Jörg Baberowski:
Der Roman erzählt nichts, was faktisch nicht schon bekannt wäre. Aber er sagt es auf verstörende Weise, weil er einen Täter sprechen lässt, der sich nicht rechtfertigt und sich nicht auf den ideologischen Notstand berufen muss.
Wahrscheinlich wird Jorge Semprum Recht behalten, wenn er sagt, daß am Ende nicht die Historiker, sondern die Künstler, Schriftsteller und Filmregisseure, darüber entscheiden, wie ein Geschehen erinnert wird, mit dem kaum noch jemand persönlich und schicksalhaft verbunden ist.
Wer liest schon die sperrigen Werke deutscher Historiker, deren Prosa gewöhnlich weder emotionale Wirkung noch Spannung erzeugt. Erinnert wird nur, was eine Wirkung hinterläßt. Zwar haben Christopher Browning und Harald Welzer die Details des Tötens, die in diesem Roman zur Sprache kommen, beschrieben. Aber Littell stellt die Techniken des Tötens aus einer Perspektive dar, die den Historikern nicht zur Verfügung steht, weil sie in die Täter nicht hineinschauen können, weil sie sie nicht dabei beobachten können, wie sie über ihr Tun nachdenken.
Den Historikern bleiben nur die Beschreibungen der Opfer und die Rechtfertigungen der Täter, die sich vor ihren Richtern legitimieren mussten. Deshalb kommen bei den Historikern stets die Ideen ins Spiel, von denen sich die Täter angeblich leiten ließen. Aber die Ideologie hat gewöhnlich nur die Funktion, das Töten zu rationalisieren, die Taten vor sich und anderen zu rechtfertigen und ihnen einen Sinn zu geben. Die Idee feiert ihre Triumphe vor und nach der Tat. Während der Tat geschieht etwas anderes.
Das ist das Thema Littels, der schonungslos beschreibt, was geschieht, wenn man sich auf ein Mordprogramm einlässt, das außer Kontrolle gerät, das Männer zusammenschweißt, die gemeinsam Verbrechen begangen haben und nicht mehr ins normale Leben zurückkönnen. Und der Roman ermöglicht es, sich einen Menschen vorzustellen, der aus unterschiedlichen Motiven zum Mörder wird, in dem er dessen Persönlichkeit mit dem Kontext und den Zwängen verbindet, die Handlungen ermöglichen. Man könnte auch sagen, daß der Roman die Konsequenzen einer soziologischen Handlungstheorie befolgen kann, weil er nicht vom Veto der Quellen behindert wird.
Jeder Historiker weiß, dass es sich so zugetragen haben mag, man ahnt auch, dass die Täter ebenso zynisch und ohne Verweise auf übergeordnete Ziele und Ideen ihr grausames Handwerk verrichteten. Aber sie können es nicht sagen. Diesen Dienst an der Wirklichkeit leistet der Roman, dem es gelingt, eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Leser in die Abgründe der menschlichen Seele mit hinabzieht. Könnte ich zeigen, das es so gewesen ist, würde ich versuchen, ein solches Buch zu schreiben.
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