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Lorenz Jäger

Frage des Tages:

Wie ist der ungeheure Erfolg des Romans in Frankreich zu erklären?

Große, historische Siege müssen für jede Generation neu ins Gedächtnis gerufen werden. Ist der immense Erfolg von Littells Weltkriegs-Roman in Frankreich - achthunderttausend verkaufte Exemplare - deshalb als nationalpädagogische Stabilisierungsmaßnahme zu verstehen, spiegelt er die literarische Qualität - oder hat er ganz andere Gründe?

Beiträge

10.02.2008 | 22:56 Uhr

Jörg Baberowski: Eine Leistung, die bleiben wird

Ich glaube nicht an ein französisches Phänomen, ich glaube, dass der Roman überall diesen Erfolg haben wird, weil er sich einer Frage zuwendet, die jenseits der Debatte über den Nationalsozialismus von großer Bedeutung ist: warum verwandeln sich Menschen unter bestimmten Bedingungen in Tötungsmaschinen, und warum kehrt dieses Muster der Gewaltanwendung und Gewaltrechtfertigung immer wieder?

Was geschieht mit einem Gewalttäter, der die absolute Verfügungsgewalt über das Leben anderer Menschen erhält? Was denkt der Täter, was fühlt er? Wie sieht er das Opfer? Und wie bringt er seine Gefühle in einen Einklang mit seiner bürgerlichen Existenz? Das ist die Frage nach den menschlichen Möglichkeiten und ihren Handlungskontexten. Und diese Frage beschränkt sich nicht auf die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Darin hat der Roman eine Leistung vollbracht, die bleiben wird.

Kommentare


06.02.2008 | 13:14 Uhr

Ulrich Herbert: Nur in Frankreich sensationell: Littell bebildert die Forschung

Ein Anstoß für eine intellektuell herausfordernde Diskussion über die NS-Zeit ist Littells Buch wohl nicht. Es wirkt eher wie die Bebilderung eines Forschungsstands, nimmt aber die analytischen Herausforderungen der Forschungsdebatte über die NS-Täter, wie sie in den vergangenen etwa 12 Jahren in Deutschland und den Vereinigten Staaten mit Nachdruck geführt wurde, nicht auf.

Littell glaubt, ein Tabu zu zerstören, weil er es wagt, die Organisatoren und Konzepteure des Holocaust als intelligente Personen darzustellen, mit bürgerlichem Hintergrund und akademischer Ausbildung. Auf dem Hintergrund der "Banalität des Bösen", also dem Diskussionsstand der sechziger Jahre, ist das nachvollziehbar. Wer Eichmann für einen irren Technokraten ohne Überzeugung, ohne eigene politische Vorstellungen und Ziele hält, wird es für einen Tabubruch halten, einen SD-Mann mit Hochschulabschluss und klarem Verstand zu schildern.

Es bleibt in diesem Buch aber ganz unklar, was diese Männer trieb. Die expressionistische Darstellung von Massakern, die Verbindung von Sexualität und Gewaltphantasien, deutlich von Klaus Theweleit beeinflusst, suggeriert, dass im Unbürgerlichen, in der zynischen und kalten Auslebung von Gewalt- und Sexualitätsphantasien die Zugänge zum Verständnis dieser Männer lägen. Das ist aber wohl doch ein allzu beruhigender Gedanke, weil er zurückführt in die Residualkategorien des Abnormen, wo die SS seit jeher geortet wurde – nur diesmal auf höherer intellektueller Ebene. Die politische Sozialisation seines Helden Aue verlagert Littell nach Frankreich. Das mag einen Teil des Erfolgs dieses Buches in Frankreich erklären. Die Diskussionen darüber in den französischen Medien deuten aber eher darauf hin, dass die historischen Zusammenhänge von Holocaust und Krieg in der Sowjetunion in einer breiteren Öffentlichkeit nur wenig bekannt waren, ebenso wie die ideologischen und kulturellen Kontexte der Führung von SS und Sicherheitspolizei. Hier wirken Littells Kompilationen aus NS-Forschung und Spekulation dann sensationell und wie etwas ganz Neues.

Der spezifische historische Hintergrund der Radikalisierung der akademischen deutschen Jugend in den zwanziger Jahren wird dadurch ganz ausgeblendet. Die außerordentliche Faszination, die von den Gedanken des radikalen völkischen Nationalismus in den zwanziger und dreißiger Jahren ausging und in Deutschland eine ganze Studentengeneration in ihren Bann zog, kann von hier aus nicht erschlossen werden. Littells Figuren sind daher ohne Geschichte und Überzeugungen, ihr politisches Denken taucht als absurde Phantasie auf - oder in schulbuchhaften Zusammenfassungen ohne Plausibilität und gedankliche Kraft.

Die Führungsgruppe des Reichssicherheitshauptamtes bestand, je nach Zählung, aus 200 bis 500 Männern, meist aus den Jahrgängen zwischen 1900 und 1910. Ein Großteil von ihnen war bereits seit früher Jugend politisch aktiv – meist im Rahmen einer der unzähligen nationalistischen und völkischen Bünde, Zirkel und Parteien, dann vor allem an den Universitäten. Die politische Überzeugungswelt dieser jungen Männer, zumeist aus bürgerlichen Elternhäusern stammend, ging hervor aus der Erfahrung der Niederlage im Ersten Weltkrieg, aus den politischen Wirren und dem ökonomischen Zusammenbruch der Nachkriegszeit sowie aus einer scharfen Ablehnung der westlichen Kultur der Moderne, ohne sich der technischen Moderne zu verweigern. Sie dachten und handelten seit ihrer Jugendzeit in den Kategorien des völkischen Radikalismus und entwickelten dabei einen eigenen generationellen Stil und ein elitäres Selbstverständnis.

Ihre politische Überzeugungswelt, ihre auf Revanche, Führertum, Kriegsverherrlichung und Nationalismus gegründete Haltung unterschied sich vom Mainstream des verbreiteten Nationalismus in Deutschland aber nicht grundsätzlich, sondern vor allem durch die tatendurstige, "unbedingte" Haltung, wie etwa Michael Wildt und Karin Orth gezeigt haben, nicht durch die Zielsetzung selbst. Auch die Orientierung am "Volk" in einer sowohl kulturellen als auch "blutlichen" Ausprägung gehörte zur Grundausstattung des Radikalnationalismus der Zeit, ebenso wie der daraus abgeleitete radikale Antisemitismus, der als Schlussfolgerung aus einer konsequent "völkischen", auf kulturelle und rassische Scheidung Trennung der Deutschen von anderen Völkern abhebenden Grundauffassung verstanden wurde.

Diese Überzeugungswelt war verknüpft mit dem Empfinden, auf diese Weise die Probleme der Zeit und vor allem Deutschlands auf privilegierte Weise erkennen zu können und somit zur Tat, zur politischen Aktivität nicht nur berechtigt, sondern nachgerade verpflichtet zu sein. Nun wirkte dieses Überzeugungsgut aber nicht wie ein Programm, aus dem heraus ein Drang zum Massenmord erwuchs, sondern eher als Legitimationsgerüst, indem es dem Streben nach Herrschaftssicherung und Machterweiterung ebenso wie der Liquidierung politisch missliebiger oder als "entartet" angesehener Menschen, ja selbst der Vertreibung und Ermordung ganzer Völker eine ideologische Absicherung und Perspektive verlieh und das Handeln der einzelnen auf die Erfahrungen der Geschichte und die "Gesetze des Lebens" zurück bezog. So wurde das eigene Tun als notwendiges Mittel zu einem höheren Ziel erklärt, dessen Berechtigung nicht mehr der Gegenstand der Reflexion war, sondern als erkannt und gegeben vorausgesetzt wurde. Nur so konnten bei diesen Männern die in Schule und Universität ja anerzogenen humanitären Prinzipien außer Kraft gesetzt werden.
Das Denken und Handeln dieser Männer war also viel näher am Mainstream des durchschnittlichen, verbreiteten Nationalismus in Deutschland – von dem es sich vor allem durch Radikalität und die exzessive Tatbereitschaft unterschied. Die Wahrnehmung des eigenen Handelns als Einsatz für das eigene Volk in den Kategorien des traditionellen Radikalnationalismus ermöglichte es diesen Männern aber auch, nach dem Kriege in die Bürgerlichkeit zurückzukehren und ein Leben als Anwalt, Prokurist oder Unternehmer zu führen, ohne in der Umgebung weiter aufzufallen und ohne das Empfinden zu haben, dass an der eigenen Vergangenheit etwas sei, das aufgearbeitet werden müsste.
Daraus ergeben sich wichtige und interessante Fragen. Nur wird man sie nicht anhand dieses Buches diskutieren können. Ich finde es langweilig, die Charaktere hölzern, die Geschichte kolportagehaft und konstruiert. Und ich habe den Eindruck, dass es sich für eine ernsthafte Debatte über NS-Täter und NS-Verbrechen auch nicht eignet.

Kommentare

07.02.2008 | 21:23 Uhr
Schwarzwald schreibt: zu Herbert: spezifischer Hintergrund der Radikalisierung fehlt!

Die Sozialisation der Generation, die der Romanheld Aue verkörpern soll, im Milieu von Weimar, ist sicherlich ein wichtiger Untersuchungs- und Diskussionsgegegenstand, weitgehend ein Desiderat. Da ist Ulrich Herbert zuzustimmen. Man mag bedauern, daß Littell sich mit dieser Frage nicht auseinandersetzt, und es wohl auch gar nicht wollte.

Aber kann man dies einem Autor vorwerfen? Insofern geht auch Herberts Kritik an Littell eigentlich vorbei.
Den Rest finde ich bei weitem nicht so langweilig. Neues unter Forschungsgesichtspunkten mag das Werk wohl nicht bieten. Aber das scheint mir nicht die Aufgabe eines Romans. Und zudem: Ist das deutsche Publikum wirklich so viel schlauer als das französische? Mich hätte interessiert, ob es gravierende Fehler in der Faktendarstellung gibt, wie z. B. auch von Harpprecht behauptet, z. B. ob die deutschen Einsatzkommandos wirklich auch deutsche Schwerverletzte zu liqudieren hatten (S. 542 frz. Text). Leider sagt Herbert hierzu nichts.


07.02.2008 | 14:00 Uhr
Lutz Hachmeister schreibt: Zu Ulrich Herbert: Die vermiedene Forschung

Lutz HachmeisterUlrich Herbert schreibt in seinem Beitrag, "Die Wohlgesinnten" sei die "Bebilderung eines Forschungsstandes" und nehme "die analytischen Herausforderungen der Forschungsdebatte über die NS-Täter, wie sie in den vergangenen etwa zwölf Jahren in Deutschland und den Vereinigten Staaten mit Nachdruck" geführt werde, nicht auf.

Ich denke, man muss doch wissenschaftliche Aussagesysteme und Belletristik, selbst wenn sie sich auf historische Vorgänge bezieht, stärker auseinander halten. Auch ein epischer historischer Roman sollte zunächst als relativ autonomes Kunstwerk gelesen werden. Selbstverständlich kann man ihn auf Wahrhaftigkeit, Argumentationslogik und das Faktische hin analysieren, letztlich aber spielen ästhetische Kategorien und die Imaginationsfreiheit eine entscheidende Rolle. Ein Schriftsteller oder Filmemacher kann sich über Forschungsstände kundig machen und wird das in der Regel auch tun, aber er muss nicht akademischen Deutungen hinterher schreiben. Oliver Stones monumentales Richard-Nixon-Portrait (mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle) ist nicht als Beitrag zur Nixon-Forschung zu deuten, sondern als ästhetisch und psychologisch eigenständige Interpretation einer Präsidenten-Persönlichkeit. Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten" ist nicht zuerst ein Beitrag zu Großstadtsoziologie, aber ein Sittengemälde der New Yorker 1980er Jahre, wie es kein Fachwissenschaftler hätte zeichnen können.

Sicherlich hätte Littells Roman, und dies ist wohl eine Besonderheit, ohne die neueren Forschungen zur SS-Intelligentsia und zu den Einsatzgruppen (unter anderem von Ulrich Herbert selbst oder aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung) so nicht publiziert werden können. Zuvor allerdings hatte die westdeutsche Geschichtswissenschaft nahezu alles getan, den Nationalsozialismus von realen Nationalsozialisten zu säubern, und vor allem Himmlers Orden zu entpersonalisieren. "Forschung", von einzelnen Gutachten und Darstellungen aus dem Münchener Institut für Zeitgeschichte einmal abgesehen, wurde bewusst vermieden, aus Feigheit, Faulheit – und weil man es so genau auch gar nicht wissen wollte; schließlich lebten die SS-Strategen aus dem Reichssicherheitshauptamt und ähnlichen Behörden fast alle noch, und hätten ungemütliche Auskünfte geben können. Erkenntnisinteresse gab es bei einzelnen Publizisten (wie Heinz Höhne), den Verfolgten und ihren Angehörigen (wie Joseph Wulf, Robert Kempner, Serge Klarsfeld) und ungewöhnliche Erscheinungen in der Historikerzunft, wie Helmut Heiber, in dessen herausragender (und von der etablierten Geschichtswissenschaft weitgehend mißachteten) Dissertation über "Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland" (1273 Seiten, 1966) das hier in Rede stehende SD-Personal schon fast vollständig versammelt ist. Zunfthistoriker neigen gerade in Deutschland dazu, das Deutungsmonopol über die Geschichte ausschließlich an die Fachdisziplin mit ihren Binnenstreitigkeiten zu koppeln, und somit vielfältige und ungewöhnliche Zugänge zu verbauen. Es gibt immerhin Fortschritte: Auf einem der letzten Historikertage wurden sogar Filme gezeigt und diskutiert.


06.02.2008 | 17:57 Uhr
JLEBeckmann schreibt: Zu früh

Ich scheue mich, in diesem frühen Stadium meiner Lektüre von Littels Buch bereits ein Urteil über ein ganzes Buch abzugeben. Alle Experten haben uns Lesern doch wohl die Lektüre des Buches voraus.


Deshalb nur eine vorläufige Anmerkung: In den vielen Diskussionen, die ich über das Thema Holocaust einst geführt habe, wurde genau das immer wieder gesagt, was ich jetzt bei Littel lese: Die Zahlen von 6 oder 5 Millionen Juden, die Opfer wurden, werden angezweifelt: Motto: Es waren nur 5 Millionen. Oder nicht mal das. Ergebnis: Man weiß doch nichts Genaues. Folge: Wer weiß, was da überhaupt stimmt....etc

Und genau mit dieser Argumentation, die ich bereits in den 60er Jahren bis zum Überdruß hörte, beginnt Littel sein Buch. Ah, denke ich, was werden sich meine Ex-Gesprächspartner - soweit sie noch leben - freuen: So haben sie schon immer argumentiert...und jetzt wird ihnen das auch noch bestätigt....

Ich hoffe, dieser erste Eindruck ändert sich.


06.02.2008 | 16:42 Uhr
Bechstein schreibt: Littel als SS-Mann erschüttert die Glaubwürdigkeit

Für diesen ausführlichen Kommentar bin ich Ihnen außerordentlich dankbar. ich habe den Eindruck, dass die Bedeutung des historischen Hintergrundes bei der Frage nach Schuld und Nichtschuld vor allem der breiten Bevölkerungsschichten noch immer viel zu gering geschätzt wird.

Der Erfolg des Buches - egal wo - erklärt sich m.E. gewiss aus der Tasache, dass ein Jude sich in die Rolle eines SS-Mannes begibt. Das hat was. Und das riecht förmlich nach Umsatz. Für mich als Leser bringt es allerdings das Problem mit sich, dass ich noch keinen Satz gelesen habe, bei dem ich tatsächlich den SS-Mann vor mir hatte. Ein SS-Mann schreibt so nicht. Ich sehe immer Herrn Littell vor mir, bislang jedenfalls. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit. Vieleicht ändert sich das ja noch.


06.02.2008 | 16:00 Uhr
webermax schreibt: Es ehrt Sie, Herr Herbert 2

Solch eine Frage erfasst letztlich jenen bilddiskursiven Raum, den man, so wie Sie andernorts, auch ideologisch nennen kann. Wenn Sie davon sprechen, dass z.B. Aue als "normaler" Generationenvertreter des Unbedingten seine Vernichtungshandlungen "völkisch" legitimiert - d.h. die individuelle Motivation verschmilzt mit dem Phantasma der "rassischen" Überlegenheit des eigenen "Volkes" -, dann muss besonders interessieren, wie (!) die Vorstellung des "Volkes" konfiguriert ist, letztlich:

Aus welchen Quellen speist sich diese Mentalität? An dieser Stelle wird dann wieder Theweleit interessant, weil er sich eben für die Konstruktions- & Funktionsweisen antisemitischer Bilder und Texte auf gesellschaftlicher (!) Ebene interessiert, die er schliesslich als "Männerphantasien" kodiert. Dabei existieren bspw. bestimmte Institutionen & Praktiken zur Herstellung soldatisch-gestählter Körper und zur Programmierung bestimmter Geisteshaltungen, die Vernichtungshandeln wahrscheinlicher machen.


06.02.2008 | 15:42 Uhr
webermax schreibt: Es ehrt Sie, Herr Herbert

Es ehrt Sie, Herr Herbert, dass Sie Littells Buch als "langweilig" einschätzen & damit die Schirrmacherschen Bemühungen, erneut ein "sensationelles" Nazi-Thema ausgegraben zu haben, letztlich ad absurdum führen. Nach dieser wohltuhend knallharten Einschätzungen könnte man diesen Leseraum eigentlich schliessen & sich wieder einer sinnvolleren Tätigkeit widmen.

Ich möchte deshalb auch nicht weiter zum Buch Stellung nehmen, sondern Sie auf Ihre m.E. verkürzte Darstellung Theweleits ansprechen. Die sedative Funktion von Theweleits "Männerphantasien" sehe ich nicht so: Es geht hier nicht um eine psychologisierende Auseinandersetzung an Einzeltäter. Viel eher steht ein, quasi, ur-soziologisches Erkenntnisinteresse im Blickpunkt, dass sich darum bemüht herauszuarbeiten, welcher gesellschaftliche (bilddiskursive) Möglichkeitsraum bestimmte Handlungsweisen wahrscheinlicher macht. zugespitzt gefragt: unter welchen möglichkeitsbedingungen entsteht der wille zur vernichtung?



06.02.2008 | 09:19 Uhr

Helmuth Kiesel: Ein verborgenes, aber mächtiges Bedürfnis

Das ‚Dritte Reich‘, der Zweite Weltkrieg und die Ermordung eines großen Teils der europäischen Juden sind Themen, die in Frankreich seit vielen Jahren starkes Interesse erregen. Sie werden wissenschaftlich wie künstlerisch vielfach reflektiert und in den Medien ausgiebig behandelt.

Littells Roman kam diesem Interesse entgegen und überbot die bis dahin bekannten Darstellungen in mehrfacher Hinsicht. Zunächst einmal durch seinen überwältigenden Umfang, der allein schon eine erschöpfende Reflexion der Judenvernichtung versprach. Dann durch seine Mischung aus militärsprachlich präzise wirkendem Bericht über die Organisation des Judenmords und aus emotional bewegter – und bewegen wollender – Schilderung einzelner "Aktionen".

Sachliches Interesse und emotionale Bedürfnisse werden gleichermaßen bedient (vorausgesetzt, dass man das Buch nicht als kitschig empfindet und sich seinen Verlockungen verschließt). Dann durch die ungebrochene Darstellung aus der Sicht eines Täters, was in dieser exzessiven Form ein Novum war und einem Tabubruch gleichkam, vorbereitet vielleicht durch die Tendenz zur ‚political incorrectness‘, die durch die ‚nouveaux philosophes‘ inauguriert worden war.

Offensichtlich traf Littell damit ein verborgenes, aber mächtiges Bedürfnis des Publikums: nach langen Jahren, in denen der Blick in eher spröden Werken fast ausschließlich auf die Opfer gelenkt worden war, etwas über die Täter zu erfahren und zu sehen, was deren Motive waren und welche Dispositionen es ihnen erlaubt hatten, ihre immer wieder als ‚unfassbar‘ bezeichneten Verbrechen ganz pragmatisch zu planen und unbeirrt zu begehen. Littell sagte in einem Interview, dass ihn vor allem das "Thema des Henkers" faszinierte und dass es ihm nicht mehr genügte, im Nationalsozialismus eine Ideologie zu sehen, die man nur auf das zurückführen konnte, "was ein Verrückter durch das Radio schrie". Offensichtlich stand – und steht – Littell damit nicht alleine; die Frage, wie es zum nationalsozialistischen Judenmord kommen konnte und wie wir uns vor ähnlichen Verbrechen schützen können, ist bis heute nicht hinreichend beantwortet.

Ein weiterer Faktor mag hinzugekommen sein: Littells Held, Max Aue, ist sozusagen ein halber Franzose. Sein Vater war ein protestantischer Deutscher, seine Mutter aber eine Französin, und zehn Jahre seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Frankreich. Er spricht fließend französisch, liebt die französische Lebensart, ist in der französischen Literatur bewandert – und kennt selbstverständlich auch die antisemitischen Pamphlete eines Louis-Ferdinand Céline, die bald nach Beginn der eigentlichen Romanhandlung (auf Seite 83 der deutschen Fassung) wörtlich zitiert werden.

Anders gesagt: In Max Aue haben die französischen Leser nicht nur eine Figur vor Augen, die typisch deutsch wirkt, sondern auch eine Gestalt mit französischen Anmutungen; die "Wohlgesinnten" sind ein Buch nicht nur über deutsche Mentalitäten, sondern auch über französische; nicht nur über deutsche Verbrechen, sondern auch über französische. Ein Hinweis auf das "kleine algerische Abenteuer", das die Franzosen "so tief traumatisiert" habe, findet sich gleich in der einleitenden "Toccata". Möglicherweise haben viele französische Leser den Roman im mehr oder minder deutlichen Bewusstsein gelesen, dass darin nicht nur deutsche Themen verhandelt werden ...

Kommentare

07.02.2008 | 15:39 Uhr
kades schreibt: Generation nicht Nation

Es ist wohl weniger, oder nur nachrangig, eine Frage nationaler Besonderheiten, die für den kaum vergleichbaren Erfolg des ROMANS von Bedeutung ist, als eine der Generation. Wenn es eine nationale Besonderheit zu dem Thema der Verfolgung und Vernichtung der Juden Europas gibt, dann diejenige, dass Deutsche immer ganz zuletzt sich dem Thema annäherten.

In der Forschung und in der Literatur. Jahrzehnte erschienen die großen Studien zur Nazizeit in den USA, in England und auch in Frankreich, nach Deutschen konnten wir suchen. Und wenn, dann waren es deutsche Juden, die forschten und schrieben.
Unverkennbar näherte sich erst die Zweite Generation via Wissenschaft und Literatur dem Thema, nachdem die Generation der Opfer wie der Täter nicht mehr lebt. Das ist eine Deskription.
Jetzt, so heißt es, stellt sich die Authentizitätsfrage völlig neu, seitdem keiner mehr gefragt, keiner mehr gekränkt werden kann aufgrund unmittelbarer Betroffenheit.


06.02.2008 | 21:49 Uhr
Darla schreibt: Céline - Brasillach

Das enorme Interesse der Franzosen an diesem Täter mit französischen Wurzeln mag sich u.a. auch durch die sog. Affaire Brasillach erklären, die jüngst durch die frz.Medien ging. Die mit Staatsgeldern subventionierte Encyclopédie du pays catalan hatte den Versuch unternommen, Robert Brasillach, einen "intellektuellen Täter" par excellence, zu rehabilitieren.

Sie spricht vom "warmherzigen" Werk dieses Autors, ohne zu erwähnen, dass Brasillach als Journalist in der faschistischen und antisemitischen Zeitschrift "Je suis partout", deren Chefredakteur er von Juni 1937 bis September 1943 war und an der u.a. auch Louis-Ferdinand Céline mitarbeitete, Namen und Adressen von Mitgliedern der Résistance, von Gaullisten und Juden veröffentlichte, dass er die Pogrome von 1942 ausdrücklich begrüßte und die Nazis aufforderte: "Débarrassez-nous des juifs en bloc, et surtout n'oubliez pas les petits". Brasillach wird am 6.2.1945 fusilliert.



05.02.2008 | 13:10 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Ein Amerikaner in Paris

Ein besonderes Kennzeichen der französischen Literatur besteht darin, dass ein Großteil ihrer in Frankreich wie außerhalb anerkannten Autoren keine geborenen Franzosen sind, sondern Ausländer, die sich für das Französische als Ausdrucksmittel entschieden haben.

Die meisten von ihnen haben zunächst in Paris gelebt, dort studiert oder gearbeitet und waren von der Weltläufigkeit der Stadt und ihrem reichen Kulturangebot angezogen. Andere wiederum kamen als Flüchtlinge, meist aus Osteuropa, und fanden in Frankreich, das für sich reklamiert, der Hort der Freiheit zu sein, Aufnahme. Als weiterer Grund dürfte bei einigen Autoren auch die Verbreitung der Weltsprache Französisch gewirkt haben, die eine größere Rezeption als die eigene Muttersprache garantiert. Bekannte Autoren mit anderssprachigem Hintergrund, die sich letztlich für das Französische entschieden haben, sind der Rumäne Ionesco, der Ire Samuel Beckett, der Amerikaner Julien Green, der Litauer Romain Gary, und viele andere. Bereits im Gefolge des Ersten Weltkriegs, in dem die Vereinigten Staaten Europa militärisch und ökonomisch zu Hilfe eilten und die Kultur der europäischen Moderne entdeckten, bildeten sich US-amerikanische Intellektuellenkolonien in Paris. Zu nennen sind Gertrude Stein oder Florence Gould, in deren Salons sich Künstler und Literaten aus ganz Europa versammelten. Der Amerikaner, der in Paris lebt und sich dort als Künstler versucht, ist schon fast ein Klischee, das Vincente Minellis Musicalfilm "Ein Amerikaner in Paris" besonders eindringlich gezeichnet hat.

Frankreich nimmt Ausländer problemlos auf, wenn sie sich zur französischen Sprache und Kultur bekennen. Auch Littell ist diesen Weg gegangen. Er stammt aus einer jüdischen Familie mit osteuropäischem Hintergrund, wurde in New York geboren, ging aber in Frankreich zur Schule und ist seit 2007 französischer Staatsbürger. Sein literarischer Erfolg in Frankreich erklärt sich aber auch dadurch, dass sein Protagonist Max Aue, quasi ein Halbfranzose, in Frankreich an einer Eliteschule studiert hat und später (im Kapitel "Sarabande") im Auftrag der SS nach Paris zurückkehrt, wo er sich mit den führenden Köpfen der Kollaboration trifft. Eine Literarisierung dieser Epoche, wie sie Littell liefert, ist in der französischen Literatur immer noch ein Novum, vielleicht auch ein Tabu, da die Ereignisse der Jahre 1940-1944 bis heute stark polarisieren. Ein Amerikaner tut sich mit ihrer Literarisierung leichter als ein Franzose, auch wenn Littell möglicherweise andeuten will, dass Aues faschistisches Weltbild auch nicht-deutsche Wurzeln hat.

Kommentare

12.02.2008 | 16:00 Uhr
thomas vogel schreibt: Das Grauen auf der anderen Seite des Zaunes

Allah n'est pas obligé (Ahmadou Kourouma) hatte vor ein paar Jahren einen grossen kommerziellen Erfolg in Frankreich. Hier ging es (in der ersten Person erzaehlt) um Kindersoldaten in Afrika.

Ich wuerde, frech und unwissenschaftlich, die Hypothese aufstellen, dass es, wenn nicht Dr Aue sondern Maitre Aué, Vichy collaborateur, alz franz. Milizionaer seine Geschichte erzaehlen wuerde, es mit der Rezeption in Frankreich ganz anders aussehen wuerde.
In Frankreich sind Taeter als Opfer immer noch weit akzeptiert, siehe die Filme DienBienPhu oder (vor kurzem) Indigènes.



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