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Jürg Altwegg

Frage des Tages:

Handelt es sich bei Littells Buch noch um einen Roman oder eher um eine Montage von zeitgeschichtlichem Material?

Claude Lanzmann ("Shoa") hat Jonathan Littells historische Authentizität gelobt, aber das literarische Projekt mit einem Fragezeichen versehen: Henker sprechen nicht. Jorge Semprun sieht das anders: Littell habe seine Dokumentation zu einem "Roman aus Fleisch und Blut" verarbeitet. Sind "Die Wohlgesinnten" eine raffinierte Montage von zeitgeschichtlichem Material oder ein Roman? Oder ist beides möglich – und gibt es dafür in der Literaturgeschichte Vorbilder?

Beiträge

13.02.2008 | 12:56 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Stimmigkeit des Arrangements

Ist es sinnvoll, eine fiktive Geschichte zu schreiben, um sich einem historischen Stoff zu nähern? Ja, durchaus. Das Bild vor dem inneren Auge des Romanciers fügt zwei Schichten zusammen, von denen eine dem Historiker nicht zur Verfügung steht.

Der Schriftsteller kann in die Schilderung der Abläufe die bohrende Frage an sich selbst einbeziehen, wie er sich denn verhalten hätte, wenn er als junger Mensch in die Situation hineingestellt gewesen wäre, die er da beschreibt. Der Historiker wird über die Schilderung der Fakten, die er erforscht hat, und deren Analyse nicht hinausgehen. Ob die "Geschichte", die der Romancier erzählt, wirklich stimmt, ist sekundär. Die Stimmigkeit ergibt sich für ihn aus dem Arrangement seines Bildes.

Littell konfrontiert seine Leser mit der brutalen Frage, ob wir nicht alle in der einen oder anderen Form ebenfalls in dieser Geschichte auftauchen könnten, wenn wir nur zu den Jahrgängen der Täter gehört hätten? Damit spricht er "uns", den Lesern des Buchs und Zeitgenossen im Hier und Heute, nicht nur das Recht, sondern auch die Fähigkeit ab, von einer moralisch höheren Warte zu urteilen - sei es über diese Vergangenheit oder über unsere Gegenwart. Das ist eine kalte Herausforderung, offenbar getragen von einem abgrundtiefen Pessimismus.

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08.02.2008 | 10:51 Uhr

Helmuth Kiesel: Alle Literatur ist Montage

Es scheint mir nichts dagegen zu sprechen, die "Wohlgesinnten" als historischen Roman zu bezeichnen: Ein geschichtlicher Vorgang wird in der Form einer autobiographischen Erzählung, die mit dem Roman strukturell eng verwandt ist, mit historischer Treue im großen und ganzen und mit dichterischer Freiheit im einzelnen nachgezeichnet. In diesem Fall scheint es sogar so zu sein, dass der Verfasser sich sehr eng an die einschlägigen Quellen gehalten hat, an militärische Akten, Lebenserinnerungen und historische Darstellungen.

Nicht nur viele Personen und Geschehnisse sind bekannt und historisch verbürgt; auch viele Situationen, die in den "Wohlgesinnten" mit dichterischer Freiheit gestaltet und platziert sind, kennt man aus anderen Quellen. Insofern kann man auch sagen, dass die "Wohlgesinnten" eine "Montage von zeithistorischem Material" sind. Damit ist freilich ein Kenn- und Reizwort der literarischen Moderne in Anschlag gebracht, und darüber lohnt es sich, einen Moment nachzudenken.

Ich beginne mit einigen definitorischen Feststellungen: Mehr oder minder ist alle Literatur Montage: Bewußtseinsinhalte, gespeist aus der Wirklichkeit oder aus der Literatur, werden miteinander auf mehr oder minder originelle Weise verbunden. Bei historischen und zumal dokumentarischen Romanen ist dies auffälliger als bei rein fiktionalen Texten, weil die zusammengefügten oder zusammenmontierten Komponenten teilweise aus anderen Quellen bekannt sind. Die Literatur bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts tendierte dazu, dieses Montieren zu verbergen, so dass der Eindruck eines originären und organischen oder geschlossenen Werks entstand, das die Welt oder den betreffenden Ausschnitt in einer einheitlichen Perspektive zeigte. Das änderte sich in den zehner und zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit den Sichtweisen und Darstellungstechniken der künstlerischen Avantgarden, also des Futurismus, Dadaismus, Surrealismus etc. Die Devise hieß "Wirklichkeits-" oder "Zusammenhangszertrümmerung" (Gottfried Benn), und das bedeutete eben auch "Formzertrümmerung" – oder "Montage", und zwar sichtbar gemachte, demonstrativ hervorgekehrte Montage, wie wir sie am besten in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" von 1929 beobachten können, aber auch in Ernst Jüngers "Abenteuerlichem Herzen" aus demselben Jahr. Wirklichkeitsbeschreibungen und verwendete Dokumente oder Texte aus anderen Büchern werden nicht mehr in einen organisch wirkenden Text mit unauffällig verfugter Oberfläche überführt, sondern so nebeneinander gestellt, dass sich Brüche zeigen und Disparatheiten aller Art augenfällig werden. Den avantgardistischen Autoren der zehner und zwanziger Jahre schien es nicht mehr möglich zu sein, das moderne Leben mit all seinen sozialen Verwerfungen, weltanschaulichen Verunsicherungen und ideologischen Gegensätzen auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Deswegen wurden die verschiedenen Tendenzen montageartig nebeneinander gestellt; sie zu verarbeiten, miteinander in Beziehung zu setzen und zu versöhnen oder nicht, wurde dem Leser überlassen. Montage wurde zum Kriterium und Merkmal von reflektierter Zeitgemäßheit oder Modernität.

Dass Littell mit den "Wohlgesinnten" hinter diesen Standard der Moderne zurückgeht (um nicht zu sagen: zurückfällt), muss zu denken geben. Wenn man nicht unterstellen will, dass es literarische Naivität war, muss man es als einen bewußten Kunstgriff betrachten: als Versuch, dem geschlossenen Weltbild jenes Typus, der von Max Aue repräsentiert wird, adäquaten Ausdruck zu geben. Dafür mag diese konventionelle, bewusstseins- und literaturgeschichtlich gleichermaßen überholte Darstellungsweise gerechtfertigt scheinen. Aber indem Littell diese Darstellungsweise wählt und ungebrochen realisiert, liefert er seinen Roman ganz und gar dem Bewußtsein seines Helden aus. Ob dies der Sache insgesamt gerecht wird, also nicht nur dem "Henker" Aue, sondern auch seinen Opfern, ist eine andere Frage. Und noch einmal eine andere Frage ist es, was diese einfühlsame und einsinnige, ganz und gar identifikatorische Darstellungsweise bei den Lesern bewirkt.

Kommentare

11.02.2008 | 10:16 Uhr
rolf johann schreibt: Keine Identifikation mit dem Monster

Das sehe ich anders. Ich kann den von Ihnen konstruierten Zusammenhang, zwischen der Länge eines Textes und der Identifikationsproblematik, nicht nachvollziehen. Eine emotionale Identifikation mit diesem Monster ist für mich ausgeschlossen! Grüße

Rolf Johann


08.02.2008 | 21:29 Uhr
Christa Huß-Königsfeld schreibt: Wie der Identifikation entziehen?

Diese Auslieferung des Romans an den "Helden" ist m.E. der kritische Punkt, und hier spielt die Länge eine besondere Rolle: In einer Kurzgeschichte oder kürzeren Erzählung kann die Ich-Perspektive durchaus Distanz beim Leser bewirken, dafür gibt es viele Beispiele in der Literatur.

Aber wie soll sich der Leser über 1300 Seiten, zumal wenn sie, wie offenbar bei Littell, so gut geschrieben sind, dem Identifikationssog entziehen?! Angeregt zur kritischen Reflexion wird er jedenfalls nicht.



08.02.2008 | 10:48 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Max Aue – kein mittlerer Held

Der historische Roman, als dessen "Erfinder" Walter Scott zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gilt ("Waverley"-Zyklus), lässt sich strukturell präzise beschreiben. Der im Zentrum stehende "Held", ist ein "mittlerer Held", der zwischen zwei miteinander kämpfenden Parteien steht und Verbindungen zu beiden Lagern hat.

Er ist ein "mittlerer Held", weil er selber Extreme meidet und sich um Ausgleich oder "Vermittlung" zwischen den Kontrahenten bemüht. Häufig verbindet ihn Liebe zu einer Frau mit dem anderen Lager. Der Handlungszeitraum muss mindestens eine Generation zurückliegen, meist jedoch mehr. Kerker- und Gefangenenszenen, grausame Kampfberichte, die Beschreibung von exotischen Örtlichkeiten geben ihm ein besonderes Kolorit. Der Erzähler ist ein allwissender, der in der dritten Person erzählt.

Gewisse Gemeinsamkeiten, mehr noch aber Unterschiede zwischen Littells Roman und dem klassischen historischen Roman fallen sofort ins Auge. "Die Wohlmeinenden" ist in der ersten, nicht der dritten Person erzählt, und der Bericht ist eine Mörderbeichte, wie wir sie zum Beispiel aus Dostojewskis "Schuld und Sühne kennen" und wie sie in der Weltliteratur gelegentlich anzutreffen ist. Aufgrund seiner Teilnahme an praktisch allen Mordaktionen, die die SS nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begangen hat, scheidet Aue als "mittlerer Held" aus. Zwar ist er Deutscher und Franzose zugleich, exekutierender SS-Mann und den Holocaust hinterfragender Berichterstatter, dennoch kann man ihn wegen seiner Extremhaltung nicht einen "mittleren Helden" nennen.

Max Aue "erlebt" mehr, als ein SS-Offizier damals erleben konnte. Littell hat sich zu diesem Zweck umfassend dokumentiert und macht seinen Protagonisten zum Schüler von realen NS-Professoren, zum Untergebenen von realen SS-Führern, die die Mordaktionen befohlen haben, aber auch zum Freund von realen französischen Schriftstellern, seien sie Kollaborateure oder nicht. Diese Mischung von fiktiven und historisch wirklichen Personen ist wieder typisch für den historischen Roman. Man mag Littells Werk deshalb eine Montage von zeithistorischem Material nennen. Es wird jedoch in besonderer Weise durch die Person Aues und seines Alter ego Thomas Hauser zusammengehalten und in eine zusammenhängende Abfolge gebracht.

Kommentare

08.02.2008 | 19:08 Uhr
sylvia kade schreibt: Wie reden und schreiben über die Vergangenheit der Shoah

Eignung oder Nichteignung ist nicht mehr die Frage, es ist schon entschieden. Die den Wohlgesinnten Wohlgesonnenen sind Wenige, die sich mit der Formfrage Auseinander-Setzenden sind schon Legion.

Hier geht es wohl weniger um die literarische Qualität eines Erstlings, noch um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Littell wollte dieses Buch schreiben, sagt er, nicht Dichter werden. Die Grundfrage, die der Roman stellt, indem er geschrieben wurde, ist die Auseinandersetzung mit der Form in der über die Shoah mit Eltern, Kindern und Kindeskindern, mit Deutschen oder Franzosen, heute und dereinst gesprochen werden kann, wie über sie erzählt und geschrieben werden kann, ohne unter Kitschverdacht zu geraten, dem Verdikt von Propaganda- und Zwecklügen zu verfallen, einem Denkverbot oder Deutungsmonopolen zu unterliegen. Grundfrage ist: Wie können wir über uns reden, ohne den anderen zu töten?


08.02.2008 | 13:56 Uhr
volker m. rollfink schreibt: Mehr Materialmontage

Littells Buch erscheint weniger als autobiografischer Roman als eine Montage zeitgenössischen Materials. Seine erkennbar absichtsvoll meist überzogenen, z.T. sich auch widersprechenden Thesen des Erzählers machen ihn allerdings zum Kunstprodukt, das sich zur Auseinandersetzung mit Vergangenheit eher weniger eignet.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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