Littells Roman ordnet sich tatsächlich in die Tradition der Mörderbeichte ein, die zum Beispiel Patrick Süskind mit "Das Parfüm" zu einem Welterfolg verholfen hat. Da aber auch Max Aue keine Gewissensbisse ob seines mörderischen Tuns hat, ist der Begriff der Konfession nicht wirklich zutreffend.
Ursprünglich wird die "Konfession" oder "Beichte" vor einem Priester oder Richter abgelegt. Sie besteht aus Reue, Schuldeingeständnis und Wiedergutmachung (contritio, confessio, satisfactio operum) und bezeichnet die Wandlung des Sünders zum geläuterten Menschen. Der Priester und der Richter legen dem Beichtenden / Gestehenden eine Buße auf und bereiten dadurch seine religiöse oder gesellschaftliche Wiedereingliederung vor.
Literarisch verwendet der Kirchenvater Augustin in seinen "Confessiones" zum ersten Mal dieses Verfahren, das der Gattung seinen Namen verleiht. Jean-Jacques Rousseau wird es später literarisieren. Das Lesepublikum tritt an die Stelle von Priester oder Richter. Max Aue kennt jedoch keine Reue, ist nach außen hin resozialisiert, da niemand etwas von seiner Vergangenheit weiß, und die einzige Wiedergutmachung, die er leistet, ist sein grausiger Bericht.
Ausgehend vom Romanbeginn bietet sich ansatzweise jedoch ein Vergleich mit der "Epitaph"-Ballade des Dichters François Villon (auch: "Ballade des pendus" / "Ballade der Gehenkten") an, die der als überführter Verbrecher zum Tode verurteilte Dichter um 1456 in ironisch-moralisierender Absicht verfaßt hat. Er läßt die am Galgen baumelnden und von Wind und Sonne ausgedörrten Gehenkten ein imaginäres Publikum ansprechen und beginnt: "Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt, // verhärtet eure Herzen nicht zu Stein [...] Wenn wir euch Brüder nennen, so erbost // euch nicht, traf uns auch hier am Hochgericht / der Tod. Wir haben ihn zurecht erlost, // vernünftig sind wir Menschen alle nicht".
Zum Vergleich jetzt Littells Romanbeginn: "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen. Gewiss, die Geschichte ist düster, aber auch erbaulich, sie ist eine wahrhaft moralische Erzählung, glaubt mir". Aus diesem Passus, einer unmarkierten intertextuellen Referenz auf Villon, ergibt sich, dass Aue keine wirkliche Beichte ablegen will, sondern als eine Art Buß-Richter sein Lesepublikum an seine eigene Verantwortung gemahnen und zum Mitwisser, vielleicht sogar zum Mittäter machen will. Zwar weiß dieses Publikum auf der ersten Seite noch nicht, was es erwartet, aber schon nach wenigen Seiten wird offenbar, daß es um den Holocaust geht. Dieser ist zwar von den Deutschen ins Werk gesetzt worden und damit zu verantworten, hat jedoch auch eine gesamtmenschliche Dimension, auf die Aue hinweist, nicht zuletzt dadurch, daß er Halbfranzose ist und in Frankreich ein erstes Studium absolviert hat.
Aue ist aber nicht so zynisch und abgebrüht, wie er sich gibt. Er wird von Erinnerungen geplagt, leidet unter dauerndem Erbrechen, erwägt einen Selbstmord. Als Ausweg wählt er das Schreiben, das für ihn offenbar eine kathartische Funktion hat, auch wenn er sagt, es handele sich nur um eine Art Zeitvertreib. Wenn man den Begriff der Konfession auch auf einen Patienten anwendet, der einem kommentarlos lauschenden Seelendoktor sein Leben berichtet, um sich psychische Erleichterung zu verschaffen, dann kann man "Die Wohlmeinenden" eine Konfession des zwanzigsten Jahrhunderts nennen.