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Diese Sprache adoptiere ich

Wenn wir die europäische Idee ernst nehmen, schreibt Jutta Limbach im jüngsten Kapitel unseres Vorabdrucks, sollten wir verstärkt auch Sprachen abseits der Mutter- und Verkehrssprachen lernen. Charmantes Niederländisch, melodiöses Norwegisch, temperamentvolles Polnisch: Haben Sie bereits eine persönliche Adoptivsprache? Welche wäre etwas für Sie?

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Beiträge

27.05.2008 | 09:35 Uhr

Thomas Paulwitz: Weltfremd und gefährlich

Ist es nicht anmaßend, eine Fremdsprache zu adoptieren? Wer sollte dafür bereit sein, seine Muttersprache zur Adoption freizugeben? Dieses Denken von oben herab, das dem Vorschlag von der "persönlichen Adoptivsprache" innewohnt, den Jutta Limbach verbreitet, ist bezeichnend. Eine Gruppe zehn sogenannter "Intellektueller" tut sich zusammen, um vorgeblich die Sprachenvielfalt zu retten. In Wirklichkeit geht es ihnen darum – Limbach spricht es in ihrem Buch aus – den Europäern "ein neues Menschenbild" zu verordnen. Spätestens jetzt sollten bei jedem freien Menschen die Alarmglocken schrillen. Mit den besten Vorsätzen, die Menschheit zu beglücken, ist schon sehr viel Unheil angerichtet worden.


Einen wesentlichen Kern der Idee von der "Adoptivsprache" verschweigt Limbach aus unerfindlichen Gründen in ihrem Buch. In dem Papier der von der Europäischen Kommission eingesetzten "Intellektuellengruppe für den interkulturellen Dialog" ist zu lesen: "So, wie wir sie sehen, wäre die persönliche Adoptivsprache keineswegs eine zweite Fremdsprache, sondern vielmehr gewissermaßen eine zweite Muttersprache." Eine zweite Muttersprache? Wie soll das gehen? Soll jedem europäischen Kleinkind ein Kindermädchen mit fremder Muttersprache an die Seite gestellt werden, das zugleich zur Sprachlehrerin ausgebildet ist?

Nein, das Papier schlägt statt dessen mit unfreiwilliger Komik vor, "daß derselbe Lehrer Schüler in zahlreichen Einrichtungen online unterrichtet". Hätten Sie gedacht, wie einfach man sich eine Muttersprache aneignen kann? In dem Papier ist es beschrieben: "Es ist übriges nicht erforderlich, daß die persönliche Adoptivsprache immer in der Kindheit gewählt wird." Hingegen antwortete Limbach dem Deutschlandradio auf die Frage, welche Sprache sie als "persönliche Adoptivsprache" wählen würde: "Wenn ich jung wäre, dann würde ich zwischen Mandarin und Arabisch wählen." Also gibt es doch eine Altersgrenze? Sie liegt vermutlich etwa in der Höhe des Alters des jüngsten Mitglieds der "Intellektuellengruppe".

Der Gedanke von der zweiten Muttersprache für alle ist an Weltfremdheit nicht zu überbieten, die Vorschläge zur Umsetzung hanebüchen. Bestenfalls handelt es sich hier um ein zur Schau gestelltes moralisches Wohl- und Überlegenheitsgefühl, schlimmstenfalls um die Geburt einer gefährlichen Ideologie, die mit Hilfe der Europäischen Kommission verordnet werden soll. Darüber hinaus bedeutet der Vorschlag der "Intellektuellen" die Anerkennung von Englisch als alleiniger europäischer Verkehrssprache. Sie fallen damit den Bestrebungen in den Rücken, über die Arbeitssprachenregelung mit Englisch, Französisch und Deutsch die Vorherrschaft einer einzigen Sprache und Kultur zu verhindern. Mit diesem Papier haben die Mitwirkenden das Wort "intellektuell" entwertet. Meine Adoptivsprache? Latein, denn seine Eltern sind tot.

Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.

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26.05.2008 | 18:45 Uhr

Michael Klett: Das Englische als Kultursprache

Es ist das Französische, neben den beiden Servicesprachen Englisch und Italienisch. Aber ich habe noch eine zweite Adoptivsprache, und das ist das Englische als Kultursprache. Wenn man Dickens einigermaßen lesen und sich schriftlich einigermaßen ausdrücken kann, wenn man nicht allzu viel Wörterbuchaufwand braucht, um elisabethanische Lyrik aufzunehmen, dann kann man doch wohl schon von einem adoptivsprachlichen Bemühen sprechen.

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26.05.2008 | 09:31 Uhr

Hans-Martin Gauger: Ich habe etwas für Belgien

Da gibt es also eine "Gruppe von Intellektuellen", einberufen vom Präsidenten der europäischen Kommission und dem Kommissar für Mehrsprachigkeit. Der heißt Leonard Orban, und es ist schön, wie sich dessen Nachname beziehungsreich in der Nähe von ‚urban’ bewegt. Dann "Intellektuelle" - erfreulich, dass dieser Ausdruck bei Jutta Limbach ganz ohne die übliche negative Konnotation erscheint. Diese Intellektuellengrupppe hat einen Vorsitzenden, und der heißt Amin Malouf. Dessen Haupt nun ist der Gedanke entsprungen, den die ganze "Gruppe", zu der Jutta Limbach erfreulicherweise gehört, "begeistert aufgenommen" hat.

Jeder Europäer (somit auch jede Europäerin) soll also in völliger Freiheit eine bestimmte Sprache als seine (oder ihre) persönliche Adoptivsprache wählen - zusätzlich erstens zu seiner (oder ihrer) Muttersprache, denn die kann man nicht adoptieren, weil sie einen selbst immer schon adoptiert hat, zweitens zu der "internationalen Verkehrssprache", also dem wie immer unvollkommenen Englischen, das man sich angeeignet hat, und auch dabei hatte man keine Wahl, auch da wurde man irgendwie zwangsadoptiert. Man soll also, nachdem man sprachlich schon doppelt Objekt einer Adoption wurde, nun selbst und ganz frei, also auch aus egozentrisch unvernünftigen Gründen, eine sprachliche Adoption vollziehen.

Es ist ein schöner und ein guter Gedanke (nicht alle schönen Gedanken sind auch gut). Und es ist ein europäischer Gedanke. Er beruht auf der Erkenntnis, vielmehr er ergibt sich wie von selbst aus ihr, dass der eigentliche Reichtum Europas die kulturelle Vielfalt ist und dass zu dieser auch und ganz besonders die seiner Sprachen gehört. Zu diesem Reichtum gehören auch die Dialekte, die von diesen Sprachen jeweils "überdacht" werden - ein Dialekt ist ein ‚Idiom’ (‚Idiom’ passt immer), das einer Sprache zugeordnet ist, die dann als solche mehrere oder viele Dialekte "überdacht". Ein Dialekt ist als regionale Variante von ihr einer Sprache zugeordnet.

Eine Sprache lebt nun gleichsam doppelt: erstens natürlich (und natürlich vor allem) durch diejenigen, die sie als Muttersprache erworben haben; zweitens aber auch - indirekt - durch diejenigen, die sie irgendwann als Zweit- oder Dritt- oder Viertsprache undsoweiter erworben haben, durch eigentliches Lernen. Denn die Muttersprache lernt man ohne zu merken, dass man etwas lernt. Das Kind möchte ja, von natürlicher Neugier getrieben, seine Welt erobern und erlernt dabei, ohne es eigentlich zu merken und ohne Mühe, eine Sprache eben so mit - seine Sprache. Also wäre eine solche Adoptivssprache ein wirksamer Beitrag zur sprachlichen Vielfalt. Limbach: "Jede Sprache - und sei die sie sprechende Sprachgemeinschaft noch so klein - ist Trägerin eines Gedächtnisses, eines kulturellen Erbes und einer besonderen Ausdrucksfähigkeit. Darum ist keine verzichtbar. Jede sollte mit Hilfe bilateraler Bande bewahrt werden". Völlig richtig. Auch gerade in der hier sehr wichtigen Vorsicht, mit der dies gesagt ist: Limbach redet nicht von der spezifischen "Weltanschauung", die in einer Sprache enthalten sei (Humboldt sagt "Weltansicht", meint aber damit wohl dasselbe), sondern nur von "Gedächtnis", "kulturellem Erbe" und "besonderer Ausdrucksfähigkeit". Das ist auf jeden Fall richtig.

Ob Humboldt Recht hat - jede Sprache ist eine besondere "Weltansicht" -, lasse ich mal offen. Ich hätte gerne, dass mir irgendwann einmal konkret gezeigt würde, dass ein Franzose die Welt anders sieht als ein Deutscher oder ein alemannischer Schweizer oder ein Östreicher nur weil er nicht deutsch, sondern französisch redet. Aber das ist nun nicht die Frage.

Gefragt ist aber nach meiner Adoptivsprache? Ich bin Sprachwissenschaftler. Wenn man den Leuten dies sagt, fragen sie gern: "Ah, Sprachwissenschaftler! Wieviele Sprache sprechen sie denn?" Das ist nun ein Missverständnis. Man muss, um Sprachwissenschaftler zu sein, nicht viele Sprachen sprechen. Eine kann schon reichen (und reicht bei vielen). Aber gut, ich spreche ein paar Sprachen, mehr oder weniger gut. Ich habe also bereits, zusätzlich zum Schwäbischen und Deutschen und Englischen, schon einige - und sogar professionell als Romanist - ‚adoptiert’. Gern würde ich freilich viel besser niederländisch können als ich es tatsächlich kann. Begründen kann ich diese Liebe aber kaum. Sie hat übrigens mehr mit Belgien, genauer mit Brügge und Gent und Antwerpen, zu tun als mit Holland. Aber ich habe nichts gegen Holland. Ich habe nur was für Belgien.

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26.05.2008 | 09:28 Uhr

Helmut Glück: Wird das Russische eine "Weltsprache"?

Meine persönliche Adoptivsprache wäre, wenn "tote" Sprache zugelassen wären: das (Alt-) Griechische, wenn nicht: das Russische. Mit dem Griechischen begann Europa zivilisiert zu werden. Auf Griechisch wurden die ersten Verfassungen, die ersten Werke der Dichtkunst und der Wissenschaften, die ersten philosophischen Abhandlungen unseres Kontinents verfaßt. Wenn man zu den geistigen und politischen Wurzeln unserer Kultur zurückwill, braucht man diese Sprache.

Russisch habe ich zünftig studiert. Ich liebe diese klangvolle, biegsame und ausdruckstarke Sprache, auch wegen ihres Reichtums an grammatischen Formen (man möge mir als Linguisten diese erotische Aberration verzeihen). Natürlich liegt diese Zuneigung auch an der großen Literatur, die auf Russisch verfasst worden ist und mitunter immer noch verfasst wird. Ein rationaleres Argument mag darin liegen: Das Russische ist diejenige Sprache, die Europa mit Asien verbindet. Darin liegt ihre Chance, auch in Zukunft eine "Weltsprache" Sprache zu sein.

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25.05.2008 | 18:19 Uhr

Franz Müller: Fehlender Realismus

Eine Fremdsprache zu erlernen bedeutet Einsatz und Hingabe. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich lerne systematisch Vokabeln und Phrasen der englischen Sprache. Mein System ist altbacken und doch wieder einzigartig. Mein Wortschatz umfasst etliche tausend Worteinheiten in beiden Sprachen, Deutsch und Englisch.

Diesen Schatz zu erhalten und zu pflegen, dazu bedarf es täglichen Einsatzes. Einmal gelernt und dann für immer gekonnt? - nein, so funktioniert das nicht! Eher so: Einmal gelernt und dann schnell wieder vergessen, wenn nicht regelmäßig etwas gegen das Vergessen getan wird. Das wussten schon die alten Lateiner: "Repetitio est mater studiorum". Ich weiß um die Mühe bei einer einzigen Fremdsprache, und ich sage Ihnen, eine zweite Fremdsprache in gleichem Umfange zu erlernen, ist neben Vollzeitarbeit, Familie, Haushalt, Clubverpflichtungen etc. definitiv unmöglich, es sei denn, ich reduzierte meinen Englischwortschatz ganz drastisch. Das aber werde ich gewiss nicht tun!

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24.05.2008 | 18:52 Uhr

Sascha-André Liehr: Frauen, Männer, Liebe, Gott

Während meines halbjährigen Studiums in Spanien ist mir ein dort weitläufig bekanntes Sprichwort immer wieder über den Weg gelaufen. "Deutsch ist die Sprache der Männer, Italienisch die Sprache der Frauen, Französisch die Sprache der Liebe, und Spanisch die Sprache für Gott (Gottesanbetung)".

Diese Weisheit charakterisiert auf simple Art das Wesen der genannten Sprachen. Eine Vielzahl von u.a. abschätzigen Abwandlungen existieren ebenfalls.

Als global interressierter Geist ist meine Adoptivsprache Englisch. Mit meiner Muttersprache Deutsch liege ich dabei - kulturell wie auch sprachverwandtschaftlich gesehen - sehr günstig.

Hätte ich eine Sprache des Herzens zu wählen, würde meine Neigung zum Italienischen tendieren, die Sprache der Frauen eben.

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25.05.2008 | 14:56 Uhr
Fionn Huber schreibt: Glück

Die Wurzeln der Kulturen Europas liegen in der Antike, die Wurzeln vieler europäischer Sprachen (z.B. Sp, F, I ) auch. Zum Glück musste ich als Kind in Edimbourg Latein und Altgriechisch in der Schule lernen, da mein Vater (Deutschschweizer) darauf bestanden hat.



24.05.2008 | 18:10 Uhr

Hartmut Esser: Das Problem verordneter "Adoptivsprachen"

Das Problem bei solchen netten Ideen mit "Adoptivsprachen" oder anderen (versteckten) normativen Forderungen ist doch: Man kann nichts "verordnen", was sich "situationslogisch" und nach seinen eigenen Gesetzen entwickelt. Dazu gehören gewiss auch die Sprachen, die ihre Anhänger vor allem dadurch gewinnen, dass sie den Menschen mehr oder weniger funktional erscheinen und die dann (oft über die Generationen) bestimmte Sprachen übernehmen, ändern oder ablegen, oft genug in ganzen Kaskaden von so unter Umständen von niemandem gewollten Ansteckungs- und Verfallprozessen. Es ist eben ein Vorgang der "Evolution", den man kaum von außen steuern kann oder wenn, dann nur mit großem Aufwand.

Und politische "Ideen", die nicht sowieso übergreifend und stark sind, oder andere punktuelle normative Vorstellungen ohne erlebten Rückhalt in den "Interessen" der Menschen sind meist ohnehin viel zu schwach, um gerade solche Entwicklungen aufzuhalten oder zu befördern. Das freut natürlich die Politiker nicht besonders, die an die Gestaltbarkeit glauben müssen, ebenso wenig wie Juristen, Pädagogen oder auch nicht-empirische Sprach- und Literaturwissenschaftler. Aber das gilt nicht nur für die Sprache, sondern für die allermeisten gesellschaftlichen Entwicklungen. Aber das alles wäre natürlich auch kein Grund es mit den "Adoptivsprachen" zu lassen. Nur helfen wird es nicht viel, möchte man meinen, und als kleine Geste des guten Willens tut es sicher seinen Dienst (ähnlich wie ein Rockkonzert mit Madonna im Kampf gegen den Klimawandel, zum Beispiel).

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24.05.2008 | 17:23 Uhr

Andreas Schulz: Französisch des Ostens

Für mich ist das Polnische zu meiner langue fraternelle geworden. Ich hatte, bevor ich begonnen habe, diese Sprache zu lernen, weder zu Polen noch zum Sprachenlernen einen besonderen Bezug. Als Student brachte mich dann der Zufall mehrere Male ins polnische Dörfchen Kreisau.

Der Wunsch, dort geschlossene Bekanntschaften weiter zu pflegen, das Interesse, diese "neue Welt" weiter kennen zu lernen und nicht zuletzt die Schönheit der Sprache waren Anlass für mich, unabhängig vom Studium mit dem Lernen des Polnischen zu beginnen. Ich würde nicht behaupten, dass ich mit dieser Sprache "verheiratet" bin, ich würde das Erlernen dieser Sprache und die damit zusammenhängenden Erfahrungen jedoch für mich als ein zentrales Bildungserlebnis beschreiben.

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24.05.2008 | 12:00 Uhr

Wolfgang Frühwald: Die Gebetssprache Kaiser Karls V.

Da ich in ein humanistisches Gymnasium gegangen bin, musste ich mir die neueren Fremdsprachen erst später beibringen, und je älter man wird, umso mühsamer ist dies. Wenn ich heute gefragt werde, welche Adoptivsprache ich wählte, würde ich antworten: Spanisch. Denn auf allen Reisen um die Welt wurde mir deutlich, dass von den europäischen Sprachen am ehesten noch Spanisch in der weltweiten Sprachenkonkurrenz wird mithalten können.

Nicht zufällig hat das Spanische – nach der Anekdote – Kaiser Karl V. als seine Gebetssprache, als die Sprache gewählt, die er mit Gott spricht. Die Majestät und Würde dieser Sprache (und ihrer Literatur) wird auch deshalb überdauern, weil es ein elementares Spanisch (vergleichbar dem elementaren Englisch) kaum gibt.

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23.05.2008 | 23:15 Uhr

Klaus Däßler: Meine Adoptivsprache ist Deutsch. Ich liebe und lerne sie.

"Wer wollte die Sprengkraft leugnen, die aus der kulturellen Vielfalt resultiert? Eingedenk der Tatsache, dass sprachliche, kulturelle und ethnische Vielfalt zugleich Quelle von Reichtum, aber auch von Spannungen ist ... ." Ich würde das umformulieren: "Wer wollte die Sprengkraft leugnen, die aus kultureller Einfalt resultiert?"

Aus Vielfalt fließt Weisheit, wenn sie nicht zum Schmelztiegel gezwungen wird. Hat Frau Limbach die Geschichte verstanden? Sprengkraft war immer die Gier der Mächtigen. Sie hetzten Religionen, Nationen aufeinander, redeten ihnen ein, ihre Vielfalt sei Feindschaft. Zu oft sind die Völker darauf hereingefallen. Heute heißt es "Clash of Cultures"; gemeint sind Öl, Rüstungsprofite, Absatzmärkte und Billigarbeitskräfte. Im übrigen empfehle ich Frau Limbach, ein Jahr Deutschunterricht an einer Hauptschule zu halten - zur Konkretisierung des Adoptivsprachgedankens.

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23.05.2008 | 20:26 Uhr

Jürgen Trabant: Ich würde noch gern ein paar Sprachen adoptieren

Meine Adoptivsprache - oder besser: meine langue fraternelle - ist natürlich das Französische, das ich so liebe wie meine langue maternelle. Ich liebe sie einfach, es macht mir körperlich Freude, diese Sprache zu sprechen und zu hören. Warum, das weiß ich nicht. Sie ist mir von der ersten Begegnung mit ihr wie ein lang erwarteter geliebter Mensch entgegengekommen, wir haben uns gefunden, ich bin ihr und sie ist mir treu geblieben, ein ganzes Leben lang.

Und dann würde ich gern noch ein paar Sprachen adoptieren, vor allem zwei: das Ungarische, das sich meinen Annäherungsversuchen verweigert hat, und das Altgriechische, für das ich nie genügend Zeit gefunden habe, um es richtig zu lernen. Vielleicht schenkt mir das Leben noch die Zeit, dieses Fundament Europas zu erkunden.

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23.05.2008 | 17:50 Uhr

Karl-Heinz Göttert: Wenn ich einmal träumen darf: Ladinisch

Ehrlich gesagt, gehöre ich nicht zu den mir nur allzu gut bekannten Talenten, was Fremdsprachen betrifft. Als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums bin ich außerdem stark auf Lesen geeicht und komme mit Spanisch, Italienisch und Französisch leidlich zurecht, wenn ich ein Lexikon benutzen kann. Mir täte es sehr gut, wenn ich eine dieser Sprachen per Adoption so perfektionieren könnte, dass es mit dem Sprechen besser wird.
Aber wenn ich einmal träumen darf, würde ich eine andere Sprache nennen: Ladinisch.

Ich bin häufig in der Schweiz zu Gast und höre immer einmal wieder Ladinisch im Fernsehen. Zwar habe ich noch nie etwas wirklich verstanden, aber es gibt drei Gründe einer insgeheimen Sympathie. Erstens reizt der Status der "sterbenden Sprache", obwohl sie so bedroht nun auch wieder nicht ist (man rechnet mit immerhin noch 30.000 aktiven Sprechern). Zweitens ist es bei mir die Nähe zu derjenigen Sprache, die ich von allen am besten kann: Latein. Wenn ich mir das Vaterunser auf Ladinisch ansehe (Père nost, che te es sun ciel…), möchte ich am liebsten gleich mitreden. Und schließlich kommt die Region hinzu, wo sie gesprochen wird, zum Beispiel im Grödnertal – für mich mit den Dolomiten die schönste Alpenregion überhaupt.

Und wenn ich dann erst einmal das Träumen begonnen habe, stelle ich mir das Gesicht einer alten Bäuerin oder eines alten Bauern vor, den ich auf Ladinisch fragen kann, wo es denn zur Burg Wolkenstein geht oder auch nur nach dem Wetter. Und dann käme ja bestimmt die Frage, woher ich diese Sprache kann. Ich würde dann sagen, dass ich selbst ein paar eigene Kinder hätte und schon immer ein fremdes hinzuadoptieren wollte …

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24.05.2008 | 18:22 Uhr
Heinz-Dieter Dey schreibt: Träume

Wenn es um das Träumen geht, nähme meine Adoptivsprachenliste kein Ende. Die vier Fremdsprachen, die ich gelernt habe, haben alle ihre besonderen Reize. Das gilt sicherlich auch für die übrigen 5.500 - 6.000 Sprachen in der Welt.



23.05.2008 | 16:20 Uhr

Heinz-Dieter Dey: Keine Mehrsprachigkeit per Verordnung, bitte!

Utopien enthalten einen gefährlichen Kern, weil sie zur Ideologie werden können. Den von Jutta Limbach angesprochenen Vorschlägen der EU-Kommission, die Anfang 2008 unter dem Titel "Eine lohnende Herausforderung - Wie die Mehrsprachigkeit zur Konsolidierung Europas beitragen kann" veröffentlicht worden sind, kann man nicht bedenkenlos zustimmen:

Das Erlernen zweier Fremdsprachen zusätzlich zur Muttersprache, davon eine als persönliche Adoptivsprache von Kindesbeinen an, Bildung von Sprecherkontingenten, Schaffung von bilateralen Einrichtungen, einheitliche Gestaltung der Stundenpläne usw. Die EU-Kommission betont, dass ihre sprachlichen "Wünsche" die nationalen Zuständigkeiten nicht antasten würden und spricht von Wahlfreiheit, freiem Ermessen, Ermunterung, Freizeitbeschäftigung usw. Doch sind Zweifel angebracht, wie folgende Sätze erahnen lassen: "… dass unser Ansatz zur Sprachenfrage nicht die erwünschte Wirkung erzielen könnte, wenn er nicht vom entschlossenen (!) Einsatz der europäischen Verantwortlichen begleitet würde; … unser Ansatz versteht sich dennoch als realistisch (!); … dass unsere Reflexion bar jedes Sinnes wäre, würde sie nicht in praktisch anwendbare (!) Vorschläge münden … ; …wäre sicherzustellen (!), dass eine bestimmte Anzahl von Menschen des Partnerlandes in der Sprache eines jeden Landes unterrichtet wird."

Überlassen wir die Mehrsprachigkeit der freien Entscheidung des Einzelnen. Spaß, Zeit, Kraft und berufliche Ziele können und sollten nicht verordnet werden.


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23.05.2008 | 10:42 Uhr

Stephanie Reyntjes: Meine Adoptivsprache heißt Niederländisch


Serge van Duijnhoven: Mijn dochter
(vrij naar W. Kees)

mijn dochter hupt op haar skippy door de tuin
voedert de eendjes en de beesten in het hertenkamp
alsof zij alles in de hand

mijn dochter zegt: papa, maak je geen zorgen
spoken bestaan niet noch heksen niet noch tovenaars
en morgen breekt een nieuwe dag weer aan

mijn dochter wenst me welterusten
in het donker, kust me op mijn wangen
huivert in mijn armen

ik vraag me af wie het kind is dat wordt toegedekt

wiens droom het is die hier begint
ik denk: zal alles in het leven voortaan

omgekeerd zijn gang gaan
wat jong is ouder en wat groter klein?
dertig en al door mijn genen ingehaald

ik stop niet meer, ik breek niet meer
ik heb geen dochter
denk er ook niet aan


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24.05.2008 | 16:27 Uhr
Stephanie Reyntjes schreibt: Übersetzung: Was meine Tochter mir beibrachte

Meine Tochter hopst auf ihrem Hüpfball durch den Garten
füttert die Enten und die Tiere im Park
als ob sie alles in der Hand hätte

Meine Tochter sagt: Papa, mach dir keine Sorgen
Geister gibt es nicht, auch keine Zauberer und Hexen
und auch morgen beginnt wieder ein neuer Tag

Töchterchen wünscht mir gute Nacht
im Dunkeln, küsst mir auf die Wangen
wiegt sich in meinen Armen

Da frag ich mich: Wer ist das Kind, das ich zudecke

wessen Traum ist es, der hier beginnt
Und denke: alles sollte im Leben
Von nun an umgekehrt ablaufen

was jung ist soll älter und was größer kleiner werden?
Erst dreißig und schon haben meine Gene ausgespielt

So bring ich nix mehr zu Ende, ich höre nicht mehr auf
ich habe keine Tochter mehr
da denk ich nicht mal mehr dran

(Private, nicht lizensierte Übersetzung)



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