Friedmar Apel: Jenseits von Scham und Schuld
Die Anspielungen auf den Atriden-Mythos beziehungsweise die Orestie könnten den Eindruck erwecken, dass Littell seinen Täter in provokativer Absicht zum tragischen Helden überhöhen will. Orest jedoch wurde in der antiken wie in der klassizistischen Tragödie der Neuzeit von den Erinnyen verfolgt, die sich unabweisbar an die Spur des Bluttäters hefteten.
Wenn Littell die Furien als Verkörperungen der Schuld durch die angeblich wohlgesinnten spätzeitlichen Eumeniden ersetzt, so macht er schon im Titel darauf aufmerksam, dass er nicht beabsichtigt, den organisierten Massenmord in humanistischen Begriffen von Scham und Schuld abzuhandeln. Damit schließt er gleichzeitig eine psychologische Deutung aus. Unter Schuldkomplexen scheint Aue nicht zu leiden, außer man deutet seine Bauchschmerzen psychosomatisch.
Da dieser Held der Erlösung durch Reue offensichtlich nicht bedarf, lässt der Roman die Fragen hinter sich, die in der humanistischen Tradition am Orest-Mythos als Kritik der Barbarei abgehandelt wurden. Littell zeigt Max Aue nicht unter dem Einfluss eines mythischen Banns, von einer Prädestination zum Bösen ist nicht die Rede. Er suggeriert auch nicht, dass das Atriden-Gesetz nur der Deckmantel menschlicher Macht- und Blutgier ist. Vielmehr spricht er seinem Helden Willensfreiheit zu, lässt aber den Bezug zum moralischen Urteil wie auch zur Bildung dahingestellt, ohne welchen die aufklärerische Idee der Autonomie nicht zu denken war.
Dass das Tragische heute obsolet ist, gerade nach den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts, dass die Begriffe des Edlen und Sublimen ihre allgemeine Bedeutung längst verloren haben, dürfte Littell nicht entgangen sein. Die nach dem Verschwinden der Götter und einer einheitliche Vorstellung einer gerechten menschlichen Ordnung entleerte dialektische Form des Tragischen aber macht er sich zunutze, wenn er die Entscheidung Aues, sich auf die Seite der nationalsozialistischen Weltsicht zu begeben, als eine faktische ethische Option darstellt.
Damit aber stellt er die wohlfeile moralische Kritik am Handeln der Täter wie die Reduktion auf moralisches Versagen grundsätzlich in Frage und öffnet die Perspektive des Romans zu den globalen Vorgängen, die heute eben nicht universal als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geächtet, sondern unter sehr verschiedenen Interessenkonfigurationen unterschiedlich wohlgesinnt besehen werden. Die Motivballung, die Littell in seinem Täterprofil gestaltet, mag überkomplex und übertrieben sein, sie kann aber zeigen, wie fragil die humanistische Konstruktion der Autonomie schon immer war und noch ist. So mag der Roman lehren, dass wir vorerst ohne die Hoffnung leben müssen, das Gute global zu verwirklichen.
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