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"Jeder ist ein Deutscher"
Jonathan Littell – der Autor
"Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht 1967 in Amerika, sondern 1913 in Deutschland auf die Welt gekommen wäre?" Diese Frage hat sich Jonathan Littell schon in jungen Jahren gestellt. Seine größte Angst als Kind war es, nach Vietnam in den Krieg geschickt zu werden und Kinder zu töten. In vielen Interviews hat er erklärt, dass er die Idee zu seinem ersten Roman "Die Wohlgesinnten" seit 1989 in sich trägt – seit dem Fall der Berliner Mauer. Damals war er 22 Jahre alt. "Ich wollte nicht ein Schriftsteller werden, der Bücher schreibt – ich wollte dieses Buch schreiben." Es erschien keine zwei Monate, nachdem die Fußballweltmeisterschaft und das Endspiel – im Berliner Olympiastadion – das Bild von Deutschland in der Welt verändert hatten. Jonathan Littell, schrieb ein französischer Kritiker, sieht aus wie "einer der jungen Stürmer der deutschen Fußballnationalmannschaft."
Die Familie Littell ist jüdischer Herkunft und stammt aus Osteuropa. Sie war im neunzehnten Jahrhundert nach Amerika ausgewandert. Robert Littell, sein Vater, hat als Reporter und Schriftsteller eine brillante Karriere gemacht. Er ist Verfasser zahlreicher – in der ganzen Welt gelesener – Spionageromane, in denen es um den KGB, die CIA und den Kalten Krieg geht. Mit dem Holocaust, den er als Autor nie thematisierte, hat sich Robert Littell privat sehr intensiv befasst – mit den Schuldgefühlen mancher amerikanischer Juden, die ihn nur von Ferne mitbekommen haben.
Das hat seinen Sohn geprägt. Jonathan Littell ging in Paris zur Schule, wo er sein Abitur machte. Er studierte in Yale Literatur und "French Theory". Jonathan Littell hat den Marquis de Sade, Maurice Blanchot – mit dem er im Briefwechsel stand – und andere Schriftsteller ins Englische übersetzt. Er ist mit einer Belgierin, die für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitet, verheiratet und Vater zweier Kinder. Kurz bevor "Les Bienveillantes" erschienen, zog er mit seiner Familie aus dem Pariser Viertel Belleville nach Barcelona um. Nicht nur um dem Rummel der Medien, dem er sich systematisch entzieht, zu entgehen – denn mit ihm hatte er nicht wirklich gerechnet. Sondern auch ein bisschen aus Enttäuschung: Zweimal hatten ihm die Franzosen die Einbürgerung verweigert. Er bekam sie kurz nach dem Prix Goncourt.
In seiner Heimat jedenfalls wollte Jonathan Littell nicht mehr leben: Wegen Bush und dem Krieg im Irak. Auf seinen Reisen war ihm sein amerikanischer Pass hinderlich und auch peinlich. Als Mitarbeiter der "Aktion gegen den Hunger" besuchte Jonathan Littell die meisten Schauplätze des zeitgenössischen Schreckens. Er war in Bosnien und in Tschetschenien, wo er ein Attentat überlebte. In Ruanda hat er den Genozid mit ansehen müssen: "Ich sah die Leichen, und ich habe mit Kriegsverbrechern gesprochen".
Manchmal schrieb er Artikel, in denen er die "Unantastbarkeit der Großmächte" beklagte. Schriftsteller wurde er, um zu verstehen, was er trotz Sade, Bataille und Blanchot nicht begreifen konnte. Ein Schlüsselerlebnis war Lanzmanns Dokumentarfilm "Shoah". Ebenso fühlt er sich Hannah Arendt und Raul Hillberg verpflichtet. Jonathan Littell hat mit Überlebenden gesprochen, ist nach Auschwitz gereist und in die Ukraine – er hat auf eigene Kosten recherchiert. Seine Belesenheit, sein unerschütterliches Selbstbewusstsein und ein geradezu archaisches Vertrauen in die Möglichkeiten des Erzählens diesseits aller Avantgarden kennzeichnen seine kühne Konstruktion.
Als Icherzähler konfrontiert der Nachgeborene seinen Leser mit den kältesten Details des Genozids und zieht ihn in die Maschinerie der Unmenschlichkeit hinein. Der Leser als Komplize wider Willen: "Ich wollte zeigen, wie in einer relativ normalen abendländischen Gesellschaft kultivierte Individuen einem kollektiven Wahn verfallen. Die Deutschen sind wir, jeder ist ein Deutscher. Sadisten gibt es überall, aber sie interessieren mich nicht besonders, mir geht es um die Normalität des Totalitarismus. Moralische Urteile in den Begriffen von Gut und Böse werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Die Griechen gingen von den Fakten aus, nicht von den Beweggründen. So war es auch bei den Nürnberger Prozessen. Diese Sichtweise ist mir lieber. ‚Les Bienveillantes’ sind kein historischer Roman, sondern ein Roman der Geschichte." So charakterisiert Littell das eigene Werk.
F.A.Z.



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