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Forum:

In welchem Geist wachsen Weltsprachen?

Im neuesten Kapitel unseres Vorabdrucks vertritt Jutta Limbach die These, dass die "besondere Offenheit der Briten für verschiedene Kulturen den Aufstieg der englischen Sprache" begünstigt habe. Mit Ironie und Einfühlungsvermögen gingen sie mit der allgemeinen Verwässerung ihrer Sprache um und schafften damit eine Voraussetzung für deren Weltsprachestatus. Ist diese Haltung vorbildhaft für uns Deutsche? In welchem Geist wachsen Weltsprachen?

zum Textauszug

Beiträge

08.05.2008 | 16:31 Uhr

Paul Kirchhof: Anderen etwas bieten

Weltsprachen wachsen in dem Geist, in dem die Sprecher denken und handeln. Politische Machthaber, Generäle, Entdecker neuer Kontinente, grenzüberschreitend tätige Wirtschaftsunternehmen, Erfinder, Wissenschaftler, Poeten und Filmemacher bringen ihre Sprache in eine fremde Welt. Ob diese Sprache angenommen wird, hängt von der Schönheit und Ausdruckskraft der Sprache, ebenso von der Neugierde und Offenheit der Angesprochenen ab.

Ist eine Sprache in der Lage, das Begreifen und die Begriffe einer anderen Sprachkultur aufzunehmen, wird sie Menschen eher für sich gewinnen, als wenn sie sich gegen das Fremde und Ungewohnte abschirmt. Ist eine Erfindung bedeutsam, eine wissenschaftliche Lehre überzeugend, ein Gedicht ergreifend, Film oder Theater bewegend, so erreicht die Sprache den Betroffenen mit der Faszination von Form und Gedanken.

Gefestigte Wirtschaftsbeziehungen oder langjährige Zusammenarbeit in der Forschung entwickeln eine gemeinsame Sprache. Politische und militärische Herrschaft kann Sprechweisen erzwingen, provoziert aber auch Gegenwehr. Eine Weltherrschaft auch der Sprache wird sich nur begründen lassen, wenn sie die Lebensbedingungen der Menschen verbessert und in ihren Handlungsprinzipien, insbesondere ihren Verfassungsstrukturen und ihrer Menschenrechtspraxis, überzeugt.

Sprache ist Ausdruck von Wissen, Wollen, Wirklichkeit. Wer anderen Menschen und anderen Völkern wertvolle Kenntnisse, erstrebenswerte Lebensformen, einsichtiges Recht und ansprechende Kunst anbieten kann, wird erleben, dass die anderen ihm entgegengekommen, ihm begegnen wollen, das Gespräch mit ihm suchen. Damit öffnet sich die Tür für eine Sprache.

Kommentare

12.05.2008 | 20:38 Uhr
Reinhardt Wassenich schreibt: In welchem Geist wachsen Weltsprachen

Sprachen im Grossen und Ganzen wachsen nicht. Sprachen entwickeln sich mit dem Lebensstil (z. B.) der Bevoelkerung. Im Vergleich mit den Deutschen, haben die englischsprechenden Laendern keine Absicht ihre Sprache zu aendern und zu erneuern.

Man kann dort Worte gebrauchen, die schon 300 Jahre oder zwei Tage alt sind. Kein Wort ist 'altmodisch' solange es den Geist einer Sache trifft. Deutschland ist das einzige Land, wo man krankhaft nach Fremdwoertern sucht, um gebildet zu klingen. Aber diese Leute klingen eingebildet! In Deutschland werden viele Worte nicht gebraucht, weil sie 'altmodisch' sind. Durch diesen Sprachgebrauch verarmt die Sprache, durch die verbleibende enge Wortauswahl verliert sie so viel von ihrer Staerke, man braucht nur wenig Fremdwoerter, fuer jedes Fremdwort existiert ein gutes deutsches Wort - auch wenn es schon seit 200 Jahren in Gebrauch ist.
Erik Wassenich



08.05.2008 | 16:30 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Es geht auch mit Ironie und amüsiertem Blick

Wie wird eine lebende Sprache eine Weltsprache? Interessant, dass man sich heute eine andere Frage kaum noch vorstellen kann: Wie kommen wir zu einer künstlichen Weltsprache? Ausgeträumt ist der Traum von Esperanto und nur erst angeträumt der von einer maschinellen Übersetzbarkeit, wie sie apriorische Computersprachen à la Basic oder Pascal versprechen. Es führt also kein Weg vorbei an den natürlichen Sprachen und damit am Wettbewerb. Nach dem Motto "Einer wird gewinnen" scheint die Frage: Wie macht man das?

Jutta Limbach nennt Kriterien und Beispiele. Politische und wirtschaftliche Potenz nützen ebenso etwas wie kulturelle Anziehungskraft und Offenheit für Aufnahme auch von Fremdem. Mit all dem hätten es jedenfalls die Engländer zur Weltsprache gebracht. Kein Diktat, aber Druck oder auch nur die Macht des Faktischen. Natürlich, möchte man sagen. Aber warum dann die ständig geführte Klage, dass in Deutschland etwas verschlafen wurde und immer noch wird? Dass man sich anstrengen, Fantasie walten lassen müsse? Wo das Englische doch gerade zeigt, dass es sogar mit Ironie und amüsiertem Blick auf allerlei Probleme (wie die zahlreichen eingeschleppten Varianten, die die Engländer selbst kaum noch verstehen) zur Weltsprache wurde.

Genau da scheint doch der springende Punkt zu liegen: Natürlich ist jede der dreiundzwanzig in Brüssel vertretenen Sprachen gleichberechtigt. Jede könnte Weltsprache werden, aber niemand könnte eine von ihnen dazu machen. Weltsprachen entstehen eben. Man kann Gründe dieses Entstehens angeben, aber keine Didaktik des Entstehens formulieren. Im Übrigen sind Weltsprachen lediglich Verkehrssprachen, Sprachen, die man aus praktischen Gründen im internationalen Verkehr (und schon sehr viel weniger zum Beispiel in der Wissenschaft) bevorzugt. Das macht jede Diskussion um eine zweite oder dritte Verkehrssprache wenig sinnvoll.

Fazit? Der Begriff Weltsprache und noch mehr die Fahndung nach deren Geist verführt zur Mystifizierung (und nicht zuletzt zum Wettbewerb). Verkehrssprache wäre schlicht besser und würde die Diskussion von der überflüssigen Frage entlasten, wie das Deutsche irgendwie doch noch ein Stück vom Kuchen ‚Welt’ abbekommen kann.

Kommentare


08.05.2008 | 16:26 Uhr

Helmut Glück: (Militär-)Macht ist entscheidend

Weltsprachen erwachsen nicht aus dem Geist, sondern aus der Macht, namentlich der militärischen. Sprachen sind Dialekte, die über ein stehendes Heer verfügen, sagt ein ziemlich realistischer Sarkasmus. Auch in der Welt der Sprachen ist die Machtfrage zentral. Der Geist weht hinterher – wenn er will. Manchmal lässt er das auch bleiben.

Das Griechische breitete sich infolge der Kriegszüge Alexanders aus, nicht deshalb, weil man in Ägypten oder Syrien Platon lesen wollte. Das war eine Folge, keine Ursache. Der Siegeszug des Lateinischen hatte vor allem mit der Kampfkraft der römischen Legionen zu tun, weniger mit Cicero und Seneca. Das Arabische verbreitet sich von Westafrika bis nach Hinterindien als Sprache effizienter Glaubenskrieger. Die Sprache der Wissenschaften und der Philosophie wurde es erst danach.

Ähnliches gilt für andere Sprachen, die einzelne Weltteile überspannten:
das Chinesische, das Spanische und das Portugiesische (als Kolonialsprachen), das Französische (nach dem Dreißigjährigen Krieg), das Russische (vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg) und auch das Englische. Die Wurzeln seiner Weltgeltung liegen im 18. Jahrhundert, als das britische Empire entstand. Britanniens abtrünnige Kolonien in Nordamerika stiegen infolge der großen Kriege des 20. Jahrhunderts zur Weltmacht auf. Deshalb ist das Englische heute Weltsprache, nicht, wie Frau Limbach meint, wegen der Weltoffenheit britischer Intellektueller und ihres Humors.

Kommentare

08.05.2008 | 17:57 Uhr
Andreas Schulz schreibt: In der Welt der Sprache ist nicht nur die militärische sondern ebenso die geistige Macht entscheidend

Dazu möchte ich nur Werner Heisenberg zitieren: "Wenn in Deutschland wissenschaftliche und künstlerische Leistungen entstanden sind, die die Welt verändert haben - man kann ja an Hegel und Marx, an Plank und Einstein, oder in der Musik an Beethoven und Schubert denken -, so ist das nur durch die Beziehung zum Absoluten, durch das prinzipielle Denken bis zur letzten Konsequenz möglich gewesen.

Also nur dort, wo sich das Streben nach dem Absoluten dem Zwang der Form unterordnet, in der Wissenschaft dem nüchternen logischen Denken [...], nur dort, nur in dieser äußersten Spannung kann es seine wirkliche Kraft entfalten. Sobald es die Form sprengt, führt der Weg ins Chaos [...]" (W. Heisenberg, "Der Teil und das Ganze, Gespräche im Umkreis der Atomphysik"). Militärische Macht als Voraussetzung für den Weltsprachestatus ist hier nicht aufgeführt. - Apropos "hinterherwehen": Das selbständige Preußen hat erst NACH Gründung der Berliner Universität keinen Krieg mehr verloren...



08.05.2008 | 16:23 Uhr

Hans Cristoph Buch: Beängstigend erfolgreiche Kulturoffensiven

Ich weiß weder, in welchem Geist Weltsprachen wachsen (was soll das heißen?), noch ob und wie sich die Mehrsprachigkeit in Europa behaupten wird, denn ich bin kein Prophet (nicht mal ein rückwärtsgewandter), nur ein kritischer Beobachter des Zeitgeists, früher Schriftsteller genannt.

Aber ich sehe, dass Indien und China sehr selbstbewusst, manchmal sogar aggressiv auf der internationalen Bühne agieren, um ihren Stimmen im Chor der westlichen Industrienationen Gehör zu verschaffen, zwei Großmächte, deren Kulturoffensiven geradezu beängstigend erfolgreich sind - man denke nur an Bollywood-Filme und die Vielzahl neuer Sprachinstitute, mit denen China die Vorherrschaft des Englischen zu brechen versucht. Nimmt man noch den Siegeszug der japanischen Kultur auf Gebieten wie Kochkunst, Film, Literatur und Mode hinzu, dann zeigt sich schon jetzt, dass und wie die globalisierte Welt heute, verglichen mit der Situation vor 20, 30 Jahren, sich verändert hat.

Setzt dieser Trend sich fort, dann findet der Kampf um kulturelle Hegemonie nicht zwischen Europa und Nordamerika, sondern zwischen Asien (Indien, China und Japan) einerseits und den islamisch geprägten Kulturen andererseits statt. Aber das sind an Oswald Spengler oder Samuel Huntington erinnernde Endzeitvisionen, bei denen die notwendige Differenzierung und Diversifizierung der Kultur unter den Tisch fällt.

Was unter dem Strich übrigbleibt, ist die Tatsache, dass Deutschland seine Sprache und Kultur im Innern wie nach außen selbstbewußter vertreten muss - am besten in Kooperation mit Frankreich, das vor ähnlichen Problemen steht und von dem in kulturpolitischer Hinsicht viel zu lernen ist!

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08.05.2008 | 16:20 Uhr

Thomas Paulwitz: "We are not amused!"

Jutta Limbach freut sich über die entspannte Haltung von Briten, die "Chinglish, Hinglish, Singlish, Spanglish" und andere Sprachmischungen als "amüsante Verballhornungen" ("amusing corruptions") der englischen Sprache betrachten. Sie empfiehlt diese "Geisteshaltung" den Deutschen, die sich über Denglisch ärgern, als Vorbild. Aus mehreren Gründen ist das ein schiefer Vergleich.

Erstens: Nicht die Lockerheit der Briten hat Englisch zu einer Weltsprache gemacht, sondern der britische Imperialismus. Doch statt den Kolonialismus beim Namen zu nennen, schreibt Limbach verharmlosend von der "besonderen Offenheit der Briten für verschiedene Kulturen", die den Aufstieg der englischen Sprache begünstigt habe. Daß die Briten als Seefahrer- und Handelsnation aufgeschlossen gegenüber anderen Kulturen sind, kann man kaum abstreiten. Doch besitzen wir Deutschen diese Offenheit etwa nicht? Ich glaube, als Nation in der Mitte Europas, die wie kaum eine andere seit Jahrhunderten mit so vielen Kulturen in Berührung gekommen ist, müssen wir uns nicht in diese Ecke stellen lassen.

Zweitens: Englisch ist eine Weltsprache, Deutsch auch (noch). Trotzdem kann man beide nicht auf die gleiche Stufe stellen, wie Jutta Limbach das tut. Muß man wirklich betonen, daß Englisch weiter verbreitet ist als Deutsch? Muß man wirklich darauf hinweisen, daß die Bedeutung von Englisch weltweit wächst, während die Stellung der deutschen Sprache immer schwächer wird? Als Sprecher einer Sprache, die sich ausbreitet und deren Beherrschung Millionen Menschen erstreben, brauche ich mir keine großen Sorgen zu machen und kann mich entsprechend locker zeigen. Als Sprecher einer Sprache, die national und international um Anerkennung ringen muß, kann ich es mir hingegen nicht leisten, entspannt der Dinge zu harren, die da kommen mögen. Ich glaube statt dessen, daß wir uns anstrengen müssen.

Drittens: Wer über den Gartenzaun schaut, der mag sich darüber amüsieren, wenn er hört, wie die Nachbarn radebrechend seine Sprache mit der ihrigen verpanschen. Zu Hause bleibt seine Sprache ja unverhunzt. Gar nicht lustig wird es aber, wenn plötzlich die Sprache im eigenen Hause betroffen ist. Mögen sich die Engländer über Spanglish oder Denglisch amüsieren, für uns ist es eine ernste Angelegenheit, wenn unser Wortschatz verarmt und unverständlich wird. Darüber hinaus ist den Briten das Schicksal ihrer Sprache im Ausland vermutlich nicht so gleichgültig, wie Limbach offenbar annimmt. Viele leiden unter der Verunstaltung ihrer Sprache zu einem Globalesisch. Ich glaube also, daß wir uns nicht entspannt zurücklehnen sollten. Irgendwann hört nämlich der Spaß auf. "Amusing corruptions"? Um mit Viktoria, der einstmaligen Kaiserin von Indien, zu antworten: "We are not amused!"

Sprachbewußtsein, Sprachtreue und Sprachliebe: In diesem Geiste und mit selbstbewußter Sprachpolitik wachsen Weltsprachen!

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]

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08.05.2008 | 16:17 Uhr

Rudolf Hoberg: Bedeutende Rolle des Deutschen

Ob Weltsprachen in irgendeinem "Geist wachsen", weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass vor allem drei Faktoren den übernationalen Rang einer Sprache bestimmen:
- die große Zahl der Mutter- und Zweitsprachensprecher; Englisch steht, was viele nicht wissen, in dieser Hinsicht an zweiter Stelle der "Weltrangliste";

- die historisch–kulturell–"ästhetische" Bewertung; hier liegt beispielsweise die Begründung für die nach wie vor große Bedeutung des Französischen;

- die politisch–wirtschaftliche Position einzelner Sprachgemeinschaften; dieser Faktor hat zur heutigen Vorrangstellung des britischen und amerikanischen Englisch geführt.

Was die Zahl seiner Mutter- und Zweitsprachensprecher angeht, steht Deutsch in der Europäischen Union an erster und in der Welt etwa an zwölfter Stelle; wirtschaftlich und vielleicht auch politisch gehört Deutschland zu den einflussreichen Nationen; kulturell spielt es in bestimmten Bereichen - etwa in der Philosophie und der Musik, weniger leider in der Literatur – eine bedeutende Rolle. Ob Deutsch zu den Weltsprachen gehört, hängt davon ab, wie man diesen Begriff definiert und wie viel wir selbst für unsere Sprache tun.

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08.05.2008 | 15:32 Uhr

Gerhard Schulz: Welche Sprache lernt der Optimist?

Die Frage erscheint mir recht undeutlich und unpräzis: "Weltsprachen" – also im Moment wohl das Englische – wachsen nicht wie die Haare auf dem Kopf, der Wald auf den Bergen oder die Rosen im Garten. Und mit "Geist", diesem unübersetzbaren, etwas vagen und schwer faßbaren deutschen Wort, haben Sprachen wohl unmittelbar am wenigsten zu tun.

Den haben bestenfalls ihre Benutzer, und das wird ein sehr unterschiedlicher "Geist" sein, so unterschiedlich wie derjenige der Kolonialherren und derjenige der Kolonisierten oder einstmals Kolonisierten, die dennoch die gleiche Sprache sprechen. Vorsicht also mit solchen Pauschalisierungen. "Weltsprachen" entstehen durch die Ausbreitung politischer Macht sowie technischer und wirtschaftlicher Dominanz in deren Einflussgebieten. Russisch zum Beispiel war einmal auf dem Wege zu einer Weltsprache, als die Sowjetunion den Anspruch erhob, den Sozialismus bereits über ein Sechstel der Erde ausgebreitet zu haben und mit ihm nun die Zukunft der Menschheit zu repräsentieren. Daraus ist dann nichts geworden, wie wir wissen. Damals gab es den etwas plumpen Witz, der Optimist lerne Russisch, der Pessimist chinesisch.

Wie aber steht es mit dem Deutschen dort, wo das Englische tatsächlich "Weltsprache" geworden ist? Wenn man an den Universitäten offiziell den Grad eines "Bachelor" (sprich: Betschelor) oder "Master" etabliert, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch anderswo Englisches durchsickert. Das wird sich ebensowenig verhindern lassen wie das Ticket im Flugverkehr oder der Outlook Express im Computer. Es sind freilich Bereiche, die Sprachgrenzen überschreiten. Ob sich Bahn und Post mit ihren vielen Anglizismen auf das gleiche hinausreden können, ist fraglich. Und kritisch wird es ganz und gar, wenn auf der Absolventenfeier einer deutschen Universität davon gesprochen wird, dass diese Institution "dem Teamspirit committed" sei. Da ist ein Virus eingedrungen.

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08.05.2008 | 15:02 Uhr

Jürgen Trabant: Die Sprachkiller-Wirkung des Globalenglischen

Wir wissen einigermaßen sicher, daß die Zahl der (muttersprachlichen) Chinesisch-, Hindi- und Spanisch-Sprecher zunehmen und die der englischsprachigen Muttersprachler im Verhältnis dazu abnehmen wird. Das ist aber kein Grund für einen Aufstieg des Chinesischen oder Hindi zu Weltsprachen.

Die chinesische Schrift, die in China selbst die innerchinesischen Sprach-Differenzen überwindet, dort also "Welt-Schrift" ist, dürfte ein echtes Hindernis für die "weltsprachliche" Verbreitung des Chinesischen sein. Das sprachliche Medium des wirtschaftlichen Aufstiegs Indiens ist doch sowieso das Englische, niemand wird Hindi lernen, die Inder selbst verwenden es (wie die anderen vielen Sprachen des Subkontinents) ja wesentlich nur als Nähesprache. Von hier droht dem Englischen also keine Konkurrenz. Allenfalls könnte Lateinamerika seine beiden großen Sprachen - Spanisch, Portugiesisch - gegen das Englische in Stellung bringen. In Amerika selbst also könnte das Englische geschwächt werden.

Dennoch: Soweit wir heute sehen können: keine Gefahr für die Weltsprache Englisch, im Gegenteil. Allerdings: für die Anhebung der Stimmung beim business ist es immer schön, "ich liebe Ihr Land", "nirgendwo ist es so schön wie hier" und "wie geht es Ihrer Frau?" in der jeweiligen Landessprache zu könnnen.

Das Deutsche wird natürlich weiter an europäischer Bedeutung verlieren, die jungen Polen, Ungarn etc. lernen immer weniger Deutsch. Das hat nicht nur mit der Sprachkiller-Wirkung des Globalenglischen zu tun, sondern viel auch damit, dass die Deutschen selbst ihre Sprache in ihrem eigenen Land systematisch schwächen - trotz der so sympathisch optimistischen Ausblicke von Frau Limbach.

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08.05.2008 | 12:43 Uhr

Wolfgang Frühwald: Geist der Sprachkultur

Mir scheint, dass die wirtschaftlichen Aspekte der Einheitssprache in allen Diskussionen - auch bei Jutta Limbach - zu sehr im Vordergrund stehen. Selbstverständlich ist für Wirtschaftsverhandlungen und wissenschaftliche Kooperation Englisch als Konferenzsprache inzwischen unentbehrlich.

Aber dafür genügt ein reduziertes Englisch, dafür bedarf es nicht der Kenntnis von Shakespeare, Keats und Shelley. Wenn es aber um das Wachsen von Weltsprachen geht, sollte schon nach Shakespeare, Keats und Shelley gefragt werden oder für das Deutsche nach Luther, Goethe, Thomas Mann. Der Triumph, den die griechische Kultur und die griechische Weisheit in der Antike errungen hat, wurde von Schiller bereits als ein Produkt des politischen Niedergangs der griechischen Polis gekennzeichnet. Auch die deutsche Klassik (und ihr ungeheuerlichen Leistungen im Sprachlichen) entstand auf den Trümmern des alten Reiches. Könnte es nicht sein, dass allzu viele wirtschaftliche und politische Anstrengungen, eine Sprache international zu etablieren, weniger ausrichten, als eine konsequente Sprachpflege zuhause?

Könnte es nicht sein, dass es Menschen in allen Ländern der Erde gibt, die sogar Kant und Hegel in der Originalsprache lesen wollen? Aus diesem Geiste, aus dem der Sprachkultur, wachsen m.E. Weltsprachen.

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08.05.2008 | 12:22 Uhr

Hans-Martin Gauger: Da ist etwas am Englischen

Wieder kann man Frau Limbach nur ergänzen, nicht kritisieren. Wieder diese eigensinnige Vernünftigkeit! Also sage ich nur dies. Das Englische wurde nicht wegen besonderer ihm innewohnender Qualitäten zur Weltsprache und auch (und mehr noch) zur internationalen Verkehrssprache der Wissenschaften. Diese Gründe sind äußerlich, was den Charakter dieser Sprache angeht. Sie haben mit ihr selbst nichts zu tun.

Sehen wir mal ab, so schwer es ist, von der katastrophalen Schreibung des Englischen, der so geringen Entsprechung zwischen Lautung und Schreibung. Tatsächlich aber hat das Englische in seinem Wortschatz etwas, was es als Weltsprache, zumindest aus europäischer Sicht, gut geeignet macht. Aus ‚europäischer Sicht’ - aber auch Nord-, Mittel- und Südamerika und Australien, weithin auch Indien, sind in sprachlicher Hinsicht europäisch. Ich meine dies: der Wortschatz des Englischen ist vollkommen offen für andere Sprachen - vor allem für die beiden klassischen, das Lateinische und das Griechische. Und diese haben auch alle anderen europäischen Sprachen sehr stark geprägt, ganz besonders natürlich alle romanischen, da diese ja direkt vom Lateinischen herkommen und eigentlich bis heute nur verschieden entwickeltes Latein sind. Ein berühmter englischer Lexikograph, Henry Bradley, hat witzig erklärt: "it has come to be felt, that the whole Latin vocabulary is potentially English".

In der Tat: aus jedem lateinischen Wort kann man ein englisches machen. Die häufigsten Wörter des Englischen sind germanisch, aber die allermeisten bei weitem in einem Wörterbuch sind lateinisch und griechisch. Und es gibt im Englischen nicht einmal den Begriff "Fremdwort". Es gibt - für das ‚Sprachgefühl’ der Anglophonen - keine "foreign words", sondern nur "schwierige Wörter", "hard words". Das ist aber etwas ganz anderes. Kein Anglophone meint, die würden da eigentlich nicht reingehören. Dies heisst nun konkret, dass sehr sehr viele Ausdrücke etwa der wissenschaftlichen Disziplinen praktisch nur leicht deformierte lateinische oder griechische Wörter sind, die etwa dem deutschen Mediziner ohnehin als Fachfremdwörter schon vertraut sind. Der muss da kaum übersetzen. Und der französische und der spanische usw. auch nicht. So wurden umgekehrt aus Freuds deutscher Terminologie "Es", "Ich" und "Über-Ich" auf natürlichste Weise englisch, es ist aber bloß Latein: "id", "ego" und "super-ego". Und jetzt sagen manche Deutsche schon "Superego"! Ich glaube nicht, dass man vom "Geist" einer Sprache reden kann (außer metaphorisch). Aber wie immer: da ist etwas im Englischen, das dem "Weltsprachecharakter", den es aus anderen Gründen erhalten hat, tatsächlich entgegenkommt.

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08.05.2008 | 20:52 Uhr
Franz Müller schreibt: There is something about the English Language

Ich pflichte Ihnen bei. Englisch hat viele Vorteile. Es hat einen unglaublich reichen Wortschatz, der denjenigen aller anderen Sprachen bei weitem übertrifft. Zwar ist die sprachliche Differenzierung durch Beugung von Haupt- und Zeitwörtern geringer als im Deutschen, aber Englisch hat eine viel tiefere Differenzierung über Bildung eigenständiger Wörter ausgebildet.

Wer mal einen anspruchsvollen englischen Roman gelesen hat, weiß, wovon ich spreche. Zwar mögen 1,5 Milliarden Menschen auf begrenztem Raum Chinesisch als Muttersprache sprechen, aber die zweite Milliarde ist gerade dabei, die englische Sprache als Zweitsprache zu erlernen und das über die ganze Welt verstreut. Auf englisch kann man sich auch in Deutschland mit Menschen verschiedenster Nationalitäten - unter anderem auch Chinesen - unterhalten. Keiner versteht die Muttersprache des anderen, aber alle klinken sich ins Englische ein und können miteinander kommunizieren. Das ist ein Megaerlebnis.


08.05.2008 | 15:55 Uhr
Andreas Schulz schreibt: Warum sollte man nicht vom "Geist" einer Sprache reden können?

Warum sollte man eigentlich vom "Geist" einer Sprache nur im übertragenen Sinne reden können? Als sprachwissenschaftlicher Laie habe ich bisher angenommen, dass der Geist der lutherschen Bibelübersetzung eine prägende Stellung in der Entwicklung der deutschen Sprache einnahm, so wie es in Preußen etwa der "Geist" des Pietismus war, der mit den Boden für die preußische Aufklärung bereitete, auf diese Weise weitreichenden Einfluss auf Gesellschaft, Institutionen und selbst die Entwicklung der Naturwissenschaften in Preußen ausübte und so zur Formung des Persönlichkeitsbildes und mithin auch der Sprache der Bürger wie auch der Wissenschaft beitrug.

(Nachzulesen etwa im jüngst erschienen Buch "Preußen" von Christopher Clark, 2. Auflage 2007, S.154ff.). Meiner Ansicht nach steckt in der Formulierung vom "Geist" einer Sprache doch ein rationaler Kern.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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