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Mittwoch, 20. Februar 2008
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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Der morbide Reiz des Terrors - Warum wird der Nationalsozialismus in der Kunst so oft sexualisiert?

Max Aue beschreibt ausführlich seine homosexuellen Aktivitäten, auch die inzestuöse Beziehung zu seiner Zwillingsschwester. Der "schwule Nazi" – ein Gemeinplatz in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus? Oder muss man noch weitergehen, etwa an Pasolinis Film "Salo oder die 120 Tage von Sodom" denken, und fragen: Gibt es überhaupt eine künstlerische Darstellung von Nationalsozialismus und Faschismus, die ohne krasse Sexualisierung auskommt?

Beiträge

20.02.2008 | 06:56 Uhr

Klaus Harpprecht: Littell geht zu flott ans Werk

Vielleicht lauerte in den Gemütern der SS-Stars ein Element der Homoerotik, das sie aus jugendbündischen Stimmungen in ihre erwachsene Existenz herübergeschleppt haben mögen, vielleicht auch jene Kadetten-Erotik, die Klaus Theweleit als eine Grundprägung des preußischen Militarismus ausgemacht hat.

Aber gab’s einen Aue, der von sich hätte sagen können: "Und so entschloss ich mich, den Arsch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten"? Das ist so billig wie die SS-Uniformen und die teutonischen Stahlhelme, ohne die während langer Jahrzehnte kein Schwulen-Kabarett in Paris denkbar war. (Den einzigen Mitwisser seines Makels erschlägt Aue, höchst sinnig, wenige Tage vor der Kapitulation, nachdem er – um die Götterdämmerung ins Groteske zu steigern – seinem Führer bei der letzten Ordensverleihung in die allzu große Nase gebissen hatte). Die abgedrängte Homosexualität, die aus der durchaus carnalen Liebe zur Zwillingsschwester resultierte – erklärt sie alles? Oder irgendetwas? Im verlassenen Schloss der Schwester gibt sich Bruder Max erotischen Phantasmen von erstaunlicher Ausdauer hin, ehe er die Flucht vor der Roten Armee fortsetzt, deren Grausamkeiten von Littell nicht verschwiegen werden.

Die Zusammenhänge von Sexualität und Terror sind komplex und dunkel, und wir sehen es mit Unbehagen, wenn ein Film, wenn ein Buch allzu sensationsgierig in diese verschatteten Zonen einbricht, sei es durch "Sophies Wahl" oder den "Nachtportier". Der Verdacht einer Ausbeutung des unfassbaren Leidens drängt sich auf. Littell geht denn auch ein wenig zu flott ans Werk, wenn er die Schwester Una behaupten lässt: "Indem wir die Juden töteten..., wollen wir uns selber töten, den Juden in uns ... Denn wir haben nie begriffen, dass alle Eigenschaften, die wir den Juden zuschrieben – Gemeinheit, Schwachheit, Geiz, Gier, Herrschsucht und Bösartigkeit – zutiefst deutsche Eigenschaften sind und dass die Juden diese Eigenschaften nur deshalb an den Tag legen, weil sie davon träumen, den Deutschen zu gleichen ..." Von hier ist es nicht weit bis zu Aues "Halluzination: der Führer als Jude mit dem Gebetsschal der Rabbiner".

Kommentare

27.02.2008 | 18:52 Uhr
Horst Gothus schreibt: Wo überhaupt wird hier sexualisiert?

Hier wie in vielen anderen deutschen Kommentaren wird immer wieder hervorgehoben, dass Sexualität in diesem Buch quantitativ und qualitativ eine große Rolle spiele. Ich entsinne mich aber nur ganz weniger Szenen: a) Tiergarten (was zum Eintritt in den SD führt); b) Betrachtung eines attraktiven Burschen; c) Rationalisierung der Homosexualität, um einen scheuen SS-Offizier zu verführen; d) erotische Phantasien um die geliebte Zwillingsschwester (erschütternd in der Einsamkeit und Sehnsucht, wo der Leser mit dem Menschen Aue mitfühlt - vielleicht das einzige Mal auf 1000 Seiten). - Also vier Szenen mit insgesamt vielleicht 30 Seiten (3%).

Im Vergleich zu französischen Kommentaren (wo sie beinahe nie erwähnt wird) fällt mir diese deutsche Fixierung auf die Sexualität auf. Will man sich hiermit von Aue distanzieren (einer der Kommentatoren verstieg sich dazu, dass Aue homosexuell sei, weil er pervers sei)? Das widerspricht Littells expliziter Absicht.


23.02.2008 | 11:10 Uhr
Klaus Theweleit schreibt: Klaus Harpprecht ist zu flott

Klaus TheweleitFür den oft beschriebenen psychischen Mechanismus, tatsächlich von eigenen Fehlern zu sprechen, wo man anderen deren Fehler vorwirft, liefert Klaus Harpprecht in seinem letzten Beitrag ein schönes Beispiel.

Er zitiert eine Passage von Jonathan Littell mit dem Vorwurf, jener ginge dort "etwas zu flott" zu Werke, nämlich "wenn er (Aue) die Schwester Una behaupten lässt: ,Indem wir die Juden töteten..., wollen wir uns selber töten, den Juden in uns ... Denn wir haben nie begriffen, dass alle Eigenschaften, die wir den Juden zuschrieben – Gemeinheit, Schwachheit, Geiz, Gier, Herrschsucht und Bösartigkeit – zutiefst deutsche Eigenschaften sind und dass die Juden diese Eigenschaften nur deshalb an den Tag legen, weil sie davon träumen, den Deutschen zu gleichen ...’ Von hier ist es nicht weit bis zu Aues ,Halluzination: der Führer als Jude mit dem Gebetsschal der Rabbiner’". Sieht man sich die Passage bei Littell an – sie gehört zu den zentralen Strängen des Buchs – muss man sagen, Harpprechts Zusammenfassung ist eine sehr sehr flotte.

Immerhin spricht er die Stelle an. Sie ist genauer zu betrachten. Keinesfalls lässt Aue "Una behaupten". Die Sache ist komplizierter. Max Aues Zwillingsschwester Una kommt permanent doppelt im Roman vor: einmal als inzestuöse Dauer-Fantasie in Aues Kopf, nachdem der reale Inzest ihrer Adoleszenz durch ihre Erzieher grausam beendet worden ist, und dann als erwachsene Ehefrau des Komponisten Berndt Üxküll; eines Mannes, der die Nazis und die SS nicht mag, der die Musik Schönbergs bewundert und Kontakt zu den Attentätern des 20. Juli hat. Diese lebenslang heiß geliebte aber tatsächlich von ihm getrennte Doppel-Schwester Una lässt Aue in einem fiktiven Disput zwischen Üxküll und ihm, der nur in seinem Kopf stattfindet, den Satz sagen: "Ich weiß, warum wir die Juden getötet haben". Des Rätsels Lösung also. Sie fährt fort – in Aues Kopf:
"Indem wir die Juden töteten, sagte sie, wollten wir uns selber töten, den Juden in uns töten, töten, was in uns der Vorstellung glich, die wir uns vom Juden machen. Den vollgefressenen Bürger in uns töten, der seine Groschen zählt, der der Ehre hinterherläuft und von der Macht träumt (...) Denn wir haben nie begriffen, dass alle Eigenschaften, die wir den Juden zuschrieben – Gemeinheit, Schwachheit, Geiz, Gier, Herrschsucht und Bösartigkeit –, zutiefst deutsche Eigenschaften sind und dass die Juden diese Eigenschaften nur deshalb an den Tag legen, weil sie davon träumten, den Deutschen zu gleichen, Deutsche zu sein, weil sie uns sklavisch nachahmen als den Inbegriff dessen, was schön und gut ist am Großbürgertum, das Goldene Kalb derer, die die Strenge der Wüste und des Gesetzes fliehen. Vielleicht haben sie auch nur so getan als ob, vielleicht haben sie am Ende diese Eigenschaften gewissermaßen aus Höflichkeit angenommen, aus einer Art Sympathie, um nicht so abweisend zu wirken."

Dieser Strang des Buchs wird in allen Besprechungen so gut wie ignoriert. Warum? Wahrscheinlich weil er sagt: Wenn es Züge von "Gemeinheit, Schwachheit, Geiz, Gier, Herrschsucht und Bösartigkeit" bei den Juden tatsächlich gegeben hat, so sind sie aus der Nachahmung von Zügen des deutschen Großbürgertums entstanden, in das die Juden in Deutschland sich liebend gern verwandelt hätten.

Aber es geht weiter, in "Unas" Rede: "Wir dagegen, wir Deutschen, haben davon geträumt, Juden zu sein, rein zu sein, unzerstörbar, einem Gesetz verpflichtet, anders als alle Anderen, und in der Hand Gottes zu sein." (Seite 1220) Es geht demnach um die Frage, nicht nur an dieser Stelle, wer Gottes auserwähltes Volk sei; eine Idee, ein Anspruch, den Deutsche und Juden teilen. Da ist aber nichts zu teilen. Es kann nicht zwei auserwählte Völker auf Erden geben, sondern nur eines: das stärkere – die Arier, Nazi-Deutschland, uns. Die anderen – so sehr wir sie bewundern und beneiden – müssen weg.

Littells Buch handelt durchgehend von dieser affektiv-intellektuellen Symbiose des "Deutschen" mit dem "Jüdischen" im zwanzigsten Jahrhundert; eine Symbiose, die, nach Maßgabe der zerrissenen Körperlichkeit der Deutschen in dieser Symbiose nur gewaltsam gelöst werden konnte. So wie tatsächlich viele deutsche Jünglinge der Vor-NS-Zeit ihre Symbiose mit dem Körper der eigenen Mutter nur lösen konnten durch die Militarisierung des eigenen Körpers; durch eine affektive Vernichtung des Mutterkörpers also. Ein Zug, den Littells Max Aue im Verhältnis zum Körper seiner Mutter exakt vorführt. Der "Hass" auf die Mutter bei Aue besteht in erster Linie darin, dass sie ihn aus der einzig glücklichen Symbiose, nämlich jener mit der Zwillingsschwester in der Fruchtwasserblase, herausgeworfen; die beiden also geboren hat. Das ist ihr Verbrechen. Dass das einzige Glück Aues im geteilten Paradies im Innern des Mutterleibs gelegen habe, ist geradezu ein Leitmotiv von Littells Buch (das sich, wie seine Kapiteleinteilungen sagen, als Musikstück verstanden wissen will).

Und Una fährt, in Max Aues sich langsam betrinkendem Kopf, fort: ",Auch Berndts Freunde haben davon überhaupt nichts begriffen. Sie meinten, das Massaker an den Juden habe letztlich keine große Bedeutung, und indem sie Hitler umbrächten, könnten sie das Verbrechen ganz allein ihm, Himmler, der SS, einigen kranken Mördern, dir anlasten. Aber sie sind dafür genauso verantwortlich wie du, weil auch sie Deutsche sind und weil auch sie Krieg geführt haben, damit dieses Deutschland – und nicht ein anderes – siege. Am schlimmsten aber ist Folgendes: Wenn die Juden davonkommen, wenn Deutschland untergeht und die Juden überleben, werden sie vergessen, was es heißt, Jude zu sein, sie werden mehr als jemals zuvor Deutsche sein wollen’. (...) Und plötzlich kam mir meine Halluzination aus dem Zeughaus in Erinnerung: der Führer als Jude mit dem Gebetsschal der Rabbiner und den ledernen Kultobjekten vor einer großen Zahl von Zuhörern, von denen es niemand bemerkte, außer mir, und plötzlich verschwand all das, Una und ihr Mann und unsere Unterhaltung, und ich war allein mit den Resten meiner Mahlzeit und den erlesenen Weinen, betrunken, gesättigt, etwas verbittert, ein Gast, den niemand eingeladen hatte".

Seine Fähigkeit oder auch Last, Dinge zu sehen, die sonst niemand sieht – den "Führer als Juden" – führt Max Aue auf den Kopfdurchschuss zurück, den er in Stalingrad erhielt und knapp überlebte. Das Eintrittsloch der Kugel, das er mit dem Finger fühlen kann, übersetzt er in solchen Momenten in sein Scheitelauge, das dritte Auge des anthropologischen Frühmenschen (von dem etwa auch Gottfried Benn träumte in seinem Aufsatz "Der Aufbau der Persönlichkeit" um 1930). Es ist ein Delirium, in dem Aue Hitler als fanatisch-kaputten Deutschen sieht, der darauf aus ist, alles Jüdische zu kopieren; so wie es immer wieder im Roman um die tatsächliche Ähnlichkeit zwischen Nazi-Deutschen und deutschen Juden geht; bzw. um den ungeheuren Neid dieser Deutschen auf die Überlegenheit der Juden, die die Deutschen sich anzueignen suchten; die sie ihnen zu rauben suchten, indem sie sie vertrieben und töteten.

Das hat eine Parallele im Roman; denn Ähnliches gilt für das Verhältnis der Nazi-Deutschen zu den Bolschewisten. Auch deren Überlegenheit in denkerischer und organisatorischer Härte wird durchgehend thematisiert. Wie es – entsprechend – in dem langen Disput Aues mit einem gefangen genommenen Sowjet-Kommissar – einem Disput, der sehr an Dostojewskis "Großinquisitor" erinnert – zur Sprache kommt. Der SS-Mann Max Aue bekommt vom sowjetischen Kommissar vorgerechnet, wie seine Nazis alle möglichen Züge des Marxismus und des Sowjetstaats kopiert, nachgemacht und dann pervertiert hätten; wofür sie sich an den Sowjets nun rächten, indem sie sie ebenfalls auszurotten suchten. Aue bedankt sich für solche Einsichten gerührt und beinah großzügig mit ein paar letzten Zigaretten für den Todgeweihten. Was ihm gleich danach leid tut: jener wird keine Zeit mehr haben, sie zu rauchen.

Autor der Ansichten dieses Scheitelauges im Roman ist natürlich mehr Jonathan Littell mit seinem historisch-analytischen Wissen als seine Romanfigur Obersturmbannführer Aue. Interessante Frage: warum werden solche Stellen von Littells Roman in den Besprechungen nicht diskutiert. Zu heiß; zu dicht? Verdrängung? Wenn ja, dann nicht die einzige. Von anderen wird noch zu reden sein.


20.02.2008 | 14:39 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Ein gekonntes Machwerk

Danke Klaus Harpprecht! Sie sind offenbar einer der wenigen, der sich durch die Erfolgszahlen der französischen Riesen-Auflage den eigenen Blick nicht erblinden lässt.


Die Erfolgsmischung von Littell scheint wenig originell und wirkt trotzdem: Man nehme den typischen Massenmörder des vergangenen Jahrhunderts, idealerweise eher deutsch als russisch, gebe ihm Intelligenz, damit sich auch ja unsere Intelligenz angerührt fühlt, rühre dazu Homosexualität, Mord in der eigenen Familie... und gebe - Teufel nochmal - dem Ganzen auch noch den nach Unschuld schreienden Namen "Die Wohlgesinnten" .... und schon funktioniert die ganze Chose.
Zweifellos: Ein gekonntes Machwerk. Zweifellos eine tolle Fleißarbeit ... doch mehr?


20.02.2008 | 13:37 Uhr
Alexander Dillenburg schreibt: Wo kann man denn darüber etwas erfahren?

Das Erzähltempo überfordert mich etwas, und wo kann man sich denn sinnvollerweise über das Thema Sexualität, Täterprofile, SA, Freikorps, etc. informieren?





20.02.2008 | 06:50 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Keine historisch verbürgte Beschreibung

Im Kontrast zu ideologiekritischen Dekadenzthesen, die Bourgeoisie, Faschismus und Homosexualität in eine abfallende Linie hineinstellen und motivisch im Roman eine Rolle spielen dürften, wird ein historisch verifizierbarer Verweis nicht gegeben.

In den Freikorps, die im Baltikum 1918/19 zunächst gegen Kommunisten kämpften, bald jedoch Gewalt allein aus Willkür verübten, bildeten männliche Gemeinschaft, die Erfahrung existentieller Gefahr sowie Homosexualität eine charakteristische Verbindung. Diese Kämpfer fühlten sich außerhalb der bürgerlichen Welt stehend und lehnten deren Rechtsbegriffe und Ordnungsvorstellungen ab.
Von den Freikorps wiederum führt eine Spur in die SA, die in den frühen 1920er Jahren Soldaten aus dem Heer und den Freiwilligeneinheiten gerne aufnahm, wenn diese den Weg zurück ins Zivilleben nicht fanden. Ernst Röhm, Stabschef der SA, repräsentierte diese Entwicklung. Seine Ermordung durch Hitler am 30. Juni 1934 markierte einen klaren Einschnitt, der auch auf die Homosexualität in der SA-Führung zielte.
Im neuen Staat, dem "Dritten Reich", wurde die alte Spur getilgt und der Weg in eine Zukunft von "ewiger Dauer" beschworen. Die SS, die erst nach dem Mord an der SA-Führung expandieren konnte, inszenierte sich als Orden mit der Absicht, eine rassische Auslese zu verkörpern und die Elite für das ewige, "tausendjährige" Reich hervorzubringen. Hier hatte offen sichtbare Homosexualität nach dem Muster Röhms und seiner Genossen keinen Platz.

Man darf den fiktionalen Umgang Littells mit der ideologischen Konstruktion, dass Faschismus, Gewalt und Homosexualität in einem Zusammenhang stünden, jedoch nicht als historisch verbürgte Beschreibung von nationalsozialistischen Gewaltexzessen lesen. Littell ist kein Historiker und will keiner sein.

Kommentare


20.02.2008 | 06:45 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Gemeinschaft der Mittäter

Bei einem Genesungsaufenthalt in Jalta auf der Krim lernt Aue Willi Partenau, einen Untersturmführer (Leutant) der Waffen-SS kennen, der ihn sofort sexuell anzieht und den er verführt (S. 266-289).

Bevor er dieses Ziel erreicht, muss er jedoch dessen Hemmungen überwinden, die einerseits in seiner streng katholischen Erziehung wurzeln, andererseits durch sein jüngeres Bekenntnis zum Nationalsozialismus bedingt sind. Aue nutzt gemeinsame Spaziergänge, um mit Partenau alle damals populären Auffassungen über die Homosexualität zu diskutieren.
Er zieht dabei verschiedene Register: den Verkehr mit einheimischen Frauen erklärt er für gefährlich, da sie häufig bolschewistische Spioninnen seien, die den deutschen Soldaten eine Falle stellten, die dann auf Nimmerwiedersehen verschwänden. Außerdem seien sie mehrheitlich geschlechtskrank. Danach redet er Partenau auch die Selbstbefriedigung aus, die nach fachärztlicher Meinung große Risiken berge. Es folgt eine Lektüre des platonischen Gastmahls, in dem die Knabenliebe verherrlicht wird. Partenau ist immer noch nicht überzeugt. Er zitiert den Apostel Paulus, der im Römerbrief (1,27) die Homosexualität verboten habe. Aue erklärt dies für ein christliches Vorurteil, das letztlich jüdische und damit zu vernachlässigende Ursprünge habe, da Paulus ursprünglich Rabbiner gewesen sei.

Die Skythen, die Vorfahren der Goten, hätten sogar bei religiösen Zeremonien die Homosexualität praktiziert. Den Einwand Partenaus, Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, lasse homosexuelle SS-Leute als Verbrecher gegen die Volksgemeinschaft hinrichten, entkräftet er mit einem Hinweis auf Himmlers nicht verarbeitete katholische Herkunft. Der ,Führer’ selber habe sich nämlich nie zu dieser Frage geäußert und vielmehr gescherzt, die Partei sei kein Internat für höhere Töchter, sondern eine Kampforganisation. Er habe Röhm nicht wegen seiner Homosexualität beseitigen lassen, sondern weil die SA zu mächtig geworden sei.
Auch seien Homosexuelle nur in Ausnahmefällen effeminiert, sondern im Gegenteil, wenn man an Alexander den Großen und Friedrich den Großen dächte, bedeutende Heerführer. Bei den Elitetruppen der alten Griechen hätten Männer stets als Paar Seite an Seite gekämpft. Man müsse nur die Schriften des Philosophen Hans Blüher lesen, um über den Nutzen der Homosexualität Bescheid zu wissen. Blüher hatte in "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" (2 Bände, 1917 u. 1919) die These aufgestellt, dass männlich dominierte Sozialstrukturen wie die Wandervogelbewegung, das Militär oder der Staat allein vor dem Hintergrund einer latenten Homosexualität zu verstehen seien. Das gelte natürlich auch für die nationalsozialistischen Kampfverbände. Aues geballte Argumente überzeugen Partenau zu guter Letzt, sodass er seiner Werbung keinen Widerstand mehr entgegensetzt.

Der "schwule Nazi" ist sicherlich ein Klischee, und Littell verwendet Gemeinplätze paradoxerweise häufig, um glaubwürdig zu sein. Er unterstellt offenbar, dass der Leser sie erwartet und seine Leseerwartungen gerne eingelöst sieht. Man darf dabei nicht vergessen, dass sein Roman "Die Wohlgesinnten" auch Kolportageliteratur ist, wie sie die französische Literatur des 19. Jahrhunderts in Variationen von Balzac bis Zola hervorgebracht hat, und dazu gehören Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Hauptpersonen unabdingbar hinzu.
Doch es gilt noch etwas anderes: In einem von mehreren Gesprächen mit Thomas Hauser bestreitet Aue dem Judenmord jedweden ökonomischen wie praktischen Sinn – bis auf einen: "Das ist alles. Insofern kann er nur einen einzigen Sinn haben: den eines endgültigen Opfers, das uns für immer zusammenschweißt, das uns ein für alle Mal daran hindert, den Rückweg anzutreten. Verstehst du? Damit verlassen wir die Welt der Wette, eine Umkehr ist nicht mehr möglich. Der Endsieg oder der Tod. Du und ich, wir alle, wir sind jetzt unauflöslich aneinander gekettet, durch die gemeinsam begangenen Taten mit an den Ausgang dieses Krieges gekettet" (S. 202).

Aue antizipiert damit Himmlers berüchtigte Posenrede vom 4. Oktober 1943, die er selber nur in einer angeblich noch längeren Version am 6. Oktober zusammen mit anderen SS-Offizieren mit angehört haben will (S. 915f.). Die dreistündige Originalrede vom 4. Oktober wurde auf Wachsplatten aufge-zeichnet und dokumentiert eindeutig die weitreichenden Mordpläne der SS. Es handelt sich um das einzige Zeugnis eines höchstrangigen NS-Funktionsträgers, in dem die "Endlösung" thematisiert wird. Himmler geht unter anderem darauf ein, dass jeder der Anwesenden wisse, was es bedeute, wenn 500 oder 1000 Leichen beisammenlägen. Dies "durchgehalten zu haben" und dennoch "anständig geblieben zu sein", sei eine niemals niederzuschreibende (sic!) Heldentat der SS. Opfer haben folglich in Aues "Erinnerungen" keinen Platz, da sie nicht aus persönlicher Rache oder Ressentiment getötet werden, sondern aus historischer ,Notwendigkeit’.
In dieser "Männerwelt" scheint die Homosexualität unter SS-Männern die einzig adäquate und mögliche Form der Sexualität zu sein, da sich diese Gruppe durch ihre Untaten, deren ganzes Ausmaß nur die Eingeweihten und Mittäter kennen, aus dem Kreis der übrigen "Menschen" ausgestoßen hat.

Kommentare

20.02.2008 | 16:50 Uhr
volker m. rollfink schreibt: Weniger wäre mehr.

Als historischer und literarischer Laie bin ich beeindruckt, was die Experten zu der Frage der Sexualisierung des Nationalsozialismus in der Kunst beigetragen haben.

Mein Kommentar ist einfacher und kürzer: Wie auch die Etudes von Jonathan Littell erkennen lassen, die von Jürg Altwegg in der FAZ vom 14. Februar 2008 vorgestellt wurden, hat der Autor Jonathan Littell offensichtlich mit seiner sexuellen Orientierung Probleme. Diese projiziert er in seine literarischen Protagonisten. So werden Homo- und Bisexualität, Inzest und Päderastie umfänglich thematisiert und beschrieben. Die Ergebnisse bringen allerdings keinen Verständnisgewinn. Es bleibt der Eindruck von Unappetitlichkeit und des "Weniger wäre mehr".


20.02.2008 | 14:25 Uhr
Karsten Garscha schreibt: Trivialroman

Die Hinweise auf die Verbindung von Littells Roman zur Kolportageliteratur und auf den Einsatz von Klischees sind sehr überzeugend, erklären sie doch möglicherweise den Erfolg, den "Les Bienveillantes" in Frankreich hatten und haben.

Statt Kolportageroman sollte man lieber Trivialroman sagen, da Littell sich nach meinem Eindruck auf die massenhaft verbreitete kommerzielle Massenliteratur der Gegenwart und auf den Actionfilm bezieht und weniger auf die Autoren des 19. Jahrhunderts. Littell folgt der reißerischen Darstellung des Horrors im Krimi (z.B. bei Yasmina Khadra), im politischen Roman (etwa bei Mario Mendoza), in Kriegsfilmen usw. Dazu passt die "Dramatisierung" durch die endlosen erfundenen Dialoge.
Die Homophilie ist, wie Semprún im FAZ-Interview bemerkt, eine Obsession von Littell. Wer seine "Etudes" (Jürg Altwegg hat kürzlich darauf aufmerksam gemacht) liest, kann sich auch dort davon überzeugen. Die Erzählung "L'attente" antizipiert Aues homosexuelles Erlebnis in Berlin.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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