Mir gefällt Jutta Limbachs interessantes, nüchternes, auch schön geschriebenes Buch. Aber hier gleich eine verärgerte sprachkritische Zwischenbemerkung: Warum sagen wir, wenn es um eine Frau geht, immer "Frau" oder nennen den Vornamen, während wir bei einem Mann in aller Regel nicht "Herr" sagen, es sei denn ironisch, und auch den Vornamen, wenn er einmal gesagt wurde, nicht immer wieder nennen? Ich sage doch nicht "Herr Frühwald", wenn ich nicht gerade zu ihm selbst rede, und "Wolfgang Frühwald" sage ich auch nicht immer, wenn ich über ihn rede. Ich bin für dezidierte Gleichbehandlung, also: Limbachs Buch, nichts weiter. Es ist, wie ich gleich bei der Eröffnung des Lesesaals sagte, rasend vernünftig.
Damit meine ich: einerseits vernünftig, was ja schon einmal nicht wenig ist, denn in großer Mode ist heute das andere; man muss ja Aufmerksamkeit erregen, muss dieses äußerst knappe Gut auf sich ziehen, und dazu ist es dienlich, irgendetwas Überraschendes, Unvernünftiges, Irres, gar Hanebüchenes sagen. Das tut Limbach nun wahrlich nicht. Andererseits ist ihr Buch vernünftig auf eine etwas beunruhigende Weise. Es exponiert sich nicht oder kaum. Es geht auf Vieles nicht ein.
Aber halt - dies ist nun auch wieder anders, positiv zu sehen, denn hier stehen ja Dinge in Rede, für die es eine Wissenschaft gibt: die Sprachwissenschaft. Diese ist aber nicht das Gebiet von Limbach. Sie liebt die deutsche Sprache und liebt sie mit Vernunft. Vermutlich liebt sie sie mehr, sicher aber erkennbarer, als die meisten Sprachwissenschaftler, die halt über irgendeinen Aspekt des Deutschen sammeln, nachdenken und schreiben, wie wenn es um irgendeine Sprache ginge. Sie wollen ja nur wissen was ist. Wissen, was in einer Sprache ist oder was eine Sprache ist, ist übrigens gar nicht so wenig.
Sprachwissenschaftler müssen keine Verliebten sein. Limbach aber ist verliebt. Sie ist übrigens auch nicht der erste sprachverliebte Jurist. Schließlich war auch Goethe (nur da war er examiniert) Jurist, und eigentlich ist er unter allen deutschsprachigen Juristen der bedeutendste. Auch hat sich Limbach sprachwissenschaftlich kundig gemacht. Sie sagt, soweit ich sehe, da nichts Falsches. Aber sie ist ja bereits als äußerst kluge (also wiederum vernünftige) Juristin so gewieft, die vielen Fallen zu meiden, die hier überall sind, ohne dass sie jemand aufgestellt hätte. Trotzdem - ist es im Prinzip nicht so, wie wenn ich als Sprachwissenschaftler, was mir nie in den Sinn käme, ein juristisches Buch schriebe? Nein, so ist es ganz und gar nicht. Denn da ist nun wieder etwas Besonderes.
Wir Sprachwissenschaftler haben bei vielen (durchaus nicht bei allen) unserer Themen keineswegs die bequeme Möglichkeit, dem Laien brutal zu sagen, wie dies ein Jurist oder ein Mediziner, ein Physiker oder auch irgendein Techniker oder Handwerker tun kann: ‚Also, bitte, hören Sie mal, davon verstehen Sie nichts. Reden Sie bitte nicht, wo Sie nichts verstehen oder beschränken Sie sich aufs Fragen!’. Wir können dies nicht sagen, weil die Spechenden ja tatsächlich von ihrer Sprache etwas ‚verstehen’, wenn auch nicht wissenschaftlich, denn sie sprechen und verstehen sie ja, und wir beschreiben und analysieren gerade, was sie sprechen und verstehen. Wir brauchen sie, wie wir sagen, als "Informanten". Wir müssen es also akzeptieren - ein gutes Stück weit -, dass Laien bei uns Bescheid zu wissen glauben. Und also mitreden. Der Sonderfall Sprachwissenschaft also.
Etwas anderes kommt zu diesem erschwerend hinzu. Wieder etwas Besonderes. Wir werten nicht. Wir beschreiben bloß. Alle unsere Nachbardisziplinen verhalten sich da anders. Sie beschreiben nicht bloß, sondern werten auch. Die Literaturwissenschaft zum Beispiel wertet massiv, gleich in ihrem Ansatz, denn sie redet ja nur von solchen sprachlichen Gebilden, die sie als "literarisch" ansieht, worüber man sich im Einzelfall auch mal streiten kann; es hebt aber die Wertung nicht auf, im Gegenteil. Wir Sprachwissenschaftler verhalten uns so wie ein Literaturwissenschaftler, der - es ist eine abenteuerliche Vorstellung - sich darauf beschränkte zu beschreiben und dann als "die Literatur" betrachete, was die Mehrheit der Leser liest. Wir Sprachwissenschaftler beschreiben, halten in der Tat fest, wie die Mehrheit der Sprechenden spricht und erklären dies dann in seiner Gesamtheit als "die" betreffende Sprache oder als in ihr "richtig".
Was aber sollen wir denn eigentlich anderes machen? Sollen wir denn sagen, die Mehrheit hat keine Ahnung, wir setzen selber fest, was richtig ist? Ganz abgesehen davon, dass wir uns da kaum einig wären.
Ich will nur einmal auf dieses den Sprachwissenschaftlern meist gar nicht bewusste Problem ihrer Wertungsenthaltung hinweisen und sage gleichzeitig, dass es gar nicht leicht, vielleicht gar unmöglich ist, diese Enthaltung einfach aufzugeben. Da wir nur beschreiben, machen wir übrigens auch in aller Regel keine Voraussagen über die Zukunft, sind also - schon von daher - weder so wohlgelaunte Pessimisten wie Trabant oder so melancholisch vorsichtige Optimisten wie Limbach. Trabant wie auch die anderen Sprachwissenschaftler, die hier das Wort ergriffen haben, auch natürlich ich selbst, haben hier etwas gemacht, was wirklich, sagen wir, hartbeinige Sprachwissenschaftler keineswegs tun und beschädigen bei denen auch unseren ohnehin schon arg beschädigten Ruf. Diese ‚harten’ Kolleginnen und Kollegen fehlten ja auch in unserem Lesesaal. Wir, die wir ihn betraten, entfernten uns, indem wir werteten, ein wenig, ein wenig sehr sogar, aus dem sprachwissenschaftlichen Glied. Meine persönliche Meinung ist, dass man dies, auch gerade als Sprachwissenschaftler, darf. Nur ist die Bewertung dann nicht mehr sprachwissenschaftlich gesichert. Sie ist aber noch immer rational; es ist noch lange nicht der "Schlaf der Vernunft", denn es werden hellwach Gründe genannt und geprüft.
Das Deutsche wird bleiben, auch wenn es Herr Oettinger, was sicher nicht der Fall ist (hier irrt mein Freund Jürgen - war er zu lange nicht im Ländle?), es tatsächlich abschaffen wollte. Das könnte Herr Oettinger keienswegs, der nicht einmal als Ministerpräsident sehr mächtig ist. Auch das Französische, das Spanische und das Italienische werden bleiben und viele andere Sprachen auch. Die Position des Englischen wird sich als Sprache der Verständigung - politisch, wissenschaftlich - weiter festigen. Aber weder in den Wissenschaften noch in der Politik wird von vorneherein auch schon englisch gedacht werden. Die Anglizismen werden zunehmen, im Deutschen auf jeden Fall.
Aber es wird auch eine Gegenbewegung geben. Und die wird sich auswirken. Es wird schließlich kaum mehr Anglizismen geben, als es seinerzeit Gallizismen gab. Man lese einmal, was diesen Punkt angeht (es ist auch sonst nicht restlos überholt), das "Kommunistische Manifest". Was ist denn das für ein Deutsch - "Expropriation der Expropriateure"? Wer soll denn das verstehen? Und natürlich - auf der Hut sollten wir schon sein. On ne sait jamais. Und der hämisch höhnische Mitleidsblick auf Frankreich sollte da auch unterbleiben. Da hat Limbach an einer Stelle den üblichen Ausrutscher mit der "grande nation" - ein Ausdruck, den in Frankreich niemand kennt und den die Deutschen Frankreich ungebührlich angehängt haben. Wirklich - das glaubt einem niemand, es ist aber so: dieses französische Wort ist, in dieser Anwendung, eine deutsche Erfindung.