Eine valentineske Situation: es ist schon alles gesagt worden - aber noch nicht von allen. Ein durchschlagendes ‚aber’: dann erst ist Einmütigkeit gegeben. Deutsch war einmal in den Wissenschaften eine führende international verstandene Sprache - bis ungefähr 1920. Roswitha Reinbothe hat schön und neu gezeigt, wie es nach 1918 bewusst zurückgedrängt wurde. Besonders von den Franzosen.
Immerhin konnte etwa Max Planck noch in den zwanziger Jahren an amerikanischen Universitäten deutsch sprechen. Auch Sigmund Freud konnte dies (als er sich damals der Küste näherte, soll er gesagt haben: "Wenn die wüssten, was wir ihnen bringen...!"). Ein weiterer tödlicher Schub kam in den Fünfzigern - schlicht aufgrund der Vormacht der Vereinigten Staaten. Aber noch als ich 1956 in der kleinen englischen Universität in Leicester studierte, gab es dort immer noch ein Lehrangebot "Scientific German" - einen Deutschkurs also für angehende Chemiker, Physiker usw.
Die Einwände gegen den Auszug des Deutschen aus den Wissenschaften sind diese: das Deutsche wird dann nicht mehr terminologisch "ausgebaut" - ein Verlust für unsere Sprache; die Konzeptualisierungen in den Wissenschaften vollziehen sich nur noch aufgrund einer einzigen Sprache, dem Englischen - ein Verlust für die Wissenschaften; die immer wichtiger werdende Politikberatung durch die Wissenschaften geschieht nur noch übers Englische - ein Verlust für die Politik; die Anglophonen haben in den Wissenschaften einen Riesenvorteil - ein Riesennachteil also für alle anderen; hinzukommt die ärgerliche Geräuschlosigkeit dieses Auszugs des Deutschen aus den Wissenschaften oder (so kann man es auch sehen) der Wissenschaften aus dem Deutschen.
Niemand interessiert sich dafür. Weder die Wissenschaften noch deren ‚Vereine’, die "Deutsche Forschungsgemeinschaft", der "Deutsche Akademische Austauschdienst", noch die Politiker noch die öffentlich Meinenden. Es gibt nur Ausnahmen. Dazu gehört Jutta Limbach. Auch die Sprachwissenschaftler, in deren Zuständigkeit dies fällt, haben sich da kaum hervorgetan. Ausnahmen: Harald Weinrich und Ulrich Ammon und einige andere. Und nun also dieser Lesesaal der F.A.Z.
Meine Meinung. Man muss auf der Hut sein. Wachsamkeit, Sensibilisierung sind angezeigt. Die ärgerliche Nichtbefassung muss aufhören. Sodann: die Deutschsprachigen sind auch hier wieder willfähriger als andere. Dass es noch immer mit Hitler zusammenhängt, glaube ich nicht. Diejenigen, die dies noch beeinflussen könnte, sind jetzt 70 plus. Also: Deutsche reden auch hier gerne englisch, wenn es gar nicht nötig ist. Ein französischer Kollege, bedeutender Germanist, Jean-Marie Valentin, kommt zurück von einem Kolloquium aus der Slowakei: "Alle haben deutsch gesprochen, nur die Deutschen englisch!". Es ging um deutsche Literatur. Oder die Slawisten machen für Slawisten ein Kolloquium zu slawistischen Problemen. Es soll auf Englisch stattfinden, obwohl alle Teilnehmer alles in irgendeiner slawischen Sprache verstehen. Vielleicht - was weiß ich - ärgern sich dann die Polen, weil das Russische dominiert.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft soll mitfinanzieren. Wird sie es wagen, "nein" zu sagen? Also: wenn englisch, dann nicht? Hier englisch zu reden ist doch die Sinnlosigkeit selbst. Weiter: wir brauchen in den einzelnen Fächern Terminologiekommissionen, die für die englischen Termini deutsche Entsprechungen vorschlagen. Nur vorschlagen. Zwingen kann man niemanden, klar. Die Deutsche Akademie hat solche Kommissionen vorgeschlagen - kein Echo, nirgends. Was die nur von einer Sprache ausgehenden Konzeptualisierungen betrifft, ist die Sorge schnell ausgesprochen. Lässt sie sich aber konkretisieren? Welcher wissenschaftliche Begriff wurde nur von welcher Sprache aus möglich? Darauf möchte ich eine Antwort. Trotzdem, zugegeben: so allgemein gesagt, ist es nicht zurückzuweisen. Es mag etwas dran sein. Aber müssten dann nicht die monoglotten Anglophonen wissenschaftlich verkümmern? Die Politikberatung muss in den jeweligen Sprachen erfolgen. Auch übrigens die auch wichtige publizistische Darstellung von Forschungsergebnissen. Tut sie ja aber auch. Geht doch gar nicht anders. Eben komme ich zurück von der Eröffnung des "Freiburg Institute for Advanced Studies". Da wurde zum Teil englisch geredet - etwa vom Direktor des "Institute for Advanced Study" in Princeton. Wie sollte aber Professor Peter Goddard deutsch reden? Das ganze neue Freiburger Institut ist stark anglisiert, weil weltweit Forscher herbeigeholt werden sollen. Kann man da einfach sagen: die sollen deutsch lernen?
Oder soll man, wenn es nicht deutsch geht, ganz darauf verzichten? Ist es nicht positiv, dass da jetzt eine Sprache ist, wie schlecht auch immer gesprochen, die alle verstehen? Dass diese Sprache das Englische ist - muss man es nicht einfach akzeptieren? Sehr problematisch wäre nur, wenn auch im deutschsprachigen Raum nur noch englisch gelehrt und geschrieben und schließlich ‚gedacht’ würde. Kann aber davon im Ernst die Rede sein? Wo wird denn vor deutschsprachigen Studenten, außer in der Anglistik, mehr als nur gelegentlich englisch gelehrt? Dann: ich bin Romanist, im Blick auf Frankreich und dann die riesige spanischsprechende Welt habe ich viel Anschauung, und da ist es nun noch ausgeschlossener, wenn der Komparativ angeht, dass man auf das Französische oder das Spanische in den Wissenschaften verzichtete. Ich bin gern bereit, mich mitzuängstigen und mitzuzittern, aber ich möchte es etwas konkreter begründet haben...
Owe Jessen schreibt: Einwand
Bei anderen Wissenschaften kenn ich mich nicht aus, aber zum Deutschen in der BWL muß ich doch etwas anmerken:
In 3/4 der Fälle sind betriebswirtschaftliche Artikel, die auf deutsch geschrieben werden, das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden - gute Arbeiten sind fast immer englisch und kommen aus den Vereinigten Staaten. Man mag jetzt darüber streiten, ob das an den Journalen liegt, die noch deutsch veröffentlichen oder ob einfach die BWL in Deutschland nicht konkurrenzfähig ist.
So sehr man den Trend weg vom Deutschen in der Wissenschaft auch bedauern mag, so ist er doch für die Autoren sinnvoll: Ihr Ziel ist Kommunikation, sie wollen sich möglichst vielen anderen Wissenschaftlern verständlich machen (nicht zuletzt auch, um von diesen zitiert werden zu können). Durch Publikation in englisch maximiert ein Wissenschaftler also seine potentielle Reichweite.
Fionn Huber schreibt: Wie steht es mit einer "Germanophonie"?
Deutschland geniesst heute grosses Ansehen, nichtzuletzt weil das Land eltexportmeister ist. Ist es nun Zeit, das Konzept einer "Germanophonie" zu pflegen und voranzutreiben? Genauso wie die Franzosen ihre Francophonie pflegen - insb. die Präsidenten Frankreichs, die immer wieder auf Reise irgendwo in der Francophonie sind.