Es scheint mir nichts dagegen zu sprechen, die "Wohlgesinnten" als historischen Roman zu bezeichnen: Ein geschichtlicher Vorgang wird in der Form einer autobiographischen Erzählung, die mit dem Roman strukturell eng verwandt ist, mit historischer Treue im großen und ganzen und mit dichterischer Freiheit im einzelnen nachgezeichnet. In diesem Fall scheint es sogar so zu sein, dass der Verfasser sich sehr eng an die einschlägigen Quellen gehalten hat, an militärische Akten, Lebenserinnerungen und historische Darstellungen.
Nicht nur viele Personen und Geschehnisse sind bekannt und historisch verbürgt; auch viele Situationen, die in den "Wohlgesinnten" mit dichterischer Freiheit gestaltet und platziert sind, kennt man aus anderen Quellen. Insofern kann man auch sagen, dass die "Wohlgesinnten" eine "Montage von zeithistorischem Material" sind. Damit ist freilich ein Kenn- und Reizwort der literarischen Moderne in Anschlag gebracht, und darüber lohnt es sich, einen Moment nachzudenken.
Ich beginne mit einigen definitorischen Feststellungen: Mehr oder minder ist alle Literatur Montage: Bewußtseinsinhalte, gespeist aus der Wirklichkeit oder aus der Literatur, werden miteinander auf mehr oder minder originelle Weise verbunden. Bei historischen und zumal dokumentarischen Romanen ist dies auffälliger als bei rein fiktionalen Texten, weil die zusammengefügten oder zusammenmontierten Komponenten teilweise aus anderen Quellen bekannt sind. Die Literatur bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts tendierte dazu, dieses Montieren zu verbergen, so dass der Eindruck eines originären und organischen oder geschlossenen Werks entstand, das die Welt oder den betreffenden Ausschnitt in einer einheitlichen Perspektive zeigte. Das änderte sich in den zehner und zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit den Sichtweisen und Darstellungstechniken der künstlerischen Avantgarden, also des Futurismus, Dadaismus, Surrealismus etc. Die Devise hieß "Wirklichkeits-" oder "Zusammenhangszertrümmerung" (Gottfried Benn), und das bedeutete eben auch "Formzertrümmerung" – oder "Montage", und zwar sichtbar gemachte, demonstrativ hervorgekehrte Montage, wie wir sie am besten in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" von 1929 beobachten können, aber auch in Ernst Jüngers "Abenteuerlichem Herzen" aus demselben Jahr. Wirklichkeitsbeschreibungen und verwendete Dokumente oder Texte aus anderen Büchern werden nicht mehr in einen organisch wirkenden Text mit unauffällig verfugter Oberfläche überführt, sondern so nebeneinander gestellt, dass sich Brüche zeigen und Disparatheiten aller Art augenfällig werden. Den avantgardistischen Autoren der zehner und zwanziger Jahre schien es nicht mehr möglich zu sein, das moderne Leben mit all seinen sozialen Verwerfungen, weltanschaulichen Verunsicherungen und ideologischen Gegensätzen auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Deswegen wurden die verschiedenen Tendenzen montageartig nebeneinander gestellt; sie zu verarbeiten, miteinander in Beziehung zu setzen und zu versöhnen oder nicht, wurde dem Leser überlassen. Montage wurde zum Kriterium und Merkmal von reflektierter Zeitgemäßheit oder Modernität.
Dass Littell mit den "Wohlgesinnten" hinter diesen Standard der Moderne zurückgeht (um nicht zu sagen: zurückfällt), muss zu denken geben. Wenn man nicht unterstellen will, dass es literarische Naivität war, muss man es als einen bewußten Kunstgriff betrachten: als Versuch, dem geschlossenen Weltbild jenes Typus, der von Max Aue repräsentiert wird, adäquaten Ausdruck zu geben. Dafür mag diese konventionelle, bewusstseins- und literaturgeschichtlich gleichermaßen überholte Darstellungsweise gerechtfertigt scheinen. Aber indem Littell diese Darstellungsweise wählt und ungebrochen realisiert, liefert er seinen Roman ganz und gar dem Bewußtsein seines Helden aus. Ob dies der Sache insgesamt gerecht wird, also nicht nur dem "Henker" Aue, sondern auch seinen Opfern, ist eine andere Frage. Und noch einmal eine andere Frage ist es, was diese einfühlsame und einsinnige, ganz und gar identifikatorische Darstellungsweise bei den Lesern bewirkt.