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Die jüdischen Zwillinge

Klaus Theweleit greift die Littell-Kritiker an

Klaus Theweleit

Link zu Klaus Theweleits Ergänzungen in der tageszeitung

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Monsieur Coutard, gibt es Regeln beim Filmemachen?" "Non, Monsieur le directeur, die gibt es nicht", antwortet Kameramann Raoul Coutard auf die Frage des Regisseurs Jerzy in Jean-Luc Godards Film "Passion" (1980); ein Film am Anfang einer Serie von Godardfilmen, die so gut wie alle Regeln des Kinos brechen und damit noch einmal neu definieren, was "Film" sein kann oder hätte sein können - würde er nicht von lauter Regel-Erfüllern gemacht, die ihn umbringen.

"Gibt es Regeln in der Literatur, Frau Radisch?" "Aber ja", schallt die Antwort, "aber nur!", aus der "Zeit" wie aus manch anderem deutschen Feuilleton - einem Buch entgegen, dessen Ruf von Westen her über den Rhein gewaltig zu uns dringt; das überall entschieden besprochen ist, bevor der deutsche Verlag es überhaupt ausgeliefert hat; dem heftig die rote Karte gezeigt wird; dem nachgewiesen wird, dass man in Frankreich, wo dieser Schmarren 800.000 Mal verkauft worden ist, wieder mal keine Ahnung hat von so urdeutschen Angelegenheiten wie den Massenmorden des Zweiten Weltkriegs und der angestrebten Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazi-Deutschen. Es hallt ein Ruf wie Donnerhall: "So nicht, Herr Littell!"

Was hat er denn getan, der Arme? Er lässt auf 1381 Seiten - etwas reichlich, zugegeben - die deutsche Kriegs- und Ausrottungspolitik der Jahre 1941 bis 1945 von einem Ich-Erzähler ausbreiten, der unter dem Namen Max Aue, SS-Obersturmbannführer, figuriert. Er nennt das Ganze Roman, lässt die deutschen Mordgeschichten darstellen aus der Sicht und in der Sprache eines hochrangigen Täters, wobei er die Personennamen der tatsächlichen Geschichte benutzt. Historisch scheint er bestens informiert. Die SS-Leute, die auftreten, und die Handlungen, die er beschreibt, hat es gegeben. Aber: Täterperspektive, womöglich Einfühlung; "darf man das?" Wo wir sonst - Regel! - an Bücher aus der Opferperspektive gewöhnt sind; die wir gelernt haben, gut und geduldig zu goutieren.

Dass er gut recherchiert hat, wird allgemein bescheinigt. Aber, ein Aufschrei: "Der Mann kann nicht schreiben!" "Grauenhaft!" Am schärfsten Iris Radisch. Sie befindet, dass die französische Kritik, die mit Littell weit freundlicher umgeht, auf "das Misslungene des Romans - die Kolportage, den Kitsch, die Pornografie, das NS-Geschwätz" - hereingefallen sei. Außerdem findet sie, "die Nachtgewächse des französischen akademischen Diskurses tragen nichts bei zur Lösung der schmerzhaften Frage, was genau unsere Großväter zu Mördern gemacht hat". Hart an der Grenze zu einem journalistischen Rassismus innerhalb der EU. (Sie verstehen sie einfach nicht, unsere schmerzhaften Fragen, die akademischen Nachtgewächs-Franzosen! Empor ins deutsche Tageslichtdenken!)

Radischs zwei Seiten lange Invektive schließt: "Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rassenideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen?" Um Himmels willen, ja, warum! Ein Idiot! Dingfest gemacht von rasender Radisch. Ihr Text verletzt die mindesten Höflichkeiten unter Angehörigen der schreibenden Zunft so sehr, dass man sich fragt: Was ist in sie gefahren bei der Qual der Lektüre? Wenn ich auf ein Buch stoße, das mich derart abstößt, lese ich nicht 1400 Seiten; ich lege es nach fünfzig weg und überlasse das Besprechen jemand anderem.

Was hat man erwartet?

Ein Problem, das mich durchaus bewegt hat bei der Lektüre. Bei der ersten Ankündigung dieses Buchs - ein jüdischer Autor im Körper eines SS-Killers - wusste ich: Das wird schrecklich. Und: Ich werde es lesen müssen. Und es wurde schrecklich. Nicht der erste Satz: "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist" - ein Gestus, den ich als Anklang nahm an "Nennt mich Ismael", den ersten Satz von Melvilles "Moby Dick", und der mir gefiel. Zumal der Autor ihn gleich ironisch zurücknimmt: "Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen." Ein Anfang, nach dem man aber wissen kann, dass dieser Autor nicht zu den schlechtesten zählt. Aber dann zerrt er einen in den schmutzigen Krieg der Deutschen in der Sowjetunion; zu den 33 000 von der Wehrmacht erschossenen Juden in der Schlucht von Babij Jar bei Kiew. Und man will das nicht. Man will das nicht aus genau den Gründen, die Iris Radisch nennt: weil die Sprache fürchterlich ist; so fürchterlich einfach; so ein Groschenheftstil, Trivialroman. "Kitsch", tönte es aus diversen Ecken, jüngerscher Kriegsedelkitsch bestenfalls; durchsetzt mit sexuellen Phantasien, der Beschreibung der Ejakulationen der Gehenkten, der Selbstbeschmutzung der Erschossenen; ein Meer von Schlamm, Sperma, Blut und Scheiße mit SS-Männern, die eine Partisanin reihum küssen, bevor sie sie erhängen - eklig, grausig.

Bloß: was hat man erwartet? Dass wir so etwas erzählt bekommen in Thomas Mannscher Distanzschreibe? Literarisch poliert? Das genau wäre ein Verbrechen gewesen. Ich habe Furchtbares erwartet und Furchtbares bekommen; und habe etwa 700 Seiten gebraucht, bis ich kapiert habe: das geht nur so; das geht nur in dieser Art Schreibe; das geht nur in diesem Pseudo-Denker-Stil, in dem Dr. Max Aue sich (angeblich) vom durchschnittlichen SS-Brutalo unterscheidet; weil: man braucht sich nur Himmlers Posener Rede vom Oktober 1943 anzuhören, dann weiß man: dies Sprachkonglomerat, das Jonathan Littell herstellt - das den Leser schmerzen soll und muss -, trifft die Sache genau: das widerliche Funktionieren der kaltherzig mordenden deutschen SS-Intelligenzija als selbsternannter Kulturelite, ihre behauptete Vorreiterschaft in der Erzeugung des Neuen Menschen, dessen nationalsozialistischer Utopieentwurf jederzeit wetteifert mit den primitivsten Cyber-Phantasien schlechtester Science-Fiction, die kalte Bürokratie, der heiße Alkoholismus, das Vulgäre, die körperauflösenden sexualisierten Gewaltphantasien; all das kommt in der nahezu unerträglichen Sprache des Buchs zum Ausdruck. Einer Sprache, die nicht versucht, ein mögliches SS-Idiom wiederzugeben, sondern die synthetisiert ist, aufgespannt zwischen drei Polen: der exakten historischen Täterforschung, der Beschreibung psychischer Täterstrukturen, wie ich sie versucht habe in "Männerphantasien" und einem Buch wie Helmuth Lethens "Verhaltenslehren der Kälte". Die von Lethen analysierte affektive Kälte als Strukturmerkmal der deutsch-nationalen Intelligenz der 20er, 30er Jahre erscheint modellhaft in Littells Dr. Aue, dessen Affekte überbrodeln in seinen Masturbationsphantasien; aber die kleinste Mitleidsaufwallung mit einem der ermordeten Juden sucht man vergebens.

Keineswegs wird dieser Max Aue von Jonathan Littell unangemessen heroisiert und in eine Art Unschuldslamm verwandelt; ganz im Gegenteil, er destruiert diese Figur nach und nach zu dem letzten Dreck, der Aue tatsächlich ist; nur: dieser letzte Dreck trägt Züge, die im deutschen Kontext üblicherweise anders konnotiert sind: er denkt (ein bisschen), er liebt die Musik, besonders die Bachs, er hätte eigentlich Pianist werden wollen (war aber zu faul), er kennt sich aus in den besten Weinjahrgängen, er ist in vieler Hinsicht das, was in Deutschland gern "kultiviert" heißt, er ist ein Dr. iur.; wie überhaupt Littell großen Wert darauf legt, das SS-Führungspersonal mit seinen tatsächlichen Doktortiteln zu versehen, Dr. Best usw.

Aber: warum so lang? Littell hat sich vorgenommen, die Leser durch den ganzen Krieg im Osten zu schleppen, durch die Lager, durch alle Züge der Vernichtung in einer Eindringlichkeit, die ich bei keinem historischen Werk, ausgenommen die Bücher Raul Hilbergs, so erlebt habe. Ich verstehe gut, wenn Leser sagen, sie wollen sich dem nicht aussetzen. Das Buch kann beschädigen. Eben weil es nicht schlecht geschrieben ist, sondern bohrend und eindringend. Es okkupiert den, der sich einlässt.

Scheitelauge

Einen besonderen Zug des Romans, der in kaum einer Rezension angesprochen wird, will ich genauer betrachten. Er betrifft Aues Zwillingsschwester Una. Diese Una kommt permanent doppelt vor im Roman: einmal als inzestuöse Dauerphantasie in Aues Kopf, nachdem der reale Inzest ihrer Adoleszenz durch ihre Erzieher grausam beendet worden ist, und dann als erwachsene Frau; Ehefrau des Komponisten Berndt Üxküll; eines Mannes, der die Nazis und die SS nicht mag, der die Musik Schönbergs bewundert und Kontakt zu den Attentätern des 20. Juli hat. Diese lebenslang heißgeliebte, aber von ihm getrennte Doppelschwester Una lässt Aue in einem fiktiven Disput zwischen Üxküll und ihm den Satz sagen: "Ich weiß, warum wir die Juden getötet haben." Des Rätsels Lösung also. Und sie fährt fort - in Aues Kopf:

"Indem wir die Juden töteten, sagte sie, wollten wir uns selber töten, den Juden in uns töten, töten, was in uns der Vorstellung glich, die wir uns vom Juden machen. Den vollgefressenen Bürger in uns töten, der seine Groschen zählt, der der Ehre hinterherläuft und von der Macht träumt (. . .) Denn wir haben nie begriffen, dass alle Eigenschaften, die wir den Juden zuschrieben - Gemeinheit, Schwachheit, Geiz, Gier, Herrschsucht und Bösartigkeit -, zutiefst deutsche Eigenschaften sind und dass die Juden diese Eigenschaften nur deshalb an den Tag legen, weil sie davon träumten, den Deutschen zu gleichen, Deutsche zu sein, weil sie uns sklavisch nachahmen als den Inbegriff dessen, was schön und gut ist am Großbürgertum, das Goldene Kalb derer, die die Strenge der Wüste und des Gesetzes fliehen. Vielleicht haben sie auch nur so getan als ob, vielleicht haben sie am Ende diese Eigenschaften gewissermaßen aus Höflichkeit angenommen, aus einer Art Sympathie, um nicht so abweisend zu wirken."

Aber es geht weiter in Unas Rede: "Wir dagegen, wir Deutschen, haben davon geträumt, Juden zu sein, rein zu sein, unzerstörbar, einem Gesetz verpflichtet, anders als alle Anderen, und in der Hand Gottes zu sein." Es geht demnach um die Frage, nicht nur an dieser Stelle, wer Gottes auserwähltes Volk ist; ein Anspruch, den Deutsche und Juden bei Littell teilen. Es kann aber nicht zwei auserwählte Völker geben, sondern nur eines: das stärkere - die Arier, Nazi-Deutschland, uns. Die anderen - so sehr wir sie bewundern und beneiden - müssen weg.

Littells Buch behandelt diese affektiv-intellektuelle Symbiose des "Deutschen" mit dem "Jüdischen" des 20. Jahrhunderts in vielen Facetten; eine Symbiose, die, nach Maßgabe der zerrissenen Körperlichkeit der Deutschen in dieser Symbiose nur gewaltsam gelöst werden konnte. So wie tatsächlich viele deutsche Jünglinge der Vor-NS-Zeit ihre Symbiose mit dem Körper der eigenen Mutter nur lösen konnten durch die Militarisierung des eigenen Körpers; durch eine affektive Vernichtung des Mutterkörpers also. Ein Zug, den Max Aue im Verhältnis zum Körper seiner Mutter exakt vorführt. Der offen empfundene "Hass" auf die Mutter bei Aue besteht in erster Linie darin, dass sie ihn aus der einzig glücklichen Symbiose, nämlich jener mit der Zwillingsschwester in der Fruchtwasserblase, herausgeworfen, die beiden also geboren hat. Das ist ihr Verbrechen. Dass das einzige Glück Aues im geteilten Paradies im Innern des Mutterleibs gelegen habe, ist geradezu ein Leitmotiv von Littells Buch. Inzest war vor allem immer schon die Gemeinsamkeit mit Una im Mutterleib.

"Fünf, setzen"

Una fährt in Max Aues sich langsam betrinkendem Kopf in ihrer fiktiven Rede fort: "Auch Berndts Freunde haben davon überhaupt nichts begriffen. Sie meinten, das Massaker an den Juden habe letztlich keine große Bedeutung, und indem sie Hitler umbrächten, könnten sie das Verbrechen ganz allein ihm, Himmler, der SS, einigen kranken Mördern, dir anlasten. Aber sie sind dafür genauso verantwortlich wie du, weil auch sie Deutsche sind und weil auch sie Krieg geführt haben, damit dieses Deutschland - und nicht ein anderes - siege. Am schlimmsten aber ist Folgendes: Wenn die Juden davonkommen, wenn Deutschland untergeht und die Juden überleben, werden sie vergessen, was es heißt, Jude zu sein, sie werden mehr als jemals zuvor Deutsche sein wollen." Aue: "Und plötzlich kam mir meine Halluzination aus dem Zeughaus in Erinnerung: der Führer als Jude mit dem Gebetsschal der Rabbiner und den ledernen Kultobjekten vor einer großen Zahl von Zuhörern, von denen es niemand bemerkte, außer mir."

Max Aue führt diese Fähigkeit oder auch Last, Dinge zu sehen, die sonst niemand sieht - den "Führer als Juden" - auf den Kopfdurchschuss zurück, den er in Stalingrad erhielt und knapp überlebte. Das Eintrittsloch der Kugel, das er mit dem Finger fühlen kann, übersetzt er in solchen Momenten in sein Scheitelauge, das dritte Auge des anthropologischen Frühmenschen (von dem etwa auch Gottfried Benn träumte in seinem Aufsatz "Der Aufbau der Persönlichkeit", um 1930). Ein Delirium, in dem Aue Hitler als fanatisch-kaputten Deutschen sieht, darauf aus, alles Jüdische zu kopieren; so wie es immer wieder im Roman um die tatsächliche Ähnlichkeit zwischen Nazi-Deutschen und deutschen Juden geht; beziehungsweise um den ungeheuren Neid dieser Deutschen auf die Überlegenheit der Juden, die die Deutschen sich anzueignen suchten; die sie ihnen zu rauben suchten, indem sie sie vertrieben und töteten.

Das hat eine Parallele im Roman; denn Ähnliches gilt für das Verhältnis der Nazi-Deutschen zu den Bolschewisten. Auch deren Überlegenheit in denkerischer und organisatorischer Härte wird durchgehend thematisiert. Wie es - entsprechend - in dem langen Disput Aues mit einem gefangengenommenen Sowjet-Kommissar - einem Disput, der sehr an Dostojewskijs Großinquisitor erinnert - zur Sprache kommt. Der Sowjet-Kommissar rechnet dem SS-Mann vor, wie seine Nazis alle möglichen Züge des Marxismus und des Sowjetstaats kopiert, nachgemacht und dann pervertiert hätten; wofür sie sich an den Sowjets nun rächten, indem sie sie ebenfalls auszurotten suchten.

Autor der Ansichten dieses Scheitelauges im Roman ist natürlich mehr Jonathan Littell mit seinem historisch-analytischen Wissen als seine Romanfigur Obersturmbannführer Aue. Frage: Warum werden solche Stellen von Littells Roman in den Besprechungen nicht diskutiert. Zu heiß, zu dicht? Fortsetzung der gewohnten deutschen Verdrängungen?

Die Sache bekommt einen weiteren Dreh in Aues letztem SS-Auftrag: er wird von Himmler abkommandiert zur Untersuchung von Missständen in den Konzentrationslagern und vor allem mit der Aufgabe, die Arbeitskraft der deportierten Juden besser für Speers industrielle Kriegsproduktion nutzbar zu machen. Begrüßt wird er dafür etwa vom Kommandanten Globocnik mit dem Satz: "Wenn ich das Schreiben des Reichsführers richtig verstehe, sind Sie eine dieser Nervensägen, die die Juden unter dem Vorwand retten wollen, wir brauchten sie als Arbeitskraft?"

Aue denkt keineswegs an "Rettung" der Juden. Er denkt an erhöhte Lebensmittelrationen für die Arbeitsfähigen, um deren Tagesleistung zu erhöhen. Er scheitert an der Dummheit, der Brutalität und der Selbstbereicherungssucht der KZ-Führungen. Gegen Globocnik, Höss in Auschwitz und andere wurden tatsächlich Ermittlungsverfahren eingeleitet, Versetzungen ausgesprochen et cetera. Wir haben dabei Himmlers Satz aus seiner Posenrede im Ohr: "Jeder SS-Mann, der sich auch nur mit einer Reichsmark aus jüdischem Vermögen oder sonst wie bereichert, wird rücksichtslos erschossen." Von wegen. Bergeweise lagen die Akten über derartige Verfehlungen bei ihm, erstellt von Himmlers eigener Untersuchungskommission. So gut wie jeder der Typen hätte erschossen werden müssen, demnach; weil: sie benahmen sich wie Juden; klauten, unterschlugen, bestachen, bereicherten sich. Wie ja dann auch Himmler selbst sich des höchsten Verbrechens schuldig machte, des Vaterlandsverrats, indem er im Frühjahr 1945 im eigenen Namen geheime Friedensverhandlungen mit den Alliierten aufnahm. Aue im Buch ist Mitwisser dieser Aktion. Und killt selber auf der letzten Seite des Buchs seinen besten Freund, SS-Mann Thomas Hauser: nicht aus Mordlust, sondern um an die Papiere eines französischen Fremdarbeiters zu kommen, die er in Hausers Tasche weiß - die Aue braucht, um seine französische Nachkriegsexistenz zu begründen. Das Buch endet wie ein Splatter-Movie, angemessen grob-trivial.

Aber: die deutschen Herrschaften, die in diesem Fall auch deutsche Damenschaften sind, wünschen sich etwas mehr literarische Qualität, bitte schön. So wie der Historiker Ulrich Herbert, gestandener Wissenschaftsoffizier, Forschungsstände anmahnt: Herr Littell trüge nichts Neues bei zur Forschung. "Fünf, setzen". Er bebildere nur einen Forschungsstand, und zwar den der 60er Jahre, schreibt Herbert - letzte Behauptung überschreitet die Grenze zur Unverschämtheit. Auch der Schriftsteller Littell bekommt die Note sechs. Herbert: "Ich finde das Buch langweilig, die Charaktere hölzern, die Geschichte kolportagehaft und konstruiert. Und ich habe den Eindruck, dass es sich für eine ernsthafte Debatte über NS-Täter und NS-Verbrechen auch nicht eignet." Mülleimer also (nur ein Literaturgefreiter, dieser Littell). - Ich bin mir nicht so sicher, ob das strukturelle Herrenmenschentum, das der Historiker Götz Aly dieser Tage unbedingt den 68er-Aktivisten aufhalsen möchte, nicht leichter und auch zutreffender woanders im aktuellen öffentlichen Deutschtum ausfindig zu machen wäre.

Klaus Theweleit

Klaus Theweleit, 66, ist Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. In seinem Buch "Männerphantasien" von 1977 sucht und untersucht er die Grundlagen eines faschistischen, soldatischen Bewusstseins.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.02.2008
Bild: dpa


Kommentare


24.02.2008 | 13:53 Uhr
Horst Gothus schreibt: Danke, Herr Theweleit!

Ihr Beitrag scheint mir außerordentlich wichtig zu sein.
Hier erklären Sie nicht nur fundamentale Aussagen des Buches, die sich nicht ohne weiteres eröffnen. Sondern man begreift jetzt besser die Bedeutung des Verhältnisses Aues zu seiner Mutter und dass er sie (wahrscheinlich) getötet hat.


24.02.2008 | 16:18 Uhr
Herold Binsack schreibt: Gleichgültig gegenüber der Geschichte und gleichgültig gegenüber den Opfern

Wir ahnen es:Die Normalität ist pathologisch, aber wir wissen auch, dass dies von einem (mit-)gesagt wurde, der diese "Krankheit" zuvor selber durchlebte. Und es war schon eine nicht falsche (marxistische) Kritik an Wilhelm Reich, dass auch die Psychoanalyse zur Verdrängung geeignet ist. Es darf nicht zugelassen werden, dass das "Herrenmenschentum" als eine psychische Krankheit behandelt wird, und es darf auch nicht so dargestellt sein, als ob der Faschismus eine Projektion gegenüber Sozialismus und Judentum sei. Das wäre nur ein Zweig in dieser Geschichte, und jener beschäftigt sich mit dem "Faschismus im Volk (der Deutschen)" und nicht mit dem Faschismus des Volkes der Deutschen; das zu verwechseln bedeutet auch den antagonistischen Klassenwiderspruch zu leugnen - und ein solches Vorgehen verharmlost den Faschismus so wie es das ganze deutsche Volk zu Faschisten macht. Und Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte wird als Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern empfunden.


24.02.2008 | 16:44 Uhr
Engelbert Flügel schreibt: Danke, Herr Professor Theweleit,

ich bin vom Jg 1929 und von meinem wunderbaren Vater von Kind an stringent antinazistisch erzogen, bin also "Zeitzeuge" und kenne unsere braunen Pappenheimer sehr genau. Deswegen nochmals danke für diesen Artikel; ich stimme ihm vollinhaltlich zu.
Meine bisherige Verehrung für Frau R. hat einen kleinen Knacks bekommen...


24.02.2008 | 17:15 Uhr
ingrid schiffler schreibt: Wirre Gedanken in Max Aues Kopf

Klaus Theweleit greift eine Stelle aus Littells Roman heraus, in der Max Aue, der eine Kopfverletzung hat und im Begriff ist, sich zu betrinken, wiedergibt, was ihm durch den Kopf geht. Er "philosophiert" über das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen.
Er fragt sich, warum Juden in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert danach streben, zum
deutschen Großbürgertum zu gehören und sich deshalb bemühen, so zu werden wie die Deutschen, um akzeptiert zu werden.
Auf der anderen Seite fragt er sich, warum die Deutschen bzw. die Nazis die Juden so sehr hassen, dass sie sie vernichten wollen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass sie neidisch sind, und zwar darauf, dass die Juden das auserwählte Volk Gottes sind. Sie möchten lieber selbst die Auserwählten sein, und sie glauben daran, dass sie es aufgrund ihrer "Rasse" sind.
In Max Aues Kopf werden den Deutschen alle bösen Charaktereigenschaften unterstellt wie Gier, Gemeinheit, Schwachheit, Geiz, Gier, Herrschsucht, Bösartigkeit, die Juden hingegen sind rein, unzerstörbar, einem Gesetz verpflichtet, anders als alle Anderen.
Diese wirren Gedanken im Kopf des sich betrinkenden Max Aue sind von Jonathan Littell erfunden und entbehren zunächst nicht einer gewissen Faszination, nur darf man sie nicht verwechseln mit der Wirklichkeit.
Natürlich wollten die im 19. Jahrhundert endlich emanzipierten Juden dazugehören, sie wollten sich in die Gesellschaft integrieren. Höchstes Ziel war es vielleicht, zum Großbürgertum zu gehören. Von diesem Großbürgertum zeichnet Littel jedoch ein falsches Bild. Es ist nicht schwarz, und das Judentum ist nicht weiß, nein, beide sind gemischte Charaktere. Beide sind teilweise gierig, beide teilweise großzügig, wie Menschen eben sind.
Natürlich gab es den Neid, das ist bekannt. Natürlich wollten viele Deutsche genauso reich sein wie einige Juden, natürlich wollten viele so viel Einfluss wie einige Juden. Juden kamen aus einer den Deutschen "fremden Welt", vor allem diejenigen, die nach dem 1. Weltkrieg aus den Ghettos Polens nach Deutschland kamen und fremdartig gekleidet waren.
Diese Menschen hatten plötzlich in Deutschland die Möglichkeit, sich zu emanzipieren, d. h. am Fortschritt teilzuhaben, und sie strengten sich an, zu den Besten zu gehören. Die Deutschen hingegen hielten sich per se für etwas Besseres und gönnten den Juden nicht, dass sie sich in der Gesellschaft Plätze eroberten, die die Deutschen für sich gepachtet zu haben glaubten. So entwickelte sich der Hass auf die "Schmarotzer". Ohne einen charismatischen Führerin einer wirtschaftlich und politisch äußerst prekären Situation hätte dieser Hass nicht bis zur Vernichtung gesteigert werden können.

Es ist verständlich, dass Jonathan Littell als Außenstehender wie wir diesen Hass und Vernichtungswillen begreifen will, aber glücklicherweise sind die Ideen in Max Aues verwirrtem Kopf nicht seine eigenen, sondern das, was er sich ausgedacht hat für seinen Roman. Er trifft damit vielleicht die Gedanken von manch verwirrten Köpfen, aber mehr Bedeutung dürfen wir dem nicht beimessen.
Wenn Klaus Theweleit die Frage stellt, warum in den Besprechungen des Romans diese Stelle nicht diskutiert wird, und die Vermutung äußert, das Thema könnte zu heiß sein, es handele sich vielleicht um Verdrängung, so bin ich nicht seiner Meinung. Mittlerweile geht es doch bei vielen Deutschen, und vor allem denen, die sich mit dem Roman beschäftigen, nicht um Verdrängung, sondern um eine klare Haltung zu Juden in Deutschland und denen in Israel und der Welt.


24.02.2008 | 17:45 Uhr
Alfredo di Stefano schreibt: Angewidert und faszniert zugleich

Ich habe nur widerwillig, mit Verspätung und halbherzig die Lektüre von Littells Skandalbuch in der FAZ begonnen. Schon bald war ich fasziniert und habe den Rest in einem Zug (dank faz.net) verschlungen.
So etwas habe ich in der Rat noch nicht gelesen. Die Perspektive, die Littell anbietet, ist verstörend und erhellend zugleich. Sicherlich, manches kennt man aus der neueren (!) historischen Fachliteratur, aber die Verpackung als Roman ist absolut neu. Wohltuend hebt sich Littells realistischer, dekonstruierender Stil von dem oft seifigen Ton ab, den die deutsche Opferliteratur in den letzten Jahrzehnten stereotyp reproduziert.
Hier handelt es sich wahrhaft um große Literatur, verstörend, schockierend, sezierend.


24.02.2008 | 19:47 Uhr
Henning Heske schreibt: Ein unerträgliches Buch - unbedingt lesenswert

Theweleits Kritik ist ebenso wie das Buch sehr lesenswert.
Ohne Zweifel ist Littels Täterperspektive sehr sorgfältig recherchiert und wirkt auf äußerst beklemmende Weise authentisch.
Mit diesem Buch hat Littell jetzt schon erreicht, dass über die langsam verblassenden Gräueltaten des Nationalsozialismus wieder intensiv diskutiert werden. Und dass dies nicht nur von wissenschaftlicher Seite her geschieht, welche die gesamte Dimension dieses Phänomens gar nicht erfassen kann, sondern nun auch von literarischer Seite ist ein Verdienst Littels, der nicht hoch genug zu würdigen ist. Denn ein deutscher Autor hätte ein solches Buch niemals schreiben dürfen. Dieses in besonderer Weise schreckliches, fast unerträgliches Buch.


24.02.2008 | 20:34 Uhr
Achim Pfeiffer schreibt: Danke

Herr Theweleit,
Danke für diese sehr konstruktive und sehr undeutsche Kritik dieses Romans. Viele andere Kritiker haben anscheinend vergessen, dass es sich bei "Les bienveillantes" um einen Roman, ein Stück Literatur und nicht um eine Dokumentation, historische Abhandlung, ideologisches Manifest etc. handelt.
Weiter unterschlägt die gängige (und typisch deutsch-besserwisserische) Kritik dass es sich um einen französischen Roman handelt, der einfach den Alleinvertretungsanspruch der deutschen (Litertur-) Kritik ignoriert (wahrscheinlich die grösste Sünde in den Augen dieser "Kritiker").
Nochmals danke für diese Kritik, die die Schwächen dieses Romans nicht unterschlägt, ihn aber trotzdem als Roman würdigt und nicht in Sprachschablonen abtaucht.


25.02.2008 | 03:49 Uhr
Thomas Neuber schreibt: überflüssig

Fiktion im Zusammenhang mit dem Holocaust ist für mich überflüssig.
Es existiert Authentisches, z. B. Eugen Kogon, "Der SS-Staat".
Es stellt für mich eine fruchtlose Vermessenheit dar, die seelischen Hintergründe eines akademischen, schwulen SS Mannes nachvollziehen zu wollen. SS-Männer fühlten sich als Herren-Menschen. An Stelle von Gewissen und Skrupel existierte bei Ihnen nur der Führer-Befehl. Eines Führers, der weder Bildung noch irgend eine Qualifikation besaß, zu der Position in den ihn die Geschichte gestellt hatte. Eines Führers dessen Bewusstsein nur durch Hass und Verachtung geformt war. Das ist seit vielen Jahren bekannt. Also was soll das Buch?


25.02.2008 | 11:36 Uhr
Christian Erkelenz schreibt: Den Zeitgeist verinnerlichen!

Wer garantiert uns, dass die heutige Demokratie nicht nur eine flüchtige Erscheinungsform unseres Zeitalters ist, deren moralische Grundlagen kommende Generationen nie und nimmer werden nachvollziehen können? Es gibt keine ewigen, 1000-jährigen Werte - so edel und wahr sie uns auch heute erscheinen mögen.

Wenn man die Grautöne von Menschen und Zeiten überhaupt beurteilen kann, dann nur mit dem kompromisslos-vorurteilsfreien Blick auf den DAMALIGEN Zeitgeist, kombiniert mit tiefem Fachwissen. Man muss sich mit aller Kraft und tiefster innerer Bereitschaft in das damals existierende Weltbild einspinnen, und zwar mit dem Kopf UND dem Herzen. Dafür muss man seine heutige, anerzogene Sichtweise ablegen, sonst bekommt man stets ein eingefärbtes Bild.

Genau das hat Littell mit seinem Roman versucht und offensichtlich auch geschafft. Die von Klaus Theweleit treffend erwähnten, teilweise an Hysterie grenzenden Reaktionen unserer moralbeladenen Kulturelite, sind dafür der beste Beleg.


26.02.2008 | 10:33 Uhr
Peter Lehnen schreibt: Konstruktive Kritik

jetzt liegt das Werk auf dem Tisch und diese Kritik macht es doch leichter sich ans Lesen zu wagen. Denn man wird anhand der zitierten Kritiker vorgewarnt. Aber man wird vor allem neugierig gemacht, den Trampelpfaden nicht zu folgen. Ein sehr guter Beitrag, der vor llem eines deutlich macht: Dass es Zeit ist, aus der selbstmitleidigen Schmollecke zu kommen und dass gute Bücher sich über etablierte konventionen und piltische Korrektheit hinweg setzen können. Danke!


26.02.2008 | 12:33 Uhr
Walter Hering schreibt: Mit viel Vorfreude: Glückwunsch für Herrn Theweleit!

Vielleicht dazu eine Formulierung, die die das Elend des bildungsbürgerlichen Feuilletons kennzeichnen mag:
Noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatten die Artikel, die "unterm Strich" geschrieben wurden, den Charme, gewissermassen ehrliches Geschwätz zu sein. Den Radisch et al. (incl. der Qualitätsjournalisten der NZZ) darf zugeschrieben werden, daß sie für das Polieren der Köpfe ihres Klientel "auf dem Strich" schreiben. Ihr Problem ist, daß sie es nicht einmal als eine professionelle Deformation dechiffrieren können.
Insoweit sei Herr Theweleit, den ich wegen der Herkunft aus der Psychoecke bisher abgelehnt habe, für diese klingende Maulschelle beglückwünscht.


03.03.2008 | 23:07 Uhr
Antonín Dick schreibt: Kopernikanische Wende in der Faschismusdeutung

Lieber Herr Theweleit, Sie haben recht, Littells Roman "Die Wohlgesinnten" kann beschädigen.
Ich las nicht - meine Mutter und ich sind die einzigen Überlebenden einer von den Deutschen vernichteten jüdischen Familie. Lediglich die Einleitung las ich, in der Mitte die Vorstellung eines totalitären Liebesaktes und die Schlussszene, die mich an eine Schlachtenszene in Balzacs "Verlorenen Illusionen" und an eine gleichartige Schlachtenszene in Tolstois "Krieg und Frieden" erinnerte, nur dass der Protagonist bei Littell statt zwischen Kriegern zwischen Tieren herumläuft. Der Rest steht bei Hegel, "Phänomenologie des Geistes", Kapitel "Das geistige Tierreich und der Betrug", der darin den deutschen Faschismus antizipiert. Littell hat den Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt, und damit eine Art Kopernikanische Wende in der Faschismusdeutung eingeleitet. Das Potential des Nazismus ist gestrig und heutig und zukünftig, und es ist allüberall. Danke, lieber Herr Theweleit, für Ihren Mut!


08.03.2008 | 21:23 Uhr
R Becker schreibt: großartig dargestellt

Was auch immer gefüehlt und empfunden wird - Littell hat das Leben des Menschen mit seiner vollständigen Natur und seinem inneren Leben großartig dargestellt. Das gesamte Spektrum der Existenz in seiner Großartigkeit des Guten, bist zur miesesten Perversion.
Ob Nazi oder Normalbuerger.


10.03.2008 | 18:27 Uhr
Klaus Möller schreibt: Frau Radisch

Die Kritik von Frau Radisch, durch die Entgegnung von Theweleit, verpufft im sexistischen Nichts. Da schreibt wahrlich kein Idiot. Littell ist ein Genie, ein Deuter, ein Brisantist, der nicht nur den Spiegel vorhält, sondern ihn mehr als einmal über den blutenden Köpfen der Leser zerschlägt. Mir bleibt nach der Lektüre von DIE WOHLGESINNTEN nur noch die Verpflichtung, dem angeblichen "Idiot" die "Idiotin" entgegenzuhalten, die sich über eine derart gewaltige Darstellung des Grauens echauffiert. Man müsste überall dort, wo der Faschismus seine gierige Fratze zeigt, Lesezirkel etablieren und Vorleser etablieren, die Aue's nationalsozialistischen Humanismusfantasien einfach nur vorlesen. Ich kenne kein anderes Buch, dass dem Grauen ein derart nachvollziehbares philosophisches Gesicht gibt. Arme Frau Radisch: Man kann sich auch als "Kritikerin" demontieren. Dieses Privileg haben nicht nur Autorinnen und Autoren.


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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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