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"Die Wohlgesinnten" – Wie der Roman entstand
Ein Schreibrausch von 112 Tagen
Das Manuskript kam per Post. Geschickt hatte es eine Agentur. Als Verfasser wurde "Jean Petit" angegeben – eine französische Version von Jonathan Littell: "Hans Klein". "Ich wollte meinen Vater aus dem Spiel lassen", erklärte der Sohn des amerikanischen Bestsellerautors Robert Littell später. Befremdet hat den Verlag die Tatsache, dass der Erstling von einem Agenten vermarktet wurde, der auch beträchtliche finanzielle Forderungen stellte. "Ich bin von der angelsächsischen Kultur geprägt, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit", begründete Jonathan Littell sein Vorgehen. Und er gibt an, dass er bestenfalls mit einer verkauften Auflage von 12 000 Exemplaren rechnete.
Bei Gallimard geriet das Manuskript in die Hände des Lektors Richard Millet, der auch ein anerkannter Schriftsteller ist. Millet war begeistert, alle Forderungen wurden akzeptiert. "Gallimard war für mich der Wunschverlag", sagt Littell, "ich bin als Leser durch und durch von der Gallimard-Kultur geprägt." Littell lebte eine Zeitlang in der legendären Dienstwohnung des Verlags – was einer sehr seltenen Ehre gleichkommt. Viele Gerüchte und Spekulationen zirkulieren bezüglich der Rolle des Lektors. Millet selber spielt seinen Einfluss auf das Werk herunter: Er habe sich auf das Korrigieren einiger Anglizismen beschränkt. Littell schrieb bekanntlich nicht in seiner Muttersprache, sondern auf Französisch: "Diese Sprache ist mir literarisch vertrauter."
"Als ich 1989 das Bedürfnis verspürte, dieses Buch zu schreiben, war ich unreif und das Ergebnis wäre katastrophal ausgefallen. Ich war ein junger Dummkopf – aber nicht ganz so dumm, dass ich das nicht gespürt hätte. Mir war bewusst, dass ich noch lange mit dem Schreiben warten musste." Das spätere Engagement in der humanitären Hilfe – auf den Schauplätzen von neuen Verbrechen gegen die Menschlichkeit – hat ihm auch die entsprechende existentielle Reife vermittelt und manche schmerzhafte Erkenntnis beschert: "Massenmörder können sehr charmant sein". Während eineinhalb Jahren hat Jonathan Littell recherchiert – vor Ort und mit Büchern. In 112 Tagen hat er 1500 Seiten geschrieben: "Die erste Fassung. Ich begann jeden Morgen, setzte mich hin, schrieb. Wenn ich müde war, hörte ich auf. Und begann am nächsten Tag von neuem. Ich schrieb von Hand, aber auf die gedruckte französische Ausgabe umgerechnet entstanden so jeden Tag rund zehn Seiten. Danach gab es natürlich einiges zu korrigieren. Ich bin ein Perfektionist."
Das Echo übertraf alle Erwartungen – beim Publikum und bei der Kritik. Die prominentesten und berufensten Dichter, Philosophen, Historiker befassten sich mit dem Buch: Michel Tournier, Dominique Fernandez, Marc Fumaroli, Claude Lanzmann, Jorge Semprun, Pierre Nora… Tolstoi, Flaubert, Dostojewski wurden zum Vergleich bemüht. Jonathan Littell bekam den Romanpreis der "Académie Française" und im November auch noch den "Prix Goncourt". Ende 2006 waren "Les Bienveillantes" das Buch des Jahres mit einer Auflage von einer halben Million. Inzwischen ist sie bei 800 000 angelangt. Auch die literarische Saison 2007/2008 in Paris steht noch ganz in seinem Bann und präsentiert sich als "Nachbeben" zum Schock des Jahres zuvor.
Gegenwärtig wartet Frankreich auf das schon länger angekündigte, mehrmals verschobene Buch Littells über den belgischen Faschistenführer Léon Degrelle, der zu den historischen Vorbildern seiner Figur Max Aue zählt. Praktisch gleichzeitig mit der deutschen Übersetzung von Hainer Kober erscheint die französische Taschenbuchausgabe. In Italien und Spanien sorgt der Roman ebenfalls für heftige Debatten – und bekommt viel Lob. In Israel steht die geplante Übersetzung noch aus, und auch die englischsprachige Ausgabe ist noch nicht erschienen. Jonathan Littell, der eine Zeitlang mit dem Gedanken liebäugelte, die Nachdichtung in seiner Muttersprache selber vorzunehmen, hat das Manuskript dem Verlag zurückgeschickt. Und einen neuen Übersetzer verlangt.
F.A.Z.



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