Karl-Heinz Göttert: Es gibt Bedarf an Mehrsprachigkeit
Auch wenn es nervt: Im Lob der Mehrsprachigkeit bin ich mit Jutta Limbach einig, in der Begründung nicht. Natürlich ist es nicht falsch, auf die Sprache als "kulturelles Erbe der Menschheit" hinzuweisen, sie als "Element der sozialen Identität" zu sehen, auch die Rolle des Sprachenlernens als Voraussetzung einer Öffnung gegenüber anderen Kulturen, sogar ihren Nutzen zur Erhaltung der geistigen Frische hervorzuheben.
Nur scheint mir in all dem kaum ein wirklich entscheidendes Motiv zu liegen, sich hinzusetzen und Vokabeln zu pauken. Ich deute jedenfalls die gute Botschaft, dass die Bereitschaft dazu im Augenblick hoch ist, schlichter.
Junge Leute sind (immer, aber heute dank gestiegener Mobilität besonders) weltoffen. Es macht einfach Spaß, andere Menschen kennenzulernen, in andere Kulturen einzutauchen. Man studiert ein Semester in Paris, Lissabon oder einer Austauschuniversität, um gründlich die Tapeten zu wechseln. In Prag, wo ich wiederholt am Germanistischen Institut unterrichtet habe, sind Deutsche und Schweizer eingeschrieben, die ihre eigene Sprache und Literatur einmal in fremder Umgebung studieren wollen. Sänger gehen nach Italien, um für ihr Verdi-Arien Sicherheit zu gewinnen. Juristen, die sich auf französisches Handelsrecht spezialisieren, vertiefen ihre Kenntnisse in Frankreich.
Es ist also Bedarf da an Mehrsprachigkeit – und Lust. Mich überrascht die positive Untersuchung, die Jutta Limbach zitiert, nicht im Geringsten. Bei all dem ist jedoch auch nicht zu übersehen, dass Englisch als Verkehrssprache eine Dominanz besitzt und vermutlich ausbauen wird. Die Mobilität ist eben sehr hoch und führt dazu, dass weniger Länder als solche erkundet werden, vielmehr Städte, und zwar möglichst viele. Man geht nicht unbedingt nach Frankreich, sondern nach Paris, nicht nach Italien, sondern nach Venedig – und am liebsten heute hierhin, morgen dorthin.
Dann ist eine Verkehrssprache gefragt, dann profitiert man von Englisch, gegebenenfalls von einem meines Erachtens zu Unrecht geschmähten oder ironisierten Basic English. Meine deutschsprachigen Studenten in Prag lobten die Prager, weil man sich mit ihnen so bequem auf Englisch unterhalten könne. Das geht auf Kosten von Tschechisch. Nur stirbt deshalb weder Tschechisch noch sonst eine Nationalsprache aus oder wird in ihrem ‚Wert’ gemindert. Die (freie) Mehrsprachigkeit muss sich lediglich ihr Feld mit der Zweisprachigkeit (als Muttersprache plus Englisch) teilen.
Die Grenzen des Sprachenlernens an den Schulen werden so gesehen wie eh und je einzig von der begrenzten Kapazität unserer Köpfe vorgegeben. Damit aber wird sich an den bislang üblichen zwei bis drei Fremdsprachen (einschließlich Latein!) nichts ändern.



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Klaus Däßler schreibt: Polyglotte Blauäuglein
Zu dieser Frage scheint hier, bis auf wenige Ausnahmen, polyglottes Wunschdenken zu herrschen. Ständig wird die hohe Mobilität der heutigen Jugend bemüht. Dass Studenten ein wenig in der Fremde herumziehen, gab es schon immer, begründet keine Mehrsprachigkeit. Eine Familie; Vater, Mutter, Kinder, ist nicht mobil. Wirklich mobile Menschen haben kaum Familie. Die triste Realität der Muttersprachbeherrschung unserer deutschen Schulanfänger: Seit 1980 ist sie um 20% zurückgegangen (Leben und Erziehen 2005).
In den Vereinigten Staaten und GB, Globalenglisch-Vorreitern, werden Fremdsprachen vom Lehrplan gestrichen, sofern sie überhaupt draufwaren, und wir schwadronieren von
Viersprachigkeit und beginnen mit Immersions-BSE in der ersten Klasse. Was wir brauchen, ist endlich wieder ausreichender Deutschunterricht, damit künftige Generationen in diesem Lande noch in der Lage sind, Demokratie zu schützen und Komplexität zu bewältigen. Das ist nur mit der basiskategorial aufgeladenen Muttersprache möglich.