Gerhard Schulz: Selbstverleugnung ist keine Lösung
Zur deutschen "Sprachpolitik" eine paar Beobachtungen aus australischer Perspektive: Jeden Morgen überträgt dort "unten" ein multikultureller Fernsehsender halbstündige Nachrichtensendungen in der jeweiligen Landessprache, unter anderem aus Frankreich, Italien, Spanien und eben auch diejenigen der Deutschen Welle in Köln.
Der Inhalt lässt sich knapp zusammenfassen: Die Franzosen, Italiener und Spanier sprechen von sich und der Welt, die Deutschen von der Welt, aber möglichst nicht von sich selbst. Aus Köln also kommen Bilder vom Unwetter in Burma, vom amerikanischen Wahlkampf, von einem Volksfest in Spanien und - zehn Minuten lang als Hauptthema - vom Machtwechsel in Russland.
Es ist das, was im australischen Fernsehen ebenfalls, nur ausführlicher, zu sehen und in den Zeitungen zu lesen ist. Von deutschen Angelegenheiten, wie gesagt, nichts oder allenfalls eine mäßig spannende Politikermeinung, zum Beispiel über die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit, irgendwo eine neue Kommission einzurichten. Dann Börsenkurse, für die allerdings hier bei den Antipoden die Manager von Siemens oder Bosch doch wohl lieber und aktueller ihre Computer konsultieren. Kultur kommt nicht vor. Summa summarum: eine Sendung zum Abschalten. Gröber ausgedrückt hat das einmal ein Deutschstudent in Melbourne: selbst wenn man kein Italienisch verstehe, seien die italienischen Nachrichten immer noch interessanter als diese deutschen, deren Sprache man doch eigentlich gern hören wollte.
Das mag alles überspitzt gesagt sein, denn als Günter Grass den Nobelpreis bekam, hat die Deutsche Welle ihn sogar zum Tagesthema erhoben, eine ganze Viertelstunde lang. Aber Selbstverleugnung ist dennoch eine starke Tendenz deutscher Kulturpolitik über die letzten Jahrzehnte geblieben. Auch das Goethe-Institut hat von Zeit zu Zeit seine Leute nach dem Motto in die Welt geschickt: "Wir wollen den anderen bei der Lösung ihrer Aufgaben helfen, aber nicht uns selbst darstellen." Ein solcher Gedanke hat natürlich seine Ursache darin, dass die Hypertrophie alles Deutschen in jenem zwölfjährigen "Dritten Reich" sie selbst zum Schrecken der Welt gemacht hat und die Rückkehr in die Gemeinschaft der Staaten und Völker eben doch komplizierter ist und länger dauert, als man dachte und hoffte.
Selbstverleugnung aber ist keine Lösung. Für deutsche Kulturpolitik und damit eben auch für deutsche Sprachpolitik wird das ständige Suchen nach der rechten Balance zwischen Selbstbewusstsein und dem Sich-Einfügen in die Staatengemeinschaft nötig sein. Auf dem Verordnungswege oder durch große Gesten allein ist es nicht zu erreichen. Aber vielleicht kann man schon in der Schule Brechts "Kinderhymne", sein Deutschlandlied, lernen lassen, worin es heißt:
Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen,
Von der Oder bis zum Rhein.
In der Sprache aber, wenn sie klar, verständlich und vielleicht sogar schön gehandhabt wird, liegt dann bereits ein gutes Stück dieser maßvollen Identität, die Brecht meint.
Kommentare




Login













