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Die Grammatik der Toten
Jonathan Littell in Berlin
Während Daniel Cohn-Bendit die erste Frage formuliert, greift Jonathan Littell auf der Bühne des Berliner Ensembles zum Feuerzeug, entzündet ein Zigarillo und hüllt sich in eine Rauchwolke. Aber den größten Teil des Abends wird er mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen dasitzen. Wacher, ironischer Blick aus hellen Vogelaugen, markante Nase, schwarzer Anzug, offener weißer Hemdkragen, später kommen noch ein braunes Hütchen und ein schwarzer Ledermantel hinzu: ein bisschen der junge Beckett, ein bisschen der junge Belmondo. Das Feuerzeug wird er nachts in einem Club plötzlich vermissen. Er durchwühlt seine Taschen, will im Restaurant anrufen, in dem er vorher gegessen hatte, und muss feststellen, dass sein Handy keinen Empfang hat. In Jonathan Littells Gesicht zeichnet sich größte Besorgnis ab, Besorgnis an der Grenze zur Panik.
Wie es sich anfühle, wenn man das Elend und die Grausamkeiten der Massenexekutionen so detailliert beschreibe, wenn man am Schreibtisch im Blut der Exekutionsopfer wate, hatte Daniel Cohn-Bendit Stunden zuvor gefragt, und Littell hatte nach kurzem Zögern kühl geantwortet, dass die Leiche im Moment des Schreibens eine grammatikalische Form sei, und damit provokant die Täterpsyche zitiert, die das Opfer im Moment der Tat von einem Menschen zu einer Sache werden lässt. Lächelnd hatte er von seinen Erfahrungen in Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien und im Kongo berichtet, wo er zwischen 1993 und 2001 für die humanitäre Organisation "Aktion gegen den Hunger" arbeitete. Fast spöttisch erzählte er von jungen Männern aus guten Familien, die aus Idealismus nach Afrika gehen, um Kriegsopfern zu helfen, und sich irgendwann in Orgien von Sex, Gewalt und Drogen wiederfinden, weil sie in einer Situation, in der es keine Regeln und Grenzen mehr gibt, die Kontrolle über sich verlieren. "Ich habe die dunklen Ufer überschritten", lässt Littell seinen Erzähler Max Aue sagen, bevor der SS-Offizier die Einleitung seiner Erinnerungen mit einer Beschwörungsformel abschließt: "Ich bin ein Mensch wie ihr!"
Das Feuerzeug aus Bosnien
Bei seinem ersten Auftritt in Deutschland, dem nur noch ein Diskussionsabend mit Historikern folgen wird, hat Jonathan Littell kein Wort über die schroffe Ablehnung verloren, die sein Roman "Die Wohlgesinnten" bei Teilen der deutschen Literaturkritik hervorgerufen hat. In dem ruhigen und intensiven Gespräch mit Cohn-Bendit zeigt sich, dass Littell kein Provokateur sein will, aber auch nicht daran denkt, die Provokationen seines Romans kleinzureden. Im Gegenteil, Littell vergleicht an diesem Abend die Strukturen des Nationalsozialismus mit seinen inneren Machtkämpfen und Abweichlern mit denen des Christentums im Mittelalter; er behauptet, dass die intellektuelle Elite der SS an einer europäischen Ordnung gearbeitet habe, die man durchaus als "Embryo" des heutigen Europa mit dem deutsch-französischen Tandem begreifen könne; und er bedauert, dass die Historiker der Totalitarismen sich so wenig mit dem Zusammenhang von Sexualität und Krieg beschäftigen. "Es sind nicht nur Sadisten und Geisteskranke, die entgleisen, wenn alles um sie herum entgleist", sagt Littell und erinnert an Abu Ghraib.
Littell liebt den Strukturvergleich, ihn interessiert der Nationalsozialismus "als eine Möglichkeit des Menschen, die alle Menschen betrifft". Das schließt fehlgeleiteten Idealismus ein, und indirekt wiederholt Littell auch an diesem Abend seine These, dass der frühe Nationalsozialismus für Intellektuelle eine verführerische und akzeptable Option gewesen sei: "Ich glaube, dass viele Menschen in diesem System funktioniert haben, ohne sich als Nazis zu fühlen." Deshalb versucht er in seinem Roman "eine Skala der verschiedenen Nazis zu zeigen, die möglich waren".
Cohn-Bendits Bekenntnis, er habe das Buch während der Lektüre dreimal an die Wand geworfen, nimmt Littell ebenso ungerührt zur Kenntnis wie seinen deutschen Verkaufserfolg, der ihn auf Anhieb den dritten Platz der Bestsellerliste erklimmen lässt. Beinahe gelangweilt pariert er den Kitsch-Vorwurf, aber als Cohn-Bendit ihn fragt, warum er Aue keinerlei Reue zugestanden habe, wird Littell nachdrücklich: "Diesen Leute Reue zu geben hieße, ihnen etwas zu geben, was sie nicht hatten." Vermutlich wurden "Die Wohlgesinnten" nicht zuletzt geschrieben, weil ihr Autor wissen wollte, warum der Satz wahr sein kann. Wenn man Littell fragte, welche Erinnerungen an seinem Feuerzeug hängen, das er in Bosnien gekauft hat und seitdem stets bei sich trägt, würde man gewiss keine Antwort erhalten – außer in einem Roman.
Hubert Spiegel
Text: F.A.Z.
Bild: dpa
Kommentare
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marco weller schreibt: Reue
"Diesen Leute Reue zu geben hieße, ihnen etwas zu geben, was sie nicht hatten."
Ich fragte mich seit Wochen, ob es nicht etwas zu dick aufgetragen ist. Aber mir scheint, er hat Recht.
Karin Mihm schreibt: Gelungenes Werk-Gelungenes Interview
In dem Bericht über das Interview kommt eine Passage zum Tragen: Indem Littell den Strukturenvergleich, sein Interesse am Nationalsozialismus "als eine Möglichkeit des Menschen, die alle Menschen betrifft" anspricht, siehe fehlgeleiterter Idealismus, für Intellektuelle eine verführerische und akzeptable Option, sowie seinem Anspruch in seinem Roman (es ist ein Roman, nicht mehr und nicht weniger) eine Skala der verschiedenen Nazis, die möglich waren, zu beschreiben. Das ist ihm meiner Meinung nach gelungen, jede weitere Diskussion erübrigt sich.
SS-Offizier Dr. jur. Max Aue, diese frei erfundene Person, spiegelt glasklar den "Menschen" wieder mit all seinen Gelüsten, Begierden nach Macht, Einfluß und selbstverständlich seiner Sexualität in all seinen Facetten.
Hinzu kommen Verführung, Erlebnisse, die ihn prägen und dementsprechend agieren-reagieren lassen. In jedem Krieg, der auf dieser Welt stattfindet, gleiche Persönlichkeitsstrukturen, gleiche negative Ausmaße!
Schade, aber Fakt!
Robert Rheinert schreibt: Am Anfang war das Wort
Ich bin fasziniert darüber, wie aktuell dieses Bibelwort auch in unserer von Bla-Bla und optischen Reizen dominierten Gegenwart ist. Es muß einer eben nur das RICHTIGE Wort, das RICHTIGE Thema, die RICHTIGE Perspektive finden.
Diese Tatsache gibt mir Hoffnung, auch wenn vielen Leuten hierzulande immer noch eine Bücherverbrennung lieber ist als das Nachvollziehen einer Betrachtungsweise, die so bereichernd ist, dass sie selbst nie darauf gekommen wären.
Bruno Nitzge schreibt: Was für ein Mensch
Was für ein Mensch, der für eine Hilfsorganisation in Krisengebieten arbeitete und alles Elend der heutigen Zeit kennen lernt und sich dann ein Buch von der Seele schreibt, das Aufsehen erregt. Der nur minimales persönliches Marketing zulässt und gleichzeitig bei der Vermarktung, gegen fast alle Regeln der Wirtschaftlichkeit, das Buch und nicht den Profit glaubhaft in den Vordergrund stellt. Dann der Erfolg, der sich sicher auch in Deutschland einstellen wird.
Herr Littell zeigt beispielhaft wie present und somit lebensbeeinflussend der Holocaust in seiner Generation ist. Er zeigt uns gleichzeitig wie wichtig es für uns Deutsche ist, dem angemessen zu gedenken.