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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Warum sollte man Jonathan Littells Roman lesen?

Drei Wochen lang haben unsere Experten und unsere Leser über "Die Wohlgesinnten" diskutiert und gestritten.
Der Abschluss unseres täglichen Vorabdrucks in der F.A.Z. soll aber nicht das Ende unseres Reading Rooms bedeuten. Deshalb ziehen unsere Experten mit ihren heutigen Resümees nur die vorläufige Bilanz einer Debatte, die jetzt in eine zweite Phase tritt. In den nächsten Wochen werden immer mehr Leser sich ein eigenes Bild von Littells Roman machen - ihnen allen will der Reading Room weiterhin ein Ort des Gesprächs und der Begegnung sein.

Beiträge

27.02.2008 | 15:46 Uhr

Friedmar Apel: Ein außergewöhnliches Experiment

Jonathan Littells Roman ist ein außergewöhnliches Experiment zwischen Literatur und Geschichte, dem sich jeder deutsche Leser, der sich irgend von den Nachwirkungen des schrecklichen 20. Jahrhunderts berührt fühlt, konfrontieren sollte. Als Literaturwissenschaftler würde man dem Leser gern eine zugleich kritische wie vorbehaltlose Lektüre empfehlen, die sich auf den Widerspruch zwischen der Form des Unterhaltungsromans und dem Inhalt einläßt.

Die ersten öffentlichen Reaktionen zeigen allerdings, dass Littells Buch in Deutschland noch mehr als in Frankreich mit einem Komplex von Vorurteilen und mehr oder minder emotional getränkten Voreinstellungen zusammenprallt. Die Beiträger zu diesem Forum haben sich um Sachlichkeit bemüht, wenngleich gelegentlich mit sichtlicher Anstrengung. Schließlich sind auch sie ja Leser mit Gefühlen und bestimmten politischen und moralischen Vorstellungen. Vielleicht hätte das hier und da deutlicher zum Ausdruck kommen sollen.

Wenn nicht alles täuscht, hat Littell die Kollision mit politisch und moralisch korrekten Diskursen gewollt. Damit ist er zweifellos ein Risiko eingegangen. Es gab ja durchaus Stimmen, die ihn als perversen Profiteur des Holocaust abstempeln wollten. Das Blatt hat sich nach den Stellungnahmen von Claude Lanzmann und Jorge Semprún gewendet, aber davon muß sich der Leser nicht beeindrucken lassen. Vielmehr sollte er sich der Freiheit versichern, die er zwischen Annehmen und Ablehnen bis hin zur vorzeitigen Beendigung der Lektüre auch und gerade diesem Buch gegenüber hat. Es wäre der Machart des Textes unangemessen, würde er als Pflichtlektüre betrachtet. Dennoch sei empfohlen, sich nicht zu früh abschrecken oder abstoßen zu lassen. Erst wenn deutlich wird, wie Littell seine Hauptfigur Max Aue konstruiert hat und welche erzählerischen Mittel er verwendet, um den Leser trotz des Konstruktcharakters in dessen Perspektive zu versetzen, kann sich eine Gegenwärtigkeit der Erfahrung einstellen.

Gerade bei den Motiven des Täters mag die Konstruktion als allzu überladen und vor allem hinsichtlich der Sexualisierung allzu kolportagehaft erscheinen. Dagegen kann nur noch einmal betont werden, dass es sich bei dem Buch trotz der Bindung an historische Fakten vorrangig um ein Werk der Fiktion handelt, das allerdings ein Möglichkeitsspektrum der Sicht auf Täterschaft eröffnet. Auch in diesem hat der Leser die Freiheit anzunehmen und zu verwerfen, jedoch sollte er erwägen, ob es nicht zur Qualität des Buches gehört, dass es die gängigen Klischees vom nationalsozialistischen Täter gründlich in Frage stellt, obwohl dieselben im einzelnen aufgegriffen werden. Das sollte prozessual betrachtet werden, nicht additiv in dem Sinne, daß eine Gleichzeitigkeit aller Motive in einem realen Menschen vorstellbar werden soll.

Ob und wie sich in einer solchen prozessualen Lektüre eine Perspektive auf die Gegenwart und eine Bereicherung oder Differenzierung der persönlichen Sicht herstellt, kann weder der Roman noch der Wissenschaftler oder Kritiker dem Leser vorschreiben. Hier wird sich ein Spektrum von Reaktionen ergeben, das der Skala der im Text entfalteten Möglichkeiten gegenübersteht. Auf die weitere Diskussion in diesem Forum darf man daher gespannt sein. Dass Littells Buch nicht folgenlos für den Diskurs über totalitäre Gewalt bleiben wird, zeichnet sich bereits jetzt ab.

Kommentare


25.02.2008 | 11:02 Uhr

Andreas Wirsching: Die Literatur ist freier

Man sollte dieses Buch lesen, weil es gegenüber der Geschichtswissenschaft den Mehrwert des Literarischen enthält. Je genauer die historische Forschung differenziert und empirisch-analytisch verfährt, desto mehr stellt sie methodisch ihre eigene Erzähl- und Synthesekunst in Frage. Der Literat ist freier.

Er kann – so wie es Jonathan Littell tut – die Ergebnisse der Forschung aufnehmen und verarbeiten, sie zugleich aber weiterdenken. Indem der Leser den Protagonisten Max Aue begleitet und zum Komplizen seiner Gefühle, Gedanken und Taten wird, betritt er einen Raum, der sich historisch-empirisch nicht mehr vermessen läßt, aber gerade deshalb eine spezifische Form literarischer Authentizität beanspruchen kann. Eben dadurch, daß das Buch die Abgründe des Menschlichen auslotet, vermag es den Schrecken der Historie aufzuschließen. Max Aue zu folgen und auf diese Weise Einsichten in die Monstrosität des Krieges und des Holocaust zu gewinnen, lohnt sich daher auch dann, wenn man die Grenzen des Buches betont. So tendiert die allzu hybride literarische Figur des Max Aue, die sich offenkundig aus höchst heterogenen historischen Quellen speist, zur Überkomplexität. Umgekehrt wirkt die durchgehende Hervorhebung des Sexuellen dort unterkomplex, wo sie die von der Forschung herausgearbeitete Rolle des gleichsam "normalen" und keineswegs perversen Täters überlagert. Je nach Blickwinkel lassen sich weitere Schwächen des Romans aufzeigen. Sie ändern aber nichts daran, daß es sich um ein bedeutendes Buch handelt, das zum Nachdenken anregt und daher gelesen werden sollte.

Kommentare

28.02.2008 | 20:04 Uhr
Andrea Mueller schreibt: Weiter lesen

Tatsächlich schafft das Literarische mit der Figur des Max Aue einen "Mehrwert".
Der Täter wird nicht nur grauenhafter, sondern auch fassbarer, nachvollziehbarer und - man wagt es kaum zu schreiben - menschlicher.

Da lohnt es sich vielleicht, noch einmal Einiges in der Fachliteratur nachzulesen, was allerdings dazu beitragen könnte, den Horror über uns selbst noch weiter zu vertiefen:
Der deutsche Philosoph Wolfgang Sofsky hat uns in seinen Büchern "Traktat über die Gewalt" und "Zeiten des Schreckens" unangenehm den Spiegel vorgehalten genau so Bernard-Henri Lévy in seinen "Réflexions sur la guerre".
In den Täter hineingedacht haben sich seit Jahren amerikanische und israelische Psychologen bei der Erforschung des Kriegstraumas (PTSD): Z. B. Harald Grossmann in "On Killing" oder Joanna Bourke in "An Intimate History of Killing". Schmerzhaft auch Jonathan Shays "Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust". Und sein Titel führt zurück zu Peter Sloterdijks "Zorn und Zeit".


26.02.2008 | 07:08 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: @Sascha Dressler

Ihr Kommentar, Herr Dressler, ist mir in seiner Tendenz nicht klar: Liegen Ihrer Meinung nach diejenigen richtig, die das Buch loben - oder gerade nicht? Wie soll die Literaturkritik denn mit diesem Buch umgehen? Sie kann doch nur loben oder tadeln.


26.02.2008 | 00:09 Uhr
Sascha Dressler schreibt: Die Unglaublichen

Ich lese mich jetzt zu diesem Buch seit Tagen quer durchs Internet. Und die einzig gute Kritik lese ich in der NZZ. Das deutsche Feuilleton versagt im Kollektiv. Hier wird - ob positiv oder negativ - hoffiert, weil man ja Gott des Themas ist.

All ihr Philosophen, Redakteure und Intelektuelle lasst euch triangulieren, im Interesse eines Autors und seines Verlages, deren Egozentrik am Ende doch nur billigstes Kalkül ist, auf dem Rücken wahrhafter Alpträume.



25.02.2008 | 10:44 Uhr

Helmuth Kiesel: Eine immer wieder erschütternde Wucht

Ich möchte mir erlauben, die Frage damit zu beantworten, daß ich meine eigene Lektüre-Erfahrung schildere. Dazu auch die Voraussetzungen:
Zunächst einmal: Ich habe die Untersuchungen der Historiker von Hilberg bis Aly, von Browning bis Herbert in mindestens demselben Umfang wie Littell gelesen.

Über die Dimension des Judenmords, über die Planung sowie die organisatorische und technische Durchführung, über einzelne Massaker, über Herkunft und Mentalität der Täter wußte ich wohl in ungefähr demselben Umfang wie Littell Bescheid. Mein sachliches Wissen wurde durch seinen Roman nicht erweitert. Aber es bekam, wie ich gleich hinzufügen möchte, eine andere Qualität.
Sodann: Ich kenne die dichterischen Darstellungen der Schoah von Primo Levi und Elie Wiesel bis zu Imre Kertéz und Louis Begley. Gegen deren Bücher fallen die "Wohlgesinnten", literarisch gesehen, deutlich ab. Gewiß geht der Text nicht in einem realistisch gemeinten und immer wieder dramatisch zugespitzten Erzählbericht auf. Dokumente sind eingefügt, und nicht selten geht die Darstellung, um die Ungeheuerlichkeit des Geschehens zu verdeutlichen, in surrealistische Passagen über. Auch gibt es eine Vielzahl von intertextuellen Bezugnahmen. Der Text ist also etwas hintergründiger, als seine glatte erzählerische Oberfläche beim ersten Anblick erkennen läßt. Dennoch bleibt Littells Roman erzähltechnisch weit hinter den Möglichkeiten zurück, die im zwanzigsten 20. Jahrhundert entwickelt wurden, und zwar gerade, um der Unfaßbarkeit der geschichtlichen Destruktionen gerecht zu werden. Dazu die Schlichtheit des Stils, die zwar dem Schreibvermögen des Juristen und SS-Offiziers Max Aue entsprechen mag, aber eben von einer Alltäglichkeit ist, die mit dichterischer Literatur eigentlich nicht zu vereinbaren ist, abgesehen davon, daß sie häufig in peinlichen Schwulst umschlägt oder in lächerliche Betulichkeit verfällt: man führe sich nur einmal den päderastischen Erbauungsunterricht vor Augen, den Max Aue auf der Krim – Platons "Gastmahl" in der Hand – dem jungen SS-Mann Willi Partenau zukommen läßt (276 ff.).

Schließlich: Die Ausstattung des SS-Offiziers Max Aue mit sexuellen Obsessionen, die ihn nicht nur in den Inzest und in die Homosexualität getrieben haben, sondern auch zum Muttermörder werden lassen, scheint mir prekär zu sein. Sie suggeriert einen Zusammenhang, der zumindest nicht zwingend ist, und wird bedenkliche Generalisierungen zur Folge haben.

Daß der Roman trotzdem eine Leistung darstellt, liegt daran, daß er uns mit unerbittlicher Ausgiebigkeit und immer wieder erschütternder Wucht vor Augen führt, wie der Judenmord "bewerkstelligt" wurde: wie man mit klarer Rationalität etwas höchst Irrationales und mit subjektiv strengem ethischem Anspruch etwas objektiv radikal Unethisches betreiben konnte. Wie man Kants kategorischen Imperativ in einen Mordbefehl umdeuten konnte. Wie man lange Diskussionen und Briefwechsel über die Frage führen konnte, ob es effektiver sei, potentielle jüdische Arbeitskräfte etwas besser zu ernähren oder dem "Härtetest" der üblichen Mangelernährung auszusetzen. Wie man tagsüber Deportationen organisieren und abends Streichquartett spielen konnte. Aues Besuch in Eichmanns Privatwohnung, wo Familienleben und Kammermusik zelebriert werden, ist ein Kabinettstück des Romans, widerwärtig und anziehend zugleich, wie so vieles in diesem Roman. Hier wie in der emotional aufgeladenen Schilderung des Gesellschaftsabends im Haus des Auschwitz-Kommandanten Höß und in der nervend genauen Vergegenwärtigung der grotesken Bemühungen Aues, für Speers Rüstungsprogramm arbeitsfähige Juden zwecks weiterer Ausbeutung zunächst einmal vor dem Verhungern zu sichern, geht der Roman über das hinaus, was seriöse Geschichtsschreibung, die auch im Detail an das Prinzip der Nachprüfbarkeit gebunden ist und nicht "fabulieren" darf, leisten kann. Die Konkretisierung der Denkbewegungen, Verhaltensweisen und Handlungen der Täter wird dichter, schlimmer, furchtbarer, beklemmender, bedrückender – erschütternd. Das historische Wissen über den Judenmord erlangt in Littells Roman eine neue Wirkungsqualität.

Kommentare

28.04.2008 | 12:54 Uhr
Thomas Brückner-Schunk schreibt: Zum Unbegreifbarkeitstopos

Immer wieder wird auf die angebliche Unbegreifbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen verwiesen; dies erscheint mir falsch. Im Vorwort zu seiner großen Studie über die Konzentrationslager weist Wolfgang Sofsky schon auf die Problematik und letztlich apologetische Funktion dieses Topos, ebenso wie anderer Topoi (z.B. der Unvergleichbarkeit) hin. Littells Verdienst scheint mir gerade darin zu bestehen, den Unbegreifbarkeitstopos zu negieren oder zu entlarven.


26.02.2008 | 21:30 Uhr
Helmuth Kiesel schreibt: Was beantwortet Littell?

Ich gebe Herrn Balfanz recht: Die Frage nach der Ermöglichung der unbegreiflichen Verhaltensweisen ist entscheidend. Folglich muß, wenn nach der Bedeutung von Littells Roman gefragt wird, vor allem auch gefragt werden, was dieser zu ihrer Beantwortung beiträgt.

Daß davon im Expertenforum bisher nicht viel die Rede war, liegt daran, daß vor allem Aspekte thematisiert wurden, die sich aus den ersten 120 Seiten ergaben. Jetzt, wo der Roman allen ganz zugänglich ist, kann darüber gesprochen werden. Aber eine Antwort, was der Roman in dieser Hinsicht leistet, läßt sich nicht nebenbei formulieren, sondern braucht ihre Zeit.

Nicht zustimmmen kann ich den Überlegungen von Frau Heintz. Auch wenn es solch mörderische Rationalität schon früher gab, so erlangte sie in der NS-Zeit eine neue Dimension, und eben dies wird durch die penetrant lange und detaillierte Darstellung erfahrbar gemacht. Das Schicksal russischer und chinesischer Dissidenten muß man darüber nicht vergessen.


26.02.2008 | 12:34 Uhr
Hans-Peter Balfanz schreibt: Die Frage nach den Ursachen des Holocaust

Die Geschichtsschreibung spricht zurecht von der Singularität des Holocaust im Vergleich zu anderen Schreckenstaten der Geschichte, die bis in unsere heutige Zeit andauern. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Die Singularität des Holocaust sollte jedoch nicht die Frage nach seinen Ursachen verstellen und ob derartiges wiederholbar wäre. Nur die Ergründung der Ursachen kann verhindern, dass derart "nicht Vorstellbares" sich wiederholen kann.
Der Spiegel (2008-03) stellt hierzu fest: Wie konnte es zum Nationalsozialismus kommen? Die Königsfrage der deutschen Geschichte. Eine Antwort, eine Formel, die alles erklären könnte, steht aus.
Auch in der Kommentaren der Experten des FAZ-Forums wird das Unbegreifliche der Verhaltensweisen und Handlungen der Täter angesprochen, ohne jedoch nach den hierfür tieferliegenden Ursachen zu fragen.
Ich würde mir wünschen, wenn im FAZ-Forum die hier angesprochenen Fragen weiter diskutiert und vertieft werden könnten.


26.02.2008 | 10:45 Uhr
Gabi Heintz schreibt: nicht neu

Wenn die "Leistung" des Romans darin besteht, dem Leser die Unmenschlichkeit und Ungeheuerlichkeit von angeblich vernünftigen Überlegungen bewusst zu machen - nämlich Diskussionen "über die Frage (...), ob es effektiver sei, potentielle jüdische Arbeitskräfte etwas besser zu ernähren" - dann bin ich jedenfalls nicht beeindruckt.

Denn derartige Gedankengänge finden sich schon bei römischen Philosophen, die sich übrigens ebenfalls für "ethisch integer", ja vorbildlich hielten. Damals ging es natürlich nicht um Juden, sondern um Sklaven. Aber es gab tatsächlich wissenschaftliche Abhandlungen, die den ökonomischen Vorteil des Verschleißens und Ersetzens der Sklaven durch "frische" gegenüber ihrer guten Ernährung und ärztlichen Versorgung herausstellten.
Ganz allgemein: In Zeiten, da das Überleben (u.a.) russischer und chinesischer Dissidenten von unserem Hinschauen abhängt, bedauere ich die Diskussion über einen Roman, der den Blick 70 Jahre zurücklenkt, zutiefst.



25.02.2008 | 10:32 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Unterhalten und belehren

Die F.A.Z. hat mit dem Reading Room zum Vorabdruck von Jonathan Littells Holocaust-Roman "Die Wohlgesinnten", der am 23. Februar in die deutschen Buchhandlungen gelangt ist, ein neuartiges zukunftsweisendes Experiment begonnen, das allen Lesern, die durch diesen Roman schockiert, verunsichert oder provoziert werden, ein multimediales Diskussionsforum bietet.

Zugleich schlägt es eine Brücke zwischen den Printmedien und der immer größer werdenden Gemeinde von Nutzern des Internets. Fünf Moderatoren der Redaktion haben gemeinsam mit zehn Experten aus Geschichts-, Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft sowie einem bekannten Journalisten die eingehenden Fragen gebündelt, beantwortet und die Diskussion animiert.

Als Literaturwissenschaftler, der sich von Berufs wegen vierzig Jahre lang mit der französischen Literatur beschäftig hat, habe ich meine Aufgabe im Reading Room in erster Linie darin gesehen, die mir gestellten Fragen vor dem Hintergrund meiner fachlichen Kompetenz zu beantworten und nicht so sehr meine persönliche Meinung kundzutun. Insgesamt habe ich fünfzehn Mal auf die Leitfrage geantwortet, die die Redaktion mir übermittel hatte. Meine Antworten wurden von mal zu mal länger, da sich mein eigenes Urteil in der Auseinandersetzung mit den Fragen, aber auch den auf meine Antworten eingehenden Leserkommentaren zusehends schärfte. Mir scheint eine detaillierte Kommentierung des Romans geboten. "Die Wohlgesinnten" fordert einen Reading Room geradezu heraus, denn der Gegenstand hat, zumal für ein deutsches Publikum, eine besonere Relevanz, ist äußerst komplex und geschichtsbeladen. Littell hat sich dafür entschieden, ein möglichst großes Lesepublikum mit den Mitteln der Trivial- und Unterhaltungsliteratur zu einer Beschäftigung mit dem Holocaust herauszufordern. Die Mischung von Unterhaltung und Belehrung ist ein Verfahren, welches bereits die Aufklärer des 18. Jahrhunderts erfolgreich praktizierten und das auch ein moderner Erfolgsroman wie Umberto Eco nicht verschmäht.

Littell hat einen "Roman" geschrieben, ein Werk der Fiktion, das einen Stoff beschreibt, der sich eigentlich gegen eine Fiktionalisierung sperrt. Der Autor ist ein traditioneller Erzähler. Er bemüht sich nicht um einen kunstvollen Schreibstil, um metafiktionale Experimente oder eine revolutionäre Sprache, wie dies z.B. sein französisches Vorbild Céline getan hat. Er setzt vielmehr auf die Mittel des Trivial- oder Kolportageromans, der von Klischees lebt, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, und läßt Dokumente im Wortlaut sprechen. Sein Roman ist dadurch ein hybrides Werk, nicht nur, weil er von Anfang bis Ende Faktisches mit Fiktionalem mischt. Er enthält Elemente des Konfessions-, Geschichts-, Initiations-, Kriegs-, Reise-, Kriminal- und Schelmenromans, die den Leser motivieren sollen, trotz der Monotonie der geschilderten Verbrechen und ihrer monoton nüchternen Bürokratisierung den Roman von Anfang bis Ende zu lesen. Littells Zielpublikum sind nicht Fachhistoriker, Sozialpsychologen, Literaturkritiker oder Universitätsprofes-soren, auch wenn diesen bei der Vorstellung des Romans eine Vermittlerfunktion zukommt.
In Frankreich, aber auch in den romanischen Ländern und den USA, haben Schriftsteller eine wichtigere Rolle für die öffentliche Meinungsbildung als in Deutschland. Insofern wird Littells Versuch, den Holocaust zu "bewältigen", dort auch mit weniger Vorbehalten betrachtet. Bei uns ist die Kritik bisher eher streng mit Littell umgesprungen. Mehrere Rezensenten haben "Die Wohlgesinnten" als zu lang, zu inkohärent und zu langweilig eingestuft. Andere vermissen den neuesten historischen Forschungsstand oder bescheinigen der Hautpfigur psychologische Inkohärenz. Diese Kritiker werden der Besonderheit eines Holocaustromans nicht gerecht. Der Holocaust war ein sich über vier Jahre hinziehender Prozeß, in dem erst mechanisch, später industriell getötet wurde, wobei der Mord technisch immer weiter perfektioniert und die Zahl der Opfer immer rascher gesteigert wurde. Der Roman simuliert in seiner Ausführlichkeit die quälende Monotonie dieses Prozesses. Er koppelt zudem die Verantwortung der SS am Mord an den europäischen Juden an die Verantwortung der Wehrmacht, denn die hier im Zentrum stehende Einsatzgruppe 4a operierte unter dem Schutz der 6. Armee, deren Ende bei Stalingrad einen der Höhepunkte des Romans bildet.

Wer dem Autor vorwirft, er habe ein Stück Gewaltpornographie verfaßt, um dadurch einen "Kick" bei jugendlichen Lesern auszulösen, schießt weit über das Ziel hinaus. Träte ein derartiger Effekt tatsächlich ein, wäre die in vielen Jahren von Schulen, Medien und Wissenschaft intensiv betriebene Aufklärungsarbeit über die Nazizeit vergebens gewesen. Gerade weil eine solche Möglichkeit erwogen wird, ist eine öffentliche Diskussion des Romans, wie sie der Reading Room erlaubt, nötig, um krassen Fehlinterpretationen gegenzusteuern.

Man muß Littell glauben, daß seine Arbeit bei der Welthungerhilfe in den Krisengebieten des Balkans den Ausschlag gab, diesen Roman zu schreiben, nicht schnödes Gewinnstreben. Der Autor vertritt die Auffassung, daß der Holocaust kein einmaliger Vorgang gewesen sei, einmalig in Sinne der Unwiederholbarkeit. Darüber mag man geteilter Meinung sein, aber Littell trifft etwas Richtiges, wenn er den Blick auf Dafur, Kosovo, Palästina, Afghanistan lenkt. Für deutsche Leser ist dies jedoch nicht die wichtigste Perspektive.

Das eigentliche Skandalon des Romans liegt in der Verschiebung von der Opfer- hin zur Täterperspektive. Der fiktive Erzähler ist bewußt als Kunstfigur angelegt, mit der sich kein Leser identifizieren soll. Er ist in seiner Klischeehaftigkeit nicht minder überzeichnet als in seinem Zynismus und wirkt dadurch genauso hybrid wie seine Beichte. Seine sexuellen Obsessionen, seine körperlichen Beschwerden, seine Kaltschnäuzigkeit und seine Idiosynkrasien sollen abstoßen, nicht Sympathie erzeugen. Die zahlreichen Lesefrüchte, markiert oder unmarkiert, die der Autor in seinen Roman einflicht, dienen ebenfalls der Übertreibung und Ironisierung . Bereits der Beginn, die Anrede an die "Menschenbrüder", ein Zitat aus François Villons "Ballade der Gehenkten", kann als Plädoyer für Verständnis, aber auch als Verhöhnung der Welt gelesen werden, der Aue seine Beichte vorträgt.
Jonathan Littell hat den Fehler gemacht, zu viele Interviews zu geben und seinen Roman zu deuten. Er sollte dies den Lesern und Kritikern überlassen und es mit Ernst Jünger halten, der in "Blätter und Steine" den Aphorismus prägte: "Wer sich selbst interpretiert, geht unter sein Niveau". Dies setzt jedoch voraus, daß "Die Wohlgesinnten" viele aufmerksame deutsche Leser finden, die, obwohl keine Spezialisten, die Lektüre von "Die Wohlgesinnten" nutzen, um Dr. jur. Max Aue auf seiner schrecklichen Reise ans Ende der Nacht des Holocaust zu begleiten. Denn wer den Roman einmal angefangen hat, wird wissen wollen, wie er ausgeht und auf welche Weise der Protagonist nach Frankreich, das Land seiner Jugend und seiner Bildung, zurückkehrt, um dort als frustrierter Ehemann und unzufriedener Kleinfabrikant eine, wenngleich völlig unzureichende Buße für seine Verbrechen zu leisten.

Kommentare

26.02.2008 | 18:36 Uhr
Ulrich Reicke schreibt: Täter vs. Opfer

F-R.Hausmann hat in seinem Beitrag vom 25.2.08 eine Bemerkung gemacht, die mir aus dem Herzen spricht: "Das eigentliche Skandalon des Romans liegt in der Verschiebung von der Opfer- hin zur Täterperspektive". Bei all dem Rummel um Littells Täter Aue und die evtl. literarische Bedeutung dieses Romans vergessen wir in meinen Augen das eigentlich Wesentliche: Die Opfer des Holocaust und ihre Stimme.

Nach den Littell-Kostproben in der FAZ habe ich mich für die Opferperspektive entschlossen. Ich greife für's Literarische lieber noch einmal zu Primo Levi, Imre Kertesz und Ruth Klüger, für's Historische zu Saul Friedländers "Jahre der Vernichtung".


26.02.2008 | 03:27 Uhr
Georg Dargelies schreibt: Ein stabiler Denker! (F.R. Hausmann)

In den Wogen der lebendigen Stellungsnahmen der ausgewählten Experten erkennt man sehr wohl den "Tiefen Kiel" menschlichen Denkens, der ihn wohl fuer selbige besonders "wertvoll" macht!


25.02.2008 | 15:48 Uhr
Karsten Garscha schreibt: Glänzende Beiträge

Sie haben, lieber Herr Hausmann, durch ihre ausführlichen, kenntnisreichen und abgewogenen Kommentare glänzende Beiträge zur Diskussion um Littells Roman geleistet und den Reading Room besonders interessant gemacht. Dafür herzlichen Dank!



25.02.2008 | 10:01 Uhr

Jörg Baberowski: Der Roman weiß mehr, als der Historiker schreiben darf

Als der Literaturwissenschaftler und Philosoph Hayden White vor einigen Jahren eine Rede an der Humboldt-Universität hielt, gab er seinen Zuhörern einen Rat: man solle die Bücher der Historiker ignorieren und stattdessen historische Romane lesen. Sachbücher wie Romane gehorchten den gleichen Zwängen des Erzählens.

Denn Geschichten haben ein Anfang und ein Ende, eine Dramaturgie, die von den Vorlieben des Autors ebenso abhängig sind wie von den Konventionen und Erwartungen der Leser. Nur werde, wer einen Roman lese, gewöhnlich besser unterhalten. Deshalb sei der Roman dem gelehrten Sachbuch unter allen Umständen vorzuziehen, weil letztlich beide Genres den gleichen Erzählkonventionen gehorchten. Aber Historiker sind, so könnte man gegen Hayden White einwenden, Schriftsteller, die mit der Wahrheit im Bund stehen. Sie erheben den Anspruch, die Wahrheit über eine Sache zu sagen, und ihre Leser haben die Erwartung, dass sie in ihren Büchern nicht lügen und nichts erdichten. Man könnte auch sagen, das Historiker im Modus der Historie schreiben, und dieser Modus bindet sie an Regeln, die dem Schriftsteller einerlei sein können. Denn der Historiker weiss, dass seine Texte von anderen Historikern gelesen, überprüft und kritisiert werden, und es gibt für ihn nichts Schlimmeres, als der Lüge oder der Erfindung von Tatsachen überführt zu werden. Man muss also belegen, was man behauptet, durch den Verweis auf Quellen und Dokumente, in denen geschrieben steht, was man für eine Tatsache halten darf. Von solchen Beschränkungen läßt sich der Roman nicht aufhalten, sie schreiben dem Autor nicht vor, was er sagen kann und was nicht. Das aber kann, wo die Quellen des Historikers versiegen, ein Vorzug sein. So ist es auch hier.

Natürlich wissen die Leser, dass Max Aue nicht gelebt hat, daß kein Ereignis sich nachweisbar so zugetragen hat, wie Littell es erzählt. Aber darauf kommt es gar nicht an. Die Historiker kommen nicht weiter, weil sie es nur mit Tätern zu tun haben, die ihnen als Rechtfertigungsstrategen, als Befehlsempfänger oder als Gläubige entgegentreten. Die SS-Männer der Historiker erzählen nicht von ihren sexuellen Vorlieben, von dem Gefühl, das sich einstellt, wenn man Menschen tötet oder ihre Vernichtung anordnet. Sie sind keine Zyniker, sondern Täter, die nach dem Krieg sagen, was sie während des Krieges wahrscheinlich nicht über sich und ihre Taten gesagt hätten. Wir wissen, das es so ist, aber wir können als Historiker nichts behaupten, was nicht in den Quellen steht. Dieser Roman schafft Abhilfe, weil es seinem Autor gelingt, eine Situation zu beschreiben, einen Menschen in diese Situation zu versetzen und ihn dabei zu beobachten, wie er sich in dieser Situation verhält. Littell versucht, was auch die Historiker versuchen: das Handeln eines Menschen zu verstehen und es aus dem Verständnis des Jetzt verstehbar zu machen, indem er Vermutungen darüber anstellen kann, wie Menschen vom Schlage Max Aues sich unter den beschriebenen Situationen verhalten hätten. Man bekommt in diesem Buch vorgeführt, was man stets wusste, als Historiker aber nicht schreiben konnte. Deshalb ist dieses Buch wichtig. Es ist nicht nur ein Buch über den nationalsozialistischen Täter, es ist auch ein Buch über den Menschen im Ausnahmezustand, das seinesgleichen sucht. Und es weiß zu unterhalten. Das ist nicht das schlechteste, was zur Verteidigung eines Buches gesagt werden kann.

Kommentare

12.05.2008 | 01:37 Uhr
Thomas Zschiesche schreibt: ... man stelle sich einfach mal vor

ein Deutscher hätte das Buch geschrieben ......


01.03.2008 | 09:34 Uhr
Karin Mihm schreibt: "Deshalb ist dieses Buch wichtig"

Überschrift Zitat von Jörg Baberowski! Ich kann mich den Ausführungen nur anschließen. Littell spricht in seinem Roman (es ist ein Roman, nicht mehr und nicht weniger) den Strukturenvergleich, sein Interesse am Nationalsozialismus "als eine Möglichkeit des Menschen, die alle Menschen betrifft", siehe fehlgeleiteter Idealismus, für Intellektuelle eine verführerische und akzeptable Option an. Sein Anspuch, eine Skala der verschiedenen Nazis zu zeigen, die möglich waren.

Das ist ihm gelungen, jede weitere Diskussion erübrigt sich. SS-Offizier Dr. jur. Max Aue, eine frei erfundene Person spiegelt glasklar den "Menschen" wieder mit all seinen Gelüsten, Begierden nach Macht, Einfluß, Sexualität in allen Facetten, ausgesetzten Verführungen, Erlebnisse, die ihn prägen, agieren und reagieren lassen. In jedem "Krieg" auf dieser Welt gleiche Persönlichkeitsstrukturen, leider Fakt!
Das kann, wie wahr, ein Historiker nicht leisten!



25.02.2008 | 09:22 Uhr

Hans-Martin Gauger: Für Banales interessieren die Erinnyen sich nicht

Die Situation heute ist, was dies angeht, einfach. Diejenigen, die 1945 noch Kinder waren und die später Geborenen tragen keine Schuld. Sie brauchen sich auch nicht zu schämen. Das mit der "kollektiven Scham", von der Theodor Heuß einst sprach, um dem Gedanken einer "Kollektivschuld", den er ablehnte, positiv etwas entgegenzusetzen, gilt für sie nicht.

Auch die Jungen jedoch haben die Verpflichtung, erstens selbst einigermaßen über die Verbrechen Bescheid zu wissen, nichts davon zu verdrängen, und zweitens dafür zu sorgen, dass die Erinnerung erhalten bleibe - die an die Opfer, die an die Täter und die an den ‚Zivilisationsbruch’, wie man zu sagen pflegt, auf den wir hier stoßen, oder auch dieses Versagen im Menschlichen, das sich zeigte, keineswegs ausschließlich, aber doch ganz besonders, im Blick auf die Verfolgung, die Tötung der Juden. Die Schoah bleibt rätselhaft: dass es für sie keinen Grund gab, nicht einmal in Deutschland besonders viel Antisemitismus, dass sie so geschehen konnte, wie sie geschah (aber sie ‚geschah’ ja nicht, sie wurde gemacht), dass sie kaum Missbilligung fand, auch dass kaum jemand von ihr wusste, was letztlich doch wohl nur dadurch zu erklären ist, dass man nichts wissen wollte. Denn die Zerstörung aller Synagogen in einer Nacht (der mit dem lustigen Namen, der noch immer im Schwang ist), der Abtransport der Juden, fanden ja ganz und gar nicht im Geheimen statt. Konnte man wirklich annehmen - im Ernst -, die Juden würden irgendwo im Osten angesiedelt und könnten dort ein neues Leben beginnen? Wobei man sich ja wahrhaftig auch schon hätte fragen müssen, warum sie nicht einfach dort weiterleben durften, wo sie bisher waren. Viktor Klemperer notiert in seinem Tagebuch bereits unter dem 16. März 1942, über drei Jahre vor dem Ende: "Als furchtbarstes KZ hörte ich in diesen Tagen Auschwitz (oder so ähnlich)... nennen..., Tod nach wenigen Tagen". Und gleich danach: "Nicht unbedingt sofort tödlich, aber ‚schlimmer als Zuchthaus’ soll Buchenwald bei Weimar sein...". Und Klemperer, der täglich notierte, was er gehört hatte und was ihm und anderen, die er kannte, zugestossen war, war sicher mehr von entsprechenden Informationen abgeschnitten als die anderen Deutschen. Der Unterschied war wirklich nur, dass er wirklich wissen wollte. Also: wer nichts wissen wollte, hat dann tatsächlich nahezu nichts gewusst. Außer dass die Juden nun eben nicht mehr da waren. Was ja wahrlich auch schon nicht wenig ist. Klemperer ist der empirische Beweis dafür, dass man viel, viel mehr hätte wissen können. Zumindest dies. Und sogar schon anfangs 1942. Und da gab es vor kurzem noch einen Streit, ob ein Mann wie Speer Bescheid wusste! Und nun also dieses Buch. Und genau, ganz genau in dieser Hinsicht ist es wichtig. Es kommt uns und kommt speziell den heute jungen und ganz jungen Erwachsenen zu Hilfe - für die notwendige Bewahrung der Erinnerung. Die Informierten wissen ja schon viel - in Deutschland (und in Österreich) sicher noch mehr als in Frankreich (oder auch in Italien oder gar Spanien). Das Wissen dieser Informierten darf aber nicht das Kriterium sein. Denn nicht für sie, sondern für die noch nicht ausreichend Informierten, die sozusagen ‚normalen’ jungen Leser ist dieses Buch nützlich. Es ist völlig unerheblich, dass die akademischen Historiker, von denen Littell viel gelernt hat, dies alles längst wissen. Er will sich ja nicht von ihnen habilitieren lassen.

Und hier bewährt sich nun, dass dieses Buch Literatur ist. Diese ist nun einmal ansprechender, packender, nachhaltiger, menschlich breiter und reicher als historische Ausarbeitungen, selbst wenn diese, was vorkommt, gut geschrieben sind. Da hat Semprún etwas sehr Wichtiges ganz richtig gesehen. Die Literatur hat hier, wenn sie es zu nützen versteht, ein Privileg. Der Literatur, hat Voltaire einmal gesagt, ist alles erlaubt mit einer Ausnahme: langweilen sollte sie nicht. Und dies muss man diesem Roman ganz ohne Zweifel lassen: langweilig ist er nicht. Auch dafür gibt es einen empirischen Beweis: Bücher, die massenhaft langweilen, verkaufen sich nicht massenhaft. Schlecht können sie freilich trotzdem sein. Voltaires Kriterium reicht ja nicht ganz... Sodann, wichtiger Punkt, dieser Roman ist ein realistischer Roman, was hier heißt, dass er ‚historisch abgesichert’ ist. Er will dies sein und ist es auch. Dies hat insbesondere Frank-Rutger Hausmann, unter mehreren Gesichtpunkten, hier immer wieder dargelegt. Wäre es nicht so, würde der Roman den historisch ermittelten Fakten nicht entsprechen, müsste er abgelehnt werden. Denn: wenn die Schoah in Rede steht, darf nicht phantasiert werden. Genauer: da darf schon auch erfunden werden, aber nur - und eben literarisch - innerhalb eines realistischen Rahmens. Eben dies tut Littell: er erfindet nur innerhalb eines vorgegebenen Rahmens tatsächlicher oder tatsächlich möglicher Fakten.
Schließlich: von einem Roman mit diesem wahrhaft ungeheuerlichen Thema kann man nicht erwarten, dass er ein rundes und beglückendes ‚literarisches Kunstwerk’ sei. Ein Kunstwerk, sagen wir, um gleich zum Gipfel zu greifen, von der Art der "Madame Bovary" (seltsamerwesie beruft sich Littell auf Flaubert) oder dann, auch sehr schön, von der von "Buddenbrooks" - zwei Romane, die man ja auch als realistische bezeichnen muss. Dergleichen geht bei Littells Vorhaben nun nicht. Es wäre geradezu verrückt, es zu verlangen. Wäre ein realistisches literarisches Kunstwerk über die Schoah, gesetzt es käme wirklich zustande, nicht etwas wie Versündigung? Ist eine literarisch geglückte Evokation von Auschwitz denkbar? Wollen wir so etwas? Dass die ersten Reaktionen bei uns auf Littells Roman die Kennzeichnungen "monumental" oder "monströs" gebrauchen, kaum aber ‚groß’ oder ‚gut’ oder gar ‚schön’, liegt am Gegenstand. Nicht nur an Littell und den evidenten Schwächen seines Werks. Auch da kann man Semprún folgen, wenn er sagt: "Das interessiert mich nicht". Womit er meint: das sehe ich auch, ist mir aber hier, in diesem Fall, nicht wichtig. Das literarisch eindrucksvollste Werk der ‚Auseinandersetzung’ mit der Entfesselung des Bösen zwischen 1933 und 1945, Thomas Manns "Doktor Faustus", ziemlich genau vor sechzig Jahren erschienen und damals erregt diskutiert, ist ja künstlerisch auch kein ‚rundes’ Werk. Sodann - kaum Zufall - redet auch im "Faustus", wie bei Littell, ein fiktiver Erzähler. Ein Autor kann einen solchen Erzähler vieles sagen lassen, für das er dann selbst als Autor nicht einzustehen braucht. Denn nicht er sagt es ja, sondern sein von ihm ganz verschiedener Erzähler. Er gibt es nur, gleichsam unverbindlich, zur Erwägung, stellt es in den Raum. So etwas bringt für den Leser Offenheit. Dr. Max Aue ist nun aber ein Erzähler, mit dem man sich - das ist ein Teil von Littells Kunst - ganz und gar nicht identifizieren kann.

Ein Problem dieses Romans ist die breit in ihm vorhandene Sexualität. Ist sie nicht unrealistisch? Kommt da nicht allzuviel zusammen? Wäre da nicht die Kategorie des ‚Aufgesetzten’ fällig? Muss oder darf das hier - gerade hier - sein? Oder gehört das heute, eben weil es halt immer dabei ist, einfach so dazu? Nicht leicht zu beantworten. Da ist eine starke Zumutung. Hinweise auf den Marquis de Sade oder Michel Foucault oder Maurice Blanchot (und andere) sind hier auch wieder, wenn es um die Bewertung geht, also um die Frage, ob man das lesen soll, drückebergerisch ‚akademisch’. Ist doch egal, woher der Littell das hat! Ist das Buch obszön? Ach, niemand weiß ja mehr was das eigentlich sein soll, was dieses Wort meint! Alles Mögliche nennt man heute ‚obszön’. Zum Beispiel die Thematisierung von Ausländerkriminalität in einem Wahlkampf. Das ist jetzt einfach so ein kräftiger Ausdruck geworden. ‚Pornographisch’ ist das Buch sicher nicht, wenn ‚pornographisch’ heißen soll (und das ist immerhin ein präziser Sinn) ‚bewusst auf sexuelle Erregung zielend’ (um es nicht noch drastischer zu sagen). Ganz sicher ist unter realistischem Gesichtpunkt dies: das Sexuelle ist immer dabei, und wenn viele Männer beieinander sind und wenn sie kriegerisch gewalttätig beieinander sind, erst recht. Und das Sexuelle ist da durchaus nicht immer nur so ein unbeteiligt und eigentlich nicht dazugehörend "Mitlaufendes", wie die Philosophen sagen. Jedenfalls bringt es in diesen Roman etwas zusätzlich Unheimliches, bösartig und sehr anwidernd Flackerndes. Es erscheint hier ja nicht in seiner unbekümmert schönen sinnenfrohen Form.

Und noch etwas (es gehört speziell zur Omnipräsenz des Sexuellen hier): die hübsche und leichtfertige Formel von der "Banalität des Bösen" reicht keineswegs aus, nein, sie liegt neben der Sache. Halt so ein Gedanke einer klugen Intellektuellen! Hier bei Littell erscheint das Böse - realistischer - ganz anders. Das Banale kann, das ist schon richtig, als ein unzugehörend "Mitlaufendes" das Böse begleiten - es selbst aber ist etwas ganz anderes. Für Banales interessieren die Erinnyen sich nicht.

Kommentare

29.02.2008 | 18:28 Uhr
Klaus P. Lücke schreibt: H. Gauger: bitte nicht ganz so naiv stellen !

1) 'Konnte man wirklich annehmen..., die Juden würden irgendwo im Osten angesiedelt?'
Bis Kriegsbeginn haben die Nazis alles daran gesetzt, die Juden auszusiedeln. Hitler stand der Palästina-Lösung positiv gegenüber, 'Madagaskar' wurde ernsthaft verfolgt. Nachdem mit dem Ostfeldzug Raum gewonnen war, musste der Bevölkerung diese Aussiedlungs-Idee keinesfalls unpausibel erscheinen!

2) 'Wobei man sich ... hätte fragen müssen, warum sie (d. Juden) nicht einfach dort weiterleben durften, wo sie bisher waren'. Wer sich ein wenig mit dem Dritten Reich/Zweiten Weltkrieg beschäftigt hat, weiß, dass die Nazis die Juden als '5. Kolonne' der Gegnermächte ansahen (auch wenn das Paranoia war). Schon 1934 gab es diese 'Judäa declares War to Germany'-Affäre. Die Feindbildsichtweise verschärfte sich mit dem Russlandfeldzug (Stichw: 'Jüdischer Bolschewismus'), und der erst dann eingeführte Judenstern hatte quasi-militärische Erkennungsfunktion! Auch die Vereinigten Staaten internierten die japanischstämmige Bevölkerung.


26.02.2008 | 00:18 Uhr
Robert Weiß schreibt: Das Wissen um den Holocaust

Es ist verdienstvoll, daß Prof. Gauger im Zusammenhang mit der Nennung seiner Argumente, die für eine Lektüre des Romans von Littell sprechen, auch auf die Frage nach der Kenntniss eingeht, die die Deutschen der Jahre 1941-45 vom Holocaust besessen haben dürften. Schließlich ist diese eine der von den Nachgeborenen diesbezüglich am meisten gestellten. Warum wollte man nicht wissen, obgleich man vielfach wissen konnte?

Den aussterbenden Zeitgenossen dieser Jahre schlicht kollektive Charakterlosigkeit zu unterstellen, dürfte zu kurz greifen. Es darf nicht übersehen werden, daß sich auch die nichtjüdische Bevölkerung dieser Zeit in einer zweifachen Ausnahmesituation befand: Zum einen durch die Kriegssituation, zum zweiten durch die Situation des Lebens in einer Diktatur, in der jede Solidarisierung mit - auch "rassischen" - Gegnern des Regimes das eigene Leben kosten konnte.
Das Handeln der wenigen, die Juden dennoch vor der Vernichtung bewahrten, wird hierdurch um so beachtlicher.


25.02.2008 | 17:57 Uhr
volker m. rollfink schreibt: Zur Buchbesprechung von Klaus Theleweit vom 24.02.2008

Klaus Theleweits Kritikerschelte ist überzogen Das gilt auch für den von ihm gewählten sehr eigenwilligen Zugang zum Roman. Wenn er gleich am Angfang von der Ahnungslosigkeit "so urdeutscher Angelegenheiten wie den Massenmorden des Zweiten Weltkriegs und der angestrebten Vernichtung der europäischen Juden durch Nazi-Deutsche" schwadroniert und diese Formulierungen für die von ihm für angemessen gehaltene literarisch unpolierte furchtbare "Schreibe" ausgibt, ist man irritiert.

Mehr Sprachqualität gilt offensichtlich als abträglich, ein flotter Stil förderlich. So wirkt die Wortwahl einerseits veralgemeinernd und verharmlosend andererseits schockierend. Littells Botschaft - Jeder ist ein Deutscher. Jeder kann zum Täter werden. - erhält bei Theweleit zudem eine Kausalität, die auf wenig Zustimmung treffen wird. Das Unternehmen Erhaltung und Erneuerung der Erinnerung bedarf allerdings derartiger Begründungen nicht. Historiker und Literaten werden sich dem nicht entziehen.



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