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Forum:

Ist unsere Sprachförderung gut genug?

Damit Integration gelingt, bedarf es einer wechselseitigen Anstrengung von Gesellschaft und Migranten. Der Staat darf Deutschkenntnisse fordern - aber was dürfen Migranten fordern? Reichen unsere Sprachförderprogramme aus? Haben realistisch betrachtet Migranten gleich welcher Herkunft eine echte Chance, in Deutschland sprachlich aufzuschließen?

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Beiträge

05.05.2008 | 14:35 Uhr

Seyran Ates: Deutschland vernachlässigt Förderung und Forderung

Es gibt Wahrheiten, die lange brauchen, um in der gesamten Gesellschaft akzeptiert zu werden. Wir müssen uns einfach nur daran erinnern, wie lange es gedauert hat, bis nahezu jeder Mensch daran geglaubt hat, dass die Erde keine Scheibe ist. Ein Mensch, der sich in einer Gesellschaft sprachlich nicht zurechtfindet, kann nicht mit all seinen Facetten als selbständiger, unabhängiger Mensch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und die Gesellschaft, in der er lebt wahrnehmen.

Ihm wird die Gesellschaft, deren Sprache er nicht spricht, immer irgendwie fremd bleiben. Nun stellt sich natürlich die Frage, will man die Gesellschaft, deren Sprache nicht die "eigene", die "Muttersprache" ist kennenlernen, sie erleben, in ihr leben? Und als Spiegelbild dessen: Will die Aufnahmegesellschaft, dass alle Menschen, die in ihr leben, sich sprachlich zurechtfinden? Von der Beantwortung dieser Fragen ist abhängig, ob jemand gefördert werden kann, also Angebote annimmt, sich sprachlich an der Gesellschaft zu beteiligen oder gar den Spracherwerb in die eigene Hand nimmt und umgekehrt, ob die Aufnahmegesellschaft aufgrund der Einsicht alle Menschen im eigenen Land sprachlich erreichen zu wollen, diesbezügliche Forderungen an die Zuwanderer und Einwanderer stellt.

Deutschland hat zum großen Teil sowohl die Sprachförderung, als auch die Sprachforderung bisher sträflich vernachlässigt. Die Probleme, die wir in diesem Bereich in Deutschland haben, sind wie alle Integrationsprobleme hausgemacht. Besonders stark sind zugezogene Ehefrauen aus so genannten bildungsfernen Familien betroffen. In diesen Familien herrscht die Überzeugung vor, dass die Ehefrauen von der deutschen Gesellschaft, die als wertelose und verrohende Gesellschaft wahrgenommen wird, fernzuhalten. Und wie kann man das besser, als wenn man ihnen nicht die Erlaubnis gibt, die deutsche Sprache zu erlernen? Das Leben dieser Frauen zeigt am deutlichsten, wie Ausgrenzung durch fehlende Sprachkenntnisse erfolgen kann.

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28.04.2008 | 15:34 Uhr

Hartmut Esser: Eine Art Beruhigungspille

Die Frage suggeriert, dass die Sprach- und Integrationsprobleme der Migranten(kinder) vor allem daran liegen, dass es zu wenig organisierte "Angebote" gibt, etwa als Sprachkurse für Erwachsene oder gezielte Sprachförderung in den Schulen. Das Problem liegt eher
woanders: Sprachen werden am leichtesten als Nebenprodukt von alltäglichen Kontakten gelernt und genau daran hapert es, sei es durch die Wohnsegregation, sei es durch die Segregation in den (Vor-)Schulen.

Ob "Unterricht" oder "Kurse" etwas helfen, weiß man bis heute nicht, speziell weil es die entsprechenden Untersuchungen nicht gibt. Die üblichen "Evaluationen", etwa der inzwischen eingeführten Sprachkurse für Erwachsene, machen zum Beispiel keine Vergleiche mit Gruppen, die nicht teilnehmen, und nur dann kann man wissen, ob die Kurse überhaupt etwas bringen. Vermutlich kann man sowieso nicht viel tun - außer dafür zu sorgen, dass die Migrantenkinder möglichst früh mit einheimischen Kindern zusammen kommen, denn im frühen Alter lernen sie alles ganz mühelos und ohne jedes weitere "Programm". Für Erwachsene, zumal solche ohne weitere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ist das alles sowieso meist schon zu spät oder bedeutungslos, und die
Sprach- und Integrationskurse nutzen eher denen, die sie veranstalten bzw. sich selbst eine Art Beruhigungspille verordnen ohne zu wissen, ob sie auch den "Patienten" hilft.

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28.04.2008 | 18:21 Uhr
Klaus Däßler schreibt: Fremdsprachimmersion ist Gift für Kinder

Sie treffen es, Herr Esser. Laut Aussagen des deutschen Lehrerverbandes haben die ca. 800.000 türkischen Schulkinder in Deutschland einen Durchschnitt ca. 2.5 Noten unter dem ihrer deutschen Kameraden - aus gleichem sozialen Milieu. Viele von ihnen gehen ohne Abschluß von der Schule ... obwohl sie hervorragenden muttersprachlichen Deutsch-Immersionsunterricht genießen, der UNSEREN Eltern für Krabbler und ABC-Schützen mit ENGLISCH als Wundermittel der Sprach- und Intelligenzgewinnung gepriesen wird. (gifil.de, hdee.de)

Das Gegenteil ist der Fall; darunter leiden die Kinder - es gibt KEINE Abhilfe: Mit (nicht in!) der begleitenden Sprache der Mutter erlernen die Kinder die Basiskategorien des Denkens, einen Satz nichtsprachlicher Begriffe, für die Lebensbewältigung unverzichtbar an die Muttersprache gebunden, die dadurch konkurrenzlos mächtig wird. Man müsste die Kinder bis zum 12. Lebensjahr in türkischer Muttersprache und Lebensumgebung erziehen - dann
wären sie fit, richtig Deutsch zu lernen.



28.04.2008 | 11:41 Uhr

Christel Kottmann-Mentz: "Gezielt fördern, dann entsprechend fordern!"

Die Schulpolitik hat sich seit Jahrzehnten nicht auf die tatsächlichen Lernbedürfnisse der MigrantInnenkinder eingestellt. Als die Kinder der "Gastarbeiter" in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in die Schulen in der Bundesrepublik kamen, ging die Politik davon aus, dass diese bald in ihre Heimat zurückgingen. Dem entsprechend gering war das Engagement spezifische Bildungskonzepte zu entwickeln.

Die LehrerInnen waren in keiner Weise auf die neuen Anforderungen vorbereitet. Es wurden in den verschiedenen Bundesländern nur geringfügige Fortbildungen angeboten. Fast allen Universitäten fehlt bis heute ein gezielter Studiengang "Deutsch als Zweitsprache". Die jahrelange Vernachlässigung, auf die engagierte LehrerInnen aus der Schulpraxis stets aufmerksam machten, wurde von der Schulbürokratie erst wahrgenommen, als sich in der Pisa-Studie die negativen Ergebnisse zeigten. Bis dahin hatte man sich auf den bequemen und billigen Standpunkt gestellt: "Die Kinder der MigrantInnen sind schon so lange in Deutschland. Sie sprechen schon Deutsch." Die Maxime müsste also eher heißen: "Gezielt fördern, dann entsprechend fordern!"

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28.04.2008 | 11:12 Uhr

Hans-Martin Gauger: Die fatale Parabolantenne

Bleiben wir einmal bei den Türken - bei den Türken nämlich, die bleiben, und dies sind die allermeisten, die schon hier sind. Was heißt im Blick auf sie "gescheiterte Integration"? Sicher nicht, dass sie Türken geblieben sind. Das dürfen sie nämlich. Integration heißt nicht Assimilation. Geglückt ist Integration, wenn diese Türken, die also unter Umständen in jeder Hinsicht Türken bleiben, zusätzlich - zusätzlich - unsere Sprache können und sich zusätzlich - zusätzlich - an unsere "Hausordnung" halten.

Diese "Hausordnung" - das sind das Grundgesetz und die in seinem Rahmen erlassenen Gesetze. Diese "Hausordnung" ist nicht speziell deutsch. Sie ist "westlich". Sie ist historisch gesehen, nach unserem "langen Weg", vor allem durch Frankreich und England bestimmt. Schon von daher ist die Rede von ‚deutscher’ Leitkultur verfehlt. Natürlich entstehen Probleme, wenn die von Anatolien mitgebrachten Gebräuche unserer "Hausordnung" widersprechen. Da hat dann unsere "Ordnung" absoluten Vorrang. Aber unser Problem ist jetzt die Sprache, unsere, die deutsche.

Was heißt sie ‚können’? Man darf nicht zuviel verlangen. Aber dies Minimum schon: man muss das normal deutsch Gesprochene verstehen und sich selbst verständlich machen können. Und die Sprache "dieses unseren Landes" ist ganz ohne jede Frage (es gibt nichts Selbstverständlicheres) das Deutsche, weshalb es grotesk wäre, dies eigens ins Grundgesetz hineinzuschreiben. Nichts würde auch in irgendeiner Berliner Schule besser, wenn es drinstünde! Wir haben ja unter unseren Nachbarn das große Glück, dass es ‚bei uns’ keine alten Minderheiten gibt (ja, ich weiß, die Sorben...). Denn die anderen haben zusätzlich zu den neuen, die wir auch haben, ihre zum Teil großen, zum Teil auch recht selbstsicheren alten. So haben zum Beispiel die Türken die Kurden, deren "Assimilation" Herr Erdogan nicht für ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" hält.

Soviel zum "Fordern": man muß hierzuland deutsch können. Es ist nicht schon eine hinreichende Bedingung, aber eine notwendige. Jutta Limbach hat dies wiederum vernünftig dargelegt. Das novellierte Zuwanderungsgesetz ist in dem Punkt restriktiv: selbst bei Nachzug von Ehegatten wird ein schon im Heimatland zu erbringendes Zertifikat über Deutschkenntnissse verlangt. Wichtig, dies zu wissen, weil viele hier meinen, es komme schlechthin jeder auf Dauer hier rein. Was nun die Kinder der Eingewanderten angeht - und auf die käme es vor allem an -, so war hier eine technische Neuerung verhängisvoll. Viel und modisch wird ja heute vom ‚Medialen’ gefaselt. Hier aber war wirklich etwas technisch ‚Mediales’ fatal: die Parabolantenne hat, wie Jürgen Trabant schreibt, "das einzige Fenster geschlossen, das die eingewanderte Bevölkerung früher einmal auf die Deutschen hatte". Mit Fernsehen in deutscher Sprache, wenn ihnen kein anderes zugänglich wäre, hätten die türkischen Kinder das Deutsche unweigerlich gelernt. Jetzt hören sie da nur noch Türkisch und begegnen dem Deutschen zuerst in der Schule - zu spät. Umsomehr ist hier "Fördern" unabdingbar.

In einer Monarchie, einer Diktatur ist es nicht wichtig, dass alle dieselbe Sprache reden. Es ist aber unabdingbar für eine Demokratie. Daher gab es Sprachpolitik historisch zum ersten Mal überhaupt in der Französischen Revolution. Von daher auch ihr Recht, wenn sie gegen die Minderheitensprachen in Frankreich vorging. Wenn die Gesetze, die "für alle" - und, wie Robespierre so schön hinzusetzte, "gegen alle" gemacht werden, aus einem vorausgehenden Diskurs hervorgehen sollen, dann muss dieser Diskurs in einer allen zugänglichen Sprache geführt werden. Die Forderung nach Einsprachigkeit entspringt also nicht bloßem Terrorismus der Einsprachigkeit (den gab und gibt es auch), sondern - das wird zu wenig gesehen - dem Pathos der "einen und unteilbaren Republik" selbst. Ohne eine Sprache, die alle verstehen und alle sprechen, keine Demokratie.

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27.04.2008 | 11:25 Uhr

Christian Meier: Es läuft etwas schief

Nicht nur beim Sprachunterricht läuft etwas schief, sondern auch beim Sprachgebrauch, bei unserem Umgang also mit den zu Integrierenden.

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27.04.2008 | 11:03 Uhr

Regina Mönch: Pädagogen scheitern auch an Eltern

Wenn Integration oder genauer, wenn Migrantenkinder in der Schule scheitern, hat es so gut wie immer mit Sprachnöten zu tun. Es gibt nicht nur in Berlin so viele Schulen, die Jahr um Jahr Kinder aufnehmen, die keine Vorstellung haben von den Abenteuern, in die sie sich nach dem Zuckertütenfest stürzen müssen.

Man kann auch sagen: jedes Jahr zum Schulbeginn für die Erstklässler beginnt vielerorts Integration bei Null. Viele Kinder sprechen kaum oder auch gar nicht Deutsch und es sind (in diesen Fällen) überdurchschnittlich viele türkische Kinder.

Es gibt dieses Problem kaum mit Polen und Russen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ein weiteres Problem hier: diese Kinder sprechen weder hinreichend Deutsch noch gut Türkisch. Dass sich Sprachförderung darum jetzt auf Deutsch konzentriert, war eine richtige, längst fällige Entscheidung. Denn sie entscheidet darüber, ob diese Kinder jemals ihren Platz in dieser Gesellschaft finden werden.

Es hat sich viel zum besseren geändert in den letzten Jahren, die beargwöhnten Sprachtests sind nur ein Beispiel von vielen. Sie setzen Lehrer in die Lage, die Sprachdefizite ihrer Kinder auszumachen, und sie wurden viel zu spät eingeführt, so wie viel zu spät genügend Lehrer so ausgebildet wurden, dass sie diese Aufgabe professionell meistern können. Trotzdem kommen auch die engagiertesten Lehrer nicht selten an die Grenzen ihrer pädagogischer Fähigkeiten, weil sie, anders als noch die Eltern der ersten, der Gastarbeitergeneration, viele Eltern heute nicht erreichen. Ganztagsschulschulen, Schulbibliotheken und Paten, die diese Kinder begleiten, helfen – aber Wunder können auch sie nicht vollbringen.

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27.04.2008 | 18:51 Uhr
Jörg Albert schreibt: Deutsch als Fremdsprache

Dieses Fach gibt es nicht an innerdeutschen Schulen, an deutschen Begegnungsschulen im Ausland sehr wohl. Dort gibt es auch die jeweilige Muttersprache als Unterrichtsfach, an innerdeutschen Schulen nur episodenhaft.

Die Folge: Nicht-deutsche Schülerinnen und Schüler an deutschen Auslandsschulen haben weit bessere Chancen über das Abitur oder das International Baccalaureat an deutschn Unis zu studieren als Migrationskinder im Inland.
Da sollte man nicht deren Eltern die Schuld daran zuschieben.


27.04.2008 | 15:31 Uhr
Heinz Dieter Chiba schreibt: Amerik. Space Shuttle als Reklameschild für Deutsch?

Genauso verschieden: Deutsch in Berlin lernen oder Deutsch im Dorf Piding, BY. Obwohl wir seit 45 Jahren in Piding ein Haus haben, fühlt man noch die Dorfdistanz, als "Z'gereister". Im deutschen Dorf sich als Fremder "einzubürgern", als Deutscher o. Ausländer, ist wie der SF Film - eines Tages, irgendwo im All, kommt Hilfe.

Sobald man z. B. "Guten Tag" sagt, statt "Grüss Gott", spürt man Ladenskühle. Wie man spricht, stört Dorfdeutsche. Berlin, die Stadt, lässt vieles bei Fremden durchgehen: die Stadt ist oberflächlich, etwas toleranter, aber das Dorf hat Zeit, AusländerInnen genau anzusehen: Sie bleiben isoliert.

Es wird auch keine spezielle Hilfe i.d. Dorfschule geben, nicht wie in Berlin, wo sich der pädagogische Einsatz lohnt. Im Dorf dagegen ist man einsam, als Nichtbayer, ganz besonders als Nicht-EU-Ausländer. Ich würde keinem Nichtdeutschen, Nicht-EU-Europäer raten, sich im Dorf (Piding, BY, z. B.) niederzulassen: dortige Dorfkälte ist dauerhaft, unerbittlich, fremdendesinteressiert.



27.04.2008 | 10:54 Uhr

Cem Özdemir: Soziale Herkunft ist entscheidend

Integration, nennen wir es in diesem Fall besser gesellschaftliche Teilhabe, kann ohne deutsche Sprachkenntnisse kaum gelingen. Ich denke dabei übrigens nicht nur an die Integration in den Arbeitsmarkt, denn Sprache ist auch entscheidend für die friedliche Bewältigung von Konflikten, ob es sich nun um alltägliche oder gesellschaftliche Konflikte handelt. Ganz abgesehen davon, dass die Beherrschung einer (weiteren) Sprache nicht nur selbstbewusst, sondern auch den Reichtum einer ganzen Kultur erfahrbar macht.

Die Erwartungen an die ehemaligen Gastarbeiter sollten jedoch realistisch sein. Heute ist diese Generation meiner Eltern im Rentenalter. Sie hatten knochenharte Jobs, arbeiteten im Schichtsystem und in ihrem Herkunftsland haben viele von ihnen nur wenige Jahre eine
Schule besucht (manche überhaupt nicht). Diese Generation hat zum Wohlstand dieses Landes beigetragen und verdient Anerkennung – ob nun mit oder ohne deutsche Sprachkenntnisse.

Die Formel "Fördern und Fordern" gilt übrigens nicht für alle gleichermaßen. Ausgenommen sind offenbar Migranten, deren Herkunftsländer ein "besseres Image" genießen, etwa die Vereinigten Staaten oder Japan. In Düsseldorf leben zahlreiche wirtschaftliche sehr erfolgreiche Japaner, mit eigener Infrastruktur bis hin zu eigenen Schulen. Sie sind jedoch nicht gemeint, wenn wir die mangelnden Sprachkenntnisse von Migranten oder angebliche Parallelgesellschaften diskutieren – es geht ausschließlich um türkische oder arabische Migranten.

"Fordern und Fördern" klingt jedenfalls ganz wunderbar – was unser Bildungssystem angeht, ist der zweite Teil der Formel bislang jedoch kaum angekommen. Schließlich hängt der Bildungserfolg in Deutschland so stark wie in keinem anderen Land von der sozialen Herkunft ab. Dass das übrigens auch deutschstämmige Kinder betreffen kann, zeigt der
Sprachförderbedarf von Vorschulkindern in Berlin. Im Jahr 2006 stellte man bei 6068 Kindern (von insgesamt 19065) einen Sprachförderbedarf fest – davon waren 32% deutscher Herkunftssprache. Manche Kinder sind von Haus aus benachteiligt, ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund. Auch deshalb müssen alle Kinder gleichermaßen gefördert werden. Das darf nicht zur wohlfeilen Floskel verkommen, sondern muss Anspruch jeder Bildungspolitik sein.

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28.04.2008 | 10:07 Uhr
Nathalie Neumann schreibt: Tun, was man kann

Dass Japaner und Amerikaner in unentdeckten oder ungetadelten Parallelgesellschaften leben, ist sehr bedauerlich und sollte ebenso wenig stattfinden wie Parallelgesellschaften türkischer, arabischer oder sonstiger Immigranten. Ich stimme Herrn Özdemir zu, was die Aufgabe des Staates betrifft: alle Kinder fördern, egal wo sie herkommen; Bedarf erkennen und danach handeln.

Auf der anderen Seite bleibt die Eigenverantwortung der Immigranten, die ja nicht nur Bürde, sondern auch Chance ist. Sie können selbst sehr viel tun, um ihre Kinder (und auch sich selbst) in Kontakt mit deutschen Muttersprachlern zu bringen - in Vereinen, Nachbarschaften usw. Wie weit das gelingt und wie stark dadurch die Integration vorangebracht wird, ist eine andere Frage; es ist aus meiner Sicht der beste Weg dahin.
Furchtbar ist es, dass schulischer Erfolg in Deutschland so stark von der sozialen Herkunft abhängt. Das zu ändern, muss das Ziel der Politik sein.


28.04.2008 | 09:29 Uhr
TOBIAS RÜGER schreibt: Die gängigen Nebelkerzen aus dem grünen Lager

Ganz recht: wirtschaftlich erfolgreiche Japaner... sind nicht gemeint, wenn wir die mangelnden Sprachkenntnisse von Migranten oder angebliche Parallelgesellschaften diskutieren – es geht ausschließlich um türkische oder arabische Migranten.

Von Japanischen Jugendbanden, Mord wegen Religion und 'Ehre' in diesen Millieus haben wir in Deutschland noch nicht gehört. Die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjet-Union ist ebenfalls eine Erfolgsgeschichte.
Es sind nicht alle Kulturen gleich. Und daher ist es völlig abwegig, dem deutschen Staat die Schuld für die Probleme mit den islamischen Zuwanderermillieus in die Schuhe schieben zu wollen.
Die Sprachfrage ist nebensächlich, weil Deutsch in Deutschland überall gelernt werden kann. Das entscheidende sind die Mentalitäten, die dem Aufnahmeland entweder freundlich oder feindselig entgegentreten. Mit seiner Anspruchspose tätigt Herr Özdemir den Schulterschluss mit denjenigen, die in Deutschen ehrlose Ungläubige sehen.



27.04.2008 | 10:52 Uhr

Jürgen Schiewe: Sprachförderung endet nicht mit dem Klingelzeichen

Jutta Limbach hat recht, wenn sie schreibt, dass das Erlernen der deutschen Sprache "ein notwendiges, wenn auch kein ausreichenden Mittel der Integration" sei. Gescheiterte Integration muss also nicht notwendigerweise auf fehlender Sprachkompetenz beruhen. Andererseits: Wenn im Sprachunterricht für die Migranten deutlich und einsichtig wird, welche Vorteile es hat, Deutsch zu lernen, dann ist bereits ein Stück Integration erfolgt.

Solange der Sprachunterricht aber von Migranten – und von vielen wird er das – als "Nachhilfe", als eine lästige Pflicht oder gar als eine Art von Strafe gesehen wird, bauen sie eher Widerstände auf.

"Fordern und Fördern": Ja, aber so lange keine Einsicht da ist, welchen Sinn das Fordern und das Fördern hat, ist wenig erreicht. Sprachförderung darf nicht mit dem Klingeln zum Unterrichtsschluss enden, sondern muss aktiv dort fortgesetzt werden, wo die eigentliche Integration – sprachlich wie gesellschaftlich – stattfindet: Am Arbeitsplatz, beim Einkaufen, vor alle aber beim Gespräch mit den deutschen Nachbarn.

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27.04.2008 | 10:41 Uhr

Wolfgang Frühwald: Die dritte Generation macht Sorge

An Jutta Limbachs Buch gefällt mir die entschiedene und verfassungsjuristisch fundierte Stellungnahme für die Forderung nach sprachlicher Integration gut. Die Formel des Innenministeriums ist so schlecht nicht – nur, die Verweigerung von Integration kann durch diese Formel nicht aufgebrochen werden. Integration ist ein Vorgang, der zwei willige Seiten braucht, die Minderheit und die Mehrheit.

Nicht die erste Generation der Einwanderer macht Sorgen bei der Frage nach der Integration, auch nicht die zweite, sondern erst die dritte. Und diese Generation spricht meist ein sehr gutes Deutsch, das sie aber aus ganz anderen als sprachlichen Gründen dann verweigern.

Zuerst muss der Wille zur Integration (auf beiden Seiten) vorhanden sein, dann erst kann die Integration auch über Sprache gelingen. Sorgen macht mir zum Beispiel die geringe Anzahl türkischer Kinder in deutschen Gymnasien, nicht das Sprachengewirr auf dem Schulhof. Es müssten Anreize zur sprachlichen Integration geschaffen werden, sozialer Aufstieg müsste sichtbarer als jetzt damit verbunden sein, wenn die Formel des Ministeriums mit Leben erfüllt werden soll. Derzeit ist die Tendenz, in Parallelgesellschaften aus Trotz gegen soziale Vernachlässigung in einem Staat, der nicht als der eigene empfunden wird, jeweils nur eine Sprache, die Herkunftssprache oder die Sprache des Herkunftslandes der Eltern, zu sprechen, viel zu groß. Dies hat soziale Gründe, um die wir alle (Staat, Wirtschaft, Schule, Nachbarschaft) kümmern müssen. Der Wunsch, gut Deutsch zu sprechen, ist dann eine Folge, nicht der Grund der Integration.

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27.04.2008 | 20:00 Uhr
Daniel Kleiner schreibt: Herr Professor Fruehwald, an Ihrem Beitrag

habe ich nichts zu kritisieren, aber Einiges zum Thema zu erwaehnen. In einer Zuschrift wurde beklagt, dass Deutsche in den Vereinigten Staaten oft schnell ihre Muttersprache zur Seite schieben. Den Auslaendern in Deutschland wird vorgeworfen, dass sie ihre Sprache zu sehr pflegen...

Was soll Integration bedeuten, was alles muss man dazu erfullen, dass man integriert ist?
Arnold Schwarzenegger war ein Bodybuildner, bevor er in den Vereinigten Staaten nach geraumer Zeit Filmschauspieler wurde.
Er wurde Governor von Kalifornien. Er spricht immer noch ziemlich holpriges Englisch und auch ziemlich einfaches. Kann sich jemand hierzulande vorstellen, dass ein Einwanderer 'Landesvater' in Bayern wird? Oder ein Kind von Einwanderern Bundeskanzler?
In Frankreich war das moeglich, in Person von Praesident Sarkozy...



27.04.2008 | 10:37 Uhr

Thomas Paulwitz: Doppelte Halbsprachigkeit

Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, wie es so schön heißt. Allerdings scheint das Schloß zu klemmen. Einwandererkinder beherrschen häufig weder die Muttersprache noch die Landessprache richtig. Statt weltläufiger Zweisprachigkeit treffen wir doppelte Halbsprachigkeit an. Eltern und Schulen können auf der einen Seite nicht die Bedingungen schaffen, Deutsch wie eine Muttersprache zu lehren. Auf der anderen Seite beherrschen viele Einwandererkinder die Sprache ihrer Eltern nicht wie eine Muttersprache. Um Deutsch als Fremdsprache lernen zu können, müßten sie jedoch in ihrer Muttersprache sattelfest sein.

Diese Zwickmühle führt dazu, daß wir mit der schönen Formel vom "Fordern und Fördern", die der Lehre vom "aktivierenden Staat" entstammt, nicht weit kommen. Das Fördern setzt nicht nur Lernwilligkeit, sondern auch Lernfähigkeit bei den Geförderten und bei den Förderern Kompetenz und finanzielle Mittel voraus. Das Fordern verlangt Autorität von den Forderern und Respekt von den Geforderten. Nur wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann Sprachförderung erfolgreich sein.

Der falsche Weg ist es jedoch, die Einbürgerung, die die höchste Stufe der Integration darstellt, zu erleichtern, indem der Staat weniger fordert. Daher ist Jutta Limbach zu widersprechen, wenn sie die Einbürgerung von Ausländern lediglich von Kenntnissen in der deutschen Sprache abhängig machen will (Seite 55). "Fordern" müßte hier doch bedeuten, daß die deutsche Sprache ziemlich sicher beherrscht wird. Das können die Deutschen jedoch nur fordern, wenn sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen und zu ihrer Sprache stehen.

In dem Kindergarten, den mein Sohn besucht, gibt es glücklicherweise lediglich ein Kind, das größere sprachliche Rückstände hat, also nur wenige "Sprachkenntnisse". Obwohl das Kind im allgemeinen sehr liebenswürdig ist, kommt es immer wieder zu Situationen, in denen es mit seinen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten an seine Grenzen stößt. Dann tut es Dinge, mit denen es sich bei seinen Kameraden unbeliebt macht. Um ein noch verhältnismäßig harmloses Beispiel zu nennen: Wenn ein dreijähriges Kind nicht sagen kann, daß es ein Spielzeugauto haben möchte, mit dem gerade ein anderes Kind spielt, dann nimmt es sich einfach ohne zu fragen das Auto, und verärgert so die anderen. Ohne Sprachförderung wird das Kind dieses Verhaltensmuster in zehn Jahren immer noch beibehalten; mit immer schwererwiegenden Folgen.

Jetzt müssen alle – Erzieherinnen, Eltern, auch die Kameraden – mithelfen, damit das Kind nicht zum Außenseiter wird und die Integration gelingt. Mit zunehmendem Alter würde das immer schwieriger. Ich glaube, es ist zu schaffen, wenn es auch nicht einfach sein und nicht sofort geschehen wird. Was ist aber in Kindergärten und Schulen, in denen die Mehrheit der Kinder in der Entwicklung der Sprache zurückliegt?

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]

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28.04.2008 | 10:36 Uhr
Nathalie Neumann schreibt: Die Liebe zur Sprache

Wer für die deutsche Sprache werben will, wer fordert, dass Einwanderer die deutsche Sprache rasch und gut erlernen, muss mit gutem Beispiel vorangehen und Sprachfähigkeit auch unter deutschen Muttersprachlern fordern und fördern.

Dass auch in einer Gesellschaft von Deutsch perfekt beherrschenden Menschen soziale Konflikte bestehen, ist klar; m. E. sollten auch Konflikte weniger verhindert als viel mehr die Fähigkeit gestärkt werden, Konflikte sprachlich zu lösen.
Sprachförderung bedeutet vor allem, mit Kindern zu sprechen und sie auch zu animieren, munter drauflos zu plappern; d. h. im einzelnen, Kinder nicht vor dem Fernseher sich selbst zu überlassen, sie Bücher lesen zu lassen, mit ihnen mündlich so zu kommunizieren, dass sie sprachlich trainiert werden etc. pp. Das betrifft sowohl das Elternhaus als auch Kindergarten und Schule.
Aus Liebe zur Sprache wurde dieser Kommentar in traditioneller Rechtschreibung verfasst.


28.04.2008 | 09:37 Uhr
lu fauk schreibt: Problemlösung dauert viele Generationen

1. Dreijährige nehmen das Spielzeugauto ohne zu fragen völlig unabhängig von ihren Deutschkenntnissen.
2. Soziales Fehlverhalten auf mangelnde Sprachbeherrschung zurückzuführen, ist meistens eine schlechte Ausrede. Sprachliche Grenzen führen eher zu Zurückhaltung als zu Aggressivität.

3. Grundsätzlich kann man von jedem erwarten, dass er die Sprache des Landes, in dem er aufwächst, muttersprachlich beherrscht.
4. Da die Zahl der Ausländer einen für den Spracherwerb ausreichenden Kontakt zu Muttersprachlern verhindert und häufig ein negatives Bild der deutschen Kultur besteht, wird die Problemlösung viele Generationen dauern. Dass sie friedlich erfolgt, bleibt zu hoffen.



27.04.2008 | 10:30 Uhr

Paul Kirchhof: Sprachförderung braucht Eleganz und Bestimmtheit

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dieser Befund bedeutet nicht, dass wir die deutsche Sprache als kulturelle Mitte zunehmend verlieren. Vielmehr müssen wir den Einwanderern anbieten, an dieser Kultur teilzuhaben. Wenn ein junger Mensch seine Muttersprache nicht mehr und die deutsche Sprache noch nicht spricht, er deshalb in den prägenden Jahren seiner Kindheit sich zurückgestoßen fühlt, wird er sich jenseits von Schule, Ausbildung und Arbeitsleben entwickeln, dann wegen Ausgrenzung und Missachtung rebellieren, schließlich die Autos auf unseren öffentlichen Straßen anzünden.

Doch er wird sein Leben in Deutschland verbringen. Deshalb ist es unerlässlich, dass schon die jungen Menschen die Sprache ihrer zukünftigen Heimat erlernen, sie dadurch mitmenschliche Begegnung, Bildung und Ausbildung, eine Arbeitsplatzchance und so Anerkennung und Einkommen erfahren.

Staat und gemeinnützige Stiftungen fördern deshalb das Erlernen der deutschen Sprache schon in Kindergarten und Vorschule. Sportvereine, insbesondere Fußballclubs, trainieren mit den Kindern in deutscher Sprache und beginnen zunehmend, dabei die Sprache zu pflegen. Bei Schülern sind Lese-, Theater-, und Debattierwettbewerbe beliebt und erfolgreich. Oft allerdings fallen Kinder, deren Sprachkenntnisse auf gutem Weg sind, zu Hause in eine ihnen zunehmend fremder werdende Sprachwelt oder auch die Sprachlosigkeit zurück, weil ihre Eltern nicht entsprechende Sprachfortschritte anstreben, das fremdsprachige Fernsehen zu Bequemlichkeit einlädt und zu Spracharmut verführt.

Das Hinführen zur deutschen Alltagssprache und die Pflege der Muttersprache sind deshalb sozial. Hier sollte sich der Staat auch des Rechts, seiner Gebote und Forderungen bedienen, um in der Sprachgemeinschaft ein Stück Gleichheit in den Lebens- und Erwerbschancen zu sichern. Sprechfähigkeit macht handlungs-, begegnungs-, erwerbsfähig, Sprachlosigkeit ist ein Stück Ohnmacht. Deshalb verbindet der Staat die allgemeine Schulpflicht mit Anforderungen an die Kenntnis der deutschen Sprache, bestimmt Deutsch zur Gerichts- und Verwaltungssprache, macht die Deutschsprachigkeit zur selbstverständlichen Eignungsvoraussetzung für Beamte. Im Aussiedlerrecht wird die deutsche Sprache zu einem Kriterium deutscher Volkszugehörigkeit, der Nachzug von Ehegatten ist vom Nachweis einfacher Deutschkenntnisse abhängig, das Staatsangehörigkeitsrecht erwartet auch sprachliche Zugehörigkeit.

Sprache ist elementares Gemeinschaftsgut. Wie der Impfzwang die Rechtsgemeinschaft vor Seuchen schützt, die Schulpflicht eine Mindestbildung innerhalb der Demokratie zu gewährleisten sucht, Umweltpflichten die Freiheit des Atmens und das saubere Wasser garantieren, die Steuerpflicht den in unserer Rechtsgemeinschaft Erfolgreichen zur Mitfinanzierung des Gemeinwesens heranzieht, so kann auch das Erfordernis einer Mindestsprachfähigkeit ein soziales und demokratisches Kulturminimum der Rechtsgemeinschaft sichern. Sprachförderung braucht Eleganz im Stil und Bestimmtheit im Ziel.

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27.04.2008 | 23:08 Uhr
Klaus Däßler schreibt: Was ist ein Einwanderungsland?

Lieber Herr Kirchhof, Sie verwenden überraschend als Motto "Deutschland sei ein Einwanderungsland", einen ideologischen Kampfbegriff. Kennen Sie Sie seine Fährnisse nicht? Einwanderungsland 1 bedeutet ein Land, dessen "Bevölkerung" aus Zuwanderern besteht und dessen Ureinwohner nach und nach marginalisiert wurden, wie Vereinigte Staaten oder Australien.

Einwanderungsland 2 - oft zum Vernebeln der Sinne gebraucht: ein Land, in das Einwanderer kommen, die die sprachlich- kulturelle Eigenheit seines Volkes nicht verändern. Der Streit kam immer aus diesem inneren Gegensatz ideologischer Interessen. Durch dieses Unwort versucht man, uns Sand in die Augen zu streuen: "2 kann man getrost zustimmen, trivial, wo eingewandert wird, ist Einwanderungsland" - in Wirklichkeit aber 1 im Auge hatte: eigentlich sind "die Deutschen" eine Randgruppe, und haben nur gleiches Recht auf dieses Land, wie andere. Was meinen SIE nun? Mir fehlt Ihr Bekenntnis, dass Deutsch die Sprache von UNS DEUTSCHEN ist und bleibt.


27.04.2008 | 18:38 Uhr
Daniel Kleiner schreibt: Herr Professr Kirchhof: Die Sache ist nicht so einfach,

... wie alle es hier denken. Wie man die deutsche Sprache als Einwanderer erlernt und sich in die 'Reihen' der Einheimischen integriert, das kann kein gebuertiger Deutscher (und in Deutschland aufgewchsener) nachvollziehen.

Die Beherrschung der Sprache des Landes ist ein Mittel auf dem Weg der Integration. Klar ist, je besser man die Landesprache erlernt, um so leichter und tiefer kann man sich integrieren. Man kann aber schon ziemlich gut integriert sein, auch wenn man die Landespsrache noch nicht sehr gut beherrscht. Man muss sich klar dessen bewusst sein, dass ist hier Deutschland, also muss ich die deutsche Sprache so gut, wie fuer mich moeglich erlernen. Das dient ja in erster Linie meinem Lebensweg und es dient nicht den Einheimischen, denen es moeglicherweise nicht schmeckt, dass ich die deutsche Sprache nicht gut genug beherrsche. Dabei wird ja immer vergessen, dass auch viele Deutsche die deutsche Sprache nicht 'gut genug' beherrschen. Wenn man das erwaehnt, fuehlt sich der Deutsche beleidigt.



27.04.2008 | 10:25 Uhr

Stefan Luft: Milliardenschwere Sprachprogramme scheiterten

Hauptursache für mangelnde Integration hinsichtlich Spracherwerb, Bildungswesen und Arbeitsmarkt ist die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland (wie andere westliche europäische Länder auch) die Zuwanderung nicht nach Kriterien der Qualifikation gesteuert hat (wie in klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten oder Australien). Auf Drängen der Arbeitgeber und mit politischer Unterstützung durch die Bundesregierungen der 1950er und 60er Jahre wurden un- und angelernte ausländische Arbeitnehmer ("Gastarbeiter") angeworben.

Der mit dem Familiennachzug einsetzende Niederlassungsprozess der Gastarbeiter führte zu zunehmenden ethnisch-sozialen Unterschichtenkonzentrationen in den Großstädten. Diese "ethnischen Kolonien" hatten gravierende negative Auswirkungen für die betroffenen Kinder: sprachliche Anpassung war nicht nötig, die Umgebung war ja meist "einsprachig" – geprägt durch die Sprache des Herkunftslandes, das Nachzugsalter war hoch, die Schulpflicht wurde oft nicht durchgesetzt.

Bereits Ende der 1970er Jahre wiesen Sozialwissenschaftler auf die Zusammenhänge zwischen Deutschkenntnissen einerseits und Verdiensthöhe, Aufstiegschancen und Kontakten zu Einheimischen andererseits hin. Man überbetonte lange Zeit die Rolle der Herkunftskultur und unterschätzte die Anpassungsleistungen, die notwendige Bedingung für eine erfolgreiche Integration und damit die Voraussetzung für sozialen Aufstieg waren. Die Beibehaltung und Entwicklung der Erstsprache galt als "wichtiger Entwicklungs- und Stabilisierungsfaktor" für ausländische Kinder. Förderung der Erstsprache und "bilingualer Unterricht" sollten Integrationsprobleme lösen. Dies war für sehr viele Kinder eine Überforderung. Die zugezogene Wohnbevölkerung erlebte, dass fremdsprachige Betreuer in Kindergärten, Kindertagesstätten und anderen Betreuungseinrichtungen eingestellt wurden. Von dieser wohlmeinenden Maßnahme ging aber ein kontraproduktives Signal aus: Das Leben in Deutschland sei auch ohne das Erlernen der deutschen Sprache möglich, der deutsche Staat schien keinen erkennbaren Wert darauf zu legen.

So erzielten milliardenschwere Sprachprogramme in den 1980er und 90er Jahren nicht die erwünschte nachhaltige Wirkung.

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27.04.2008 | 19:01 Uhr
Daniel Kleiner schreibt: Herr Dr. Luft, Sie haben von den Vereinigten Staaten

und Kanada sicher keine Ahnung ...
Ich habe eine; mein Bruder wanderte 1970 nach New York aus, wo er an der NYU als Chemiker taetig ist.

Ich war in New York oefters und nahm Teil auch an Sprachunterrichten, die fuer Einwanderer etwa erteilt werden. Ich kenne auch andere Sachen, Verhaeltnisse den Einwanderer betreffend.
Ich habe Ihre Buecher nicht gelesen, daher sagen ich nur in die Luft sozusagen; wer kein Einwanderer war, kann keine Ahnung davon haben, wie man die Sprache des Landes in das man eingewandert ist, erlernen kann. Und zwar gut genug, damit auch Sie damit zufrieden sein koennten. Was eigentlich unwichtig ist; der Einwanderer lernt fuer sich und nicht fuer irgendjemand.
Ich kann in 5 Sprachen lesen und schreiben (Russisch kann ich auch, aber da muss ich das Woerterbuch sehr intensiv benutzen). Daher wage ich zu behaupten, ich weiss, wie gut oder wie schlecht man eine Fremdsprache erlernen kann. Und auch welche Unterrichtsmethode gar nichts taugt.



27.04.2008 | 10:00 Uhr

Helmut Glück: Die Sprache ist nicht alles

Integration heißt Teilhabe. Integration heißt Mitmachen-Können und Mitmachen-Wollen in all den bürgerlichen und sozialen Angelegenheiten, denen sich die Eingesessenen widmen, die sie wichtig finden, die ihren Alltag und ihre Festtage strukturieren. Das kann eine Nachbarschaftsgruppe sein, die einen Spielplatz betreut und Kindern bei den Hausaufgaben hilft, eine Kirchengemeinde, die sich um abgestürzte Jugendliche kümmert, eine Volkshochschulgruppe, die Theater spielt, ein Fußball-, Karnevals- oder Segelfliegerclub oder die Ortsvereinigung eines Sozialverbandes und vieles, vieles andere.

Integration ist gelungen, wenn Einwanderer in die sozialen und kulturellen Netzwerke eingebunden sind, die das Leben der Gemeinde strukturieren, in der sie leben. Die Voraussetzung dafür ist die Sprache. Nur wer sich sprachlich verständigen kann, hat Zugang zu solchen Netzwerken und die Chance darauf, in sie eingebunden zu werden. Wer nicht über hinreichende Sprachkenntnisse verfügt, bleibt draußen. Er bleibt dann eingebunden in die sozialen Netzwerke, die in seiner Herkunftssprache funktionieren und die in vielen Großstädten Gegenwelten geworden sind, für die der problematische Ausdruck "Parallelgesellschaft" geprägt wurde.

Der Innenminister hat recht: die Kenntnis der Landessprache muss gefordert werden, wenn aus Einwanderern gleichberechtigte Bürger werden sollen, und der Staat muss diejenigen, die das wollen, dabei fördern. Deshalb sind die Integrationskurse, die für einige Gruppen von Migranten verpflichtend sind, im Prinzip sinnvoll; dass sie in ihrer Konzeption und in ihrer Qualität viele Wünsche offenlassen, ist allerdings ein Problem.

Deshalb ist es sinnvoll, dass von Ehegatten, die aus dem Herkunftsland nachgeholt werden, elementare Deutschkenntnisse verlangt werden; das ist nicht diskriminierend, sondern eine Maßnahme, die ihre Startchancen in einem neuen Leben verbessern will und kann.

Deshalb ist es sinnvoll, Kinder aus Migrantenfamilien vor dem Schuleintritt sprachlich so weit zu fördern, daß sie die Chance haben, Lesen, Schreiben und Rechnen mit den gleichen Voraussetzungen wie Kinder aus deutschsprachigen Familien zu lernen – und das auch zu fordern: wer solchen Kindern diese wesentliche Chance auf dem Weg in ein erfolgreiches Schulleben verwehrt, handelt gegen ihre Interessen.

Integration hat nicht nur sprachliche Aspekte. Aber ohne sprachliche Integration ist soziale, kulturelle, bürgerliche und schließlich affektive Integration unmöglich.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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