Sprachwissenschaftler, die den Einfluss des Englischen auf das Deutsche meist gelassen sehen, dürfen nicht übersehen, dass ein Teil der Bevölkerung den Anglizismen kritisch bis ablehnend gegenübersteht. Warum ist das so?
Seit Jahren werte ich zusammen mit Studierenden Äußerungen – besonders Briefe – von Anglizismengegnern aus, und wir kommen immer wieder zu den gleichen Ergebnissen, die sich so zusammenfassen lassen:
1. Was die Personen – besonders die Schreiberinnen und Schreiber – angeht, so sind wir häufig auf (begründete) Vermutungen angewiesen. Es scheint so zu sein, dass dieses Thema weitaus mehr Männer als Frauen interessiert, und es ist sicher so, dass sich die ältere Generation und die Angehörigen des " Bildungsbürgertums" (Akademiker) viel mehr engagieren, aufregen und beschweren als die übrige Bevölkerung. Anglizismengegner sind aus linguistischer Sicht fast immer "Laien" (das Wort Laie ist selbstverständlich nicht abwertend gemeint, denn abgesehen von unseren kleinen Spezialgebieten sind wir alle Laien). Sie argumentieren oft sehr emotional, ja leidenschaftlich; es ist etwa von "sklavischer Übernahme" oder "widerlicher Seuche" die Rede.
2. Anglizismengegner sind meist keine Nationalisten oder gar Chauvinisten. Sie betonen in der Regel, dass sie nichts gegen das Englische, gegen Engländer oder Amerikaner haben, dass sie nur gegen zu viel Englisch im Deutschen sind. Hier unterscheiden sich die heutigen Puristen von denen vor hundert oder mehr Jahren, die häufig nicht nur gegen den französischen – und teilweise auch schon englischen – Einfluss eingestellt waren, sondern auch gegen die Franzosen und Engländer.
3. Anglizismengegner sind, ohne dass ihnen das selbst wohl immer klar ist, meist nur gegen neuere englische Ausdrücke im Deutschen. Ältere Anglizismen wie Sport, Team oder o.k stören sie nicht, wie sie auch nichts gegen Fremdwörter aus anderen Sprachen haben.
4. Für die ablehnende Einstellung werden hauptsächlich vier Gründe genannt, die im Folgenden kurz gekennzeichnet und kommentiert werden:
a. Anglizismen sind überflüssig; es gibt genügend passende deutsche Wörter bzw. es können und sollen neue deutsche Wörter gebildet werden. Beispiele: Kids und Event im Vergleich zu Kinder und Ereignis.
Kommentar: Überflüssige Wörter gibt es nicht, und zwar aus zwei Gründen: zum einen weil für Sprecher und Schreiber aus ihrer Sicht kein von ihnen benutztes Wort überflüssig ist, zum anderen weil Sprachen so gut wie keine völlig synonymen Wörter enthalten: Kids und Kinder bzw. Event und Ereignis haben selbstverständlich unterschiedliche Bedeutungen. Diese Beispiele zeigen, dass es Anglizismengegnern häufig an sprachlichem Differenzierungsvermögen fehlt.
b. Die Verständigung wird durch Anglizismen erschwert.
Kommentar: Dieses Argument wird fast nie von den angeblich betroffenen Menschen vorgebracht, sondern von solchen, die selbst keine Schwierigkeiten mit dem Englischen haben. Selbstverständlich können neue Wörter Verständnisschwierigkeiten bereiten, aber das gilt für deutsche Wörter genauso wie für Fremdwörter.
c. Anglizismengebrauch ist häufig nichts weiter als Angeberei oder Imponiergehabe.
Kommentar: An dieser Behauptung ist zweifellos etwas Richtiges. Die Verwendung englischer Wörter dient vielen Zeitgenossen als Ausweis einer modernen Lebenseinstellung; man ist in, wenn man Anglizismen verwendet. Vor allem die Werbung, aber auch viele Institutionen, etwa die Medien, verfallen dieser Mode. Warum müssen beispielsweise einige Fernsehsender ihre Nachrichten "News" und Unterhaltungssendungen "Best of…" nennen? Aber auch mit deutschen Wörtern kann man angeben, seine "Modernität" zum Ausdruck bringen. Und Moden sind meist nur sehr kurzlebig.
Es werden mir sicher viele widersprechen, aber nach meiner Meinung ist meist nichts dagegen einzuwenden, wenn man mit englischen Wörtern "kreativ" umgeht, ihnen also im Deutschen Bedeutungen zulegt, die sie im Englischen gar nicht haben: Handy (ich kenne Amerikaner, die das Wort mit der deutschen Bedeutung gerne reimportieren würden), Body (englische Frauen haben einen Body, deutsche tragen einen).
c. Die Deutschen flüchten aus ihrer Sprache, weil sie – vor allem wegen des Nationalsozialismus – Probleme mit ihrer Identität haben.
Kommentar: Diese These wurde noch nie genauer begründet oder gar bewiesen. Ohne hier auf die Identitätsprobleme der Deutschen eingehen zu können, muss darauf hingewiesen werden, dass das Englische auch auf andere Sprachen einwirkt und besonders stark auf das Deutsch in der Schweiz (und die Schweizer sind bekanntlich an den Naziverbrechen unschuldig).
Die Gesellschaft für deutsche Sprache ermittelt zurzeit mit dem Institut für Demoskopie in Allensbach die Einstellung der Deutschen zu ihrer Muttersprache und zu Fremdsprachen. Dabei geht es auch um die Anglizismen. Im Juni werden wir mehr wissen.