Thomas Paulwitz: Weltfremd und gefährlich
Ist es nicht anmaßend, eine Fremdsprache zu adoptieren? Wer sollte dafür bereit sein, seine Muttersprache zur Adoption freizugeben? Dieses Denken von oben herab, das dem Vorschlag von der "persönlichen Adoptivsprache" innewohnt, den Jutta Limbach verbreitet, ist bezeichnend. Eine Gruppe zehn sogenannter "Intellektueller" tut sich zusammen, um vorgeblich die Sprachenvielfalt zu retten. In Wirklichkeit geht es ihnen darum – Limbach spricht es in ihrem Buch aus – den Europäern "ein neues Menschenbild" zu verordnen. Spätestens jetzt sollten bei jedem freien Menschen die Alarmglocken schrillen. Mit den besten Vorsätzen, die Menschheit zu beglücken, ist schon sehr viel Unheil angerichtet worden.
Einen wesentlichen Kern der Idee von der "Adoptivsprache" verschweigt Limbach aus unerfindlichen Gründen in ihrem Buch. In dem Papier der von der Europäischen Kommission eingesetzten "Intellektuellengruppe für den interkulturellen Dialog" ist zu lesen: "So, wie wir sie sehen, wäre die persönliche Adoptivsprache keineswegs eine zweite Fremdsprache, sondern vielmehr gewissermaßen eine zweite Muttersprache." Eine zweite Muttersprache? Wie soll das gehen? Soll jedem europäischen Kleinkind ein Kindermädchen mit fremder Muttersprache an die Seite gestellt werden, das zugleich zur Sprachlehrerin ausgebildet ist?
Nein, das Papier schlägt statt dessen mit unfreiwilliger Komik vor, "daß derselbe Lehrer Schüler in zahlreichen Einrichtungen online unterrichtet". Hätten Sie gedacht, wie einfach man sich eine Muttersprache aneignen kann? In dem Papier ist es beschrieben: "Es ist übriges nicht erforderlich, daß die persönliche Adoptivsprache immer in der Kindheit gewählt wird." Hingegen antwortete Limbach dem Deutschlandradio auf die Frage, welche Sprache sie als "persönliche Adoptivsprache" wählen würde: "Wenn ich jung wäre, dann würde ich zwischen Mandarin und Arabisch wählen." Also gibt es doch eine Altersgrenze? Sie liegt vermutlich etwa in der Höhe des Alters des jüngsten Mitglieds der "Intellektuellengruppe".
Der Gedanke von der zweiten Muttersprache für alle ist an Weltfremdheit nicht zu überbieten, die Vorschläge zur Umsetzung hanebüchen. Bestenfalls handelt es sich hier um ein zur Schau gestelltes moralisches Wohl- und Überlegenheitsgefühl, schlimmstenfalls um die Geburt einer gefährlichen Ideologie, die mit Hilfe der Europäischen Kommission verordnet werden soll. Darüber hinaus bedeutet der Vorschlag der "Intellektuellen" die Anerkennung von Englisch als alleiniger europäischer Verkehrssprache. Sie fallen damit den Bestrebungen in den Rücken, über die Arbeitssprachenregelung mit Englisch, Französisch und Deutsch die Vorherrschaft einer einzigen Sprache und Kultur zu verhindern. Mit diesem Papier haben die Mitwirkenden das Wort "intellektuell" entwertet. Meine Adoptivsprache? Latein, denn seine Eltern sind tot.
Auf Wunsch des Verfassers erscheint dieser Beitrag in traditioneller Rechtschreibung.
Kommentare




Login















