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Pro & Contra:

Erleichtert Zweisprachigkeit die Integration?

In der Frage, ob sich das systematische Erlernen und die Pflege der Muttersprache bei Migranten günstig auf den Erwerb der Zweitsprache, zum Beispiel des Deutschen, auswirkt, gehen die Meinungen unter Wissenschaftlern auseinander. Wir haben Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg und Hartmut Esser von der Universität Mannheim um ihren Standpunkt gebeten.

Pro

Zweisprachigkeit hat nur Vorteile

Ingrid Gogolin

Montag, 05. Mai 2008

Ein Mensch, der sein Leben ganz oder überwiegend in Deutschland verbringt, sollte so gut wie möglich Deutsch können – darüber gibt es vermutlich keinen Dissens. Recht erstaunlich ist es jedoch, dass dies unter der Hand und wie selbstverständlich in den Anspruch umgemünzt wird, nur Deutsch als Verständigungssprache in Deutschland zu benutzen.

Diesen Anspruch lösen viele Menschen in Deutschland nicht ein. Mehr als 7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben hier. Im Durchschnitt des Landes stammt etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen aus einer Migrantenfamilie; in den Städten sind die Anteile weit höher. Untersuchungen ergeben, dass die Sprachloyalität der Migranten – also die enge Verbindung, die sie mit den Sprachen ihrer Herkunft empfinden – sehr hoch ist. Sie gebrauchen diese Sprachen in ihrem hiesigen Alltag (neben dem Deutschen), aber ebenso in der Kommunikation mit Menschen im Land der Herkunft oder solchen, die nach anderswo gewandert sind. Die Sprachen der Herkunft sind die Verkehrssprachen, die die Zugewanderten in ihren grenzenüberschreitenden Sprachgemeinschaften kommunikationsfähig machen. Und zugleich, so zeigen andere Untersuchungen, bedeutet das keine Absage gegenüber der Sprache des Aufnahmelandes: Menschen mit Migrationshintergrund erkennen den Stellenwert dieser Sprachen fraglos an, und sie wünschen sich, dass ihre Kinder sie so gut wie möglich beherrschen. Die Kenntnis des Deutschen und der Erhalt von Bindungen an die Sprache der Herkunft sind also kein Gegensatz, sondern die angemessene sprachliche Ausstattung für ein mobiles Leben.

Kinder aus Migrantenfamilien sollten gewiss so früh wie möglich Deutsch lernen, denn kleine Kinder verfügen über Strategien der Sprachaneignung, die ihnen das Sprachelernen erleichtern. Aber das gilt selbstverständlich auch für den Fall, dass zwei Sprachen im Spiel sind: die enormen frühkindlichen Fähigkeiten zur Sprachentwicklung schließen die Möglichkeit der Aneignung von zwei oder mehr Sprachen ohne weiteres ein. Für Kinder aus Migrantenfamilien besteht also eine ausgezeichnete Chance, bilinguale Kompetenz zu entwickeln – ein Vermögen in einer immer internationaler werdenden Welt. Der Aufbau von Zweisprachigkeit geht erwiesenermaßen nicht auf Kosten der zweitsprachlichen Fähigkeiten, also der Deutschkenntnisse. Und Menschen, die sich in ihren beiden Lebenssprachen gut bewegen können, sind in der Regel auch gut integriert – sowohl im Aufnahmeland als auch in der Herkunftsgemeinschaft.

Contra

Der wissenschaftliche Nachweis fehlt

Hatmut Esser

Montag, 05. Mai 2008

Der Streit über das "Pro&Contra" bei der Bilingualität dreht sich nicht um die Zweisprachigkeit an sich. Dagegen kann niemand etwas haben. Es geht vielmehr um die These, ob es besondere, für die Integration förderliche Wirkungen der Herkunftssprache gibt oder nicht. Die wichtigsten Argumente:

Nur im Rahmen herkunfts-sprachiger Fertigkeiten ließe sich eine Zweitsprache erlernen; herkunftssprachige Kompetenzen hätten nachweisbare Folgen für die kognitive Entwicklung der Kinder; und schließlich zahlten sich in Zeiten der Globalisierung mehrsprachige Fertigkeiten besonders auf dem Arbeitsmarkt aus.

Dazu werden seit langem sehr unterschiedliche Meinungen geäußert, die sich nicht immer auch auf wissenschaftlich solide Untersuchungen und belastbare Ergebnisse gestützt haben. Aus den – relativ wenigen – wissenschaftlich brauchbaren Studien lässt sich insgesamt jedoch entnehmen, dass bisher der Nachweis eigener Effekte der Herkunftsprache nicht erbracht worden ist. So gut wie alle positiven Wirkungen der Zweisprachigkeit sind, wie es aussieht, Effekte des Erlernens der Zweitsprache, also solche der sprachlichen "Assimilation".

Das war keine sonderlich politisch korrekte Botschaft und passte auch nicht so recht auch in mancherlei etablierte Interessenlage, von unerbetenem Beifall von der falschen Seite einmal ganz abgesehen. Die einfachste und wirksamste Reaktion wären Hinweise auf andere Ergebnisse gewesen. Aber es gab kaum Einwände: Der herkunftssprachige Unterricht schade wenigstens nicht, so wurde jetzt festgehalten, und die zuvor so gelobten amerikanischen Studien dazu ließen sich nicht übertragen. Es werde damit jedoch wenigstens die Herkunftssprache gefördert, und zwar bei gleichem Aufwand.

Aber auch dazu sind die belegbaren Ergebnisse, wie üblich, nur schwach und inkonsistent. Schließlich wurde noch das Ergebnis der DESI-Studie herangezogen, dass Migrantenkinder Englisch besser lernen als die deutschen. Aber das wäre auch nur ein Beleg für die Wirkungen der Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur und einer anderen Sprache, nicht aber für einen besonderen Nutzen einer Pflege der Herkunftssprache. Kurz: Es ist von der These, dass die Herkunftssprache für die Migranten besondere Vorteile bringe, kaum mehr übrig geblieben als ein deutliches Zurückrudern gegenüber den ursprünglichen starken Worten, neue (unbelegte) Behauptungen und der Verweis auf den unstrittigen Gesichtspunkt, wonach die Förderung der Zweisprachigkeit, verstanden als "multikulturelle" Unterstützung der Herkunftssprachen, ein Wert "an sich" sein könne.

Die Bilingualität wurde früher oft als eine bedenkliche oder gar schädliche Sache angesehen. Aber das war ein großer Irrtum und erst sachgerechte wissenschaftliche Untersuchungen haben dazu geführt, dass sich diese Fehlurteile inzwischen erledigt haben. Dass bei der Bilingualität die Herkunftssprache besondere Vorteile erbringe, scheint auch ein solches Fehlurteil gewesen zu sein. Und wieder hat man, um das herauszufinden, korrekt durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen benötigt. Es ist eben keineswegs so, dass sich die (empirische Sozial-)Wissenschaft beliebig zur Legitimationsbeschaffung heranziehen ließe, wie das sogar eine Jutta Limbach in ihrem Buch in einer schon erstaunlich leichtfertigen Weise (auf S. 63) behauptet hat. Sicher ist das letzte Wort darüber auch noch nicht gesprochen. Aber man fragt sich schon: Warum hat es die entsprechenden Untersuchungen und Übersichten nicht schon längst gegeben – bevor jeder zu wissen glaubte, was der Fall ist und was zu tun sei?


Pro
Pro

Samstag, 24. Mai 2008, 19:04:56

Gustav Adolf Pourroy: "Aufstiegs-Sprache" und Muttersprache

Es kann sein, dass es noch keine ausreichenden Untersuchungen gibt, die sich für Bilingualität aussprechen. Aber die Erfahrung in den Ländern Singapur, Malaysia, Philippinen, Indien, Pakistan zeigt, dass zwischen "Aufstiegssprache" und Muttersprache zu unterscheiden ist. Die Ehrgeizigen mit Willen zum sozialen Aufstieg wählen das Englische als Sprache der Erfolgreichen.


In Deutschland ist Deutsch UND Englisch eindeutig erforderlich, wenn man aufsteigen will, aber mit der geheimnisvollen Komponente, dass deutsche Sprachfehler anstoßen. Das beeinflusst in Deutschland das soziale Ansehen.

Als ein Mensch mit Migrations-Hintergrund bin ich schon 300 Jahre in Deutschland. Hugenotten sprechen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vorwiegend Deutsch. Die Aufstiegssprache war im 19. Jahrhundert ihr geliebtes Französische. Die Realität sprachlicher Entwicklungen ist durch Gesetze nicht steuerbar, allenfalls durch gezielte Schulungen. Entscheidend ist der Aufstieg.

Gustav Adolf Pourroy


Pro

Montag, 12. Mai 2008, 17:56:01

Friedrich von Maltzahn: Vorbild

Mehrsprachigkeit ist sicherlich eine Grundvorrausetzung für Integration. In meiner Familie kann ich das sehen. Vater deutsch, Mutter italienisch, Kinder in Spanien geboren. Alle sprechen alle Sprachen und sind in allen 3 Ländern integriert. Diese Integration ist aber auch das Ergebnis konsequenten "Wollens". Sprache allein ist keine Garantie der Integration.

Es wäre allerdings an der Zeit diesen Anpruch an Mehrsprachigkeit auch an unsere Volksvertreter zu stellen, vor allem an die nach Brüssel entsandten.


Pro

Mittwoch, 07. Mai 2008, 18:54:03

Roland Heinrich: Alles umsonst

Das Beherrschen der deutschen Sprache muss an die Sozialleistungen gekoppelt werden.
Wer nach Deutschland einwandert ohne gute Deutschkenntnisse, darf keine sozialen Leistungen der Leistungsträger erhalten. Wer diese Forderungen nicht erfüllt, wird der Allgemeinheit zur Last fallen, mit welchem Recht? Die Arbeitslosenstatistiken beweisen unmissverständlich, dass ohne Qualifikation keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt bestehen.

Warum lassen wir Menschen einwandern, die über unzureichende Qualifikationen verfügen, obwohl doch die Einwandernden wissen, dass sie in ihrem eigenen Land ohne die gesprochene Sprache chancenlos bleiben! Warum also nicht der gleiche Anspruch in Deutschland?


Pro

Mittwoch, 07. Mai 2008, 11:16:28

Bernd Meyer: Institutionen müssen sich der Sprachenvielfalt stellen

Hartmut Esser argumentiert gegen eine Position, die Ingrid Gogolin gar nicht vertreten hat. In der Tat sind Herkunftssprachen keine Voraussetzung für das Erlernen des Deutschen - Kinder können den Erwerb der ersten Sprache gar nicht verweigern, sie lernen eben die Sprache(n), die sie umgibt, bzw. umgeben. Ob das dann 'gutes' Deutsch, Russisch, Italienisch, Türkisch ist, steht auf einem anderen Blatt. In einem Haushalt ohne Bücher, ohne Geschichten, ohne Gespräche, haben komplexe Sätze und komplizierte Verbformen selten eine Chance.

Wichtiger ist: in Deutschland wird schon lange nicht mehr immer und überall Deutsch gesprochen. Behörden, Schulen, Krankenhäuser müssen sich dem stellen. Zum Beispiel: 5 bis 10 Patienten mit geringen Deutschkenntnissen haben Ärzte mancherorts - pro Woche. Warum sollen diese Patienten schlechter über medizinische Risiken aufgeklärt werden? Weil sie nach 10 Stunden auf der Baustelle abends ihren Deutschkurs geschwänzt haben?


Pro

Montag, 05. Mai 2008, 21:03:30

Susanne Fiek: Zweisprachige Entwicklung von Kindern ist nichts für Anfänger

Bilinguale Erziehung will gelernt sein. In welchem Alter die zweite Sprache eingeführt wird, macht den Unterschied. Je später, desto mehr haftet die erste Sprache als Orientierungsmarke. Wird ihre Weiterentwicklung unterbrochen, kommt es ggfs. vorübergehend zum Entwicklungsstillstand in beiden Sprachen.

Das ist nicht tragisch - man muss es nur wissen und gegensteuern. Kinder, die von Geburt an zwei Sprachen lernen, zeigen manchmal im Alter von 2 bis 5 ein für Eltern verstörendes Verhalten: Sie stottern. Das gibt sich aber mit 5-6 Jahren vollkommen.

Entwicklungsrückstände gegenüber einsprachig aufwachsenden Kindern sind in den ersten Jahren nichts Ungewöhnliches. Er wird - bei entsprechender Förderung- bald mehr als aufgeholt. Ich bin heute froh über die kompetente Begleitung, die wir in einer amerikanischen Kita erfahren haben.


Pro

Montag, 05. Mai 2008, 18:47:42

Jens Schmidt: Kommt auf das individuelle Motiv der Zweisprachigkeit an ...

Ich denke, man sollte Zweisprachigkeit nicht zu einer grundsätzlichen Ja-Nein-Diskussion machen. Also zunächst einmal ist es prima, wenn jemand eine Sprache mehr beherrscht statt eine weniger. Heutzutage sind Fremdsprachenkenntnisse gefragt und ein Zeichen von Bildung - ist doch toll, wenn ein Migrantenkind sich fließend sowohl in Deutsch als auch in Türkisch unterhalten kann!

Wer dies als mangelnde Integration ansieht, dem kann man nur entgegnen: "Bloß kein falscher Neid!"
Doch hier wird entweder Ehrgeiz oder die Bewahrung der kulturellen Wurzeln das Motiv sein, also in jedem Fall etwas Positives. Anders, wenn beide Sprachen nur gebrochen beherrscht werden - das klingt prekär und lässt massive Probleme auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft vorausahnen. Und in diesem Falle muss eben darauf bestanden werden, dass erst mal die Sprache des Landes richtig erlernt wird, in dem jemand lebt!


Pro

Montag, 05. Mai 2008, 15:05:10

Jürgen Trabant: Was denn sonst?

Das ist aus meiner Sicht eine ganz merkwürdige Frage. Bilingualität ist der Königsweg zur Integration, was denn sonst? Integration heißt doch nicht deutsche Einsprachigkeit. Die Einwanderer kommen hierher mit ihrer Sprache. Sie lernen dann, vor allem wenn wir ihnen endlich die richtigen Möglichkeiten dafür anbieten, möglichst früh und möglichst gut unsere Sprache und sind dann bilingual.

Wir wollen doch den Einwanderern nicht ihre Sprache wegnehmen oder verbieten, d. h. wir können und wollen sie doch gar nicht einsprachig machen. Das wäre überhaupt kein Gewinn, sondern eine geistige Verarmung. Es ist übrigens – nur ein bißchen verschärft – wie bei den "Deutschen" auch: Die kommen ja auch als Bairisch-, Hessisch-, Schwäbisch-, Berlinisch-Sprechende in die Schulen und lernen dann das "Deutsche" als zweite Sprache hinzu - und sind dann bilingual.

Auch diesen wird ihre Muttersprache ja nicht verboten oder weggenommen. Sie bleibt allerdings auf bestimmte Bereiche beschränkt: In den Familien, im informellen Bereich, oft als nur gesprochene Sprache, in einem Nähebereich also, herrscht die Muttersprache. Im Beruf und formaleren Situationen (Amt, Gericht, Parlament usw.), im Schriftverkehr, in Distanz-Bereichen, herrscht die deutsche Standardsprache. Es handelt sich in beiden Fällen um eine sogenannte "funktionale" Zweisprachigkeit. Und dies ist das Normale auch bei der Mehrzahl der Deutschsprachigen. Richtige Einsprachige, die nur "Hochdeutsch" können, dürfte es gar nicht soviele geben.

Hier ist vielleicht auch einmal ein Wort zu der immer wieder gehörten Meinung angebracht, die Immigranten-Kinder könnten nicht einmal ihre Muttersprache richtig. Das ist einfach Quatsch: Sie lernen von ihren Eltern eine gesprochene Sprache, vielleicht einen Dialekt, der natürlich auf bestimmte kommunikative Nähebereiche eingeschränkt ist und nicht der (türkischen, arabischen, russischen etc.) Standardsprache entspricht. Aber wir sagen ja auch nicht von den schwäbischen Kindern, daß sie ihre Muttersprache nicht richtig können, wenn sie schwäbisch reden.

Sie können - wie die Einwanderer-Kinder ihren, vielleicht ganz begrenzten Dialekt – ganz wunderbar (Tübinger, Esslinger, Calwer etc.) Schwäbisch. Das ist ihre Muttersprache oder Erstsprache. Deutsch lernen sie, jedenfalls wenn sie nicht den Anweisungen von Herrn Oettinger folgen, in der Schule. Deutsch kann dann ihre weitere Muttersprache werden, wenn sie es so gut sprechen wie Herr Özdemir.


Pro

Montag, 05. Mai 2008, 14:58:24

Karl-Heinz Göttert: Wichtig ist eine Sprache ohne Defizite

Auf den ersten Blick scheint rein garnichts dagegen zu sprechen, dass Zweisprachigkeit die Integration fördert. Aber dies verdankt sich wohl der Perspektive des Gastgebers. Sieht man das Problem aus der Sicht des Gastes, liegen die Dinge viel weniger einfach.

Dies zeigen mir eigene Erfahrungen als Germanistikprofessor mit Studentinnen und Studenten, die in Deutschland aufgewachsen sind, aber aus anderen Kulturen stammen. In der Schriftform (Klausuren) zeigen sie immer wieder schwache oder unakzeptable Leistungen. In Gesprächen bin ich höchst erstaunt, weil ich keinerlei Probleme bemerke. Beim Nachhaken höre ich jedoch, dass die Betroffenen angeben, zwar zwei Sprachen zu sprechen, aber keine als wirkliche Muttersprache besitzen.

Dies ist natürlich ein höchst alarmierendes Ergebnis (falls die Selbstbeschreibungen wirklich zutreffen). Es bedeutet letztlich, dass Biografien Integrationswilliger schwieriger verlaufen können, als es sich Außenstehende vorstellen. Vermutlich entstehen auch Formen der (vielleicht nicht eingestandenen) Ablehnung von Integration aus solchen Erlebnissen.

Natürlich kann die Frage nur lauten: Wie ist so etwas zu verhindern? Die Antwort scheint einfach: In der Kindheit muss auf jeden Fall eine Sprache ohne Defizite erlernt werden. Das wird in der Regel die Sprache der Mutter sein. Welche oder wie viele Sprachen dann zur Muttersprache wird bzw. werden, ist eine Frage der Umstände. Überstürzte Integration könnte ebenso negative Folgen haben wie verweigerte.


Pro

Montag, 05. Mai 2008, 14:55:50

Hans-Martin Gauger: Wir haben doch gar nicht die Wahl

Ich weiß, dass es ‚Studien’ gibt, die sich widersprechen, weiss aber nicht, wie verlässlich oder, wie man jetzt sagt, belastbar diese Studien sind - nach dieser oder nach der anderen Richtung hin: Erschwerung oder Erleichterung.

Vor allem denke ich mir, dass es bei auftretenden Schwierigkeiten in der Integration bei Zweisprachigkeit äußerst schwer zu sagen ist, ob diese an der Zweisprachigkeit oder an anderem liegen. Das Nebeneinander zweier Kulturen in einer Person ist immer ein gewisses Problem. Ob man da das Sprachliche klar absondern kann? Dies wäre für die Beantwortung der Frage strikte Voraussetzung. Und gerade dies wird kaum gehen.

Wenn zu einer Kultur (das ist keinewegs selten - in Barcelona zum Beispiel ist es so) zwei oder mehr Sprachen gehören, ist da jedenfalls gar kein Problem speziell mit den Sprachen. Man kann natürlich eines draus machen (wie zum Beispiel in Barcelona). Bei uns aber hängen an den verschiedenen Sprachen verschiedene Kulturen. Die Teilhabe an zwei kulturellen Traditionen ist eine Bereicherung, kann es jedenfalls sein, aber einfacher ist es doch mit einer.

Zweisprachigkeit macht jedenfalls die Integration nicht unmöglich. Und warum sollte sie Integration erschweren? Sehr wahrscheinlich erleichtert sie sie sogar, weil sie den Betreffenden die Sicherheit eigener Identität gibt.

Aber was soll das? Wir haben doch gar nicht die Wahl, weil die Migrantenkinder, die in die Schule kommen, im allerbesten Fall einigermaßen zweisprachig sind. Wenn sie einsprachig sind, wird ihre eine Sprache ja immer die ihrer Herkunft sein; einsprachige Migrantenkinder, die nur deutsch können, wird es doch kaum je geben. Also ist die Frage im schlechten Sinne "rein akademisch". Auch solche Fragen können interessant sein. Für diese wäre ich kein Fachmann. Es fehlt mir an Empirie. Und ich fürchte, es fehlt überhaupt an Empirie. Im - ‚rein akademischen’ - Zweifel plädiere ich im Blick auf die Praxis dezidiert für "Pro".

Contra
Contra

Mittwoch, 21. Mai 2008, 11:25:35

Alexander Clemens: Ein klares Nein

Im Zeitalter der Globalisierung sind wir auf Fremdsprachen als Mittel der Verständigung angewiesen. Ohne Englisch ist beispielsweise an eine Karriere in vielen Branchen garnicht mehr zu denken.

Eine Fremdsprache sollte als das angesehen werden was sie eigentlich ist: als Mittel zum Zweck, als Brücke zwischen verschiedenen Völkern.
Sobald man diese Brücke jedoch überschreitet und die Lebensweise eben jenes fremden Volkes annimmt und zum Immigranten wird, sollte das Primärziel jedoch die Annahme der Kultur, Sprache und Lebensweise des Landes sein, und zwar so schnell wie möglich.
Folgegenerationen haben hierbei den Vorteil, dass sie die Fremdsprache als Muttersprache erlernen können- diesen Vorteil müssen sie nutzen und dabei ist es mehr als hinderlich die ehemalige Landessprache dazu zu lernen! (siehe Parallelgesellschaft)
Diese Diskussion ist in meinen Augen nur ein weiterer Versuch die gescheiterte deutsche Migrationpolitik in ein gutes Licht zu rücken.


Contra

Mittwoch, 14. Mai 2008, 11:07:54

Herold Binsack: Es sind nicht die Sprachen sondern die ein, zwei "Heimaten" die zählen

Ich bewege mich seit meiner ersten Ehe (mit einer Türkin und nun in zweiter Ehe mit einer Iranerin) in bi-nationalen (orientalischen) Kontexten, und meine Erfahrung ist, dass es weniger um die Beherrschung von zwei oder mehr Sprachen geht, als vielmehr um die Fähigkeit, die Wirklichkeit von wenigstens zwei (wohl auch sprachlichen, aber doch wohl mehr mentalen) Perspektiven aus wahrzunehmen.

Nach meiner Scheidung von der Türkin verlor ich eine zweite Heimat mit dem Ergebnis, dass ich heute die Türkei (wieder) viel "härter" wahrnehme (und auch kritisiere). Ob das wahr oder unwahr ist, spielt dabei keine Rolle, entscheidend ist, dass mir das Element der Empathie etwas verloren ging, nicht etwa aus Frust wegen der Geschiedenen (oder wegen der Verhältnisse dort, die sind unverändert), sondern weil ich die Perspektive nicht bei-(mir)-halten konnte. In Bezug auf die Türkei dominiert nun wieder die deutsche Perspektive und die Türkei verkommt zum Objekt der Betrachtung.


Contra

Mittwoch, 07. Mai 2008, 19:07:42

Wilhelm Rggrt: Zweisprachichkeit

Wer in den deutschsprachigen Ländern etwas werden will, muß deutsch und englisch kennen. Alle anderen Schulkonzepte sind zum Scheitern verurteilt. Wer etwas anderes propagiert, betrügt die junge Generation der Migrantenkinder um ihre Zukunftschancen.


Contra

Mittwoch, 07. Mai 2008, 19:05:25

Walter F Brieke: Deutsch bitte

Bitte liebe Leser usw., wir müssen unsere Muttersprache nach EUROPA bringen. Unsere Sprache ist unsere Nationalität. Jeder Politiker spricht in seiner Muttersprache vor der UNO usw. Steht doch mal endlich zu Deutschland. Es wird sowieso zuviel VERDENGLICHT.


Contra

Montag, 05. Mai 2008, 23:09:56

Klaus Däßler: Zweisprachigkeit ist der falsche Begriff für das, was wir wollen

Viele Menschen, auch auf diesem Podium, glauben, wir dächten in Sprache. Mit diesem Irrtum nähren sich u. a. die Englisch-Frühimmersionisten, die fälschlich behaupten, Nürnberger Englischtrichter für 3jährige würde diese klüger machen. Erfolg hat hingegen nur, wer wirklich intelligent ist.

Intelligenz nährt sich nicht aus Sprache, sondern aus einem Kanon erlernbar nichtsprachlicher Begriffe, die ich Basiskategorien des Denkens nenne. Das Kind kann sie in einer harmonischen, nicht mal sonderlich gebildeten Familie hervorragend erwerben. Dieser Kanon ergibt sich automatisch, wenn man die Basiskategorien verstanden hat. Entscheidend ist, dass sie vorhanden sind. Die Sprache, die an jene gebunden ist (die Muttersprache), ist dann die mächtigste. Für Migrantenkinder steht damit der Konflikt: Verständigung kontra Basiskategorien - Artikulieren kontra Intelligenz. Er ist nur durch eine neue wissenschaftliche Form der (Migranten-) Pädagogik lösbar. Sonst kommen unweigerlich amerikanische Verhältnisse.


Contra

Montag, 05. Mai 2008, 20:48:14

Tobias Müller: Kein Integrationssprungbrett

Die Mehrsprachigkeit ist an sich ist nichts Negatives, ihre Überhöhung zu einem regelrechten Integrationssprungbrett dagegen schon. Dabei wird die eigentliche Problematik nur zu gerne übersehen: eine vermeintliche Nähe und Loyalität, welche durch die schon fast selbstverständliche und teilweise demonstrative Verwendung der Herkunftssprache im Alltag erreicht werden soll, erzeugt eine teils bewusste, teils unbewusste Separierung und Abgrenzung, gerade gegenüber denjenigen, die diese Sprache im Einzelfall nicht beherrschen.

Ähnliche Muster lassen sich ebenfalls in der schon seit Jahren andauernden exzessiven Verwendung von Anglizismen beobachten, durch welche im Grunde ein nicht minder großer Teil der Gesellschaft von vornherein außen vor gelassen wird. Hier wirkt Sprache fast schon desintegrierend.


Contra

Montag, 05. Mai 2008, 20:18:40

Torsten Klier: Weiß die Pro-Bilingual-Fraktion

überhaupt, wovon die redet? Zweifel sind angebracht. Wir könnten erst mal fragen, was gemeint ist mit "Erlernen und Pflege der Muttersprache". Heißt das, die Patschunen bekommen Patschtunisch-Unterricht, die Tadschiken, die Russen, die Polen, die Vietnamesen ...?

Und was war das Problem? Das Problem ist, dass bestimmte (nicht alle!) Migrantengruppen kein Deutsch lernen. D. h. die sind monolingual. Und diese Einsprachigkeit soll durchbrochen werden, in dem die die eine Sprache nun noch mehr gelehrt kriegen?
Warum eigentlich denkt in dieser Diskussion unwillkürlich jeder an Türken, aber nicht an Chinesen, Koreaner oder Vietnamesen? By the way, die vietnamesischen Kinder machen häufiger das Abitur als die Deutschen. Warum geht das bei den Vietnamesen, aber nicht bei den ...?
Im Übrigen hat Feridun Zaimoglu zum Thema bereits alles gesagt, was es zu sagen gibt.
(siehe FAZ 29.04.2008, Gibt es ein Grundrecht auf Muttersprache? Der Nutzen der Bilingualität: Ein Mythos)


Contra

Montag, 05. Mai 2008, 15:19:49

Lill-Karin Bryant: Bin mir nicht sicher

Meine Muttersprache ist norwegisch, ich bin aber in D aufgewachsen, zu deutschen Schulen gegangen, lebe aber seit laengerer Zeit in den Vereinigten Staaten und spreche nun mehr Englisch. Irgendwann habe ich dann einen Lehrgang gemacht, der mich berechtigt Immobilien zu verkaufen. Waehrend des Lehrgangs fiel mir auf dass ich alles erstmal in deutsch ueberdachte und dann in englisch auf Papier brachte. Das war ein bisschen muehsam und irgendwie irritierend.


Contra

Montag, 05. Mai 2008, 13:08:56

Cem Özdemir: Pragmatisch denken

Ich sehe keinen direkten Effekt von Zweisprachigkeit auf die Integration. Bislang hat mich auch noch niemand davon überzeugen können, dass eine gute Kenntnis der Muttersprache quasi die Voraussetzung ist, eine weitere Sprache erlernen zu können. Wie Jutta Limbach in ihrem Buch schreibt, gibt es sowohl für die eine als auch die andere Annahme bestätigende Studien. Die Frage wird meines Erachtens zu sehr ideologisch und zu wenig pragmatisch betrachtet.

An erster Stelle steht die Kenntnis der deutschen Sprache, wenn das Kind auf Dauer in Deutschland leben wird. Sie ist entscheidend für die Stellung auf dem Arbeitsmarkt oder die Bildung von sozialen Netzwerken.

Was nützt mir exzellentes Türkisch auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wenn ich kein Deutsch beherrsche? Es mag Fälle geben, wo Migranten durch ihre Muttersprache Vorteile habe, etwa beim direkten Kundenkontakt. Die Realität ist jedoch nicht selten so, dass die Kinder bildungsferner Eltern sowohl ihre Muttersprache als auch Deutsch nur mangelnd beherrschen. Deutsch muss das Fundament sein, auf dem dann gerne weitere Sprachen aufbauen können.

Zugleich kann aber auch der Erwerb der Muttersprache gefördert werden. Schließlich schadet es der Integration wohl kaum, wenn eine Person zweisprachig aufwächst. Hier kommt der Pragmatismus ins Spiel: Wir können zweisprachige Kindergärten ausbauen, wir können auch Türkisch als freiwilliges Schulfach einführen, dafür gibt es bereits erfolgreiche Beispiele. Außerdem lernen unsere Kinder neben Englisch auch Spanisch und Italienisch, warum sollen manche - so sie es denn wollen - nicht auch Türkisch lernen? Übrigens gibt es auch deutsche Auswanderer, deren Kinder in ihren neuen Heimatländer weiterhin Deutsch lernen - allein schon deshalb, damit die Kinder ihre Muttersprache nicht vergessen und sich auch später mit ihren Eltern und anderen Verwandten austauschen können.

Ich will es nicht verhehlen: Mitunter entsteht bei mir der Eindruck, als sei nicht die Zweisprachigkeit das Problem (denn Bilingualität wird ja grundsätzlich gelobt), sondern die jeweilige Sprache. Im Gegensatz zu beispielsweise Italienisch hat Türkisch hierzulande offenbar ein schlechtes Image. Vielleicht wird die Frankfurter Buchmesse 2008 mit der Türkei als Gastland hieran etwas ändern.


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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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