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Ohne die Literatur stirbt die Erinnerung
Jorge Semprun im Gespräch über Littels "Wohlgesinnte"
In fünfzig Jahren, so prophezeit der Buchenwald-Überlebende Jorge Semprun, wird sich das kollektive Erinnern an den Holocaust nicht auf die Werke der Historiker, sondern auf die Literatur beziehen: ",Die Wohlgesinnten' prägen die Erinnerung", sagt Semprun im Gespräch mit der F.A.Z.
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Frage: Abscheu? Ekel? Was empfindet ein Schriftsteller, der zwei Jahre in einem Konzentrationslager überlebte, beim Lesen von Jonathan Littells "Wohlgesinnten"?
J. S.: Nein, nein. Ich war keineswegs geschockt. Das Buch hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Es ist ein Meisterwerk. Man macht es sich zu einfach, wenn man gewisse Schwächen dieses Romans kritisiert: die Längen und die Wiederholungen. Das interessiert mich nicht. Zwei Eigenschaften machen diesen Roman zu etwas ganz Besonderem. Erstens die Tatsache, dass es Littell gewagt hat, den Henker zur Hauptfigur und zum Icherzähler zu machen. Das ist neu, das hat es so direkt und ohne Distanzierung nicht gegeben, man kann das nicht wirklich mit Robert Merles frühem, sehr französischen Buch vergleichen, in dem ebenfalls ein Henker das Wort ergreift. Und wirklich außergewöhnlich ist die Art und Weise, wie es Littell schafft, eine umfassende historische Dokumentation zu verarbeiten und daraus ein schöpferisches Werk zu machen. Sein Buch lebt von der Authentizität, aber es ist ein Roman aus Fleisch und Blut.
Als Sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hatten, erklärten Sie in einem Gespräch mit dieser Zeitung: Ich bin nicht wirklich Franzose, ich bin nicht wirklich Spanier - was wirklich zählt: Ich bin ein Überlebender aus Buchenwald. Ist das immer noch so?
Selbstverständlich denke ich nicht jede Sekunde an Buchenwald. Aber immer, wenn in meinem Leben etwas auf dem Spiel steht, eine Entscheidung zu fällen ist, etwas Wichtiges eintritt: Ja, dann stelle ich fest, dass meine Beziehung zur Welt auf meiner Zeit in Buchenwald beruht. Ich bin (Sepmprun wechselt ins Deutsche) ein ehemaliger Häftling. Ich war jung, fast schon Franzose geworden und wurde als Widerstandskämpfer verhaftet. In Buchenwald traf ich auf viele Spanier und kehrte zur spanischen Sprache zurück. Ich lernte deutsche Kommunisten kennen. Ich sah ihre ideologische Entfremdung durch den Stalinkult und den täglichen Heroismus ihres Widerstands. Das prägt einen, wenn man das im Alter von zwanzig Jahren erlebt.
Sie haben auch Deutsch gesprochen.
Ich lernte Deutsch als erste Fremdsprache, das war in unserer Familie eine Tradition. Ich habe es immer einigermaßen gepflegt, auch an der Universität. Es war die Kenntnis der deutschen Kultur, die mich zum Widerstand gegen die nazistische Barbarei befähigte. Ich habe, trotz der Nähe von Buchenwald zu Weimar, den deutschen Geist nie mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. ANTWORT: Meine Immunität gegen den Faschismus ist nicht ausschließlich, aber zu einem guten Teil der deutschen Kultur zuzuschreiben.
Sie wollten schon als Jugendlicher Schriftsteller werden?
Das war fast schon eine familiäre Bestimmung. Nach der Entlassung aus Buchenwald wollte ich auch wirklich etwas schreiben. Allerdings nicht einfach einen Erfahrungsbericht. Ich war sehr ehrgeizig. Zeugnisse, auch literarischer Art sind zweifellos wichtig, ohne sie könnte man keine Geschichte der Lager schreiben. Aber, und das soll jetzt nach all den Jahrzehnten nicht überheblich klingen - ich wollte etwas Raffiniertes, Ausgeklügeltes, Großes schreiben. Es gelang mir nicht. Das Schreiben bewirkte, dass ich der Erinnerung verhaftet blieb. Dieses Erinnern wurde beim Schreiben immer wieder erneuert. Das hatte etwas Morbides. Es gibt ein paar Fragmente dieser Erzählung, die ich nicht zu schreiben vermochte. Ich stand vor der Alternative: Schreiben oder Leben. Schreiben bedeutete Sterben. Und Leben hieß Vergessen. Ich musste, zumindest vorübergehend, vergessen, um leben zu können. Im Nachhinein darf ich feststellen, dass das gar nicht so idiotisch war. Viele Überlebende haben Suizid begangen. Primo Levi, Jean Améry. Aber genauso unmöglich war es mir, über etwas anderes zu schreiben.
Ihr Warten und Schweigen dauerte siebzehn Jahre. Ihr ganzes großartiges Werk seither dreht sich um die Erfahrung Buchenwald. Sie haben ein so reiches Leben, dass Ihre Bücher immer auch autobiographisch sind. Hat Buchenwald Sie daran gehindert, Romane als reine Fiktion zu schreiben?
Ich habe Probleme als Schriftsteller - eines davon ist tatsächlich dieses. Ich kann nicht erfinden, fabulieren. Die Last der realen Erfahrung, Wahrheit und der Wirklichkeit ist zu groß. Manchmal versuchte ich es. Jetzt versuche ich es wieder. Ich schreibe an einem neuen Roman. Er spielt in der Zeit vor meiner Gefangenschaft. In Spanien. Es geht um die Politik, die Erfahrung des Untertauchens. Aber das alles bleibt im Hintergrund, die Personen in diesem Roman haben nichts damit zu tun. Bis jetzt ist es mir gelungen, Buchenwald auszuklammern. Aber es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich die Erinnerung des Lagers über den Text hereinbricht. Und sei es auf einer halben Seite. Noch aber habe ich die Verdrängung im Griff.
Das Schweigen, das für Sie von existentieller Notwendigkeit war, kennzeichnete ja auch die europäischen Gesellschaften. Seit zehn, zwanzig Jahren ist die "Shoah" indes das zentrale Thema der Kultur. Jetzt wird das Schweigen auch der Täter gebrochen. Bei Jonathan Littell kommt ein Henker zu Wort und erzählt ohne Bedauern, ohne Entschuldigung. Sie haben von einem "Meisterwerk des 21. Jahrhunderts" gesprochen.
Man spürt beim Lesen, dass Jonathan Littell ein Schriftsteller furchtbarer Obsessionen ist. Er ist besessen von den sadomasochistischen Beziehungen in der Liebe. Er ist besessen vom Inzest -das war ein Schlüsselthema der deutschen Romantik. Oder die Homosexualität. Ich bin gespannt auf die Rezeption in Deutschland. Es ist das ideale Land für die Auseinandersetzung mit diesem Buch. Es gab auch in Deutschland eine Phase des Schweigens, des Verdrängens. Aber Deutschland hat seine Vergangenheit selbstkritisch befragt. In Spanien, wo das Buch bereits erschienen ist, gab es keine wirkliche Debatte. Das Land hat zu dieser Vergangenheit keine reale Beziehung.
Wie beurteilen Sie die intensive Debatte und den Erfolg des Buchs in Frankreich?
Die Diskussion war sehr interessant, nicht nur in literarischer Hinsicht. Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit ist nach wie vor nicht geklärt. Algerien und Vichy sind immer noch weitgehend tabu. In den Vereinigten Staaten gibt es viele Filme, die sich kritisch mit dem Vietnamkrieg befassen. Wie brutal die kollektive Verdrängung in Frankreich funktionieren kann, habe ich selber erlebt.
Die Filme, die ich mich Costa-Gavras über die stalinistischen Schauprozesse in der Tschechoslowakei ("L'Aveu") und das Militärregime in Griechenland ("Z") machte, wurden hoch gelobt. Sie werden regelmäßig im Fernsehen wiederholt. Aber kaum jemand weiß dass wir einen ganz ähnlichen Film über Vichy gemacht haben: "Section Spéciale". Es gab nur Schweigen und Verachtung für "einen Griechen und einen Spanier", die sich erlaubten, Frankreichs Vergangenheit zu thematisieren. Der Film ist noch nie von irgendeinem TV-Sender programmiert worden.
Littells Triumph in Paris zeigt aber auch, dass sich in der Wahrnehmung Vichys einiges geändert hat. Der Icherzähler hat eine durch und durch deutsch-französische Biographie. Der Roman entspricht dem Zeitgeist, der aus der antitotalitären Aufarbeitung hervorgegangen ist. Er hat auch eine Botschaft: "Jeder ist ein Deutscher", jeder kann zum Täter werden. Haben Sie keine Angst, dass dies in Deutschland als Relativierung der eigenen Verantwortung gedeutet werden könnte?
Doch. Diese Gefahr besteht. Um so gespannter bin ich auf die Debatte. Man hat die Nazi-Greuel vor allem in Frankreich lange zu sehr auf die Deutschen fixiert. Ohne eine passive Komplizenschaft der anderen Nationen wären sie nicht möglich gewesen. Man hätte die Shoah verhindern können. In Frankreich gab es eine aktive Teilnahme an ihr. Es gab Vichy und die Kollaboration. Nach 1945 herrschte in Paris in karikaturistisches Deutschlandbild, das mich stets schockiert hat. Ich hatte mich schon in Buchenwald dagegen geweigert, die deutsche Kultur mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Tatsächlich hat das Echo auf Littell mit diesen Veränderungen zu tun. Für Deutschland wiederum wird das Buch zu einer Bewährungsprobe für die Vergangenheitsbewältigung - die eine vorbildliche, historisch wohl einmalige ist. Ich werde die deutschen Diskussionen über Jonathan Littell sehr genau verfolgen. Vielleicht wird die Debatte dazu führen, dass ich meine Meinung über den Roman ändern werde, vielleicht werde ich mich auch wieder einschalten.
Besteht die Gefahr der positiven Identifikation? Kann sich der Leser mit Max Aue identifizieren?
Ich habe den Roman nicht so gelesen, aber ich wäre auch als Schriftsteller nicht in der Lage, einen solchen Roman zu schreiben. Man muss sich das vorstellen: Jemand versetzt sich in die Haut dieses Kriminellen. Monatelang, jahrelang lebt er mit ihm. Ein deutscher Nazi, ein Massenmörder als Icherzähler! Aber könnte ich einen spanischen Faschisten und Folterer als literarische Figur erfinden? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Weil ich der spanischen Kultur näher bin. Oder einen Judengreifer in Vichy? Einen der heroischen und ehrenhaften französischen Offiziere in der besten Tradition der republikanischen Armee, die in Algerien gefoltert haben? Es geht nicht um Vergleiche, Gleichstellungen, Entschuldigungen - sondern um das Potential in einem Individuum. Und das ist sehr wohl ein Thema für die Literatur.
Stimmt es, dass Ihr flammendes Plädoyer für Littellel die Mehrheit der Jury des Prix Goncourt umgestimmt hat?
Es gab in der Jury die Lanzmann-Schule, deren Vertreter der Meinung sind, dass nur Lanzmann und die Verteter eines dokumentarischen Ansatzes über diese Themen reden dürfen. Dass es ein Fiktions-Verbot für die Darstellung des Genozids an den Juden gibt. Gut so. Aber das ist nicht meine Auffassung. Lanzmann hat keineswegs das Copyright auf die Shoah.
Lanzmann hat seine Meinung über das Buch geändert. Nach seiner anfänglichen radikalen Ablehnung als "unmoralisch" hat er sich in einem Interview mit dieser Zeitung sehr differenziert zu Littell geäußert und seine Authentizität gelobt. Sein größter verbliebener Einwand: Henker reden nicht.
Wie viele Franzosen haben Raul Hillbergs Standardwerk über die Ermordung der Juden gelesen? Wenige. In fünfzig Jahren wird sich das kollektive Erinnern an die Shoah nicht auf Hillberg beziehen. Sondern auf Littell. "Die Wohlgesinnten" werden die Wahrnehmung prägen, nicht die Historiker.
Wie hätten Sie reagiert, wenn Sie vor zwanzig Jahren einen Roman wie "Die Wohlgesinnten" in die Hände bekommen hätten?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube nicht, dass er mich schockiert hätte. Aber wahrscheinlich war es bis jetzt nicht möglich, einen solchen Roman zu schreiben.
Sie vertreten schon lange die Anti-These zu Lanzmann: Es darf kein Fiktions-Verbot geben - mehr noch: die Shoah muss zum Romanstoff werden.
In gewisser Hinsicht hat Littell mit den "Wohlgesinnten" geschaffen, was mir vorschwebte - und das zu schreiben mir nicht gelang. Die Erinnerung an den Genozid wie an die Résistance stirbt, wenn sich nicht junge, nachgeborene Schriftsteller dieser Stoffe annehmen. Bald wird es keine überlebenden Zeitzeugen mehr geben. Natürlich haben wir die Zeugnisse der Opfer und die Dokumente in den Archiven. Die Historiker werden weiter über den Zweiten Weltkrieg schreiben. Aber nur die Dichter können das Erinnern erneuern. Das hat jetzt ein vierzigjähriger Amerikaner, der Französisch schreibt, gemacht. Littell hat keine existentiellen Verbindungen zu den Ereignissen, die er literarisch darstellt.
Er ist Jude.
Das ist ganz gewiss von Bedeutung. Vielleicht konnte sich nur ein Jude diese Freiheit herausnehmen. Littell erfindet die Wahrheit. Und die Art und Weise, wie er es tut, ist großartig. Wie nehmen wir den dreißigjährigen Krieg heute wahr? So wie ihn Brecht in "Mutter Courage" darstellt. Ohne Fiktion stirbt das Erinnern. Wir brauchen viele Romane von jungen Schriftstellern über den Krieg. Sie müssen nicht Juden sein. Aber man muss einräumen: Es ist nicht leicht, über die Shoah zu schreiben. Das ist immer eine Gratwanderung. Und man wird immer versucht sein, zu übertreiben - weil die Wirklichkeit so grauenhaft ist. Ich habe aus meiner eigenen Erfahrung gelernt: Man muss über die Vernichtung mit Understatement schreiben. Werden junge Schriftsteller in Deutschland und Frankreich, in Rumänien, Bulgarien und Spanien das Bedürfnis verspüren, Romane über den Krieg und die Shoah zu schreiben? Ich hoffe es. Aber ich fürchte, dass nach der Apotheose mit Littell erneut ein langes Schweigen beginnt. Vielleicht wird man sich erst in fünfzig Jahren wieder mit dem Thema befassen.
Das Gespräch führte Jürg Altwegg.
Text: F.A.Z., 08.02.2008, Nr. 33
Kommentare
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Karsten Garscha schreibt: Notwendigkeit der Fiktionalisierung
Jorge Semprún hat ganz gewiss recht mit seiner Feststellung, dass Schriftsteller ganz wesentlich dazu beitragen können, die Erinnerung an die Shoah zu bewahren, vielleicht sogar mehr als Historiker.
Es ist auch sicherlich richtig, dass junge Autoren sich dieser Erinnerung zuwenden sollten, wie es etwa Soazig Aaron 2002 mit "Le Non de Klara" getan hat. Soazigs Roman (übrigens hoch gelobt von Semprún) besticht durch die ausgefeilte sprachliche Gestaltung, die den Leser nachhaltig affiziert. Semprún selbst ist ja ein großartiger Künstler, dessen Bücher gerade durch Literarisierung und Fiktionalisierung bestechen und wirken.
Über diese Gestaltungskraft verfügt Littell nach meiner Überzeugung überhaupt nicht, und in diesem Punkt empfinde ich gänzlich anders als Semprún. Dass er sich in der Goncourt-Jury gegen die "Lanzmann-Schule" gewandt hat, ist konsequent. Und natürlich kann auch ein literarisch misslungenes Buch zu fruchtbaren Diskussionen führen.
Herold Binsack schreibt: Spanien und seine "Vergangenheit"
Ein wichtiger Satz am Rande: "In Spanien, wo das Buch bereits erschienen ist, gab es keine wirkliche Debatte. Das Land hat zu dieser Vergangenheit keine reale Beziehung."
Ich würde es anders formulieren: Das Land hat zu dieser Vergangenheit als Vergangenheit keine reale Beziehung, denn für Spanien war (und ist) der Faschismus keine wirkliche Vergangenheit. Und: wann hatten die Spanier Zeit sich mit einer solchen "Vergangenheit" auseinanderzusetzen? – Vielleicht ab jetzt erst?!
Eckart Haerter schreibt: Mir graust
Allein wegen seiner gedanklichen und sprachlichen Klarheit ist es ein Genuss, die Aussagen von Herrn Semprún zu lesen. Natürlich hat er recht, dass die Erinnerung an den Holocaust nie sterben darf. Und trotzdem muss man fragen dürfen, ob nicht die vorhandenen Mahnmale und Museen, wie z.B. das Jüdische Museum in Berlin, dazu ausreichen. Ich konnte mein Leben lang nicht ins Ausland reisen, ohne mit der deutschen Schande belastet zu sein und mich dafür schämen zu müssen. Auch heute noch muss man gelegentlich Erklärungen abgeben zu den rechtsradikalen Ausschreitungen bei uns. Das wäre nicht so ohne die Nazi-Periode in unserer Geschichte. Mir graust bei dem Gedanken, dass auch mein Enkelkind noch als Schulderbin der Nazis angesehen werden soll. Ich finde, kommende Generationen haben einen Anspruch darauf, so unbelastet und frei wie alle anderen jungen Menschen dieser Welt ihr Leben führen zu dürfen (und dabei selbstverständlich um den Holocaust als historisches Ereignis zu wissen).
Jörg Beckmann schreibt: Ein anderes Grausen
Mir graust überhaupt nicht bei dem Gedanken, dass auch meine Enkelkinder noch als "Schulderbin der Nazis" angesehen werden könnten.
Erstens haben bereits meine Kinder - obwohl immer wieder im Ausland - nichts dergleichen erfahren und zweitens graust mir viel mehr bei dem Gedanken, das unsere Enkelkinder kaum noch etwas von der Nazi-Zeit und der großen deutschen Schuld wissen, geschweige denn erklären können, wieso es dazu kam.
Doch das ist ein ganz anderes Grausen.
Hein Osenberg schreibt: Die Chance der Täterperspektive nicht ausreichend genutzt
Auch mich hat es zunächst fasziniert, zu lesen, wie sich jemand die Verbrechen des Dritten Reiches aus der Täterperspektive vorstellt. Was treibt so jemanden an? Was hat er erlebt, daß er so etwas tut?
Leider nutzt "Die Wohlgesinnten", soweit ich das Buch bisher gelesen habe, diese Chance nur teilweise, da es zwar fleissig und - wie mir scheint - genau die historischen Fakten verarbeitet. Für mich zerstören die sexuellen Obessionen von Max Aue aber viel von dem Potential des Ansatzes, da sie, soweit ich das beurteilen kann, letztlich von den Motivationen der meisten der historischen Täter ablenken.
Vielleicht schreibt einmal jemand einen Roman aus Sicht eines der Mitarbeiter am Generalplan Ost oder eines Mitgliedes des Polizeibatallions 101. Ein konzentrierterer Ansatz würde wahrscheinlich meine Fragen eher beantworten. Aber sicher nicht eine solche öffentliche Diskussion hervorrufen.
Rainald Maaß schreibt: Gegen das Sterben der Erinnerung
Zur deutschen Geschichte habe ich zuletzt drei Werke gelesen:
Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden;
Saul Friedländer: Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten; und
Renate Marzolff, Leontine und Victor Goldschmidt
In der täglich aktuellen Wirkung hat das Buch von Marzolff die nachhaltigste Erinnerung bewirkt: ich komme täglich in Heidelberg am Familiensitz der Speers und dann in der Friedrich-Ebert-Anlage (seinerzeit Leopoldstraße) am Anwesen Nr. 12 vorbei. Hier wohnte bis zu ihrem Tod Leontine Goldschmidt bis zu ihrem Tod am 25. August 1942: der Deportation nach Theresienstadt durch die Gestapo entzog sie sich durch die Einnahme von Veronal. Jedesmal beim Vorbeifahren sehe ich das Haus Leopoldstraße 12, und ich sehe vor meinem geistigen Auge die Gestapo vor dem Haus aufmarschieren.
Ich denke, man muss die Erinnerung an den Opfern lebendig halten, z.B. an jedes Haus, aus welchem Juden deportiert wurden, eine Gedenktafel anbringen.
Claus Coester schreibt: Erinnerungskultur muss gepflegt werden
Eckart Haerters Position ("Mir graust") sollte man nicht beipflichten. Da schließe ich mich als Vertreter der Singularitätsthese (Bezug Historikerstreit) doch lieber Jörg Beckmann an. Es ist das Los künftiger deutscher Generationen, sich mit dem Genozid an den Juden Europas auseinanderzusetzen. Die intellektuelle Auseinandersetzung des Einzelnen bedeutet den Versuch, über die Geschichte des eigenen Volkes Rechenschaft abzulegen. Von Bewältigung der Geschichte soll keine Rede sein. Was geschehen ist, lässt sich nicht bewältigen. Also bitte keinen Schlussstrich! "Vom Holocaust als historisches Ereignis zu wissen (Zitat Haerter)" ist doch zu anspruchslos. Diese Äußerung aus dem Munde eines Finnen oder Nigerianers z.B. - einverstanden: sie zeugte von ernsthaftem historischem Interesse. - Jorge Sempruns Hoffnung, dass Geschichte weniger durch die Historiker als durch die Dichter und Epiker wachgehalten wird, ist begründet.