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Forum:

Deutschkenntnis: Fordern wir zu wenig von Migranten?

Die Maxime "Fordern und Fördern" ist laut dem Innenministerium der Schlüssel zur gelingenden Integration durch Sprache. Da Integration hierzulande so häufig scheitert: Sind unsere Forderungen an die Deutschkenntnis von Migranten zu bescheiden? Wo gibt es Versäumnisse? Sollte Deutsch zur verpflichtenden Pausensprache werden?

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Beiträge

05.05.2008 | 14:38 Uhr

Seyran Ates: Mehr Selbstbewusstsein durch Kenntnis der Landessprache

Ja, es sollte in den Pausen in der Schule Deutsch gesprochen werden. Nein, Deutschland fordert von "Migranten" sprachlich nicht genug. Das Beispiel der Berliner Realschule, in der alle Beteiligten eine Vereinbarungen über die Pausensprache Deutsch getroffen haben, zeigt, wie wichtig es ist, eine gemeinsame Sprache zu haben. Es zeigt auch, wie viel mehr Selbstbewusstsein bei Schülerinnen und Schülern entsteht, wenn sie die Landessprache gut beherrschen.

Die Situation an Deutschen Schulen ist insgesamt eher schlecht, wenn man die Sprache der Schülerinnen und Schüler betrachtet. Kinder, die in ihrem Alltag mit mehreren Sprachen konfrontiert sind, benötigen ganz besondere Unterstützung. Es ist bekannt, dass Kinder, deren Mehrsprachigkeit durch Eltern und Schule gefördert wird, eher gute Schulleistungen erbringen. Wenn die Mehrsprachigkeit von Kindern jedoch weder im Elternhaus noch in der Schule gesehen und gefördert wird, bzw. beide Seiten sich gar im Machkampf üben und an den Kindern zerren, können die Kinder nur verlieren.

Die Beherrschung der deutschen Sprache muss an staatlichen Schulen oberste Priorität haben. Der Staat muss dies als Bildungsauftrag und Verantwortung begreifen und entsprechend handeln. Insofern ist vieles versäumt worden. Jedes Mittel, das geeignet ist dieses zu fördern ist durch einen so begriffenen Bildungsauftrag legitimiert. Schließlich handelt es sich um die Förderung von Zukunftschancen. Darin kann weder eine Diskriminierung noch Fremdenfeindlichkeit gesehen werden.

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25.04.2008 | 15:06 Uhr

Klaus Reichert: Sprache ist mehr als ein Kommunikationsmittel

'Fordern und Fördern' im Hinblick auf das Erlernen der deutschen Sprache ist eine vernünftige Maxime. Wie Jutta Limbach schreibt, sollte sie aber nicht als Zwang verstanden werden, sondern als Chance, auf die sich erwachsene Menschen einigen können. Es fragt sich nur, w i e das Deutsche vermittelt wird.

Der frühe Einsatz von Computern schon in der Grundschule ist in dieser Hinsicht kontraproduktiv. Das frühe Erlernen des Verfassens von E-mails oder SMS fördert die Pidgeonisierung, nicht die Sprachkompetenz. Man braucht nicht einmal mehr die Rechtschreibung zu erlernen, weil dafür die Korrekturprogramme zuständig sind. Zudem müsste gelernt werden, dass Sprache mehr und anderes ist als ein Kommunikationsmittel.
Das gelingt nur über die Beschäftigung mit Literatur in jeder Altersstufe.

Außer dem Erlernen des Hochdeutschen - eine Selbstverständlichkeit! - erscheint es mir aber auch notwendig, die Herkunftssprachen nicht zu vernachlässigen, sie nicht dem Gebrauch in den Familien zu überlassen. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund wissen wenig oder nichts vom Reichtum ihrer Herkunftskultur. Wüßten sie mehr davon, würde das nicht nur ihr Selbstbewußtsein stärken, sie könnten auch durch den Vergleich der Kulturen das Gemeinsame und das Trennende in Geschichte und Gegenwart verstehen. Was ist gegen doppelte Identität zu sagen? Sie spielte in der Geschichte von Vielvölkerstaaten immer eine große Rolle.

Außerdem: viele Familien mit Migrationshintergrund sind da stehengeblieben, wo sie ihr Land vor 20, 30 Jahren verlassen haben. Sie wissen nicht, wie sich ihr Land gesellschaftspolitisch seitdem verändert hat. So gibt es zum Beispiel in Anatolien viele Selbsthilfegruppen zum Thema 'Gewalt gegen Frauen'. Wissen unsere anatolischen Familien davon?

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25.04.2008 | 22:36 Uhr
Herold Binsack schreibt: Die Sprachkulturen der Herkunftsländer aufwerten

Ich schlage vor, die Sprachkulturen der Herkunftsländer aufzuwerten. Aber wie geht das? Meine Frau ist Iranerin, und sie lebt seit etwa 10 Jahren in Deutschland. Das ist nicht sehr lange. Und doch spricht sie gutes Deutsch, aber natürlich nicht so selbstverständlich wie ich - als Deutscher.

Aber sie versteht auf Anhieb jede Hintersinnigkeit in der ihr fremden deutschen Sprache, was mir oftmals entgeht, und was unser Leben außerordentlich bereichert. Woher kommt diese Fähigkeit? Die iranische Sprache ist ein Fundus an Synonymen und Homonymen (lesen wir nur den Diwan von Hafiz, vgl. die wunderbare Prosaübersetzung von Joachim Wohlleben), eine Eigenart, die den Sprachwitz und die Intelligenz der diese Sprache Sprechenden begünstigt.
Und dies offenbar nicht nur innerhalb ihrer Muttersprache. Davon lernen, heißt für mich auch: meine eigene deutsche Sprache besser kennen lernen und sie dann auch verbessern helfen. Das ist kultur-übergreifend, außerhalb proletarischer Hinterhöfe oder grünen Kneipenszenen.



25.04.2008 | 11:26 Uhr

Feridun Zaimoglu: Schluss mit dem Geschwätz

Ich will es mal nach der guten alten deftigen deutschen Tradition sagen:
Erstens: Die Erziehung zur Liebenswürdigkeit ist auch der Weg zu einem liebenswürdigen Land. Das heißt, man soll mit dem Ton aus der Rekrutenbracke aufhören, irgendwelche Dekrete zu bellen.

2. Es ist festzusetzen, dass Deutsch in Deutschland bitteschön ohne Geschwätz und ohne problemzentrierte Gespräche einfach zu lernen ist. Dann haben sowohl die muttersprachlichen Ideologen rechts als auch die Multikulti-Fraktion links keinen Anlass mehr, sich zu beschweren.

Um der Zukunft der Kinder Willen haben alle Kinder, gleich welcher Herkunft, in diesem schönen Land Deutsch zu lernen. Ich sage das ohne Ausrufezeichen, ohen Fragezeichen, sondern mit einem Punkt. Dieser Grundsatz wird nicht angezweifelt. Punkt. Das ist die elementare Grundregel, von der nicht abzuweichen ist. Und wer dem widersprechen will, der möge bitte einen Debattierclub gründen, um sich dort auszuschwätzen.

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25.04.2008 | 21:06 Uhr
Torsten Klier schreibt: gut und schlecht

gut, was Feridun Zaimoglu schreibt, schlecht, dass das auffällt.




25.04.2008 | 13:31 Uhr
Charlotte Simmens schreibt: Schluss mit dem Geschwätz

Dem ist nichts hinzuzufügen Punkt


25.04.2008 | 12:54 Uhr
H. Neuer schreibt: Genau richtig

Lieber Herr Zaimoglu, meine Anerkennung - es geht nur so, wie Sie es sagen. leider ist dieser Scharfsinn und Instinkt unseren Politikern nicht gegeben.


25.04.2008 | 12:42 Uhr
Anton Zwielicht schreibt: Genmanipulierte Germanisierung

Egal, aus welchem Genpool jemand stammt, hier in Deutschland muss er (auch) deutsch beherrschen. Muss uns das erst jemand sagen, der türkische Eltern hat? Wenn jemand außer deutsch weitere Sprachen spricht, um so besser. Ob er sie als Fremdsprache in der Schule gelernt hat oder als Mutter- oder Vatersprache übernommen hat: egal.

Ich lerne jetzt türkisch. Ich nehme an, dass Herr Zaimoglu sich mit seinen Eltern immer noch auf türkisch unterhalten kann. Ich fände es gut, dass er seinen Kindern, falls er welche hat, (auch) türkisch beibringt.



25.04.2008 | 11:26 Uhr

Cem Özdemir: Aufregung unangebracht

Es geht nicht darum, dass Deutsch zur verpflichtenden Pausensprache wird, wie sollte das auch mit unserem Grundgesetz zu vereinbaren sein? Doch wenn sich Schüler, Lehrer und Eltern darauf einigen, auch in der Pause Deutsch zu sprechen – wo ist das Problem?

Erstens trägt es (hoffentlich) dazu bei, dass Kinder nicht-deutscher Muttersprache ihre
Deutschkenntnisse verbessern und zweitens ist es ein Gebot der Höflichkeit, eine Sprache zu sprechen, die potenziell jeder versteht.

Wenn wir im Urlaub etwa Deutschen und Niederländern begegnen, dann einigen wir uns ganz natürlich auf eine Sprache, die alle Anwesenden verstehen. Das kann beispielsweise Englisch sein. Ich habe aber auch schon erlebt, dass Niederländer dann Deutsch miteinander sprechen. Diese Erfahrung machen auch viele Deutsche, die ihren Dialekt pflegen. Sie bemühen sich verständlich zu sprechen, wenn jemand am Tisch sitzt, der
den Dialekt kaum versteht.

Jedenfalls war die Aufregung um die betreffende Schule in Berlin-Wedding unangebracht. Das gilt auch für Teile der deutschen wie der türkischen Medien, die hier nicht gerade ein
Meisterstück in Sachen Recherche abgeliefert (von wegen "Deutschpflicht" und "Sprachenverbot"...) und offenbar die große Story gewittert haben.

Deutschkenntnisse sind eine Voraussetzung dafür, um in unserer Gesellschaft beruflich Fuß zu fassen, am politischen und kulturellen Leben teilzuhaben und soziale Netzwerke zu knüpfen, die über die eigene Herkunftsgruppe hinausgehen. Entsprechend müssen wir auch in unserem Bildungssystem Wert auf die Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse
legen, angefangen in unseren Kindertagesstätten. Das haben wir lange versäumt, weil wir es ausschließlich als Aufgabe der Familien definiert haben.

Ich denke, es ist inzwischen (politischer) Konsens, dass es sich hierbei auch um eine gesellschaftliche Aufgabe und eine Herausforderung für unser Bildungssystem handelt.

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25.04.2008 | 10:29 Uhr

Hans-Martin Gauger: Der Multikulti-Irrtum

Noch immer kann man das Problem gut fassen mit einem wunderbaren, weil ins Zentrum schlagenden Satz, den seinerzeit, glaube ich, Heinrich Böll gesagt hat: "Wir wollten Arbeiter, und es kamen Menschen". Aus dem Satz (eigentlich sind es zwei) hört man ja das ironische "Verdammt noch mal!" heraus. Das hätte sozusagen nicht passieren dürfen.

Aber es gibt halt - daran hatte man nicht gedacht - keine ‚reinen’ Arbeiter. Da hängen dummerweise immer Menschen dran, also Kulturen, also Geschichte und Geschichten, also Streitereien, die einen ganz und gar nicht interessieren, zum Beispiel die zwischen Türken und Kurden, also auch Sprachen.

Viele von diesen Arbeitern, nahezu alle Spanier, alle Portugiesen - hat irgendjemand untersucht, warum gerade diese? - sind wieder gegangen. Sie haben sich so verhalten, wie wir dies eigentlich wollten. Dabei kamen wir gerade mit diesen, namentlich den Spaniern besonders gut zurecht. Die Italiener sind immer noch da. Und sie haben es geschafft - eigentlich sensationell und eine ungeheuere Leistung -, dass wir sie gar nicht mehr als ‚Ausländer’, als ‚Fremde’ wahrnehmen."

Hast du hier schon einen Stammitaliener?" - eine doch wohl ganz normale Frage an einen, der noch nicht allzu lange irgendwo wohnt. Vielleicht haben die Italiener dies indirekt den Türken zu verdanken, weil die uns halt fremder sind. Aber die Italiener sprechen meist sehr gut Deutsch.

Die Türken also werden bleiben - als Türken. Es werden wohl noch mehr kommen, was wieder - Familiennachzug - mit dem Böll-Satz zusammenhängt. Und sie werden sicher nicht so in der deutschen Bevölkerung verschwinden wie die Polen verschwunden sind, die im 19. Jahrhundert ins Ruhrgebiet kamen. Diese hinterließen schließlich, nicht nur dort, sondern in Norddeutschland überall, in Berlin ganz besonders, nur ihre Familiennamen: Kujawski, Wapnewski, Podolski, Libuda. Da war also, als wir dies allmählich merkten, bei uns, den Einheimischen, zunächst irritiertes Erstaunen - was machen wir jetzt? Dann gab es die kurze Phase des Zelebrierens, in gewissen Kreisen, dessen, was "Multikulti" hieß - ein Irrtum, zwar ein generöser Irrtum, muss man sagen, denn es gibt auch kleine, hässliche Irrtümer (das war dieser nicht), aber ein Irrtum war es trotzdem.

Jetzt bleibt uns nur eines: Wir müssen das Problem sehr ernst nehmen. Und wir müssen von den Migranten schon einiges fordern. Mehr als wir bisher gefordert haben. Zum Beispiel sprachlich. Vor allem was die Kinder angeht, also die Bereitschaft der Eltern, dafür zu sorgen, mit unserer Hilfe, dass ihre Kinder, zusätzlich zu ihrer Muttersprache, deutsch lernen. Was ja zum Glück für Kinder bis ziemlich genau zum Alter von acht Jahren kein Problem ist.

Was von der Gesundheit gesagt wird, gilt auch hier: Sprache ist nicht alles, aber ohne Sprache ist - auf Dauer - alles nichts. Man hat die Probleme viel zu lange vor sich hergeschoben. Zu diesen gehört auch die Gettoisierung, die Ermöglichung von sprachlich kulturellen Parallelgesellschaften. Und: mit sprachlichen Pausenhofregelungen - auch so ein generöser Irrtum - kommt man nicht weiter.

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25.04.2008 | 10:27 Uhr

Jürgen Schiewe: Anerkennung darf nicht allein mit Deutschkenntnissen erkauft werden

Mit bloßem Fordern ist nichts gewonnen – was Not tut, ist Einsicht in den Nutzen von Sprachkenntnissen. Dieser Nutzen liegt nicht nur darin, dass man sich verständlich machen kann und verstanden wird, sondern auch darin, dass man anerkannt wird als Person. Letzteres aber muss den Migranten auch gezeigt werden, selbst dann, wenn sie nur ein gebrochenes Deutsch sprechen.

Das ist der erste und vielleicht auch der wichtigste Schritt zur Integration, die ja stets ein wechselseitiger Prozess ist: "jemand integriert sich" und "jemand wird integriert" – auch sprachlich muss das auf beiden Seiten geschehen.

Deutsch als Pausensprache zu verordnen, würde wohl kaum zu einer solchen gegenseitigen Einsicht führen. Aber warum nicht die Schülerinnen und Schüler darüber abstimmen lassen, ob nicht einmal in der Woche nur Deutsch in der Pause gesprochen werden soll? Die Mehrheitsentscheidung verpflichtet – das könnte ja einen Lerneffekt in verschiedener Hinsicht geben.

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25.04.2008 | 10:26 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Pausensprache gab es bei den Jesuiten schon

Einmal eine andere Frage zur "verpflichtenden Pausensprache": Hat es das schon einmal gegeben? Antwort: ja, und zwar mit ganz erheblichem Nachdruck, sprich: Strafandrohung. Es waren die Jesuiten, die dies in gegenreformatorischen Zeiten an ihren sehr erfolgreichen Gymnasien in Deutschland praktizierten - für Latein.

So schräg der Vergleich sein mag: Sympathie weckt er nicht. Selbst bei Erfolg (der für die Jesuitengymnasien angesichts von Geld oder Karzer gut bezeugt ist) möchte man lieber andere Wege bevorzugen. Da macht es Hoffnung, dass in Berlin der Beschluss nicht von 'oben' kam, sondern aus einem gemeinsamen Gespräch der Beteiligten resultierte. Also das Ergebnis der Jesuiten, nicht aber deren damalige Methode.

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25.04.2008 | 10:23 Uhr

Helmut Glück: Unsäglicher Empörungsrummel um die Berliner Schule

Die Amtssprache in öffentlichen Schulen ist das Deutsche, d. h. dass die Unterrichtssprache das Deutsche ist. In Französischunterricht darf und sollte auch Französisch, im Englischunterricht auch Englisch gesprochen werden. Wenn eine Schule fremdsprachlichen Fachunterricht erteilt, um den Schülern eine andere Sprache im simulierten "Ernstfall" beizubringen, ist das zu begrüßen. Die Herkunftssprachen der Migranten sind selten Schulsprachen, am ehesten noch das Italienische und das Spanische. Für sie gilt dasselbe. Das Türkische ist jedoch keine relevante Schulsprache in Deutschland, und das wird so bleiben. Auf die Gründe dafür werde ich zurückkommen.

In vielen Schulen vieler großer Städte endet das Regime der Amtssprache Deutsch bereits auf dem Schulflur, spätestens im Treppenhaus. Auf dem Schulhof ist sie dann schon außer Reichweite. Es führt dazu, daß die Kinder sich nach Sprachen gruppieren – das Deutschsprechen hätte verbindende Wirkung. Ein anderes Problem entsteht, wenn die Pausenaufsicht nicht mitbekommt, was gesprochen wird. Das sollte sie aber, weil es – unter anderem - ihre Aufgabe ist, Konflikte schon beim Entstehen zu beobachten und zu schlichten, bevor eine Prügelei ausbricht. Wenn sie nicht versteht, worüber gesprochen wird, kann sie das nicht. Es kann also eine "friedenssichernde Maßnahme" sein, Deutsch als Pausen- und Treppenhaussprache zur Regel zu machen.

Limbach referiert den unsäglichen Empörungsrummel um die Berliner Schule, in der Lehrer, Eltern und Schüler sich darauf geeinigt hatten, miteinander deutsch zu sprechen, auch außerhalb des Klassenzimmers (S. 58). Die habituell Entrüsteten witterten Diskriminierung und Deutschtümelei, bevor sie sich informiert hatten. Sie ruderten teilweise zurück, als sich herausstellte, daß diese Vereinbarung freiwillig und einvernehmlich getroffen worden war. Es läßt sich leicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn die Schule eine solche Regelung anordnet und Teile der Eltern- oder Schülerschaft sich ihr widersetzt hätten.

Eine solche Regelung ist absolut sinnvoll und im Interesse jedes Schülers, dessen Muttersprache nicht das Deutsche ist: er muß das Deutsche nicht nur im Klassenzimmer, sondern so oft wie möglich üben, üben und wieder üben. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Schulhof, Turnhalle und Wandertag als Orte sprachlichen Trainings auszunehmen.
Limbach hat recht: gerade in den Schulen sind die Ergebnisse einer teilweise gescheiterten Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte am krassesten sichtbar. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte ist nämlich teilweise durchaus geglückt. Die unspektakulären Erfolge der Bemühungen Hunderttausender Lehrer, Eltern und Nachbarn um Kinder aus Migrantenfamilien, die die Schule abgeschlossen, eine Lehre durchlaufen und einen bürgerlichen Beruf ergriffen haben, kommen bei ihr nicht vor. Die meisten von ihnen dürften auf dem Pausenhof deutsch gesprochen haben.

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25.04.2008 | 08:02 Uhr

Christel Kottmann-Mentz: Die falsche Einstellung

Niemand bestreitet, dass die MigrantInnen Deutsch sprechen sollten. Doch erst in jüngster Zeit werden Sprach- und Integrationskurse angeboten. In Schweden erhalten EinwanderInnen seit Jahren kostenlos über 900 Stunden Kurse in Schwedisch und Landeskunde. Die mangelnde Bereitschaft bei uns ist eine Folge davon, dass die herrschenden Parteien bis heute nicht akzeptieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Hier sei nur auf den Begriff "Zuwanderer" verwiesen, der die klare Aussage "Einwanderer" verschleiert.

Auch die Wohnungspolitik hat in den vergangenen dreißig Jahren dazu geführt, dass sich beispielsweise türkisch- und arabischstämmige EinwanderInnen schwerpunktmäßig in den Stadtteilen der Städte ansiedeln, in denen der Wohnraum billig ist. Dort leben häufig nur noch wenige Deutsche, so dass ein sprachlicher Austausch kaum möglich ist. Die aufstrebende türkischstämmige Mittelschicht, die in Deutschland studiert hat, also fließend Deutsch spricht, zieht aus diesen Stadtteilen in "bürgerliche" Viertel. Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse sind also ein Klassenproblem und nicht ein "ethnisches".

Einige Schulen in Berlin haben beschlossen, dass in den Pausen oder weitergehend auf dem Schulgelände nur Deutsch gesprochen werden soll. Hierbei sollen die oben genannten Versäumnisse von der Schule wettgemacht werden. Konflikte unter den SchülerInnen sollen auf diese Weise vermieden werden. Diesem Modell liegt dabei keine integrative, akzeptierende Einstellung zu Grunde.

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25.04.2008 | 17:36 Uhr
Peter Ambros schreibt: Problem der Deutschen

Ja, wie immer, Probleme in Deutschland sind grundsätzlich von Deutschen zu verantworten. Nicht integrierte Ausländer mit mangelnder Sprachkenntnis, auch wenn sie teilweise Jahrzehnte hier zugebracht haben? Kein Problem der Zugewanderten, sondern ein Problem der Deutschen. Laut Frau Kottmann-Wentz.

"Erst in jüngster Zeit" werden Sprachkurse (natürlich kostenlos) angeboten! Angeblich liegt da der Hase im Pfeffer. Frau Kottmann-Wentz übersieht, dass es im ureigensten Interesse eines Einwanderes liegen muss, sich die Landessprache anzueignen. Völlig leichtfüßig, jeden Tag ein Wort. Millionen Auswanderer der letzten Jahrhunderte, vor allem in die Vereinigten Staaten, haben keinerlei kostenlose Hilfe erhalten, um sich zurechtzufinden. Jeder deutsche Urlauber beherrscht nach drei Wochen soweit die Landessprache, dass er Milch und Brot kaufen kann. Nur manche Mitbürger mit Migrationshintergrund verstehen noch nach Jahrzehnten nur Bahnhof.
Und dafür sollen sich Deutsche entschuldigen?


25.04.2008 | 13:12 Uhr
Fritz Ritzinger schreibt: falsche Einstellung ?

Zum ersten Absatz: Es sind immer wieder die gleichen Kreise (sog. Gutmenschen), die Deutschland als Einwanderungsland sehen wollen, was es aus meiner Sicht nicht ist. Die Bezeichnung Zuwanderer ist demnach korrekt. Wenn das die herrschenden Parteien auch so sehen, dann vielleicht deswegen, weil sie die Meinung der Mehrheit des deutschen Wahlvolkes vertreten.

Zum zweiten Absatz: Mit der angeprangerten falschen Wohnungspolitik weisen Sie auf die Versäumnisse des Staates hin. Aufgabe unseres Staates ist es in erster Linie für die sozial schwachen Deutschen wohnungspolitisch zu sorgen. Für entsprechende Leistungen für Zuwanderer bleiben dann leider keine Mittel aus dem ohnehin überstrapazierten Sozialhaushalt mehr übrig.

Hätte die BRD nur temporären Aufenthalt für Deutschland nützliche Berufsgruppen gewährt, hätten wir die Wohnungsproblematik und das Sprachenproblem mit integrationsunwilligen Zuwanderen nicht wie das Beispiel der spanischen, italienischen oder jugoslawischen Gastarbeiter zeigt.



24.04.2008 | 18:20 Uhr

Hartmut Esser: Förderung zwangloser Kontakte

"Verpflichtungen" sind wirklicher Unfug, und die Hypothese, dass die Migranten(kinder) die deutsche Sprache nicht lernen würden, weil sie es nicht wollten, ebenso. Das Problem ist, dass sie es meist nicht können, vor allem, weil sie nicht früh genug mit der entsprechenden Sprachumgebung in Berührung kommen.

Da spielt die Familien- und Wohnsituation der Migranten eine große Rolle, bei einigen Gruppen auch das Einreisealter, und später auch die Situation in den Schulen und Vorschulen mit ihren sozialen und ethnischen Segregationen. Die beste Maßnahme wäre die Einrichtung und Förderung zwangloser Kontakte möglichst früh und unter Einbezug auch der Migranteneltern. Das wird inzwischen auch von der Politik weitgehend so gesehen und man kann nur hoffen, dass die entsprechenden Maßnahmen auch wirklich umgesetzt
werden.

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24.04.2008 | 18:11 Uhr

Jürgen Trabant: Eine immense pädagogische Herausforderung

Die vielen Sprachen auf unseren Schulhöfen sind nicht notwendigerweise das Ende des Deutschen. Auf dem Schulhof haben auch in der Vergangenheit andere Sprachen geherrscht als das Deutsche, nämlich die Dialekte. Die vielen Sprachen auf dem Schulhof sind allerdings eine immense pädagogische Herausforderung, aber im Klassenzimmer. Dazu an anderer Stelle mehr.

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24.04.2008 | 18:05 Uhr

Thomas Paulwitz: Drei Gegenmaßnahmen

Immer mehr Schulen bieten Unterricht auf englisch an. Fächer wie Mathematik, Geschichte oder Biologie werden im Rahmen des sogenannten Immersionsunterrichts in englischer Sprache gelehrt. An den Universitäten gibt es immer mehr Studiengänge, die ausschließlich auf englisch unterrichtet werden. Deutsch als Bildungssprache ist bedroht, vom Staat auch noch gefördert. Aus diesem Grunde müßten wir ja eigentlich schon froh sein, wenn Deutsch wenigstens in der Pause verpflichtend gesprochen würde.

Langer Rede kurzer Sinn: Wer seine eigene Sprache zurückbaut, wird von Zuwanderern nicht ernstgenommen. Warum sollen sie eine Sprache erlernen, die von ihren Sprechern offensichtlich geringgeschätzt wird? Der Integrationsdruck ist zu niedrig. Wenn die stellvertretende Vorsitzende des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Viola Taube, zum diesjährigen Welttag des Buches im Brustton der Überzeugung verkündet "Ich weiß nicht, ob man unbedingt in seinem Leben einen Goethe gelesen haben muß" – Grüß Gott, Herr Walser –, dann läßt das an der Zurechnungsfähigkeit der Deutschen berechtigterweise zweifeln. Die Aussage eines Deutschlehrers "Ich glaube nicht, daß die deutsche Sprache etwas so Bedeutendes darstellt, daß man sie unbedingt erhalten müßte" ist leider symptomatisch. "Je gestörter das Verhältnis zur eigenen Sprache ist, desto schutzloser ist sie", meint Reiner Kunze dazu.

Unter anderem sind folgende Maßnahmen notwendig, um die Stellung der deutschen Sprache an den Schulen wieder zu verbessern: Erstens: Der Irrweg Immersionsunterricht ist zu beenden. Es kann nicht sein, daß junge Deutsche auf einen englischen Sonderwortschatz zurückgreifen müssen, wenn sie sich über deutsche Geschichte oder naturwissenschaftliche Fragen unterhalten wollen. Deutsch muß an Schulen und Hochschulen die Lehrsprache sein.

Zweitens: Das wenig sinnvolle Frühenglisch in der Grundschule ist zu streichen. Wissenschaftliche Untersuchungen in der Schweiz haben gezeigt, daß Kinder eine Fremdsprache effizienter lernen, wenn sie damit erst nach der Grundschule beginnen. Sie überholen dann sogar nachgewiesenermaßen bald die Kinder, die bereits Frühenglisch hatten. Grundschulenglisch ist also verlorene Zeit, eine Mode, die auf Kosten des Unterrichts in deutscher Sprache geht.

Drittens: Die Zahl der Deutschstunden ist zu erhöhen. Während in den meisten Ländern der Welt die Landessprache als Unterrichtsfach etwa ein Viertel des gesamten Schulunterrichts umfaßt, sind es in Deutschland lediglich 16 Prozent. Die Sprache öffnet jedoch das Tor zur Bildung.

Außerdem müssen wir für unsere Sprache wieder mehr Begeisterung zeigen. Natürlich kann man sich auch als kultureller Krüppel irgendwie durchschlagen, insofern muß man in seinem Leben Goethe tatsächlich nicht gelesen haben. Doch wer Schülern mutwillig die Schätze der deutschen Sprache vorenthalten will, braucht sich nicht zu wundern, wenn Schüler den Götz von Berlichingen zitieren, sobald sie aufgefordert werden, Deutsch zu sprechen.

[i]Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.[/i]

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24.04.2008 | 18:03 Uhr

Stefan Luft: Politische Versäumnisse

Die negativen Effekte von wohnlicher und vor allem schulischer Segregation werden unterschätzt. Ein hoher Migrantenanteil an deutschen Schulen geht in der Regel mit einem niedrigen sozialen Status der Familien einher, aus denen die Schüler stammen. In Schulen mit mehr als 50 Prozent Zuwandereranteil dominieren jene Jugendlichen, die zuhause kein Deutsch sprechen.

Grundsätzlich gilt: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem ethnischen Kontext im Aufnahmeland und dem Zweitsprachenerwerb. Je ausgeprägter die innerethnischen Kontakte im Alltag sind (Medienkontakte in der Herkunftssprache, die Muttersprache als Umgangssprache in der Familie, im Freundeskreis etwa) desto größer ist der Nutzen der Herkunftssprache und desto geringer ausgeprägt ist die Motivation, eine zweite Sprache zu lernen.

Es fehlen Gelegenheitsstrukturen zum Erlernen des Deutschen – die Kinder brauchen die deutsche Sprache in ihrem Umfeld nicht. Deshalb bietet auch der Besuch vorschulischer Einrichtungen keine Gewähr für den Spracherwerb. Die Kinder bleiben häufig unter sich und kommunizieren mit gleichsprachigen Kindern oder mit Kindern aus sozial schwachen deutschen Familien, die ebenfalls erhebliche sprachliche Defizite aufweisen.

Kann es daher zielführend sein, die Integrationsleistung vorwiegend den sozial Schwachen in der Gesellschaft abzuverlangen? Es ist eine der spannendsten Aufgaben kommunaler Politik, die Floskel "Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe" in die Praxis umzusetzen.

Politisches Versäumnis war, nicht schon eher (als 2007) von nachziehenden Ehegatten Sprachkenntnisse bereits im Herkunftsland zu fordern. Das hat die sprachlichen Probleme über Generationen fortgeschrieben.

Eine generelle Verpflichtung, auf Pausenhöfen ausschließlich Deutsch zu sprechen ist weder durchsetzbar noch notwendig. Allerdings sollten Eltern (wie in der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin) unterstützt werden, die darum wissen, dass ihre Kinder die deutsche Sprache nur dann erfolgreich erlernen werden, wenn sie dies in einem deutschsprachigen Umfeld tun.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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