Jörg Baberowski: Vermitteltes Geschehen
Nein, dieses Buch hätte vor zehn Jahren nicht erscheinen können. Sein Autor wäre stigmatisiert worden, kein Verlag hätte es gewagt, dieses Buch zu veröffentlichen. Warum war das so? Weil, so könnte man sagen, die Geschichte des Nationalsozialismus nur als Geschichte seiner moralischen Ächtung und Verurteilung geschrieben werden konnte.
Von Romanen erwartete man am Ende nichts anderes als von den Texten der Historiker. Die dauerhafte Empörung aber wird irgendwann langweilig und erstarrt im leeren Wiederholungsritual. Aus der Perspektive der Opfer bekam man immer wieder die gleiche Geschichte zu lesen. Müsste man nicht auch wissen, woher die Täter kamen, was sie motivierte und warum sie taten, was man mit Abscheu betrachtet? Diese Frage konnte noch vor zehn Jahren nur im Verweis auf die Schlechtigkeit und die ideologische Zurichtung der Täter in eine Geschichte überführt werden.
Warum ist jetzt möglich, was noch vor kurzem undenkbar erschien? Weil der Nationalsozialismus, wie die Historiker sagen würden, historisiert worden ist, weil er sich von einem unmittelbaren Erlebnis, das die Erfahrungen der Väter und Mütter mit den Fragen von Söhnen und Töchtern verband, zu einem vermittelten Geschehen geworden ist, das alle Generationen als Geschichte und nicht als Erfahrenes zur Verfügung haben. Der emotionale Abstand ermöglicht es, die Täter zu verstehen, ohne dabei an die eigenen Väter und ihre Opfer denken zu müssen.
Und noch etwas anderes kommt hinzu: die Erfahrungen mit den Bürgerkriegen, der alltäglichen Gewalt und der Wiederkehr der Vernichtungsrhetorik hat die Sinne dafür geschärft, dass immerzu und an jedem Ort möglich ist, was man für einen einzigartigen Zivilisationsbruch gehalten hat. Wenn das eingesehen ist, dann will man nur noch wissen, welche Umstände es sind, die aus Menschen Bestien werden lassen, die bereitwillig morden, obgleich sie nicht mit dieser Absicht zur Welt gekommen sind. Das ist es, was Jonathan Littell leistet: er gibt uns einen Einblick in die Psyche eines möglichen Täters und nennt Gründe, die verstehbar werden lassen, warum auch ein gebildeter Mensch den Nationalsozialismus und das Morden als Lebensoption begreifen konnte.
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