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Leute, jeder ist ein Deutscher
SS-Roman
"Menschliche Brüder, laßt mich erzählen, wie es wirklich war": Es ist der erste Satz von neunhundert Seiten und der Ich-Erzähler ein ehemaliger SS-Offizier. Seine imaginären Memoiren als Henker und Nazi sind das Ereignis der französischen "rentrée littéraire". Ein Erstlingsroman wird zu einem der Klassiker geweiht, "neben denen er Platz nehmen wird". Und alle spüren: Es ist etwas dran am Konzert der Elogen. Tolstoi ("Krieg und Frieden"), Dostojewski, Flaubert werden zum Vergleich zitiert - allerdings mit behutsamer Vorsicht. Man will einen Dichter, wie man ihn seit Jahrzehnten sehnlichst erwartet hat, nicht gleich wieder erschlagen. Der wiederum gibt mit ironischer Gelassenheit zu verstehen, daß ihm der Rang seines Meisterwerks bewußt ist, aber kalt läßt.
Max Aue war als Freiwilliger aus ideologischer Überzeugung der SS beigetreten - und aus Haß auf seine Mutter, eine Französin, die den Vater verließ, in ihre Heimat zurückkehrte und Max als Jugendlichen von seiner einzigen Liebe trennte, der Zwillingsschwester Una. Er ist homosexuell und hoch kultiviert. Max Aue studiert Jura. Eichmann erkennt seine Fähigkeiten und setzt ihn bei der Planung der Ausmerzung aller Minderheiten ein. Aue ist von der Notwendigkeit dazu überzeugt. Er glaubt an den Nationalsozialismus wie die Juden an ihr Gesetz. Seine Bürotätigkeit wird zur Beschreibung der totalitären Bürokratie.
Verbrechen werden klinisch beschrieben
Er ist auch in Stalingrad, nimmt an den Einsatzgruppen in der Ukraine teil und tötet Juden, aber seine Gedanken sind bei Tschechow. Die Henker und die Opfer werden mit gleicher Faszination und Meisterschaft porträtiert, die Verbrechen klinisch beschrieben. Im besetzten Paris begegnet Max Aue den faschistischen Intellektuellen. Ernst Jünger tritt auf. Der Sturmbannführer ist in Auschwitz und am Ende des Kriegs auch noch in Hitlers Bunker. So verlief keine NS-Karriere, doch gerade in der Verdichtung und der Üppigkeit wirkt Max Aue überaus glaubhaft.
Nach dem Krieg setzt er sich problemlos nach Frankreich ab. Er ist verheiratet und hat eine erfolgreiche Miederfabrik. Wenn er auf alte Nationalsozialisten trifft, versteht man sich ohne ein einziges Wort. Die Witwe von Hans Frank vertreibt ein Buch ihres Mannes, um den Unterhalt für ihre Kinder zu finanzieren. "Haben Sie ihn gekannt?" fragt sie Max Aue. Der Fabrikant kauft zwanzig Exemplare für seine Abteilungsleiter. Franks Buch hält er für schlecht und schleimig. In seinen eigenen Memoiren gibt es keine pseudoreligiösen Rechtfertigungsversuche und kein schlechtes Gewissen: "Je ne regrette rien." Manchmal träumt er, daß er in den Trümmern von Berlin von der Gestapo gesucht wird - zur SS ging er auch, um seine Homosexualität zu kaschieren -, oder er träumt von schwarzen Katzen.
Glasklare Sätze
Im Magen-Darm-Bereich plagen ihn psychosomatische Beschwerden, die Anlaß kruder Beschreibungen sind. Doch seine Lebenserinnerungen sind nicht die "erstickten Worte" eines Opfers, das nach Sprache ringt, um das Unfaßbare zu formulieren. Selbstherrlich, offensiv erzählt der Täter von seinen Verbrechen und seiner Existenz als Teil der totalitären Maschinerie, in der er sich wohl und heimisch fühlte. Nach dem Krieg, nach allen Kriegen haben die Henker gejammert oder geschwiegen. Hier ergreift einer das Wort und läßt sich nicht zum Schweigen bringen. Das Grauen spricht, es wird in glasklaren Sätzen ohne Umschweife beschrieben: "Les Bienveillantes" (Gallimard).
Es handelt sich um den Erstling eines neununddreißig Jahre alten Autors, der gar nicht Schriftsteller werden wollte. Er trägt den bekannten Namen Littell - Jonathan Littell. Die aus Osteuropa stammende jüdische Familie war schon im neunzehnten Jahrhundert nach Amerika ausgewandert. Vater Robert hat als Reporter und Schriftsteller Karriere gemacht, er ist der Verfasser zahlreicher, weltweit gelesener Spionageromane, in denen es um den KGB, die CIA und den Kalten Krieg geht. Mit dem Holocaust, den er als Autor nie thematisierte, hat sich Robert Littell privat sehr intensiv befaßt, mit den Schuldgefühlen der amerikanischen Juden, die ihn nur von Ferne mitbekommen haben.
Schauplätze des zeitgenössischen Schreckens
Das hat seinen Sohn geprägt. Jonathan Littells größte Angst als Kind war es, dereinst nach Vietnam geschickt zu werden und Kinder zu töten. "Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht 1967 in Amerika, sondern 1923 in Deutschland auf die Welt gekommen wäre?" Sein Abitur machte er in Paris, da war der Vietnamkrieg längst zu Ende. Er studierte in Yale Literatur und French Theory. Jonathan Littell hat den Marquis de Sade, Maurice Blanchot, mit dem er im Briefwechsel stand, und andere Schriftsteller ins Englische übersetzt. Gerade ist er mit seiner Frau, einer Belgierin, die für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitet, und den beiden Kindern aus dem Pariser Viertel Belleville nach Barcelona umgezogen. Zweimal haben ihm die Franzosen die Einbürgerung verweigert.
In seiner Heimat will er nicht mehr leben. Das hat mit Bush und dem Irak-Krieg zu tun. Auf seinen Reisen war ihm sein amerikanischer Paß hinderlich und auch peinlich. Als Mitarbeiter einer "Aktion gegen den Hunger" besuchte Jonathan Littell die meisten Schauplätze des zeitgenössischen Schreckens. Er war in Bosnien und in Tschetschenien, wo er ein Attentat überlebte. In Ruanda hat er den Genozid gesehen. Manchmal schrieb er Artikel, in denen er die "Unantastbarkeit der Großmächte" beklagte. Schriftsteller wurde er, um zu verstehen, was er trotz Sade, Bataille und Blanchot nicht begreifen konnte. Ein Schlüsselerlebnis war Lanzmanns Dokumentarfilm "Shoah". Noch mehr fühlt er sich Hannah Arendt und Raul Hillberg verpflichtet. Jonathan Littell hat mit Überlebenden gesprochen, ist nach Auschwitz gereist und in die Ukraine.
Der Leser als Komplize
"Mein Thema ist der politische Massenmord. Um ihn zu verstehen, mußte ich in der ersten Person schreiben." Er schrieb nicht in seiner Muttersprache, sondern auf französisch und schickte das Manuskript unter dem augenzwinkernden Pseudonym Jean Petit an Gallimard. Die beträchtlichen finanziellen Forderungen wurden akzeptiert und aus dem Manuskript nur ein paar Amerikanismen herausgestrichen. Im Anhang findet sich ein umfassendes Glossar mit der Beschreibung aller Dienstgrade. Die Ich-Erzählung ist nicht als psychologischer Roman angelegt. Jonathan Littell hat sein Werk wie eine Fuge durchkomponiert. "Der Horror ist nichts", zitiert er Céline, "ohne den Traum und die Musik." Sie spielen eine wichtige Rolle in dieser Geschichte, die Littell zur Tragödie im klassischen Sinne überhöht. Max Aue hatte ein Verhältnis mit seiner Schwester, eigenhändig erschlug er seine Mutter in Nizza.
"Wir sind nicht dein Bruder, werdet ihr sagen, wir wollen deine schlimme Geschichte gar nicht hören", lautete der zweite Satz. Da ist die Falle schon zugeschnappt. Der Ich-Erzähler konfrontiert seinen Leser mit den kältesten Details des Genozids und zieht ihn in die Maschinerie der Unmenschlichkeit hinein. Er wird mit dem Täter zumindest eines dieser Rädchen und kommt nicht mehr heraus. Der Leser als Komplize: "Ich wollte zeigen, wie relativ normale, abendländisch kultivierte Individuen einem kollektiven Wahn verfallen. Die Deutschen sind wir, jeder ist ein Deutscher. Sadisten gibt es überall, aber sie interessieren mich nicht besonders. Mir geht es um die Normalität des Totalitarismus. Moralische Urteile in den Begriffen von Gut und Böse werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Die Griechen gingen von den Fakten aus, nicht von den Beweggründen. So war es auch bei den Nürnberger Prozessen. Diese Sicht ist mir lieber. ,Les Bienveillantes' ist kein historischer Roman, sondern ein Roman der Geschichte."
Reaktionäres Vertrauen ins Erzählen
Es gibt erst wenige fiktionale Texte zur Schoa, in Frankreich zum Beispiel von Soazig Aaron. In einer Zeit, da die Überlebenden aussterben, eröffnet Jonathan Littell dem Umgang mit der Barbarei eine neue ästhetische Dimension. Das hat bisher noch keiner gewagt. Doch es ist, so muß man nach dem Lesen sagen, die angemessene Form. Littell hat die Subtilität der Theorien von Blanchot und die Faszination durch das Böse, wie sie bei Sade und Jean Genet nachvollziehbar sind, verinnerlicht und umgesetzt. Seine Belesenheit, das Selbstbewußtsein eines engagierten Nachgeborenen und ein geradezu reaktionäres Vertrauen in die Möglichkeiten des Erzählens diesseits aller Avantgarden retten seine kühne Erzählung vor der Banalisierung und Trivialisierung des Bösen durch die Literatur. Man schluckt alles, auch noch die unglaublichsten Erfindungen und Kombinationen und verzeiht Jonathan Littell die paar nicht mehr besonders originellen historischen Exkurse, zum Beispiel zum Systemvergleich zwischen Hitler und Stalin.
"Littell ist groß", titelte eine Zeitung. Er will sein Werk selbst ins Englische übersetzen, erst dann kann ihn sein Vater lesen. Besonders gespannt wartet er auf das Erscheinen und die Reaktionen in Deutschland, dessen Vergangenheitsbewältigung er ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. Sein monumentaler Roman wird den Motor der Bewältigungskultur nochmals aufheulen lassen, ein Phänomen wie Goldhagen kündigt sich hier an, auf hohem literarischem Niveau. Das Medienpotential ist enorm. Jonathan Littell, schrieb ein französischer Kritiker, sieht aus wie "einer der jungen Stürmer der deutschen Fußballnationalmannschaft".
Jürg Altwegg, Paris
Text: F.A.Z., 11.09.2006, Nr. 211 / Seite 40



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