Seyran Ates: Deutschland vernachlässigt Förderung und Forderung
Es gibt Wahrheiten, die lange brauchen, um in der gesamten Gesellschaft akzeptiert zu werden. Wir müssen uns einfach nur daran erinnern, wie lange es gedauert hat, bis nahezu jeder Mensch daran geglaubt hat, dass die Erde keine Scheibe ist. Ein Mensch, der sich in einer Gesellschaft sprachlich nicht zurechtfindet, kann nicht mit all seinen Facetten als selbständiger, unabhängiger Mensch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und die Gesellschaft, in der er lebt wahrnehmen.
Ihm wird die Gesellschaft, deren Sprache er nicht spricht, immer irgendwie fremd bleiben. Nun stellt sich natürlich die Frage, will man die Gesellschaft, deren Sprache nicht die "eigene", die "Muttersprache" ist kennenlernen, sie erleben, in ihr leben? Und als Spiegelbild dessen: Will die Aufnahmegesellschaft, dass alle Menschen, die in ihr leben, sich sprachlich zurechtfinden? Von der Beantwortung dieser Fragen ist abhängig, ob jemand gefördert werden kann, also Angebote annimmt, sich sprachlich an der Gesellschaft zu beteiligen oder gar den Spracherwerb in die eigene Hand nimmt und umgekehrt, ob die Aufnahmegesellschaft aufgrund der Einsicht alle Menschen im eigenen Land sprachlich erreichen zu wollen, diesbezügliche Forderungen an die Zuwanderer und Einwanderer stellt.
Deutschland hat zum großen Teil sowohl die Sprachförderung, als auch die Sprachforderung bisher sträflich vernachlässigt. Die Probleme, die wir in diesem Bereich in Deutschland haben, sind wie alle Integrationsprobleme hausgemacht. Besonders stark sind zugezogene Ehefrauen aus so genannten bildungsfernen Familien betroffen. In diesen Familien herrscht die Überzeugung vor, dass die Ehefrauen von der deutschen Gesellschaft, die als wertelose und verrohende Gesellschaft wahrgenommen wird, fernzuhalten. Und wie kann man das besser, als wenn man ihnen nicht die Erlaubnis gibt, die deutsche Sprache zu erlernen? Das Leben dieser Frauen zeigt am deutlichsten, wie Ausgrenzung durch fehlende Sprachkenntnisse erfolgen kann.
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