Ein Anstoß für eine intellektuell herausfordernde Diskussion über die NS-Zeit ist Littells Buch wohl nicht. Es wirkt eher wie die Bebilderung eines Forschungsstands, nimmt aber die analytischen Herausforderungen der Forschungsdebatte über die NS-Täter, wie sie in den vergangenen etwa 12 Jahren in Deutschland und den Vereinigten Staaten mit Nachdruck geführt wurde, nicht auf.
Littell glaubt, ein Tabu zu zerstören, weil er es wagt, die Organisatoren und Konzepteure des Holocaust als intelligente Personen darzustellen, mit bürgerlichem Hintergrund und akademischer Ausbildung. Auf dem Hintergrund der "Banalität des Bösen", also dem Diskussionsstand der sechziger Jahre, ist das nachvollziehbar. Wer Eichmann für einen irren Technokraten ohne Überzeugung, ohne eigene politische Vorstellungen und Ziele hält, wird es für einen Tabubruch halten, einen SD-Mann mit Hochschulabschluss und klarem Verstand zu schildern.
Es bleibt in diesem Buch aber ganz unklar, was diese Männer trieb. Die expressionistische Darstellung von Massakern, die Verbindung von Sexualität und Gewaltphantasien, deutlich von Klaus Theweleit beeinflusst, suggeriert, dass im Unbürgerlichen, in der zynischen und kalten Auslebung von Gewalt- und Sexualitätsphantasien die Zugänge zum Verständnis dieser Männer lägen. Das ist aber wohl doch ein allzu beruhigender Gedanke, weil er zurückführt in die Residualkategorien des Abnormen, wo die SS seit jeher geortet wurde – nur diesmal auf höherer intellektueller Ebene. Die politische Sozialisation seines Helden Aue verlagert Littell nach Frankreich. Das mag einen Teil des Erfolgs dieses Buches in Frankreich erklären. Die Diskussionen darüber in den französischen Medien deuten aber eher darauf hin, dass die historischen Zusammenhänge von Holocaust und Krieg in der Sowjetunion in einer breiteren Öffentlichkeit nur wenig bekannt waren, ebenso wie die ideologischen und kulturellen Kontexte der Führung von SS und Sicherheitspolizei. Hier wirken Littells Kompilationen aus NS-Forschung und Spekulation dann sensationell und wie etwas ganz Neues.
Der spezifische historische Hintergrund der Radikalisierung der akademischen deutschen Jugend in den zwanziger Jahren wird dadurch ganz ausgeblendet. Die außerordentliche Faszination, die von den Gedanken des radikalen völkischen Nationalismus in den zwanziger und dreißiger Jahren ausging und in Deutschland eine ganze Studentengeneration in ihren Bann zog, kann von hier aus nicht erschlossen werden. Littells Figuren sind daher ohne Geschichte und Überzeugungen, ihr politisches Denken taucht als absurde Phantasie auf - oder in schulbuchhaften Zusammenfassungen ohne Plausibilität und gedankliche Kraft.
Die Führungsgruppe des Reichssicherheitshauptamtes bestand, je nach Zählung, aus 200 bis 500 Männern, meist aus den Jahrgängen zwischen 1900 und 1910. Ein Großteil von ihnen war bereits seit früher Jugend politisch aktiv – meist im Rahmen einer der unzähligen nationalistischen und völkischen Bünde, Zirkel und Parteien, dann vor allem an den Universitäten. Die politische Überzeugungswelt dieser jungen Männer, zumeist aus bürgerlichen Elternhäusern stammend, ging hervor aus der Erfahrung der Niederlage im Ersten Weltkrieg, aus den politischen Wirren und dem ökonomischen Zusammenbruch der Nachkriegszeit sowie aus einer scharfen Ablehnung der westlichen Kultur der Moderne, ohne sich der technischen Moderne zu verweigern. Sie dachten und handelten seit ihrer Jugendzeit in den Kategorien des völkischen Radikalismus und entwickelten dabei einen eigenen generationellen Stil und ein elitäres Selbstverständnis.
Ihre politische Überzeugungswelt, ihre auf Revanche, Führertum, Kriegsverherrlichung und Nationalismus gegründete Haltung unterschied sich vom Mainstream des verbreiteten Nationalismus in Deutschland aber nicht grundsätzlich, sondern vor allem durch die tatendurstige, "unbedingte" Haltung, wie etwa Michael Wildt und Karin Orth gezeigt haben, nicht durch die Zielsetzung selbst. Auch die Orientierung am "Volk" in einer sowohl kulturellen als auch "blutlichen" Ausprägung gehörte zur Grundausstattung des Radikalnationalismus der Zeit, ebenso wie der daraus abgeleitete radikale Antisemitismus, der als Schlussfolgerung aus einer konsequent "völkischen", auf kulturelle und rassische Scheidung Trennung der Deutschen von anderen Völkern abhebenden Grundauffassung verstanden wurde.
Diese Überzeugungswelt war verknüpft mit dem Empfinden, auf diese Weise die Probleme der Zeit und vor allem Deutschlands auf privilegierte Weise erkennen zu können und somit zur Tat, zur politischen Aktivität nicht nur berechtigt, sondern nachgerade verpflichtet zu sein. Nun wirkte dieses Überzeugungsgut aber nicht wie ein Programm, aus dem heraus ein Drang zum Massenmord erwuchs, sondern eher als Legitimationsgerüst, indem es dem Streben nach Herrschaftssicherung und Machterweiterung ebenso wie der Liquidierung politisch missliebiger oder als "entartet" angesehener Menschen, ja selbst der Vertreibung und Ermordung ganzer Völker eine ideologische Absicherung und Perspektive verlieh und das Handeln der einzelnen auf die Erfahrungen der Geschichte und die "Gesetze des Lebens" zurück bezog. So wurde das eigene Tun als notwendiges Mittel zu einem höheren Ziel erklärt, dessen Berechtigung nicht mehr der Gegenstand der Reflexion war, sondern als erkannt und gegeben vorausgesetzt wurde. Nur so konnten bei diesen Männern die in Schule und Universität ja anerzogenen humanitären Prinzipien außer Kraft gesetzt werden.
Das Denken und Handeln dieser Männer war also viel näher am Mainstream des durchschnittlichen, verbreiteten Nationalismus in Deutschland – von dem es sich vor allem durch Radikalität und die exzessive Tatbereitschaft unterschied. Die Wahrnehmung des eigenen Handelns als Einsatz für das eigene Volk in den Kategorien des traditionellen Radikalnationalismus ermöglichte es diesen Männern aber auch, nach dem Kriege in die Bürgerlichkeit zurückzukehren und ein Leben als Anwalt, Prokurist oder Unternehmer zu führen, ohne in der Umgebung weiter aufzufallen und ohne das Empfinden zu haben, dass an der eigenen Vergangenheit etwas sei, das aufgearbeitet werden müsste.
Daraus ergeben sich wichtige und interessante Fragen. Nur wird man sie nicht anhand dieses Buches diskutieren können. Ich finde es langweilig, die Charaktere hölzern, die Geschichte kolportagehaft und konstruiert. Und ich habe den Eindruck, dass es sich für eine ernsthafte Debatte über NS-Täter und NS-Verbrechen auch nicht eignet.