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Forum:

Überzeugen Jutta Limbachs Thesen?

Mit einem "Nachwort zur Zukunft der deutschen Sprache" schließt unser Vorabdruck von Jutta Limbachs gerade erschienener Denkschrift. Damit ist es an der Zeit für ein Resümee: Was halten Sie von dem Buch, das wir Ihnen in Auszügen vorgestellt haben? Sind die von der früheren Präsidentin des Goethe-Instituts aufgestellten Thesen überzeugend? Diskutieren Sie mit!

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Beiträge

27.05.2008 | 09:27 Uhr

Jürgen Schiewe: Gute publizistische Sprachkritik

Jutta Limbachs Buch ist ein Essay, keine wissenschaftliche Abhandlung. Das Buch richtet sich an eine breitere Öffentlichkeit sprachinteressierter Menschen, nicht an die Fachwissenschaft. Als Essayistin hat Jutta Limbach das Recht, perspektivisch zu schreiben, muss sie nicht jede ihrer Aussagen und Thesen absichern, darf sie sich selbst als Autorin mit ihrer Meinung in den Vordergrund rücken. Auch darf sie mehr Fragen aufwerfen als sie zu beantworten bereit oder in der Lage ist. Dies einmal vorausgesetzt, begrüße ich das Buch sehr – und zwar aus folgenden Gründen:


1. Jutta Limbach hat den Mut, nicht zum wiederholten Male den drohenden Sprachverfall zu konstatieren oder zumindest vorauszusagen. Sie geht also nicht den bequemen, weil mehrheitlich zustimmungsfähigen Weg.

2. Sie reißt eine Fülle von Themen an, die – was zum Teil ja auch in diesem Lesesaal geschehen ist – diskutiert und damit ins Bewusstsein möglichst vieler Menschen gehoben werden müssen, weil es Themen sind, die über die Zukunft unserer Sprache und unser Selbstverständnis mit entscheiden werden: der Umgang mit Fremdwörtern, die Stellung des Deutschen als Wissenschaftssprache, die Rolle der Sprache bei der Integration von Migranten, die Position des Deutschen in einem vereinigten Europa und der globalisierten Welt, die Rolle der Sprache für die Identitätsbildung des Einzelnen und für die Wahrung und den Ausbau von Kultur und vieles mehr.

3. Sie trägt mit ihrem Buch bei zur Reflexion über Sprache und damit zur Bildung von Sprachbewusstsein. Und genau das ist es, was wir in einer demokratischen Gesellschaft brauchen: Nicht den überall erhobenen Zeigefinger, der stets wissend einen vermeintlich "richtigen" Sprachgebrauch anmahnt und zugleich stigmatisierend auf einen vermeintlich "falschen" Sprachgebrauch deutet, sondern die einladende Geste zum Selbstdenken mit gleichzeitigem Angebot einer Position, an der man sich reiben kann.

Deshalb ist für mich Jutta Limbachs Buch eine Form guter publizistischer Sprachkritik. Dass mir dabei auch einiges fehlt und ich über manches auch anders urteilen würde, will ich nur anmerken, im Gesamturteil aber – angesichts der eingangs angesprochenen Voraussetzung – nicht zu hoch bewerten und hier auch gar nicht mehr ausführen. Hinweisen möchte ich allerdings darauf, dass es in der Zwischenzeit durchaus eine Reihe von Formen linguistisch fundierter Sprachkritik gibt, die Jutta Limbachs Buch gewiss zur Kenntnis nehmen wird. Ein Schaden wäre es nicht gewesen, wenn Jutta Limbach umgekehrt diese Sprachkritik vorab für ihr Buch zu Kenntnis genommen und gegebenenfalls berücksichtigt hätte.

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26.05.2008 | 18:32 Uhr

Hans-Martin Gauger: Es ist rasend vernünftig

Mir gefällt Jutta Limbachs interessantes, nüchternes, auch schön geschriebenes Buch. Aber hier gleich eine verärgerte sprachkritische Zwischenbemerkung: Warum sagen wir, wenn es um eine Frau geht, immer "Frau" oder nennen den Vornamen, während wir bei einem Mann in aller Regel nicht "Herr" sagen, es sei denn ironisch, und auch den Vornamen, wenn er einmal gesagt wurde, nicht immer wieder nennen? Ich sage doch nicht "Herr Frühwald", wenn ich nicht gerade zu ihm selbst rede, und "Wolfgang Frühwald" sage ich auch nicht immer, wenn ich über ihn rede. Ich bin für dezidierte Gleichbehandlung, also: Limbachs Buch, nichts weiter. Es ist, wie ich gleich bei der Eröffnung des Lesesaals sagte, rasend vernünftig.

Damit meine ich: einerseits vernünftig, was ja schon einmal nicht wenig ist, denn in großer Mode ist heute das andere; man muss ja Aufmerksamkeit erregen, muss dieses äußerst knappe Gut auf sich ziehen, und dazu ist es dienlich, irgendetwas Überraschendes, Unvernünftiges, Irres, gar Hanebüchenes sagen. Das tut Limbach nun wahrlich nicht. Andererseits ist ihr Buch vernünftig auf eine etwas beunruhigende Weise. Es exponiert sich nicht oder kaum. Es geht auf Vieles nicht ein.

Aber halt - dies ist nun auch wieder anders, positiv zu sehen, denn hier stehen ja Dinge in Rede, für die es eine Wissenschaft gibt: die Sprachwissenschaft. Diese ist aber nicht das Gebiet von Limbach. Sie liebt die deutsche Sprache und liebt sie mit Vernunft. Vermutlich liebt sie sie mehr, sicher aber erkennbarer, als die meisten Sprachwissenschaftler, die halt über irgendeinen Aspekt des Deutschen sammeln, nachdenken und schreiben, wie wenn es um irgendeine Sprache ginge. Sie wollen ja nur wissen was ist. Wissen, was in einer Sprache ist oder was eine Sprache ist, ist übrigens gar nicht so wenig.

Sprachwissenschaftler müssen keine Verliebten sein. Limbach aber ist verliebt. Sie ist übrigens auch nicht der erste sprachverliebte Jurist. Schließlich war auch Goethe (nur da war er examiniert) Jurist, und eigentlich ist er unter allen deutschsprachigen Juristen der bedeutendste. Auch hat sich Limbach sprachwissenschaftlich kundig gemacht. Sie sagt, soweit ich sehe, da nichts Falsches. Aber sie ist ja bereits als äußerst kluge (also wiederum vernünftige) Juristin so gewieft, die vielen Fallen zu meiden, die hier überall sind, ohne dass sie jemand aufgestellt hätte. Trotzdem - ist es im Prinzip nicht so, wie wenn ich als Sprachwissenschaftler, was mir nie in den Sinn käme, ein juristisches Buch schriebe? Nein, so ist es ganz und gar nicht. Denn da ist nun wieder etwas Besonderes.

Wir Sprachwissenschaftler haben bei vielen (durchaus nicht bei allen) unserer Themen keineswegs die bequeme Möglichkeit, dem Laien brutal zu sagen, wie dies ein Jurist oder ein Mediziner, ein Physiker oder auch irgendein Techniker oder Handwerker tun kann: ‚Also, bitte, hören Sie mal, davon verstehen Sie nichts. Reden Sie bitte nicht, wo Sie nichts verstehen oder beschränken Sie sich aufs Fragen!’. Wir können dies nicht sagen, weil die Spechenden ja tatsächlich von ihrer Sprache etwas ‚verstehen’, wenn auch nicht wissenschaftlich, denn sie sprechen und verstehen sie ja, und wir beschreiben und analysieren gerade, was sie sprechen und verstehen. Wir brauchen sie, wie wir sagen, als "Informanten". Wir müssen es also akzeptieren - ein gutes Stück weit -, dass Laien bei uns Bescheid zu wissen glauben. Und also mitreden. Der Sonderfall Sprachwissenschaft also.

Etwas anderes kommt zu diesem erschwerend hinzu. Wieder etwas Besonderes. Wir werten nicht. Wir beschreiben bloß. Alle unsere Nachbardisziplinen verhalten sich da anders. Sie beschreiben nicht bloß, sondern werten auch. Die Literaturwissenschaft zum Beispiel wertet massiv, gleich in ihrem Ansatz, denn sie redet ja nur von solchen sprachlichen Gebilden, die sie als "literarisch" ansieht, worüber man sich im Einzelfall auch mal streiten kann; es hebt aber die Wertung nicht auf, im Gegenteil. Wir Sprachwissenschaftler verhalten uns so wie ein Literaturwissenschaftler, der - es ist eine abenteuerliche Vorstellung - sich darauf beschränkte zu beschreiben und dann als "die Literatur" betrachete, was die Mehrheit der Leser liest. Wir Sprachwissenschaftler beschreiben, halten in der Tat fest, wie die Mehrheit der Sprechenden spricht und erklären dies dann in seiner Gesamtheit als "die" betreffende Sprache oder als in ihr "richtig".

Was aber sollen wir denn eigentlich anderes machen? Sollen wir denn sagen, die Mehrheit hat keine Ahnung, wir setzen selber fest, was richtig ist? Ganz abgesehen davon, dass wir uns da kaum einig wären.

Ich will nur einmal auf dieses den Sprachwissenschaftlern meist gar nicht bewusste Problem ihrer Wertungsenthaltung hinweisen und sage gleichzeitig, dass es gar nicht leicht, vielleicht gar unmöglich ist, diese Enthaltung einfach aufzugeben. Da wir nur beschreiben, machen wir übrigens auch in aller Regel keine Voraussagen über die Zukunft, sind also - schon von daher - weder so wohlgelaunte Pessimisten wie Trabant oder so melancholisch vorsichtige Optimisten wie Limbach. Trabant wie auch die anderen Sprachwissenschaftler, die hier das Wort ergriffen haben, auch natürlich ich selbst, haben hier etwas gemacht, was wirklich, sagen wir, hartbeinige Sprachwissenschaftler keineswegs tun und beschädigen bei denen auch unseren ohnehin schon arg beschädigten Ruf. Diese ‚harten’ Kolleginnen und Kollegen fehlten ja auch in unserem Lesesaal. Wir, die wir ihn betraten, entfernten uns, indem wir werteten, ein wenig, ein wenig sehr sogar, aus dem sprachwissenschaftlichen Glied. Meine persönliche Meinung ist, dass man dies, auch gerade als Sprachwissenschaftler, darf. Nur ist die Bewertung dann nicht mehr sprachwissenschaftlich gesichert. Sie ist aber noch immer rational; es ist noch lange nicht der "Schlaf der Vernunft", denn es werden hellwach Gründe genannt und geprüft.

Das Deutsche wird bleiben, auch wenn es Herr Oettinger, was sicher nicht der Fall ist (hier irrt mein Freund Jürgen - war er zu lange nicht im Ländle?), es tatsächlich abschaffen wollte. Das könnte Herr Oettinger keienswegs, der nicht einmal als Ministerpräsident sehr mächtig ist. Auch das Französische, das Spanische und das Italienische werden bleiben und viele andere Sprachen auch. Die Position des Englischen wird sich als Sprache der Verständigung - politisch, wissenschaftlich - weiter festigen. Aber weder in den Wissenschaften noch in der Politik wird von vorneherein auch schon englisch gedacht werden. Die Anglizismen werden zunehmen, im Deutschen auf jeden Fall.

Aber es wird auch eine Gegenbewegung geben. Und die wird sich auswirken. Es wird schließlich kaum mehr Anglizismen geben, als es seinerzeit Gallizismen gab. Man lese einmal, was diesen Punkt angeht (es ist auch sonst nicht restlos überholt), das "Kommunistische Manifest". Was ist denn das für ein Deutsch - "Expropriation der Expropriateure"? Wer soll denn das verstehen? Und natürlich - auf der Hut sollten wir schon sein. On ne sait jamais. Und der hämisch höhnische Mitleidsblick auf Frankreich sollte da auch unterbleiben. Da hat Limbach an einer Stelle den üblichen Ausrutscher mit der "grande nation" - ein Ausdruck, den in Frankreich niemand kennt und den die Deutschen Frankreich ungebührlich angehängt haben. Wirklich - das glaubt einem niemand, es ist aber so: dieses französische Wort ist, in dieser Anwendung, eine deutsche Erfindung.

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27.05.2008 | 10:35 Uhr
Andrés Ehmann schreibt: Als verbeamteter Geistlicher lese man besser Faust

Da sich zu den Beiträgen der Herren hier offensichtlich niemand äußern will, werde ich das mal tun - und bei dieser Gelegenheit aufzeigen, wie man Sprache nicht promotet: Durch rumeierndes Gebrabbel. Wer sich als Sprachwissenschaftler gerieren will und sich in seiner Würde offensichtlich gekränkt fühlt, denn der Beitrag befasst sich eher mit der gekränkten Würde des "Sprachwissenschaftlers", als mit dem Buch von Jutta Limbach, der sollte ganz grobe Fehler vermeiden.

"....aber hier gleich eine verärgerte, sprachkritische Zwischenbemerkung." Ein attributiv verwendetes Adjektiv weist dem Substantiv, auf welches es sich bezieht, eine Eigenschaft zu, ein rotes Haus, ist eben ein Haus, das rot ist, von daher ist eine verärgerte Zwischenbemerkung Unsinn, die Zwischenbemerkung selbst ist nicht verärgert, verärgert ist, in diesem Fall, weil er verärgert sein will, derjenige, der sie äußert. Des weiteren ist es auch falsch, dass bei Männern nur der Nachname geschrieben wird. In Zeitungen wird immer Vor- und Nachname geschrieben. Anzunehmen ist, dass der Autor selbst von seinem Stil begeistert ist, der in etwa so geht: Aussagen, die, kaum gemacht, relativiert, oder, so man sich während des Schreiben, weil man ja während des Schreibens, wenn, aber auch nur wenn, sich vorher, wer tut das schon, sich etwa, wenn auch weniges, überlegt hat, können, so ....

Dieses Rumgeeiere erweckt beim Leser eher den Eindruck, dass hier jemand schreibt, der selber nicht so richtig weiß, was er sagen will. Er stellt fest, dass Goethe ein sprachverliebter Jurist war und überhaupt der größte aller Juristen. So weit so gut. Doch was will uns der späte Nachfahre des bekannten Dichters eigentlich mit seinem Werk sagen? Und ist es Altersweisheit oder das späte Toben des Dionysos, wenn er uns mitteilt, dass Jutta Limbach rasend vernünftig ist ? Man kann das so oder so sehen, aber von einer ehemaligen Richterin beim Bundesverfassungsgericht würde ich schon erwarten, dass sie zumindest vernünftig ist.

Dann klagt er uns sein Leid, was nichts mit dem Thema zu tun hat. Beklagt, dass andere Leute es wagen, über Sprache nachzudenken, was ja "wissenschaftlich" und fundiert nur er selbst und seinesgleichen kann, denn schließlich wurde er als verbeamteter Geistlicher hierfür ja jahrzentelang vom Steuerzahler bezahlt. Die Frage, über was die Leute nachdenken dürfen, ohne dass sich irgendjemand in seiner Ehre gekränkt fühlt, ist hierbei aber weit weniger interessant, es darf nämlich in diesem unseren Lande jeder über alles nachdenken, als die Frage, ob die Investition in Sprachwissenschaftler eine wirklich Sinnvolle ist.

Seine Meinung über Literaturwissenschaften, Sprachwissenschaften, Juristen und alles mögliche darf er natürlich äußern, aber wen interessiert es, dass die Literaturwissenschaft wertet, die Sprachwissenschaft nicht? Interessanter wäre die Frage, ob die "Literaturwissenschaftler" nicht seine Leidensgenossen sind, auch jene von der Gesellschaft zwar finanziert werden, aber für eben jene Gesellschaft keinen Nutzwert stiften. Ihre Aufgabe wäre es, Literatur zur spannenden Sache zu machen und nicht in der x-ten Festschrift "Erträge der Forschung" für Prof. Dr. Dr. h.c. Tralala Beiträge zur Forschung zu schreiben.

Niemand braucht Leute, die sich weitgehend mit sich selbst beschäftigen. Jeder darf sich mit sich selbst beschäftigen, sein ganzes Leben lang, aber er darf nicht erwarten, hierfür von der Gesellschaft bezahlt zu werden. Der Ruf der Sprachwissenschaftler ist beschädigt, das ist eine der wenigen richtigen Bemerkungen.

Dieser Tatbestand scheint aber völlig unproblematisch zu sein, denn warum dies so ist, erfahren wir nicht. Liegt es an der Eitelkeit, die jede Bodenhaftung verloren hat. "...hier irrt mein Freund Jürgen...". Interessiert es uns, wer sein Freund Jürgen ist ? Er macht dann aber, nachdem er eine Weile geeiert hat, doch eine Aussage, nämlich dass das Spanische bleiben wird. Wahrlich, das ist eine sehr gewagte These, da lehnt sich der Sprachwissenschaftler aber ganz weit aus dem Fenster, ich hätte eher vermutet, dass eine Sprache mit 400 Millionen Sprechern in zwei Wochen verschwindet.

Aber, um mal etwas zum Thema zu sagen. Die Stellung des Deutschen wird abhängen von den Deutschen. Kommen selbige sympathisch rüber, sind sie witzig, charmant, großzügig, offen für die Welt, beteiligen sich an der Lösung globaler Probleme, dann werden die Leute von Deutschland fasziniert sein und sich auf für die Sprache interessieren. Nicht weil sie es brauchen, außer Englisch braucht man keine Sprache, sondern weil es lustig ist, wie andere Dinge, Tango tanzen, Guitarre spielen, 100 m Kraul in 1 Minute 5 Sekunden schwimmen, abtanzen, einen Joint reinziehen oder was auch immer. Daraus ergibt sich dann, womit wir dann tatsächlich beim Thema wären, dass man die zahlreichen Aktivitäten des Bundes zur Förderung der deutschen Sprache im Ausland einstellt und zwar komplett. Die Deutsche Welle, das Goethe Institut, der DAAD, die Carl Duisburg Gesellschaft etc. etc. (die ursprünglich unterschiedliche Aufgabenfelder hatten, deren Tätigkeiten aber im Zuge der behördentypischen Pullulierung sich nun weitgehend überschneiden) ein halbe Milliarde Euro aus pro Jahr. Damit kann man viele Menschenleben retten und sehr viel Vernünftiges tun. Die weltweite Vermittlung von Sprachen lässt sich effizienter über das Internet erreichen und da wir eines der weltweit größten Projekte in diesem Bereich betreiben, mit 400 000 Besuchern im Monat und sechs Millionen Seitenaufrufen, weiß ich auch sehr genau, von was ich rede.

Weiter treten die oben genannten Organisationen in Konkurrenz zu marktwirtschaftlich orientierten Unternehmen, die das besser machen, billiger für den Kunden (wir binden das kostenlos an) und dem Steuerzahler nicht auf der Tasche liegen. Professoren, vor allem Geisteswissenschaftler, hören das ungern, aber die Bundesrepublik Deutschland hat eine marktwirtschaftliche Ordnung, das heißt, dass man andere Leute für sein Produkte begeistern muss. Auch für Goethe. Den Universitäten und dem Goethe Institut täte es gut, wenn sie diesem frischen Wind ausgesetzt wären. Gut für die deutsche Sprache ist also, dem Goethe Institut die Mittel zu streichen und es in die Freiheit zu entlassen. Als marktwirtschaftlich orientiertes Unternehmen werden die "Goetheaner" Wege finden, für Sprache zu begeistern. Als Behörde werden sie den Eindruck vermitteln, dass Deutschland so ziemlich die langweiligste Angelegenheit der Welt ist. Was Begeisterung ist und wie man Leute mitreisst, können sie bei ihrem Namensgeber nachlesen.

Wenn du‘ s nicht erfühlst
so wirst du‘ s nicht erjagen
wenn es nicht mit unbändigem Behagen
die Herzen aller Hörer trifft
sitzt ihr nur immer da und leimt zusammen
kocht ein Ragout aus anderer Schmauss
Bewunderung von Kindern und Affen
Wenn euch danach der Gaumen steht
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen
Wenn es euch nicht von Herzen geht

Der Faust ist übrigens ein sinnvolle Lektüre, auch für die verbeamteten Geistlichen. Denn das Trauerspiel wird sich der Steuerzahler nicht mehr allzu lange anschauen.



26.05.2008 | 18:25 Uhr

Michael Klett: Eigentlich habe ich nichts auszusetzen

An dem Buch von Frau Limbach habe ich eigentlich nichts auszusetzen, außer einer kleinen, aber vielleicht heiklen Frage. Es ist bekannt, dass Kinder in der Schule zu etwa 70-80 % so lange Englisch lernen, bis sie Erkenntnis davon haben. Danach sind sie eher passiv und warten, bis die Schulzeit um ist, obwohl ihnen Interessantes in kultursprachlicher Hinsicht geboten wird.

Diese Absitzzeit könnte für das Lernen anderer Sprachen verwendet werden. Noch besser wäre, mit einer Adoptiv- oder Kultursprache als erster moderner Fremdsprache zu beginnen und erst nach zwei oder vier Jahren den Englischkursus anzusetzen, aber das ist politisch nicht durchsetzbar.

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26.05.2008 | 12:52 Uhr

Thomas Paulwitz: Sie schwingt den erhobenen Zeigefinger

Es ist anerkennenswert, daß sich die ehemalige Goethe-Präsidentin bemüht, mit Hilfe eines Buches Lehren aus ihrer Amtszeit zu ziehen. Sie nennt es einen "bescheidenen Dank für das schönste Ehrenamt, das die Bundesrepublik Deutschland zu vergeben hat". Jutta Limbachs Buch "Hat Deutsch eine Zukunft?" berührt eine große Zahl von Fragen, denen sich die deutsche Sprachgemeinschaft heute stellen muß. Das Buch bietet einen geeigneten Ausgangspunkt für die Diskussionen im "Lesesaal" der F.A.Z. Doch Limbach gelingt es nicht, den Widerspruch zwischen der Sorge um die deutsche Sprache auf der einen Seite und der Verharmlosung besorgniserregender Entwicklungen auf der anderen Seite zu überwinden. Statt dessen spaltet sie.


An Jutta Limbachs Sprache konnte ich mich leider nicht gewöhnen. Zwar schreibt sie in verständlichem Deutsch, doch der hocherhabene, überpräsidiale Stil, der allzu oft ins Moralisieren abgleitet, ist oft nur schwer zu ertragen. Daß sie dabei anderen auch noch den erhobenen Zeigefinger vorhält, den sie selbst fortwährend schwingt, macht ihre Beweisführung nicht gerade glaubwürdig.

Jutta Limbachs Buch nervt besonders an den Stellen, an denen sie Bürgern, die um die deutsche Sprache besorgt sind, "Nörgelei", "Kleinmut" oder "Kulturpessimismus" vorwirft. Zwar ist es völlig richtig, das Lob der deutschen Sprache nicht zu vergessen, doch den Antrieb vieler Sprachfreunde, nämlich die Liebe zur deutschen Sprache, blendet sie aus. Mit ihrer Kritik an der Kritik erweckt sie den unguten Eindruck, daß sie bestimmte Standpunkte und deren Vertreter aus der öffentlichen Diskussion heraushalten möchte. Sie zielt auf die Sprachfreunde und -vereine, die der Staat nicht bevorrechtet und bezahlt. Haben die staatlich privilegierten Einrichtungen etwa Angst um ihre Pfründe?

Zugleich übt sich Jutta Limbach in Beschwichtigung und fordert "Gelassenheit" – ein Totschlagwort, das auch die Kultusministerkonferenz immer wieder gern benutzte, um die Kritik an der Rechtschreibreform abzuwürgen. Die deutsche Sprache ist für Limbach "lebendig wie eh und je". Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff?

Warum rüffelt Jutta Limbach immer wieder die Sprachschützer? Benötigt sie einen Prügelknaben, um die eigene Haltung als goldenen Mittelweg darstellen zu können? Wenn ihr die deutsche Sprache am Herzen liegt, warum verzichtet sie dann auf die Unterstützung vieler Sprachfreunde? Limbach reißt Gräben auf, wo Gemeinsamkeiten zu suchen wären. So kennen wir sie auch aus ihrer Zeit als Vorsitzende des Deutschen Sprachrats und Präsidentin des Goethe-Instituts. Wir wünschen dem neuen Goethe-Präsidenten Klaus-Dieter Lehmann, daß er es besser macht.

Der Dank für "das schönste Ehrenamt" ist wirklich sehr "bescheiden" ausgefallen. Wer tiefer schürfen will als es mit Limbachs Buch möglich ist, dem sei Jürgen Trabants ebenfalls bei Beck erschienenes Werk "Was ist Sprache?" wärmstens empfohlen.

Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.

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26.05.2008 | 09:26 Uhr

Helmut Glück: Ich vermisste die selbstkritische Reflexion

Jutta Limbachs Buch erfasst alle wesentlichen Aspekte des ziemlich komplizierten Themas, es ist von Sachkunde getragen und flüssig geschrieben. Einen Punkt verkennt sie allerdings: Nicht jeder, der sich um den Zustand und das Ansehen unserer Sprache sorgt, ist eine deutschtümelnde Dumpfbacke (manche schon). Die "Puristen", auf die sie so oft einprügelt, hat sie verzeichnet.


Limbach war viele Jahre lang Präsidentin des Goethe-Instituts. In ihrem Buch stellt sie einerseits dar, in welchem Maße das Deutsche in den letzten zwanzig Jahren an Bedeutung verloren hat. Sie schildert andererseits, was das Goethe-Institut alles unternommen hat, um das Deutsche in der weiten Welt zu verbreiten. Ist der Rückgang des Interesses am Deutschen nur die Kehrseite des Siegeszuges des Englischen in der globalisierten Welt? War der deutsche Beitrag zu dieser Entwicklung lediglich die Spar-Orgie, die (vor allem die rot-grüne) Regierung in der auswärtigen Kulturpolitik jährlich veranstaltete (bis Steinmeier kam)? War J. Fischer das Problem? Oder hat auch das Goethe-Institut Fehler gemacht, etwa in seiner Strukturpolitik oder hinsichtlich der Schwerpunkte, die es gesetzt hat? Hat womöglich die liebgewonnene Vielfalt der halbstaatlichen "Mittlerorganisationen" Reibungsverluste und Pannen verursacht? Das alles hätte ich gern gewußt, doch darüber schweigt das Buch. Vermißt habe ich also eines: selbstkritische Reflexion.

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26.05.2008 | 07:08 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Mein Vorwurf lautet: Jutta Limbach moralisiert

Jutta Limbachs Buch imponiert mir. Dass sich eine Juristin auf eine ihrem Fachgebiet reichlich fernliegende und auch weitverzweigte Argumentation einlässt, zeugt von Mut. Auch Eleganz der Darstellung kommt hinzu: kein Fachchinesisch, keine Formulierverliebtheit (wie bei uns Philologen so häufig). Und doch werde ich mit dem Buch nicht glücklich.

Es liegt nicht einmal in erster Linie an der Grundthese oder Grundforderung nach Beteiligung des Deutschen als Amtssprache in Brüssel. Ich bin aus praktischen Gründen dagegen, aber abwegig ist auch für mich die Forderung nicht. In Bern klappt es mit drei Sprachen, allerdings herrschen dort auch völlig andere Bedingungen, vor allem müssen nicht fast zwanzig Sprachen aussortiert werden. Über diese Dinge kann und muss gestritten werden. Aber das tut Jutta Limbach in meinen Augen nicht oder jedenfalls viel zu wenig. Mein Vorwurf lautet: Stattdessen moralisiert sie.

Ständig ist ja die Rede von Bedrohung, von Werten, die verteidigt werden müssen, von mangelndem Selbstgefühl. Sogar der Holocaust wird einbezogen: Er verlange eine besondere Demut, dürfe aber nicht zur Selbstverleugnung führen. Im Nachwort zur "Zukunft des Deutschen" ist schließlich die Rede davon, dass wir "die eigene Sprache lieben lernen" müssten. Man möchte an diesem Punkt mit Gustav Heinemann replizieren, der bei vergleichbarer Gelegenheit gesagt hat, wen er wirklich liebe – nämlich seine Frau.

Und dann kommen auch noch Pannen hinzu. Wenn Vorträge in zwei Sprachen, also auf Englisch und in der Muttersprache, zur Kürze zwängen, befördere dies etwas, was "schon die Stoiker" gelehrt hätten – die Kürze beim Reden als fünfte Tugend. Jutta Limbach kann und braucht nicht zu wissen, was damit wirklich gemeint war (nämlich letztlich der Verzicht auf Rhetorik überhaupt angesichts der bekannten stoischen Auffassung vom Tilgen aller Affekte). Nur fehlt diesem Hinweis wirklich alles, was entfernt mit Argumenten zu tun hat – außer einem Schuss Einschüchterung per Autorität.

Mein Fazit lautet: Eine diskutierenswerte These wird mit unzulänglichen Mitteln mehr zugedeckt denn beleuchtet. Ich hatte es schon in meinem ersten Beitrag erwähnt: Irgendwie war der Einsatz mit der alttestamentlichen Babelgeschichte misslich (weil er zum Pathos führt, zur Suche nach den Chancen der mit Sprachenvielfalt Geschlagenen). Gerade ist Pfingsten vorüber und damit die Erinnerung an das große neutestamentliche Gegenstück zu Babel: die Simultandolmetschanlage des Heiligen Geistes. Wollen wir das einmalige Wunder der erfolgreich praktizierten Vielsprachigkeit mit allen finanziellen und sonstigen Nachteilen in Brüssel auf Dauer zu säkularisieren versuchen?

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26.05.2008 | 07:06 Uhr

Wolfgang Frühwald: Die Gesamtdimension Sprache in einer globalisierten Welt

Jutta Limbachs Buch ist gut geschrieben, in einer klaren Sprache und leicht verständlich abgefasst. Der streng logische Zug, der das Buch auszeichnet, verrät die erfahrene Juristin. Die Forderungen des Buches, zumal die an die Europäische Union gerichteten, wären sämtlich erfüllbar und klingen gerade wegen des erkennbaren Angebots zum Kompromiss nicht so schroff, wie sonst politische Forderungen klingen. Trotzdem fürchte ich, wird die Politik auf diese klugen Anregungen nicht eingehen.

Wenn ich nach einer Lektüreempfehlung gefragt würde, würde ich dieses Buch allerdings immer zusammen mit Jürgen Trabants neuem Buch "Was ist Sprache?" (Beck : München 2008) empfehlen. Beide Bücher zusammen erst zeigen die Gesamtdimension des Problems Sprache in einer globalisierten Welt. Denn aus diesem Problemfeld ist die Sprachenpolitik, die Jutta Limbach ganz konkret und nüchtern für die Europäische Union beschreibt, nur ein kleiner Ausschnitt.

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26.05.2008 | 07:05 Uhr

Stefan Luft: Von einer Trendwende sind wir weit entfernt

Über weite Strecken ist das Buch von Jutta Limbach ein Gewinn. Ihre Kritik am beckmesserischen, defensiven Kleinmut vieler Sprachkritiker ist ebenso einsichtig wie die Kritik an der sprachlichen Selbstverleugnung von Teilen der politischen, wirtschaftlichen und
wissenschaftlichen Eliten. Es ist das Verdienst der Autorin, dies ohne jeglichen missionarisch-nationalen Anspruch zu vertreten. Von einer Trendwende sind wir hier weit entfernt.

Eine frisch promovierte Kollegin fasste die Bausteine einer wissenschaftlichen
Karriere so zusammen: Aufsätze in Zeitschriften mit hohem "Science Citation Index" (SCI) und hohem "Impact Factor" veröffentlichen sowie englischsprachige Monographien - alles andere lohne den Aufwand nicht. In deutschen Graduierteneinrichtungen wird, wie Jutta Limbach zu Recht bemerkt, zunehmend ausschließlich in englischer Sprache gelehrt. Dass die dort Lehrenden keine Muttersprachler sind, wirkt sich nicht positiv auf das dort gesprochene Englisch aus (völlig abgesehen davon, dass Sprache und Geist eng miteinander verwoben sind und somit auch Auswirkungen auf die Inhalte zu erwarten sind).

In großen Teilen enttäuschend sind die Kapitel des Buches, die sich mit Sprache und Integration von Zuwanderern befassen. Dass die Autorin den "Multikulturalismus" gegen dessen schlechte Umsetzung in Schutz zu nehmen versucht, ist nicht überraschend. Bedauerlich ist allerdings, dass sie unkritisch die aus dem Diskurs der 1970er und 80er Jahre stammende Rede von einer zu bewahrenden Herkunftsidentität übernimmt. Dass sich Identitäten in Migrations- und Integrationsprozessen nahezu zwangsläufig verändern, wird dabei ausgeblendet. Bei der Diskussion um die Rolle muttersprachlichen Unterrichts beschränkt sich die Autorin auf die Wiedergabe ihrer Meinungen. Selbstverständlich darf auch eine ehemalige Präsidentin von Bundesverfassungsgericht und Goethe-Institut "eine Meinung haben". Bei diesem Thema ist allerdings der Verzicht auf eine Reflexion des wohlbegründeten Für und Wider eine Zumutung für den Leser. Hier hat das Buch seine größten Schwächen.

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26.05.2008 | 07:01 Uhr

Jürgen Trabant: Den Optimismus teile ich nicht

Das Buch von Jutta Limbach ist deswegen so gut, weil es die Sache der deutschen Sprache mit soviel gescheitem praktischem Sinn und Optimismus vertritt. Genau den Optimismus teile ich natürlich überhaupt nicht. Aber es ist viel besser, wenn nicht alle so klagen wie ich. Dennoch: ohne unsere Klagen gäbe es auch das schöne Buch von Limbach nicht!

Ansonsten freue ich mich auf das Gespräch, das ich mit Jutta Limbach am 2. Juni in der Schleicherschen Buchhandlung in Berlin haben werde, hoffentlich nicht nur über das Deutsche, sondern auch über andere Sprachen und die Sprache des Menschen überhaupt.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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