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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

"Die Wohlgesinnten" - ein Holocaust-Roman unter vielen oder etwas ganz Neues?

Claude Lanzmann ("Shoa") hat erklärt, dass der erste Roman des vierzigjährigen Jonathan Littell die Diskussion um die Darstellung des Holocaust verändern werde. Warum? Sind "Die Wohlgesinnten" wirklich etwas ganz Neues, ohne Vorbild in der literarischen Tradition, oder doch nur ein Holocaust-Roman unter vielen?

Beiträge

10.02.2008 | 22:59 Uhr

Jörg Baberowski:

Der Roman erzählt nichts, was faktisch nicht schon bekannt wäre. Aber er sagt es auf verstörende Weise, weil er einen Täter sprechen lässt, der sich nicht rechtfertigt und sich nicht auf den ideologischen Notstand berufen muss.

Wahrscheinlich wird Jorge Semprum Recht behalten, wenn er sagt, daß am Ende nicht die Historiker, sondern die Künstler, Schriftsteller und Filmregisseure, darüber entscheiden, wie ein Geschehen erinnert wird, mit dem kaum noch jemand persönlich und schicksalhaft verbunden ist.

Wer liest schon die sperrigen Werke deutscher Historiker, deren Prosa gewöhnlich weder emotionale Wirkung noch Spannung erzeugt. Erinnert wird nur, was eine Wirkung hinterläßt. Zwar haben Christopher Browning und Harald Welzer die Details des Tötens, die in diesem Roman zur Sprache kommen, beschrieben. Aber Littell stellt die Techniken des Tötens aus einer Perspektive dar, die den Historikern nicht zur Verfügung steht, weil sie in die Täter nicht hineinschauen können, weil sie sie nicht dabei beobachten können, wie sie über ihr Tun nachdenken.

Den Historikern bleiben nur die Beschreibungen der Opfer und die Rechtfertigungen der Täter, die sich vor ihren Richtern legitimieren mussten. Deshalb kommen bei den Historikern stets die Ideen ins Spiel, von denen sich die Täter angeblich leiten ließen. Aber die Ideologie hat gewöhnlich nur die Funktion, das Töten zu rationalisieren, die Taten vor sich und anderen zu rechtfertigen und ihnen einen Sinn zu geben. Die Idee feiert ihre Triumphe vor und nach der Tat. Während der Tat geschieht etwas anderes.

Das ist das Thema Littels, der schonungslos beschreibt, was geschieht, wenn man sich auf ein Mordprogramm einlässt, das außer Kontrolle gerät, das Männer zusammenschweißt, die gemeinsam Verbrechen begangen haben und nicht mehr ins normale Leben zurückkönnen. Und der Roman ermöglicht es, sich einen Menschen vorzustellen, der aus unterschiedlichen Motiven zum Mörder wird, in dem er dessen Persönlichkeit mit dem Kontext und den Zwängen verbindet, die Handlungen ermöglichen. Man könnte auch sagen, daß der Roman die Konsequenzen einer soziologischen Handlungstheorie befolgen kann, weil er nicht vom Veto der Quellen behindert wird.

Jeder Historiker weiß, dass es sich so zugetragen haben mag, man ahnt auch, dass die Täter ebenso zynisch und ohne Verweise auf übergeordnete Ziele und Ideen ihr grausames Handwerk verrichteten. Aber sie können es nicht sagen. Diesen Dienst an der Wirklichkeit leistet der Roman, dem es gelingt, eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Leser in die Abgründe der menschlichen Seele mit hinabzieht. Könnte ich zeigen, das es so gewesen ist, würde ich versuchen, ein solches Buch zu schreiben.

Kommentare


04.02.2008 | 15:33 Uhr

Lutz Hachmeister: Schwülstige Sachlichkeit, schwatzhafte Kälte

Es sind Perspektive, Tonlage und Umfang, die Littells Roman einzigartig machen. Es handelt sich auch nicht um "Holocaust-Literatur". Der Mord an den Juden ist als das Böse schlechthin nur die Folie für die Suada eines schwulen Ästheten, eine mechanische Fallhöhe.

Das Buch ist vor allem prätentiös, Littell führt eine sekundäre Prätention des Grauens vor. Es gibt in der Person von Max Aue eine seltsame Vermählung von kumpelhaften Überredungsgesten, Pedanterie, schwülstiger Sachlichkeit und schwatzhafter Kälte. Eine solche Kombination hat es natürlich in einer Person im SD nie gegeben. Aber von einem eruptiven Werk sollte auch kein naiver Abbildrealismus verlangt werden, kein Zweifel, die Erzahltechnik ist literarisch völlig legitim und wirkungsvoll.

Aber Littell hat in seine Hauptfigur so ziemlich alles hineingesteckt, was einem durch den Kopf gehen kann, wenn man an die intelligenten Planer und Technokraten der SS denkt – für die sich ja in der deutschen Geschichtswissenschaft bis in die neunziger Jahre kaum jemand interessiert hat. In seiner Undiszipliniertheit überhöht er die Figuren des SD, die eben nur in einem staatsterroristischen System als mörderische Intelligentia wirken konnten.

Heute findet sich dieser Typus, gesellschaftlich pazifiert und zivilisiert, in den tragenden Schichten der Bürokratien. Die eisgrauen Parallelwelten der SS-Führer werden, wenn auch nicht so kunstvoll, in Robert Merles "Der Tod war mein Geschäft" und auch in Robert Harris’ "Vaterland", plastischer als in Littells ausladendem Effektroman.

Kommentare

09.02.2008 | 18:51 Uhr
alexander remy schreibt: fehlschlag

Man k a n n nicht verstehen, ohne sich zumindest i.d. grundzügen mit der forschung zu befassen! und bei dieser materie schon gar nicht. groteske details wie: im bunker dem "führer" in die nase zu beißen, sind doch einfach absurd.

wenn man herberts "best"-studie bspw. in ihrer ganzen dimension rezipiert hat, so stellt sich anschließend die frage "wie war es möglich" eigentlich erst recht und man ist doch versucht zu sagen: die wahnsinnigen!
die ganze zielsetzung war - gerade vor der matrix der eiskalten, "vernunft"gesteuerten planung u. durchführung - zu entsetzlich um mit dem mittel des romans erfasst/abgebildet zu werden.


04.02.2008 | 16:04 Uhr
mynona schreibt: Montagefehler

Was Littell beim "Zusammenstecken" seiner Hauptfigur vergessen hat: die prägenden Kindheits- und Jugendjahre, die Weimarer Republik. Max Aues Existenz beginnt erst mit dem "SD-Studium" bei Höhn und Jessen - siehe "Zeitleiste" in diesem reading room.

Ansonsten verdankt sich dieser Homunculus "Mentoren" wie Otto Ohlendorf oder Werner Best - und die reden bei Littell 1943 bereits so, als hätten sie damals schon gewußt, was Historiker wie Ulrich Herbert 50 Jahre später über sie schreiben würden. So zumindest der Eindruck aus "Les Bienveillantes". Bin gespannt, ob in den "Wohlgesinnten" diese Bauchredner-"Dialoge" nicht gleich eins zu eins aus der (weitaus plastischeren) historischen Fachliteratur übernommen werden. Ergo: auch cut & paste darf mittlerweile als "Erzähltechnik" gelten.



04.02.2008 | 08:16 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Ein Gesamttableau, das seinesgleichen sucht

Um die Besonderheiten von "Die Wohlgesinnten" zu erkennen, bietet sich für den Bereich der französischen Literatur der Vergleich mit "Der Tod ist mein Beruf" (Originaltitel: "La mort est mon métier", 1952) von Robert Merle aus dem Jahr 1957 an. Der Stoff wurde in Deutschland nicht zuletzt durch die Verfilmung Theodor Kotullas unter dem Titel "Aus einem deutschen Leben" (1977) mit Götz George in der Hauptrolle bekannt.

Merle lässt darin den SS-Mann Rudolf Lang sein Leben erzählen. Hinter dem Namen verbirgt sich Rudolf Höß, vom 1. Mai 1940 bis zum 9. November 1943 Kommandant von Auschwitz und verantwortlich für die Ermordung von mehr als einer Million Juden. Durch die Icherzählung Merles, die zum ersten Mal in der Literatur einen SS-Henker sein Leben und seine "(Un-)Taten" detailliert berichten lässt, vor allem aber durch die sentimentale Beamtenmentalität des Kleinbürgers Lang, der sein Henkeramt für eine dienstliche Notwendigkeit und zugleich eine nationale und patriotische Pflicht erklärt, wird die ganze "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) deutlich.

Lang-Höß ist eine historische Person, die zudem autobiographische Aufzeichnungen hinterlassen hat. Sie erschienen 1958 unter dem Titel "Kommandant in Auschwitz" und bilden Merles wichtigste Quelle, so dass sein Rudolf Lang eine stimmige Persönlichkeit darstellt. Littell erfindet mit Aue eine Kunstfigur, die an fast allen Mordaktionen der SS beteiligt war und so weder gelebt hat noch so hätte leben können. Der Roman wirkt dadurch überfrachtet, bietet jedoch ein literarisiertes Gesamttableau des Holocaust, das seinesgleichen sucht.

Allenfalls Claude Lanzmanns neuneinhalbstündiger Filmzyklus "Shoah" (1985) liefert eine vergleichbare Chronik der Vernichtung der europäischen Judenheit. Vieles lässt sich jedoch in einem Film leichter "zeigen" als in einem Roman "schreiben". Zum einen ist der filmische Rhythmus geschwinder, so dass sich viele Bilder beim Betrachter verflüchtigen, zum anderen sind sie zunächst plakativer, unmittelbarer, wohingegen eine adäquate "literarische" Beschreibung des industriellen Massenmordes außerordentlich schwierig ist.

Die gängigen sprachlichen Ausdrücke versagen gegenüber dem Einmaligen, Unerhörten und Unfassbaren. Littells Entscheidung, eine einzige Person an fast allen Aktionen des Holocaust mitwirken zu lassen, ist literarisch gewagt, das Ergebnis für den Leser er- und bedrückend. "Die Wohlgesinnten" wenden sich nämlich nicht an Spezialisten für die NS-Zeit, die die Ereignisse kennen, sondern an die "Menschenbrüder" insgesamt (so der Anfang des Romans), die die Beichte dieses Massenmörders entgegennehmen sollen. Nicht so sehr, um ihn freizusprechen, sondern um sich ihrer eigenen Verantwortung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst zu werden.

Kommentare

04.02.2008 | 19:39 Uhr
mynona schreibt: Großer Grabstein

@Namuchat: Was da literaturgeschichtlich interessant sein soll, vermag ich nicht zu erkennen. Nur "geschichtspolitisch" kommt diese Widmung einem großen, gemeinsamen Grabstein nach 1945 gleich.

Darunter wären dann eben all "die Toten" versammelt: die Ermordeten aus dem KZ ebenso wie ihre SS-Bewacher, die bei der Befreiung oder einem Luftangriff "gefallen" sind.
Die Widerstandskämpfer aus dem Warschauer Ghetto oder die summarisch erschossenen "Geiseln" aus Lidice genauso wie Reinhard Heydrich, der bei einem Attentat umgekommen ist ... und schließlich auch Hitler, Goebbels, Göring neben Stauffenberg, von Tresckow.


04.02.2008 | 18:50 Uhr
hadeze schreibt: Verantwortung in Vergangenheit, Gegenwart u. Zukunft?

Verantwortung, liest man auch, denjenigen gegenüber, die uns Vertrauen schenkten. Ich frage mich, wie man aber eine globale Verantwortung übernimmt, eine Verantwortung einer Regierung, eines Genozids? Genozide gehören zur tragischen Geschichte der Menschheit. Nur hat man in einem Leben kaum Zeit alle ausgeführten Genozide als Individum zu verantworten.

Einmal schon, weil Menschen verschieden sind u. verschieden Fakten aufnehmen o. nicht aufnehmen können. Weil Zeit jede Geschichte u. alle Fakten "versandet" u. wir z.B. über manche Genozide auch heute nicht, nichts wissen - z.B., die von Stalin in den sibirischen Weiten verübten, erfüllen wir nie unsere Verantwortung dem Geschehenen gegenüber. Mancher wird daran verzweifeln, angesichts dieser dreidimensionalen Verantwortung: Vergangenheit, Gegenwart u. Zukunft. Verbrechen gab es, gibts und wirds geben. Ein Teufelskreis - aber genau das ist es, was Littell in seinem "Les Bienveillantes" uns mitteilt. Ohne Hoffnung leben?


04.02.2008 | 17:34 Uhr
Namuchat schreibt: Hilberg, Benz, Friedländer

Brav wird Lanzmanns "Shoah" genannt, welcher als Film es angeblich "leichter" hat als ein Roman, eine "Chronik der Vernichtung" zu liefern. Mmmh, umso mehr müsste man hier eine Extra-Seite für R. Hilberg, W. Benz, usw. öffnen, da diese es als Historiker verstanden haben, aus schier endlosem und zumeist entpersönlichtem Quellenmaterial die massenhafte Tragik einzelner Schicksale plastisch werden zu lassen.

Ganz zu schweigen von S. Friedländers (auto-)biographisch-kritischer Aufarbeitung der Judenverfolgung!

Es stimmt also nicht (mehr!!), dass angesichts der Geschichte der Shoah "die gängigen sprachlichen Ausdrücke versagen". Gott sei Dank! Wenngleich eine sehr eingehende, quasi-distanzlose Beschäftigung mit der Zeit nötig ist, um unter größten Schwierigkeiten die Sprache dafür (wieder) zu finden.

@ mynona: die Widmung "pour les morts" ist doch interessant, auch literaturgeschichtlich. Ich kann nicht erkennen, dass Opfer+Täter damit automatisch zusammengefasst werden.


04.02.2008 | 11:23 Uhr
mynona schreibt: Ein Roman "für DIE Toten" ?

Seinesgleichen sucht vor allem Littells Widmung «Pour les morts», «Für die Toten», durch die ganz pauschal Opfer und Täter posthum zusammengebracht, im Gedächtnis zwangsvereinigt werden. Warum fehlt diese allererste Zeile im Vorabdruck? Robert Merle hatte sein Buch immerhin mit der angemessenen Widmung begonnen «aux victimes de ceux pour qui la mort est mon métier».



04.02.2008 | 08:12 Uhr

Klaus Harpprecht: Ein Geniestreich und der letzte Dreck

Das Buch ist ein Monster. Es ist ein Geniestreich, und es ist der letzte Dreck. Es ist ein Kunstwerk, vor dem der gute Geschmack in die Knie geht, und es ist eine Schlammlawine des Kitsches. Es zeugt, in der Exaktheit der historischen Spurensuche, von einem immensen Fleiß und von einem energischen Willen zur Wahrheit, und dennoch ist es grundverlogen.

Die Spannung der Paradoxie erklärt den Erfolg in Frankreich, der sich in Deutschland wiederholen mag. Vielleicht nicht in gleichem Maße. Denn das Werk bot den Franzosen überdies den Reiz, die Geschichte des nazistischen Entsetzens durch die Augen des Feindes zu sehen, der (fast) einer der ihren war.

Die mittlere und jüngere Generation erfährt durch die Genauigkeit der Recherchen (trotz aller Fehler) und durch die schockierende Härte der Bilder mehr von der Realität des totalitären Staates, vom Funktionieren seiner Apparatur, vom Horror des Krieges und den Gräueln der Vernichtung als es ganze Bibliotheken und das verknoppisierte Fernsehen jemals zu vermitteln vermochten. Keinem Menschen der nächsten, der übernächsten Generation hätten wir die Berichte von den Schlächtereien der "Einsatzgruppen" im Hinterland der russischen Front – vor den Augen und oft genug mit dem Einverständnis der Wehrmachtskommandeure - oder dem elenden Verrecken der Landser im Kessel von Stalingrad zugetraut. Die Überlebenden konnten nicht reden, und kaum einer der Stummen konnte schreiben. Was Littell mit diesen Schilderungen leistet, lässt den Atem stocken. Kaum einer kam je der Wahrheit näher.

Und dennoch steht die Wahrhaftigkeit des Buches in Frage. Das Fragezeichen klebt auf der Stirn des Ich-Erzählers Sturmbannführer Dr. Max Aue, einer der jungen Stars des Reichssicherheitshauptamtes, der Kommando-Zentrale des Terrors und der Vernichtung. Ein Intellektueller, gebildet, kultiviert, sensibel, ein Ästhet. Darin entspricht er einem Klischee, von dem die Franzosen so wenig lassen können wie die Briten von den romantisch überhöhten Gegnern à la "Roter Baron" oder "Wüstenfuchs Rommel". Das verklärte Wunschbild vom Feind entschuldigt das eigene Versagen und die Faszination, die sich aus der Angstlust (und der Lustangst) nährt. Aber hätte es im Umkreis des Reichsführers SS einen Mann wie Max Aue wirklich geben können?

Kommentare

16.02.2008 | 00:15 Uhr
Jochen Lang schreibt: effet de manche

Ich habe das Buch (hier in Frankreich) gelesen, und irgendwann faengt man an quer zu lesen, und sachte den Kopf zu schuetteln. Neue Gedanken, selbst fuer den Laien der etwas ueber das Thema gelesen hat, nichts, hoechstens dass alte boehmische Adelsfamilien hier preussisch sind.

Und ueber allem haengt ein guter Hauch von Kitsch, wie Herr Harpprecht richtig sagt, und ein Schwall an Klischees. Und es sind die letzteren, die einem den Magen umdrehen, den Eindruck geben, dass fuer "intelektuelle Schoenschreibe" alles hochstylisiert wurde. Soll man traurig sein, oder loslachen, wie in dem Film "Jules et Jim", wo ploetzlich der Deutsche sich mit Bierseidel unter der Kuckucksuhr widerfindet. Im allem spiegelt das Buch eher eine morbide Faszination wieder, die Realitaet war wohl banaler und schrecklicher als in dieser Schwarzwaldklinik des Ausloeschens. Ich bin gespannt, wie die Aufnahme des Buches in Deutschland sein wird.


05.02.2008 | 09:35 Uhr
webermax schreibt: freier wille fortgesetzt

letztlich scheint sich die frage nach dem "freien" willen auf eine art selbstkränkung zu verdichten, nämlich auf die frage: wie hätte ich mich verhalten? nur: diese frage ist mitnichten seriös zu beantworten, weil wir bereits von komplett anderen voraussetzungen ausgehen müssen. insofern lässt sich allerdings auch kein überzeitlicher wille herauspräperieren, der "frei für meine Überzeugungen" einsteht.

vielleicht sollte die diskussion nicht so sehr als verunsichernder lebenshilferatgeber fungieren (wie hätte ich als kz-aufseherin humaner agieren können? stellt man sich diese frage, ist bereits alles zu spät!) - meine these: die semantik des freien willens verstellt viel eher den blick vor der "banalität des bösen". wie gesagt: siehe z.b. haug zur formung des nationalsozialistischen subjekts via willensschulung, -ratgeber, grosser disziplinaranstalten (partei, hj, schule, etc.), aber auch massenmedien (karrikaturen, plakate, kino, etc.).


04.02.2008 | 21:03 Uhr
jenssiebke schreibt: Harpprecht, jedenfalls, macht mich nicht neugierig

Ich las (wie wohl alle hier) bisher nur die ersten beiden Folgen des Vorabdrucks: ursprünglich nicht besonders an dem Buch interessiert, muß ich nun schon einräumen, daß ich den Beginn recht rafiniert finde: die Einführung der Erzählfigur mit sacht eingestreuten moralischen Provokationen kommt gut lesbar daher und ich denke, nach Ende des Vorabdrucks werde ich wissen, ob ich das gesamte Monstrum bestellen werde.

Ob aber die 1000 Littell-Seiten mehr hergeben werden, als der aktuelle, kleine Vortrag von Jan Philipp Reemtsma über die Theorie der Gewalt es vermochte? Den häßlichen Tatsachen (nämlich der Normalität der Gewaltanwendung in/von uns Allen) ins Auge zu sehen, böte die eine Chance zur Verhinderung schlimmer Exzesse: "Was an die Stelle der Illusionen treten sollte, ist nicht etwa die Hoffnung auf eine bessere Zukunft - vom Hoffen ist nichts zu hoffen. Vielmehr eine Kombination von Angst und Selbstbewusstsein, und das bedeutet eine Veränderung der Selbst-Imagination."


04.02.2008 | 19:54 Uhr
v.schlieffen schreibt: Freie Willensentscheidung weitere

Herr Dr. Aue hat wohl bewußt zu jeder Zeit seine Entscheidungen für das Regime und seine Karriere getroffen: Menschen werden sich immer für einen bestimmten Lebensweg ohne "Wenn" und "Aber" entscheiden.

Doch wie steht es um diejenigen, die sich nicht bewußt in eine bedrohliche humanitäre und christliche Lebenssituation begeben haben, sondern durch äußere Machteinflüsse sozusagen "hineingeworfen" worden sind? Wer hat sich bewußt entschieden, KZ-Aufseher zu werden? Wer hatte die Möglichkeit als Aufseher im kollektiven Handeln mit den "Kollegen/innen" gegen die Tötungsmaschinerie anzugehen?
Für mich stellt sich deshalb immer wieder die Frage, wann kann ich mich noch frei für meine Überzeugungen entscheiden?


04.02.2008 | 19:27 Uhr
Schwarzmarkt schreibt: Warum nicht?

Was ich bisher gelesen habe, erinnert mich an das Buch: Mir selber seltsam fremd. Hier beschreibt ein gebildeter Bürger aus gutem Haus, wie er abrutscht und durch Fronterlebnisse immer mehr verroht. Vom feinsinnigen Menschen zum groben Tier.

Ich denke, einer der Kardinalsfehler, den wir Menschen immer gerne machen ist, das wir gebildeten Leuten, Leuten mit Humor und Geist keine Bösartigkeit zutrauen. Um richtig böse zu sein, muss Mensch leider doch über eine hohe Intelligenz verfügen.

Mich macht das Buch neugierig und betroffen zugleich. Ich frage mich immer, ob ich damals hätte widerstehen können und bin froh heute nicht vor so einem Dilemma zu stehen.


04.02.2008 | 15:58 Uhr
webermax schreibt: freier wille fortsetzung

um sich der zuvor aufgeworfenen frage anzunähern, bedarf es m.e. eines diskurstheoretischen blickwinkels, der immer noch in weiten teilen der professionellen historikergarde abschätzig behandelt wird. das erklärt dann möglicherweise auch die mangelnde resonanz zweier für die annäherung an die problematik wesentlicher, schon etwas älterer werke:
sowohl theweleits "männerphantasien" als auch haugs "faschisierung des subjekts" finden als theoretische bezugsgrösse in der gegenwärtigen geschichtsschreibung kaum statt. beide texte zeigen jedoch, welche institutionellen, massenmedialen & politischen subjektivierungspraktiken zur herstellung ideologisch einsichtiger subjekte beitragen.
fazit: interessant ist nicht so sehr die scheinbare historische realitätsnähe des romans, sondern die vergangenheitspolitische umgangsweise mit dem "nazi"-etikett - und gerade darin scheint schirrmacher stets eine vorreiterrolle einnehmen zu wollen.


04.02.2008 | 15:37 Uhr
webermax schreibt: über das problem freier willensentscheidung

ich gebe herrn oder frau v.schlieffen dahingehend recht, dass die romanfigur aue nicht notwendigerweise ein "realistisches" pendant benötigt.

schliesslich handelt es sich um einen roman & nicht um eine wissenschaftliche gütekriterien genügende qualifikationsarbeit. insofern genügt wohl narrative plausibilität.
allerdings stellt sich m.e. doch die frage nach dem freien willen anders: es scheint nicht so sehr relevant, inwiefern, vor dem anthropologischen hintergrund eines als "natürlich" vorausgesetzten freien willens des menschen, dieser durch bestimmte mechanismen korrumpier- und manipulierbar sei. interessant ist doch vielmehr, unter welchen möglichkeitsbedingungen solch ein wille zur vernichtung ausgebildet werden konnte. das ideologische koordinatensystem wies die vernichtungshandlungen als "verantwortungsbewusstes" handeln aus - inwiefern ist es dann überhaupt sinnvoll, einer figur wie aue solch einen freien willen oder eine selbstbestimmte handlungskoordination abzusprechen


04.02.2008 | 13:55 Uhr
v.schlieffen schreibt: Freie Willensentscheidung

Es geht doch überhaupt nicht um die Frage, ob es diesen Dr Max Aue in dem Naziregime hätte geben können, und es geht auch nicht um verklärte Wunschbilder oder eine wie auch immer geartete Faszination.

Es kann doch nur darum gehen, ob dieser Roman Fragen beantwortet, die in den bisherigen unzähligen historischen, literarischen, medialen etc. etc. Veröffentlichungen noch nicht zur Genüge erörtert und aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet worden sind. Als Leser dieses 1100 Seiten Romans brauche ich nicht noch einmal eine akribische Aufstellung aller Verbrechen der Nazidiktatur: ich kenne sie alle!
Mich treibt heute allein die Frage um: Wann,wie und durch was kommen Menschen in Situationen, in denen ihnen eine freie Willensentscheidung zu einem selbstbestimmten, verantwortungsbewußten Handeln unmöglich wird?



04.02.2008 | 08:04 Uhr

Helmuth Kiesel: Ich kenne kein vergleichbares Werk

Die internationale Holocaust-Literatur ist zu umfangreich, als dass man im Gefühl sicheren Wissens sagen dürfte, Littells Roman stelle etwas ganz Neues dar. Ich kenne freilich kein vergleichbares Werk; die neueren literaturgeschichtlichen Darstellungen der Holocaust-Literatur (Lamping 1992, Young 1992, Schlant 2001, Eke/Steinecke 2006) führen keines an, und auch in der bisherigen Debatte um die "Wohlgesinnten" wurde keines genannt.

Gäbe es ein vergleichbares Werk oder gar mehrere von dieser Art, so wäre auch das Aufsehen nicht erklärbar, das dieser Roman hervorgerufen hat. Man wird also wohl von einem Neu-Ansatz sprechen dürfen. dieser besteht darin, dass Littell den Holocaust distanzlos und konsequent aus der Sicht eines "Henkers" beschreibt, wie glaubwürdig diese Figur auch immer sein mag.

Dergleichen hat es bisher wohl nur ansatzweise gegeben, etwa in Alexander Kluges "Lebensläufen" (1962: "Ein Liebesversuch"), wo ein ehemaliger KZ-Aufseher in pedantischer Sachlichkeit und biedermännischer Unschuld zu Protokoll gibt, wie in einem KZ zwangssterilisierte Paare zum Geschlechtsakt gebracht werden sollten und im Falle des Versagens erschossen wurden; oder in Peter Weiss’ Auschwitz-"Oratorium" "Die Ermittlung" (1965), wo die Henker ebenfalls im Originalton zu vernehmen sind, aber weder so ausführlich noch so ungebrochen wie in Littells Roman (die "Ermittlung", die auf den Frankfurter Auschwitz-Prozessen aufbaut, umfasst nur zweihundert spärlich bedruckte Protokollseiten).

Den "Henkern" eine Sprache zu geben, wie Claude Lanzmann über die "Wohlgesinnten" gesagt hat, und den Holocaust aus der Sicht eines emphatischen Nationalsozialisten zu vergegenwärtigen, war bisher wohl ein Tabu – anders übrigens als im Fall der stalinistischen Verbrechen, wie man an Heiner Müllers "Mauser" (1970) sehen kann. Im Unterschied zum Kommunismus war der Nationalsozialismus – glücklicherweise – dermaßen diskreditiert, dass eine identifikatorische Darstellung ohne ausdrückliche Distanzierung für die Autoren entweder aus eigenen ethischen und ästhetischen Bedenken nicht in Frage kam oder durch die Antizipation einer rigorosen öffentlichen Ablehnung unterbunden wurde. Beides scheint nun nicht mehr zu gelten.

Kommentare

08.02.2008 | 19:13 Uhr
Holger Koepcke schreibt: Marcel Beyer: Flughunde

In diesem Roman wird auch die Perspektive des "Henkers" eingenommen.


05.02.2008 | 17:13 Uhr
wolfgangherbst schreibt: Albert Speer

Hier hat Klaus Harpprecht den Intellektuellen, den er im Banne Hitlers und im Umkreis der Mordmaschinerie sucht.
Speer war sicher nicht der "Normal-Protagonist" des Nazi-Wahnsinns, aber an ihm wird deutlich, dass auch bürgerliche humanistische Bildung kein Schutzschild vor Verführung und dem Schritt zum Massenmörder war.


05.02.2008 | 06:59 Uhr
Markus_Betz schreibt: Herkunft hilft Littell

Die Tatsache, dass Jonathan Littell, Franzose und Jude ist, macht dieses "den Henkern eine Sprache geben" unproblematischer. Ich fühle mich an die Islamkritik in Deutschland erinnert. Hier sind es Ralph Giordano und Henryk M. Broder, die - ohne in die Nazi-Ecke gestellt zu werden - sehr pointiert, die Gefahr, welche vom radikalen Islam für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ausgeht, ansprechen können.


04.02.2008 | 23:46 Uhr
ckley schreibt: Das Lied des Polyphem

Hier verweise ich auf den Roman "- Bildnis eines Massenmörders" von Andreas von Klewitz (2004), der vom didaktischen Stil durchaus vergleichbar erscheint.



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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