Lutz Hachmeister: C’est trop
Man könnte Max Aue einfach als literarische Kunstfigur nehmen, deren Denken und Handeln aus dem Arsenal historischer Realitäten stammt. In Max Aue stecken Führungspersonen aus dem Reichssicherheitshauptamt wie Otto Ohlendorf, Werner Best, Walter Schellenberg, Herbert Mehlhorn, Reinhard Höhn, Franz Alfred Six und SD-Chef Reinhard Heydrich selbst, der es gern sah, wenn sich die SS-Intelligenz in den Einsatzgruppen besudelte und nicht nur im Büro Großraumpläne oder Deportationsstrategien entwickelte.
Das wurde damals "kämpfende Verwaltung" genannt. Aue trifft wie in einem Spiegelkabinett in den anderen SD-Führern auf Splitter seiner eigenen Persönlichkeit. Aue als Zelig und Ahasver zu zeichnen, ist einer der Tricks von Littell, die das Buch in seiner Konstruktion interessant, aber auch wie Marionettentheater durchschaubar machen. Dr. Aue taucht bei den Einsatzgruppen in der Ukraine auf, in Stalingrad, natürlich auch in Auschwitz und Dora-Mittelbau, und schließlich beißt er im Führerbunken Hitler in die Nase. Nachdem Littell seinen Helden durch Blut, Schlamm und Exkremente hat waten lassen, nachdem Aue Inzest mit seiner Schwester Una getrieben hat, nebenbei eine homosexuelle Gelegenheitsbekanntschaft ins Jenseits befördert und wohl auch Mutter und Stiefvater im Exzess umbrachte, soll es auch ein klein wenig witzig werden. C’est trop.
Zu den Littell’schen Tricks gehört die Immunisierung der Hauptfigur, so wie der ganze Roman als Mischung aus Kalkül und Rausch daherkommt. Aue ist immer alles und nichts zugleich. Littell achtet sehr genau darauf, dass man ihn nicht dingfest machen kann, um das Enigmatische seiner Konstruktion zu bewahren. Einerseits ist Aue jemand, der nichts bereut, aber dann doch wieder ein Intellektueller mit Skrupeln. Er ist Deutscher und SD-Jurist, aber auch Halbfranzose und Liebhaber der Barockmusik von Rameau und Couperin.
Das polymorph Perverse an ihm hat nichts SS-Spezifisches, sondern legt nach Auskunft des Ich-Erzählers das Unausgesprochene frei, gibt die Chance zu hundert Seiten gepflegter Pornographie und zum Visconti-Touch, den die Deutschen, von einigen Anklängen bei Fassbinder abgesehen, nach 1945 nicht hinbekommen haben. Aue erhält von Reichsführer SS Himmler und seinem Stabschef Rudolf Brandt wichtige, undurchsichtige Aufträge, die es ihm erlauben, sich im ganzen Reich der SS herumzutreiben und mehrfach Adolf Eichmann zu begegnen. In den Eichmann-Episoden wird das Spiel mit Persönlichkeitsbildern und ihren publizistischen oder wissenschaftlichen Interpretationen nach 1945 kenntlich: Aue, nunmehr Textilfabrikant in Nordfrankreich, kann die ganze Debatte um die "Banalität des Bösen" mit dem Argument in seine Erzählung einfließen lassen, man habe in den 1960er Jahren so viel über Eichmann geredet. Aue weiß es aus eigener Erfahrung besser, und damit entfernen sich Littell und sein Held von der Binnenperspektive der technokratischen SD-Elite – Aue wird vielmehr zum Weltgeist, zum Juden, zum Wohlgesinnten selbst. Damit wird Aue überkomplex und erhebt sich über die Zutaten, aus denen er gemacht ist.
Es ist interessant, die Psychologie solcher Staatsterroristen wie Schellenberg, Ohlendorf, Höhn, Best oder Six mit alle ihren Momenten von Kleinbürgerlichkeit, Vernichtungsenergie, Verpanzerung, Gefühlsschwankungen und auch homoerotischem Männerbund zu studieren. Niemand von diesen SD-Planern war wie Max Aue, der damit kein soziologischer Idealtypus ist, sondern die Erfindung von Jonathan Littell – nicht mehr und nicht weniger.



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hpo schreibt: Weniger wäre in der Tat mehr gewesen
Für jemanden, wie mich, der den Roman liest, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie einer der Täter gedacht haben könnte, ist die Geschichte wirklich zu dick aufgetragen. Das Schlimme ist ja in Wirklichkeit, daß viele der Täter ihre Verbrechen begangen haben, ohne zusätzlich noch homosexuell, inzestuös etc. zu sein. Insofern lenken diese Eigenschaften Aues von der wirklichen Monstrosität der Verbrechen ab.
Eine Figur, wie Werner Best ist im Grunde viel erschreckender als Max Aue, da er im Grunde "normal" und "gewöhnlich" war. Aber über den gibt es schon eine exzellente Biographie.
kgarscha schreibt: En effet, c'est trop
Littell greift bei der Modellierung von Aue zu dem in der Literatur nicht unüblichen Verfahren der Kompositfigur: Diese wird aus meheren möglichen Einzelfiguren, und seien sie noch so verschieden oder widersprüchlich, zusammen gesetzt. Ein anderer "monströser" Roman mit totalem Anspruch, in dem diese Technik angewandt wird, ist z.B. "Terra Nostra" von Carlos Fuentes: Er konfrontiert die "reale" Geschichte Spaniens und Hispanoamerikas seit 1492 mit einer virtuell anderen (und besseren).
Littells Figur Aue trägt, was seine Belesenheit und literarische Bildung angeht, viele Züge der französischen Rechtsintellektuellen vor und während Vichy, besonders die von Robert Brasillach (auch wenn dieser selbst in "Les Bienveillantes" auftritt). Es lohnte sich sicherlich, Littells Konzept dieser deutsch-französischen faschistisch-nationalsozialistischen Komposit-
figur nachzugehen (vor allem mit Blick auf die anvisierte Leserschaft).
Karsten Garscha