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Frage des Tages:

Was geht uns Max Aue an?

Hat Jonathan Littell mit Max Aue eine Figur geschaffen, mit der man sich identifizieren kann - oder soll man das gerade nicht? Welchen Erkenntnisgewinn gewährt Littells ungewöhnliche Erzählerperspektive? Wie ist Ihr Eindruck nach den ersten Folgen? Eine Leserfrage von Jens Siebke.

Beiträge

15.02.2008 | 15:21 Uhr

Jörg Baberowski: Mensch im Ausnahmezustand

Es fällt schwer, sich mit der Figur des Max Aue zu identifizieren, denn Littell präsentiert Aue als kühlen, distanzierten und arroganten Zyniker, der an nichts glaubt und der vom menschlichen Leben sagt, es sei nichts weiter als "ein Scherz". Aue ist nicht einmal ein nationalsozialistischer Enthusiast, und er handelt auch nicht unter Zwängen, aus denen er sich nicht befreien könnte.

Er tut einfach, was er glaubt, tun zu müssen, ohne sich dabei auf ideologische Notwendigkeiten oder den Befehlsnotstand zu berufen. Solch eine Figur weckt gewöhnlich keine Sympathie, vor allem aber bietet sie in ihren Handlungen keine Identifikationsmöglichkeiten.

Und dennoch geht uns Max Aue etwas an. Wir verstehen, was geschieht, wenn die Gewalt spricht und wenn Menschen ihr ausgesetzt sind, wenn sie Herr über Leben und Tod werden und wenn sie mit anderen gemeinsam Verbrechen begehen, die Brücken hinter sich abbrechen und wenn sie damit rechnen müssen, am Ende für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. So gesehen ist Max Aue nicht als Nationalsozialist und als SS-Mann, sondern als Mensch im Ausnahmezustand von Bedeutung. In diesem Sinn geht er uns etwas an.

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14.02.2008 | 15:01 Uhr

Lutz Hachmeister: Gewinnbringend

Die nationalsozialistischen Studentenrevolutionäre, die Ende der 1920er Jahre damit begannen, die deutschen Universitäten für ihren "Führer" und die synthetische, völkische, antijüdische NS-Idee zu erobern, waren für die Forschung nach 1945 lange Zeit unbekannte Objekte, Aliens, Zombies.

Kaum jemand wollte über diese zeithistorischen Verlierer Genaueres wissen, oft nicht einmal die eigenen Kinder. Und über die Motive ihres Handelns, über ihre Vorstellungswelten verbreiteten sich die Best, Six, Höhn, auch Hanns Martin Schleyer oder Karl Schiller (um zwei Heidelberger Kommilitonen aus der NS-Studentenbewegung zu nehmen), wenn überhaupt, dann nur sehr indirekt.

Über Parallelen und Differenzen zwischen den Forderungskatalogen oder Protestmethoden der NS-Studentenführern und den "1968ern" zu sprechen, war lange Zeit tabuisiert, wie ich selbst bei den Forschungen zu Hanns Martin Schleyer und zur RAF feststellen konnte. Götz Aly scheint es jetzt mit einem Buch zu versuchen, das er "Unser Kampf" nennt.

Jenseits aller Spekulation ist es gewinnbringend, wenn in literarischen Figuren wie Max Aue, der Jura studiert hat und dann in Heydrichs weltanschaulichen Geheimdienst gerät, die Abgründe und Gefährdungen eines nur formal gesitteten Akademikertums fühlbar werden. Littell hält sich allerdings mit der studentischen Sozialisation Aues nicht besonders auf – wer über die NS-Studentenführer mehr wissen will, muss schon zur historischen Fachliteratur (auch über einzelne Universitäten wie Freiburg, wo Heidegger die Gleichrangigkeit von "Wissensdienst", "Wehrdienst" und "Arbeitsdienst" feierte) der letzten Jahre greifen.

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14.02.2008 | 17:40 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: So leicht mordet es sich nicht!

Ich möchte hier nicht im Traum eine Symphatie meinerseits zu Heidegger vermitteln, doch wenn er und andere eine Geichrangigkeit von Wissensdienst, Wehrdienst und Arbeitsdienst feierten, führt das noch lange nicht zum sadistischen Judenmord.

Es könnte natürlich sein, dass einer, der für den Arbeitsdienst ist, auch für den Dienst im KZ sei...doch eine logische Folge ist das nicht.

Natürlich: allein die Lektüre von "Mein Kampf" hätte vielen Nazi-Intellektuellen die Augen öffnen können, doch das eine war Papier einer Kampfschrift, das andere war finsterer Massenmord an Millionen unschuldiger Menschen. Das muss man nicht studiert haben, um da einen großen Unterschied zu erkennen.

Da gab es immer noch das innere (Kant) Moralgesetz, das jeder kennt. Oder so gesagt: So leicht mordet es sich nicht!



14.02.2008 | 14:18 Uhr

Klaus Harpprecht: Die Veredelung des Feindes

Dr. Max Aue ist eine sehr französische Projektion: der intellektuelle, kultivierte, grundmusikalische Täter (den es in Wirklichkeit nicht gab) macht die Faszination bedeutender französischer Schriftsteller wie Drieu la Rochelle, Céline, Brasillach, oder von Politikern wie Mitterrand während der Epoche von Vichy verständlicher, vielleicht auch verzeihlicher. Die Veredelung des Feindes, auch die erotische, schmeichelt der Selbstwahrnehmung.

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13.02.2008 | 07:10 Uhr

Friedmar Apel: Das Irritierende an Littells Roman

Wenn Identifikation heißen soll, dass ein Leser meint, die Ideen, Gefühle, Probleme, Motive und das Zeitbewusstsein einer Romangestalt für sich nachvollziehen oder sich gar Eigenschaften bewundernd anverwandeln zu können, wäre die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Max Aue natürlich prekär, nicht nur, weil Littells Roman vermutlich solche Leser finden wird. Es kann ja niemand Neonazis die Lektüre verbieten.

Die Aristotelische Tragödientheorie ging in der Lehre von der Katharsis allerdings unabdingbar von einer Identifikation des Zuschauers mit dem hochgestellten tragischen Helden aus, gerade wenn er gegen das Sittengesetz verstieß, dessen Gültigkeit aber nicht in Frage gestellt war. Mit dieser Lehre tat sich die ästhetische Moderne umso schwerer, je mehr die Tragödie ihren Hintergrund einer als gerecht vorstellbaren Ordnung einbüßte.

Für Theodor W. Adorno war die Beurteilung von Kunstwerken nach dem Kriterium der Identifikation mit dargestellten Personen der Schulfall der Banausie, analog erschien die Katharsis-Lehre als tendenziell autoritäre Wahrnehmungsverordnung. Inzwischen geht die Literaturwissenschaft auf der Grundlage empirischer Forschungen vor allem im Bereich der Trivialliteratur pragmatischer mit dem Begriff um.

Verschiedene Formen der Identifikation gehören Hans Robert Jauß zufolge durchaus zur kommunikativen Leistung ästhetischer Erfahrung. Sie umfassen auch die Reaktionen der Befremdung und Verwunderung, der Schau- und Schauderlust, auf die der Kolportageroman setzt, den Littell ja offensichtlich auch im Blick hatte. Dass eine Gestalt im ganzen abscheulich ist, ist daher nicht entscheidend.

So wäre es leicht, den Begriff der Identifikation am Beispiel von Max Aue distanzierend zu verwenden. Das Irritierende an Littells Roman ist aber gerade, dass der Leser durch die Detailliertheit der Schilderung in Max Aues Situation und Perspektive hineingezogen wird und seine Entscheidungen versteht. Stärker gesagt, Littell scheint es in seiner Gestaltung der Figur geradezu darauf angelegt zu haben, dass deren Handlungen im Einzelnen als nahezu normal nachvollziehbar sind, einer immanenten Logik folgen. Littell geht überdies offenbar dezidiert davon aus, dass es bei aller Überzeichnung ähnliche Gestalten in den Konfliktregionen dieser Welt gibt. Dann ginge uns Max Aue durchaus etwas an.

Wenn dazu die Anspielungen auf die Orestie und der Grund von Littells These, die Griechen seien mehr als wir am Tatsächlichen des menschlichen Handelns interessiert gewesen, berücksichtigt werden, lässt sich sein Roman als ein Ansatz zu einer kathartischen Geschichtsschreibung unter gegenwärtigem Interesse lesen. Die Erregung von starken Affekten beim Leser, die schon durch die Bedeutung des Themas für das kulturelle Gedächtnis bedingt sind, würde dann zu einer spezifischen Aufmerksamkeit für das Handeln der Individuen in gegenwärtigen Konfliktlagen führen können. So scheint Littell menschenfreundliche politische Illusionen zerstören zu wollen, um den Leser nach dem Vorbild Ernst Jüngers mit der Vernichtung der alten Welt zu konfrontieren.

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15.02.2008 | 16:57 Uhr
sylvia kade schreibt: Katharsis oder Kälte des nachträglichen Wissens

Ob Littells Text starke Affekte auszulösen vermag muss bezweifelt werden, es ist nicht nur die kalte Nähe, im Unterschied zur brennenden Kälte von Lanzmanns Interviews, die von den detailgenauen "fotografischen" Beschreibungen Littells evoziert wird.

Der antipsychlogische Effekt ist vielleicht auch gewollt, er will von Fakten, vom Handeln ausgehen (nur diese sind dem Gesetz unterworfen), nicht von Motiven, die Innenwelten seiner Protagonisten bleiben verschlossen. Er zeigt die Mechanik von Staatsverbrechen, die nicht Katharsis bei den Lesern zum Ziel haben kann. Er zeigt keine moralischen Dilemmata, die unter die Haut gehen könnten.
Furcht und Schrecken sind die des nachträglichen Wissens - bei Littell wie dem Leser. Es ist wohl eher der Diskurs zum Buch, der sich auf die Realereignisse bezieht, der nach wie vor zwischen Apologetik, Rechtfertigung und Ächtung oszilliert und weiterhin von untergründigen starken Affekten, dem Überleben der Fronten, getragen ist.



13.02.2008 | 07:00 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Dieser Roman arbeitet gegen eine Historisierung

Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" ist ausweislich der Titelseite ein Roman. Romane werden heutzutage meist zur Unterhaltung und in der Freizeit gelesen, und selbst wenn sie sex and crime beinhalten, wird am Ende die prästabilierte Harmonie wiederhergestellt. Der geplagte Mensch von heute will sich nicht auch noch bei seiner Lektüre mit Problemen beschweren. Das war nicht immer so.

Georg Lukács hat den Roman die Epopoe des bürgerlichen Zeitalters genannt. Die "großen" Romane des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts waren dementsprechend Gesellschafts-, Bildungs- oder Erziehungsromane, in denen ein Individuum seine Initiation in Familie, Beruf und Partnerschaft erlebte. Scheitern und Desillusion waren aus didaktischen Gründen Leitthemen. In gewisser Weise verwendet auch Littell noch das Schema des Initiationsromans. Allerdings wird Max Aue in den staatlich verordneten Massenmord an wehrlosen Menschen, "Juden" oder "Bolschewiken", die man damals als "Untermenschen" abqualifizierte, um ihre Tötung zu legitimieren, initiiert, bis ihm das Morden zur zweiten Natur geworden ist.

Wenn ein amerikanischer Schriftsteller jüdischer Herkunft in französischer Sprache einen deutschen SS-Mann seine Teilnahme am größten Massenmord der Geschichte allen "Menschenbrüdern" beichten lässt, dann sind deutsche Leser in besonderer Weise angesprochen. Der Holocaust ist eben keine Tat, die verjährt, auch wenn inzwischen über sechzig Jahre vergangen und zwei Generationen herangewachsen sind, die nach der NS-Zeit geboren wurden. Ging der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, zwar nicht von einer "Kollektivschuld" aller Deutschen, jedoch von einer "Kollektivscham" aus, so ist dieser Begriff inzwischen durch den der "Kollektivverantwortung" ersetzt worden.

In diese teilen sich alle Deutschen, ob sie nun das "Dritte Reich" miterlebt haben oder nicht. In diesem Sinne geht uns Max Aue als Deutsche in besonderer Weise an, denn er konfrontiert uns mit einem Vorgang von welthistorischer Dimension, an den zu erinnern und an den sich zu erinnern zum Grundbestand der deutschen Identität gehört. In diesem Sinne ist Max Aue unser "Bruder", und zwar in doppeltem Sinne. Einmal, weil wir Deutsche sind und immer wieder mit unserer Vergangenheit konfrontiert werden, dann aber auch in dem Sinne, wie Thomas Mann in einem bedeutungsschweren Essay vom "Bruder Hitler" sprach. Er wollte damit andeuten, dass in uns allen ein Zug zum Wahnhaften und Verbrecherischen steckt, den es zu erkennen und zu bekämpfen gilt.

Littells Werk ist monumental. Es bietet keine angenehme Lektüre, bei der man sich entspannen und zurücklehnen könnte. Über die Schwierigkeit, den Holocaust zu fiktionalisieren, wurde bereits mehrfach in diesem Leserforum gesprochen. Ob Littell nun die einschlägige historische Forschungsliteratur kennt und richtig umsetzt, und ob sein Werk ästhetisch in allen Kapiteln gelungen ist, ist unwichtig. Die Ereignisse, die er berichtet, haben sich so oder so ähnlich vom Sommer 1941 bis zum Frühjahr 1945 abgespielt. Die Publikation in Fortsetzungsform erlaubt den Lesern der F.A.Z. gegenwärtig jeden Morgen noch einmal ein Atemholen. Wenn der Roman in den nächsten Wochen in deutscher Übersetzung insgesamt vorliegt, dann gibt es kein Unterbrechen und kein Ausweichen mehr.

Möglichst viele Leser sollten ihn möglichst vollständig lesen. Er arbeitet gegen eine Historisierung, die gelegentlich im Hinblick auf das "Dritte Reich" gefordert wird. Doch diese kann und wird es in absehbarer Zeit nicht geben, und nach der Lektüre der "Wohlgesinnten" wird sie auch niemand mehr fordern. Noch ein weiteres Argument spricht für die Lektüre. Es ist nicht wahr, dass Littell nur als Täter und von Tätern spricht. Er schildert auch, wenngleich aus der Sicht der Täter, die Leiden der Opfer. Auch in diesem Sinne geht uns Max Aue an, denn wer einem Täter zuhört, muss gleichzeitig an die Opfer denken und die Erinnerung an sie wachhalten.

Kommentare

15.02.2008 | 18:28 Uhr
sylvia kade schreibt: Wie weit darf die Fiktionalisierung gehen

Littell lässt uns aus den Augen des Täters auf die Opfer sehen. Wird damit unsere Aufmerksamkeit für die Opfer und deren Leiden geöffnet? Nein. Es ist vielfach nicht mehr als der Blick der Kamera auf die Wirklichkeit, der Ausschnitt und die genaue Beschreibung des Fotos, das er von einem Opfer hat, das, auf dem Boden kriechend, blutig geschlagen wird.

Ist es anders arrangiert und sprachlich wiedergegeben als das Foto einer Stadt, von Häuserfronten, die er als klassizistisch kennzeichnet? Hinter jedem der Dialoge zwischen SS-Offizieren sind die Recherchen über Rangabzeichen, über Status und Hierarchie, die Grußformeln nachzuvollziehen, ehe er sich, und wir uns mit ihm, über den Graben hinweg ein Bild machen kann. Ähnlich positivistisch-affirmativ werden ideologische Konstrukte zur Rationalisierung von Untaten herangezogen im Text. Die Historisierung des Nachgeborenen ist unvermeidbar, Littell hat nicht erlebt, worüber er schreibt. Wie weit darf die Fiktionalisierung gehen?



13.02.2008 | 06:50 Uhr

Helmuth Kiesel: Aue fordert "historisch-kritische Einfühlung"

Zweifellos wird kaum jemand sagen, dass er sich mit Max Aue in toto identifizieren könne. Aber es gibt genügend Facetten seiner Persönlichkeit und Momente seiner Geschichte, die zur Nachempfindung oder zur Identifikation einladen: Momente etwa, in denen er wegen seiner Homosexualität in Not gerät, zum Verfolgten wird; oder in denen er nicht weiß, ob er seinem natürlichen Rechtsbewusstsein oder des NS-Ideologie folgen soll, der er sich veschworen hat.

Vor allem lädt die Figur Max Aues dazu ein, sich einmal in die Haut eines jungen Mannes zu versetzen, dem der Nationalsozialismus in einer völlig verunsicherten und perspektivenlosen Zeit geistige Sicherheit und größte Entfaltungsmöglichkeiten bot. So wie er dürften sich um 1940 viele seiner Generationsgenossen gefühlt haben: als Angehörige einer Elite, der die Herrschaft zufiel, weil sie entschlossen und mutig genug war, zu tun, was zu tun war.

Die Figur Max Aues gibt Gelegenheit, dieses Bewusstsein zu studieren, seine Überlegungen nachzuvollziehen, sich in seine Befindlichkeit hineinzudenken oder hineinzufühlen. Man tut dies, wenn man den Roman liest, automatisch, auch wenn man immer mit kritischem Bewusstsein bei der Sache ist. Man könnte dies - in Abwandlung einer anderen Formel -"historisch-kritische Einfühlung" nennen. Biographien können dazu Anlass geben, historische Romane wollen es.

Kommentare

15.02.2008 | 17:03 Uhr
sylvia kade schreibt: Die Generation: In die Haut eines jungen Mannes versetzt?

Ist "kritisch-historische Einfühlung" in Nicht-Selbsterlebtes überhaupt möglich und zeigt sie nicht dem Generationsblick je Unterschiedliches? Wie ändert direkte Zeitgenossenschaft bzw. der Blick der Nachgeborenen die Rezeption von Littells Wohlgesinnten?

Ein junger Freund von mir, ein belesener Mittdreißiger, "glaubt immer weniger an Begründungen, die die Zugehörigkeit zu einer Generation an die Stelle der Inhalte setzt". Die Generation sei nie homogen, mehr Distanz als die von Raoul Hilberg sei nicht möglich; es gebe Jüngere, die so verwickelt seien, als wären sie noch Zeitgenossen. An eine generationsbedingte Nichtbetroffenheit könne er jedoch auch noch nicht glauben. - Wohl wahr. Aber herauszuhören ist auch aus den Beiträgen, welcher Generation die Mehrheit der Experten und Leser angehört: es sind die zwischen 38 und 48 geborenen Achtundsechziger, samt ihrer einschlägigen Lektüre. Die affektive Resonanz zu dem Beitrag von Kiesel spricht eine andere Sprache. Pimpf oder Nichtpimpf.


14.02.2008 | 18:03 Uhr
Joachim Noack schreibt: Herr Beckmann, wie kommen Sie den zu diesem aggressiven Ton?

Was Sie anprangern, hat doch hier weder Herr Kiesel, noch Herr Füger, und schon gar nicht ich gesagt.
Ich verstehe Ihren Beitrag an dieser Stelle überhaupt nicht.


14.02.2008 | 17:20 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Nicht alle waren "Aue"

Ich möchte - als Angehöriger der Pimpfengeneration - doch sehr darum bitten, nicht alle die damals vom Nationalsozialismus begeistert waren, (wie etwa meine Eltern) nun gleich in den Topf "Max Aue" zu schleuden.

Das ist ja gräßlich, wie hier plötzlich jeder deutsche Soldat, jeder Parteigenosse und die vielen vielen in den 30er Jahren vom Hitlerismus begeisterten Deutschen nun schwupp auch noch zu "Judenmördern" werden...
Dass sie oft zugeschaut, nicht genügend Widerstand geleistet haben, das Nazi-System zu spät als das erkannt haben, was es war, alles richtig, doch Mörder wie Aue waren sie eben nicht.
Nein, die Deutschen, die mitliefen oder mitkämpfen mussten, hiessen nicht alle "Aue".


14.02.2008 | 14:47 Uhr
Joachim Noack schreibt: Herrn Kiesel gebührt Dank und Anerkennung für seine "historisch kritische Einfühlung"!

Daß man solche Stellungnahmen von Experten hier im Forum lesen kann, dafür schon alleine ist diese Einrichtung der FAZ zu preisen.

Ich gehöre der Folgegeneration von M. Aue an (mein "oberster Dienstgrad" war Pimpf, mit 9 Jahren "gezogen"), aber, die "Einfühlung" von H. Kiesel hilft mir, meine Elterngeneration etwas besser zu verstehen. Denn, was haben wir als Primaner unseren Eltern zugesetzt, wenn wir aus dem Geschichtsunterricht nach hause kamen - nach dem Motto: "wie konntet Ihr nur"?.....


14.02.2008 | 12:15 Uhr
Gerhard Füger schreibt: Identifikation vs. Selbstachtung

Identifikation ist ein gefährlicher Angelhaken. Dass Goethe sich als Täter jedes Verbrechens vorstellen konnte, ist gewiss oft genug zitiert worden. Wenn aber jedes Opfer ebensogut Täter sein könnte, wenn jeder Rollentausch möglich erscheint, dann hört die Vorhersagbarkeit eigenen und fremden Verhaltens auf, in der uns ja auch die Neurobiologie irre machen will.

Es muss doch zumindest Unterschiede von Wahrscheinlichkeit geben, damit nicht jede Frau am Frühstückstisch denken muss, ihrem späteren oder zumindest potentiellen Mörder gegenüberzusitzen. Wenn man sich auch des Heroismus absoluter Verweigerung nicht sicher sein kann, so bleiben immer noch Ausflüchte vor dem Unerträglichen, und lieber werde ich Lokomotivführer auf der Strecke Auschwitz als KZ-Vollstrecker. Insofern ist auch die Totalinkriminierung eines Volkes problematisch, wie sie die Reichsbahnausstellung betreibt. Auch der Versuch gradueller Vermeidung einer kaum vermeidlichen Untat muss ethisch gewürdigt werden.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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