Home
Nominiert für den Grimme-Online-Award 2008
Lesesaal
FAZ.NET
Donnerstag, 07. Februar 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden

Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Der Roman erinnert an die literarische Tradition der Konfession – Rhetorik eines Unverbesserlichen?

Die Beschreibung des eigenen Lebens als autobiographischer Rechenschaftsbericht ist seit der Antike ein literarisches Genre - von Augustinus über Rousseau bis zur "Speed Queen" Stewart O' Nans, der Geschichte einer Mörderin, die einem Unterhaltungsschriftsteller ihr Leben als literarisches Material verkauft. Aber wie glaubhaft ist der Sünder als Zeuge in eigener Sache? Und welchen Sinn hat eigentlich Max Aues Bekenntnis, das die Reue ja von vornherein ausschließt? "Die Wohlgesinnten" - Konfession oder Provokation?

Beiträge

07.02.2008 | 14:08 Uhr

Lutz Hachmeister: Die Beichten der SS

Es ist gewinnbringend, noch einmal "Die sieben Säulen der Weisheit" von T. E. Lawrence zu lesen. Diese subjektive Schilderung des arabischen Aufstandes gegen das Osmanische Reich mit ihren Tagtraumsequenzen, den Reflexionen über Krieg, Politik, Vergeblichkeit, auch über Homosexualität und Purifikation, liegt ziemlich nahe bei Littells Erzählhaltung, wenngleich wesentlich kühler und strenger konzipiert.

Reale Confessiones waren die Aussagen des adretten Juristen und Ökonomen Otto Ohlendorf (Leiter der Einatzgruppe D, 1951 in Landsberg hingerichtet) im Nürnberger Einsatzgruppenprozess, als er detailliert begründete, warum auch jüdische Frauen und Kinder als potentielle Rächer an den Deutschen hätten vernichtet werden müssen. Leider sind die Protokolle des Einatzgruppenprozesses bis heute nicht publiziert, obwohl sie schon das Wesentliche über die Mentalität und Vernichtungsstrategien der SD-Elite aussagen.

Kommentare


07.02.2008 | 10:24 Uhr

Helmuth Kiesel: Die Haltung des "Kitsch"-Menschen

"Tradition der Konfession" und "Rhetorik eines Unverbesserlichen" schließen sich nicht prinzipiell aus. In den "Wohlgesinnten" gehen sie sozusagen Hand in Hand - und erhalten zugleich eine starke kitschige Akzentuierung.

Das ergibt sich aus Max Aues Aufspaltung in einen harten NS-Ideologen und einen Menschen von ethischem Bewusstsein und ästhetischer Sensibilität. Bei all den Verbrechen, die er beobachtet und mit begeht, hält er daran fest, dass sie notwendig und gerechtfertigt sind. Er verteidigt sie, indem er die einschlägigen Phrasen der NS-Ideologie wiederholt und bekräftigt.

Dies geschieht in der "Rhetorik des Unverbesserlichen" und lässt Aues Bericht zugleich an große Konfessionen anklingen. Ziemlich früh, spätestens nach der Ermordung der 33.000 Kiewer Juden in der Schlucht von Babi Jar, ist dem Protagonisten der "Wohlgesinnten" aber bewusst, dass er an einem exorbitanten Verbrechen beteiligt ist, von dem die Welt nie etwas erfahren darf, selbst wenn der Krieg von den Deutschen gewonnen wird, woran bald Zweifel aufkommen.

Zwei Dinge machen ihm zu schaffen: zum einen die ungeheure Zahl und die Hilflosigkeit der Opfer; zum andern die Primitivität und Grausamkeit der stunden- und tagelangen Massenerschießungen. Ein Rest von ethischem Bewusstsein und eine deutlicher herausgestellte ästhetische Sensibilität sorgen dafür, dass Aue zunehmend unter einem schlechten Gewissen leidet und von Unwohlsein bis zum permanenten Erbrechen geplagt wird. Dies ist für ihn aber fast auch eine Quelle des Selbstgenusses: Man ist ja weder eine rasende Bestie, wie der Kamerad Turek, noch ein kalter Schlächter, sondern ein Mensch von ethischen Grundsätzen und ästhetischen Empfindlichkeiten, zum Erbarmen mit den Opfern fähig und abgestoßen von den widerlichen Modalitäten der Exekutionen.

Dieses Leiden kostet Aue aber geradezu aus, indem er sich selbst in seinem Leiden beobachtet und geradezu in Mitleid mit sich selbst versinkt. In Ansätzen ist das schon in dem Teil zu finden, der in den nächsten Wochen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgedruckt wird, etwa wenn es heißt: "Und es war nicht zu leugnen, wir töteten viele Menschen. Ich empfand das als Unglück, selbst wenn es unvermeidlich und notwendig war. Doch dem Unglück haben wir uns zu stellen; wie müssen stets bereit sein, dem Unvermeidlichen und Notwendigen ins Gesicht zu sehen ..." (Seite 117 der Buchfassung).

In den späteren Teilen findet sich noch eine Vielzahl vergleichbarer Stellen, in denen sich der Protagonist in seiner dem Tun widerstrebenden Gefühligkeit beobachtet und aufspielt, rührselig wird und sich in seiner Rührseligkeit genießt. Diese unwahre, verlogene und folgenlose Rührseligkeit hat der Philosoph Ludwig Giesz in seiner 1960 erstmals erschienenen "Phänomenologie des Kitsches" als die Haltung des "Kitsch-Menschen" bezeichnet. In Littells Roman wird sie am Beispiel des Protagonisten ausgiebig vor Augen geführt und erhält durch den NS-Ideologen und Ästheten Max Aue die ihr angemessene Rhetorik. Die Frage stellt sich allerdings, ob die Kitschigkeit des Protagonisten nicht den ganzen Roman in Mitleidenschaft zieht.

Kommentare

07.02.2008 | 17:29 Uhr
kades schreibt: Der Täter aus dem Augenwinkel der Opfer

Bisher wurde die Diskussion in der FAZ mit guten didaktisch-aufklärerischen Absichten geführt von Seiten der Experten, fast gar nicht auf die literarische Konstruktion reflektiert.
Die Figur Aue, so besehen, ist ein Hybrid, sie spielt einen Täter, aus den Augenwinkeln der Opfer.

Chaplin als Hitler. Ja, wer spricht, ist ein Jude. Es ist der hermeneutische Versuch eines Juden, den Henker zu begreifen: Wie ist das möglich? Und Littell erprobt alle möglichen Deutungen, Sprachen, er lässt sich in seinem Blick auf den Täter nicht festlegen. Es gibt auch Misstöne, "das Balg", sagt der (kultivierte) Vater wider Willen, und es gibt "ideologische Härte, die (eben nicht) ästhetische Sensibilität ausschließt". So bei Lanzmann, wenn er die Täter interviewt. Aber aus seiner Sicht gibt es keine Sprache der Henker, sie schweigen. Kiesel sagt, den Henkern eine Sprache zu geben war lange Zeit tabu. Bei Knopp reden sie wie geschmiert. Die Nachkommen und Erben von Eichmann.



07.02.2008 | 08:12 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Eine Konfession des zwanzigsten Jahrhunderts

Littells Roman ordnet sich tatsächlich in die Tradition der Mörderbeichte ein, die zum Beispiel Patrick Süskind mit "Das Parfüm" zu einem Welterfolg verholfen hat. Da aber auch Max Aue keine Gewissensbisse ob seines mörderischen Tuns hat, ist der Begriff der Konfession nicht wirklich zutreffend.

Ursprünglich wird die "Konfession" oder "Beichte" vor einem Priester oder Richter abgelegt. Sie besteht aus Reue, Schuldeingeständnis und Wiedergutmachung (contritio, confessio, satisfactio operum) und bezeichnet die Wandlung des Sünders zum geläuterten Menschen. Der Priester und der Richter legen dem Beichtenden / Gestehenden eine Buße auf und bereiten dadurch seine religiöse oder gesellschaftliche Wiedereingliederung vor.
Literarisch verwendet der Kirchenvater Augustin in seinen "Confessiones" zum ersten Mal dieses Verfahren, das der Gattung seinen Namen verleiht. Jean-Jacques Rousseau wird es später literarisieren. Das Lesepublikum tritt an die Stelle von Priester oder Richter. Max Aue kennt jedoch keine Reue, ist nach außen hin resozialisiert, da niemand etwas von seiner Vergangenheit weiß, und die einzige Wiedergutmachung, die er leistet, ist sein grausiger Bericht.

Ausgehend vom Romanbeginn bietet sich ansatzweise jedoch ein Vergleich mit der "Epitaph"-Ballade des Dichters François Villon (auch: "Ballade des pendus" / "Ballade der Gehenkten") an, die der als überführter Verbrecher zum Tode verurteilte Dichter um 1456 in ironisch-moralisierender Absicht verfaßt hat. Er läßt die am Galgen baumelnden und von Wind und Sonne ausgedörrten Gehenkten ein imaginäres Publikum ansprechen und beginnt: "Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt, // verhärtet eure Herzen nicht zu Stein [...] Wenn wir euch Brüder nennen, so erbost // euch nicht, traf uns auch hier am Hochgericht / der Tod. Wir haben ihn zurecht erlost, // vernünftig sind wir Menschen alle nicht".

Zum Vergleich jetzt Littells Romanbeginn: "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen. Gewiss, die Geschichte ist düster, aber auch erbaulich, sie ist eine wahrhaft moralische Erzählung, glaubt mir". Aus diesem Passus, einer unmarkierten intertextuellen Referenz auf Villon, ergibt sich, dass Aue keine wirkliche Beichte ablegen will, sondern als eine Art Buß-Richter sein Lesepublikum an seine eigene Verantwortung gemahnen und zum Mitwisser, vielleicht sogar zum Mittäter machen will. Zwar weiß dieses Publikum auf der ersten Seite noch nicht, was es erwartet, aber schon nach wenigen Seiten wird offenbar, daß es um den Holocaust geht. Dieser ist zwar von den Deutschen ins Werk gesetzt worden und damit zu verantworten, hat jedoch auch eine gesamtmenschliche Dimension, auf die Aue hinweist, nicht zuletzt dadurch, daß er Halbfranzose ist und in Frankreich ein erstes Studium absolviert hat.

Aue ist aber nicht so zynisch und abgebrüht, wie er sich gibt. Er wird von Erinnerungen geplagt, leidet unter dauerndem Erbrechen, erwägt einen Selbstmord. Als Ausweg wählt er das Schreiben, das für ihn offenbar eine kathartische Funktion hat, auch wenn er sagt, es handele sich nur um eine Art Zeitvertreib. Wenn man den Begriff der Konfession auch auf einen Patienten anwendet, der einem kommentarlos lauschenden Seelendoktor sein Leben berichtet, um sich psychische Erleichterung zu verschaffen, dann kann man "Die Wohlmeinenden" eine Konfession des zwanzigsten Jahrhunderts nennen.

Kommentare

07.02.2008 | 17:05 Uhr
kades schreibt: Klage die Anklage ist

Jetzt beginnt die Epoche danach, sie hat vermutlich schon ihren Meister in einem Enkel gefunden, der die Phase der Literarisierung durch Historisierung einleitet. Es wird eine Geschichte über die Geschichte erzählt. Je näher sie sich der Wirklichkeit anschmiegt, um so unabweisbarer ist die Fiktion, heißt es.

Das ist falsch. Wo der Text von Littell nahezu biblisch, wie eine große Klage, die zugleich Anklage ist, im Ton Hiobs anhebt, wird diskutiert, wer mehr weiß, wird als zäh oder Pedanterie empfunden, wenn die Morde nicht nur nach Monaten, sondern auch nach Tagen, ja Stunden gezählt werden. Es ist ein Zwangszählen, das im gewissen Sinne Täter und Opfer eint. Denn in der Zahl, in der der Einzelne verschwand, liegt schon die ganze Grausamkeit, in der Gründlichkeit, in der sie hier von Littell (früher Lanzmann) verrechnet wird, liegt die Zumutung, nicht von einem real existierenden Täter ist hier die Rede. Es ist die Unnachgiebigkeit des Nachkommen, der abrechnet, indem er vorrechnet.


07.02.2008 | 14:23 Uhr
kgarscha schreibt: Unglaubwürdige Konstruktion

Ich meine, man sollte klar unterscheiden zwischen den autobiografischen Bekenntnissen von Augustinus oder Rousseau und der Ich-Erzählung des von Littell erfundenen Max Aue, die mit der Biografie des Autors unmittelbar nichts zu tun hat.

Die literarische Figur Max Aue ist allein schon deswegen vollkommen unglaubwürdig, weil sie viel zu überladen konstruiert ist. Und man merkt ihr diese Konstruiertheit auch auf Schritt und Tritt an, vor allem dann, wenn sie nichts weiter ist als das Medium, dessen sich Littell bedient, um als allwissender Erzähler im Hintergrund seine angelesenen Kenntnisse lang und breit auszuführen.

Littell versucht mit dieser Figur, die Vielfalt der Ereignisse, Schauplätze und Zeitpunkte in Beziehung zu setzen. Doch mit diesem linearen Verfahren kann er nur scheitern. Ein totaler Roman über den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Verbrechen ist nicht möglich, jedenfalls nicht mit einer literarischen Technik, die ins 19. Jahrhundert gehört. Zwischen Balzac und Semprún hat sich die Narrativik gewaltig gewandelt. Dies hat Littell offensichtlich nicht wahrgenommen; mindestens ist in "Les Bienveillantes" davon nichts zu spüren.


07.02.2008 | 13:56 Uhr
Namuchat schreibt: Richtig

Danke an Herrn Hausmann für den interessanten Verweis auf Villon. hdkrebs muss ich im Prinzip zustimmen, dass ein Vergleich mit der Gattung der "Konfessionen" sich alles andere als aufdrängt. Die Frage Spiegels scheint mir doch ein wenig zu seicht.

Womöglich hat er Augustinus nicht gelesen, aber dessen "Confessiones" in Verbindung mit den "Unverbesserlichen" zu bringen ist auf keiner Ebene der literarischen Analyse (sprachlich, kompositorisch, inhaltlich, usw.) weder gerechtfertigt noch hilfreich.


07.02.2008 | 10:12 Uhr
hdkrebs schreibt: Erbrechen

Natürlich legt ein Max Aue, der keine Reue kennt, auch keine Konfession im echten Sinn vor - wie das ganze Buch und seinen gelegentlichen literarischen Anleihen (siehe Villon) eher - mit Verlaub gesagt - ein unsägliches verbales "Auskotzen" zu sein scheint, eine Analogie zum körperlichen Erbrechen der konstruierten Täterfigur. Max Aue auf der Seelencouch als Bemühung um eine Katharsis - das ist zu wohlgemeint..



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008