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Auf Führers Nase gefallen
Der verhinderte Geniestreich
Zur Littell-Besprechung von Julia Voss, Jahrgang 1974
Klaus Harpprecht:
Er liest, sagt er, keine Kritiken. Das sagen sie fast alle. Doch man glaubt es dem ernsten Menschen, der niemals zu lächeln scheint und auf jedem Foto streng an der Kamera vorbeistarrt. Aber deutete er nicht in einem Interview an, dass ihn die Aufnahme seines Buches im "Land der Täter" (das er nicht so nennt) weitaus mehr interessiert als jene in Frankreich, das ihm mit fast einer Million Auflage einen Triumph bescherte, den er kühl, ja mit einer Spur von Hochmut registrierte? Lässt es ihn ungerührt, dass die Salven deutscher Empörung wie Trommelfeuer links und rechts von ihm detonieren, seit der Verlag die Leseexemplare verschickt hat?
In der Tat wurde selten ein Buch dem Autor in solch einmütigem Zorn um die Ohren geschlagen - als habe er das einzige, das letzte Tabu geschändet, das den Deutschen geblieben, nein, das sie in fünf Jahrzehnten ächzender Mühsal mit der "Aufarbeitung der Vergangenheit" wieder geschaffen haben: den Holocaust als das einigende Erbe der Schuld? Auch der Schreiber dieser Zeilen stand nicht an, Littell zu bescheinigen, dass sein Roman ein Geniestreich und der letzte Dreck sei, ein Kunstwerk, vor dem jeder Sinn für Ästhetik in die Knie gehe, und eine Schlammlawine des Kitsches. So unrecht hatte er damit nicht. Das lässt sich, leider, dutzendfach belegen. Dennoch ist ihm bei dem raschen Verdikt nicht mehr ganz wohl. Gottlob hat er, in gleichem Atem, dem Verfasser bestätigt, dass er durch die Genauigkeit seiner Recherchen und die schockierende Härte der Bilder mehr von der Realität des totalitären Staates, vom Funktionieren seiner Apparaturen (und seiner Funktionäre), vom Horror des Krieges und vom Grauen der Vernichtung vermittelt, als es die unübersehbaren Bibliotheken der Fachliteratur und das verknoopisierte Fernsehen, der ganze riesenhafte Aufwand der wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Holocaust-Industrie zuwege brachten. Das bleibt sein Verdienst.
Keinem Mitglied der nächsten, der übernächsten Generation hätten wir, die letzten Zeitzeugen, solch unmittelbar erlebte, erlittene Berichte von den Schlächtereien der "Einsatzgruppen" im Hinterland der russischen und ukrainischen Fronten zugetraut (vor allem an Babij Yar zu denken), die sich vor den Augen und oft genug mit dem Einverständnis, schlimmer noch: unter der Mitwirkung der Wehrmachtskommandeure und ihrer Truppen vollzogen. Wir hätten es auch nicht für möglich gehalten, dass ein vierzigjähriger Neufranzose amerikanischer Herkunft die Hölle im Kessel von Stalingrad mit solch schrecklicher Exaktheit nachzeichnen könne, bis zur Ortung des entlegensten Ruinenkellers, jeden Notverbandplatzes, jeder zerschossenen Flugzeugpiste, fast jeden Schützenloches den Überlieferungen getreu, nicht zu reden vom Hunger, von den Frostschmerzen, von den verzweifelten Hoffnungen, von der dumpfen Ergebenheit, schließlich vom elenden Verrecken der Landser und der Muschiks: wenigstens einhundertfünfzigtausend, die jeweils zu beiden Seiten geopfert wurden. Einhundertundzwanzigtausend zerlumpte, ausgehungerte und kaum mehr marschfähige Deutsche schleppten sich nach der Kapitulation in die sowjetischen Gefangenenlager, neuntausend kamen schließlich nach Haus: Das war alles, was von der Sechsten Armee geblieben ist, von der Littell festgestellt hat, dass sie zuvor Kiew eroberte und mit dem Einsatzkommando 4a kooperierte, das für das Massaker von Babij Yar die Verantwortung trug. Die Überlebenden konnten nicht reden, kaum einer der Stummen konnte schreiben.
Littells Hyperrealismus
Nach Littells Einsicht aber war die deutsch-sowjetische Konfrontation der "Kern des Krieges" - so sagte er es in einem Gespräch mit Jesus Ruiz Mantilla von "El País" an die Adresse seiner französischen Leser gerichtet. Der Autor dieses kritischen Versuchs hat im Krieg und nach dem Krieg mit Soldaten geredet, die - wie Littells widerwärtiger Held - in letzter Stunde dem Inferno an der Wolga zu entrinnen vermochten: Stalingrad war, wie es Littell geschildert hat; die wortkargen Äußerungen der Geretteten bestätigten nahezu jedes Detail.
Natürlich verstört Littels "Hyperrealismus" (von dem der Historiker Pierre Nora sprach) unsere empfindsamen Gemüter. Natürlich verletzt die krasse Beschreibung von erstickten Schreien, von Blut und quellendem Gedärm, von verrottendem Fleisch, zermalmten Schädeln und auslaufendem Gehirn unseren "guten Geschmack" (was immer der taugen mag). Natürlich haben diese brutalen Reportagen mit Literatur wenig oder nichts zu schaffen. Die Wirklichkeit, wie Littell sie herbeizitiert, erlaubt keine stilistische Überhöhung. Sie entzieht sich jeder dichterischen Formung. Seine Prosa mag platt sein. Aber das ist angesichts der geschilderten Tragödien kein Kriterium. Littell wies die Vermutung schroff zurück, dass er einen "historischen Roman" geschrieben habe. Die Frage ist, ob sein Buch überhaupt ein Roman ist. Vielmehr: einer sein sollte; einer sein darf.
Ob ja oder nein: die dokumentarische Leistung des Buches verdient Respekt. Zwar gesteht der Autor, dass er "Mein Kampf" nicht zu Ende gelesen habe, aber das gilt für die meisten der Deutschen in jener Epoche, auch für die Mehrheit der Parteimitglieder, vermutlich selbst für die Majorität der SS-Schergen. Doch wiederum weiß er, wer Hans Blüher war (an den sich in Deutschland kaum eine Seele erinnert): der verschwärmte Philosoph der Jugendbewegung, der die homoerotischen Grundströmungen im bündischen Lebensgefühl ins Licht hob - und darum zu den spirituellen Ahnherrn von Dr. Max Aue zählt, dem gebildeten Täter, mit dessen Feder Jonathan Littell die Autobiographie eines Massenmörders erzählt. Souverän lernte der Verfasser - auf Deutsch - die "Sprachregelungen" des Regimes zu meistern, samt ihrer Tarnwörter wie "Sonderbehandlung" oder "Wohnsitzverlegung" oder "Exekutivmaßnahmen". Er las sich nicht nur in "das bürokratische Amtsdeutsch" ein, sondern begriff die Kernworte aus dem "Wörterbuch des Unmenschen" wie "Einsatz", "Verwertung" bis hin zur "Entpolonisierung", "Versteppung" und "Ausrottung". Er rief den Nazibarden Hanns Johst auf den Plan, den expressionistischen Dramatiker, der zu Goebbels übergelaufen war; von ihm stammt der verräterische Satz: "Man lebt in seiner Sprache." Wie viele unter den jüngeren deutschen Literaturhistorikern, von Spezialisten abgesehen, haben noch eine Ahnung, wer jener aufgeblasene Propaganda-Poet gewesen ist?
Selten unterlief Littell ein Patzer wie in der Musik-Debatte zwischen Max Aue und seinem Schwager, dem Junker-Komponisten Üxküll, der Wagner verachtet, einige Passagen von Mahler gelten lässt und eine direkte Linie von Bach zu Schönberg auszieht - Jude hin oder her. "Freiherr" redet ihn Aue an: offensichtlich war kein Lektor von Gallimard in deutschen Sitten bewandert genug, ihn darauf hinzuweisen, dass jener Titel in der mündlichen Ansprache allemal durch den gleichrangigen "Baron" ersetzt wird. Zum andern weiß Littell, dass Üxkülls Werke im "Dritten Reich" nicht aufgeführt werden konnten, weil er sich weigerte, Mitglied der "Reichsmusikkammer" zu werden, deren erster Vorsitzender, ein böser Makel, Richard Strauss war, bis er der jüdischen Schwiegertochter wegen nach zwei Jahren zum Rücktritt gezwungen wurde.
Einladung zur Relativierung
Im Führungspersonal der SS, seiner Hierarchie, seinen Konflikten, seinen Intrigen wiederum kennt sich Littell besser aus als mancher Fachhistoriker. Walter Schellenberg zum Beispiel ist zutreffend charakterisiert: als ein brillanter Opportunist. Der jüngste SS-General, Chef des Auslandsnachrichtendienstes Amt IV (und nach der Verhaftung des Admirals Canaris auch der "Abwehr"), Favorit des Reichsführers nach Heydrichs Tod, gerissen genug, sich niemals die Hände beim mörderischen Dienst in einer "Einsatzgruppe" schmutzig zu machen; vielmehr versuchte er, Himmler auf einen Sonderfrieden mit den West-Alliierten einzustimmen (und bewahrte dafür, in enger Kooperation mit dem schwedischen Grafen Bernadotte, einige tausend skandinavische Juden vor der Vernichtung): ein verzweifelt-naives Experiment, von dem Schellenberg hätte wissen können, dass es zum Scheitern verurteilt war, denn es lag auf der Hand, dass sich Eisenhower niemals auf Verhandlungen mit Himmler, dem Großorganisator des Terrors, eingelassen hätte. Immerhin rettete Schellenberg den eigenen Kopf (und darum ging es ihm zuerst und zuletzt).
Hätte sich der blitzgescheite Littell damit begnügt, eine historische Reportage zu schreiben (warum nicht aus dem Blickwinkel eines Täters?), dann könnte man ihm guten Gewissens bescheinigen, dass er ein großes, bedeutendes Buch geschrieben hat. Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass er Goldhagens windige These vom "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen souverän widerlegt hat, wie er in seinem gründlichen Gespräch mit Pierre Nora deutlich machte - ohne, das muss hinzugefügt werden, auch nur einen der Täter und ihrer Gehilfen von der Schuld zu entlasten. Doch er weigert sich, die Schoa als eine Art Mythos zu abstrahieren, für den Staat Israel raison d'être und für die Juden in aller Welt eine Art Religionsersatz: die Fortschreibung der Auserwähltheit im Opferschicksal - als eine gleichsam tödliche Offenbarung. Littells Blick ist nüchterner. Er sieht die Täter mit den Augen des amerikanischen Historikers Christopher Brown als völlig normale Deutsche, die keineswegs allesamt von wilden antisemitischen Instinkten zu ihrem Vernichtungswerk getrieben wurden - sondern durch die Bereitschaft zur "Pflichterfüllung" und zum absoluten Gehorsam.
Und er fand in der Hitler-Biographie von Ian Kershaw einen (vielleicht) passenden Schlüssel zur Lösung des schrecklichen Rätsels, wie die Vernichtungsmaschine funktionieren konnte: nämlich in der Beschreibung des "nationalsozialistischen Systems als einer Bürokratie, die von einem charismatischen Führer magnetisiert" wurde. "Das jüdische Problem" habe "nur deshalb für alle Priorität" gehabt, fuhr er in seiner Interpretation von Kershaw fort, "weil es für den Führer Priorität" hatte. So sei eine "kumulative Radikalisierung aller betroffenen Instanzen" in Gang gesetzt worden, "und zwar nicht etwa, weil die Handelnden selbst fanatische Antisemiten wären - es gibt solche, aber es gibt auch viele, die es nicht sind -, sondern weil jede bürokratische Instanz im Verhältnis zum Führer an der Spitze" stehen wollte.
Vermutlich greift auch diese Erklärung des letztlich Unfasslichen zu kurz, doch sie enthält ohne Zweifel ein Element der Wahrheit. Allerdings auch eine Einladung zur "Relativierung", die sich ohnedies im Prozess der Historisierung verbirgt - und erst recht in den fragwürdigen Elementen der "Literarisierung". Es ist zu simpel, das Vernichtungswerk als ein Produkt des deutschen Selbsthasses zu erklären, wie es Dr. Max Aues Zwillingsschwester vorschlägt: des Versuchs, das "Jüdische" im deutschen Gemüt auszulöschen, wie zum andern der jüdische Selbsthass nichts anderes begehrt habe, als "deutsch" zu werden. Vielmehr enträtsele sich das Problem - sozusagen ins grauenhaft "Positive" gewendet - als eine mörderische Konsequenz des konkurrierenden Ehrgeizes, vor Gott als das "auserwählte Volk" zu bestehen. Das ist, mit Verlaub, theologisch und zugleich ein bisschen Freudisch (oder gar C.G. Jungisch) aufgemotzter Schmock.
Der musikliebende Mörder
In den banalen Niederungen des Dritten Reiches bemerkt Sturmbannführer Dr. Max Aue von Eichmann, er sei "ein Bürokrat von großem Talent gewesen, äußerst kompetent in seinen Funktionen", doch ohne "persönliche Initiative". Er habe auch nie beobachtet, dass er "einen besonderen Hass gegen die Juden" hegte, und man habe ihm durchaus glauben dürfen, wenn er seinen israelischen Richtern versicherte, dass er "die Ausrottung der Juden für einen Fehler" gehalten habe: so hockte er, wie es der Schreiber dieser Kritik in Jerusalem mit eigenen Augen gesehen hat, als ein williger, eifriger Zeuge für sich und gegen sich selbst in seinem Panzerglaskäfig: ein Würstchen, ein Nebbich, in der Tat die Inkarnation des Banalen - und trotzdem, nein, gerade darum ein Menschheitsverbrecher.
Littell wollte keine Reportage und keinen Essay schreiben (was sein Buch in grandioser Weise ist). Seine Ambition und seine geniale Witterung für die Marktlücke trieben ihn zu einer Literarisierung des ungeheuerlichen Stoffes - und damit rannte er in eine fatale Falle. Er begnügte sich zum Beispiel nicht damit, Eichmann als Vernichtungsbürokraten vorzuführen: nein, er ließ Aue bei dem Kollegen einen Kammermusikabend im gemütlich-plüschigen Eigenheim erleben, bei dem der Chefdeporteur bescheiden die zweite Geige spielte, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Heydrich ein großartiger Violinist gewesen sei. Eichmann liebte - anders als Aue - die Romantiker, Brahms vor allem, auch Beethoven. Und Bach? Den nicht besonders, er finde ihn zu trocken, zu kalkuliert, steril, ja seelenlos.
Der musikliebende Mörder: Heydrich war in Wahrheit ein mittelmäßiger Geiger. Dr. Mengele, der Selektionsarzt von Auschwitz, ließ sich von der Lager-Cellistin Anita Lasker Schumanns "Träumerei" vorspielen. Es gab kein SS-Symphonie-Orchester (wie es ein Berliner Ärzte-Orchester gab). Mit der Musikalität der Vernichter war es nicht so weit her, von ihrer Belesenheit nicht zu reden. Aber das französische Klischee verlangte, dass Dr. Max Aue ein profunder Bach-Kenner ist, was ihn nicht davon abhält, einem greisen Junker, der in einer ostdeutschen Dorfkirche vor dem Einmarsch der Rotarmisten noch einmal "Die Kunst der Fuge" spielt (was keine geringe Könnerschaft verlangt), kurzerhand eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Musikalität des hochkultivierten Sturmbann-Führers legte es Littell auch nahe, die Kapitel des Buches mit den barocken Satzbezeichnungen Bachscher Suiten oder Händelscher Concerti grossi zu versehen: von der "Toccata" über die "Allemandes I und II", in der Littell von der Kabarett-Szene eines Fronttheaters erzählt, in der ein Trupp von Rabbinern im Gebetsschal den Chor aus der "Johannespassion" anstimmt: "Wir haben ein Gesetz / und nach dem Gesetz / soll er sterben". Bach hätte das wenig geschätzt, sagte der SS-Intellektuelle, doch er müsse zugeben, dass die Nummer recht komisch gewesen sei. Ein zwingender Bezug auf die Tanzformen ist nicht wahrzunehmen. Prätentiös - mehr ist der Einfall nicht.
Dies gilt in Wirklichkeit auch für die Grundierung der Handlung durch die "Orestie", Muttermord und Sex mit der Zwillingsschwester inklusive, Tabubruch beim Besuch eines Folter-Museums in Nürnberg, wo der phantasiebegabte Dr. Max Aue seine geliebte Una (verehelichte Baronin Üxküll) bäuchlings auf die Guillotine befördert, um sie dort zu sodomisieren, obschon sie ihn anfleht "baiser ma chatte!"
Das verminte Gelände von Terror und Sex
Die bizarren Eingebungen war Littell seinen literarischen Vorbildern schuldig, unter denen er, es versteht sich, den "göttlichen" Marquis de Sade vor allen anderen nennt, obwohl der verrückte Graf in Wahrheit der grandioseste Langweiler des achtzehnten Jahrhunderts war, natürlich auch den Paradepäderasten Gênet, den Sartre so lauthals gepriesen hat, Battaille, was man fast erleichtert zur Kenntnis nimmt, und vor allem Céline, der ein Genie und ein unbekehrbarer Antisemit war.
Es trifft sich merkwürdig, dass gleichzeitig mit dem Erscheinen von Littells Buch in Deutschland Ernst Jünger in Paris durch die Aufnahme in die Bibliothek "La Pléiade" von Gallimard in den Stand der Klassiker erhoben wurde: mit den "Stahlgewittern", aber auch mit den Kriegstagebüchern, was dem "Figaro littéraire" die Chance gab, den Dichter auf einem Besatzungsfoto hoch zu Ross und mit gezücktem Degen an der Spitze seiner Kompanie über die rue Rivoli am Louvre vorbei defilieren zu lassen.
Ferner kündigte Gallimard an, dass im Frühjahr ein erster Band mit den Romanen von Drieu de la Rochelle (der sich bei der Befreiung das Leben nahm) in der "Pléiade" erscheine: auch dieser Erzkollaborateur ist nun wieder in Gnaden aufgenommen; der 1945 exekutierte Brasillach wird folgen. Auch er hat seinen Platz in Littells Roman, der als Vorbild auch Beckett nennt. Vom Autor der "Lolita" wiederum distanzierte er sich voller Gereiztheit, und es scherte ihn wenig, dass einer seiner französischen Bewunderer in der Inzest-Schwester Una Nabokovs schönste Gestalt, die "Ada", wiederzuerkennen meinte.
Die Nürnberger Guillotinen-Eskapade der deutsch-französischen Zwillinge (die Mutter Französin, der Vater Deutscher) ist nicht die einzige Provokation, mit der Jonathan Littell seine langwierige Expedition ins Reich der Täter aufmotzen zu müssen meinte. Seine Kunstfigur Dr. Max Aue - es fand sich in Wirklichkeit in der SS kein Intellektueller von solch krimineller Energie und kein Mörder von solcher Kultiviertheit (es konnte sie nicht geben) - verirrt sich noch das eine oder andere Mal in das verminte Gelände von Terror und Sex.
Lassen wir das komplexe Sujet auf sich beruhen. Aber dies darf festgestellt werden: Wo der "Kunstwille" so rabiat überhand nimmt wie in diesem monströsen Werk, muss der gute Geschmack notwendig auf der Strecke bleiben. Oder auf die Nase fallen: im schlimmsten Fall auf die allzu große Nase des "Führers", in die Dr. Max Aue bei Hitlers gespenstischem letztem Auftritt während der Berliner Götterdämmerung beißen zu müssen meint, einer unwiderstehlichen Eingebung folgend. Danach "die Halluzination: der Führer als Jude mit dem Gebetsschal der Rabbiner". Tusch. Auf dem Schofar geblasen.
Klaus Harpprecht
Text: F.A.Z., 12.03.2008, Nr. 61
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Maxime Hess schreibt: wie vergeige ich ein buch
... ich bin entszetzt: Heydrich war ein schlechter Violinist! Die NS-Geschichte muss neu geschrieben werden ... Musiker zieht euch warm an!
Johann Kebbel schreibt: Kommentar zur Littell-Besprechung von Klaus Harpprecht:
Im letzten Abschnitt mit der Überschrift "Das verminte Gelände von Terror und Sex" schreibt Klaus Harpprecht im vorletzten Absatz: "Seine Kunstfigur Dr. Max Aue – es fand sich in Wirklichkeit in der SS kein Intellektueller von solch krimineller Energie und kein Mörder von solcher Kultiviertheit ( es konnte sie nicht geben) – verirrt sich noch das eine oder andere Mal in das verminte Gelände von Terror und Sex."
In Harald Welzer’s Buch "Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" heißt es auf Seite 85 (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, September 2007):
"Sechs von 16 Führern der Einsatzgruppen trugen Doktortitel, in einem Fall, Rasch, sogar deren zwei. Sein Nachfolger hatte dafür ein Doppelstudium vorzuweisen; er war nach dem Studium von Jura und Medizin Facharzt für Psychiatrie gewesen. Die hierarchisch nachgeordneten Personen waren Architekten (SS-Standartenführer Paul Bobel) oder Kaufleute (Kommandoführer Fritz Braune), Anwärter für Kommissarlehrgänge (Martin Fasse) oder hatten andere qualifizierte Ausbildungen, und auch die Mannschaftsdienstgrade bestanden zumeist aus Männern, die sowohl einen Schulabschluss als auch eine Berufsausbildung hatten. Die Altersjahrgänge, aus denen sich die Bataillonsangehörigen rekrutierten, lagen so, dass die allermeisten den prägenden Zeitraum ihrer Sozialisation noch vor dem Nationalsozialismus durchlaufen hatten, auch sonst lassen sich aufgrund ihrer soziodemographischen Merkmale und individueller persönlicher Voraussetzungen keine besonderen Auffälligkeiten finden. Trotzdem mordeten sie, … "
In der letzten Ausgabe der Zeitschrift der Spiegel, Nr. 11, 10.3.08, finden sich im Artikel
"Morden für das Vaterland" auf Seite 48 folgende Hinweise: " Umso größer war 2002 die Überraschung in der Öffentlichkeit, als der Historiker Michael Wildt biographisch entschlüsselte, wer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Befehle gegeben hatte. In dieser Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte, verschmolz RSHA-Chef Reinhard Heydrich politische Polizei und den Sicherheitsdienst der SS zu einer Institution. Wie Wildt herausfand hatten mehr als drei Viertel des Führungskorps Abitur, zwei Drittel studiert (überwiegend Jura), nahezu ein Drittel hatte zudem promoviert." … "Einer von ihnen war der Einserjurist Martin Sandberger, Jahrgang 1911, Parteimitglied seit 1931 und schon mit 27 Jahren SS-Sturmbannführer beim SD, fleißig, hochintelligent, ein Schnelldenker, gerade der Typus, den Wildt meint. Im Oktober 1939 ernannte ihn Himmler zum Chef der Einwanderer-Zentrale Nord-Ost, einer NS-Behörde, die für die "rassische Bewertung" deutscher Umsiedler zuständig war; ab März 1941 führte ihn der RSHA-Geschäftsver-teilungsplan verantwortlich für die "Lehrgangsgestaltung der Schulen" und ab Januar 1944 als Leiter der Abteilung VI A, "Allgemeine Aufgaben des Auslandsnachrichtendienstes. Zwischendurch profilierte er sich als einer der Hauptakteure der Vernichtung. Das Einsatzkommando 1a, das er führte, machte Estland "judenfrei", und der promovierte Rechtswissenschaftler gab später zu, an der Tötung von "etwa 350" Kommunisten direkt beteiligt gewesen zu sein."
Sind Klaus Harpprecht diese Tatsachen nicht bekannt? Oder verleugnet er sie, weil er meint, dass kultivierte Intellektuelle auch in besonderen historischen Kontexten nicht zu Mördern werden können? Oder wie kommt Klaus Harpprecht zu jener Aussage des oben zitierten eingeschobenen Satzes?
J. Kebbel