Lutz Hachmeister: Aues Werdegang - nicht einmal unrealistisch
Wenn die Männer aus dem SD-Gestapo-Komplex nach 1945 nicht in Deutschland abtauchten, dann zogen sie es vor, sich in diktatorisch oder autoritär regierte Staaten des Auslands zu flüchten. Bekannt ist die "Rattenlinie" nach Südamerika, die zumeist über Österreich, die Schweiz und Italien führte und mit Hilfe des Vatikan und mitunter auch der amerikanische Geheindienste unterhalten wurde.
Die SS-Spezialisten halfen beim Aufbau der Geheimdienste in Ägypten und Syrien (teilweise in Kooperation mit der "Organisation Gehlen" bzw. deren Nachfolger BND); auch Francos Spanien bot einen sicheren Unterschlupf. In (West-)Deutschland selbst wurden die gelernten Juristen aus SD und Gestapo zumeist Rechtsberater bei Versicherungsgesellschaften, Geschäftsführer von Industrie- und Handelsunternehmen oder mittlere Kader der öffentlichen Verwaltung. Die studierten SS-Geisteswissenschaftler hatten es zumeist schwerer, gut dotierte neue Stellungen zu finden; sie landeten zumeist bei der Presse und im Verlagswesen, zuweilen auch bei den Kirchen oder im Schuldienst. Über die Verwendung von SS-Spezialisten beim BND wissen wir zwar einiges aus CIA-Akten, die in den vergangenen Jahren öffentlich wurden, aber der Bundesnachrichtendienst weigert sich bislang standhaft (anders als das Bundeskriminalamt), seine Geschichte offen zu legen.
Mit seiner Biografie, halb Franzose, halb Deutscher, ist es nicht einmal unrealistisch, dass jemand wie Max Aue nach 1945 als Textilfabrikant in Nordfrankreich zu bürgerlichem Wohlstand kommen konnte. Unglücklicher ging die Sache für Joachim Peiper aus, eine Zeitlang Himmlers Adjutant und Panzerkommandant in der Leibstandarte Adolf Hitler, der 1970 nach Frankreich übergesiedelt war. Er wohnte sechs Jahre lang in Traves (Haute Saone).
Peiper war wegen des "Malmedy-Massakers" 1946 in den Dachauer Prozessen zum Tode verurteilt worden. Nach Umwandlung seiner Strafe zu lebenslanger Haft kam er 1956 aus dem Landsberger Gefängnis frei. Eine Zeitlang hatte er dann in Deutschland bei Porsche und VW gearbeitet. Als seine Identität in Frankreich ruchbar wurde, erhielt er Morddrohungen und starb nach einem Brandanschlag auf sein Haus, offenkundig war er umgebracht worden.
Besonders skurril ist der Fall des SD-Italienspezialisten Karl Hass (1912 – 2004). Hass hatte als 22jähriger bei der SD-Presseabteilung unter Franz Alfred Six angefangen, und 1944 an dessen Berliner Auslandswissenschaftlichen Fakultät auch noch promoviert. Schließlich für das RSHA Amt VI (Ausland) in Italien selbst stationiert, lockte SS-Sturmbannführer Hass die Prinzessin Mafalda von Savoyen in einer Hinterhalt; sie starb später im KZ Buchenwald.
Hass war zudem an der Geiselerschießung im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt (dies wurde allerdings erst in den 1990er Jahren beim Prozess gegen den SS-Offizier Erich Priebke öffentlich). Nach 1945 war Hass in Italien geblieben, arbeitete mal für den amerikanischen Geheimdienst CIC, dann für den Volksbund Deutscher Krieggräberfürsorge. 1953 ließ ihn seine Ehefrau amtlich für tot erklären. Offenbar hatte Hass ein ungebrochenes Verhältnis zur Schutzstaffel, in Luchino Viscontis "Die Verdammten" mimte er in einer Statistenrolle einen SS-Mann.
1998 wurde Hass noch von einem italienischen Militärgericht zu einer lebenslangen Strafe verurteilt – wegen seines hohen Alters blieb es dann bei Hausarrest und letzten Jahren in einem Seniorenheim.
Doch solche Nachkriegskarrieren von SD-Leuten im Ausland waren die Ausnahme, der Einfluss des Personals von Einsatzgruppen, SS-Hauptämtern oder Gestapo auf den Mentalitätshaushalt der Bundesrepublik bis in die 1980er Jahre ist hingegen nicht zu unterschätzen - und ein Forschungsthema für sich.
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