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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Welche historischen Akteure sind als Vorbilder für die Figur Max Aue erkennbar?

Eine Figur wie Max Aue sei nicht wahrscheinlich, hat Jonathan Littell gesagt, aber sie sei wahr. Ist sie wahr, weil sie an vielen historischen Orten und bei vielen historisch belegten Ereignissen anwesend ist? Oder erscheint sie wahr, weil sie die Züge realer Vorbilder in sich vereint? Der belgische Faschistenführer Léon Degrelle etwa gilt als einer der historischen Akteure, denen Littell die Hauptfigur seines Romans nachempfunden hat. Aus welchen Steinchen hat Littell sein Mosaikbild von Aue zusammengesetzt?

Beiträge

18.02.2008 | 14:12 Uhr

Andreas Wirsching: Brasillach und Degrelle

Die westeuropäischen Elemente in Max Aues Identität subsumieren eine spezifische Richtung der neuen französischen Rechten, die in den dreißiger Jahren zunehmend an Einfluss gewann. In ihr trafen jüngere Intellektuelle zusammen, die meist durch die Schule der Action française gegangen waren.

Im Zentrum stand der Kreis um die Wochenzeitung "Je suis partout", dem neben dem Chefredakteur Robert Brasillach weitere Intellektuelle wie der Historiker Pierre Gaxotte und die Journalisten Georges Blond, Claude Jeantet und Lucien Rebatet angehörten. Von ihrem Lehrer Charles Maurras hatten sie zwar den Antisemitismus übernommen, nicht aber seine durchgängige Deutschfeindlichkeit. Im Gegenteil, in der weltanschaulichen Affinität zum Nationalsozialismus lag eine wichtige Wurzel des französischen "Neo-Pazifismus". Seine Vertreter begrüßten das Münchner Abkommen und lehnten es mit Marcel Déat ab, für Danzig zu sterben.

Überdies trugen die Jung-Maurrassianer in hohem Maße dazu bei, den Antisemitismus im Paris der dreißiger Jahre salonfähig zu machen. Sie bereiteten publizistisch den Boden dafür, dass Célines Pamphlete und ähnliche Publikationen auf zum Teil begeisterte Resonanz stießen und sich tätliche Übergriffe auf jüdisch aussehende Personen häuften.
Dies ist das Milieu, an das sich Max Aue erinnert und in dem er 1939 in Heydrichs Auftrag Erkundigungen einholt. Historisch betrachtet, verstanden sich seine Pariser "Freunde" allerdings primär als literarische Elite und blieben der aktiven Politik eher fern. Darin unterschieden sie sich von dem ehemaligen Kommunisten Jacques Doriot, der nach 1941 ebenso wie der wallonische Faschistenführer Léon Degrelle eine Kollaboration "jusqu’au bout" betrieb und sie auch an der Ostfront ausfocht.

In der Romanfigur Max Aue kombiniert der Autor daher zwei Typen: den bürgerlich-intellektuell geprägten Ideologen mit einem Hang zum spielerischen Ästhetizismus, wie ihn etwa Brasillach verkörpert, und den politischen Aktivisten, wie er in Gestalt Doriots oder Degrelles begegnet.

Kommentare


16.02.2008 | 08:58 Uhr

Hans-Martin Gauger: Adolphe Dahringer - Ein SS-Mann als Germanist in Nantes

Ob Jonathan Littell auch an Golo Manns Freund Adolphe Dahringer dachte, als er seinen Max Aue entwarf, weiß ich nicht. Es ist gut möglich, dass Littell nie von ihm gehört hat. Aber es gibt, bei allen Unterschieden, doch einige interessante Parallelen zwischen Aue und Dahringer.

Ich stand im Briefwechsel mit einem Franzosen, den Golo Mann im zweiten Band seiner Erinnerungen "Lehrjahre in Frankreich" (1999) nennt und der sein guter Freund war. Er hieß Adolphe Dahringer, Jahrgang 1913, war Schüler an der "Ecole Normale" in Saint-Cloud, wo Golo Mann, schon in der Emigration, als Lektor wirkte und sich rasch mit ihm anfreundete. Er brachte ihn auch, zumindest einmal, in sein Elternhaus, damals in Küsnacht am Zürichsee, und wanderte mit ihm vom Vorarlberg bis nach Tirol zur österreichischen Seite der Zugspitze.

Mit Max Aue hat Adolphe Dahringer nur gemeinsam, dass er erstens als Offizier in der SS, zweitens zugleich Franzose und Deutscher war (obwohl doch vorwiegend Franzose), drittens war auch er höchst gebildet und, viertens, reüssierte er nachher in Frankreich – und zwar als Germanist in Nantes, einem Ort also, der von seiner Heimat, dem Elsaß, kaum zufällig fast so weit wie nur möglich entfernt war. Da war er Deutschlehrer an einem Gymnasium und zudem "chargé de cours", also etwas wie Dozent, an der Universität und ein angesehener Mann. Golo Mann schildert, wie sein Freund (das erfuhr er aber erst viel später, in den sechziger Jahren, als Dahringer sich bei ihm meldete) "im Jahr 1941" (tatsächlich war es aber erst 1944) Offizier der Waffen-SS wurde und quasi werden musste (nachdem erst zuvor französischer Kriegsgefangener der Deutschen war).

Im Elsaß sei er 1945, schreibt Golo Mann, von seinen Landsleuten "unfreundlich" aufgenommen worden. Das ist sicher euphemistisch ausgedrückt. Daher also Nantes, wo es gewiss auch nicht leicht war, ein neues Leben zu beginnen. Aber es wurde möglich. Er verschaffte Golo Mann, worüber dieser sich sehr freute, einen Ehrendoktor an der Universität Nantes (ein Gedanke, worauf übrigens keine Fakultät in Deutschland je gekommen ist). Seine Stimme hatte dort also Gewicht. Zweimal hat ihn Golo Mann in Nantes besucht.

Ich selbst hatte später brieflichen Kontakt mit Dahringer (Darinsché). Da verbesserte er auch die Unrichtigkeiten in Golo Manns Darstellung. Meiner mehrfach ausgesprochenen Bitte, doch sein bewegtes und ungewöhnliches Leben im damaligen Südwestfunk darzustellen, lehnte er strikt ab. Da war noch etwas lebendig von dem alten Groll auf seine Elsässer Landsleute nach 1945. Vielleicht auch von Furcht oder Scheu, an alte Wunden zu rühren. Er schickte mir seine (ungedruckten) Erinnerungen, auf französisch und auf deutsch geschrieben (französisch für die Kinder und Enkel, die natürlich nicht deutsch können): "Walter Meisenlocker, Mit doppelter Zunge, Souvenirs à deux voix altérées" - "Walter", erläuterte er mir, sei der Mädchenname seiner Mutter, und "Meisenlocker" der "Spitzname der Straßburger" und setzte zum letzteren fragend hinzu: "Sollte es heute heißen: war er?". Dahringer starb in hohem Alter vor zwei Jahren, bis zuletzt lebhaft an Deutschland interessiert (besonders fesselten ihn die Arbeiten von Heinrich August Winkler). Das Erscheinen des Bands "Golo Mann. Briefe 1932 –1992" erlebte er leider nicht mehr. Er hatte sich darauf gefreut. Der letzte Brief des Bands ist an ihn gerichtet: "Bester Herr und Freund et grand ami und Ehren-Doktor stets mit wahrer Gerechtigkeit Austeiler". Da findet sich auch ein eindrucksvolles Foto des Siebenundachtzigjährigen aus dem Sommer 2000. Dahringer schrieb mir, dass er im Krieg vermutlich gerettet wurde von einem Vorgesetzten der Waffen-SS, bei dem er sich spät noch zu melden hatte. Der habe ihn kurz angesehen und dann bloß gefragt: "Fronterfahrung?" Als Dahringer die Frage verneinte, habe der Mann mit einer Bewegung wie "Was soll der Unsinn?" abgewinkt. Sicher auch nicht das Übliche.

Im Fall Dahringer ist einiges gleich und alles doch wahrhaft ganz anders als bei Max Aue. Immerhin mag der Fall zeigen, dass Max Aue, was diesen Punkt angeht, nicht ganz und gar unwahrscheinlich ist. Sicher musste auch Dahringer sich verbergen, konnte jedenfalls seine Vergangenheit nicht geradezu vor sich hertragen: Ecoutez, j’ai été membre des SS...

Littell lässt seinen Erzähler andeuten, die Verfolgung der Kollaborateure habe in Frankreich rasch aufgehört. Hier meine neugierige Zwischenfrage an die Historiker: War das so? Was weiß man heute von der doch zum Teil einigermaßen wilden Justiz nach der Befreiung Frankreichs? Wieviele sind dabei umgekommen? Seit längerem wissen wir ja schon (und auch die Franzosen wissen es längst), dass "nicht ganz Frankreich vom ersten Tag der Besetzung an in der ‚Résistance’ war" (das war seinerzeit, 1952, eine spitze Formulierung von Friedrich Sieburg). Zweitens erklärt Max Aue seinen Wiederaufstieg ja auch durch die Quasi-Erpressung eines anderen, bereits wieder eingegliederten Mittäters, der ihm dann - erst wollte er ihn gar nicht empfangen - weitergeholfen habe. Auch mag ja drittens die französische Seite Max Aues einiges erklären an seinem Aufstieg in Frankreich. Trotzdem: dass ein solcher Täter unerkannt geblieben wäre, ist schwer vorstellbar. Freilich: "Das Wahre kann zuweilen nicht wahrscheinlich sein" - so ein berühmter französischer Vers aus der "Kunst der Poetik" von Boileau aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Gern hätte ich gewusst, was Dahringer zu Littell gesagt hätte. Schade (ich mache es mir zum Vorwurf), dass ich erst jetzt, anlässlich des Buchs von Littell, das mich an ihn wieder erinnerte, in seine Erinnerungen hineingesehen habe. Da schildert er gegen Ende, wie er, zweite Aprilhäfte 1945, in der Gegend zwischen Dresden und dem Erzgebirge, mit seiner Truppe den Russen zu entgehen suchte. Da sei er tatsächlich der Ranghöchste gewesen. Plötzlich lief ihnen, es ist tiefe Nacht, ein Zivilist mit Koffer über den Weg. Er wird aufgegriffen, hat einen Ausweis, ist aber verwirrt, hat größte Angst, was ihn verdächtig macht. Jemand fragt Dahringer: "Sollen wir ihn umlegen, Oberjunker?". Da sei dann, nach dieser Frage, "nur noch die Stille der Nacht" gewesen. Dann habe er gesagt: "Ach, lasst ihn laufen!". Ich lese weiter: "Folgte darauf von einem Unterführer: ‚Mach dich aus dem Staub!’ oder kürzer noch ‚Hau ab!’. Ich weiß es nicht mehr, habe es wahrscheinlich gar nicht recht vernommen. Der Zivilist war verschwunden, mitsamt seinem Koffer". Später habe er sich gesagt: "Das war gar kein Befehl, den du gegeben hast, was sollte dieses ‚Ach’? Befiehlt man mit Seufzern in der Waffen-SS? Heute mag ich glauben, dass der Seufzer gar nicht so übel war, dass er gehört wurde und einging". Er habe, schließt er (ich kann es nicht nachprüfen, niemand kann es, aber er sagt es so), "im französischen wie im deutschen Militärdienst, keinen ‚Feind’ getötet, keinen Befehl zu töten gegeben". ‚Feind’ schreibt er da, wie man sieht, mit Anführungszeichen. Wenn das so war, gab es dies also auch.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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