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Forum:

Wie muss die deutsche Sprachpolitik der nächsten Jahre aussehen?

Jedes Land der Europäischen Union sähe es gerne, wenn seine Muttersprache offizielle Europasprache wäre. Jutta Limbach plädiert im neuen Kapitel unseres Vorabdrucks für eine Kompromiss-Lösung - bei der das Deutsche selbstverständlich mit von der Partie sein müsse. Ist das durchsetzbar? Wie soll die deutsche Sprachpolitik der nächsten Jahre aussehen?

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Beiträge

22.05.2008 | 09:38 Uhr

Gerhard Schulz: Selbstverleugnung ist keine Lösung

Zur deutschen "Sprachpolitik" eine paar Beobachtungen aus australischer Perspektive: Jeden Morgen überträgt dort "unten" ein multikultureller Fernsehsender halbstündige Nachrichtensendungen in der jeweiligen Landessprache, unter anderem aus Frankreich, Italien, Spanien und eben auch diejenigen der Deutschen Welle in Köln.

Der Inhalt lässt sich knapp zusammenfassen: Die Franzosen, Italiener und Spanier sprechen von sich und der Welt, die Deutschen von der Welt, aber möglichst nicht von sich selbst. Aus Köln also kommen Bilder vom Unwetter in Burma, vom amerikanischen Wahlkampf, von einem Volksfest in Spanien und - zehn Minuten lang als Hauptthema - vom Machtwechsel in Russland.

Es ist das, was im australischen Fernsehen ebenfalls, nur ausführlicher, zu sehen und in den Zeitungen zu lesen ist. Von deutschen Angelegenheiten, wie gesagt, nichts oder allenfalls eine mäßig spannende Politikermeinung, zum Beispiel über die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit, irgendwo eine neue Kommission einzurichten. Dann Börsenkurse, für die allerdings hier bei den Antipoden die Manager von Siemens oder Bosch doch wohl lieber und aktueller ihre Computer konsultieren. Kultur kommt nicht vor. Summa summarum: eine Sendung zum Abschalten. Gröber ausgedrückt hat das einmal ein Deutschstudent in Melbourne: selbst wenn man kein Italienisch verstehe, seien die italienischen Nachrichten immer noch interessanter als diese deutschen, deren Sprache man doch eigentlich gern hören wollte.

Das mag alles überspitzt gesagt sein, denn als Günter Grass den Nobelpreis bekam, hat die Deutsche Welle ihn sogar zum Tagesthema erhoben, eine ganze Viertelstunde lang. Aber Selbstverleugnung ist dennoch eine starke Tendenz deutscher Kulturpolitik über die letzten Jahrzehnte geblieben. Auch das Goethe-Institut hat von Zeit zu Zeit seine Leute nach dem Motto in die Welt geschickt: "Wir wollen den anderen bei der Lösung ihrer Aufgaben helfen, aber nicht uns selbst darstellen." Ein solcher Gedanke hat natürlich seine Ursache darin, dass die Hypertrophie alles Deutschen in jenem zwölfjährigen "Dritten Reich" sie selbst zum Schrecken der Welt gemacht hat und die Rückkehr in die Gemeinschaft der Staaten und Völker eben doch komplizierter ist und länger dauert, als man dachte und hoffte.

Selbstverleugnung aber ist keine Lösung. Für deutsche Kulturpolitik und damit eben auch für deutsche Sprachpolitik wird das ständige Suchen nach der rechten Balance zwischen Selbstbewusstsein und dem Sich-Einfügen in die Staatengemeinschaft nötig sein. Auf dem Verordnungswege oder durch große Gesten allein ist es nicht zu erreichen. Aber vielleicht kann man schon in der Schule Brechts "Kinderhymne", sein Deutschlandlied, lernen lassen, worin es heißt:

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen,
Von der Oder bis zum Rhein.

In der Sprache aber, wenn sie klar, verständlich und vielleicht sogar schön gehandhabt wird, liegt dann bereits ein gutes Stück dieser maßvollen Identität, die Brecht meint.

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21.05.2008 | 12:14 Uhr

Thomas Paulwitz: Zentrum der deutschen Sprache

Die Sprachpolitik ist ein Politikfeld, das in Deutschland lange Zeit vernachlässigt worden ist. Es fand keine Politikberatung statt. Die politische Wissenschaft gab keine entscheidenden Anstöße, ebenso wenig wie die Sprachwissenschaft, die lange Zeit nicht einmal scharf zwischen Sprachpolitik und Sprachenpolitik unterschied. Dabei ist Sprachpolitik ebenso bedeutend und notwendig wie Umweltpolitik.

Auch bei jener brauchte es eine gewisse Zeit, bis die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft ihre Bedeutung erkannten und verinnerlichten. So verhält es sich gegenwärtig auch mit der Sprachpolitik: Langsam aber sicher dringt ins Bewußtsein, wie sehr wir sie benötigen. Daß seit über zehn Jahren Bürgerinitiativen verstärkt auf den Wert der deutschen Sprache aufmerksam machen, beförderte diese Entwicklung. Die deutsche Sprachpolitik muß sich folgende Ziele stellen:

Sprachinnenpolitik:

1. Es gilt, das Sprachbewußtsein sowohl der Bürger als auch der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Medien zu stärken, zum Gebrauch der deutschen Sprache zu ermuntern und ihn zu belohnen.

2. Eltern und Bildungseinrichtungen, die die Aufgabe bewältigen müssen, den Kindern die Grundlagen der deutschen Sprache beizubringen, sind zu unterstützen. Der Deutschunterricht ist zu stärken.

3. Der Entwicklung, daß die englische Sprache Deutsch als Unterrichtssprache ersetzt (Immersionsunterricht), muß entgegengewirkt werden. Davon abgesehen sind Kenntnisse in wenigstens zwei Fremdsprachen wünschenswert.

4. Deutsch muß als Wissenschaftssprache entsprechend den Forderungen des "Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache" (ADAWIS) gestärkt werden.

5. Das Recht des Verbrauchers auf verständliche Sprache ist zu achten und zu schützen. Man beachte die Forderungen der Initiative "Sprachlicher Verbraucherschutz".

6. Jeder, der in Deutschland dauerhaft lebt, muß die deutsche Sprache beherrschen.

7. Die Sprachen der angestammten Minderheiten in Deutschland (Sorben, Friesen, Dänen) müssen vor dem Aussterben bewahrt werden.

8. Die deutschen Mundarten und die Regionalsprache Niederdeutsch müssen gefördert werden.

9. Die Rechtschreibung muß wieder einheitlich sein. Die reformierte Rechtschreibung, sofern sie benutzt werden muß, ist gemäß den Vorschlägen der "Schweizer Orthographischen Konferenz" (SOK) anzuwenden.

Sprachaußenpolitik:

10. Die Stellung der deutschen Sprache in der Europäischen Union (EU) ist zu verbessern. Deutsch muß neben Englisch und Französisch gleichberechtigte EU-Arbeitssprache werden.

11. Die deutsche Sprache muß neben Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch zur Amtssprache der Vereinten Nationen erhoben werden.

12. Die Goethe-Institute müssen in ihrer Aufgabe, für die deutsche Sprache zu werben, gestärkt werden. Sie sollen sich wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.

13. Die deutschen Minderheiten im Ausland müssen besser darin unterstützt werden, neben der Landessprache auch die deutsche Sprache pflegen zu können.

Sprachpolitische Beratung:

14. Hilfreich wäre eine Einrichtung, die in Fragen der Sprachpolitik als Anlaufstelle dienen kann. Leider besteht keine anerkannte Zentrale für sprachpolitische Beratung, es gibt jedoch Ansätze und Versuche. Der "Deutsche Sprachrat", der sich im wesentlichen darauf beschränkt, belanglose Wörtersuchwettbewerbe zu veranstalten, zeigt, wie man es nicht machen sollte. Auf der anderen Seite bemühen sich die Bürgerinitiativen, stärker zusammenzuarbeiten. Einen guten Ansatz dazu gibt es in Köthen/Anhalt, wo am 18. Januar 2007 die älteste deutsche Sprachgesellschaft als "Neue Fruchtbringende Gesellschaft" wiedergegründet wurde. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kräfte der verschiedenen sprachpflegerischen Initiativen zu bündeln und ein Zentrum der deutschen Sprache aufzubauen. Weiterhin wäre ein politikberatendes Sprachparlament denkbar, in das auch die einzelnen Sprachinitiativen Fachleute als Abgeordnete entsenden können.

Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.

Kommentare

23.05.2008 | 10:03 Uhr
Klaus Däßler schreibt: Zu Herrn Gajos: Die Verteidigung des Spanischen

Sie scheinen uns Deutschen nicht erlauben zu wollen, mit der Muttersprache unsere Nation und unsere hohe Kultur zu schützen, erheben den Nationalismus-Vorwurf. Aus Ihrem Namen schließe ich auf Ihre Herkunft - und will es mal mit Spanien versuchen. Seine Kultur erfahre ich als unverwechselbar. Zu dieser Nation gehören für mich u.a. klangvolle Sprache/Literatur, klassisch wie modern, eine leidenschaftliche Kultur, das romantische Land, urbane Städte, tiefe Religiosität. Das Volk will seine Zukunft selbst bestimmen: Die Politiker sollen spanisch sprechen, damit man ihnen aufs Maul schauen kann. Diese Nation will erhalten bleiben und sich weiterentwickeln. Ist das eine nationalistische Forderung? Oder meinen Sie, Spanien sollte eine vielsprachige Globalmultikultur werden? Globalenglisch beim "Job", "Sex and The City" and "NY CSI" beim Glotzen, "Mall-Shopping" mit "One World Shop", "Starbucks", "Nike-Shoes", "Eddie Bauer", "The Gap", Urlaub in "Disneyworld"? Nation und Muttersprache werden gebraucht. Sie bewahren Kultur und Würde.


22.05.2008 | 08:37 Uhr
Pedros Gajos schreibt: Ganz große Worte

Wenn man die Beiträge liest, und das gilt nicht nur für Ihren, Herr Paulwitz, wird klar, wie voreilig die Überwindung des Nationalismus in Deutschland gefeiert wurde. Ihr komplettes Programm lässt sich auf einen Nenner reduzieren: sprachliche Homogenisierung. Was zunächst wertefrei klingt ist eine typische nationalistische Forderung, welche seit der Französischen Revolution operative Wirkung entfaltet.

So sehr aber eine solche Diskussion in 'Deutschland' des 18. und 19. Jahrhunderts auch rein funktionale Gründe anführen konnte (z.B. die Frage nach einer gemeinsamen Kommunikationsbasis), ist sie heute rein symbolischer Natur. Der intellektuelle Beitrag Deutschlands, welcher Parolen propagiert, wie "wer Deutsch spricht ist Deutscher und wer Deutscher ist spricht Deutsch", disqualifiziert sicherlich nicht die deutsche Sprache, auf jeden Fall aber ihre Sprecher. Das ist wohl die Antwort auf die hier immer wieder diskutierte Frage, wieso das Deutsche keine Wissenschaftssprache mehr sei...


21.05.2008 | 21:00 Uhr
Reinhardt Wassenich schreibt: Wie muss die deutsche Sprachpolitik aussehen

Das ist mal wieder typisch deutsch oder EU-isch. In Bezug auf Uebersetzungen, wie wird das bei den Vereinten Nationen gemacht? Dort sind viel mehr Sprachen vertreten und anscheinend gibt es kein Problem.

Die EU hat genug zu tun - warum soll man ihr Leben mit Sprachpolitik schwerer machen. Vielleicht ist es besser, einfach die UN Methode nachzumachen.


21.05.2008 | 19:24 Uhr
Wilhelm Rggrt schreibt: Sprachauswahl in Europa

Zu Jutta Limbachs Anmerkungen. Wie hat schon Ludwig Thoma gesagt: Er war Jurist und auch sonst ...



21.05.2008 | 08:57 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Nationalsprachen stärken abseits von Brüssel

Ich erinnere an die Frage 9 zur Zurückhaltung in Brüssel. Wer wie ich Englisch als einzige Amtssprache verteidigt hat, kann sich zur deutschen Sprachpolitik der nächsten Jahre in der Substanz nur wiederholen. Allerdings hat Jutta Limbach gerade in diesem Kapitel die Rechnung für die bisherige Mehrsprachigkeit aufgemacht: 800 Konferenzdolmetscher, 2700 freiberufliche ‚Einspringer’ sind nötig, um die Aufgaben zu bewältigen. Warum soll man diese tüchtigen Leute nicht besser einsetzen, um den Brüsseler Politikern Englischunterricht zu erteilen, damit sie vom komplizierten Dolmetschen befreit werden (wo heute schon die nötigen Kabinen fehlen, wie man hört)?

Im Übrigen ist Sprachpolitik in Brüssel nicht identisch mit der Diskussion um die zugelassenen Amtssprachen. Das schon lange erklärte Unionsziel, die kulturelle und sprachliche Vielfalt in der EU zu bewahren, verdient jede Unterstützung und auch intelligente Vorschläge zur Umsetzung. Meines Erachtens erfährt es keinerlei Schmälerung durch die Befürwortung einer einzigen eitlichen Amtssprache. Vor allem kann ich nicht nachvollziehen, wieso die Nationalsprachen zu "Folklore-Nischen" werden sollen, wenn man in Brüssel auf Englisch verhandelt. In der Regel wird kein EU-Bürger irgendeine Form von Auswirkung mitbekommen, es sei denn, der Sprachenstreit eskaliert zur Prestigefrage mit öffentlichem Schlagabtausch.

Denn darauf muss es hinauslaufen, wenn man das Prinzip der Praktikabilität mit dem der ‚Bedeutung’ der einzelnen Sprachen mischt oder auch nur in Verbindung zu bringen sucht. Kein einziges der von Jutta Limbach durchaus sachbezogen vorgetragenen Argumente kann Unterlegene wirklich überzeugen: weder die Anzahl der Sprecher noch die Scharnierfunktion einer Sprache (in mehrsprachigen Ländern). Und irgendwie schaut die Verlegenheit der Argumentation aus den Falten heraus, wenn in einem Nebensatz von Deutschland als größtem Nettozahler die Rede ist. Eben: Sobald man den Pfad der Tugend (sprich: der Praktikabilität) verlässt, landet man bei der peinlichen Wahrheit – der blanken Macht.

Die Niederländer, so hören wir, haben es mit einem Aufstieg zur Amtssprache versucht, sind abgewiesen worden und plädieren nun für Englisch als einzige Amtssprache. Machen wir es anders. Verzichten wir auf Beteiligung, um einen Wettbewerb zu verhindern, der nur Verletzungen produzieren kann. Und stürzen wir uns mit allen anderen Nationen umso beherzter auf die Aufgabe, die Nationalsprachen zu stärken und jeder einzelnen zur Anerkennung zu verhelfen. So gesehen könnte ich sogar die mit mulmigem Gefühl begleitete Formulierung unterschreiben, wonach das Plädoyer für die eigene Muttersprache "Bürgerpflicht" ist.

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21.05.2008 | 19:10 Uhr
Franz Müller schreibt: Das "http" der Nationen

Ich stimme Ihnen zu. Ich glaube, es war 1989, als die Techniker bei CERN das "Hypertext Transfer Protocol" entwickelten, um verschiedene Computernetze untereinander kommunikationsfähig zu machen. Seither gibt es das Internet, das sich ständig weiterentwickelt.

So ähnlich stelle ich mir das bei den Sprachen vor. Es muss ein Code gefunden werden, ein "Transfer Protocol", das verschiedensprachige Völker untereinander kommunikationsfähig macht. Diesen Code gibt es bereits, die englische Sprache.

Ganz besonders über diesen "Transfer Code" kann man es heutzutage erleben, wie nicht kommunikationsfähige Menschen plötzlich in der Lage sind, miteinander zu sprechen. Theoretisch geht das natürlich mit jeder anderen Sprache auch, nur hat das Englische den Vorteil, weltweit bereits fest installiert zu sein.



21.05.2008 | 07:10 Uhr

Paul Kirchhof: Selbstbewusste Sprecher

Die deutsche Sprachpolitik fördert die Fähigkeit ihrer Bürger und Einwohner, beobachten, vergleichen, erkennen, beurteilen und verstehen zu können. Die Bürger sollen in ihrer Kulturtradition, ihrer Rechts- und Wirtschaftsordnung geistig sesshaft werden, sich aber zugleich zu einem weltoffenen Menschen entwickeln. Deswegen sollte jeder Mensch zunächst sicher und verständlich die deutsche Sprache beherrschen und sich in dieser Sprache weiter entwickeln, sodann eine Fremdsprache in der Schule lernen und durch Auslandsaufenthalte vertiefen, darüberhinaus möglichst weitere Sprachen sprechen, um sich in aller Welt selbstbewusst bewegen, anderen Kulturen begegnen und sich in der Eigenständigkeit seiner Muttersprache selbstbewusst behaupten zu können.

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22.05.2008 | 22:54 Uhr
Michael Maier schreibt: Singen wir!

Als Deutschlehrer am Gymnasium mache ich immer wieder dieselbe Beobachtung:
Wenn ein Kind Geburtstag hat, sagen die anderen: "Ach, dürfen wir ihr / ihm ein Geburtstagslied singen?" - "Ja, natürlich, bitte", antworte ich. Doch was muss ich dann hören? "Häppi Börstday tu juuuh..."

Liebe Eltern, bitte bringen Sie Ihren Kindern beizeiten (!) bei, dass es in unserer Sprache viele schöne Lieder gibt, gerade zu so einem wichtigen Anlass wie dem Geburtstag. Nur wenn wir in unserer eigenen Sprache singen, werden wir sie auch als schön und schützenswert empfinden. Alte und neue Lieder sind dabei wichtig. Ich selbst als Lehrer will meinen Beitrag dazu leisten. Singen ist nicht "uncool", singen macht Spaß und fördert die Gemeinschaft - Sprache ohne Gesang wird immer ein Trauerspiel sein. Drum auf und frisch gesungen, liebe Landsleute, bei Familienfeiern, im Biergarten, bei der gemeinsamen Fahrt im Omnibus. "Kein schöner Land in dieser Zeit..." Kennen Sie auch die weiteren Strophen?



21.05.2008 | 07:05 Uhr

Rudolf Hoberg: Acht Punkte

Alle in diesem "Lesesaal" bisher behandelten Themen betrafen – zumindest auch – die Sprachpolitik. Im Folgenden sollen daher lediglich einige zusätzliche Anmerkungen gemacht werden:
1. Zunächst muss man sehen und anerkennen, dass das Nachdenken über Sprache(n) und Sprachprobleme in der deutschen Öffentlichkeit in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, vor allem auch durch die Diskussionen über die Rechtschreibreform.

Die Medien befassen sich verstärkt mit sprachlichen Themen. Es finden immer häufiger Tagungen zu sprachpolitischen Problemen statt; allein die Gesellschaft für deutsche Sprache hat verschiedene Symposien zu Deutsch im vielsprachigen Europa abgehalten. Es hat zahlreiche Anfragen und Resolutionen in deutschen Parlamenten gegeben, wobei es vor allem darum ging, die deutsche Sprache in der Europäischen Union zu stärken, zuletzt (im April 2008) eine vom Land Hessen initiierte "Erklärung der Regionen sowie der Abgeordneten des Europäischen Parlaments für eine stärkere Verwendung der deutschen Sprache innerhalb der Institutionen der Europäischen Union".

2. Um dieses Interesse zu verstehen, muss man sich generell mit Problemen der Globalisierung befassen, mit den mit ihr verbundenen Hoffnungen, Befürchtungen und Ängsten, mit Gegenbewegungen (Stichworte: Heimat, neue Nationalismen, Identität, Leitkultur).

3. In der Welt und besonders auch in Europa herrscht heute weitgehend Einigkeit in zwei Punkten:
- Die Vorrangstellung des Englischen in der internationalen Kommunikation wird anerkannt, was hier nicht weiter begründet werden muss.
- Die Mehrsprachigkeit muss erhalten und gefördert werden. Es kommt darauf an, die Vielfalt der Sprachen mit ihren unterschiedlichen Bedeutungsstrukturen zu erhalten, zu "pflegen". Gerade in der modernen, sich ständig mehr vereinheitlichenden Welt muss das Bewusstsein dafür erhalten und geschärft werden, dass der Untergang oder auch nur das Zurückdrängen einer Sprache immer einen Verlust bedeutet, und zwar nicht nur für die Sprecher dieser Sprache, sondern für die ganze Menschheit.
Diese Grundsätze aufzustellen und zu begründen ist leicht; schwierig wird es, sich über die Konsequenzen für das politische Handeln – kulturpolitisch, bildungspolitisch oder außenpolitisch – zu einigen.

4. Die Deutschsprachigen und besonders das "Bildungsbürgertum" müssen viel mehr für ihre Sprache tun (hierauf bin ich in diesem "Lesesaal" schon näher eingegangen).

5. Besonders die deutsche Wissenschaftssprache muss gefördert werden (auch hierauf bin ich schon eingegangen).

6. Was Deutsch als Fremdsprache angeht, so sollte man drei Ziele im Auge haben, von denen die ersten beiden sich zu widersprechen scheinen:

a. Einerseits muss der Unterricht anwendungsbezogen sein, und dieses Ziel wird schon seit langem fast überall beachtet.

b. Andererseits muss man sich wieder stärker bewusst werden, dass das Erlernen einer Fremdsprache nicht nur dem Austausch von Informationen dient, sondern dass die Kenntnis einer Sprache einen Wert an sich darstellt, dass die Strukturen, die Semantik, die "Weltansicht" (Humboldt) einer anderen Sprache eine neue Sehweise bieten und in eine andere Kultur einführen, ganz abgesehen davon, dass durch das Erlernen einer schwierigen Sprache – und das Deutsche wird als eine solche angesehen – die geistigen Fähigkeiten erweitert werden.

c. Vor allem sollte das lediglich rezeptive Sprachlernen gefördert werden, besonders in Schulen, weil auf diese Weise eine Kommunikation ermöglicht wird, in der jeder in seiner Muttersprache sprechen und schreiben und sich damit in der Regel differenzierter als in einer Fremdsprache ausdrücken kann.

7. Wie auch Jutta Limbach ausgeführt hat, gibt es sehr gute Gründe dafür, in der Europäischen Union neben dem Englischen dem Deutschen und Französischen eine besondere Stellung einzuräumen. Natürlich muss auch über die Rolle anderer "großer" Sprachen – Italienisch, Spanisch, Polnisch, später eventuell Türkisch – nachgedacht werden.

8. Im deutschen Sprachgebiet sollten sich die verschiedenen, meist isoliert arbeitenden Sprachorganisationen mehr zusammenschließen. Um eine gemeinsame Sprachpolitik betreiben zu können, haben sich in Deutschland die Gesellschaft für deutsche Sprache, das Goethe-Institut, das Institut für Deutsche Sprache und der Deutsche Akademische Austauschdienst im Deutschen Sprachrat zusammengeschlossen. Eine stärkere Vernetzung mit Institutionen aus anderen deutschsprachigen Ländern ist geplant.

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21.05.2008 | 10:18 Uhr
Lutz von Peter schreibt: Optimistische Einschätzung des Goethe-Instituts

So positiv ich Ihre optimistische Einschätzung des Goethe-Instituts finde, denke ich doch dass gerade diese Einrichtung eine kräftige Neuorientierung nötig hat. Deutsche Klassiker müssen stärker ins Programm, zusammen mit allem, was für Deustchland Gegenwartsbezug hat. Schluss mit der Vergangenheitsbewältigungsliteratur; damit hat ausser uns niemand was am Hut, nicht mal uns interessoierts mehr. Die Fussball-WM war das erfolgreichste Ereignis des GI Bruessel.



21.05.2008 | 07:05 Uhr

Jürgen Trabant: Fünf Punkte

"Deutsche" Sprachpolitik ist ja zunächst einmal etwas Inexistentes, da die Verfassung Deutschlands die Verantwortung für die Kultur den Ländern überantwortet hat, die diese eifersüchtig als Geisel hüten. Insofern ist deutsche Sprachpolitik im wesentlichen Länder-Sprachpolitik und das heißt vor allem Schul-Sprach-Politik.

Der Gesamtstaat kann höchstens im internationalen Bereich - Brüssel, Goethe-Institute - wirken, und da sollte er die Förderung des Deutschen kräftig und mit Takt betreiben.

Was die innere Kultur-Politik angeht, so sollten die hierfür verantwortlichen Länder in den Schulen endlich Folgendes tun - zum Wohle des gesamten Volkes: 1. Aufbau und Ausbau von Deutschunterricht für Migranten, 2. Intensivierung (und erneute Reform) des Deutschunterrichts für Deutsche (die oft deutsche Dialekte als Muttersprache sprechen).
Sowohl mit den Sprachen der Migranten als auch mit den Dialekten der Deutschen ist dabei pfleglich umzugehen. 3. Aufbau eines alternativen Fremdsprachenunterrichts für andere Sprachen als Englisch (Lernziel: "europäische Adoptivsprache", Befreundung mit den Anderen). 4. Damit für 1 bis 3 Zeit ist, könnte der derzeit völlig übertriebene Englisch-Unterricht reduziert werden, vor allem der den Bestand der nationalen Kultursprache gefährdende sog. Immersionsunterricht (CLIL). 5. Förderung der Wissenschaftssprache Deutsch an den Universitäten und Förderung von Übersetzungen deutscher Werke ins Englische.

Da Sprachpolitik in demokratischen Ländern aber im wesentlichen von der Zivilgesellschaft getragen wird, sollten die deutschsprachigen Menschen dieses Landes zu ihrer alten Sprachliebe zurückkehren und selbstbewusst an der Pflege und Bewahrung ihrer schönen Sprache - auch in ihrer eigenen Sprachproduktion - mitwirken. Das ist die beste deutsche Sprachpolitik.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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