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Lorenz Jäger

Frage des Tages:

Nach dem Krieg taucht der SS-Offizier Max Aue in Frankreich unter - ein Einzelfall?

Max Aue taucht nach dem Krieg in Frankreich unter. Andere, sehr prominente Täter gingen ins peronistische Argentinien oder in arabische Staaten, schließlich gelang es manchen für eine gewisse Zeit, sich in der Bundesrepublik einzurichten. Wachpersonal der KZs fand man noch nach Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten. Wie typisch, oder untypisch, ist Max Aues Nachkriegs-Werdegang?

Beiträge

11.02.2008 | 12:12 Uhr

Lutz Hachmeister: Aues Werdegang - nicht einmal unrealistisch

Wenn die Männer aus dem SD-Gestapo-Komplex nach 1945 nicht in Deutschland abtauchten, dann zogen sie es vor, sich in diktatorisch oder autoritär regierte Staaten des Auslands zu flüchten. Bekannt ist die "Rattenlinie" nach Südamerika, die zumeist über Österreich, die Schweiz und Italien führte und mit Hilfe des Vatikan und mitunter auch der amerikanische Geheindienste unterhalten wurde.

Die SS-Spezialisten halfen beim Aufbau der Geheimdienste in Ägypten und Syrien (teilweise in Kooperation mit der "Organisation Gehlen" bzw. deren Nachfolger BND); auch Francos Spanien bot einen sicheren Unterschlupf. In (West-)Deutschland selbst wurden die gelernten Juristen aus SD und Gestapo zumeist Rechtsberater bei Versicherungsgesellschaften, Geschäftsführer von Industrie- und Handelsunternehmen oder mittlere Kader der öffentlichen Verwaltung. Die studierten SS-Geisteswissenschaftler hatten es zumeist schwerer, gut dotierte neue Stellungen zu finden; sie landeten zumeist bei der Presse und im Verlagswesen, zuweilen auch bei den Kirchen oder im Schuldienst. Über die Verwendung von SS-Spezialisten beim BND wissen wir zwar einiges aus CIA-Akten, die in den vergangenen Jahren öffentlich wurden, aber der Bundesnachrichtendienst weigert sich bislang standhaft (anders als das Bundeskriminalamt), seine Geschichte offen zu legen.

Mit seiner Biografie, halb Franzose, halb Deutscher, ist es nicht einmal unrealistisch, dass jemand wie Max Aue nach 1945 als Textilfabrikant in Nordfrankreich zu bürgerlichem Wohlstand kommen konnte. Unglücklicher ging die Sache für Joachim Peiper aus, eine Zeitlang Himmlers Adjutant und Panzerkommandant in der Leibstandarte Adolf Hitler, der 1970 nach Frankreich übergesiedelt war. Er wohnte sechs Jahre lang in Traves (Haute Saone).

Peiper war wegen des "Malmedy-Massakers" 1946 in den Dachauer Prozessen zum Tode verurteilt worden. Nach Umwandlung seiner Strafe zu lebenslanger Haft kam er 1956 aus dem Landsberger Gefängnis frei. Eine Zeitlang hatte er dann in Deutschland bei Porsche und VW gearbeitet. Als seine Identität in Frankreich ruchbar wurde, erhielt er Morddrohungen und starb nach einem Brandanschlag auf sein Haus, offenkundig war er umgebracht worden.

Besonders skurril ist der Fall des SD-Italienspezialisten Karl Hass (1912 – 2004). Hass hatte als 22jähriger bei der SD-Presseabteilung unter Franz Alfred Six angefangen, und 1944 an dessen Berliner Auslandswissenschaftlichen Fakultät auch noch promoviert. Schließlich für das RSHA Amt VI (Ausland) in Italien selbst stationiert, lockte SS-Sturmbannführer Hass die Prinzessin Mafalda von Savoyen in einer Hinterhalt; sie starb später im KZ Buchenwald.
Hass war zudem an der Geiselerschießung im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt (dies wurde allerdings erst in den 1990er Jahren beim Prozess gegen den SS-Offizier Erich Priebke öffentlich). Nach 1945 war Hass in Italien geblieben, arbeitete mal für den amerikanischen Geheimdienst CIC, dann für den Volksbund Deutscher Krieggräberfürsorge. 1953 ließ ihn seine Ehefrau amtlich für tot erklären. Offenbar hatte Hass ein ungebrochenes Verhältnis zur Schutzstaffel, in Luchino Viscontis "Die Verdammten" mimte er in einer Statistenrolle einen SS-Mann.
1998 wurde Hass noch von einem italienischen Militärgericht zu einer lebenslangen Strafe verurteilt – wegen seines hohen Alters blieb es dann bei Hausarrest und letzten Jahren in einem Seniorenheim.

Doch solche Nachkriegskarrieren von SD-Leuten im Ausland waren die Ausnahme, der Einfluss des Personals von Einsatzgruppen, SS-Hauptämtern oder Gestapo auf den Mentalitätshaushalt der Bundesrepublik bis in die 1980er Jahre ist hingegen nicht zu unterschätzen - und ein Forschungsthema für sich.

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11.02.2008 | 12:06 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Der Fall "Paul Touvier" u. a.

Um dieser Frage das ihr innewohnende spekulative Moment zu nehmen, muß man sich an entsprechende entdeckte "Fälle" halten. Da die Franzosen als Siegermacht des Zweiten Weltkriegs ihre inneren Angelegenheiten nach der Befreiung im August 1944 selber regeln konnten, wurden zahlreiche bekannte Kollaborateure sofort der Justiz überantwortet und zum Tode oder zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Eine nicht geringe Zahl von ihnen war ins Ausland geflohen, vor allem ins benachbarte Spanien, wo z.B. das Akademiemitglied Abel Bonnard, seit 1942 Kultusminister der Vichy-Regierung, von 1945 bis zu seinem Tod 1968 Unterschlupf fand, oder, um einen anderen Namen zu nennen, Louis Darquier de Pellepoix, seit 1942 an der Spitze des Commissariat géneral aux questions juives, der 1980 in Malaga starb. Beide waren durch Flucht einem Prozeß zuvorgekommen, wurden auch nicht in Abwesenheit verurteilt und konnten deshalb nach dem Ende des Franco-Regimes nicht ausgeliefert werden.

Andere Kollaborateure versteckten sich in Frankreich, z.B. Paul Touvier, der als einer der Chefs der Vichy-Miliz in Chambéry (Savoyen) in Zusammenarbeit mit dem Gestapochef von Lyon, Klaus Barbie, Juden verfolgte und die Résistance bekämpfte. Er wurde zwar 1946 und 1947 zweimal zum Tode verurteilt, konnte aber untertauchen. Mit falschen Papieren ausgestattet, versteckte er sich mal in Kirchen und Klöstern, mal auf einem Familienbesitz bis 1989.
Trotz einer Verjährung seiner Todesstrafen und einer Begnadigung durch Präsident Pompidou im Jahr 1971, wurde er 1994 erneut vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Sein "Fall", der zwar anders gelagert ist als der von Max Aue, zeigt jedoch, daß prinzipiell ein Untertauchen über einen längeren Zeitraum auch in Frankreich möglich war.

Daß ein deutscher SS-Massenmörder wie Aue dies in Frankreich geschafft hätte, ist wenig wahrscheinlich, da er keinem innerfranzösischen Netzwerk angehört hätte, das häufig Flucht und Untertauchen ermöglichte. Auch wäre jemand, der so viel auf dem Kerbholz hatte wie Aue, international gesucht und möglicherweise schon bald entdeckt worden (man denke an die Judenmörder Alois Brunner [bis heute nicht verhaftet] und Adolf Eichmann).

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11.02.2008 | 07:10 Uhr

Jörg Baberowski: Max Aues Werdegang

ist wahrscheinlich kein Einzelfall, aber wahrscheinlich werden nur wenige dieser Täter in Frankreich untergetaucht sein. Die ukrainischen, lettischen und litauischen Helfer der Nationalsozialisten wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in großer Zahl getötet oder in sowjetische Lager verschleppt, vielen gelang es aber, mit der Wehrmacht nach Deutschland zu entkommen und über die Lager für Displaced Persons in die Vereinigten Staaten zu gelangen, um sich dort eine neue Identität aufzubauen.

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11.02.2008 | 07:01 Uhr

Helmuth Kiesel: Hans Schwerte alias Hans Ernst Schneider

Die Frage, ob Littell mit dem SS-Offizier Max Aue, der nach dem Krieg in Frankreich untertaucht und eine unauffällige Existenz als Geschäftsmann führt, einen eher unwahrscheinlichen Sonderfall imaginiert hat oder ein Phänomen, das es gab, ja mehr- oder vielfach gab, gehört nicht in den Kompetenzbereich eines Germanisten.

Dennoch fühlt man sich als solcher fast unabweisbar angesprochen, weil der prominenteste deutsche Fall dieser Art ein renommierter Kollege war: der Aachener Literaturprofessor Hans Schwerte alias Hans Ernst Schneider.

Die Formulierung "dieser Art" muß allerdings gleich präzisiert werden: Schneider war, soviel wir wissen, an keiner Mordaktion, an keinem Verbrechen unmittelbar beteiligt. Insofern unterscheidet sich der Fall Schneider/Schwerte markant von dem Fall Aue. Aber wie in diesem ist in jenem ein staunenswerter Fall von Identitätswechsel zu sehen.

Hans Ernst Schneider wurde 1909 in Königsberg geboren, studierte deutsche Literaturgeschichte, Volkskunde und einiges mehr, engagierte sich 1933 in NS-Organisationen und trat 1937 der SS bei. Von 1938 an arbeitete er für das Amt "Ahnenerbe" der SS und leitete zuletzt die Dienststelle "Wissenschaftseinsatz". Zwei Jahre, 1940 bis 1942, war er in den Niederlanden tätig und soll dort unter anderem medizinische Geräte für Menschenversuche in Dachau beschafft haben. Im Mai 1945 besorgte sich Schneider neue Papiere, die ihn als Hans Schwerte auswiesen. Durch seine Frau ließ er erklären und behördlich festhalten, daß er in den letzten Tagen des Kampfes um Berlin gefallen sei. Danach heiratete Schneider unter dem neuen Namen Schwerte die angebliche Witwe Schneider ein zweites Mal. Anschließend studierte er in Hamburg und Erlangen Germanistik, schrieb eine Habilitationsschrift über das in den vergangenen Jahren vielfach strapazierte Thema "Faust und das Faustische", jetzt freilich in ideologiekritischer Weise. Aufgrund dieser Studie wurde Schwerte in Erlangen zum Professor ernannt und 1965 auf einen Lehrstuhl in Aachen berufen. Dort machte er sich einen Namen als progressiver, ideologiekritischer Germanist und als Förderer der Beziehungen zwischen nordrheinwestfälischen, belgischen und niederländischen Universitäten. Von 1970 bis 1973 war er Rektor der TH Aachen und wurde für seine Verdienste mit hohen deutschen und ausländischen Orden ausgezeichnet.

Schwertes frühere Existenz wurde erst 1995 publik und löste einige Bestürzung aus: Wie war es möglich, daß Schneider so lange unentlarvt bleiben konnte, obwohl es, wie man jetzt erfuhr, immer Gemunkel unter Kollegen gegeben hatte? Und wie war es möglich, daß ein SS-Offizier und führender Mitarbeiter des finsteren "Ahnenerbes" ein ideologiekritisch wirkender Modernisierer seines Faches und ein so verdienstvolles und angesehenes Mitglied der demokratisch gewordenen bundesrepublikanischen Gesellschaft werden konnte? War das nur ein durchtriebenes Rollenspiel ohne Tiefgang, oder war das Hineinwachsen in die neue Existenz mit einem echten innerlichen Wandel, mit einer radikalen ethischen und politischen Neuorientierung verbunden?

Der Fall Schneider/Schwerte ist ein krasser Fall von Identitätswechsel, aber kein Einzelfall. Die Nachkriegszeit hatte sogar eine eigene Bezeichnung für diese Identitäts- und Namenswechsler: "Braunschweiger", weil sie ihre "braune" Vergangenheit gänzlich verschwiegen und gleichsam abstreiften. Ihre Zahl ist nicht bekannt und auch kaum abschätzbar. Sie dürfte in die Tausende gegangen sein, aber daß es, wie man schon vermutet hat, bis zu 80.000 solcher Zeitgenossen gegeben hat, ist unwahrscheinlich. Als 1950 ein erstes Amnestiegesetz für diese "Illegalen" erlassen wurde, sollen sich sich nur 241 Personen gemeldet haben. Die anderen hatten sich in ihre neue Existenz so eingelebt, daß sie diese nicht mehr preisgeben mochten oder konnten, weil sie Nachteile oder Strafen zu befürchten hatten.

Eine Verwandlung vom deutschen SS-Offizier zum französischen Bürger und Geschäftsmann dürfte nicht eben leicht gewesen sein. Unter Bedingungen, wie Littell sie für seinen Roman konstruierte, mochte sie aber glücken. Mit einer Erziehung durch eine französische Mutter, mit einer zehnjährigen Kindheits- und Jugendzeit in Frankreich und mit anschließenden Studienaufenthalten in Paris hätte ein Mann wie Aue wohl als Franzose durchgehen können. Zudem wäre er in Frankreich vor einer Entdeckung und Entlarvung durch ehemalige Kameraden sogar besser geschützt gewesen als jeder "Braunschweiger" in Deutschland. Ein Beruf wie der, den Max Aue in Frankreich ausübt, hätte ihn nicht einmal zu jener ideologischen Konversion genötigt, zu der Schneider/Schwerte als Hochschullehrer gezwungen war; er hätte ein gesinnungsmäßiger Nazi bleiben können und nur davon schweigen müssen oder wenigstens nicht allzu laut darüber reden dürfen. Insofern ist der Fall Aue psychologisch und moralisch viel weniger aufregend als der Fall des Professors Schwerte/Schneider, wo sich die oben erwähnten Fragen nach der gesinnungsmäßigen Dimension des Identitätswechsels stellen – und uns ins Grübeln über die menschlichen Fähigkeiten zum Wandel oder zur Selbst- und Fremdtäuschung bringen.

Kommentare

11.02.2008 | 18:37 Uhr
Joachim Noack schreibt: Lieber Herr Kiesel

In der Tat: Ihre Schilderung der "gesinnungsmäßigen Dimension des Identitätswechsels" von Prof. Schwerte/Schneider kann einen nicht nur "ins Grübeln" bringen. Mir stockte der Atem als ich den Lebenslauf von Schwerte/Schneider las.

Dabei kommt mir eine furchtbare Frage - und ich frage alle, die sich hier im Forum beteiligen, ob das so sein kann?
Verkürzt und verallgemeinert auf den Punkt gebracht: wenn es die Zeitumstände gerade so mit sich bringen, wird man ein "böser" Mensch, und wenn die Zeiten dann wieder anders sind, wird man wieder ein "guter" Mensch.
Das ist ja die These von Goldhagen: der Mann, der einen Jungen (Juden) am Waldrand zu erschießen hatte, war ein ansonsten ganz lieber, treu sorgender Familienvater. Es hätte JEDER, so Goldhagen, in dieser Situation das so gemacht, wenn er durch die Zeitumstände in diese Situation gestellt worden wäre. Also, wir alle?
Ich bin auf ernst zu nehmende Kommentare gespannt. Mir ist es nämlich auch ernst.



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