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Forum:

Bleibt Europa mehrsprachig?

Jutta Limbach spricht sich im jüngsten Kapitel unseres Vorabdrucks für ein Europa der Vielfalt aus. Doch wird sich diese Mehrsprachigkeit behaupten können, wo doch der Ruf, Europa möge mit einer Stimme sprechen, immer lauter wird? Welche Sprachkenntnis werden die Abiturienten des Jahrgangs 2050 mitbringen müssen?

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Beiträge

19.05.2008 | 17:08 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Es gibt Bedarf an Mehrsprachigkeit

Auch wenn es nervt: Im Lob der Mehrsprachigkeit bin ich mit Jutta Limbach einig, in der Begründung nicht. Natürlich ist es nicht falsch, auf die Sprache als "kulturelles Erbe der Menschheit" hinzuweisen, sie als "Element der sozialen Identität" zu sehen, auch die Rolle des Sprachenlernens als Voraussetzung einer Öffnung gegenüber anderen Kulturen, sogar ihren Nutzen zur Erhaltung der geistigen Frische hervorzuheben.

Nur scheint mir in all dem kaum ein wirklich entscheidendes Motiv zu liegen, sich hinzusetzen und Vokabeln zu pauken. Ich deute jedenfalls die gute Botschaft, dass die Bereitschaft dazu im Augenblick hoch ist, schlichter.

Junge Leute sind (immer, aber heute dank gestiegener Mobilität besonders) weltoffen. Es macht einfach Spaß, andere Menschen kennenzulernen, in andere Kulturen einzutauchen. Man studiert ein Semester in Paris, Lissabon oder einer Austauschuniversität, um gründlich die Tapeten zu wechseln. In Prag, wo ich wiederholt am Germanistischen Institut unterrichtet habe, sind Deutsche und Schweizer eingeschrieben, die ihre eigene Sprache und Literatur einmal in fremder Umgebung studieren wollen. Sänger gehen nach Italien, um für ihr Verdi-Arien Sicherheit zu gewinnen. Juristen, die sich auf französisches Handelsrecht spezialisieren, vertiefen ihre Kenntnisse in Frankreich.

Es ist also Bedarf da an Mehrsprachigkeit – und Lust. Mich überrascht die positive Untersuchung, die Jutta Limbach zitiert, nicht im Geringsten. Bei all dem ist jedoch auch nicht zu übersehen, dass Englisch als Verkehrssprache eine Dominanz besitzt und vermutlich ausbauen wird. Die Mobilität ist eben sehr hoch und führt dazu, dass weniger Länder als solche erkundet werden, vielmehr Städte, und zwar möglichst viele. Man geht nicht unbedingt nach Frankreich, sondern nach Paris, nicht nach Italien, sondern nach Venedig – und am liebsten heute hierhin, morgen dorthin.

Dann ist eine Verkehrssprache gefragt, dann profitiert man von Englisch, gegebenenfalls von einem meines Erachtens zu Unrecht geschmähten oder ironisierten Basic English. Meine deutschsprachigen Studenten in Prag lobten die Prager, weil man sich mit ihnen so bequem auf Englisch unterhalten könne. Das geht auf Kosten von Tschechisch. Nur stirbt deshalb weder Tschechisch noch sonst eine Nationalsprache aus oder wird in ihrem ‚Wert’ gemindert. Die (freie) Mehrsprachigkeit muss sich lediglich ihr Feld mit der Zweisprachigkeit (als Muttersprache plus Englisch) teilen.

Die Grenzen des Sprachenlernens an den Schulen werden so gesehen wie eh und je einzig von der begrenzten Kapazität unserer Köpfe vorgegeben. Damit aber wird sich an den bislang üblichen zwei bis drei Fremdsprachen (einschließlich Latein!) nichts ändern.

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20.05.2008 | 19:28 Uhr
Klaus Däßler schreibt: Polyglotte Blauäuglein

Zu dieser Frage scheint hier, bis auf wenige Ausnahmen, polyglottes Wunschdenken zu herrschen. Ständig wird die hohe Mobilität der heutigen Jugend bemüht. Dass Studenten ein wenig in der Fremde herumziehen, gab es schon immer, begründet keine Mehrsprachigkeit. Eine Familie; Vater, Mutter, Kinder, ist nicht mobil. Wirklich mobile Menschen haben kaum Familie. Die triste Realität der Muttersprachbeherrschung unserer deutschen Schulanfänger: Seit 1980 ist sie um 20% zurückgegangen (Leben und Erziehen 2005).

In den Vereinigten Staaten und GB, Globalenglisch-Vorreitern, werden Fremdsprachen vom Lehrplan gestrichen, sofern sie überhaupt draufwaren, und wir schwadronieren von
Viersprachigkeit und beginnen mit Immersions-BSE in der ersten Klasse. Was wir brauchen, ist endlich wieder ausreichender Deutschunterricht, damit künftige Generationen in diesem Lande noch in der Lage sind, Demokratie zu schützen und Komplexität zu bewältigen. Das ist nur mit der basiskategorial aufgeladenen Muttersprache möglich.



19.05.2008 | 17:03 Uhr

Hans-Martin Gauger: Mehrsprachigkeit wird sich behaupten

Hier berührt Jutta Limbach einen äußerst wichtigen Punkt. In der Tat: eine Sprache ist nicht nur Mittel der Verständigung. Das ist sie zwar ganz gewiss, aber sie ist dies nur - auch. Sie hat für den Menschen zumindest eine weitere, überaus wichtige Funktion. Wie soll man sie beschreiben? Limbach, denn sie kann sich unkompliziert ausdrücken, sagt: "ein wichtiges Element der persönlichen, sozialen und kulturellen Identität".

Wirklich empfängt der Mensch von seiner Sprache - seiner Muttersprache - Identität. Sie ist ja auch eine ‚soziale Institution’ und wohl doch die allerwichtigste. Und sie geht in einem Individuum, zeitlich, allem übrigen, das auf es einströmt, voraus, begleitet und ermöglicht dieses Einströmen erst. Oder genauer: was vor der Sprache einströmt, wired vergessen, fällt der "frühkindlichen Amnesie" zum Opfer. So ist seine Sprache für jeden auch ein wichtiger "Außenhalt", wie die Soziologen sagen. Man könnte oder müsste es aber emotionaler sagen, denn da ist etwas Gefühlsmäßiges, ja Irrationales, das in Rechnung zu stellen ist (und das Irrationale in Rechnung zu stellen, heißt nicht irrational sein): eine Sprache ist auch - schönes deutsches Wort, in viele Nachbarsprachen nicht leicht zu übersetzen - Heimat, mit all dem, was da dazugehört: frühe Kindheit, Jugend: "Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf", wie es bei Goethe heißt. Über den Dialekt sagt Goethe: "Er ist doch eigentlich das Element, in dem die Seele ihren Atem schöpft". Schön und auch (es kommt nicht immer zusammen) richtig. Heimat ist der jeweilige Dialekt noch vor der ‚Sprache’, die mehrere oder viele Regionen umfasst und Dialekte "überdacht" und eben deshalb einen größeren "Kommunikationsradius" hat (da sind wir wieder bei der Verständigung). Aber eigentlich gilt für eine Sprache Goethes Formulierung auch: Atem schöpft die Seele auch da (Goethe sagt dies in "Dichtung und Wahrheit", dort, wo er von seinem Dialekt berichtet).

Von daher ist die Antwort klar: die Mehrsprachigkeit wird sich in Europa ganz ohne Zweifel behaupten. Und nicht nur im Alltag, der ja schon einmal wichtig ist. Abgesehen womöglich von einigen ganz kleinen und jetzt schon mehr als wackligen Sprachen. Da gibt es zum Beispiel, mir als Romanisten wichtig, eine kleine Sprache, deren Namen schon kaum jemand kennt - das Aromunische, eine direkt auf das Lateinische zurückgehende Sprache einer durchweg zweisprachigen Minderheit, die auf mehrere Länder des Balkans verteilt ist - etwa Griechenland (dort werden sie, wenn nicht unterdrückt, so doch zumindest gar nicht gefördert, obwohl "Europa" dies in einer Erklärung, Nr.1333, 1997, ausdrücklich gefordert hat), dann Mazedonien, Serbien, Kosowo, Albanien, auch Rumänien (das Aromunische steht dem Rumänischen nahe, ist aber keine Variante von ihm).

Ich kenne die "Hohe Gruppe der Linguisten" nicht. Sagt Frau Limbach dies ironisch? "Linguisten", besser "Sprachwissenschaftler", sind eigentlich nie "hohe Gruppe". Offenbar aber haben diese Menschen im Auftrag der "Kommission" die Argumente für "die Vorzüge der Mehrsprachigkeit zusammengetragen". Und wenn sie zu dem hier skizzierten Ergebnis kamen, kann wahrlich niemand etwas gegen sie sagen. Außer dass das von ihnen "Zusammengetragene" die pure Selbstverständlichkeit ist. Aber deshalb ist es nicht falsch.

Jahrgang 2050? Also die Politik muss so sein - aber, bange Frage, wird sie beim Vorherrschen des Technischen, des Praktischen, des Nützlichen, des Instrumentellen, des Bequemen und auch des ja, weiss Gott, wichtigen Naturwissenschaftlichen gerade dies sein? -, sie muss also so sein, dass diese jungen Menschen am Ende der Sekundarstufe zumindest zwei Fremdsprachen ‚beherrschen’. Da sollte auch das Lateinische nicht völlig fehlen. Und das Englische muss da auch außerhalb des Sekundarbereichs (ich spreche jetzt mal noch in den herkömmlichen Kategorien) dabei sein. Es muss aber nicht unbedingt an erster Stelle stehen (das wollen halt immer die Eltern). Für kein anderes Fach ist ein Kind so motiviert wie für das Englische. Keinem Sechsjährigen muss man erklärem, weshalb englisch gelernt werden muss. Auch keiner Sechsjährigen. Das weiß er oder sie schon. Das gilt, ist zu vermuten, für den Jahrgang 2050 erst recht. Frau Limbach ist nicht ironisch, sondern irenisch, wenn sie am Ende sagt: "Die europäische, nationale und regionale Bildungspolitik trifft hier auf ein geneigtes und lernbegieriges Publikum". Schön wär’s. Hoffen wir’s also. Im übrigen gilt, was Augustin so sagte: "Man kann nur sehen, was ist", "Videri nisi quod est non potest".

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19.05.2008 | 17:01 Uhr

Michael Klett: Interne Sprachpolitik ist wichtiger

Bis zum Jahr 2050 werden sich die Schulen mit immersivem zweisprachigen Unterricht so vermehrt haben, dass man von einer substantiellen Verbesserung der Sprachkompetenz im Englischen wird sprechen können, zumindest bei einem maßgeblichen Teil der Eliten. Das dürfte zur Folge haben, daß das schon lang gehegte Ziel, dass begabte und elitefähige Deutsche mit einer weiteren Fremdsprache oder gar zwei weiteren zu einer echten mehrsprachigen Kompetenz gelangen.

Diese Ansicht scheint vielleicht etwas sehr optimistisch, aber wenn man sieht, wie sich die Kompetenz in fremden Sprachen allgemein allein in den letzten 30 Jahren verbessert hat, kann man auf das Jahr 2050 ruhig auf solch eine Zielperspektive hin denken. In den nächsten Jahren sollte sie sich - wenn sie das nicht sowieso schon tut - im Auswärtigen auf Länder konzentrieren, bei denen starke wirtschaftliche Verflechtungen gegeben sind, und zwar weniger solche, wo billig produziert wird, als vielmehr solche, wo komplexere Kooperationen und Partnerschaften im Gang sind. Aber viel wichtiger als die externe Sprachpolitik muss die interne sein. Das ganze deutsche Bildungssystem liegt schon deshalb schief, weil den Immigranten die richtigen Sprachvoraussetzungen für eine Bildungsentwicklung nicht hinlänglich gegeben sind. Hier muss wirklich was passieren.

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19.05.2008 | 16:57 Uhr

Klaus Reichert: Mehrsprachigkeit ernst nehmen

Jutta Limbach schreibt zu recht, dass z.Zt. in Deutschland hervorragend geschrieben wird - in der Literatur, in der Wissenschaft, im Journalismus. Das scheint aber nicht von denjenigen zur Kenntnis genommen zu werden, die die Richtlinien für Antragsmodalitäten bei den Forschungsinstitutionen formulieren, wie z.B. bei der DFG.

Es wäre zu wünschen, dass anerkannte Repräsentanten unserer Gesellschaft wie Frau Limbach oder Herr Lehmann als neuer Präsident des Goethe-Instituts ihr (Sprach)Denken und ihren Einfluß bei den entsprechenden Institutionen mit Nachdruck geltend machten.

Anstatt die schwindende Bedeutung des Deutschen zu beklagen, sollten alle, denen die Sprache mehr ist als ein Transportmittel, immer wieder auf die Ausdrucksvielfalt - und die Schönheit! - des Deutschen hinweisen, auf die Einzigartigkeit dieser - immer noch - hochentwickelten Sprache, in der Differenzierungen, Konkretionen und Abstraktionen möglich sind, die es eben in anderen Sprachen nicht gibt.

Was die Mehrsprachigkeit in Europa betrifft, hat man den Vorschlag gemacht, Schüler sollten als 2. Fremdsprache die Sprache des angrenzenden Landes lernen, also französisch, niederländisch, dänisch, polnisch, tschechisch... Das klingt vernünftig. Der Vorschlag nimmt die Mehrsprachigkeit Europas ernst und versucht, sie zu 'institutionalisieren'.

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19.05.2008 | 17:08 Uhr
Benedikt Pollmeier schreibt: JA ZUR MEHRSPRACHIGKEIT

Ich bin selbst viel im europäischen Ausland unterwegs, und habe - was nicht weiter verwundert - festgestellt, dass die Beherrschung der Landessprache unglaublich wichtig ist, auch wenn Kommunikation auf Englisch immer möglich ist. Deshalb spreche ich neben Deutsch auch Italienisch, Spanisch, Arabisch, Englisch und Französisch - es wäre Wünschenswert, wenn in den Schulen verschiedene und mehrere Sprachen angeboten werden.
Be, 24, Genf



19.05.2008 | 16:48 Uhr

Thomas Paulwitz: Rechnerlinguistik wird die Muttersprachen retten

Möglicherweise erlebe ich das Jahr 2050. Vielleicht legt in jenem Jahr ein Enkel die Abiturprüfung ab. Welche Sprachkenntnisse sollte er dann besitzen? Ich will jetzt nicht im Kaffeesatz lesen, habe aber zwei Wünsche, die in Erfüllung gehen können und sollen. Erstens: Der Unterricht wird sich bis dahin so verbessert haben, daß Schulabgänger ihre Muttersprache sehr gut beherrschen.

Im Hinblick auf die Mehrsprachigkeit ist es wichtig zu betonen, daß allein derjenige eine Fremdsprache gut lernen kann, der sicher in seiner Muttersprache ist. Zweitens: Die Rechnerlinguistik wird ihre Werkzeuge mittlerweile so verfeinert haben, daß sich niemand mehr dazu gezwungen fühlen muß, aus wirtschaftlichen Gründen eine Fremdsprache zu erlernen.

Die Rechnerlinguistik wird die Möglichkeit schaffen, auf Hilfssprachen zu verzichten. Das Ziel ist, daß sich Menschen verschiedener Muttersprache mit elektronischer Hilfe verständigen können, ohne daß sie dazu eine Fremdsprache beherrschen müssen. Ein kleines Gerät, ein Echtzeitübersetzer, überträgt die Worte des einen in die Sprache des anderen. Der Vorteil liegt darin, daß beide Gesprächspartner sich in der Muttersprache ausdrücken können, also in der Sprache, in der sie am besten ihre Gedanken entwickeln und äußern können.

Damit wird das Erlernen von Fremdsprachen zwar nicht überflüssig, allerdings werden sich die Beweggründe ändern, die für die Entscheidung, sich eine andere Sprache anzueignen, ausschlaggebend sind. Niemand wird mehr dazu gezwungen sein, eine Sprache aus rein wirtschaftlichen Gründen zu lernen. Das bedeutet, daß ein unschlagbares Mittel zur Erhaltung der Sprachenvielfalt entstehen wird. Wer im Jahr 2050 eine Fremdsprache lernt, wird dies aus kultureller Tradition oder Neugier tun, oder um seine geistigen Fähigkeiten zu schulen. Für das Abitur 2050 genügen Deutsch, Latein und die Sprache eines anderssprachigen Nachbarlandes. Schon jetzt beneide ich meinen noch nicht geborenen Enkel um die Möglichkeiten, die ihm offenstehen werden.

Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.

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19.05.2008 | 07:07 Uhr

Michael Stabenow: Das Beispiel Brüssel

Wer sich in Brüssel umhört, braucht sich um die Zukunft der Mehrsprachigkeit in Europa wenig Sorgen zu machen. Eine vor wenigen Jahren vom belgischen Soziolinguisten Rudi Janssens veröffentlichte Studie ergab, dass 95,6 Prozent der rund eine Million Bewohner Brüssels nach eigener Einschätzung Französisch beherrschen.

Dass in einer mehrheitlich von Französischsprachigen bewohnten, offiziell aber zweisprachigen Stadt 33,3 Prozent jene zweite Sprache – Niederländisch - beherrschen, wird nicht überraschen. Auch dass ebenfalls ein Drittel angab, Englisch zu sprechen, dürfte der internationalen Norm entsprechen. Weniger dagegen, dass sich in der belgischen Hauptstadt offenbar jeder fünfte (21,1 Prozent) auf Deutsch, jeder sechste auf Spanisch (17,6 Prozent) und gut jeweils jeder zehnte auf Arabisch (11,6 Prozent) und auf Italienisch (10,6) verständigen kann.

Zur Mehrsprachigkeit gehört nicht nur die Beherrschung mehrerer Sprachen durch eine Person, sondern auch das Neben- und Miteinander mehrerer (Mutter)sprachen. Die Erfahrung zeigt, dass sich einerseits – nicht nur in Europa - mehr oder weniger gut gesprochenes und geschriebenes English als "Lingua franca" durchsetzt. Dies muss keineswegs auf Kosten der sprachlichen Vielfalt in Europa gehen – im Gegenteil: Je mehr Europa politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammenwächst, desto stärker dürfte auch das Bestreben werden, die eigene Sprache als Merkmal der Identität zu behaupten. Auch die innerhalb vieler Länder zu beobachtende Entwicklung spricht für die Bewahrung oder gar einer Erweiterung der sprachlichen Vielfalt. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern haben sich in den vergangenen Jahren neben einer allgemeinen "Hochsprache" Dialekte sowie andere sprachliche Eigenheiten als Ausdruck kultureller Identität eine Renaissance erlebt oder fortentwickelt.

Manches spricht dafür, dass sich dieses Nebeneinander von Muttersprache (als Hochsprache und/oder Dialekt) sowie Englisch als "Lingua franca" erhalten wird. Daneben dürften klassische Fremdsprachen wie Französisch, Spanisch oder Russisch ihre Rolle bis auf weiteres behaupten. Inwieweit Abiturienten des Jahrgangs 2050 statt klassischer europäischer Fremdsprachen (oder zusätzlich dazu) Hochchinesisch und andere asiatische oder sonstige Sprachen erlernen werden, wird die Zukunft zeigen müssen.

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19.05.2008 | 11:59 Uhr
Heinz-Dieter Dey schreibt: Vorsicht

Es gibt nicht nur Gymnasien, sondern auch andere Schultypen. Heutzutage haben wir genug mit der eigenen Hochsprache zu kämpfen: »Sprachliche Mängel bei Kindern und Jugendlichen; beklagenswerte Ergebnisse schulischer Vergleichstests; schulische Probleme bei lernschwachen Kindern, Kindern bildungsferner Eltern und solchen mit nichtdeutscher Herkunft; Verkürzung der Gymnasialzeit (G8), Denglisch«. Der Schwerpunkt der sprachlichen Bildung muss deshalb mittelfristig auf den nationalen Verkehrssprachen liegen.

Mehrsprachigkeit ist ohne Zweifel nützlich. Unterschiedliche Begabungen, Interessen und Lebensentwürfe der Kinder müssen jedoch beachtet werden. Nicht jeder braucht im Erwerbsleben Fremdsprachenkenntnisse, nicht jeder sieht seinen persönlichen Schwerpunkt in der Mehrsprachigkeit. Die Aufnahmefähigkeit von Kindern und Schülern und der zweifelhafte Wert erzwungener Fremdsprachenfertigkeiten ist ein weiterer bedenkenswerter Aspekt. Freiwilligkeit sollte beim Fremdsprachenerwerb entscheiden. Für einen großen Teil der Erwirtschaftung des Brutto-Inlandsprodukts sind Fremdsprachenkenntnisse nebensächlich. Vermeiden wir sprachursächliche sozioökonomische Fehlentwicklungen.
Die jetzige EU hat etwa 500 Millionen Bürger, 23 Amtssprachen und eine vernachlässigbare Zahl von EU-Bediensteten. Die Amts- und Arbeits-Sprachprobleme in der EU dürfen nicht auf dem Rücken der EU-Bürger ausgetragen werden.



19.05.2008 | 07:02 Uhr

Paul Kirchhof: Muttersprache neu entdecken

Einheit und Zusammenhalt Europas wurzeln in der Vielfalt europäischer Kulturen und Sprachen. Dieser Reichtum soll auch im Prozess der europäischen Integration nicht verloren gehen. Die Menschen werden weiterhin ihre jeweilige Muttersprache sprechen, dadurch die Eigenständigkeit ihres Denkens, ihrer Tradition, ihres Beitrags für ein Gelingen Europas bewahren.

Sicherlich wird noch deutlicher als gegenwärtig eine gemeinsame Geschäfts- und Verkehrssprache die alltäglichen Begegnungen bestimmen, fast jeder Unionsbürger wird deshalb mindestens eine Fremdsprache erlernen müssen. Doch das Denken und Sprechen wird anspruchsvoller werden. Die Abiturienten des Jahrgangs 2050 werden sich vermutlich in drei Fremdsprachen äußern können – zwei lebenden und möglichst einer altsprachlichen, die das antike Denken Europas in die Gegenwart trägt. Bei dem Umgang mit fremden Sprachen werden die Abiturienten die Eigenheit und Schönheit ihrer Muttersprache neu entdecken.

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19.05.2008 | 06:54 Uhr

Jürgen Trabant: Die sogenannte Oettinger-Diglossie

Europa tendiert, jedenfalls in seinem Kernland, zu einer neuen Zweisprachigkeit: oben - bei den wichtigen Diskursen in Wissenschaft, Business und Politik - und zum Pizza-Kaufen in fremden Ländern (Fern-Verkehr) Global-Englisch, unten - in der Familie und im alltäglichen
Nah-Verkehr - die jeweilige Lokalsprache, oft der Dialekt.

Kurz, Europa tendiert zur sogenannten Oettinger-Diglossie: unten Schwäbisch (oder
Entsprechendes) - oben Englisch. Gefährdet sind die dritten Sprachen zwischen Dialekt und Global-Sprache, die sogenannten National-Sprachen. Diese traditionellen Gefäße europäischer Kultur zu bewahren, ist, wie Frau Limbach schreibt, Bürgerpflicht. Ob Bürger und Staat in Deutschland hier allerdings genug tun, darf bezweifelt werden. Andere europäische Länder sind hier aber durchaus aktiv. Die europäische Dreisprachigkeit wird sich also in Europa in verschiedenen Ländern verschieden gut behaupten.

Europa wird aber nur dann ein liebenswertes Europa werden, wenn sich die europäischen Bürger mindestens eine vierte Sprache - nicht nur zum Pizza-Kaufen, nicht nur fürs Business - aneignen, mit der sie sich in die Kultur ihrer europäischen Nachbarn und Freunde einleben: die Brudersprache. Daran müssen wir ebenso arbeiten wie an der Pflege und Bewahrung unserer eigenen "Drittsprache".

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19.05.2008 | 19:13 Uhr
Franz Müller schreibt: Eine vierte Sprache für jeden?

Ein solch hehres Ziel wird wohl nur für ganz wenige Leute erreichbar sein, und auch nur dann, wenn sie den ganzen Tag über nichts anderes zu tun haben als sich in mehreren Sprachen gleichzeitig zu verständigen.

In Brüssel kann es solche Leute geben. Aber der Großteil der europäischen Bevölkerung wird wohl genug daran zu knapsen haben, wenigstens EINE Fremdsprache einigermaßen gut hinzukriegen.

Eine zweite wird aus rein praktischen Gründen gar nicht mehr gehen, denken Sie ans Vokabellernen, Wiederholen, Üben, Frischhalten, das alles fordert Zeit und wer hat die nach der Arbeit, wenn Familie, Freunde, Kino oder Restaurant rufen und die Zeit für sich beanspruchen?

Geschweige denn eine dritte oder vierte Fremdsprache, es sei denn, man begrenze den jeweiligen Wortschatz auf 200 Wörter. Tausend Wörter bedeuteten dann fünf Fremdsprachen. Aber versuchen Sie sich mal mit einem Vorrat von 200 Wörtern verständlich zu machen. Zu echten "Gesprächen" wird es da auf keinen Fall kommen.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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