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Forum:

Warum wird in Brüssel so wenig Deutsch gesprochen?

Im Brüsseler EU-Alltag, schreibt Jutta Limbach in der jüngsten Folge unseres Vorabdrucks, spielt die deutsche Sprache so gut wie keine Rolle - obwohl das Deutsche mit rund 83 Millionen Sprechern die am häufigsten gesprochene Muttersprache Europas ist. Glänzt Deutschland auf dem Brüsseler Parkett durch eigensprachliche Zurückhaltung? Und wenn ja: Darf das so bleiben?

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Beiträge

19.05.2008 | 16:55 Uhr

Helmut Glück: Wo kein Wille ist

Sie fragen, ob Limbachs Befund zutrifft: Ja. Sie wollen wissen, ob das so bleiben darf? Diese Frage ist falsch gestellt: wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.
Die deutsche Sprache hat bei uns keinen Verfassungsrang, anders als in Österreich. Die Polen, die Franzosen, die Schweizer und viele andere adeln ihre Landessprache durch Verfassungsartikel. Bei uns gilt sie als Gegenstand des täglichen Gebrauchs, nicht als Wertstück, das man an kommende Generationen weitergibt. Das weiß man auch in Brüssel.

In der EU sind das Deutsche, das Französische und das Englische gleichberechtigte Arbeitssprachen, nicht nur Amtssprachen wie zwei Dutzend weitere Sprachen. Nur wird das Deutsche in dieser Funktion kaum genutzt, sondern übergangen. In der Häufigkeit seiner Verwendung liegt es in der EU näher beim Estnischen oder Maltesischen als bei den beiden Großen. Eine Chance, das zu ändern, eröffnete sich beim Beitritt der mitteleuropäischen und baltischen Reformstaaten zur EU – dort sprachen die Eliten eher Deutsch als Englisch oder Französisch. Das ändert sich gerade in schnellem Tempo. Diese Chance – es war nicht die erste - wurde verspielt.

In Brüssel, Straßburg und Luxemburg ist das Englische ein "Selbstläufer". Das Französische ist dort die Landessprache, und die Franzosen kämpfen zäh darum, daß ihre Sprache alle Stellungen hält, die sie (noch) einnimmt. Die Deutschen geben seit vielen Jahren Erklärungen ab, in denen sie fordern, daß ihre Sprache in der EU größeres Gewicht bekommen müsse. Geändert hat das nichts. Gerhard Schröder hat in seiner Basta-Manier sogar einmal kräftig "auf den Tisch gehauen", als die finnische Ratpräsidentschaft das Deutsche mißachten wollte. Schröders Auftritt blieb ein Einzelfall, und in der deutschen Presse wurde er deshalb mit Hohn und Spott überschüttet. Wenn wir selbst in Frage stellen, ob unsere Sprache in Europa eine größere Rolle spielen soll, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die EU diese Frage immer wieder mit einem klaren Nein beantwortet.

Kommentare


15.05.2008 | 11:21 Uhr

Thomas Paulwitz: Arroganz in Brüssel - fehlende Geschlossenheit in deutschprachigen Ländern

Eine einzige Arbeitssprache würde zu einer ungerechten Begünstigung einer Sprachgruppe führen. Deutsch, Englisch und Französisch sind die einzigen Sprachen in der Europäischen Union (EU), die nennenswert als Mutter- und Fremdsprachen verbreitet sind. Es erscheint daher als sinnvoll, diese drei zu EU-Arbeitssprachen zu machen. Laut Auskunft der Europäischen Kommission sprachen im Jahr 2005 47 Prozent der EU-Bevölkerung Englisch, 30 Prozent Deutsch und 23 Prozent Französisch – entweder als Mutter- oder als Fremdsprache.

Die Sprachdeutschen bilden mit Abstand die größte Gruppe an Muttersprachlern (18 Prozent). Dennoch hat es die deutsche Sprache im Gegensatz zu Englisch und Französisch schwer, sich in der EU zu behaupten. Woran liegt das? Französisch verteidigt seine starke Stellung auch dadurch, daß wichtige Einrichtungen wie Europaparlament und Kommission im französischsprachigen Umfeld angesiedelt sind. Mit dem Beitritt Großbritanniens und Irlands 1973 rückte Englisch zur Arbeitssprache auf, während das Deutsche in der folgenden Zeit immer weiter an Boden verlor.

Hinzu kommt, daß sich die Brüsseler Bürokratie gegen eine Aufwertung der deutschen Sprache sträubt. Mit Arroganz ist der Europäische Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, dieser Tage in Bayern aufgetreten. Die bayerische Staatsregierung hat ein gutes Fünfpunkteprogramm zur Stärkung der deutschen Sprache in der EU aufgestellt (siehe unten). Darin beklagt die Staatsregierung, daß die EU-Kommission Bewerber aus den Beitrittsstaaten mit Deutsch als erster Fremdsprache gegenüber Bewerbern mit Englisch oder Französisch als erster Fremdsprache stark benachteiligt. Orban sieht jedoch keinen Grund, tätig zu werden. Deutsch sei "nicht diskriminiert, sondern insgesamt eher privilegiert", meinte er. Deutschland müsse selbst tätig werden.

An Vorstößen mangelt es indes nicht. Jüngstes Beispiel ist eine Initiative des Landes Hessens, das eine "Erklärung der Regionen sowie der Abgeordneten des Europäischen Parlaments für eine stärkere Verwendung der deutschen Sprache in der Europäischen Union" lancierte. Während sich mit Ausnahme Wiens alle österreichischen Bundesländer dem Aufruf anschlossen, unterzeichneten lediglich sechs deutsche Länder: Hessen, Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, das Saarland und Hamburg.

Wenn die Autonome Provinz Bozen-Südtirol, die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens oder der Kreis Hermannstadt in Rumänien unterschrieben, Berlin und Wien jedoch nicht, dann stimmt etwas nicht. Michael Häupl, Bürgermeister und Landeshauptmann Wiens, erklärte der Hessischen Staatskanzlei gar, daß "wir … überzeugt [sind], dass die Zukunft einer effizienten und effektiven Kommunikation innerhalb der Institutionen einer erweiterten Europäischen Union nur in der Herausbildung einer gemeinsamen Verkehrssprache liegen kann." Wenn der deutsche Sprachraum nicht geschlossen auftritt, dann machen wir es uns selbst unnötig schwer.

Wir brauchen einen Werbebeauftragten für die deutsche Sprache in der EU. Die Bundesregierung sollte ihn anstellen, mit einem niedrigen Grundgehalt ausstatten und zusätzlich erfolgsabhängig bezahlen. Er soll seine Stimme erheben, wenn wieder einmal wichtige Dokumente lediglich auf englisch und französisch vorgelegt werden, er soll die deutschen EU-Beamten aufsuchen und sie zu einem selbstbewußten Einsatz der deutschen Sprache ermuntern. Er soll Deutschkurse organisieren für fremdsprachige EU-Beamte.

Davon abgesehen sollten die Verantwortlichen darüber nachdenken, ob die EU nicht eine wichtige Institution wie das Europaparlament oder die Europäische Kommission nach Mitteleuropa verlegen sollte, zum Beispiel nach Prag. Die einseitig westeuropäische Ausrichtung der EU-Behörden erscheint mir nach den Erweiterungen auch als nicht mehr zeitgemäß. Die Vergrößerung der EU verdeutlichte uns die Sprachenvielfalt Europas. Diese sollten wir nicht als Problem, sondern als Chance, als geistigen Rohstoff für großartige Leistungen betrachten.

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]


Die bayerische Staatsregierung hat am 6. Mai fünf Forderungen zur Stärkung der deutschen Sprache in der EU veröffentlicht:

1. Deutschsprachige Vertreter der Europäischen Institutionen, insbesondere der Kommission, sollen sich zu ihrer Muttersprache bekennen und bei offiziellen Veranstaltungen mehr Deutsch sprechen.

2. Deutsche Beamte sollen Entwürfe für alle Initiativen, die von der Kommission vorgelegt werden, in ihrer Muttersprache erstellen. Diese müssen in der gleichen Weise behandelt werden wie Entwürfe in den beiden anderen Arbeitssprachen Englisch und Französisch.

3. Die Europäischen Institutionen sollen sicherstellen, daß alle Beamten des höheren Dienstes spätestens bei der ersten Beförderung in allen drei Verfahrenssprachen Deutsch, Englisch und Französisch arbeitsfähig sind.

4. Nach informellen Informationen werden Bewerber aus den neuen Mitgliedstaaten, die das Auswahlverfahren für die Kommission bestanden haben und dabei Deutsch als 1. Fremdsprache gewählt haben gar nicht oder nur sehr viel später eingestellt als erfolgreiche Bewerber mit Englisch oder Französisch als erster Fremdsprache. Die Kommission wird hierzu um Mitteilung gebeten.

5. Die Kommission soll den Kommissar für Vielsprachigkeit mit entsprechenden Haushaltsmitteln, administrativer Infrastruktur für Fortbildungsmaßnahmen sowie mit Eingriffsmöglichkeiten ausstatten, die eine rechtzeitige Vorlage von Kommissionsbeschlüssen, sonstigen wichtigen Mitteilungen und Richtlinien in allen drei Verfahrenssprachen sicherstellen.


Kommentare

15.05.2008 | 22:44 Uhr
Dieter Hoffmann schreibt: Herr Vogt

Wieso ist Deutsch für Prokolle ungeeignet? Haben wir etwas verpasst?
Und regarding-> in Anbetracht, whereas -> wobei (das ja schön relativierend auch Juristen zu entzücken vermag).
Mit einem Wort, das man kaum übersetzen kann: "ein Schmarrn".
Als wäre unsere Sprache nicht passend für die Brüsseler Bürokratie! Wo sie doch in allen Amtsstuben von Emden bis Erding solche Glücksgefühle zu erzeugen vermag!


15.05.2008 | 21:41 Uhr
Reinhardt Wassenich schreibt: Warum wird in Bruessel so wenig Deutsch gesprochen

Das ist typisch fuer die Deutschen, erstens wollen sie mit ihrem 'perfekten' English angeben, aber zweitens gibt es immer noch (seit nach dem 2. Weltkrieg) den deutschen Minderwertigkeitskomplex, sie wollen mit Deutsch/ihrem Deutschsein nicht auffallen. Drittens besteht bei den Deutschen ueberhaupt kein Nationalstolz - aber viel Feigheit.
Erik Wassenich
Ryazan, Russland


15.05.2008 | 20:58 Uhr
Gerd Bungartz schreibt: Zu Georg Vogts Kommentar

Ihre Punkte regarding des Umzugs von Instutitionen oder der Rechtschreib. haben etwas fuer sich. Whereas Sie da, meiner Ansicht nach zumindest nicht unrecht haben, kann ich Ihre Meinung regarding der dt. Sprache von Rechtstexten nicht nachvollziehen.

Ich bin ueberhaupt nicht Jurist, aber dennoch faende ich es erstaunlich, wenn diese Berufsgruppe es in Deutschland einfacher faende Englisch zu reden!? Wem waere damit geholfen?!
Kaeme weniger Verwirrung auf, wenn diese Texte nur in Englisch zugaenglich waeren?
Um gleich die Antwort mitzuliefern: Nein. However, gehen Sie davon aus, dass die EU nur fuer ein paar Buerokraten in Bruessel gedacht ist und nicht fuer die Mehrheit der EU-Bevoelkerung, haben Sie moeglicherweise recht. Dies kann ich nur daher nicht beurteilen, da ich kein Jurist bin. Ich waere dennoch ueberrascht, wenn die Mehrheit der dt. Juristen lieber ihre Arbeitssprache auf englisch umstellen wuerde.
Falls ich Sie missverstanden habe, freue ich mich ueber Klarstellung.


15.05.2008 | 17:38 Uhr
Georg Vogt schreibt: Und als 6. wir wollen ein funktionierendes Europa

Lieber Herr Paulwitz,
die Grundverträge und auch die Lisboner Vorlage liegen in der deutschen Spache vor. Darin steht unter anderem verkunded, dass es sich in erster Linie um eine Gemeinschaft handelt, die sich dem wirtschaftlichem Wohl und seit Neustem der nachhaltigen Entwicklung bekennt. Der Umzug nach Prag ist gewiss nachhaltig. 40.000 Arbeitsplätze oder mehere hundert Flüge sind erforderlich um den BETRIERB aufrecht zu erhalten.

Die Ironie schlichtweg ist ihr Wunsch nach der alten Rechtschreibung - die Repräsentanten wievieler deutschsprachiger Länder hat sich zur neuen bekannt? Ist es nicht arrogant alle jungen Leser zu verwirren und naiv ihnen einen weiteren Grund zur Uniformität zu liefern?

Zur deutschen Sprache - so sehr ich das Lesen auch schätze:
Sie ist ungeeignet für Protokolle und löst bei Lesern von Rechtstexten leichtens Verwirrung aus. Konstruktionen wie "Whereas", oder "Regarding" sind nicht möglich. Mit dem Blick auf das erste englische Wort, weiß man was los ist …


15.05.2008 | 17:35 Uhr
Benedikt Pollmeier schreibt: 83???

Da hat sich Jutta Limbach wohl vertan. Oder gehe ich falsch in der Annahme, das zumindest unsere 8,... Millionen österreichischen Mitbürger als deutsche Muttersprachler gelten. Hinzu kommen Minderheiten, die in Norditalien, im Elsass etc. noch deutsch sprechen. Auf jeden Fall sind es nicht nur die 83 Mio. Deutschen, die deutsch sprechen...


15.05.2008 | 17:35 Uhr
Gerd Bungartz schreibt: Kommentar zur Sprache Europas allgemein

Ich denke, dass jedes Land die eigene Sprache und damit geht sehr viel einher, versucht zu staerken. Wenn es stimmt was Hr. Paulwitz schreibt, ist es ein Skandal, dass deutsche Bundeslaender sich nicht hinter die Initiative zur Staerkung der deutschen Sprache stellten.
Viele Kommentare reden vom Pragmatismus und globalem Denken.

Die Briten denken halt global, indem sie die erfolgreichsten Imperialisten waren und auch noch sind, da sie kaum andere Sprachen lernen. Sich dann als Deutscher in dieser Weise unterzuordnen, die Deutsche Sprache nicht so 'in den Vordergrund draengen zu wollen' (Fr. Juepner) erscheint mir in diesem Zusammenhang laecherlich.

Wollen wir global statt lediglich europaeisch denken, so lernen wir doch Chinesisch und fuehren Mandarin als EU-Sprache ein! Mein persoenlicher Favorit ist allerdings Letzeburgisch. Das spricht kaum jemand - alle muessen es also als Fremdsprache lernen und das macht es dann gerecht fuer alle! (keine Vorteile fuer keinen in Verhandlungen...)


15.05.2008 | 12:51 Uhr
Monica Jueptner schreibt: EU - Europa - Terra

Sollten wir, wenn wir über Europa reden, nicht auch ein wenig globaler denken?
Das Englische ist seit Jahren weltweit die dominierende Sprache, gefolgt von Spanisch.
Ich sehe es nicht als neues Selbstbewusstsein, sondern als alte Arroganz, die deutsche Sprache so sehr in den Vordergrund drängen zu wollen.

Deutsch ist doch schon mal eine der drei Amtssprachen. Das ist doch schön. Denn Deutsch war die Sprache Schillers, Goethes, Manns. Die Sprachen Kopernikus', Gallileis, Tolstois werden nicht so bevorzugt.



14.05.2008 | 21:33 Uhr

Michael Stabenow: Wer im Glashaus sitzt

Was sich seit Mitte der neunziger Jahre angedeutet hat, ist spätestens 2004 in Brüssel zur Gewissheit geworden: Die Europäische Union und ihre Institutionen mit inzwischen 23 offiziellen Amtssprachen funktionieren weitgehend auf Englisch. Hauptopfer sind freilich nicht Deutsch, Dänisch oder Maltesisch, sondern die allseits mündlich und schriftlich genutzte sowie oft verhunzte Sprache Shakespeares.

Schon vor dem durch Nord- und Ost-Erweiterungen der EU begünstigten Vormarsch des Englischen spielte Deutsch in Brüssel eine untergeordnete Rolle. Eine Kombination aus Pariser Führungsanspruch, einer nicht immer landestypischen deutschen Bescheidenheit, aber auch die Tatsache, dass Französisch in der belgischen Hauptstadt die Sprache der großen Mehrheit der Bewohner ist, prägten lange Zeit die EU-Sprachlandschaft.

Die Hoffnung, mit dem EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995, werde die deutsche Sprache Auftrieb erhalten, erwies sich rasch als trügerisch. Auch wer als Österreicher damals in Brüssel was auf sich hielt, sprach öffentlich vorzugsweise Englisch. Verwundern kann es freilich, dass die Verständigung am ehesten dann gelingt, wenn man eine Sprache wählt, die alle mehr oder weniger gut beherrschen. Im Regelfall ist das nicht Maltesisch, Dänisch oder Deutsch, sondern eben Englisch.

Es hat also nicht unbedingt mit eigensprachlicher Zurückhaltung zu tun, wenn Deutsche in Brüssel nicht Deutsch sprechen. Es sind rein praktische Erwägungen im Brüsseler EU-Alltag der Beamten. Was anderes ist es, wenn Informationen aus Brüssel für die Bürger nicht in ihrer Muttersprache vorliegen. Das Wehklagen über die stiefmütterliche Behandlung des Deutschen durch die Gemeinschaft verträgt sich schlecht mit der Erkenntnis, dass Stellenstreichungen und Mittelkürzungen in Brüsseler Sprachabteilungen maßgeblich auf den Rotstift deutscher Politiker zurückzuführen sind. Es kann nicht schaden, sich zuweilen eines im deutschen Sprachraum beliebten Sprichwortes zu entsinnen:"Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen."

Kommentare

16.05.2008 | 22:08 Uhr
Karl-P. Schlor schreibt: Was hat das Verhunzen des Englischen mit dem Mangel am Deutschen zu tun?

Eine typisch ausweichende Antwort, die Herr Stabenow da abgibt. Es interessiert uns Deutsche nicht, ob die englische Sprache, von Nichtengländern selten gut genug gebraucht, dadurch verhunzt wird, sondern wir wollen als meistgesprochene Miuttersprache in der EU wenigstens als dritte offizielle Sprache anerkannt und in Gebrauch kommen, damit unseren -und auch vielen Osteuropäern - EU-Beamten der Gebrauch der eigenen Sprache ermöglicht wird!

Es geht nicht an, dass der größte Nettozahler und größte muttersprachliche Raum in der EU nicht zur Geltung kommt, viele Osteuropäer, die besser Deutsch als Englisch beherrschen, würden sich auch bedanken.
Was hat die Verhunzung der engl. Sprache damit zu tun?



14.05.2008 | 21:29 Uhr

Jürgen Trabant: Das unruhige Volk in der Mitte Europas

Ich bin ja sonst ein eifriger Verteidiger des Deutschen in internationalen Zusammenhängen. In Brüssel plädiere ich allerdings für Zurückhaltung. Natürlich ist das Deutsche in Brüssel so gut wie inexistent, und man sollte es dort stärken oder zumindest darauf achten, dass es nicht völlig eliminiert wird. Aber Europa ist das Projekt, durch welches das riesige, unruhige Volk in der Mitte Europas pazifiert und gezähmt werden soll und mit dem sich das riesige und unruhige Volk in der Mitte Europas selbst zähmt und mit seinen Nachbarn befreundet, die es ja alle mit Krieg und Leid überzogen hatte.

Das kann nicht dadurch geschehen, dass die Stimme seiner Sprache sozusagen "anteilsmäßig" in Brüssel präsent ist. Da das Deutsche die Sprache mit den meisten Sprechern in Europa ist, wäre dies nämlich eine sehr laute Präsenz. Europa ist aber ein Projekt, in dem die Deutschen den anderen Völkern zuhören sollten. Das müsste bedeuten, dass die Deutschen die Sprachen ihrer Nachbarn lernen. Das tun sie natürlich viel
zu wenig, sie lernen nur noch Englisch. Vor allem lernen sie immer weniger die Sprache ihres wichtigsten Nachbarn Frankreich, mit dem sie inzwischen auch schon auf Englisch kommunizieren - welch ein kultureller Skandal, welcher Bruch eines jahrhundertealten europäischen Austauschs!

Wofür Deutschland sich daher in Brüssel wirklich stark machen sollte, das ist das Projekt der "europäischen Adoptivsprache", das Maalouf vorgeschlagen hat. Ich fände es noch besser, diese Sprache "Brudersprache" oder "Schwestersprache" oder "Freundessprache" zu nennen.

Neben dem Englischen, das nun einmal jeder können muss, soll jeder Europäer eine europäische Sprache des Herzens adoptieren, eine Sprache, mit der er aber nicht nur praktisch kommuniziert, sondern mit der er sich eine andere europäische Kultur aneignet, als kostbares und geliebtes Bildungserlebnis. Ich bin ganz sicher, dass dann auch viele Europäer in Brüssel Deutsch als Brudersprache sprechen würden und dass umgekehrt auch
mehr Deutsche in Brüssel Ungarisch oder Polnisch oder Italienisch sprechen würden. Nur auf diesem Weg kann übrigens aus dem ökonomisch-administrativen Projekt Europa tatsächlich einmal ein kulturelles Europa werden.

Kommentare

16.05.2008 | 00:39 Uhr
Andreas Schulz schreibt: Hut ab!

Endlich: Der Beitrag Jürgen Trabants bietet als einer der wenigen des heutigen Podiums eine Sichtweise, die nicht gefangen ist im Denkmuster eines "Kampfes um die Sprache", die wegführt vom Gegeneinander der Sprachparteien à la Bayerischer Staatsregierung und anstelle dessen hin zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis der Europäer.

Die "Adoptivsprache" stellt für mich einen Vorschlag dar, der eben von diesem Mut und von diesem Selbstvertrauen zeugt, welche hier in diesem Forum so oft gefordert wurden, denn: Hier steht nicht die beschränkte politische Dimension der Sprache im Vordergrund sondern eine sinnvolle Ausrichtung der Sprachpolitik hin auf Bildung und wirklichen, von gegenseitigem Verständnis getragenen Fortschritt in europäischer Kooperation. Für mich ist es ein Vorschlag in humboldtschem Geist, und zudem in der besten europäischen Tradition des Aufeinanderzugehens, denn er bietet Perspektiven nicht nur für Deutschland sondern für alle europäischen Partner.


15.05.2008 | 22:33 Uhr
Dieter Hoffmann schreibt: Ein Ewiggestriger

Wenn Europa ein Projekt ist, "in dem die Deutschen den anderen Völkern zuhören sollten", dann wird nie was daraus. Und wenn wir uns mit den Franzosen nur auf Englisch verständigen könnten, dann liegt es an fehlenden Sprachkenntnissen auf beiden Seiten.
Hoffentlich kommen wir langsam mal zu einem selbstbewussten und maßvollen Umgang mit den anderen Europäern. Die Vergangenheit kann nicht ewig der Zukunft im Wege stehen. Diejenigen, die nur in Kategorien von gestern denken, beginnen zu langweilen - die "Groß"-Tuer ebenso wie die "Leise"-Macher.


15.05.2008 | 21:56 Uhr
Roland Sterr schreibt: Oh je...

Oh je, gibt's die Leute tatsächlich immer noch, die für alles eine Begründung und Rechtefrtigung in der deutschen Vergangenheit suchen. Eine äußerst bequeme Art, sich mit Missständen abzufinden. Aber den Rest Europas freut es, dass wir uns immer noch permanent übervorteilen lassen...


15.05.2008 | 21:56 Uhr
harald schneider schreibt: Frankreich zu laut

Französisch ist deutlich überrepräsentiert (sprich zu laut), somit müsste es trotz des "kulturellen Skandals" sich ein wenig zurücknehmen. Jedenfalls wenn man der Argumentation von Hrn. Trabant folgt. Hinsichtlich des einseitigen Geschichtsbildes Hrn. Trabants und der "Projektidee Europa" kann ich mich meinen Vorrednern nur anschliessen.


15.05.2008 | 17:25 Uhr
Adrian Brandes schreibt: Egoismus

Die EU ein Projekt zur Zähmung Deutschlands? Was für eine egoistische Meinung! Wie kommen Sie zu der Ansicht, es würde sich alles um Deutschland drehen?
Und vor allem noch zur Befriedung ... Ist ja anscheinend geglückt, kenne zur Zeit kein friedlicheres Land (mit weltpolitischer Verantwortung) als unsere Bundesrepublik. Somit könnte man die EU ja sofort auflösen.

Die EU ist ein Projekt von Europäern für Europa. Fertig.
Und damit das Ganze auch funktioniert, MUSS man sich auf EINE Verkehrsprache einigen - und welche liegt da näher als die Sprache, die fast alle als Fremdsprache erlernen?
Sprachvielfalt in allen Ehren, aber hier ist sie meiner Meinung nach unangebracht und nicht förderlich.


15.05.2008 | 16:57 Uhr
Sylvander Mackay schreibt: Deutschlandberuhigungsmaschine

Der Deutsche will immer erster sein - und sei es an Schlechtigkeit. Das halte ich für typisch deutsches und altbackenes Deutsche-sind-gefährlich-und-ich-will-schuldig-sein-Gerede.

Die EU wurde gegründet, um die kriegerischen Völker Europas auseinanderzuhalten. Bis heute hat z. B. kein Land in Europa auch nur annähernd so oft Krieg in Europa geführt wie Frankreich. Großbritannien hat seit 1945 genau in einem Jahr keinen Soldaten "in action" verloren. Kriegführen ist dort relativ normal. Deutschlands Geschichte kennt man. Die EU primär als Deutschlandberuhigungsmaschine zu beschreiben, ist wieder mal deutscher Größenwahn. Ich will Erster sein und sei es, dass ich der böseste von allen bin.


15.05.2008 | 15:23 Uhr
David Georg Reichelt schreibt: Zähmung

Mir erscheint der ganze Beitrag sehr realitätsfremd: die Deutschen bedürfen einer Zähmung, die Deutschen haben ihre Nachbarn mit Krieg überzogen? Das waren völlig andere Deutsche, das ist eine völlig andere Zeit gewesen, das ist zwei Generationen her, und die Kinder, die heute geboren werden, haben wohl mit den Weltkriegen nichts zu tun.

Deutschland ist heute - genau wie Frankfreich und England - ein europäisches Land, es besteht einfach keine Notwendigkeit, die Deutschen zu zähmen. Zumal mir auch schleierhaft ist, was denn Deutschland mit einer erhöhten Präsenz der deutschen Sprache in Brüssel bewirken sollte, das wäre doch nur ein Zeichen und vielleicht ein Schritt zu einem Europa, in dem Völker gleichberechtigt nebeneinder, und nicht gegeneinander agieren.

Das Sprachadoptionsprojekt finde ich eine sehr seltsame Idee. Wo ist der Sinn dahinter? Ich bin der Auffassung, ein "kulturelles Europa" ist der falsche Weg: wenn überhaupt, brauchen wir "Einheit in Vielfalt", aber primär Vielfalt.


15.05.2008 | 13:57 Uhr
Lutz von Peter schreibt: Gezähmtes Volk? Leise treten?

Europa ist also das Projekt um das Deutsche Volk gesellschaftsfähig zu machen? Vorsichtig agieren? Genau anderherum wird ein Schuh draus! Die Deutschen (oder Deutschsprachigen) sind schon viel zu duckmäuserisch und vorsichtig, um Ihre Sprache zu sprechen, sobald auch nur ein Ausländer in der Nähe ist.

Wie oft bin ich mit drei Deutschen zusammengestanden, die ganz selbstverständlich englisch miteinander sprachen. Was fehlt ist ein Selbstverständnis, wie es die Welschen in der Schweiz seit den 60ern haben "Parlez Français! C'est plus chic". Für mehr Mut zur eigenen Sprache braucht es keine Programme, Aktionen oder sonstiges. Nur etwas Traute.
Mehr Fremdsprachen sind nicht nötig: mir ist kein deutscher EU-Angehöriger bekannt, der nicht zumindest gut Englisch kann, meistens auch Französisch, das ist wohl über dem europäischen Durchschnitt. Was fehlt ist der Mut zur eigenen Sprache!



14.05.2008 | 17:33 Uhr

Hans-Martin Gauger: Die Willfährigkeit der Deutschen

Nach allem, was ich höre, ist schon richtig, was Frau Limbach schreibt. Nur muss hier gleich hinzugefügt werden, dass dies für alle europäischen Sprachen, außer natürlich dem Englischen und (aber schon in weit geringerem Grad) dem Französischen, gilt. Wer über die Quasi- Abwesenheit des Deutschen in Brüssel klagt, sollte auch an die anderen Sprachen denken, die dort ebenfalls abwesend oder noch abwesender sind, darunter zwei Weltsprachen, Spanisch und Portugiesisch, deren Sprecherzahl eben nur in Europa nicht so groß ist.

Aber dann das Italienische, Ungarische, Dänische, Polnische, Niederländische, Rumänische usw. usw. Es ist immer wieder dasselbe: die Über-Dominanz des Englischen. "Sobald kein Dolmetscher da ist, wird eben englisch geredet", sagte mir ein Europapolitiker. Was das Französische angeht, so gehörte es eben zu Beginn des Einigungsprozesses vor allem von Deutschland her gesehen zu den Voraussetzungen: Frankreich und also das Französische sollten privilegiert werden. Alle deutschen Kanzler, von Adenauer bis Merkel waren sich da einig (von Erhard vielleicht abgesehen - dessen Regierung, da war ein anderer Gerhard Schröder dabei, hat jedenfalls de Gaulle in einer entscheidenden Phase regelrecht brüskiert). Insofern waren bis vor kurzem alle europäischen Institutionen auf französischem Sprachgebiet: Straßburg, Brüssel, Luxemburg. Zudem: das Französische war noch vor wenigen Jahrzehnten in den anderen europäischen Ländern (und nicht nur dort) viel gegenwärtiger als heute, weil es zur ‚Bildung’ gehörte. Sogar in England! Dort, höre ich, ist jetzt ein Sekundarabschluss ohne jede Fremdsprache möglich. Es wäre, wenn es so ist (ich kann es einfach nicht glauben), ein Skandal! Wer Englisch kann, braucht keine andere Sprache zu lernen!

Deutsch ist in Europa die Sprache mit der größten Zahl an muttersprachlichen Sprechern - auch also vor dem Englischen: 83 Millionen; 63 Millionen ‚sprechen’ Deutsch anderswo als Fremdsprache. Es darf von daher schon einen herausgehobenen dritten Platz beanspruchen. Die Willfährigkeit der Deutschen - dass es die gibt, ist evident - muss zurückgenommen werden. Wir brauchen mehr "Sprachloyalität". Da ist nun wirklich auch die Politik gefragt - und zwar die Berliner Politik! Aber - wird man deren Interesse gewinnen können? Dann kommt bei den Deutschen (bei den Österreichern und den Schweizern weiß ich es nicht so genau) noch etwas Ärgerliches hinzu: sie zeigen so entsetzlich gerne, dass sie fremde Sprachen, dass sie also auch Englisch können. Und reden auch dann englisch, wenn es, pardon, verdammt noch mal überhaupt nicht nötig ist. Wenn der Deutsche nur hundert Wörter kennt, fängt er an zu quatschen. Er ist auch bekanntlich nicht sehr sensibel, wenn er in Gefahr steht, lächerlich zu wirken. Unser doofer Fremdsprachenstolz.

Anderer Gesichtspunkt. Im Straßburger Parlament wird ja übersetzt, und ich denke, man hat nun Leute gefunden, die aus dem Finnischen ins Maltesische und umgekehrt übersetzen können. Aber hier ist nun die Misslichkeit, dass es nicht die Möglichkeit gibt, sich über eine gewisse ‚Hierarchisierung’ der europäischen Sprachen zu verständigen. Es ist ein überaus heikler Punkt, ich weiß. Sie sind in einer Hinsicht alle gleich wichtig, aber doch nicht in jeder Hinsicht. Es gibt da Unterschiede, muss man brutal sagen. Solange das Katalanische oder - noch weit extremer - das Maltesische (übrigens eine arabische Sprache) oder das Lettische auf demselben Rang stehen wie das Deutsche, das Französische, das Spanische, das Polnische (ja, und welche anderen Sprachen sollte man da noch nennen?), solange wird es immer und ganz unweigerlich den Kurzschluss zum Englischen geben. Dass alle auf der Gleichberechtigung ihrer Sprache mit allen anderen bestehen, spielt also zusätzlich und sehr stark dem Englischen in die Hände. Übrigens: Einstein war trotz seines "scheußlichen Englisch" (war das so?) ein ganz typischer Deutscher nicht. Ihn würde ich hier - in einem Atemzug mit Goethe und Kant - nicht nennen. Da ist sie halt mal wieder - unsere Geschichte, unsere "Belastung".

Kommentare

15.05.2008 | 13:12 Uhr
Karl Martin Fischer schreibt: Vielen Dank, Herr Gauger

für diesen interessanten Beitrag. Es stimmt, dass in England Fremdsprachen nicht mehr pflichtig sind. Vor kurzem hat sogar die Universität Cambridge bekannt gegeben, dass für ein Studium dort keine Fremdsprachenkenntnisse mehr erforderlich sind. Man will dort bewusst mehr Studenten aus unteren und mittleren sozialen Schichten ansprechen.


15.05.2008 | 10:06 Uhr
Michael Hillenbrand schreibt: Eine britische Dominanz existiert nicht

Herr Stabenow wies darauf hin, wie hoch der Preis ist, den die Briten für die Krückensprache Englisch bezahlen. Einer Hilfssprache bedient man sich 1.) wenn man alle anderen Sprachen noch weniger beherrscht, mit Ausnahme der eigenen Muttersprache. 2.) wenn man eine gemeinsame Plattform sucht.

Wenn ich einen frz. Beamten treffe, kann ich höflich und kurz auf Französisch einleiten, werde dann aber mögliche Assymetrien in der Verhandlungsführung ausschließen. Weder mein Gegenüber noch ich sollen in einer Sprache verhandeln, auf deren Terrain man sich absolut sicher bewegt. Das Englische ist auch deshalb so alltagstauglich, weil es nicht zu viele englische Muttersprachler in Brüssel gibt, weil eine britische Dominanz nicht existiert.
Wer auf Abendveranstaltungen versucht, die europ. Öffentlichkeit zu erreichen kann versuchen, möglichst international aufzutreten (Bsp. Vertretung NRW), auf (D)englisch oder (Bsp. BY) sich einen (!) Übersetzer leisten. Man wird immer unter Deutschen bleiben.



14.05.2008 | 17:23 Uhr

Paul Kirchhof: Die EU sollte ihrer größten Sprachengruppe mehr als bisher entgegenkommen

Die Europäische Union sucht grundsätzlich jeden Unionsbürger in seiner Muttersprache anzusprechen. Alle diese Sprachen sind gleichberechtigt. Doch im Rechtsalltag der EU kann dieses Prinzip nicht mehr aufrechterhalten werden. Würden die europäischen Behörden und Gerichte sich in dieser Vielsprachigkeit miteinander verständigen, entstünde ein Sprachenbabylon und die EU würde handlungsunfähig.

Deswegen haben sich Arbeitssprachen gebildet, in der die jeweiligen Organe sprechen. In der Kommission ist Deutsch neben Französisch und Englisch Arbeitssprache, hat aber bisher nur eine geringe praktische Bedeutung gewonnen, obwohl Deutsch seit 1995 die am häufigsten gesprochene Muttersprache in der EU ist.

Wenn die EU bemüht ist, möglichst viele Unionsbürger in einer ihnen vertrauten Sprache anzusprechen, um ihnen Vertrautheit im europäischen Recht zu vermitteln, wird sie diesem Anliegen am ehesten gerecht, wenn sie Deutsch als Arbeitssprache spricht. Deswegen sollten die Repräsentanten und einflussreichen Beamten der EU jeweils Englisch, Französisch und Deutsch sprechen können, deutsche Behörden, Unternehmen und Wissenschaftler sich gegenüber der EU schriftlich und mündlich möglichst in ihrer Muttersprache äußern.

Dieses Sprechen in der am häufigsten gesprochenen Muttersprache erspart außerdem Übersetzungsaufwand. Schon gegenwärtig hat die EU den größten Sprachendienst der Welt. Simultandolmetscher sind bei der Vielfalt der Übersetzungskombinationen nicht mehr in der Lage, allen Beteiligten unmittelbar ein für sie verständliches Wort zu überbringen. Deswegen muss die Sprachenfrage so einfach wie möglich gelöst werden. Die EU sollte in ihrer Sprachpraxis ihrer größten Sprachengruppe mehr als bisher entgegenkommen.

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14.05.2008 | 17:17 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Unkompliziert in Brüssel

Ja, es darf und sollte bei der Zurückhaltung in Brüssel bleiben. Man kann natürlich anderer Meinung sein. Aber gegen zwei Vorwürfe möchte ich mich zur Wehr setzen: gegen den der Arglosigkeit und – noch mehr – gegen den der Liebedienerei (dankbar bin ich, dass wenigstens das Wort vom vorauseilenden Gehorsam nicht gefallen ist, das besonders üble Assoziationen weckt oder wecken kann).

Mein Plädoyer für Englisch als einzige Amtssprache in Brüssel basiert allein auf praktischen Erwägungen, die auch Jutta Limbach gelten lässt, nur eben zurückstellt. Aber wovor? Ich darf mich genauso zuspitzend äußern: vor Prestigeverlust. Denn ich kann nicht glauben, dass es ernst gemeint sein soll, wenn Brüsseler Diplomaten auf die "Sprache Goethes, Kants und Einsteins" eingeschworen werden. Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass Deutsch kulturgesättigt, wissenschaftsgetränkt oder auf sonstige Weise von hohem oder höchstem Rang ist. Aber das gilt genauso für das Italienische und eigentlich alle anderen Sprachen, die definitiv aus dem Dreier- oder allenfalls Fünferbund verstoßen werden. Englisch ist nicht prinzipiell ‚besser’ als Deutsch, es ist nur die einzige anerkannte Verkehrssprache, die das Leben im komplizierten Brüssel wenigstens ein ganz klein wenig weniger kompliziert macht.

Und die Franzosen mit ihrem hochgelobten "Eifer" (Vorsicht: Eifer liegt nahe bei Eiferer) für die Muttersprache? Zeigen sie nicht, dass die Bewahrung des Eigenen möglich ist? Um Gotteswillen! Als wenn man nicht wüsste, dass man es hier mit einem veritablen Tic der Grande Nation zu tun hat, die sogar beim Tennis auf Roland Garros die internationale Zählung zugunsten einer französischen Variante verbot. Im Übrigen profitieren die Franzosen schlicht von der Geografie, die es schwierig macht, in Brüssel, Luxemburg oder Straßburg nicht hin und wieder französisch zu sprechen.

Wer schließlich ein altes Beispiel für diese Art von (zugegeben: leicht despotischem) Zurechtkommen mit unvermeidbarer Sprachenvielfalt sucht, sollte an den Vatikan denken. Dort spricht auch ein deutscher Papst die einzige anerkannte Amtssprache – Italienisch. Aber nicht als die Sprache Dantes, sondern derjenigen, die in Rom nun einmal am häufigsten vertreten sind.

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15.05.2008 | 21:47 Uhr
harald schneider schreibt: Die Geographie ist ein Politikum

Die erwähnte Bevorzugung des Französischen auf die Geographie zu schieben ist ein wenig billig. Brüssel, Strassburg und Luxemburg sind politisch bestimmte Stätten, nicht geograhische. Der Vorrang des Englschen ist ein internationaler. Deshalb streicht Französisch und einigt euch auf das Englische als lingua franca und die EU spart viel Geld.


15.05.2008 | 21:35 Uhr
Sankt Michael schreibt: Brüssel ist doch keine deutsche Stadt!

In Brüssel werden viele Sprachen gesprochen, mehr als es Amtssprachen in der EU gibt. Aber Brüssel ist zuerst eine belgische Stadt. Mit niederlândischer und französischer Amtssprache. Ich lebe dort seit 35 Jahren. Deutsch wird auch gesprochen, in den Vororten und Stadtbezirken wo viele Deutschsprachige wohnen. Auch die Händler sprechen Deutsch, wie überall auf der Welt, wenn man ein Geschäft machen kann.

In den EU-Institutionen wird unterschiedlich viel Deutsch gesprochen, in den Cafeterias, in Zweier-Gesprächen schon. In Sitzungen aber ist es häufig das Bedürfnis der deutschen "Alleskönner" und "Überall-Weltmeister" zu zeigen, wie gut sie in Englisch, Italiensich oder Spanisch sind, einige brillieren sogar mit Finnisch oder Maltekisch!
So sind wir eben - wir Deutschen!
Und der Franzose lächelt, bei seiner Sprache hapert es eben doch noch oft.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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