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Stimmensammlung über ein Monstrum
Fernsehdokumentation über Littell
Als der Papierberg von 1700 Seiten auf Andrew Nurnbergs Londoner Schreibtisch lag, war der Literaturagent fest entschlossen, das Manuskript abzulehnen. Robert Littell, der erfolgreiche amerikanische Thrillerautor, hatte ihn gebeten, das Buch seines Sohnes Jonathan zu prüfen. Aber Nurnberg war der Ansicht, die Geschäftsbeziehung zum Vater des Autors sei kein ausreichender Grund, ein Buch anzunehmen, das schon allein durch seinen monströsen Umfang abschreckt. Mittlerweile hat Nurnberg den Roman in siebenundzwanzig Länder verkauft.
Dabei ist keineswegs abzusehen, wie oft sich der erstaunliche Erfolg des Romans in Frankreich wiederholen wird. Vermutlich werden die Reaktionen der Kritik und der Leser von Land zu Land ganz unterschiedlich ausfallen, in Polen anders als in Israel, in England anders als in Italien. Aber soviel steht fest: Eine vergleichende Analyse der internationalen Rezeption der Lebensgeschichte des SS-Mannes Max Aue wird später einmal ein faszinierendes Thema für jeden Literatursoziologen abgeben.
Das Buch, das unmöglich ist, aber geschrieben wurde
Littells Roman polarisiert. Eine französische Buchhändlerin sagt, sie habe nicht mehr als 150 Seiten lesen können, für Frauen seien die Uniformen und das Blutvergießen einfach nicht interessant, Elisabeth Ruge, Littells deutsche Verlegerin, spricht von einem Meisterwerk, Claude Lanzmann formuliert das Paradoxon von dem Buch, das unmöglich ist, aber geschrieben wurde. Der französische Kritiker Sylvain Bourmeau hält Littell für einen Kindskopf, dessen infantiles Vergnügen an Spielzeugsoldaten in Nazi-Uniformen ungute Gefühle wecke, Frank Schirrmacher, Mitherausgeber dieser Zeitung, beschreibt die Wut und die Hoffnung, die die Lektüre des Romans hervorrufe: Wut auf Aue und die Massenmörder an seiner Seite, Hoffnung darauf, auch nur ein einziges Wort des Bedauerns, der Reue oder des Schuldbewusstseins aus einem Tätermund zu hören. Aber es scheint, so Schirrmacher, diese Reue ebensowenig zu geben wie es die letzte Antwort auf die Frage gibt, wie der Holocaust möglich werden konnte.
Die Kulturdokumentation "Die Wohlgesinnten. Auf den Spuren eines literarischen Phänomens", die am Dienstag im Berliner Literaturhaus vorgestellt wurde, strebt den deutsch-französischen Vergleich an, der indes erst in Ansätzen möglich ist. Denn das Buch, das 2006 in Frankreich erschien, kommt erst zum Wochenende in die deutsche Buchhandlungen, und auch die Debatte, die sich in den Feuilletons und im Internet etwa in unserem Reading Room in den vergangenen Wochen bereits entzündet hat, haben die Autorinnen in ihrem Film nicht berücksichtigen können.
Wenn Emotionen erkennbar werden
Für Frankreich kommt die Dokumention ein wenig spät, für Deutschland kommt sie eindeutig zu früh. Vielleicht hätte eine detaillierte Analyse des französischen Erfolgs einen Ausweg aus diesem Dilema geboten, aber Hilka Sinning und Edda Baumann-von Broen haben sich anders entschieden. So bleibt die von Michel Friedman und Sylvain Bourmeau vertretene These unkommentiert, der Erfolg des Buches in Frankreich beruhe nicht zuletzt darauf, dass Littell einem Publikum, das mit den Details von Krieg und NS-Apparat wenig vertraut sei, viel Neues biete.
Ein deutscher oder französischer Historiker wurde dazu ebensowenig befragt wie zu dem für "Die Wohlgesinnten" so wichtigen Verhältnis von Fiktion und Geschichtsschreibung. Sehenswert bleibt der Film aber allemal, und am stärksten ist die Dokumentation, wenn sie Stimmen versammelt und Emotionen erkennbar werden lässt. Wir sehen einen respektvoll mit dem Buch hadernden Lanzmann, einen nachdenklichen Michel Friedman und zwei zufriedene alte Füchse des Literaturbtriebs, den Agenten Nurnberg und Littells Pariser Verleger Antoine Gallimard, die zueinander gefunden haben, nachdem Nurnberg zunächst einige Absagen französischer Verlage kassieren musste.
Ein Buch, wie es "nur alle zwanzig Jahre einmal erscheint"
Gallimard hat 30.000 Euro für die Romanrechte bezahlt, das ist ein Klacks angesichts von bislang 800.000 verkauften Exemplaren. Seine deutsche Kollegin vom Berlin Verlag dürfte das Zehn- bis Fünfzehnfache offeriert haben, aber ausschlaggebend für Littells Wahl seien die Briefe gewesen, in denen alle interessierten Verlage dem Autor ihr Verständnis seines Romans darzulegen hatten. Ein ungewöhnliches, aber interessantes Verfahren. Ob es höhere Anforderungen an die literarische als an die diplomatische Kompetenz der Verlage stellt, lässt sich kaum sagen.
Den stärksten Gegensatz des Films aber bilden Littells französischer Lektor, durchglüht und leuchtend vor Begeisterung über ein Buch, wie es "nur alle zwanzig Jahre einmal erscheint", und der Schauspieler Christian Berkel, der klug ausgewählte Passagen des Romans liest, kalt, emotionslos, ohne jede äußere Dramatik. Max Aue, wie Berkel ihn kurz aufscheinen lässt, gleicht einem Eiswürfel, der nicht schmelzen kann. Weil er völlig durchsichtig ist, wird man nie erfahren, was sein Kern verbirgt.
Hubert Spiegel
Die Wohlgesinnten - Auf den Spuren eines literarischen Phänomens läuft am 28. Februar um 22.40 Uhr bei Arte.
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