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Frage des Tages:

Gibt es Gründe, warum die literarische Gestaltung der SS-Greuel gerade jetzt ein Erfolg ist?

Hätte dieses Buch auch vor zehn Jahren in Deutschland erscheinen können? Was ist passiert, dass der salopp-fiktive Umgang mit SS-Verbrechen, Hitler usw. ausgerechnet jetzt solch eine Konjunktur erfährt in der Literatur? Eine Leserfrage von Hannes Meix.

Beiträge

15.02.2008 | 15:24 Uhr

Jörg Baberowski: Vermitteltes Geschehen

Nein, dieses Buch hätte vor zehn Jahren nicht erscheinen können. Sein Autor wäre stigmatisiert worden, kein Verlag hätte es gewagt, dieses Buch zu veröffentlichen. Warum war das so? Weil, so könnte man sagen, die Geschichte des Nationalsozialismus nur als Geschichte seiner moralischen Ächtung und Verurteilung geschrieben werden konnte.

Von Romanen erwartete man am Ende nichts anderes als von den Texten der Historiker. Die dauerhafte Empörung aber wird irgendwann langweilig und erstarrt im leeren Wiederholungsritual. Aus der Perspektive der Opfer bekam man immer wieder die gleiche Geschichte zu lesen. Müsste man nicht auch wissen, woher die Täter kamen, was sie motivierte und warum sie taten, was man mit Abscheu betrachtet? Diese Frage konnte noch vor zehn Jahren nur im Verweis auf die Schlechtigkeit und die ideologische Zurichtung der Täter in eine Geschichte überführt werden.

Warum ist jetzt möglich, was noch vor kurzem undenkbar erschien? Weil der Nationalsozialismus, wie die Historiker sagen würden, historisiert worden ist, weil er sich von einem unmittelbaren Erlebnis, das die Erfahrungen der Väter und Mütter mit den Fragen von Söhnen und Töchtern verband, zu einem vermittelten Geschehen geworden ist, das alle Generationen als Geschichte und nicht als Erfahrenes zur Verfügung haben. Der emotionale Abstand ermöglicht es, die Täter zu verstehen, ohne dabei an die eigenen Väter und ihre Opfer denken zu müssen.

Und noch etwas anderes kommt hinzu: die Erfahrungen mit den Bürgerkriegen, der alltäglichen Gewalt und der Wiederkehr der Vernichtungsrhetorik hat die Sinne dafür geschärft, dass immerzu und an jedem Ort möglich ist, was man für einen einzigartigen Zivilisationsbruch gehalten hat. Wenn das eingesehen ist, dann will man nur noch wissen, welche Umstände es sind, die aus Menschen Bestien werden lassen, die bereitwillig morden, obgleich sie nicht mit dieser Absicht zur Welt gekommen sind. Das ist es, was Jonathan Littell leistet: er gibt uns einen Einblick in die Psyche eines möglichen Täters und nennt Gründe, die verstehbar werden lassen, warum auch ein gebildeter Mensch den Nationalsozialismus und das Morden als Lebensoption begreifen konnte.

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13.02.2008 | 18:13 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Fortgeschriebenes Klischee

Die Konjunktur des Buchs ist in Deutschland gar nicht zu beobachten, sondern nur in Frankreich. Dort waren die Ergebnisse der deutschen und angloatlantischen Holocaus-Forschung bislang weniger bekannt. Das Buch bringt eine sensationalistische Melange aus historischen Informationen, die hierzulande nichts Neues bieten.

Die Forschungen von Raul Hilberg, Christopher Browning, Ulrich Herbert und Michael Wildt sowie die krasse Darstellung von Daniel Goldhagen über "Hitlers willige Vollstrecker" verwertet Littell vor dem Hintergrund der Fernsehserie "Holocaust" von 1979. Das damals erzeugte Klischee wird heute fortgeschrieben, wobei seinerzeit der Blick auf die Opfer gerichtet war, während er heute vor allem die Täter erfasst.

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13.02.2008 | 09:07 Uhr

Klaus Harpprecht: Die Historisierung schreitet schon lange voran

Mit welcher Begründung hätte das Thema von den Deutschen ferngehalten werden sollen? War es nicht schon lange fällig, dass ein Literat, dank seines Gespürs für eine "Marktlücke", die Verbrechergeschichte des Dritten Reiches aus der Perspektive des Täters nachzeichnen würde?

Der große Mord wird von Littell nicht "salopp" dargestellt, sondern mit zynischem Realismus. Gibt es eine Hitler-Konjunktur? Wurden wir nicht schon seit Jahren durch die Knoppisierung des Fernsehens mit NS vollgedröhnt? Der Prozess der Literarisierung der Vernichtung entspricht der "Historisierung", die schon lange – relativierend - zugange ist.

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13.02.2008 | 21:19 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Nerv getroffen?

Ich möchte schon gern wissen, wieso Littell mit seinem Buch ausgerechnet "in Frankreich einen Nerv getroffen" hat.
Jedenfalls kann der Nerv, der dort getroffen wurde, nicht der der Deutschen sein.

Oder sieht die heutige Generation der Deutschen die Judenvernichtung auch nur als eine besonders schaurige Geschichte unserer Geschichte, etwas, das man sich im Fernsehen zu Gemüte führt oder durch den Roman - ausgerechnet eines Juden - vorführen lässt?
Ich kann da nicht mitmachen. Doch ich bin von gestern.


13.02.2008 | 14:37 Uhr
Hein Osenberg schreibt: Wäre eine erste Publikation in Deutschland auch so erfolgreich gewesen?

Offensichtlich hat Littell in Frankreich einen Nerv getroffen und insofern wird dem Buch auch in Deutschland viel Aufmerksamkeit zuteil.

Ich frage mich jedoch, ob das Buch einen ebensolchen Erfolg - den ich ihm bei aller Kritik wünsche - gehabt hätte, wenn es zuerst z.B. in Deutschland publiziert worden wäre.



13.02.2008 | 07:30 Uhr

Helmuth Kiesel: Die Zeit der reflexartigen Verwerfungen ist vorbei

Es ist in der Tat schwer vorstellbar, dass dieses Buch schon vor zehn Jahren in Deutschland hätte erscheinen können. Ich glaube nicht, dass sich ein Verleger dafür gefunden hätte; er hätte um seinen Ruf fürchten müssen. Dass es heute verlegt wird, halte ich für richtig.

Dass es erscheinen kann, hat mehrere Voraussetzungen unterschiedlicher Art. Ich reihe sie der Einfachheit halber aneinander. Zunächst: Die Ermordung der europäischen Juden während des Kriegs im Osten wurde in den letzten 15 bis 20 Jahren in Deutschland unter allen wichtige Aspekten so häufig und intensiv thematisiert, dass ein Verleger heute davon ausgehen darf, dass dieser Roman auf ein mündiges Publikum stößt, das ihn mit Sachkenntnis und kritischem Verstand zu lesen vermag.

Und dann: Die Zeit, in der über den Holocaust nur in wissenschaftlich-nüchternem oder dichterisch-sakralem Ton gesprochen werden durfte, ist vorbei. In den letzten 15 Jahren (um eine ungefähre Zahl zu nennen) war der Holocaust nacheinander Gegenstand nicht nur von strengen Dokumentationen, sondern auch von melodramatischen Spielfilmen und Comics, und meist hat man gesehen, dass dies keineswegs mit einer Verharmlosung der Verbrechen oder mit einer Entwürdigung der Opfer verbunden war, dass der Blick vielmehr auf neue Facetten dieses unfassbaren Vorgangs gelenkt, das Wissen über ihn vermehrt und die Anteilnahme gesteigert wurde. Es ist heute nicht mehr klar, dass man diese oder jene Darstellungsweise nicht wählen darf; man hat einen größere Lizenz, die sich dann allerdings auch der Kritik stellen muss. Hierzu gehört dann weiter die Abkehr von einem allzu ängstlichen Starren auf das Prinzip der political correctness, das sich für einige Jahre als eine Art freiwilliger Vorzensur auswirkte und bei Missachtung zu einer scharfen Nachzensur führte.

Das ist vorbei. Es ist möglich, Themen wie Holocaust, Homosexualität und Inzest zusammenzubinden, ohne dass dies gleich zu reflexartigen Verwerfungen führt. Kritik wird es zweifellos auch geben, aber sie muss sich besser instrumentieren als zuvor.
Schließlich: Deutlich geworden ist in den letzten 15 Jahren auch, dass die Täter nicht nur mehr Aufmerksamkeit verdienen, wenn man den Holocaust verstehen will (soweit er sich verstehen lässt); sie müssen dann, bei aller Abscheulichkeit ihrer Charaktere und ihres Tuns, auch mit mehr Empathie gesehen werden. Hier haben Biographien nicht nur von Hitler, sondern auch von Leuten wie Speer und Best viel Aufhellung geschaffen und den Weg für einen Roman wie die "Wohlgesinnten" mit vorbereitet.

Littells Roman wäre vor 10 Jahren vermutlich auch daran gescheitert, dass es geradezu verboten war, Nationalismus und Stalinismus zu vergleichen (was, wie man weiß, nie "gleichsetzen" meinte). Auch diese Zeiten sind nun vorbei!

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14.02.2008 | 09:37 Uhr
volker m. rollfink schreibt: Gründe für einen literarischen Erfolg

Wenn man unterstellt, dass es sich bei Littell's Wohlgesinnten um eine literarische Gestaltung nationalsozialistischer Greueltaten handelt und das Ganze für erfolgreich hält, wie es offensichtlich der Fragesteller tut, sind dafür vor allem 3 Gründe maßgeblich. Zum einen bietet der "Markt" zur Zeit nichts Interessanteres oder Aufregenderes. Zum zweiten ist der Holocaust nach wie vor ein sensibles Thema und es gibt eine Vielzahlt selbsterneannter Wächter der political correctness, die in der Öffentlichkeit darauf achten, dass die Sigularität des Nationalsozialismus insbesondere die Vernichtungspolitik des Dritten Reiches gegenüber den Juden nicht in Frage gestellt wird. Das verschafft beträchtliche Aufmerksamkeit. Schließlich ermöglicht drittens die zunehmende zeitliche Distanz mit ihren durch Nichts aufzuhaltenden Normalisierungseffekt neue Perspektiven und Zugänge, die Littell mit den Wohlgesinnten zu nutzen versucht und damit viel Resonanz erzielt.


13.02.2008 | 14:41 Uhr
Sacha Jung schreibt: Es ist die richtige Zeit!

Ich bin der Meinung, daß wir jetzt in der Thematik "fester" stehen und somit uns auch nach vorne wagen sollten. Der Roman zeigt im heutigen Ausschnitt, die "gesamteuropäische" Komponente der Verfolgung.

Ich denke, daß wir uns "historisch" bewegen dürfen und das Szenen in Lemberg wie von Littell beschrieben oder "Jedwabne" nicht als moralischer Fingerzeig verstanden werden sollten, sondern einfach als Anstösse, sich thematisch -auch europäisch- mit der Verfolgung auseinanderzusetzen.
Sacha Jung





13.02.2008 | 07:03 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Die Aktualität des Gegenstandes

Littells Buch hat durchaus Vorläufer: Im Verlag S. Fischer erschien im Jahr 1988 der von Ernst Klee, Willi Dreßen und Volker Rieß herausgegebene Band ",Schöne Zeiten’. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer".

Die Herausgeber charakterisieren den Band wie folgt: "Der provozierende Titel ist einem privaten Fotoalbum eines KZ-Kommandanten entnommen. Es handelt sich dabei weitgehend um authentische Texte (Tagebücher, Briefe und Berichte), aber auch um (Geständnis-)Protokolle, in denen die Mörder, Mittäter und Gaffer in der Rückschau ungeschminkt vor den ermittelnden Behörden schildern, wie der Massenmord an den Juden organisiert und bis zum bittern Ende durchgeführt wurde." Dem Band wurden zahlreiche Fotos, die Täter wie Zuschauer von einzelnen Mordaktionen aufgenommen haben, beigegeben.

"Schöne Zeiten" ist eine schockierende Dokumentensammlung, die keinen Betrachter unbeteiligt lassen kann. Vier Jahre später erschien, nicht minder aufwühlend, von Christoph Browning auf Englisch "Ordinary men – Reserve Police Battalion 101 and the final solution in Poland" (deutsch 1993 "Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizei-Batallion 101 und die ,Endlösung’ in Polen"), ein Buch, das zahlreiche Auflagen erlebte. Auch hier kamen die Täter zu Wort.

Was in der Zuschrift als "salopp-fiktiver" Umgang mit SS-Verbrechen bezeichnet wird, ist die schon häufig in diesem Reading-Room angesprochene Fiktionalisierung des Holocaust durch Jonathan Littell. Auch sie ist nicht neu, wenn man z.B. an die Erzählung "Deutsches Requiem" von Jorge Luis Borges (1949) denkt, in welcher der zum Tode verurteilte fiktive KZ-Scherge Otto Dietrich zur Linde sich zu seinem Henkeramt bekennt. Man könnte auch an Jean-Paul Sartres Theaterstück "Les séquestrés d’Altona" (1959; deutsch 1960 "Die Eingeschlossenen") erinnern, das Binnendrama der reichen Industriellenfamilie von Gerlach, die ihren ältesten Sohn Franz vor der Öffentlichkeit versteckt. Er ist offiziell totgesagt und lebt von der Außenwelt abgeschottet, weil er im Russlandfeldzug Gefangene gefoltert und sich in eine Wahnwelt von Zerstörung, Schuld und Sühne geflüchtet hat.

Es hat also weder an jedermann zugänglichen historischen noch literarischen Versuchen gefehlt, den von Deutschen begangenen und zu verantwortenden Judenmord zu thematisieren. Wenn ein Buch wie "Die Wohlgesinnten", das das ganze Ausmaß des Holocaust aus der Sicht eines Täters fiktionalisiert, erst jetzt erscheint, könnte dies mehrere Gründe haben (in diesem Sinne kann man von "Konjunktur" sprechen; der kommerzielle Aspekt, den das Wort auch hat, ist zur Verbreitung eines so monumentalen Werks unabdingbar und keineswegs anrüchig): Der Kenntnisstand über diese Vorgänge ist in den letzten Jahren gewachsen und methodisch durchdacht worden.

Der Holocaust hat sich tief in das kollektive Gedächtnis nicht nur der Opfer und der Deutschen, sondern der gesamten Menschheit eingebrannt. Er gilt als Menetekel und Lehrstück, das angesichts weltweit immer wieder zu beklagender Völkermordaktionen ungebrochene Aktualität besitzt. Damit ist die "Konjunktur" für einen solchen Roman, wie ihn Littell verfasst hat, zwar günstig, aber es bedurfte offenbar eines Mannes mit seinem biographischen Hintergrund, seinem sprachlichen Talent und seinem literarischen Gespür, um ein derartiges Werk zu schreiben. Auslösendes Element war übrigens, wie er in einem Interview ("Le Monde des Livres", 1. September 2006) äußert, nicht seine jüdische Abstammung, sondern der Vietnamkrieg, vor allem aber seine Arbeit bei der Welthungerhilfe in Bosnien, Afghanistan und Tschetschenien. Die in Sarajewo und Grozny miterlebten Belagerungen, Aufstände und Exekutionen ließen ihn die Aktualität seines Gegenstandes verstehen und seinen Roman in Angriff nehmen.

Kommentare

23.02.2008 | 22:37 Uhr
Monika Muggli schreibt: Berichte von bzw. über Täter sind kein neues Phänomen

Berichte von oder über NS-Täter gab es auch schon früher. Als Beispiele unter vielen seien genannt Gitta Serenys eindrucksvolles Buch "Am Abgrund: Gespräche mit dem Henker - Franz Stangl und die Morde von Treblinka" (Piper, München 1995), das im englischen Original bereits 1974 erschienen ist, und die Interviews, vom Dokumentarfilmer Michel Alexandre mit Augenzeugen des Völkermords an den Juden geführt, die parallel zur gleichnamigen WDR-Fernsehdokumentation als Buch unter dem Titel "Der Judenmord. Deutsche und Österreicher berichten" (vgs, Köln 1998) veröffentlicht wurden.

Unter diesen Augenzeugen befinden sich auch Täter wie der Massenmörder Kurt Franz, Stellvertreter und später Nachfolger von Stangl als Kommandant von Treblinka.
Unbedingt genannt werden müssen auch die vielen Berichte über den "Holocaust hinter der Front", die animiert durch die erste Wehrmachtsausstellung seit 1995 bekannt wurden, z.B. der Film "Die Spur des Vaters" von Christoph Boekel.


13.02.2008 | 11:18 Uhr
Karl-Heinz Haarke schreibt: die Aktualität des Gegenstandes, Hausmann

Es ist fast banal zu meinen, die Welt ändere sich rückwirkend. Die Ansichten d. Hr. Hausmann finden meinen Zuspruch, nur frage ich dazu, welche Erkenntnisse bringen uns diese furchtbaren Darstellungen menschlichen Fehlverhaltens und Hr. Littell wirklich?

Finden wir Deutsche uns da irgendwo wieder oder meinen wir, jede Art von eigener nationaler (deutscher) Willensbekundung i. heutigen politischen Raum ist übertrieben angesichts der D. Geschichte einschl. der DDR? und was äußert eigentlich ein Fritz Stern zum Buch und den vielen genannten Kommentatoren?



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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