Lutz Hachmeister: Ein Profiteur der Geschichtswissenschaft
Wenn man den Begriff "Überlegenheit" in Hubert Spiegels Frage genau nimmt, dann hieße es, dass Littells Roman geschichtswissenschaftliche Forschungen irgendwann überlagern könnte – im Sinne von Verdrängung, Verzerrung.
Littell hat aber sehr offenkundig von den bestimmenden historiographischen Studien der 1990er Jahre gezehrt, die ja nicht nur aus dem engeren Kreis der Historikerzunft stammen. Er hat sich diese Arbeiten zur SD-Elite, die von Ulrich Herbert und einigen anderen geschrieben wurden (zu nennen ist hier besonders Michael Wildts Habilitationsschrift über die "Generation des Unbedingten") so detailliert angeeignet, dass eher von einem Wechselspiel zwischen Literatur, Psychologie und Geschichtswissenschaft zu sprechen ist, wie man es auch in Romanen von Umberto Eco oder Max Gallo finden kann.
Überhaupt hat die Popularisierung der Geschichtswissenschaft durch Literatur, Film und Fernsehen, oder auch das Zusammenwirken von Historikern und Filmemachern, nicht zu einem Verlust von historiographischer Exaktheit oder Schärfe geführt. Geschichtswissenschaftliche Darstellungen sind in den letzten Jahren, jedenfalls in der Spitze, wieder lesbarer und narrativer geworden. Und die Mehrheit des Publikums kann die Darstellungsformen, die gern "hybrid" genannt werden, auch decodieren. Überdruss lösen allenfalls die Fluten von immer gleichen Archivbildern aus der NS-Zeit im Fernsehen aus, oder die aufdringlich präsentierten Hakenkreuzfahnen und Schaftstiefel in Spielfilmen zum "Dritten Reich".
Dagegen liefert Littells Roman, bei aller Mechanik seiner Konstruktion, ein delikates Arrangement, das gerade in jenen Passagen, die phantasmagorisch oder im Pulp-Fiction-Stil daherkommen, über die Aneignung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse hinausweist. Ist Jonathan Littell ein Profiteur der Geschichtswissenschaft? Ja, sicher, aber im produktiven Sinne. Littell hat, so jedenfalls mein Eindruck, bei seiner Übersetzung und Ausweitung der Fachstudien nur kleine Fehler gemacht (es gab meines Wissens nach z. B. keine "Kriegsverwaltungsräte" im Amt VII des Reichssicherheitshauptamts), aber die sozialpsychologische Perspektive auf die Verbrechen der Einsatzgruppen erweitert. Ulrich Herbert hat recht, wenn er sagt, dass die spannende biographische Frage nach der völkischen Formierung in den 1920er Jahren bei Littell, bis auf einige Verweise auf die Freikorps, ausgespart bleibt. Aber Littells Opus Magnum muss und wird ja auch nicht das letzte Wort sein.
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