Home
Nominiert für den Grimme-Online-Award 2008
Lesesaal
FAZ.NET
Freitag, 15. Februar 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden

Frage des Tages:

Trägt Littells Roman zum Verständnis der extremen und fanatischen Bewegungen unserer Gegenwart bei?

"Möglicherweise erklärt dieses Buch, wie es dazu kommen kann, dass große Teile einer Gesellschaft zur Aufgabe aller moralischen Barrieren gebracht werden. Heute erleben wir ganz ähnliches bei den radikalisierten Islamisten. Sogar vor laufenden Kameras, bekennen sich Menschen zu Mord, Terror und Völkervernichtung. Ist diese Parallele statthaft?" Eine Leserfrage von Peter Keul.

Beiträge

15.02.2008 | 16:28 Uhr

Jörg Baberowski: Lehrstück über die menschliche Entgrenzung

Wie kommen Menschen dazu, sich aller Hemmungen zu entledigen und zu tun, was sie unter normalen Umständen niemals tun würden? Darauf gibt die Selbstbeschreibung Max Aues eine zureichende Antwort.

Je weiter man sich im Roman vorarbeitet, desto klarer wird, dass die Täter den Ermöglichungsraum für ihre Taten zwar vorfinden, an seiner Vergrößerung aber selbst mitarbeiten. Im rechtsfreien Raum, jenseits aller bürgerlichen Sicherungen und moralischen Vorschriften, im Niemandsland der Sprachlosigkeit wird das Denkbare zum Machbaren.

Das führt der Roman am Beispiel der Einsatzgruppe Max Aues in der Sowjetunion vor. Mit der Fortsetzung der Vernichtungsaktionen aber gewöhnen sich die Täter an das Morden, das sich allmählich von der ursprünglichen Motivation entfernt. Es kommt nicht nur zur Abstumpfung. Um auszuhalten, was geschieht, müssen die Täter einander die Treue halten, sie müssen gemeinsam zu Ende bringen, was sie gemeinsam begonnen haben. Sie müssen sich in die Selbsthalluzination bringen und als Wirklichkeit dürfen sie nur noch zulassen, was sie als Wirklichkeit einander bestätigen.

Und am Ende geschieht auch, was die Täter von Anfang an gesagt haben: die Menschen, die sie töten, werden tatsächlich zu ihren Feinden und sie müssen sie töten, damit sie nicht rächen können. So gesehen gibt es eine Ähnlichkeit zwischen den SS-Männern und den islamistischen Terroristen, denen es zwar darauf ankommt, die bürgerlichen Ordnungen der westlichen Demokratien zu erschüttern, indem sie Furch und Schrecken in ihnen verbreiten, die aber, um sich abzuhärten und zu enthemmen, in die staatsfernen Räume gehen, um dort zu erproben, was sie anderen antun wollen.

Der junge Engländer pakistanischer Herkunft muss erst nach Afghanistan gehen, um eine Erfahrung zu machen, die ihn von den Ordnungen seiner englischen Heimat so sehr entfremdet, dass er sich über sie mit radikaler Gewalt hinwegsetzen kann. Diesen Schritt über die Schwelle geht auch Max Aue, als er sich entschließt, an den Mordaktionen der Einsatzgruppe in der Sowjetunion teilzuhaben. Littells Buch ist ein Lehrstück über die menschliche Entgrenzung und ihren Ermöglichungsraum.

Kommentare


15.02.2008 | 14:21 Uhr

Klaus Harpprecht: Keine islamistische Entsprechung

Ich halte den Verweis auf ähnliche Prozesse bei den Islamisten für fragwürdig. Die muslimischen Fanatiker lassen sich eher mit den besessenen Gotteskriegern im Europa des Mittelalters und der Reformationszeit vergleichen: etwa Thomas Müntzers und seiner Wiedertäufer, der Massenverfolgung der Juden und Protestanten durch die Inquisition, die mörderische Zwangschristianisierung der Indianer in Mittel- und Südamerika, dem Terror der Kreuzzüge usw.

Für die Vernichtungsmaschinen der Totalstaaten des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es keine islamistische Entsprechung. Das Schlagwort vom "Islamfaschismus" ist schierer Unsinn.

Kommentare


15.02.2008 | 07:15 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Die eigentliche Herausforderung des Buchs

Die Parallele dürfte anders aussehen: Vor der gegenwärtigen Gefahr durch den internationalen Terrorismus zeichnet Littell mit seinem Max Aue eine Figur, die - wie er suggeriert - auch heute in jeder westlichen Gesellschaft anzutreffen ist und, hineingestellt in die Kriegführung im Mittleren Osten, zum Täter mit vergleichbarem Profil werden könnte.
Darin sehe ich die eigentliche Herausforderung des Buchs an die Leser außerhalb Frankreichs.

Kommentare


15.02.2008 | 07:11 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Ein völlig anderer ideologischer Hintergrund

Im ersten Teil der Frage wird die Vermutung aufgestellt, dass "Die Wohlgesinnten" eine Antwort auf das Einreißen moralischer Barrieren bei einem großen Teil einer Gesellschaft geben könnte. Diese Annahme ist jedoch zu unspezifisch, denn die Exekutoren und Mitwisser des Holocaust umfassen, wenn man Schätzungen glauben darf, etwa 100.000 Personen.

Das ist zwar für sich genommen viel, macht aber noch keinen "großen Teil einer Gesellschaft" aus. Wenn man von damals etwa 100 Millionen Einwohnern des Großdeutschen Reiches ausgeht, sind das gerade einmal 0,1 Prozent. Von den Deportationen haben allerdings "große Teile" der damaligen Gesellschaft gewusst, ohne Einzelheiten zu kennen. Auch blendet der erste Fragenteil die Besonderheiten des nationalsozialistischen Staates aus, der kein Gesetzes-, sondern ein Verordnungsstaat war und millionenfachen Massenmord auf scheinlegale Weise absicherte. Michael Wildt hat die Mentalität dieser "Generation des Unbedingten" beschrieben, der zahlreiche SS-Täter angehörten.

Littells Buch bietet zwei Erklärungen für die Mitwirkung Aues an den von SS und SD organisierten Massenmorden an: Er wird mit einem Stricher in flagranti ertappt und kann sich so der Verfolgung durch Polizei und Justiz entziehen, die damals sehr streng gegen die sog. 175er vorging (so benannt nach dem einschlägigen Paragraphen des Strafgesetzbuchs): "Und so entschloss ich mich ... in den Sicherheitsdienst einzutreten".

Ironischerweise hatte Aue im Auftrag seines akademischen Lehrers Reinhard Höhn ein Buch über "Homosexualität und Strafrecht" rezensiert: Damit ist der zweite Grund für seine Verstrickung in den Holocaust benannt: Er hat bei Professoren studiert, die, wie Götz Aly und Susanne Heim geschrieben haben, "Vordenker der Vernichtung" waren. Zumeist handelte es sich um Juristen, die den Spagat zwischen Normenstaat und Maßnahmenstaat (Ernst Fränkel) virtuos beherrschten und verteidigten. Es entstand neben dem gewachsenen Recht ein aus den "Erfordernissen" der jeweiligen politischen Situation geborenes "Maßnahmenrecht", das Mord und Terror als von der Führung gewollt und geboten darstellte. Eine derartige Aushebelung des Rechtsstaates war bereits durch das sogennante Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 eingeleitet worden, das der Reichsregierung ohne Zustimmung des Reichstages und des Reichsrates und ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten ermöglichte, Gesetze nach Gutdünken zu erlassen.

Ein derartiges Verfahren war und ist in gefestigten Demokratien nicht möglich.
Eine Parallele zwischen Max Aue und radikalen Islamisten zu ziehen, die sich vor laufender Kamera zu Mord und Terror bekennen, ist nicht sinnvoll. Aue ist eine fiktive Gestalt, und wirkliche Nazis, die sich noch heute zu ihrer Vergangenheit in aller Öffentlichkeit bekennen und nichts bereuen, sind eher die Ausnahme und werden allenfalls von notorischen Revisionisten ernstgenommen.

Die islamistischen Terroristen haben einen völlig anderen ideologischen Hintergrund. Der Islam hat nur bedingt eine aufklärerische Tradition und verherrlicht deshalb "Märtyrer" in des Wortes wahrster Bedeutung als "Blutzeugen". Die von diesen begangenen Attentate sind abscheulich, aber Einzeltaten. Sie können nicht mit dem staatlich befohlenen und gelenkten "industriellen" Massenmord der Nazis verglichen werden.

Kommentare

15.02.2008 | 18:49 Uhr
sylvia kade schreibt: Geht die Rechnung auf?

Bin nicht so sicher, ob die Rechnung aufgeht, die hier aufgemacht wird, dass weder eine gesicherte Demokratie noch der Islam etwas mit dem Rassismus der Nazis gemein hätten. So einfach natürlich nicht.

Aus einem deutschen Lehrbuch für Mathematik, 1935
Der jährliche Aufwand des Staates für einen Geisteskranken beträgt 766 RM. Wie viele Erbgesunde Familien könnten bei 60 RM Monatsmiete für die Summe untergebracht werden?
Es waren nicht nur die hochdotierten 100.000 Vollstrecker, nein, 1936 gab es 5,4 Mio. HJ-Mitglieder in den Schulen, die sich an dem Dreisatz bewähren und einüben konnten in die neuen Werte und das andere Denken.


15.02.2008 | 13:33 Uhr
thomas vogel schreibt: Andere Taten, andere Taeter, aehnliche Vorbedingungen

Heute morgen wurde in France Culture Boualem Sansal: Le village de l'allemand (Gallimard) diskutiert, und (soweit ich die Diskussion verfolgen konnte), doch eine Reihe von Parallelitaeten (mit dem modernen Terrorismus) erarbeitet.

Es geht hier nicht darum, Tat und Taeter zu vergleichen, sonder sich zu fragen, welche Umstaende und Historie zu radikaler Gewaltbereitschaft fuehrt. An dieser Stelle schrieb H Kiesel: "(Sie fuehlten sich) als Angehörige einer Elite, der die Herrschaft zufiel, weil sie entschlossen und mutig genug war, zu tun, was zu tun war." Das gilt sicherlich fuer mehr als eine Generation in mehr als einem Land.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008