
Hans-Martin Gauger: Vorsicht vor sprachlichem Fremdenhass
Das genau ist das Problem der deutschen Entsprechungen. Fast unmöglich, sich zu einigen. Auch deshalb bleibt man so oft doch lieber beim Englischen. Nur eine Position möchte ich radikal und rabiat zurückweisen: "Alles ist besser als ‚Reading Room’". Da kann man nur hoffen, dass dies gedankenlos so vor sich hin gesagt wurde. Bewusst gesagt ist es unmöglich. In jeder Hinsicht unerlaubt. Der pure sprachliche Nationalismus. Sprachlicher Fremdenhass. Deutschtümelei, wie wir sie nie mehr haben wollen - das unpassendste deutsche Wort besser als das passendste englische: genau dies heißt der Satz in letzter Konsequenz – ‚auf deutsch’.
Für meinen Teil habe ich gesagt, dass ich eher - eher - für eine deutsche Bezeichnung bin. Da kann man nun zwei Dinge machen. Man kann ganz unabhängig von "Reading Room" etwas suchen, was semantisch dem entspricht, was als ‚Gemeintes’ vorliegt. Die meisten Vorschläge gehen in diese Richtung. Oder man kann in der Tat "Reading Room" (graphisch ist die ja schon deutsch) übersetzen. Und dies - nicht einfach Ersetzung durch etwas Deutsches - wäre mein Vorschlag. Der deutsche Ausdruck sollte erkennen lassen, wo er herkommt. Er soll eine Verdeutschung sein.
Er muss klarmachen: da kommt etwas von außen an unsere Sprache heran, und dies, genau dies, nehmen wir mit dem Wort auf, das in ihr dem englischen am ehesten entspricht. Daher bin ich für "Lesesaal". Diese Übersetzung ist die normalste. Deshalb steht sie auch im Wörterbuch. In meinem steht "Lesezimmer" und "Lesesaal". Da entscheide ich mich für "Saal", weil "Zimmer" etwas Kleineres, auch etwas Privateres meint.
Kommentare
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Heinz-Dieter Dey schreibt: Keine Deutschtümelei
Ich konnte bei der Diskussion in diesem Forumsstrang keinerlei sprachlichen Nationalismus, sprachlichen Fremdenhass oder Deutschtümelei erkennen. H.-M. Gauger scheint die bisherigen Beiträge nicht sorgfältig gelesen zu haben.
Es bleibt festzustellen, dass der Ausdruck "Reading Room" im Sprachvolk mehrheitlich auf Ablehnung gestoßen ist. Niemand kann die Bemühungen der Sprecher beanstanden, die deutsche Sprache mit eigenen sprachlichen Mitteln weiterzuentwicklen. Fremdwörter müssen aus Verständigungsgründen die Ausnahme bleiben. Deutsch muss auch ohne Englischkenntnisse verstanden werden.
Gregor Keuschnig schreibt: Sprachlicher Nationalismus?
Soll man sich rechtfertigen für die allüberall sichtbare Usurpierung mit mehr oder weniger sinnlosen Anglizismen, die eine Modernität suggerieren sollen? Wenn meine 80jährige Schwiegermutter durch die Innenstadt geht und Schilder mit "SALE" oder "HAIRCUTTER" oder "COFFEESHOP" sieht, dann weiss sie nicht, worum es geht. Warum muss das ausgerechnet für ein Forum wie dieses auch gelten? Ist Ihre Argumentation so schwach, gleich mit "Nationalismus" zu kontern?
Ja, alles ist besser als "Reading-Room". Damit ist gemeint: Alle Vorschläge, die ich hier gelesen habe. Kein Franzose käme auf die Idee, eine solche Plattform mit einem Anglizismus aufzupeppen.
Gerd Bungartz schreibt: Ist es sprachl. Nationalismus in D. deutsch zu reden?
Ich denke Herr Gauger erwaehnt einen interessanten Punkt: Bei der Suche nach deutschen Entsprechungen wird es schwierig, sich auf einen Begriff, eventuell Wortneuschoepfung zu einigen. Das ist doch nur dann richtig, wenn der englische Begriff, der uebrigens auch nicht unbedingt treffender sein muss, bereits in die deutsche Sprache Einzug gefunden hat. Dann ist es natuerlich schwierig, eine Entsprechung zu finden und sich zu einigen - alles Deutsche klingt dann unbeholfen, deutschtuemlich und gezwungen. Warum muss das englische Wort denn erstmal Verwendung finden?
Da liegt das Probelm. Der Vorschlag "Lesesaal"' ist doch prima! Wenn dieses Wort sehr frueh bspw. von der F.A.Z. einfach benutzt worden waere, wuerde sich heute niemenad mehr darueber wundern.
Wer hat sich bspw. das Wort Hubschrauber ueberlegt - eigentlich ein sehr lustiges Wort, aber heute akzeptiert es einfach jeder und niemand denkt an Deutschtuemelei oder sprachl. Fremdenhass.
Davon kann hier m. Erachtens ohnehin keine Rede sein.
Matthias Hunold schreibt: Meinungspolizei
Es scheint, als bezögen sie sich mit Ihrer rabiaten und radikalen Zurückweisung auf den Vorschreiber Keuschnig. Ich halte Ihre Argumentation für unsauber. Zwar ist aus der Kurzformulierung nicht klar erkennbar, auf was sich "[a]lles" bezieht. Allerdings beendet ein Doppelpunkt syntaktisch nicht die Aussage, möglicherweise bezieht sich "alles" auf die drei Vorschläge nach dem Doppelpunkt im Sinne von 'alles das', ggf. nicht exklusiv.
In disem Fall vielleicht auf alle innerhalb dieser Diskussion gemachten Vorschläge. In Ihrer Interpretation auf die Menge aller anderen Möglichkeiten, inklusive (subjektiv!!!) unpassender. Diese Menge wird von Ihnen implizit auf 'alles andere deutschsprachige' reduziert, von dieser Annahme ausgehend schließen sie dann "in jeder Hinsicht unerlaubt" (die Meinung? auch hinsichtlich §5,1GG?). Außerdem identifizieren Sie Nationalismus, aber wo denn? Maximal sprachliche Radikalität, gegeben IHRE obere Annahme. Bitte sachlicher! Viva la liberta, anche in questo forum.
Anton Zwielicht schreibt: Goodbye Reading Room
Wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Internet einen Raum zur Verfügung stellt, in dem über Bücher gesprochen wird, dann soll sie das passend benennen, am besten in der Sprache, in der ihre Artikel geschrieben werden.
Ist die F.A.Z. fremdenfeindlich, weil sie nicht auf Englisch, Türkisch, Chinesisch, Arabisch erscheint? Was Herr Gauger dann vorschlägt, schlage ich auch vor: Lesesaal.