissenschaftler jedenfalls benutzen tats. fast nur Englisch weil sie nur noch so international kommunizieren können, und weil das dafür benötigte Englisch sich tatsächlich durch eine Einfachheit auszeichnet, auf dessen Altar die Präzision des Ausdrucks keineswegs geopfert werden muss. (Das sage ich als Hochschullehrer für Chemie, der seit ein paar Jahrzehnten nur noch auf Englisch publiziert, für den diese Sprache auf allen Kongressen schon lange die dominierende Sprache ist, ebenso wie im Labor.) Daher halte ich wenigvon solchen Rückzugsgefechten.



06.05.2008 | 14:58 Uhr

Michael Klett: Groß erfunden, klein verschwunden

Deutsch als Wissenschaftssprache ist keinesfalls tot, aber sie ist in einem langsamen Sterben begriffen. Wäre sie mausetot, was sollte ich auf den Totenschein schreiben? Etwa: Tod verursacht durch "die eine Welt" oder den Globalisierungsprozess oder als Folge angelsächsischer Wissenschaftsdynamik. Aber auf den Grabstein könnte man vielleicht einmal eines Tages schreiben: Sie hat sich groß erfunden und ist nun klein verschwunden.
Aber Spaß beiseite.

So weit ist es noch nicht. Bei den Naturwissenschaften allerdings ist die Chose gelaufen. Für die Geisteswissenschaften sieht es anders aus: für Monographien, Literaturexegesen, historische Quellen und ihre sprachliche (literarische) Verarbeitung, geschweige denn die daraus hervorgehende, immer lebendiger werdende Sachbuchpublizistik würde es hop oder top heißen, also entweder wir haben Geisteswissenschaften, dann müssen sie im wesentlichen auf Deutsch verfasst sein oder wir haben keine.

Interessant wird es bei der zunehmenden Interdisziplinarität, auch zwischen den zwei Kulturen, also Wissenschaftssprache, um Fragestellungen zwischen Informatik und Philologie oder Mathematik und Musik oder Soziologie und Biologie zu bearbeiten. Hier muss halt wissenschaftliche Mehrsprachigkeit sein.

Kommentare


06.05.2008 | 14:53 Uhr

Klaus Reichert: Unverständlich, was die DFG und die Exzellenzinitiativen fordern

Deutsch ist als Wissenschaftssprache keineswegs tot - es ist quicklebendig und robust. Es wird in den Geisteswissenschaften hervorragend geschrieben: in der Philosophie und Geschichte, in der Sprach- und Literaturwissenschaft, in der Kunstgeschichte, der Jurisprudenz usw. Selbst in den Naturwissenschaften, sofern sie darstellend verfahren, gibt es Anzeichen, dass wieder häufiger - oder auschließlich - deutsch geschrieben wird.

Wenn auf deutschen Kongressen und Symposien häufig nur englisch gesprochen wird, ist das kaum förderlich für die Differenziertheit des Denkens. Die angeblich größere 'Internationalität' deutscher Wissenschaft, wenn sie auf englisch daherkommt, ist ein Trugschluss. Denken lässt sich nicht ohne erhebliche Verschiebungen, Verkürzungen und Umdeutungen von einer Sprache in die andere übertragen. Beim Denken und wissenschaftlichen Schreiben handelt es sich ja nicht um mathematische Gleichungen.

Wenn ein deutscher Philosoph englisch schriebe, müsste er wissen, dass seine Philosophie eine andere würde; also lässt er es bleiben. Die Bücher von Jürgen Habermas, der oft in den Vereinigten Staaten gelehrt hat, sind alle deutsch geschrieben und ins Englische übersetzt worden.

Unverständlich ist die Forderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und unserer teuren Exzellenzinitiativen, Anträge nur noch auf Englisch vorzulegen. Die Verantwortlichen, die das verlangen, glauben die 'Zeichen der Zeit' richtig zu lesen, ignorieren dabei aber, dass die auch international wahrgenommenen Arbeiten heutiger deutscher Wissenschaftler nicht zuletzt Zeugnisse deutscher Sprachkultur sind. In dürftigem Englisch verfasst, wären sie nicht einmal ignoriert worden.

Kommentare

10.05.2008 | 21:59 Uhr
Christian Timmermann schreibt: Herr Reichert: exzellent formuliert

Sie treffen den Nagel auf den Kopf! Vielleicht darf noch folgendes ergänzt werden: In den Ingenieur- und Naturwissenschaften ist die scharfe sprachliche Formulierung von Sachverhalten ganz besonders wichtig, nicht nur für die Dokumentation, sondern auch für die Arbeit selbst. Beim Schreiben beginnt regelmäßig ein sprachlich-gedanklicher Rückkopplungsprozeß, der nicht selten das Ergebnis wieder ins Wanken bringt, und die Arbeit beginnt von vorn.

Diese Rückkopplung arbeitet besonders gut im Deutschen, weil sich dafür das System aus komplexer Grammatik und großem Wortschatz hervorragend eignet.
Deutsch ist nicht nur eine lebendige Wissenschaftssprache. Deutsch ist allgemein in Europa die meistgesprochene Sprache und verbindet mit ihr die drittgrößte Wirtschaftskraft der Welt. Riesige Bibliotheken existieren. Im heute so wichtigen Internet sind die deutschen Seiten (de) nach den internationalen com-Seiten die weltweit zahlreichsten. Das deutsche Wikipedia ist die Nr. 2 in der Welt.


07.05.2008 | 13:54 Uhr
Rolf Reber schreibt: Erfolg auch auf Englisch

Jürgen Habermas ist wohl eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich denke an all jene ins Exil getriebenen deutschsprachigen Natur- und Geisteswissenschaftler, die mit Erfolg auf Englisch geschrieben haben, z. B. Erwin Schrödinger, Karl Popper, Ernst Gombrich, Friedrich von Hayek, Rudolf Carnap, um nur einige zu nennen. Wäre ihr Werk ein besseres geworden, hätten sie nur auf Deutsch schreiben können?

Im übrigen wünsche ich mir nicht jene nicht allzu ferne Zeit zurück, in der die auf Deutsch schreibenden Wissenschaftler das Sagen hatten. Die Folge war, dass die international erfolgreichen Wissenschaftler zurückgebunden wurden und bei Förderung und Berufung im Nachteil waren gegenüber akademisch weit schlechteren, aber im deutschen System gut vernetzten Bewerbern. Es war ein Machtspiel, das zu einem akademischen Elend führte. Erst der Wechsel zu Englisch als Wissenschaftssprache führte die deutsche Wissenschaft wieder an die Weltspitze.
Rolf Reber, Bergen, Norwegen



06.05.2008 | 13:09 Uhr

Roswitha Reinbothe: Die Folgen des Boykotts

Im internationalen Wissenschaftsbetrieb des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren Französisch, Englisch und Deutsch die führenden Wissenschaftssprachen. Doch nach dem Ersten Weltkrieg verlor die deutsche Wissenschaftssprache ihre internationale Stellung. Dafür sorgte der Wissenschafts- und Sprachboykott, den die alliierten Akademien der Wissenschaften gegen die deutschen und österreichischen Wissenschaftler verhängten.

Mit den geächteten Wissenschaftlern wurde zugleich auch die deutsche Sprache aus internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, Kongressen und Publikationen ausgeschlossen. Begründet wurde dieser Boykott damit, dass die Wissenschaftler die deutsche Kriegspolitik unterstützt und die Verbrechen des deutschen Militärs in Belgien geleugnet hatten. Als prägnantes Beispiel galt der militaristische Aufruf "An die Kulturwelt!" vom Oktober 1914, den 93 berühmte deutsche Wissenschaftler und Künstler unterzeichnet hatten. Dieser Aufruf war vom Reichsmarineamt und Auswärtigen Amt zu Propagandazwecken lanciert worden.

Solange die deutschen Wissenschaftler nicht bereit waren, sich von diesem Aufruf zu distanzieren, nachdem die deutschen Kriegsverbrechen aufgedeckt worden waren, wollten die alliierten Wissenschaftler nicht mit ihnen zusammenarbeiten. Doch ein solches Eingeständnis lehnten damals die meisten deutschen Wissenschaftler im Zeichen "nationaler Ehre" ab.

Zwar wurde der Boykott auf Druck ‚neutraler’ Wissenschaftler bereits 1926 aufgehoben, aber die internationale Zusammenarbeit konnte erst nach jahrelangen Verhandlungen wiederaufgenommen werden. Inzwischen waren Englisch und Französisch in den internationalen Wissenschaftsverbänden fest etabliert und die deutsche Wissenschaftssprache zurückgedrängt worden.

Der Aufstieg der Wissenschaftsmacht Amerika und des Englischen als internationaler Wissenschaftssprache, der mit einer zielstrebig betriebenen Wissenschafts-, Sprach- und Publikationspolitik verknüpft war, spielte zweifellos für den Rückgang des Deutschen eine wichtige Rolle. Allerdings wurde diese Entwicklung durch den Krieg und den ihm folgenden Boykott erheblich forciert. Dass der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Wissenschaftsmacht und der englischen Sprache zur vorherrschenden Wissenschaftssprache ohne den Krieg – oder gar jenen Aufruf – und ohne den Boykott nicht möglich gewesen wäre, ist allerdings eine unsinnige These. Jutta Limbach zitiert mich hier falsch.

Schließlich untergruben Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg vollends das internationale Ansehen der deutschen Sprache.

Gleichwohl ist die deutsche Wissenschaftssprache in anderssprachigen Ländern heute noch präsent. Für die Wissenschaften in Deutschland ist sie ohnehin unverzichtbar. Doch sollte sie an Schulen, Universitäten und anderen Wissenschaftsinstitutionen besser gepflegt werden. Das Interesse an der deutschen Wissenschaftssprache hängt natürlich auch von der intellektuellen Anziehungskraft der in deutscher Sprache betriebenen Forschung und Lehre ab.

Kommentare

19.05.2008 | 21:59 Uhr
Hans-Jörg Schneider schreibt: Diese Ursachenforschung hat für Naturwissenschaften kaum Bedeutung

Frau Reinbothe führt den Rückzug des Deutschen auf unsere politisch-historischen Sündenfälle zurück; Frau Limbach schreibt, die Weltgeltung der englischen Sprache sei "ohne Zweifel ein Resultat von Macht" - beides hat jedenfalls für Naturwissenschaften kaum Bedeutung . Wir benutzen tatsächlich fast nur noch Englisch weil wir nur noch so international kommunizieren können, und weil das dafür benötigte Englisch sich tatsächlich durch eine Einfachheit auszeichnet, auf dessen Altar die Präzision des Ausdrucks keineswegs geopfert werden muss.


07.05.2008 | 12:34 Uhr
Rolf Reber schreibt: Der Boykott erklärt wenig

Ich will nicht in Abrede stellen, dass der Boykott deutscher Wissenschaftler nach dem ersten Weltkrieg Deutsch als Wissenschaftsprache geschadet hat. Aber sehen wir uns Französisch an: Frankreich gehörte zu den Siegern, wurde nicht boyottiert nd hat seine Sprache gestützt. Ich habe erlebt, dass Studenten die Teilnahme an einem Kongress bezahlt erhielten, wenn der Beitrag auf Französisch war, nicht aber, wenn er auf Englisch war.

Trotzdem: Erfolgreiche französische Wissenschaftler publizieren auf Englisch; Französisch ist ähnlich zurückgestutzt wie das Deutsche; selbst erfolgreiche Sozial- und Geisteswissenschaftler beginnen, auf Englisch zu schreiben (ich denke z.B an den Religionswissenschaftler Pascal Boyer). Fazit: Französisch ist auch ohne Boykott abgestiegen. Da ist es wohl unwahrscheinlich, dass der Boykott den Niedergang von Deutsch als Wissenschaftssprache erklären kann.
Mit freundlichen Grüssen,
Rolf Reber, Bergen, Norwegen


06.05.2008 | 17:48 Uhr
Roswitha Reinbothe schreibt: Lieber Herr Paulwitz,

Roswitha Reinbotheder von Ihnen herausgegriffene Vorwurf, dass im Ersten Weltkrieg deutsche Soldaten in Belgien angeblich Nonnen geschändet und belgischen Kindern die Hände abgehackt hätten, taucht allerdings in den Begründungen des Boykotts der alliierten Wissenschaftler gegen die Deutschen und Österreicher nicht auf und wird von mir auch nirgends erwähnt.

Vielmehr ging es darum, dass deutsches Militär die von Deutschland ursprünglich anerkannte Neutralität Belgiens verletzt und dieses besetzt hatten, dass deutsche Soldaten gegen die belgische Zivilbevölkerung brutal vorgegangen, zahlreiche Gebäude zerstört und die Altstadt von Löwen mit der alten Bibliothek niedergebrannt hatten. In dem berüchtigten Aufruf von 1914 wird das geleugnet.

Übrigens hatten Albert Einstein und wenige andere sich geweigert, diesen Aufruf zu unterzeichnen. Sie wollten einen Gegenaufruf verbreiten, der dann jedoch wegen zu geringer Beteiligung nicht zustande kam.

Gerade in dem von Ihnen zitierten Buch von John Horne und Alan Kramer "German Atrocities, 1914. A History of Denial" (New Haven/London 2001)werden die Verbrechen nachgewiesen. Den zweiten Teil des Titels haben Sie nicht erwähnt.

Mit freundlichen Grüßen
Roswitha Reinbothe


06.05.2008 | 15:48 Uhr
Thomas Paulwitz schreibt: Dank und Ergänzung

Thomas PaulwitzLiebe Frau Reinbothe,
vielen Dank für die Hinweise auf machtpolitische Beweggründe, die seit dem Ersten Weltkrieg zu einem Zurückdrängen von Deutsch als Wissenschaftssprache beitrugen. Vielen Dank auch für die Richtigstellung, daß Jutta Limbach Sie falsch zitiert hat. Die Hypothese, daß der Aufstieg der Vereinigten Staaten als Wissenschaftsmacht ohne den Aufruf deutscher Wissenschaftler "An die Kulturwelt", der sich gegen die alliierte Greuelpropaganda wendete, nicht möglich gewesen wäre, erschien doch zu weit hergeholt.



Um den Verlauf der Geschichte etwas verständlicher zu machen und den Forschungsstand etwas genauer wiederzugeben, sei hier aber doch nachgetragen, daß – bei all den Auswüchsen, die es tatsächlich bei der Kriegsführung in Belgien gab – die 93 appellierenden deutschen Wissenschaftler, darunter Paul Ehrlich, Wilhelm Röntgen und Max Planck – zum Teil recht hatten. Es ist in der Geschichtsforschung unbestritten, daß Geschichten wie jene, daß deutsche Soldaten Nonnen schändeten oder belgischen Kindern die Hände abhackten, eine Erfindung der alliierten Kriegspropaganda war. Die unzureichend uniformierten belgischen Kämpfer erweckten zudem bei den Deutschen den Eindruck, daß sie gegen Freischärler und Partisanen kämpften, die gegen das Kriegsrecht verstießen. Somit fühlte sich die deutsche Militärführung mit ihrer "Vergeltung" im Recht. Die Frage nach den Kriegsverbrechen kann also nicht ganz so eindeutig wie in Ihrem Beitrag beantwortet werden. Wie gesagt, das ist lediglich der Stand der Forschung (vgl. z.B. "German Atrocities" von John N. Horne und Alan Kramer).
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Thomas Paulwitz



06.05.2008 | 06:18 Uhr

Thomas Paulwitz: Notbremse ziehen

"Rest in Peace" stünde vielleicht auf einem Totenschein, wenn sich überhaupt jemand die Mühe machte, ihn auszufüllen. Am 10. November 1973 fragte Werner Ross in der F.A.Z.: "Muß das Deutsche als Wissenschaftssprache sterben?" Schon damals war die Umstellung auf Englisch im Gange, besonders in den Naturwissenschaften. Ross klagte: "In der Bundesrepublik ist eher die Tendenz festzustellen, die Flinte eilig ins Korn zu werfen oder die Sache sich selber zu überlassen."

Heute bekommen wir die Quittung fürs Nichtstun: Der Fachwortschatz wird nicht auf deutsch weiterentwickelt. Selbst eingebürgerte Fachausdrücke werden durch englische ersetzt. Nicht nur die Forschung, sondern auch die Lehre findet zunehmend auf englisch statt.

Aber Deutsch als Wissenschaftssprache ist immer noch nicht tot, wenngleich man den Schall des Totenglöckleins schon deutlich zu vernehmen vermeint. Was für ein Verlust wäre das, denn erstens: "Ohne die deutsche Sprache könnte die Menschheit manches nicht denken, das zu denken möglich ist" (Reiner Kunze). Zweitens kann man sich Wissen in der Muttersprache am besten aneignen – dafür eine Fremdsprache zur Hilfe nehmen zu müssen, stellt einen Nachteil dar. Drittens kapselt sich der Wissenschaftsbetrieb von der Bevölkerung ab, die an den Erkenntnissen aus der Wissenschaft teilhaben will. Viertens wandern viele ausgebildete Akademiker in die englischsprachige Welt aus. Die Zahl auswandernder Akademiker hat in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen.

Unser Nachbarland Dänemark zieht bereits die Notbremse. Der Dänische Sprachrat, welcher der Regierung untersteht, bewies mit einer Untersuchung, daß an den Universitäten, an denen fast vollständig auf englisch gelehrt wird, das fachliche Niveau sinkt. Weder Professoren noch Studenten beherrschten die englische Sprache so, daß das Wissen angemessen vermittelt, geschweige denn erworben werden kann. Ähnliche Untersuchungen mit ähnlichen Ergebnissen hatte es bereits zuvor in Schweden und den Niederlanden gegeben. Nun setzt sich der Dänische Sprachrat dafür ein, den Unterricht auf dänisch im Hochschulgesetz zu verankern. Und was tut der Deutsche Sprachrat, dem Jutta Limbach von 2003 bis 2007 vorstand? Der kümmert sich um die wirklich wichtigen Dinge und kürte am 25. April in Berlin das beste "Wort mit Migrationshintergrund": "Tolpatsch" – natürlich in der reformiert-verhunzten Form mit Doppel-l; ein weiterer Beitrag des Rates zur Verharmlosung der Lage.

Auch die Rechtschreibreform – einige der Betreiber sitzen ja im Sprachrat – hat dem Deutschen als Wissenschaftssprache schwer geschadet. Wer nicht mehr zwischen "recht haben" und "Recht haben" unterscheiden kann, verliert an Differenzierungsmöglichkeiten, wie sie eine Wissenschaftssprache erfordert. Ein Ausländer, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Studium in Deutschland aufzunehmen, wird durch den Trümmerhaufen, den die Rechtschreibreform mit ihrer Vielzahl uneinheitlicher Schreibweisen zurückgelassen hat, davon abgeschreckt, Deutsch zu lernen. Der von der Kultusministerkonferenz eingesetzte "Rat für deutsche Rechtschreibung" war auch auf seiner Sitzung am 25. April erneut eher mit Däumchendrehen beschäftigt als damit, die Karre weiter aus dem Dreck zu ziehen. Die Presse nahm von dem Treffen nicht einmal Notiz. Bei weitem mehr leistet da noch die "Schweizer Orthographische Konferenz" (SOK), die sich redlich müht, den Unsinn aus dem verkorksten Regelwerk zu tilgen.

Auch wenn der tolpatschige Deutsche Sprachrat das Feld "Deutsch als Wissenschaftssprache" vernachlässigt und lieber nach den schönsten und tollsten eingewanderten oder ausgewanderten Wörtern sucht, so gibt es doch Organisationen, die hier in die Bresche springen. Die Vereine "Arbeitskreis Deutsche Sprache in der Chirurgie" und "Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache" (ADAWIS) zum Beispiel klären unermüdlich darüber auf, warum die deutsche Sprache für den Wissenschaftsbetrieb unentbehrlich ist. Den ADAWIS-Forderungen kann sich jeder vorbehaltlos anschließen, der guten Willens ist.

Zu den Forderungen gehört, daß die universitäre Lehre in der Regel in der Landessprache zu erfolgen hat, daß Lehrbücher für alle Studiengänge in deutscher Sprache zur Verfügung stehen müssen, daß Forschungsförderanträge in deutscher Sprache zu verfassen sind und daß eine deutsche Terminologie entwickelt wird. Am interessantesten ist der Vorschlag, eine europäische Zitatendatenbank zu schaffen, damit die europäischen Wissenschaftler von der Bewertung durch das amerikanische "Institute for Scientific Information" unabhängig werden. Worauf warten wir noch?

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]

Kommentare

07.05.2008 | 12:56 Uhr
Rolf Reber schreibt: Deutsch hat sich selbst erledigt

Deutsch als Wissenschaftssprache ist deshalb gestorben, weil es missbraucht wurde, um durch Unverständlichkeit Kompetenz vorzugaukeln. Als ich meinen Habilitationsvortrag in Psychologie an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät in der Schweiz halten sollte, wurde mir angeraten, den Vortrag verständlich zu beginnen und dann technisch zu halten, damit die anwesenden Geisteswissenschaftler keine kritischen Fragen stellen könnten.

In der Tat schnitt jeweils besser ab, wer sich an solche Ratschläge hielt und statistisches Kauderwelsch vortrug. Welch eine Befreiung ist da die angloamerikanische Wissenschaftskultur, in der technische Brillianz mit verständlichem Vortrag verknüpft wird. Nein, das Imponiergehabe auf Deutsch wünsche ich mir keinesfalls zurück, sondern stehe für Englisch als Wissenschaftssprache ein. Was es dann braucht, sind Sachbücher auf Deutsch, um Wissenschaft allgemeinverständlich zu erklären, wie man dies in den Vereinigten Staaten lernen kann.
Rolf Reber, Bergen, Norwegen


06.05.2008 | 09:20 Uhr
Christian Timmermann schreibt: Das stimmt nur halb

"Der Fachwortschatz wird nicht auf deutsch weiterentwickelt. Selbst eingebürgerte Fachausdrücke werden durch englische ersetzt." Verzeihen Sie mir, Sie arbeiten nicht in der Wissenschaft, sonst würden Sie das nicht schreiben.

Das engl. Wissenschaftsgeplapper gibt es überall - auf primitivstem Sprachniveau. Das stimmt. Aber die scharfe Begriffswelt gibt es auf Deutsch viel besser. Sie ist oft zuerst da, gerade in Naturwissenschaft + Technik. Das wüssten Sie, wenn Sie dort arbeiten würden. Gerade die "Wissenschaftsunterschicht" brabbelt oft dummstolz auf Englisch - zum Totlachen für jeden Sprachkundigen. Dass bei Kongressen meist Englisch gesprochen wird, ist dazu noch lange kein Widerspruch. Die guten Bücher sind deutschsprachig.

Vorsicht vor Rudeljournalismus. dpa ist nicht die Quelle des Wissens, schon gar nicht die Quelle der Orthographie, auch wenn man dort Gott spielt. Lobenswert ist aber Ihr großes Bemühen um die deutsche Sprache. Das ist sehr beachtenswert.



06.05.2008 | 06:15 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Das Muttersprachen-Prinzip in den Geisteswissenschaften

Man kann es sich ja denken: Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft. In den Naturwissenschaften hat sich offenbar Englisch durchgesetzt, aber ein Vorbild für alle Wissenschaften ist dies nicht. In den Geisteswissenschaften (ich weiß, nicht jeder hört das Wort gern) ist das Muttersprachen-Prinzip unverzichtbar und im Augenblick auch kaum oder jedenfalls sehr viel weniger strittig. Philosophen, auch solche mit Weltgeltung wie Jürgen Habermas (der ohne Weiteres frei englisch spricht), publizieren auf Deutsch und werden im Ausland trotzdem breit rezipiert.

Dass sich deutsche Autoren in internationalen Fachorganen oder auf internationalen Tagungen auf Englisch äußern, ist üblich. Umgekehrt wird es allgemein akzeptiert, wenn auswärtige Forscher in Deutschland ihre Muttersprache verwenden. Es gibt also eine Asymmetrie, aber sie erscheint gegenwärtig nicht unbedingt als bedrohlich. Jedenfalls ist die deutsche Sprache in den Geisteswissenschaften präsent und sollte es bleiben. Was spricht in diesem Fall (meines Erachtens im Gegensatz zur zumutbaren Zweisprachigkeit in der EU) für das Muttersprachen-Prinzip? Ich möchte drei Gründe mehr andeuten als ausführen:

1. Die Schwierigkeit der behandelten Gegenstände. Man kann es etwa an der Auseinandersetzung ablesen, die schon Kant mit seinen Kritikern geführt hat (Wieland hielt Kants Sprache für "Rotwelsch"). Moderne Theorien verzichten aus guten Gründen auf alltagssprachliche Vorstellungen, um ‚Gewohntes’ überwinden zu können. Dies führt zu so hohen Anforderungen an sprachliche Formulierungen, dass die Verwendung einer Fremdsprache problematisch wird.

2. Philologen sind in erster Linie Leser, äußern sich selbst bevorzugt in Büchern. Für die Rezeption bedeutet dies u.a.: Zeit. Man kann sich Fremdsprachliches in Ruhe aneignen, sich auch einmal etwas übersetzen lassen. Im Ausnahmefall ist auch nicht völlig unmöglich, eine Fremdsprache zu erlernen oder Anfangskenntnisse zu vertiefen.

3. Trotz Globalisierung gibt es immer noch nationale Traditionen, mindestens Schulbildungen (natürlich auch negative Entwicklungen: ärgerlichen Jargon). Die noch vor wenigen Jahrzehnten wichtige Heidegger-Schule hatte ihre sogar sehr deutliche ‚sprachliche’ Seite, die nur schwer übersetzbar war. In weniger extremer Form ist dies ein durchaus übliches, gewolltes und meist auch akzeptiertes Merkmal philologischen Arbeitens, dem Buffons berühmtes Diktum "Der Stil ist der Mensch" seine immer noch nicht völlig entwertete Zuspitzung gegeben hat.

Falls ein Fazit möglich oder nötig ist: Deutsch als Wissenschaftssprache verdient im Bereich der Geisteswissenschaften eine nachdrückliche Verteidigung. Mehr als alle Hinweise auf die angeblichen Vorzüge des Deutschen als Sprache oder unausgegorenes Geraune über den Zusammenhang von Sprache und Denken aber wird die Zukunft des Deutschen als Wissenschaftssprache (jedenfalls in den Geisteswissenschaften) von der Stärke und Breite der auf Deutsch formulierten Forschung selbst abhängen.

Kommentare

06.05.2008 | 19:28 Uhr
Fionn Huber schreibt: Die deutsche Sprache - ein Präzisionsinstrument

Wie präzis die deutsche Sprache ist, zeigen die folgenden Wörter aus einem Nachruf (Albert Hofmann, in der NZZ/Zürich): "Je nach Absicht kann LSD bewusstseinsverändernde Droge, Medikament oder chemischer Kampfstoff sein". "Bewusstseinsverändernde" - hervorragend! Sagt alles, kompakt, präzis!

Auch Artikeln in der deutschsprachigen Presse über wirtschaftliche Themen lese ich gern - auch dort werden eher komplizierte Konzepte präzis in einem Wort gefasst, z.B. ordnungspolitisch, Wertberichtigungen. Und "Streubesitz" ist m.E. präziser als "Freefloat".
(Ich bin englischer Muttersprache).


06.05.2008 | 15:14 Uhr
Sascha-Andre´ Liehr schreibt: Deutsch IST Wissenschaft

Die Universitäten in Deutschland werden neben denen in England und den Vereinigten Staaten am häufigsten von internationalen Studenten nachgefragt oder besucht. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia listet Deutsch als Herkunftssprache der zweitmeisten Artikel nach dem Englischen.

Das Deutsche generiert offensichtlich Bedeutung und Wissen und bleibt deshalb defacto eine wichtige Wissenschaftssprache.


06.05.2008 | 11:28 Uhr
Klaus Däßler schreibt: Kein Anbeten der "Wissenschaftssprache Englisch"!

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir klären, was Wissenschaft und Wissenschaftssprache eigentlich bedeuten. Oft entstehen durch falsche Wörter falsche Impulse. Ich weigere mich jedenfalls, an einen Totenschein auch nur zu denken!



Schon die übliche Klassifikation, Naturwissenschaft versus Geisteswissenschaft, schafft ein Vorurteil und klammert die sprachlich und inhaltlich verbreitetste Form, die angewandte Wissenschaft aus. Wissenschaft hat einen forschenden, lehrenden sowie einen Kommunikationsaspekt.

Wie jede kollektive Tätigkeit ist Wissenschaft an Sprache gebunden. Wissenschaftssprache ist nicht Gesamtheit der Fachsprachen, sondern Muttersprache, in der man (besonders gut) Wissenschaft betreiben kann.

So entstehen Sätze wie "Englisch ist internationale Wissenschaftssprache", obwohl es weder richtiges Englisch ist, noch - m. E. - eine internationale Wissenschaftssprache überhaupt existiert, es gibt einfach nur eine bequeme Verständigungssprache - Global-Englisch.

Die Muttersprache des Menschen ist konkurrenzlos ausdrucks- und kommunikationsmächtig. An jedes Wort ist ein reicher individueller und gesellschaftlicher Kontext gebunden, was eine Fremdsprache nie erreicht.
Der individuelle Erkenntnisprozess ist nichtsprachlich, jedoch ist die wichtige Metaphernbildung, das gemeinsame Denken, Verstehen komplexer Sachverhalte im Forscherkollektiv ohne Verwendung der Muttersprache wesentlich geschwächt. In multinationalen Projekten bleibt natürlich nichts anderes übrig.

Da die deutsche Sprache aufgrund unserer Vergangenheit als Volk der Dichter und Denker, Ingenieure und Erfinder eine große Differenzierungs- und Ausdrucksfähigkeit, Ästhetik und Systematik besitzt, ist sie als Wissenschaftssprache besonders gut geeignet.
Deutschland wurde denn auch während der wissenschaftlich-technischen Revolutionen zur weltweit führenden Wissenschaftsnation.

Erst der verlorene Krieg wendete das Blatt. Mit dem produktiven Marktprinzip, das damals in der amerikanischen Wissenschaft herrschte, erreichte diese bis Mitte der 80er auf vielen Gebieten einen Vorsprung, den viele deutsche Forscher bis heute geradezu anbeten. Es gereicht offenbar zur besonderen Ehre, viel in den Vereinigten Staaten zu weilen, möglichst an einer der sog. "Elite"- Universitäten. Man prunkt mit seinen amerikanischen Lehraufträgen und -Aufenthalten. Gern wird übersehen, dass die amerikanische Wissenschaft sich immer häufiger mit ausländischen Forschern, darunter vorzüglichen Deutschen speist.

Nun zeigt sich eine immanente Schwäche der dollarzentrierten Marktwirtschaft, die offenbar keine anderen Werte mehr kennt. Wissenschaftsmarketing wird immer wichtiger gegenüber fachlicher Leistung. Nur so ist zu erklären, dass Produktivität und Kreativität eines Forschers heute vorwiegend nach Marktgeschrei bewertet wird. Das Credo vieler Forscher heißt heute "auf Englisch veröffentlichen, ganz gleich, was", damit ich möglichst in einer amerikanischen Zitatenbank gefunden werde. Man nennt dies den "impact factor". Wer heute nicht auf Englisch veröffentliche, werde "nicht wahrgenommen". Ja geht es denn wirklich nur darum?

Festzuhalten ist, dass sich diese Übung auf Bereiche konzentriert, die gerne als "internationale Wissenschaft" bezeichnet werden - medial plakative Gebiete wie Gentechnik, Weltraum, Kernfusion. Hier hat sich die "Weltwissenschaft", dabei viele Deutsche, fest um die Vereinigten Staaten geschart und heischt nach Anerkennung. Die Ergebnisse der "Weltwissenschaft", weniger deren Kosten, fallen in erster Nacht den Vereinigten Staaten zu.

Ein deutscher Wissenschaftler in diesem System arbeitet nun weniger dafür, seiner Nation, die ihn bezahlt, Erkenntnisse zu vermitteln und ihre Lebensqualität zu mehren, sie gar durch Verfeinerung ihrer Muttersprache klüger zu machen, sondern vorrangig, sich selbst Marktvorteile zu verschaffen (wer reist nicht gern kostenlos um die Welt, insbesondere in die Vereinigten Staaten) und dabei effektiv den englischsprachigen Raum zu beglücken.

Oft hört man schon die verlogene, zynische Begründung für Englisch als Wissenschaftssprache "das Volk verstünde das ja sowieso nicht, auch nicht in der eigenen Sprache". Ja wer ist denn das Volk? Sind es nicht auch die Spezialisten der Wirtschaft und der Nachbarwissenschaften? Sind es nicht auch die Gebildeten?

Große Teile der angewandten und technischen Wissenschaften vermitteln unserer mittelständischen Wirtschaft nach wie vor wertvolle Ergebnisse in der Muttersprache, womit jene sofort etwas anfangen kann. Man wundert sich oft, welch tolle Dinge hier entstanden sind - für populäre Wissenschaftssendungen etwa des DLF gibt es fast ausschließlich amerikanische Forschung. Da immer mehr Leute glauben, wahre Wissenschaft fände nur auf Englisch statt, begeben sie sich eigenen tiefen Verständnisniveaus, zweitens verkümmert die Mitteilung der Ergebnisse an erwartungsvolle Adressaten. Wer schon mal auf einer stammelenglischen Fachtagung von Deutschen für Deutsche war, weiß, wovon ich rede. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten auf vielen Gebieten eine absolute Weltführung neu erkämpft - z. B. in der Informatik eingebetteter Systeme - nun sind wir dabei, uns diese zu verscherzen, indem wir eines der wichtigsten Werkzeuge dafür über Bord werfen - die außerordentliche wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Muttersprache.

Ich meine also, das das Anbeten dieser "internationalen Wissenschaft"
mit ihrer "Wissenschaftssprache Englisch" zu unserem Schaden und letztlich dem des Wissenschaftlers selbst gereicht. Wie Konsum macht auch Wissenschaftstouristik nicht glücklich. Das Glück des wahren Forschers ist die Erkenntnis - nur das des Mittelmäßigen das gegenseitige Schulterklopfen.

Noch ist es nicht zu spät. In dieser Zeit wilder Komplexität ist alles im Fluss, die Zukunft wird heute entschieden. Deshalb appelliere ich an alle gebildeten Leser, die Muttersprache in allen Wissenschaften zu unterstützen. Eine kleine, sinnvolle Maßnahme wäre, dem erfrischenden ADAWIS beizutreten, durch den unsere Wissenschaftssprache jüngst eine Interessenvertretung bekommen hat.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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