13.05.2008 | 11:05 Uhr
Gerhard Schulz: Keine Panik
Steht uns wirklich eine neue sprachliche "Weltordnung" bevor? Ein großes, ein sehr deutsches Wort, das gut zur "Weltanschauung" passt. Die Angelsachsen haben letzteres in ihren Wortschatz übernommen, wohl weil sie nicht genau wissen, was sie sich darunter vorstellen sollen - "philosophy of life" oder "conception of the world" -, aber in Debatten, besonders über die Deutschen, passt es gerade deshalb ausgezeichnet. Ähnlich ver-schwommen ist es nun auch um die "sprachliche Weltordnung" bestellt. Die Welt jedoch ist immer am besten gefahren, wenn man sie ihren Lauf hat nehmen lassen; schlimm wurde es zumeist, wenn jemand Ordnung stiften wollte.
Was also wird aus dem Deutschen im Jahre 2050? Sollen wir da wirklich spekulieren? Ist die Geschichte nicht viel einfallsreicher als alle Spekulierer und Spekuliererinnen und hält Überraschungen bereit, manchmal sogar gute, von denen wir uns nichts träumen ließen? Wer 1988 prophezeit hätte, dass eine junge Frau, zur Zeit FDJ-Mitglied in Ost-Berlin, im Jahre 2008 gesamtdeutsche Bundeskanzlerin und Vorsitzende der CDU sein würde - man hätte diesem Propheten im Westen nicht einmal beim Karneval zugehört, im Osten des geteilten Deutschland aber ihn in gewisse trübe Räumlichkeiten der Stasi eingeladen. Und seit 1988 sind erst zwanzig Jahre vergangen.
Also keine Sorge um eine neue sprachliche Weltordnung. Ja, der Koloss China breitet seinen wirtschaftlichen Einfluß immer weiter und weiter aus. Das "Made in China" findet sich auf immer mehr Produkten, auf Kochtopf wie Laptop. Neulich hat der australische Regierungschef in Peking sogar eine Rede in Mandarin gehalten. Aber gerät damit schon die "sprachliche Weltordnung" durcheinander? Werden sich alle Inder tatsächlich einmal auf Hindi verständigen? Werden das die Tamilen und Bengalen mitmachen oder nicht doch lieber beim Englischen für alle bleiben? Fragen über Fragen.
Junge Menschen, die die Olympischen Spiele in Peking beobachten oder gar besuchen, werden nun vielleicht wirklich die Sprache der Chinesen lernen, woran sie früher nicht gedacht hätten. Aber was schadet das dem Deutschen? Der Wirkungsbereich einer Spra-che hängt eng mit dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Landes oder der Länder zusammen, in denen sie dominiert. Weltumspannend ist dieser Einfluss für die Deutschen allerdings nicht mehr - dafür haben sie selbst sehr aktiv und Unheil stiftend gesorgt. Aber muss solche Beschränkung nun schon Grund zu bitterer Klage sein? Wird das Deutsche seinen "regionalsprachlichen Status" verlieren - was immer das heißen soll?
"Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht, stellt es sich gleich das Ende vor", heißt es in Goethes Faust. Nein, kein Ende. Die Deutschen werden genauso wie die Italiener, Franzosen, Holländer, Dänen, Polen, Ungarn und viele viele andere Völker ihre Sprache sprechen, und wenn ihre Schriftsteller beiderlei Geschlechts gute Bücher schreiben, dann werden diese in andere Sprachen übersetzt, werden in aller Welt gelesen, und ein Chinese oder eine Inderin werden Deutsch lernen, um sie endlich im Original lesen zu können, wo sie dann noch schöner klingen.
Also keine Panik bitte und keine Untergangsstimmung.
Daniel Kleiner schreibt: Schwiezerduetsch ist auch nicht untergegangen,
obwohl man hochdeutsch schreibt. In Indien gibt es mehr als 20 Sprachen, in denen auch geschrieben wird. Es gibt über 100, die nur gesprochen werden. Die einheimischen Sprachen werden immer staerker benutzt. Englisch wird auch sehr stark verwendet, aber kaum mehr als frueher.
Weltweit wird Englisch auch nur als Mittel zur Verstaendigung verwendet.
Die Welt wird sicher keine englische Kultur am Ende haben ... (oder Kultur auf englisch). Bis heute ist Englisch noch nicht das, was einst Latein war...
Andreas Schulz schreibt: Selbstbewusstes Anbieten der Sprache
Bei dieser Forderung scheint es sich doch wohl eher um einen frommen Wunsch zu handeln: Kann man denn ein selbstbewusstes Angebot der deutschen Sprache in der Wissenschaft erwarten, wenn der "Wissenschaftsbetrieb", wie es in Deutschland schon geschieht oder noch stärker geschehen soll, nach amerikanischen Grundsätzen organisiert wird und etwa die Anzahl der erzielten "Impactpoints" in den Vordergrund gerückt wird?
Kann man sich ein selbstbewusstes Anbieten des Deutschen durch Unternehmen in der Zukunft vorstellen, wenn immer mehr private Hochschulen schon im Namen ihre programmatische Ausrichtung aufs Englische zu erkennen geben wie etwa die ESMT, eine von 25 deutschen Wirtschaftsunternehmen und Verbänden gegründete internationalen Managementschule, an der der Führungsnachwuchs ausschließlich in englischer Sprache unterrichtet wird? Kann man von "Law Schools" eine Neuentdeckung der Liebe zur deutschen Sprache erwarten? Auf das Ergebnis bin ich ebenso neugierig.
Johannes Wilm schreibt: Was kümmert's uns?
Warum sollte ich eigentlich daran interessiert sein, wie viele Millionen Leute in mehr als 40 Jahren die gleiche Sprache sprechen, die ich heute spreche? Soll ich mich davor fürchten, dass ich als einziger dann nur deutsch kann und am Laden an der Ecke keine Milch mehr kaufen kann, weil das dann nur auf Mandarin geht? Ist es die Angst davor, dass meine Enkel mit mir nicht mehr kommunizieren können und ich ihnen meine ganzen Lebensweisheiten nicht übertragen kann? Wie realistisch sind solche Szenarien wirklich?
Geht es nicht eigentlich hierbei darum, dass ich irgendwie daran interessiert sein soll, dass Schüler in Osteuropa, Skandinavien und anderswo freiwillig deutsch als Fremdsprache wählen? Was sollte mir das bringen? Sprachen sind dynamisch, und wie auch immer die Leute 2050 reden wollen, müssen sie selber entscheiden und können wir ihnen jetzt nicht aus grauer Vorzeit vorschreiben. Wir sollten das auch gar nicht probieren ...
Reinhardt Wassenich schreibt: Eine neue sprachliche Weltordnung
Was in den Medien, wie so vieles andere, übertrieben wird, sind Globalisierung und Welterwärmung. Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben in dem Land, in dem sie zur Welt kamen, machen vielleicht einige Urlaubsreisen ins Ausland, sprechen allerdings nur ihre Muttersprache. Chinesisch wird wohl auf wirtschaftlicher und technischer Basis eine wichtigere Sprache werden als die deutsche Sprache. Aber es ist unsinnig, von einer sprachlichen Rangordnung zu sprechen. Erik Wassenich