Rudolf Hoberg: Deutsch ist nicht schlecht aufgestellt
Deutsch steht mit seinen etwa 100 Mio. Erst- und Zweitsprachensprechern an 12. Stelle in der "Weltrangliste", an erster Stelle in der Europäischen Union und als Fremdsprache an zweiter Stelle in Europa. "Nach der letzten umfassenden Erhebung im Jahr 2005 lernten rd. 16,7 Mio. Menschen in Schulen, Hochschulen und privaten Sprachschulen Deutsch. Die größte Zahl von Deutschlernenden gibt es weiterhin in Mittel- und Osteuropa.
Mit rd. 5,5 Mio. Lernenden führen Russland und Polen die Rangliste nach absoluten Zahlen an. In China, Vietnam, Brasilien und Westafrika sind Zuwächse zu verzeichnen. In den USA hat sich das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache stabilisiert. In den meisten westeuropäischen Ländern nimmt das Interesse an Deutsch allerdings tendenziell eher ab." (Auswärtiges Amt: Bericht zur Auswärtigen Kulturpolitik 2006/2007).
Deutsch ist also, wie man heute sagen würde, nicht schlecht aufgestellt. Aber es wird durch das Englische hart bedrängt. Das Problem sind nicht die Anglizismen (hierauf komme ich später zu sprechen). Das Problem ist viel ernster: Die Bedeutung des Deutschen geht in fast allen Ländern zurück, auch in deutschsprachigen Ländern verliert es immer mehr Domänen (in den Wissenschaften, in den Universitäten, in der Wirtschaft).
Wichtig ist zunächst, dass die Deutschsprachigen selbst mehr für ihre Sprache tun. Es wird ja wohl als sympathisch empfunden und zeugt gewiss nicht von "Sprachnationalismus", wenn die Deutschen sich bemühen, Ausländern in deren Muttersprache oder in Englisch zu begegnen, aber diese Haltung kann auch dazu führen, dass Deutsch weniger wichtig genommen und weniger gelernt wird.
Selbst Menschen, die Deutschland und die Deutschen bzw. die Angehörigen anderer deutschsprachiger Länder schätzen, sehen häufig nicht ein, warum sie Deutsch lernen sollen, wenn sie sich auch mit Englisch in der Mitte Europas und überhaupt in Kontakten mit deutschen Muttersprachlern gut zurechtfinden können. Und immer häufiger sagen mir frustrierte ausländische Kolleginnen und Kollegen, die Absolventen ihrer Studiengänge fänden u. a. deshalb keine Anstellung etwa als Dolmetscher, weil Deutsche im Ausland oft auch dann auf den Gebrauch ihrer Muttersprache verzichten, wenn Übersetzer zur Verfügung stehen. Man verwendet in diesem Zusammenhang gelegentlich den Begriff der Sprachloyalität, der mir allerdings wenig geeignet erscheint, da in ihm das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Muttersprache zu sehr unter einem rechtlichen, juristischen Aspekt gefasst wird.
Aber richtig ist, dass die deutsche Bevölkerung, besonders auch Politiker und Wirtschaftsfachleute, immer wieder darauf hingewiesen werden müssen, die deutsche Sprache nicht zu vernachlässigen.



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Mit "No pasa nada" meine ich nicht, man müsse sich einfach zurücklehnen und nichts machen weiter machen. Man muss schon etwas machen. Ich meine nur: fürs erste keine Hysterie! Keine Verkennung der Wirklichkeit! 






Thomas Paulwitz schreibt: Bei den Anglizismen fängt es an
Lieber Herr Professor Hoberg,
meinen Sie denn wirklich, die Überflutung mit Anglizismen hat nichts mit dem wachsenden Druck der englischen auf die deutsche Sprache zu tun? Ich meine: Bei den Anglizismen fängt es an. In der Wissenschaftssprache können wir das doch sehr gut beobachten: Erst wird der Fachwortschatz auf englisch umgestellt, dann wird Deutsch gänzlich durch die englische Sprache ersetzt. Indem wir uns bemühen, eigene Wörter zu prägen, leisten wir den ersten Beitrag, unsere Sprache vor ihrer Abschaffung zu bewahren.
Mit freundlichen Grüßen, Ihr Thomas Paulwitz