Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir klären, was Wissenschaft und Wissenschaftssprache eigentlich bedeuten. Oft entstehen durch falsche Wörter falsche Impulse. Ich weigere mich jedenfalls, an einen Totenschein auch nur zu denken!
Schon die übliche Klassifikation, Naturwissenschaft versus Geisteswissenschaft, schafft ein Vorurteil und klammert die sprachlich und inhaltlich verbreitetste Form, die angewandte Wissenschaft aus. Wissenschaft hat einen forschenden, lehrenden sowie einen Kommunikationsaspekt.
Wie jede kollektive Tätigkeit ist Wissenschaft an Sprache gebunden. Wissenschaftssprache ist nicht Gesamtheit der Fachsprachen, sondern Muttersprache, in der man (besonders gut) Wissenschaft betreiben kann.
So entstehen Sätze wie "Englisch ist internationale Wissenschaftssprache", obwohl es weder richtiges Englisch ist, noch - m. E. - eine internationale Wissenschaftssprache überhaupt existiert, es gibt einfach nur eine bequeme Verständigungssprache - Global-Englisch.
Die Muttersprache des Menschen ist konkurrenzlos ausdrucks- und kommunikationsmächtig. An jedes Wort ist ein reicher individueller und gesellschaftlicher Kontext gebunden, was eine Fremdsprache nie erreicht.
Der individuelle Erkenntnisprozess ist nichtsprachlich, jedoch ist die wichtige Metaphernbildung, das gemeinsame Denken, Verstehen komplexer Sachverhalte im Forscherkollektiv ohne Verwendung der Muttersprache wesentlich geschwächt. In multinationalen Projekten bleibt natürlich nichts anderes übrig.
Da die deutsche Sprache aufgrund unserer Vergangenheit als Volk der Dichter und Denker, Ingenieure und Erfinder eine große Differenzierungs- und Ausdrucksfähigkeit, Ästhetik und Systematik besitzt, ist sie als Wissenschaftssprache besonders gut geeignet.
Deutschland wurde denn auch während der wissenschaftlich-technischen Revolutionen zur weltweit führenden Wissenschaftsnation.
Erst der verlorene Krieg wendete das Blatt. Mit dem produktiven Marktprinzip, das damals in der amerikanischen Wissenschaft herrschte, erreichte diese bis Mitte der 80er auf vielen Gebieten einen Vorsprung, den viele deutsche Forscher bis heute geradezu anbeten. Es gereicht offenbar zur besonderen Ehre, viel in den Vereinigten Staaten zu weilen, möglichst an einer der sog. "Elite"- Universitäten. Man prunkt mit seinen amerikanischen Lehraufträgen und -Aufenthalten. Gern wird übersehen, dass die amerikanische Wissenschaft sich immer häufiger mit ausländischen Forschern, darunter vorzüglichen Deutschen speist.
Nun zeigt sich eine immanente Schwäche der dollarzentrierten Marktwirtschaft, die offenbar keine anderen Werte mehr kennt. Wissenschaftsmarketing wird immer wichtiger gegenüber fachlicher Leistung. Nur so ist zu erklären, dass Produktivität und Kreativität eines Forschers heute vorwiegend nach Marktgeschrei bewertet wird. Das Credo vieler Forscher heißt heute "auf Englisch veröffentlichen, ganz gleich, was", damit ich möglichst in einer amerikanischen Zitatenbank gefunden werde. Man nennt dies den "impact factor". Wer heute nicht auf Englisch veröffentliche, werde "nicht wahrgenommen". Ja geht es denn wirklich nur darum?
Festzuhalten ist, dass sich diese Übung auf Bereiche konzentriert, die gerne als "internationale Wissenschaft" bezeichnet werden - medial plakative Gebiete wie Gentechnik, Weltraum, Kernfusion. Hier hat sich die "Weltwissenschaft", dabei viele Deutsche, fest um die Vereinigten Staaten geschart und heischt nach Anerkennung. Die Ergebnisse der "Weltwissenschaft", weniger deren Kosten, fallen in erster Nacht den Vereinigten Staaten zu.
Ein deutscher Wissenschaftler in diesem System arbeitet nun weniger dafür, seiner Nation, die ihn bezahlt, Erkenntnisse zu vermitteln und ihre Lebensqualität zu mehren, sie gar durch Verfeinerung ihrer Muttersprache klüger zu machen, sondern vorrangig, sich selbst Marktvorteile zu verschaffen (wer reist nicht gern kostenlos um die Welt, insbesondere in die Vereinigten Staaten) und dabei effektiv den englischsprachigen Raum zu beglücken.
Oft hört man schon die verlogene, zynische Begründung für Englisch als Wissenschaftssprache "das Volk verstünde das ja sowieso nicht, auch nicht in der eigenen Sprache". Ja wer ist denn das Volk? Sind es nicht auch die Spezialisten der Wirtschaft und der Nachbarwissenschaften? Sind es nicht auch die Gebildeten?
Große Teile der angewandten und technischen Wissenschaften vermitteln unserer mittelständischen Wirtschaft nach wie vor wertvolle Ergebnisse in der Muttersprache, womit jene sofort etwas anfangen kann. Man wundert sich oft, welch tolle Dinge hier entstanden sind - für populäre Wissenschaftssendungen etwa des DLF gibt es fast ausschließlich amerikanische Forschung. Da immer mehr Leute glauben, wahre Wissenschaft fände nur auf Englisch statt, begeben sie sich eigenen tiefen Verständnisniveaus, zweitens verkümmert die Mitteilung der Ergebnisse an erwartungsvolle Adressaten. Wer schon mal auf einer stammelenglischen Fachtagung von Deutschen für Deutsche war, weiß, wovon ich rede. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten auf vielen Gebieten eine absolute Weltführung neu erkämpft - z. B. in der Informatik eingebetteter Systeme - nun sind wir dabei, uns diese zu verscherzen, indem wir eines der wichtigsten Werkzeuge dafür über Bord werfen - die außerordentliche wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Muttersprache.
Ich meine also, das das Anbeten dieser "internationalen Wissenschaft"
mit ihrer "Wissenschaftssprache Englisch" zu unserem Schaden und letztlich dem des Wissenschaftlers selbst gereicht. Wie Konsum macht auch Wissenschaftstouristik nicht glücklich. Das Glück des wahren Forschers ist die Erkenntnis - nur das des Mittelmäßigen das gegenseitige Schulterklopfen.
Noch ist es nicht zu spät. In dieser Zeit wilder Komplexität ist alles im Fluss, die Zukunft wird heute entschieden. Deshalb appelliere ich an alle gebildeten Leser, die Muttersprache in allen Wissenschaften zu unterstützen. Eine kleine, sinnvolle Maßnahme wäre, dem erfrischenden ADAWIS beizutreten, durch den unsere Wissenschaftssprache jüngst eine Interessenvertretung bekommen hat.