Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" ist ausweislich der Titelseite ein Roman. Romane werden heutzutage meist zur Unterhaltung und in der Freizeit gelesen, und selbst wenn sie sex and crime beinhalten, wird am Ende die prästabilierte Harmonie wiederhergestellt. Der geplagte Mensch von heute will sich nicht auch noch bei seiner Lektüre mit Problemen beschweren. Das war nicht immer so.
Georg Lukács hat den Roman die Epopoe des bürgerlichen Zeitalters genannt. Die "großen" Romane des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts waren dementsprechend Gesellschafts-, Bildungs- oder Erziehungsromane, in denen ein Individuum seine Initiation in Familie, Beruf und Partnerschaft erlebte. Scheitern und Desillusion waren aus didaktischen Gründen Leitthemen. In gewisser Weise verwendet auch Littell noch das Schema des Initiationsromans. Allerdings wird Max Aue in den staatlich verordneten Massenmord an wehrlosen Menschen, "Juden" oder "Bolschewiken", die man damals als "Untermenschen" abqualifizierte, um ihre Tötung zu legitimieren, initiiert, bis ihm das Morden zur zweiten Natur geworden ist.
Wenn ein amerikanischer Schriftsteller jüdischer Herkunft in französischer Sprache einen deutschen SS-Mann seine Teilnahme am größten Massenmord der Geschichte allen "Menschenbrüdern" beichten lässt, dann sind deutsche Leser in besonderer Weise angesprochen. Der Holocaust ist eben keine Tat, die verjährt, auch wenn inzwischen über sechzig Jahre vergangen und zwei Generationen herangewachsen sind, die nach der NS-Zeit geboren wurden. Ging der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, zwar nicht von einer "Kollektivschuld" aller Deutschen, jedoch von einer "Kollektivscham" aus, so ist dieser Begriff inzwischen durch den der "Kollektivverantwortung" ersetzt worden.
In diese teilen sich alle Deutschen, ob sie nun das "Dritte Reich" miterlebt haben oder nicht. In diesem Sinne geht uns Max Aue als Deutsche in besonderer Weise an, denn er konfrontiert uns mit einem Vorgang von welthistorischer Dimension, an den zu erinnern und an den sich zu erinnern zum Grundbestand der deutschen Identität gehört. In diesem Sinne ist Max Aue unser "Bruder", und zwar in doppeltem Sinne. Einmal, weil wir Deutsche sind und immer wieder mit unserer Vergangenheit konfrontiert werden, dann aber auch in dem Sinne, wie Thomas Mann in einem bedeutungsschweren Essay vom "Bruder Hitler" sprach. Er wollte damit andeuten, dass in uns allen ein Zug zum Wahnhaften und Verbrecherischen steckt, den es zu erkennen und zu bekämpfen gilt.
Littells Werk ist monumental. Es bietet keine angenehme Lektüre, bei der man sich entspannen und zurücklehnen könnte. Über die Schwierigkeit, den Holocaust zu fiktionalisieren, wurde bereits mehrfach in diesem Leserforum gesprochen. Ob Littell nun die einschlägige historische Forschungsliteratur kennt und richtig umsetzt, und ob sein Werk ästhetisch in allen Kapiteln gelungen ist, ist unwichtig. Die Ereignisse, die er berichtet, haben sich so oder so ähnlich vom Sommer 1941 bis zum Frühjahr 1945 abgespielt. Die Publikation in Fortsetzungsform erlaubt den Lesern der F.A.Z. gegenwärtig jeden Morgen noch einmal ein Atemholen. Wenn der Roman in den nächsten Wochen in deutscher Übersetzung insgesamt vorliegt, dann gibt es kein Unterbrechen und kein Ausweichen mehr.
Möglichst viele Leser sollten ihn möglichst vollständig lesen. Er arbeitet gegen eine Historisierung, die gelegentlich im Hinblick auf das "Dritte Reich" gefordert wird. Doch diese kann und wird es in absehbarer Zeit nicht geben, und nach der Lektüre der "Wohlgesinnten" wird sie auch niemand mehr fordern. Noch ein weiteres Argument spricht für die Lektüre. Es ist nicht wahr, dass Littell nur als Täter und von Tätern spricht. Er schildert auch, wenngleich aus der Sicht der Täter, die Leiden der Opfer. Auch in diesem Sinne geht uns Max Aue an, denn wer einem Täter zuhört, muss gleichzeitig an die Opfer denken und die Erinnerung an sie wachhalten.