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Forum:

Ist Deutsch als Wissenschaftssprache tot?

In dem jüngsten vorabgedruckten Kapitel schreibt Jutta Limbach, dass es mit dem Deutschen als Sprache der Wissenschaft seit dem Ende des Ersten Weltkrieg kontinuierlich bergab geht, der Traum von der Weltsprache sei längst ausgeträumt. Ist Deutsch als Wissenschaftssprache so tot wie oft behauptet wird? Wenn ja - was würde auf dem Totenschein stehen? Gibt es aussichtsreiche Wiederbelebungsversuche?

zum Textauszug

Beiträge

20.05.2008 | 21:29 Uhr

Peter Flor (Emeritierter Professor der Mathematik): Kein ausschließlich deutsches Problem

Noch um 1960 wurden mathematische Publikationen hohen wissenschaftlichen Ranges in deutscher Sprache von Fachleuten auf der ganzen Welt gelesen, ebenso Arbeiten etwa auf Französisch oder Italienisch; um auf dem laufenden zu bleiben, musste man damals die Fachliteratur in mehreren Sprachen verfolgen.

Heute wird die neueste mathematische Forschung aus der ganzen Welt auf Englisch publiziert, ob im Druck oder im Internet; die Politik hat darauf keinerlei Einfluss: auch französische und russische Forscher schreiben jetzt englisch! Das schafft eine echte Weltgemeinschaft der Wissenschaftler und ist der Forschung sehr förderlich. Nachteile für die Lehre an Universitäten und Gymnasien sind aber auch offensichtlich; die nichtenglischen Fachsprachen bleiben hinter der Aktualität zurück oder werden von Englischem durchsetzt.

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16.05.2008 | 17:14 Uhr

Gerd Bungartz (Biologe): gebrochenes Englisch ist als Kompromiss bereits akzeptiert

Ich denke man muss einfach akzeptieren, dass es vernuenftig ist, in der englischen Sprache zu publizieren. Es ist doch einfach praktisch, wenn alle Menschen mit verschiedenen Muttersprachen sich auf Englisch verstaendigen koennen und alle alles lesen koennen. Vielmehr koennte man sagen, dass dies wohl bereits passiert ist! Deutsch hat da die Chance durch den 2. Weltkrieg vertan.

An deutschen Universitaeten, allerdings auf Englisch zu lehren ist jedoch weniger erfreulich. Einerseits erleichtert es Studenten sich mit der Fachliteratur vertraut zu machen; andererseits werden alle, die nicht ausgezeichnet englisch reden, und wer kann das schon, von dieser Fachliteratur ausgeschlossen. Hier muss Deutsch Wissenschaftssprache bleiben! Die dt. Bevoelkerung, die ja auch die meiste Forschung, Wissenschaft, finanziert muss sich auch darueber - in deutsch - informieren koennen. Es muss also gewaehrleistet sein, dass die dt. Sprache lebendig bleibt. In dem Sinne ist deutsch Wissenschaftssprache.

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07.05.2008 | 11:05 Uhr

Ferdinand Erbe: Verluste

Die Gedankenwelt eines Wissenschaftlers ist so bunt und vielfältig wie seine Sprache. Deshalb denkt und arbeitet er in seiner Muttersprache. Erst wenn auch in der fremden Sprache gedacht wird, ist der Einzelne in ihr ebenso kreativ. Oftmals ist die Überführung von Ideen aus der Muttersprache ins Englische so verlustbehaftet, wie die Komprimierung eines Bildes von 8.192 x 12.000 Bildpunkten auf 320x180 Bildpunkte. Der Verlust an Details ist groß.

Unternehmen, die ihre kreativen Mitarbeiter nur noch intern in englisch kommunizieren lassen, erhalten nur noch den Teil der Kreativität, der in englisch ausgedrückt werden kann. Das maximale Ergebnis wird immer in der Sprache erreicht, die von Allen oder der Mehrheit an einem Projekt beteiligten verstanden wird. In Deutschland ist dies immer noch Deutsch.

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07.05.2008 | 10:19 Uhr

harburger zwerge: WARUM

Ich empfehle der Dame die Lektüre wichtiger Veröffentlichungen, die in den letzten Jahren zur "Wissenschaftssprache" erschienen sind, z. B. von W. Schneider, R. Albrecht, H.J. Meyer. Warum kommen deren Erkenntnisse nicht vor?

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06.05.2008 | 17:59 Uhr

Günter Weber (Physiker): Schon längst tot und begraben

Wir schreiben das Jahr 1997 als die traditionsreiche "Zeitschrift für Physik" eingestellt wird. Der Nachfolger: "The European Physical Journal". Ein Schritt, der absolut folgerichtig ist, wurde doch schon Jahre zuvor kein Text mehr auf Deutsch publiziert. Mittlerweile ist das Jahr 2008 schon nicht mehr jung und in der FAZ wird wortreich über den Niedergang der "Wissenschaftssprache Deutsch" lamentiert. Sie kommen wenigstens 20 Jahre zu spät, meine Damen und Herren. Hier gibts es nichts mehr zu sehen, der Patient ist längst tot.

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07.05.2008 | 12:05 Uhr
Dirk Grote schreibt: Angewandte Chemie

Diese traditionsreiche und renommierte Zeitschrift gibt es bei uns Chemikern immer noch auch in deutsch. Tot ist der Patient also noch nicht.



06.05.2008 | 16:09 Uhr

Klaus Däßler: Kein Anbeten des Englischen!

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir klären, was Wissenschaft und Wissenschaftssprache eigentlich bedeuten. Oft entstehen durch falsche Wörter falsche Impulse. Ich weigere mich jedenfalls, an einen Totenschein auch nur zu denken!



Schon die übliche Klassifikation, Naturwissenschaft versus Geisteswissenschaft, schafft ein Vorurteil und klammert die sprachlich und inhaltlich verbreitetste Form, die angewandte Wissenschaft aus. Wissenschaft hat einen forschenden, lehrenden sowie einen Kommunikationsaspekt.

Wie jede kollektive Tätigkeit ist Wissenschaft an Sprache gebunden. Wissenschaftssprache ist nicht Gesamtheit der Fachsprachen, sondern Muttersprache, in der man (besonders gut) Wissenschaft betreiben kann.

So entstehen Sätze wie "Englisch ist internationale Wissenschaftssprache", obwohl es weder richtiges Englisch ist, noch - m. E. - eine internationale Wissenschaftssprache überhaupt existiert, es gibt einfach nur eine bequeme Verständigungssprache - Global-Englisch.

Die Muttersprache des Menschen ist konkurrenzlos ausdrucks- und kommunikationsmächtig. An jedes Wort ist ein reicher individueller und gesellschaftlicher Kontext gebunden, was eine Fremdsprache nie erreicht.
Der individuelle Erkenntnisprozess ist nichtsprachlich, jedoch ist die wichtige Metaphernbildung, das gemeinsame Denken, Verstehen komplexer Sachverhalte im Forscherkollektiv ohne Verwendung der Muttersprache wesentlich geschwächt. In multinationalen Projekten bleibt natürlich nichts anderes übrig.

Da die deutsche Sprache aufgrund unserer Vergangenheit als Volk der Dichter und Denker, Ingenieure und Erfinder eine große Differenzierungs- und Ausdrucksfähigkeit, Ästhetik und Systematik besitzt, ist sie als Wissenschaftssprache besonders gut geeignet.
Deutschland wurde denn auch während der wissenschaftlich-technischen Revolutionen zur weltweit führenden Wissenschaftsnation.

Erst der verlorene Krieg wendete das Blatt. Mit dem produktiven Marktprinzip, das damals in der amerikanischen Wissenschaft herrschte, erreichte diese bis Mitte der 80er auf vielen Gebieten einen Vorsprung, den viele deutsche Forscher bis heute geradezu anbeten. Es gereicht offenbar zur besonderen Ehre, viel in den Vereinigten Staaten zu weilen, möglichst an einer der sog. "Elite"- Universitäten. Man prunkt mit seinen amerikanischen Lehraufträgen und -Aufenthalten. Gern wird übersehen, dass die amerikanische Wissenschaft sich immer häufiger mit ausländischen Forschern, darunter vorzüglichen Deutschen speist.

Nun zeigt sich eine immanente Schwäche der dollarzentrierten Marktwirtschaft, die offenbar keine anderen Werte mehr kennt. Wissenschaftsmarketing wird immer wichtiger gegenüber fachlicher Leistung. Nur so ist zu erklären, dass Produktivität und Kreativität eines Forschers heute vorwiegend nach Marktgeschrei bewertet wird. Das Credo vieler Forscher heißt heute "auf Englisch veröffentlichen, ganz gleich, was", damit ich möglichst in einer amerikanischen Zitatenbank gefunden werde. Man nennt dies den "impact factor". Wer heute nicht auf Englisch veröffentliche, werde "nicht wahrgenommen". Ja geht es denn wirklich nur darum?

Festzuhalten ist, dass sich diese Übung auf Bereiche konzentriert, die gerne als "internationale Wissenschaft" bezeichnet werden - medial plakative Gebiete wie Gentechnik, Weltraum, Kernfusion. Hier hat sich die "Weltwissenschaft", dabei viele Deutsche, fest um die Vereinigten Staaten geschart und heischt nach Anerkennung. Die Ergebnisse der "Weltwissenschaft", weniger deren Kosten, fallen in erster Nacht den Vereinigten Staaten zu.

Ein deutscher Wissenschaftler in diesem System arbeitet nun weniger dafür, seiner Nation, die ihn bezahlt, Erkenntnisse zu vermitteln und ihre Lebensqualität zu mehren, sie gar durch Verfeinerung ihrer Muttersprache klüger zu machen, sondern vorrangig, sich selbst Marktvorteile zu verschaffen (wer reist nicht gern kostenlos um die Welt, insbesondere in die Vereinigten Staaten) und dabei effektiv den englischsprachigen Raum zu beglücken.

Oft hört man schon die verlogene, zynische Begründung für Englisch als Wissenschaftssprache "das Volk verstünde das ja sowieso nicht, auch nicht in der eigenen Sprache". Ja wer ist denn das Volk? Sind es nicht auch die Spezialisten der Wirtschaft und der Nachbarwissenschaften? Sind es nicht auch die Gebildeten?

Große Teile der angewandten und technischen Wissenschaften vermitteln unserer mittelständischen Wirtschaft nach wie vor wertvolle Ergebnisse in der Muttersprache, womit jene sofort etwas anfangen kann. Man wundert sich oft, welch tolle Dinge hier entstanden sind - für populäre Wissenschaftssendungen etwa des DLF gibt es fast ausschließlich amerikanische Forschung. Da immer mehr Leute glauben, wahre Wissenschaft fände nur auf Englisch statt, begeben sie sich eigenen tiefen Verständnisniveaus, zweitens verkümmert die Mitteilung der Ergebnisse an erwartungsvolle Adressaten. Wer schon mal auf einer stammelenglischen Fachtagung von Deutschen für Deutsche war, weiß, wovon ich rede. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten auf vielen Gebieten eine absolute Weltführung neu erkämpft - z. B. in der Informatik eingebetteter Systeme - nun sind wir dabei, uns diese zu verscherzen, indem wir eines der wichtigsten Werkzeuge dafür über Bord werfen - die außerordentliche wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Muttersprache.

Ich meine also, das das Anbeten dieser "internationalen Wissenschaft"
mit ihrer "Wissenschaftssprache Englisch" zu unserem Schaden und letztlich dem des Wissenschaftlers selbst gereicht. Wie Konsum macht auch Wissenschaftstouristik nicht glücklich. Das Glück des wahren Forschers ist die Erkenntnis - nur das des Mittelmäßigen das gegenseitige Schulterklopfen.

Noch ist es nicht zu spät. In dieser Zeit wilder Komplexität ist alles im Fluss, die Zukunft wird heute entschieden. Deshalb appelliere ich an alle gebildeten Leser, die Muttersprache in allen Wissenschaften zu unterstützen. Eine kleine, sinnvolle Maßnahme wäre, dem erfrischenden ADAWIS beizutreten, durch den unsere Wissenschaftssprache jüngst eine Interessenvertretung bekommen hat.

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06.05.2008 | 15:34 Uhr

Karl-P. Schlor: Mutlose "deutsche" Wissenschaftler

Natürlich könnte sich die deutsche Wissenschaft durchsetzen, weiterhin in Deutsch zu publizieren, wenn sie es nur wollte! Die Politik (in der EU) müsste es nur vorexerzieren, endlich Deutsch als offizielle 3. Sprache durchsetzen, statistisch steht sie ja an erster Stelle innerhalb der neuen, größeren EU. Dies wäre dann das Signal, endlich sich im Hochschulbereich innerhalb der Rektorenkonferenz u. der Konferenz d. Kultusminister auf übereinstimmende Beschlüsse zu einigen.

Natürlich ist von solchen Außenseitern wie dem von der TU München Widerstand zu erwarten, der jetzt schon im vorauseilenden Gehorsam seine Fakultäten in "departments" "umgeenglischt" hat! Glauben Sie es ruhig, es ist durchsetzbar, es erfordert aber Mut, den umerzogene, sich selbst als "Weltbürger" oder "Europäer" bezeichnende Deutsche nicht haben.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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