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Forum:

Eine neue sprachliche Weltordnung?

Steht uns durch den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens eine neue sprachliche Weltordnung bevor? - Die Zahl der Menschen, die Mandarin lernen, steigt schon jetzt rapide. Und was wird aus dem Deutschen – wird es 2050, wie in einem Bericht des British Council zu lesen, sogar seinen regionalsprachlichen Status verlieren? Diskutieren Sie mit - auch im Leserforum, wo weiter nach sinnvollen Anglizismen gefahndet wird.

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Beiträge

13.05.2008 | 11:29 Uhr

Paul Kirchhof: Auf das Ergebnis bin ich neugierig

Wirtschaftlicher Aufstieg stützt sich auf die Gemeinsamkeit der Sprache. Das Verhandeln und Vereinbaren, das Abstimmen von Produktion, Werbung und Verkauf, der Erfahrungsaustausch, das gegenseitige Anerkennen von Rechten, auch die Konfliktlösung vor Gericht setzen eine gemeinsame Sprache voraus. Wenn nun zwei oder mehr Weltsprachen aufeinander treffen, suchen die Beteiligten einen Weg praktischer Vernunft, kämpfen vielleicht auch mit Worten um Sprachherrschaft, werden sich aber bei der Verschiedenheit dieser Sprachen gegenseitig kaum verdrängen.

Es entsteht eine neue sprachliche Weltordnung, nicht die Herrschaft einer Weltsprache.
Darin liegt eine Chance für unsere Sprache. Die Musik von Bach und Beethoven, von Mozart und Schumann füllen die Konzertsäle in aller Welt. Deutsche klassische Dichter und Philosophen beeindrucken durch die Kraft ihrer Worte, damit auch durch ihre Sprache. Deutsches Verfassungsrecht und deutsches Privatrecht, neuerdings auch Umweltrecht und Strafrecht werden bei der Suche nach Vorbildern eher unauffällig beachtet, aber zunehmend als ein bedeutsames Stück Rechtskultur erkannt.

Einige Unternehmer, Erfinder und Wissenschaftler entdecken ihre Liebe zur deutschen Sprache neu. Deswegen sollten wir nicht Verlust- und Niedergangszenarien entwickeln, sondern selbstbewusst die Sprache anbieten, genießen und verbreiten, auf die unsere Kultur, unser Verfassungsstaat, unser Alltag bauen. Auf das Ergebnis bin ich neugierig. Und diese Neugierde will ich mir nicht durch Sprachängstlichkeit nehmen lassen.

Kommentare

14.05.2008 | 11:52 Uhr
Daniel Kleiner schreibt: Schwiezerduetsch ist auch nicht untergegangen,

obwohl man hochdeutsch schreibt. In Indien gibt es mehr als 20 Sprachen, in denen auch geschrieben wird. Es gibt über 100, die nur gesprochen werden. Die einheimischen Sprachen werden immer staerker benutzt. Englisch wird auch sehr stark verwendet, aber kaum mehr als frueher.
Weltweit wird Englisch auch nur als Mittel zur Verstaendigung verwendet.

Die Welt wird sicher keine englische Kultur am Ende haben ... (oder Kultur auf englisch). Bis heute ist Englisch noch nicht das, was einst Latein war...


14.05.2008 | 11:17 Uhr
Andreas Schulz schreibt: Selbstbewusstes Anbieten der Sprache

Bei dieser Forderung scheint es sich doch wohl eher um einen frommen Wunsch zu handeln: Kann man denn ein selbstbewusstes Angebot der deutschen Sprache in der Wissenschaft erwarten, wenn der "Wissenschaftsbetrieb", wie es in Deutschland schon geschieht oder noch stärker geschehen soll, nach amerikanischen Grundsätzen organisiert wird und etwa die Anzahl der erzielten "Impactpoints" in den Vordergrund gerückt wird?

Kann man sich ein selbstbewusstes Anbieten des Deutschen durch Unternehmen in der Zukunft vorstellen, wenn immer mehr private Hochschulen schon im Namen ihre programmatische Ausrichtung aufs Englische zu erkennen geben wie etwa die ESMT, eine von 25 deutschen Wirtschaftsunternehmen und Verbänden gegründete internationalen Managementschule, an der der Führungsnachwuchs ausschließlich in englischer Sprache unterrichtet wird? Kann man von "Law Schools" eine Neuentdeckung der Liebe zur deutschen Sprache erwarten? Auf das Ergebnis bin ich ebenso neugierig.


14.05.2008 | 03:56 Uhr
Johannes Wilm schreibt: Was kümmert's uns?

Warum sollte ich eigentlich daran interessiert sein, wie viele Millionen Leute in mehr als 40 Jahren die gleiche Sprache sprechen, die ich heute spreche? Soll ich mich davor fürchten, dass ich als einziger dann nur deutsch kann und am Laden an der Ecke keine Milch mehr kaufen kann, weil das dann nur auf Mandarin geht? Ist es die Angst davor, dass meine Enkel mit mir nicht mehr kommunizieren können und ich ihnen meine ganzen Lebensweisheiten nicht übertragen kann? Wie realistisch sind solche Szenarien wirklich?
Geht es nicht eigentlich hierbei darum, dass ich irgendwie daran interessiert sein soll, dass Schüler in Osteuropa, Skandinavien und anderswo freiwillig deutsch als Fremdsprache wählen? Was sollte mir das bringen? Sprachen sind dynamisch, und wie auch immer die Leute 2050 reden wollen, müssen sie selber entscheiden und können wir ihnen jetzt nicht aus grauer Vorzeit vorschreiben. Wir sollten das auch gar nicht probieren ...


13.05.2008 | 19:26 Uhr
Reinhardt Wassenich schreibt: Eine neue sprachliche Weltordnung

Was in den Medien, wie so vieles andere, übertrieben wird, sind Globalisierung und Welterwärmung. Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben in dem Land, in dem sie zur Welt kamen, machen vielleicht einige Urlaubsreisen ins Ausland, sprechen allerdings nur ihre Muttersprache. Chinesisch wird wohl auf wirtschaftlicher und technischer Basis eine wichtigere Sprache werden als die deutsche Sprache. Aber es ist unsinnig, von einer sprachlichen Rangordnung zu sprechen. Erik Wassenich



13.05.2008 | 11:19 Uhr

Wolfgang Frühwald: China lernt von deutschen Institutionen

Ein neues Sprachenregime der Welt steht uns ohne Zweifel bevor, es hat bereits begonnen, weil die chinesische Kulturoffensive in Asien großen Einfluss hat und die Gründung der chinesischen Konfuziusinstitute (unseren Goethe-Instituten nachgemacht) ebenso auf den Willen dieser Großmacht hinweist, auch kulturell Einfluss zu bekommen, wie die Gründung einer Stiftung, die der Humboldt-Stiftung abgeschaut ist.

Indien diskutiert gerade ernsthaft, ob es innerhalb von 20 Jahren seine derzeit 350 Universitäten auf die Zahl von 1.500 erweitern soll, um den Mangel an gut ausgebildeten
Lehrern zu beheben. Mit diesen Kulturanstrengungen wird nur Europa mithalten können, in einem vereinten Europa aber die (kulturell) großen und einflussreichen Sprachen.

Die Voraussagen einer britischen Forschungsgruppe, dass Deutsch im Jahr 2050 kaum noch regionalsprachlichen Wert haben wird, halte ich für ein Lesen im Kaffeesatz. Aber dass wir uns anstrengen müssen, unsere Sprachkultur zu erhalten, zu erweitern, zu erneuern, dass wir groß sein müssen in Wissenschaft und Kunst, um auch wirtschaftlichen Einfluss zu behalten, daran habe ich keinen Zweifel. Wissenschaft und Kunst (und ihre Sprache) sind das Fundament wirtschaftlicher Leistungen, nicht umgekehrt.

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13.05.2008 | 11:15 Uhr

Jürgen Trabant: Keine Gefahr für die Weltsprache Englisch

Wir wissen einigermaßen sicher, dass die Zahl der (muttersprachlichen) Chinesisch-, Hindi- und Spanisch-Sprecher zunehmen und die der englischsprachigen Muttersprachler im Verhältnis dazu abnehmen wird. Das ist aber kein Grund für einen Aufstieg des Chinesischen oder Hindi zu Weltsprachen.

Die chinesische Schrift, die in China selbst die innerchinesischen Sprach-Differenzen überwindet, dort also "Welt-Schrift" ist, dürfte ein echtes Hindernis für die "weltsprachliche" Verbreitung des Chinesischen sein. Das sprachliche Medium des wirtschaftlichen Aufstiegs Indiens ist doch sowieso das Englische, niemand wird Hindi lernen, die Inder selbst verwenden es (wie die anderen vielen Sprachen des Subkontinents) ja wesentlich nur als Nähesprache. Von hier droht dem Englischen also keine Konkurrenz.

Allenfalls könnte Lateinamerika seine beiden großen Sprachen - Spanisch, Portugiesisch - gegen das Englische in Stellung bringen. In Amerika selbst also könnte das Englische geschwächt werden. Dennoch: Soweit wir heute sehen können: keine Gefahr für die Weltsprache Englisch, im Gegenteil. Allerdings: für die Anhebung der Stimmung beim business ist es immer schön, "ich liebe Ihr Land", "nirgendwo ist es so schön wie hier"
und "wie geht es Ihrer Frau?" in der jeweiligen Landessprache zu könnnen.

Das Deutsche wird natürlich weiter an europäischer Bedeutung verlieren, die jungen Polen, Ungarn etc. lernen immer weniger Deutsch. Das hat nicht nur mit der Sprachkiller-Wirkung des Globalenglischen zu tun, sondern viel auch damit, dass die Deutschen selbst ihre Sprache in ihrem eigenen Land systematisch schwächen - trotz der so sympathisch optimistischen Ausblicke von Frau Limbach.

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14.05.2008 | 17:27 Uhr
Fionn Huber schreibt: @ Prof. Dünnhaupt

Es kommt darauf an, wie fliessend diese viele Chinesen i/V mit den vielen Indern englisch können. In der Schweiz vor ca. 20 Jahren kamen viele Asylsuchende aus Sri Lanka, fast alle (wenigstens in der Zenstralschweiz) waren der englischen Sprache mächtig. Das britische Reich sorgte dafür, dass in India (mit ca. 60 Dialekten!) "English (the language) ruled, okay?"



14.05.2008 | 02:41 Uhr
Gerhard Dünnhaupt schreibt: Englisch bleibt Englisch

Man mag es kaum für möglich halten, doch nach chinesischen Aussagen hat China heute die größte Zahl von Englischsprechern der Welt, Indien liegt an zweiter Stelle. Dass der Rest der Welt sowieso meist Englisch spricht, versteht sich von selbst.

Wer sich in Europa wundert, dass man selbst in China Englisch als wissenschaftliche wie als Geschäftssprache vorzieht, der kennt das komplexe Wesen der chinesischen Sprache mit ihren diversen Tonhöhen, komplizierten Schriftzeichen und 60 Regionalsprachen bzw. -dialekten offenbar noch nicht. Zudem haben die meisten heutigen chinesischen Wirtschaftsführer, Politiker und Intellektuellen in Amerika studiert. Zehntausende Chinesen studieren alljährlich dort. Die USA sind sowohl größter Kunde als auch größter Lieferant Chinas, und die Währungen beider Länder sind mehr oder weniger aneinander gekoppelt.


13.05.2008 | 18:54 Uhr
Franz Müller schreibt: Die Briten sind auch nicht faul

Wenn Chinesen und Inder auf die Verbreitung ihrer Sprachen Wert legen, dann sind die Briten schon längst dabei, das zu tun. Unter dem Stichwort "English - The World's Language" (www.number-10.gov.uk/output/Page14289.asp) startete der Prime Minister 2008 eine Offensive, die englische Sprache weltweit weiter massiv zu verbreiten und Englisch zu der Sprache zu machen, "that helps the world talk, laugh and communicate together."



13.05.2008 | 11:11 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Geschäfte wird man weiter auf Englisch machen

Als ich 1963 Abitur machte, hörte ich allerlei Ratschläge hinsichtlich Studium und beruflicher Zukunft. Einer lautete: Russisch lernen, denn der Sowjetunion gehöre die Zukunft. Mag sein, dass China und Indien in den nächsten Jahrzehnten eine größere Zukunft beschert ist. Ich würde trotzdem nur demjenigen raten, Chinesisch oder Indisch zu lernen, der sich für die chinesische oder indische Kultur interessiert. Geschäfte wird man in den nächsten Jahrzehnten in China und Indien auf Englisch machen können.

Das ist ja gerade das Erstaunliche, dass (Menschen)zahlen allein offenbar nicht den Ausschlag geben, sondern mehr noch die Gewohnheit, die praktische Bewährung und nicht zuletzt auch noch ein Schuss westlicher Hochmut. Eine etwas gewagte Parallele stellt der Kalender dar. In der ganzen Welt gilt für den Geschäftsverkehr der gregorianische Kalender mit seinen Monats- und Wocheneinteilungen und vor allem dem 1. Januar als Jahresbeginn. Dieser gregorianische Kalender war und ist keineswegs zahlenmäßig der am meisten vertretene. Wenn praktisch alle Völker der Erde ihm beitraten (und daneben für religiöse Zwecke ihre eigenen Kalender beibehielten), so deshalb, weil man ohne diese Gemeinsamkeit nicht wirtschaften kann.

Im Augenblick erfüllt das Englische die Funktion einer allgemein verbindlichen Verkehrssprache. Wenn gemeldet wird, dass bereits 30 Millionen Schüler Chinesisch lernen und China selbst in absehbarer Zeit 100 Millionen erwartet, muss dies nicht bedeuten, dass Englisch seinen Status als Verkehrssprache verliert, auch wenn die Wahrscheinlichkeit größer ist als beim Kalender. Aber Gewohnheiten ändern sich eben sehr langsam und Bewährtes ganz besonders (was man natürlich als ‚ungerecht’ betrachten kann). Chinesen und Inder werden vermehrt Partner finden, die ihre Sprache sprechen und verstehen. Die Stelle einer allgemeinen Verkehrssprache dürfte jedoch vorerst weder Chinesisch noch Indisch einnehmen. Und drei Verkehrsprachen sind nun einmal (weil unpraktisch) nicht zu erwarten.

Ganz unberührt davon ist die Frage nach dem Deutschen als Regionalsprache zu betrachten. Die (von Jutta Limbach mit Recht argwöhnisch betrachtete) Prognose des Absinkens in die völlige Bedeutungslosigkeit ist ein Beispiel für absurde Folgerungen aus nur scheinbar parallelen Szenarien. Die europäischen Nationalsprachen werden weder aussterben noch in ihren eigenen Ländern an Bedeutung verlieren. Sie werden nur nicht (mehr) zur Verkehrssprache aufsteigen. Aber was soll daran dramatisch sein?

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13.05.2008 | 20:06 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Indisch?

Die Sprache Indisch gibt es, streng genommen, nicht. Vielmehr spricht man dort Hindi, Urdu, Gujarati, Tamil, Bengali und etliche andere. Gemeinsame Verständigungssprache in Indien ist Englisch.



13.05.2008 | 11:11 Uhr

Helmut Glück: Deutschland wird unterschätzt

Sicher ist eins: am Ende dieses Jahrhunderts werden von den etwa 5000 Sprachen, die man heute zählt, höchstens 1000 übriggeblieben sein. Das Deutsche wird zweifellos dazugehören. Sein internationaler Status wird vor allem davon abhängen, ob die Sprachgemeinschaft ihre Sprache im internationalen Verkehr noch bewahren will oder nicht, d. h. in dieser Funktion völlig auf das Englische umsteigt, oder ob sie ihre Außenbeziehungen auch auf deutsch gestalten will. Es geht hier nicht um das Fatum, sondern um politische Entscheidungen.

Die Prognose, das Deutsche werde 2050 "nicht einmal mehr den Status einer Regionalsprache haben", kommt aus England. Sie unterschätzt das politische und wirtschaftliche Gewicht der deutschsprachigen Länder. Realistisch ist sie allenfalls dann, wenn unsere Funktionseliten mit demselben Tempo wie bisher aus dem Deutschen ins Englische "auswandern". Das wird sich als Sackgasse erweisen. Schon 2030 werden wir dringend Wirtschaftsleute und Ingenieure suchen, die außer Englisch auch noch andere Sprachen können.

Das Chinesische wird an Bedeutung gewinnen, weil die wirtschaftliche und politische Bedeutung Chinas zunehmen wird. Diejenige Indiens auch; dort ist allerdings das (indische) Englisch diejenige Landessprache, die den vielsprachigen Subkontinent zusammenhält. Das Spanische wird in dem Maße an Gewicht gewinnen, in dem die spanischsprachige Welt wirtschaftlich und politisch vorankommt. Dasselbe gilt für das Russische, das Limbach nicht auf ihrer Rechnung hat. Es ist wahrscheinlich, dass diese eurasische Verbindungssprache sich von dem tiefen Sturz wieder erholt, den sie nach 1990 erlitt.

Und das Arabische? Wenn die arabische Welt ihre wirtschaftliche Kraft und ihr demographisches Gewicht eines Tages in politische Stärke ummünzen kann, etwa nach der absehbaren Niederlage der Vereinigten Staaten und Großbritanniens im Irak, kann das Arabische seine Rolle als internationale Sprache zurückgewinnen und erheblich ausbauen.

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13.05.2008 | 11:05 Uhr

Gerhard Schulz: Keine Panik

Steht uns wirklich eine neue sprachliche "Weltordnung" bevor? Ein großes, ein sehr deutsches Wort, das gut zur "Weltanschauung" passt. Die Angelsachsen haben letzteres in ihren Wortschatz übernommen, wohl weil sie nicht genau wissen, was sie sich darunter vorstellen sollen - "philosophy of life" oder "conception of the world" -, aber in Debatten, besonders über die Deutschen, passt es gerade deshalb ausgezeichnet. Ähnlich ver-schwommen ist es nun auch um die "sprachliche Weltordnung" bestellt. Die Welt jedoch ist immer am besten gefahren, wenn man sie ihren Lauf hat nehmen lassen; schlimm wurde es zumeist, wenn jemand Ordnung stiften wollte.

Was also wird aus dem Deutschen im Jahre 2050? Sollen wir da wirklich spekulieren? Ist die Geschichte nicht viel einfallsreicher als alle Spekulierer und Spekuliererinnen und hält Überraschungen bereit, manchmal sogar gute, von denen wir uns nichts träumen ließen? Wer 1988 prophezeit hätte, dass eine junge Frau, zur Zeit FDJ-Mitglied in Ost-Berlin, im Jahre 2008 gesamtdeutsche Bundeskanzlerin und Vorsitzende der CDU sein würde - man hätte diesem Propheten im Westen nicht einmal beim Karneval zugehört, im Osten des geteilten Deutschland aber ihn in gewisse trübe Räumlichkeiten der Stasi eingeladen. Und seit 1988 sind erst zwanzig Jahre vergangen.

Also keine Sorge um eine neue sprachliche Weltordnung. Ja, der Koloss China breitet seinen wirtschaftlichen Einfluß immer weiter und weiter aus. Das "Made in China" findet sich auf immer mehr Produkten, auf Kochtopf wie Laptop. Neulich hat der australische Regierungschef in Peking sogar eine Rede in Mandarin gehalten. Aber gerät damit schon die "sprachliche Weltordnung" durcheinander? Werden sich alle Inder tatsächlich einmal auf Hindi verständigen? Werden das die Tamilen und Bengalen mitmachen oder nicht doch lieber beim Englischen für alle bleiben? Fragen über Fragen.

Junge Menschen, die die Olympischen Spiele in Peking beobachten oder gar besuchen, werden nun vielleicht wirklich die Sprache der Chinesen lernen, woran sie früher nicht gedacht hätten. Aber was schadet das dem Deutschen? Der Wirkungsbereich einer Spra-che hängt eng mit dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Landes oder der Länder zusammen, in denen sie dominiert. Weltumspannend ist dieser Einfluss für die Deutschen allerdings nicht mehr - dafür haben sie selbst sehr aktiv und Unheil stiftend gesorgt. Aber muss solche Beschränkung nun schon Grund zu bitterer Klage sein? Wird das Deutsche seinen "regionalsprachlichen Status" verlieren - was immer das heißen soll?

"Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht, stellt es sich gleich das Ende vor", heißt es in Goethes Faust. Nein, kein Ende. Die Deutschen werden genauso wie die Italiener, Franzosen, Holländer, Dänen, Polen, Ungarn und viele viele andere Völker ihre Sprache sprechen, und wenn ihre Schriftsteller beiderlei Geschlechts gute Bücher schreiben, dann werden diese in andere Sprachen übersetzt, werden in aller Welt gelesen, und ein Chinese oder eine Inderin werden Deutsch lernen, um sie endlich im Original lesen zu können, wo sie dann noch schöner klingen.

Also keine Panik bitte und keine Untergangsstimmung.

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14.05.2008 | 14:41 Uhr
Herold Binsack schreibt: Deutsch war nie eine Weltsprache

– woher also dieser Stachel im Gemüt? In der Antike war dies Latein, im Mittelalter Französisch, jetzt Englisch! Sollte Deutsch also Weltsprache werden, müsste sich die Welt noch einmal gründlich geändert haben. Wie wäre es denn mit einer endlich gerechten oder gar zufriedenen Welt, in der die platonische Idee der "Philosophen in der Macht" umgewandelt wäre in "die e t w a s Klügeren an der Macht"?

Die deutschen Sprachen gäben dazu viel her, vorausgesetzt, dass sie sich von ihrer philosophischen Romantik (und ihrem Identitätswahn) verabschiedet und damit zugleich das Menschsein aus allen Kulturen in sich aufgenommen (ich denke gerade so an das Erbe des Türken Nazim Hikmet) hätten und somit auch ein Stück weit die Fähigkeit aus den angelsächsischen Sprachen zur Coolness und Selbstironie (theoretisch ist mir letzteres nur in deutsch geläufig). Dann wären wir auch weniger empfindlich, wenn uns, wie so oft, einer den ersten Platz, wo auch immer, streitig machte, da endlich auch im Geiste sportlich.



13.05.2008 | 10:59 Uhr

Hans-Martin Gauger: Wir brauchen endlich eine Sprachenpolitik

Dem Begriff der "sprachlichen Weltordnung" entspricht eigentlich keine Realität. Denn dies setzte voraus, dass es etwas gäbe wie eine einigermaßen vereinbarte Hierarchisierung der ‚großen’ Sprachen. Wir haben die Vorherrschaft des Englischen und dann Einzelstimmen: "Ja, aber wir sind auch noch da!". Das ist keine ‚Ordnung’.

Da gibt es halt erstens Sprecherzahlen und zweitens Lernerzahlen, also die Zahl derjenigen, die eine bestimmte Sprache als Zweitsprache erwerben. Und das Englische schneidet halt in beiden Hinsichten sehr gut ab. Die englische Sprache ist ja selbst ein erheblicher kommerzieller Faktor. Bei Indien wäre doch zu berücksichtigen, dass die Inder - ein positives Relikt der Kolonialzeit - das Englische brauchen, damit sie sich selbst untereinander verstehen. Da ist‚ ‚im Kleinen’ das Englische zu einer Verkehrssprache geworden, auf die Indien, im puren Eigeninteresse, wie es scheint, gar nicht oder jedenfalls noch nicht verzichten kann.

Was die Zukunft angeht: kann schon sein, dass sich einiges differenzieren wird. Aber den Status einer Regionalsprache in Europa wird das Deutsche doch wohl behalten. Freilich: dazu brauchen wir endlich etwas wie eine ‚Sprachpolitik’ - im Zusammenschluss mit Österreich und der Schweiz. Und das wird ohne Bundeskultusminister bei uns nicht gehen. Die "ständige Konferenz der Kultusminister" wird da nicht ausreichen. Sie ist ja auch ärgerlich, weil ihr ‚Apparat’ (das hat der Eingriff in die Rechtschreibung gezeigt) längst mächtiger geworden ist als die wechselnden Kultusminister zusammen.

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14.05.2008 | 12:16 Uhr
Daniel Kleiner schreibt: Die Sprache ist kein Produkt irgendeiner Ordnung.

Sie ist eher aus dem Chaos entstanden... Das sieht man nicht nur an den vielen Fremdwoertern,ohne die keine Sprache auf der Welt auskommt...



13.05.2008 | 10:07 Uhr

Thomas Paulwitz: Tun wir heute etwas!

Wir sind keine Hellseher, also können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, wie lebendig unsere Sprache im Jahr 2050 sein wird. Als gesichert gilt, daß noch in diesem Jahrhundert rund 2.000 Sprachen aussterben werden. Die deutsche Sprache zählt nicht dazu, doch wenn wir weiterhin zu wenig tun, wird sie an Verbreitung und Ausdruckskraft immer weiter einbüßen. Damit das nicht geschieht, müssen wir schon heute etwas tun. Es ist fünf Minuten vor Zwölf.

Daß die exklusive Vormachtstellung der Vereinigten Staaten und der damit verbundene Einfluß auf die Sprachen ungefährdet ist, darf indes bezweifelt werden. Wünschenswert wäre der Aufbau einer vielpoligen Welt mit mehreren örtlichen Verkehrssprachen, die die nationalen Sprachen weniger bedrängen als ein weltweiter kultureller Einheitsbrei. Für die Vielfalt der Sprachen und Kulturen wäre das am besten. Insofern läßt der Bericht des British Council, auf den sich Jutta Limbach bezieht, zunächst hoffen.

Doch dann zitiert Jutta Limbach weiter aus dem Bericht. Demnach werde die deutsche Sprache im Jahre 2050 nicht einmal mehr den Status einer Regionalsprache haben. Das würde bedeuten, daß sie eine noch schwächere Stellung hätte als heute das Niederdeutsche innerhalb Deutschlands. Das ist kaum zu glauben. Erschrocken blätterte ich in der von Limbach zitierten Untersuchung "English Next" von David Graddol, um mich näher zu unterrichten. Doch merkwürdigerweise konnte ich trotz eingehender Suche diese Voraussage nicht finden. (Für einen Hinweis wäre ich also dankbar.) Insgesamt sieht der Bericht die Möglichkeiten der deutschen Sprache nach meinem Eindruck sogar weniger schwarz als nach der Lektüre des Limbach-Buchs zu erwarten ist. Eher noch wird Deutsch in Europa sogar als Konkurrenz zur englischen Sprache gesehen.

Aber was wäre, wenn es in einigen Jahrzehnten wirklich vorbei wäre mit der deutschen Sprache? Liebe Leser, können Sie sich vorstellen, daß dieses Forum in hundert Jahren niemand mehr lesen kann? Daß es keine deutsche Literatur mehr gibt? Daß Deutsch gemäß Herrn Oettingers Vorhersage bestenfalls noch die Sprache der Freizeit ist? Wenn Sie wollen, daß das Erbe Luthers und Schillers nicht verspielt wird und daß sich die deutsche Sprache weiterentwickelt, dann werden Sie heute aktiv: Unterstützen Sie wenigstens eine der zahlreichen regionalen und überregionalen Initiativen zur Sprachpflege! Setzen Sie sich in Ihrer Familie, an Ihrem Arbeitsplatz, in Ihrem Verein und überall, wo sich die Gelegenheit bietet, für die deutsche Sprache ein! Fordern Sie Medien, Politiker und Wirtschaftsführer auf, sich wie Vorbilder zu verhalten und die Flucht aus der deutschen Sprache zu beenden! Noch ist es nicht zu spät!

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]

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14.05.2008 | 12:09 Uhr
Daniel Kleiner schreibt: Gegen den Wind kann man nicht pinkeln...

Aber Ihre Angst ist unbegründet: die deutsche Sprache wird zwar relativ etwas einbüssen, aber das ist etwas ganz Normales, denn immer mehr auch nicht-deutsche Menschen (und nicht-englische Menschen) auf der Welt bringen eine große Entwicklung zustande. Früher waren viel weniger Völker an Entwicklungen beteiligt als heute.

Das Englische wird die Welt nicht beherrschen, aber die Welt wird das Englische immer mehr beherrschen (die englische Sprache). Aber es werden auch in Deutsch immer mehr Zeitungen, Bücher, Fernseh-und andere Sendungen produziert. Im Übrigen: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber gewesen und so wird das auch bleiben.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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