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Dienstag, 12. Februar 2008
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Patrick Bahners

Frage des Tages:

"Die Wohlgesinnten" - Wie ist der Titel von Jonathan Littells Roman zu verstehen?

Warum beschwört der Romantitel die Eumeniden, die Rachegöttinnen der griechischen Mythologie? Um sie zu verhöhnen? Soll die Machtlosigkeit aller Instanzen demonstriert werden, die nach dem Holocaust noch für Gerechtigkeit auf Erden sorgen wollen? Der Kult der Eumeniden geht auf einen Akt der Umbenennung zurück: Gerade weil sie es böse mit den Übeltätern meinen, werden sie unter dem Namen der Wohlmeinenden angerufen. Ist mit diesem Abwehrzauber das Verfahren des Romans charakterisiert? Oder gewinnt der Titel im Verlauf der Romanerzählung eine Wahrheit jenseits des Euphemismus? So deutete Hegel die Eumeniden des Aischylos: "Unsere gewöhnliche Vorstellung von Furien, zu denen wir sie umwandeln, ist roh und barbarisch."

Beiträge

12.02.2008 | 17:06 Uhr

Friedmar Apel: Jenseits von Scham und Schuld

Die Anspielungen auf den Atriden-Mythos beziehungsweise die Orestie könnten den Eindruck erwecken, dass Littell seinen Täter in provokativer Absicht zum tragischen Helden überhöhen will. Orest jedoch wurde in der antiken wie in der klassizistischen Tragödie der Neuzeit von den Erinnyen verfolgt, die sich unabweisbar an die Spur des Bluttäters hefteten.

Wenn Littell die Furien als Verkörperungen der Schuld durch die angeblich wohlgesinnten spätzeitlichen Eumeniden ersetzt, so macht er schon im Titel darauf aufmerksam, dass er nicht beabsichtigt, den organisierten Massenmord in humanistischen Begriffen von Scham und Schuld abzuhandeln. Damit schließt er gleichzeitig eine psychologische Deutung aus. Unter Schuldkomplexen scheint Aue nicht zu leiden, außer man deutet seine Bauchschmerzen psychosomatisch.

Da dieser Held der Erlösung durch Reue offensichtlich nicht bedarf, lässt der Roman die Fragen hinter sich, die in der humanistischen Tradition am Orest-Mythos als Kritik der Barbarei abgehandelt wurden. Littell zeigt Max Aue nicht unter dem Einfluss eines mythischen Banns, von einer Prädestination zum Bösen ist nicht die Rede. Er suggeriert auch nicht, dass das Atriden-Gesetz nur der Deckmantel menschlicher Macht- und Blutgier ist. Vielmehr spricht er seinem Helden Willensfreiheit zu, lässt aber den Bezug zum moralischen Urteil wie auch zur Bildung dahingestellt, ohne welchen die aufklärerische Idee der Autonomie nicht zu denken war.

Dass das Tragische heute obsolet ist, gerade nach den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts, dass die Begriffe des Edlen und Sublimen ihre allgemeine Bedeutung längst verloren haben, dürfte Littell nicht entgangen sein. Die nach dem Verschwinden der Götter und einer einheitliche Vorstellung einer gerechten menschlichen Ordnung entleerte dialektische Form des Tragischen aber macht er sich zunutze, wenn er die Entscheidung Aues, sich auf die Seite der nationalsozialistischen Weltsicht zu begeben, als eine faktische ethische Option darstellt.

Damit aber stellt er die wohlfeile moralische Kritik am Handeln der Täter wie die Reduktion auf moralisches Versagen grundsätzlich in Frage und öffnet die Perspektive des Romans zu den globalen Vorgängen, die heute eben nicht universal als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geächtet, sondern unter sehr verschiedenen Interessenkonfigurationen unterschiedlich wohlgesinnt besehen werden. Die Motivballung, die Littell in seinem Täterprofil gestaltet, mag überkomplex und übertrieben sein, sie kann aber zeigen, wie fragil die humanistische Konstruktion der Autonomie schon immer war und noch ist. So mag der Roman lehren, dass wir vorerst ohne die Hoffnung leben müssen, das Gute global zu verwirklichen.

Kommentare


12.02.2008 | 07:05 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Einmal Mörder, immer Mörder

Die deutsche Übersetzung des französischen Originaltitels "Les Bienveillantes" lautet "Die Wohlgesinnten". Dieses Wort kommt, sieht man von der Titelseite einmal ab, nur einmal im ganzen Roman vor, und zwar am Schluss, nachdem Max Aue seinen Freund Thomas Hauser, sozusagen sein Alter ego, aber auch den Kriminalkommissar Clemens, der ihn verfolgt, getötet hat.

Für das Gesamtverständnis ist die Bedeutung des Titels demnach nicht unwichtig und erklärungsbedürftig. Der Normalleser wird bei "Die Wohlgesinnten" nicht unmittelbar an die Rachegöttinen der griechischen Mythologie, die "Eumeniden", denken, die man sowohl im Französischen wie im Deutschen gelegentlich als "Les Bienveillantes" oder "Die Wohlgesinnten" bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen Euphemismus für den ursprünglichen Namen "Erinyen, Erinnyen", die Töchter der Nacht mit finsterem Gesicht, die aus dem Tartaros aufsteigen, um Bluttäter und Frevler zu verfolgen und zu peinigen. Sie sind sozusagen das verkörperte schlechte Gewissen. Da die Eumeniden, kultisch betrachtet, ursprünglich segensspendende Erdgottenheiten bezeichnen, wird ihr Name von denen, die sie fürchten, zur Unheilsabwehr auf die Erinyen übertragen.

Aischylos hat den letzten Teil seiner "Orestie" mit "Eumeniden" überschrieben. Diese Trilogie dramatisiert eine blutige Familiensaga: Der Vater Agamemnon opfert seine Tochter Iphigenie, wird dafür von seiner Frau Klytämnestra ermordet, die wiederum von ihrem Sohn Orest getötet wird. Das Besondere daran ist, dass die Erinyen ihren Racheanspruch nicht durchsetzen können. Athenes Stimme gibt bei einer Art göttlichem Tribunal den Ausschlag für Orests Entsühnung, der seine Mutter im Auftrag Apolls erschlagen hat, was die Schuld des Muttermordes mildert. Aus den "Erinyen" sind somit wahrhaft "Eumeniden" geworden.
Ob nun Max Aue ein moderner Orest, das heißt ein "tragischer Held", genannt werden kann, wie Littell im "Spiegel"-Gespräch vom 11. Februar selber sagt, bleibe dahingestellt.

Zwar könnte sein Leben den Stoff für eine klassische Tragödie liefern, doch mordet er in einer entgotteten Welt und ist mitnichten ein Spielball der Götter. Aus seiner Vaterlosigkeit, der inzestuösen Liebe zu seiner Schwester, seiner Homosexualität und seinem Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Kulturen ist keine Zwangsläufigkeit für seine Beteiligung am Holocaust abzuleiten. Allerdings verstricken ihn alle diese Dispositionen und die damit verbundenen Ereignisse immer tiefer in Gewalt und Mord.

Sicherlich sind die Anspielungen auf Aischylos von Littell gewollt, auch wenn die von Aue begangenen Bluttaten an seinen Familienmitgliedern nicht eindeutig nachweisbar, ja von diesem geleugnet werden. Während seiner Parisreise im Frühjahr 1943 besucht er nach langen Jahren seine Mutter, die mit ihrem neuen Mann Moreau bei Antibes lebt. Beide haben ein eigenartiges Zwillingspaar bei sich aufgenommen, offensichtlich Kinder von Max und seiner Schwester Una. In der Nacht des Besuchs wird Moreau mit der Axt erschlagen, die Mutter in ihrem Schlafzimmer erwürgt. Aue findet beide Leichen und kann sich ihren Tod nicht erklären. In der Folgezeit heften sich die Kriminalbeamten Weser und Clemens an seine Fersen und verfolgen ihn bis zum Kriegsende unermüdlich. Der Mord wird zwar nicht aufgeklärt, Aue betont seine Unschuld, doch da er an eigenartigen Absencen, Alpträumen und Wahnvorstellungen leidet, könnte er durchaus der Mörder sein. Neben den von ihm als Täter oder Mittäter begangenen Judenmorden hätte er, wenn man sein Leben bilanziert, auch Mutter, Stiefvater, seine im Inzest gezeugten Kinder und seinen besten Freund umgebracht, ganz zu schweigen von "Nebengestalten" des Romangeschehens.

Littell schreibt einen genau recherchierten Roman, der zugleich Kolportageroman in der Tradition von Victor Hugo und Eugène Sue ist. Zahlreiche markierte wie unmarkierte intertextuelle Referenzen belegen die Mischung aus Historie und Fiktion. Die Morde der SS-Leute, die sich letztlich in nackten Statistiken und abstrakten Zahlenkolonnen niederschlagen, werden durch die von Aue aus persönlichen Motiven begangenen Morde "privatisiert": einmal Mörder, immer Mörder. Durch den Mord an den Juden hat er jede Hemmung verloren und mordet ohne besondere Skrupel auch im privaten Alltag. Aber während er seine Teilnahme am Holocaust eingesteht, bleibt er bezüglich der Morde an seiner Familie vage.

Immerhin belegt das Ende des Romans so etwas wie ein Gewissen des Ich-Erzählers: "Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein ... mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen." Der Leser mag über dieses Ende spekulieren. Sind die Erinyen "wohlgesinnt", weil Aue seiner irdischen Strafe bisher entgangen ist und in Frankreich untertauchen konnte, oder bezeichnet er sie nur ironisch mit diesem Namen, weil sie ihn zwar bis an das Ende seiner Tage verfolgen werden, ihm aber nichts wirklich anhaben können? Die Rezeption von Littells Roman wird darüber entscheiden, ob, wie Jorge Semprún in seinem der F.A.Z. (8. Februar 2008) gegebenen Interview sagt, die Historiker zwar weiter über die NS-Zeit schreiben werden, aber nur die Dichter das Erinnern erneuern können. Mit anderen Worten, die Leser werden darüber entscheiden, ob Max Aue und "Die Wohlmeinenden" zu einem schrecklichen Mythos der Moderne werden.

Kommentare

02.03.2008 | 14:34 Uhr
Horst Gothus schreibt: Les Bienveillantes sind weiblich

Dem deutschen Leser könnte angesichts des Buchtitels der Irrtum unterlaufen, dass die SS-Leute die "Wohlgesinnten" seien, die doch nur das Beste Deutschlands wollen. Dass also Aue ein Wohlgesinnter sei. Auch ich hatte das anfänglich unterstellt, als ich den französischen Buchtitel nur überflogen hatte und die französische Ausgabe zu lesen begann.

Les Bienveillantes aber sind weiblich, und Frauen kommen als Täterinnen in diesem Roman (beinahe) nie vor.
Ganz klar wird dieser Irrtum erst im letzten Satz des Buches. Und noch besser verständlich, wenn man den Beitrag Frank-Rutger Hausmanns gelesen hat.


12.02.2008 | 19:18 Uhr
Manfred Lubitz schreibt: Littell denkt ganz einfach und geradeaus

Sehr geehrter Herr Hausmann,
Ihr Beitrag ist einer der vernünftigsten und aufklärendsten, die ich seit dem Anfang dieser Serie gelesen habe. Es ist für alle Mitleser dankenswert, dass Sie den mythologischen Hintergrund des Buchtitels in dieser Ausführlichkeit dargelegt haben.

Auf den Roman von Littell angewendet, bedeuten Ihre Ausführungen ganz einfach, dass sich Aue durch die Befehle von oben zu seinen Taten gerechtfertigt fühlt, was ihm aber nicht seine lebenslange Gewissensqual, die er sich allerdings nicht eingesteht, erspart.


12.02.2008 | 15:40 Uhr
Karsten Garscha schreibt: Aue - ein modernern Orest?

Auch wenn der Schluss von Littells Buch "Les Bienveillantes" eindeutig auf die Eumeniden und auf den griechischen Mythos verweist, schwingt in der französischen Fassung des Titels das gesamte Bedeutungsfeld des Wortes "bienveillance" mit: "Wohlwollen", "Zuneigung", "Freundschaft", "Güte", "Nachsicht".

Exakt die gegenteiligen Eigenschaften -"Bosheit", "Feindseligkeit", "Aggressivität", "kriminelle Energie" - treffen auf Max Aue zu.
Es ist schwer, sich darauf einen Reim zu machen; denn die Ironie als Mittel der Distanzierung scheint mir reichlich schwach angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die Aue zu verantworten hat. Ihn als einen modernen Orest auszugeben, ist völlig aufgesetzt. Man denke etwa daran, was Sartre in den "Fliegen" aus dem Atriden-Mythos macht!



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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