Wenn man Dr. Max Aues fiktive Biographie betrachtet, fällt auf, dass er relativ präzise Angaben über sein Studium macht. Mit diesen Hinweisen verfolgt Littell offenbar den Zweck, den Einfluss der damaligen Juristen und Volkswirte auf die Ostpolitik der Nationalsozialisten zu erklären.
Dadurch wird Aue in seiner Selbstsicht ein Stückweit zu einem Verführten, da das Prestige des deutschen Professors damals sehr hoch war. Allerdings verkürzt Littell diese Sachverhalte und ist so wenig explizit, dass der nicht speziell mit der Wissenschaftsgeschichte des ,Dritten Reichs' vertraute Leser Mühe haben dürfte, alle Hintergründe zu verstehen. Im Folgenden sollen einige notwendige Aufschlüsse mitgeteilt werden.
Ursprünglich wollte der Schöngeist Aue Literatur und Philosophie studieren, musste sich jedoch auf Druck seiner Familie für Jura und Volkswirtschaft einschreiben und schloss das Studium mit dem Dr. jur. ab (S. 15). Als Studienort gibt er Kiel an, wo er 1934 sein Studium aufnahm und, um Studiengebühren zu sparen, sogleich in die SS eintrat. Er hörte bei den Professoren und Dozenten Jens Peter Jessen und Otto Ohlendorf (S. 96), kannte aber auch den Völkerrechtler Paul Ritterbusch (S. 837), wie man seinem Gespräch mit dem SS-Richter Dr. Morgen entnehmen kann. Aue müsste aber auch in Berlin studiert haben, da er Reinhard Höhn seinen Lehrer nennt, der 1935 von Heidelberg an die dortige Friedrich-Wilhelms-Universität gewechselt war (S. 89-90). Aue rezensiert für Höhn pikanterweise ein Buch über die Strafbarkeit von Homosexualität (S. 98) und wird durch ihn dem Osteuropaexperten Prof. Theodor Oberländer vorgestellt (S. 89-90). Weitere Professoren, die genannt werden, sind der Rechtshistoriker Karl August Eckhardt (S. 106), der Auslandswissenschaftler Franz Alfred Six (S. 619 u.ö.) und, sozusagen als Antipode, Carl Schmitt (S. 86 u. 661). Alle genannten Professoren haben wirklich existiert und verschiedene Forschungspositionen vertreten, die z.T. die Eroberung von "Lebensraum" in Osteuropa legitimieren halfen. Führende Ministerialbeamte des Innenministeriums und des Sicherheitsdienstes der SS hatten bei ihnen und anderen hier nicht genannten Professoren studiert. Littell hebt aus dieser Gruppe Werner Best heraus, Rechtsberater der Gestapo, seit 1935 Abteilungsleiter im Geheimen Staatspolizeiamt, SS-Obergruppenführer und zeitweise Chef des Verwaltungsstabs beim Militärbefehlshaber Frankreich (1940-1942) bzw. Reichsbevollmächtigter in Dänemark. Aue begegnet ihm mehrfach: "Ein merkwürdiger Mensch. Ich hatte ihn im Sommer 1937 kennen gelernt ... Nach meiner Einstellung schien er sich für mich zu interessieren, obwohl ich mindestens zehn Jahre jünger war als er" (S. 656-657).
Best fragt Aue: ",Haben Sie die Festgabe gelesen, die wir zum vierzigsten Geburtstag des Reichsführers herausgegeben haben?’ [gem. ist Heinrich Himmler, der 1941 eine Festschrift erhielt] Ich schüttelte den Kopf: ,Leider nein.’ – ,Ich lasse Ihnen ein Exemplar schicken. In meinem Beitrag habe ich eine Theorie des Großraums auf völkischer Grundlage entwickelt; Ihr ehemaliger Professor Höhn hat einen Artikel über das gleiche Thema verfasst, ebenso Stuckart aus dem Innenministerium. Lemmel – Sie erinnern sich? – hat ebenfalls über diese Fragen geschrieben, allerdings an anderer Stelle. Es ging darum, einerseits unsere kritische Auseinandersetzung mit den Schriften Carl Schmitts abzuschließen und andererseits die SS als treibende Kraft für den Aufbau einer neuen europäischen Ordnung in den Blick zu rücken. Hätte sich der Reichsführer mit Männern wie uns umgeben, hätte er zu ihrem wichtigsten Architekten werden können" (S. 661).
Um diese Hintergründe zu verstehen, sind weitere Sachinformationen nötig. Kiel nahm in der Universitätslandschaft nach 1933 eine wichtige Rolle ein, und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits hatte sich dort in der Juristischen Fakultät, die sich als "Stoßtruppfakultät" verstand, die "Kieler Schule" herausgebildet, die das Recht aus nationalsozialistem Geist heraus erneuern wollte. Von den hier Genannten gehörten, jedenfalls zeitweise, Eckhardt und Ritterbusch zur Kieler Schule. In Kiel war aber auch ein bedeutendes Institut für weltwirtschaftliche Forschung und Dokumentation angesiedelt, das seit 1933 den Namen ,Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel’ führte. Es wurde von 1933-1934 von Jessen geleitet, der zwar mehrere Jahre lang zu den Theoretikern einer nationalsozialistischen Volkswirtschaftslehre gehörte, aber 1944 als Widerständler hingerichtet wurde. Sein Schüler war zeitweilig Otto Ohlendorf, der 1936 zum SD überwechselte, aber zuvor in Kiel unterrichtet hatte. Er wurde Ende 1943 Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und plante eine Nachkriegswirtschaft, wurde jedoch 1947 wegen seiner Tätigkeit als Leiter der Einsatzgruppe D im Nürnberger "Einsatzgruppenprozess" zum Tode verurteilt.
In Berlin hatte Aue angeblich den Staats- und Verwaltungsrechtler Reinhard Höhn zum Lehrer, der eine Zeitlang Hauptabteilungsleiter im SD-Hauptamt war. Von 1941 bis 1943 gab Höhn die "Reich – Volksordnung – Lebensraum" betitelte "Zeitschrift für völkische Verfassung und Verwaltung" heraus. Mitherausgeber war Staatssekretär und SS-Obergruppenführer Wilhelm Stuckart, den Littell mehrfach erwähnt (S. 33, 661, 886). Eckhardt und Höhn waren (1934/36 und 1935) nach Berlin berufen worden, als Carl Schmitt dort bereits Lehrstuhlinhaber war. Zwischen ihnen entstand eine Rivalität, wer den Juristennachwuchs an sich binden könnte. Schmitt unterlag und geriet ins Abseits, da er keine Beziehungen zur SS unterhielt und, im Gegenteil, in der Zeitschrift das "Schwarze Korps" im Oktober 1936 angegriffen wurde. Man warf ihm vor, er habe früher jüdische Freunde gehabt und die nationalsozialistische Rassentheorie kritisiert. Dennoch blieb Schmitt in Berlin Professor und konnte wissenschaftlich weiterarbeiten. Er wurde im März 1939 von Ritterbusch zu einer aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Kieler Instituts für Politik organisierten Festveranstaltung bzw. bei der gleichzeitig durchgeführten Tagung der ,Reichsgruppe Hochschullehrer des Nationalsozi-alistischen Rechtswahrerbundes (NSRB)’ eingeladen.
Hier wurde die neue nationalsozialistische Großraum-Ordnung unter staatsrechtlichen Gesichtspunkten diskutiert. Der Staatsbegriff wurde durch den Reichsbegriff ersetzt, der als eine Verbindung von Großraum, Staatsvolk und politischer Idee gedacht wurde. Wenn sich laut Schmitt auch die souveränen Staaten in den neuen Großräumen auflösten, an deren Stellen Großreiche träten, die sich zu einem wechselseitigen Interventionsverbot verpflichteten, war das für SS-Theoretiker viel zu legalistisch und ihre "Aktionen" einschränkend. Sie lehnten völkerrechtliche Gleichheit als liberalistische Fiktion ab und taten Minderheitenschutz als individualistisches Konstrukt ab. Ihnen ging es allein darum, die Hegemonie des deutschen Volkes in einer zukünftigen europäischen Großraumordnung zu untermauern. Im Großraum dominiere stets der stärkere Wille eines Führervolkes, das den schwächeren Völkern seinen Willen aufzwinge. "Deshalb sind auch die ,rechtlichen’ Formen, in denen die Regeln für die Dauerbeziehungen zwischen den Völkern des Großraums ausgesprochen werden, ohne sachliche Bedeutung und nach Belieben verwendbar" (Best, Grundfragen einer neuen Großraum-Ordnung, 1941, S. 3). Dieses Konzept ist für die "Einsätze" der SS in Osteuropa und der Sowjetunion unabdingbare Verstehensvor-aussetzung.
Man kann an diesem Sachverhalt einen wesentlichen Aspekt von Littells Buch festmachen. Auch wenn er nicht die gesamte Holocaustforschung kennt, und auch wenn der romaneske Teil von "Die Wohlgesinnten" Längen hat, gelegentlich kitschig wirkt und sich streckenweise als Kolportageroman liest: Wer sich ernsthaft mit "Die Wohlgesinnten" auseinander setzt, kann vertiefte Einblicke in das Funktionieren des NS-Staates gewinnen, eines polykratischen Gebildes, das aus sich gegenseitig befehdenden Parallelimperien bestand, die, jedes für sich genommen, eine ideologiegebundene Effektivität entfalteten, jedoch insgesamt betrachtet mehr gegen- als miteinander arbeiteten, zumal alle Kontrollmechanismen bis auf den irrationalen Führerwillen außer Kraft gesetzt worden waren.
Theodor Bröcker schreibt:
Vielleicht ist es gar nicht so verblüffend, dass dieses Klischee sich so lange gehalten hat. Offensichtlich waren nach 1945 die "neuen" Meinungsführer wohl zum großen Teil die alten. In der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft war die Intelligentia intensiv darum bemüht, die eigene Rolle zu verdrängen.
Wer dabei störte - Thomas Mann sei nur als prominentes Beispiel genannt - war starken Anfeindungen ausgesetzt. Die Universitäten waren schon in der Weimarer Republik Hochburgen der Nazis, lange, bevor der NS, im Kern ja eine Jugendbewegung, zur Volksbewegung wurde. Um so bemerkenswerter bleibt es, dass die Arbeiterbewegung und die Katholiken lange vergleichsweise resistent gegenüber dem NS blieben - Gruppen, die als eher bildungsfern galten. Für die Anfälligkeit von Studenten für Heilslehren lieferten im übrigen die Hochschulen nach 1968 wiederum viele Beispiele.
Jörg Beckmann schreibt: ...in Frage gestellt.
Ob sich tatsächlich das Klischee, der NS-Staat sei vor allem ein Staat der Rabauken lange Zeit gehalten hat, sei in Frage gestellt....
Jedenfalls: Wer Augen hatte, zu lesen, hätte schon sehr früh wissen können, wie begeistert ein Teil der Intellektuellen den Nazis zustimmte.
Beispiel: Gottfried Benn: In seiner berühmt-berüchtigten Schrift "Der neue Staat und die Intellektuellen" hat er 1933 das Hitler-Regime geradezu euphorisch gefeiert. Und weil es der große Benn war, ist das auch immer wieder kritisiert, jedenfalls besprochen worden.
Oder es sei auf einen nicht unbedeutenden Mitarbeiter der FAZ hingewiesen: Bereits 1963 hat Joachim Fest in "Das Gesicht des Dritten Reiches" das keineswegs rühmenswerte Verhalten der deutschen Intellektuellen geschildert.
Selbst Hachmeister hat geholfen, dieses Wissen zu verbreitern: In "Die Herren Journalisten" beschreibt er, wie viele der ab 1945 großen deutschen Publizisten bereits unter Hitler dienten.