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Lorenz Jäger

Frage des Tages:

Im Vernichtungskrieg: Schreibt Littell die Legende von der "anständigen Wehrmacht" fort?

Aue erlebt den Übergang vom Eroberungsfeldzug im Osten zum Vernichtungskrieg vor allem als Konflikt zwischen SS und Wehrmacht, die sich zunehmend von den Methoden der SS distanziert. Wird hier die Legende von der "anständigen Wehrmacht" fortgeschrieben?

Beiträge

21.02.2008 | 07:00 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Die Doppelmoral der Wehrmacht

Die Frage muss verneint werden. Hundertfünfunddreißigmal kommt in "Die Wohlgesinnten" der Name von SS-Standartenführer Paul Blobel (1894-1951), zwanzigmal der von Generalfeldmarschall Walter von Reichenau (1884-1942), fündundvierzigmal derjenige der zunächst von ihm geführten 6. Armee, vor, deren Kommando im Januar von Friedrich Paulus (1890-1957) übernommen wurde.

Littell widmet der Schlacht um Stalingrad, an der Aue als SS-Beobachter teilnimmt, ein umfangreiches Kapitel ("Courante", S. 475f.). Reichenau galt als überzeugter Nationalsozialist, der am 10. Oktober 1941 einen Tagesbefehl erließ, mit dem er die Judenverfolgung rechtfertigte: "Der Soldat ist im Ostraum nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden. Deshalb muss der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. Sie hat den weiteren Zweck, Erhebungen im Rücken der Wehrmacht, die erfahrungsgemäß stets von Juden angezettelt wurden, im Keime zu ersticken". Das SS-Sonderkommando 4a unter Blobel unterstand dem Armeeoberkommando (AOK) der 6. Armee, was in einer der vielen grotesken Roman-Szenen ganz deutlich wird, als Reichenau in der Badehose den schwitzenden SS-Offizieren Befehle gibt, die sie sodann auszuführen haben: "Ach ja! Noch etwas. Für einen Juden sind fünf Gewehre zu viel, die Zahl der Männer reicht nicht aus. Zwei Gewehre pro Verurteilten genügen. Wie viele für die Bolschewisten – das werden wir noch sehen. Bei Frauen können Sie ein vollständiges Erschießungskommando nehmen" (S. 45). Hitler bezeichnete Reichenaus Befehl übrigens als "ausgezeichnet" und befahl allen Armeekommandanten an der Sowjetfront, Reichenaus Beispiel zu folgen.

Auch beim Massaker von Babi Jar (S. 174f.) leistete die Wehrmacht "Amtshilfe". Der Sammelbefehl für die jüdische Bevölkerung von Kiew wurde am 28. September von der Druckerei der 6. Armee vervielfältigt und von der 637. Propagandakompanie veröffentlicht. Am folgenden Morgen, dem jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur, begann die "Aktion". Bei Littell fällt der Name Babi Jar zwar nicht, dafür ist, topographisch korrekt, vom jüdischen Friedhof am Ende der Melnik-Straße und dem christlichen, dem Lukjanowkoje-Friedhof, die Rede, hinter denen die Schlucht von Babi Jar begann. Feldgendarme, Wehrmachtssoldaten und -offiziere, hohe Armeedienstgrade, die Belegschaft einer Feldküche sowie ein Wehrmachtspfarrer sind als Zuschauer bei den Massenerschießungen zugegen oder leisten Hilfsdienste (S. 181).

In einer langen Szene lässt Littell Blobel sich über die Doppelmoral der Wehrmacht empören (S. 256f.). Auslöser seiner Erregung ist ein Befehl Generalfeldmarschall von Mansteins, der es für unehrenhaft erklärt, wenn Offiziere Hinrichtungen beiwohnten: "Diese Halunken. Wollen hinterher sagen können: ,Oh nein, wie schrecklich. Wir waren das nicht. Das waren sie, die anderen, die Mörder von der SS. Wir haben damit nichts zu tun. Wir sind Soldaten, wir haben ehrenhaft gekämpft.’ Aber wer hat all die Städte eingenommen, die wir ausmisten? Was? Wen beschützen wir, wenn wir die Partisanen vernichten und die Juden und das ganze Gesindel? Glauben Sie, die Wehrmacht beklagt sich darüber? Die bittet uns darum!’ Er schrie jetzt so unbeherrscht, dass er Speichel versprühte. ,Manstein, dieser Dreckskerl, dieser Heuchler, dieser Halbjud, der seinem Hund beibringt, die Pfote zu heben, wenn er ,Heil Hitler’ hört, und der an der Wand hinter seinem Schreibtisch – das habe ich von Ohlendorf – eine Schrifttafel angebracht hat, auf der steht: Was würde wohl der Führer dazu sagen? Genau, was würde unser Führer dazu sagen? Was würde er dazu sagen, dass das AOK 11 von seiner Einsatzgruppe verlangt, alle Juden von Simferopol noch vor Weihnachten zu liquidieren, damit die Offiziere judenfrei feiern können? Und dass sie dann solchen Wisch über die Ehre der Wehrmacht in Umlauf bringen? Diese Schweine. Wer hat denn den Kommissarbefehl unterschrieben? Wer hat den Gerichtsbarkeitserlass unterschrieben? Wer war das? Der Reichsführer vielleicht?" Blobel erwähnt hier zum einen den sog. Kommissarbefehl ("Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare") Hitlers vom 6.6.1941 an die Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtsteile, gefangene Kommisssare der Roten Armee zu liquidieren, bzw. den Barbarossa-Gerichtsbarkeitserlass, ein von Hitler über das OKW am 13.5.1941 herausgegebener Befehl zu Regelung der Jurisdiktion im Gebiet Barbarossa. Mit diesem Erlass wurde der Militärgerichtsbarkeit die Aburteilung von Straftaten ,feindlicher Zivilpersonen’ entzogen und ins Ermessen des jeweiligen Truppenführers gestellt. Für Vergehen deutscher Soldaten gegen die Zivilbevölkerung wurde der Verfolgungszwang aufgehoben. Obwohl mehrere Truppenkommandeure gegen beide Anordnungen protestierten, wurden diese trotz ihres völkerrechtswidrigen Charakters zu großen Teilen umgesetzt. Der Kommissarbefehl wurde allerdings im Mai 1942 außer Kraft gesetzt.

Littell baut noch weitere Szenen in seinen Roman ein, die Licht auf das Verhältnis zwischen Wehrmacht und SS werfen sollen. In Poltawa tut sich die Wehrmacht durch Repressalien hervor (S. 238f.) und lässt Geiseln aus Abschreckungsgründen aufhängen. Wehrmacht und SS-Sonderkommandos feiern in Kiew 1941 gemeinsam Weihnachten: "Heiligabend lud die Ortskommandantur die Offiziere des Sonderkommandos zu einem Empfang in einem großen, weihnachtlich geschmückten Kongresssaal der Kommunistischen Partei der Ukraine ein; vor einem opulent ausgerichteten Buffet tranken wir reichlich Kognak und anderen Schnaps mit den Offizieren der Wehrmacht, die ihre Gläser auf den Führer, den Endsieg und unser großes gemeinsames Werk leerten. Blobel und der Stadtkommandant General Reiner tauschten Geschenke aus; dann sangen die Offiziere mit schöner Stimme Weihnachtslieder" (S. 250).

Später kommt Aue in den Kessel von Stalingrad, wo er hautnah mit der Wehrmacht zusammenarbeitet, da er als SD-Offizier der Feldpolizei zugeteilt ist. Er erlebt das Ende der 6. Armee mit und wird, schwer verletzt, im letzten Augenblick ausgeflogen.
Die 6. Armee steht also am Anfang wie am Ende der eigentlichen Kriegshandlungen, die im Roman geschildert werden. Dies soll offenbar einen Zusammenhang zwischen den Mordtaten der Einsatzgruppen und dem militärischen Überfall auf die Sowjetunion herstellen, mit der Hitler noch am 24. August 1939 einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte. Man gewinnt sogar den Eindruck, als ob das militärische Debakel von Stalingrad für Littell als Sühne und Strafe für die Hybris der Wehrmacht und ihre Mittäterschaft am Holocaust betrachtet werden solle. Der "Sündenfall" der Wehrmacht wäre dann das bereits vor dem Polenfeldzug zwischen Reinhard Heydrich und dem Generalquartiermeister des Heeres, Eduard Wagner, unterzeichnete Papier gewesen, das "rückwärts der fechtenden Truppe" sog. Einsatzgruppen aus SS, SD und Sicherheitspolizei legitimierte, die die "Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente" überrnehmen sollten.

Kommentare

26.02.2008 | 22:07 Uhr
Hasso Wedel schreibt: Solschenizyn zu der "Linie,die Gut und Böse trennt"

In dem Vorwort zu "Archipel GULAG, 1918 - 1956 Versuch einer künstlerischen Bewältigung" schreibt Alexander Solschenizyn 1973:

"Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht
zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien,
sondern quer durch jedes Menschenherz.
Diese Linie ist beweglich, sie schwankt im Laufe
der Jahre. Selbst in einem vom Bösen besetzten
Herzen hält sich ein Brückenkopf des Guten.
Selbst im gütigsten Herzen --- ein uneinnehmbarer
Schlupfwinkel des Bösen."



21.02.2008 | 20:55 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Bitte um Differenzierung

Zur Legende der "sauberen Wehrmacht" zwei Anmerkungen.
1) So sehr auch beide, Wehrmacht und SS, in den östlichen Vernichtungskrieg verstrickt waren, so waren die einen doch in erster Linie Soldaten, die vor allem gegen einen bewaffneten Feind kämpften, während die anderen hinter der Front wehrlose Menschen, Männer, Frauen und Kinder umbrachten.

2) Dass jedoch andrerseits auch einige Heeres-Truppenteile des Weltanschauungskrieges sich schuldig machten, heißt doch wohl, das wir auch das Verhalten der Wehrmacht von Fall zu Fall zu beurteilen haben.

Wenn das so ist, müsste es auch unter den Angehörigen der Waffen-SS, die ja nicht immer mit der hinter der Front mordenden SS gleich war, eine differenzierende Betrachtung geben. Mit anderen Worten: Weder war jeder Angehörige der Wehrmacht ein Mörder, noch jeder der Waffen-SS.

Auf solche Weise könnte auch Littells Buch zu einer Differenzierung beitragen: Prüfe jeden Einzelfall. Siehe etwa Günther Grass.



21.02.2008 | 07:00 Uhr

Jörg Baberowski: Wehrmacht-Führer als charakterlose Opportunisten

Diese Legende wird nirgendwo in diesem Roman fortgeschrieben. Littell beschreibt durch die Augen Aues, wie Wehrmachtssoldaten sich freiwillig melden, um an Erschießungen teilzunehmen oder Orte abzusperren, an denen solche Erschießungen stattfanden.

Am Beispiel des Generalfeldmarschalls von Manstein wird auch deutlich, welche Verachtung die SS-Männer für die "sauberen" Generäle empfanden, die die Judenmorde erst in Frage stellten, als die militärische Disziplin in Gefahr geriet und sie angesichts der militärischen Rückschläge die Verantwortung für die Verbrechen auf die SS abschieben wollten. Wenn man genau liest, dann wird man bemerken, dass Littells Wehrmacht nicht "sauber" ist. Ihre Führer sind allenfalls charakterlose Opportunisten, die die Verbrechen übersehen, solange sie dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden und die die SS dazu verwenden, eine "Arbeit" zu erledigen, die sie selbst nicht machen und für die sie nicht zur Verantwortung gezogen werden wollen.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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