Die Situation heute ist, was dies angeht, einfach. Diejenigen, die 1945 noch Kinder waren und die später Geborenen tragen keine Schuld. Sie brauchen sich auch nicht zu schämen. Das mit der "kollektiven Scham", von der Theodor Heuß einst sprach, um dem Gedanken einer "Kollektivschuld", den er ablehnte, positiv etwas entgegenzusetzen, gilt für sie nicht.
Auch die Jungen jedoch haben die Verpflichtung, erstens selbst einigermaßen über die Verbrechen Bescheid zu wissen, nichts davon zu verdrängen, und zweitens dafür zu sorgen, dass die Erinnerung erhalten bleibe - die an die Opfer, die an die Täter und die an den ‚Zivilisationsbruch’, wie man zu sagen pflegt, auf den wir hier stoßen, oder auch dieses Versagen im Menschlichen, das sich zeigte, keineswegs ausschließlich, aber doch ganz besonders, im Blick auf die Verfolgung, die Tötung der Juden. Die Schoah bleibt rätselhaft: dass es für sie keinen Grund gab, nicht einmal in Deutschland besonders viel Antisemitismus, dass sie so geschehen konnte, wie sie geschah (aber sie ‚geschah’ ja nicht, sie wurde gemacht), dass sie kaum Missbilligung fand, auch dass kaum jemand von ihr wusste, was letztlich doch wohl nur dadurch zu erklären ist, dass man nichts wissen wollte. Denn die Zerstörung aller Synagogen in einer Nacht (der mit dem lustigen Namen, der noch immer im Schwang ist), der Abtransport der Juden, fanden ja ganz und gar nicht im Geheimen statt. Konnte man wirklich annehmen - im Ernst -, die Juden würden irgendwo im Osten angesiedelt und könnten dort ein neues Leben beginnen? Wobei man sich ja wahrhaftig auch schon hätte fragen müssen, warum sie nicht einfach dort weiterleben durften, wo sie bisher waren. Viktor Klemperer notiert in seinem Tagebuch bereits unter dem 16. März 1942, über drei Jahre vor dem Ende: "Als furchtbarstes KZ hörte ich in diesen Tagen Auschwitz (oder so ähnlich)... nennen..., Tod nach wenigen Tagen". Und gleich danach: "Nicht unbedingt sofort tödlich, aber ‚schlimmer als Zuchthaus’ soll Buchenwald bei Weimar sein...". Und Klemperer, der täglich notierte, was er gehört hatte und was ihm und anderen, die er kannte, zugestossen war, war sicher mehr von entsprechenden Informationen abgeschnitten als die anderen Deutschen. Der Unterschied war wirklich nur, dass er wirklich wissen wollte. Also: wer nichts wissen wollte, hat dann tatsächlich nahezu nichts gewusst. Außer dass die Juden nun eben nicht mehr da waren. Was ja wahrlich auch schon nicht wenig ist. Klemperer ist der empirische Beweis dafür, dass man viel, viel mehr hätte wissen können. Zumindest dies. Und sogar schon anfangs 1942. Und da gab es vor kurzem noch einen Streit, ob ein Mann wie Speer Bescheid wusste! Und nun also dieses Buch. Und genau, ganz genau in dieser Hinsicht ist es wichtig. Es kommt uns und kommt speziell den heute jungen und ganz jungen Erwachsenen zu Hilfe - für die notwendige Bewahrung der Erinnerung. Die Informierten wissen ja schon viel - in Deutschland (und in Österreich) sicher noch mehr als in Frankreich (oder auch in Italien oder gar Spanien). Das Wissen dieser Informierten darf aber nicht das Kriterium sein. Denn nicht für sie, sondern für die noch nicht ausreichend Informierten, die sozusagen ‚normalen’ jungen Leser ist dieses Buch nützlich. Es ist völlig unerheblich, dass die akademischen Historiker, von denen Littell viel gelernt hat, dies alles längst wissen. Er will sich ja nicht von ihnen habilitieren lassen.
Und hier bewährt sich nun, dass dieses Buch Literatur ist. Diese ist nun einmal ansprechender, packender, nachhaltiger, menschlich breiter und reicher als historische Ausarbeitungen, selbst wenn diese, was vorkommt, gut geschrieben sind. Da hat Semprún etwas sehr Wichtiges ganz richtig gesehen. Die Literatur hat hier, wenn sie es zu nützen versteht, ein Privileg. Der Literatur, hat Voltaire einmal gesagt, ist alles erlaubt mit einer Ausnahme: langweilen sollte sie nicht. Und dies muss man diesem Roman ganz ohne Zweifel lassen: langweilig ist er nicht. Auch dafür gibt es einen empirischen Beweis: Bücher, die massenhaft langweilen, verkaufen sich nicht massenhaft. Schlecht können sie freilich trotzdem sein. Voltaires Kriterium reicht ja nicht ganz... Sodann, wichtiger Punkt, dieser Roman ist ein realistischer Roman, was hier heißt, dass er ‚historisch abgesichert’ ist. Er will dies sein und ist es auch. Dies hat insbesondere Frank-Rutger Hausmann, unter mehreren Gesichtpunkten, hier immer wieder dargelegt. Wäre es nicht so, würde der Roman den historisch ermittelten Fakten nicht entsprechen, müsste er abgelehnt werden. Denn: wenn die Schoah in Rede steht, darf nicht phantasiert werden. Genauer: da darf schon auch erfunden werden, aber nur - und eben literarisch - innerhalb eines realistischen Rahmens. Eben dies tut Littell: er erfindet nur innerhalb eines vorgegebenen Rahmens tatsächlicher oder tatsächlich möglicher Fakten.
Schließlich: von einem Roman mit diesem wahrhaft ungeheuerlichen Thema kann man nicht erwarten, dass er ein rundes und beglückendes ‚literarisches Kunstwerk’ sei. Ein Kunstwerk, sagen wir, um gleich zum Gipfel zu greifen, von der Art der "Madame Bovary" (seltsamerwesie beruft sich Littell auf Flaubert) oder dann, auch sehr schön, von der von "Buddenbrooks" - zwei Romane, die man ja auch als realistische bezeichnen muss. Dergleichen geht bei Littells Vorhaben nun nicht. Es wäre geradezu verrückt, es zu verlangen. Wäre ein realistisches literarisches Kunstwerk über die Schoah, gesetzt es käme wirklich zustande, nicht etwas wie Versündigung? Ist eine literarisch geglückte Evokation von Auschwitz denkbar? Wollen wir so etwas? Dass die ersten Reaktionen bei uns auf Littells Roman die Kennzeichnungen "monumental" oder "monströs" gebrauchen, kaum aber ‚groß’ oder ‚gut’ oder gar ‚schön’, liegt am Gegenstand. Nicht nur an Littell und den evidenten Schwächen seines Werks. Auch da kann man Semprún folgen, wenn er sagt: "Das interessiert mich nicht". Womit er meint: das sehe ich auch, ist mir aber hier, in diesem Fall, nicht wichtig. Das literarisch eindrucksvollste Werk der ‚Auseinandersetzung’ mit der Entfesselung des Bösen zwischen 1933 und 1945, Thomas Manns "Doktor Faustus", ziemlich genau vor sechzig Jahren erschienen und damals erregt diskutiert, ist ja künstlerisch auch kein ‚rundes’ Werk. Sodann - kaum Zufall - redet auch im "Faustus", wie bei Littell, ein fiktiver Erzähler. Ein Autor kann einen solchen Erzähler vieles sagen lassen, für das er dann selbst als Autor nicht einzustehen braucht. Denn nicht er sagt es ja, sondern sein von ihm ganz verschiedener Erzähler. Er gibt es nur, gleichsam unverbindlich, zur Erwägung, stellt es in den Raum. So etwas bringt für den Leser Offenheit. Dr. Max Aue ist nun aber ein Erzähler, mit dem man sich - das ist ein Teil von Littells Kunst - ganz und gar nicht identifizieren kann.
Ein Problem dieses Romans ist die breit in ihm vorhandene Sexualität. Ist sie nicht unrealistisch? Kommt da nicht allzuviel zusammen? Wäre da nicht die Kategorie des ‚Aufgesetzten’ fällig? Muss oder darf das hier - gerade hier - sein? Oder gehört das heute, eben weil es halt immer dabei ist, einfach so dazu? Nicht leicht zu beantworten. Da ist eine starke Zumutung. Hinweise auf den Marquis de Sade oder Michel Foucault oder Maurice Blanchot (und andere) sind hier auch wieder, wenn es um die Bewertung geht, also um die Frage, ob man das lesen soll, drückebergerisch ‚akademisch’. Ist doch egal, woher der Littell das hat! Ist das Buch obszön? Ach, niemand weiß ja mehr was das eigentlich sein soll, was dieses Wort meint! Alles Mögliche nennt man heute ‚obszön’. Zum Beispiel die Thematisierung von Ausländerkriminalität in einem Wahlkampf. Das ist jetzt einfach so ein kräftiger Ausdruck geworden. ‚Pornographisch’ ist das Buch sicher nicht, wenn ‚pornographisch’ heißen soll (und das ist immerhin ein präziser Sinn) ‚bewusst auf sexuelle Erregung zielend’ (um es nicht noch drastischer zu sagen). Ganz sicher ist unter realistischem Gesichtpunkt dies: das Sexuelle ist immer dabei, und wenn viele Männer beieinander sind und wenn sie kriegerisch gewalttätig beieinander sind, erst recht. Und das Sexuelle ist da durchaus nicht immer nur so ein unbeteiligt und eigentlich nicht dazugehörend "Mitlaufendes", wie die Philosophen sagen. Jedenfalls bringt es in diesen Roman etwas zusätzlich Unheimliches, bösartig und sehr anwidernd Flackerndes. Es erscheint hier ja nicht in seiner unbekümmert schönen sinnenfrohen Form.
Und noch etwas (es gehört speziell zur Omnipräsenz des Sexuellen hier): die hübsche und leichtfertige Formel von der "Banalität des Bösen" reicht keineswegs aus, nein, sie liegt neben der Sache. Halt so ein Gedanke einer klugen Intellektuellen! Hier bei Littell erscheint das Böse - realistischer - ganz anders. Das Banale kann, das ist schon richtig, als ein unzugehörend "Mitlaufendes" das Böse begleiten - es selbst aber ist etwas ganz anderes. Für Banales interessieren die Erinnyen sich nicht.