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Dienstag, 05. Februar 2008
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Patrick Bahners

Frage des Tages:

Wie historisch ist Max Aue? War eine solche Figur im Dritten Reich möglich?

"Nie hat es bessere Sklaven, nie schlechtere Herren gegeben" - unter dieses Motto des römischen Historikers Tacitus stellte Joachim Fest seine Porträt-Serie "Das Gesicht des Dritten Reiches". In diesem Aufsteigerregime, das das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft pervertierte, schien keine Karriere undenkbar. Trifft das auch auf die des fiktiven Juristen Dr. Max Aue zu?

Beiträge

05.02.2008 | 15:47 Uhr

Lutz Hachmeister: C’est trop

Man könnte Max Aue einfach als literarische Kunstfigur nehmen, deren Denken und Handeln aus dem Arsenal historischer Realitäten stammt. In Max Aue stecken Führungspersonen aus dem Reichssicherheitshauptamt wie Otto Ohlendorf, Werner Best, Walter Schellenberg, Herbert Mehlhorn, Reinhard Höhn, Franz Alfred Six und SD-Chef Reinhard Heydrich selbst, der es gern sah, wenn sich die SS-Intelligenz in den Einsatzgruppen besudelte und nicht nur im Büro Großraumpläne oder Deportationsstrategien entwickelte.

Das wurde damals "kämpfende Verwaltung" genannt. Aue trifft wie in einem Spiegelkabinett in den anderen SD-Führern auf Splitter seiner eigenen Persönlichkeit. Aue als Zelig und Ahasver zu zeichnen, ist einer der Tricks von Littell, die das Buch in seiner Konstruktion interessant, aber auch wie Marionettentheater durchschaubar machen. Dr. Aue taucht bei den Einsatzgruppen in der Ukraine auf, in Stalingrad, natürlich auch in Auschwitz und Dora-Mittelbau, und schließlich beißt er im Führerbunken Hitler in die Nase. Nachdem Littell seinen Helden durch Blut, Schlamm und Exkremente hat waten lassen, nachdem Aue Inzest mit seiner Schwester Una getrieben hat, nebenbei eine homosexuelle Gelegenheitsbekanntschaft ins Jenseits befördert und wohl auch Mutter und Stiefvater im Exzess umbrachte, soll es auch ein klein wenig witzig werden. C’est trop.

Zu den Littell’schen Tricks gehört die Immunisierung der Hauptfigur, so wie der ganze Roman als Mischung aus Kalkül und Rausch daherkommt. Aue ist immer alles und nichts zugleich. Littell achtet sehr genau darauf, dass man ihn nicht dingfest machen kann, um das Enigmatische seiner Konstruktion zu bewahren. Einerseits ist Aue jemand, der nichts bereut, aber dann doch wieder ein Intellektueller mit Skrupeln. Er ist Deutscher und SD-Jurist, aber auch Halbfranzose und Liebhaber der Barockmusik von Rameau und Couperin.

Das polymorph Perverse an ihm hat nichts SS-Spezifisches, sondern legt nach Auskunft des Ich-Erzählers das Unausgesprochene frei, gibt die Chance zu hundert Seiten gepflegter Pornographie und zum Visconti-Touch, den die Deutschen, von einigen Anklängen bei Fassbinder abgesehen, nach 1945 nicht hinbekommen haben. Aue erhält von Reichsführer SS Himmler und seinem Stabschef Rudolf Brandt wichtige, undurchsichtige Aufträge, die es ihm erlauben, sich im ganzen Reich der SS herumzutreiben und mehrfach Adolf Eichmann zu begegnen. In den Eichmann-Episoden wird das Spiel mit Persönlichkeitsbildern und ihren publizistischen oder wissenschaftlichen Interpretationen nach 1945 kenntlich: Aue, nunmehr Textilfabrikant in Nordfrankreich, kann die ganze Debatte um die "Banalität des Bösen" mit dem Argument in seine Erzählung einfließen lassen, man habe in den 1960er Jahren so viel über Eichmann geredet. Aue weiß es aus eigener Erfahrung besser, und damit entfernen sich Littell und sein Held von der Binnenperspektive der technokratischen SD-Elite – Aue wird vielmehr zum Weltgeist, zum Juden, zum Wohlgesinnten selbst. Damit wird Aue überkomplex und erhebt sich über die Zutaten, aus denen er gemacht ist.

Es ist interessant, die Psychologie solcher Staatsterroristen wie Schellenberg, Ohlendorf, Höhn, Best oder Six mit alle ihren Momenten von Kleinbürgerlichkeit, Vernichtungsenergie, Verpanzerung, Gefühlsschwankungen und auch homoerotischem Männerbund zu studieren. Niemand von diesen SD-Planern war wie Max Aue, der damit kein soziologischer Idealtypus ist, sondern die Erfindung von Jonathan Littell – nicht mehr und nicht weniger.

Kommentare

05.02.2008 | 20:37 Uhr
hpo schreibt: Weniger wäre in der Tat mehr gewesen

Für jemanden, wie mich, der den Roman liest, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie einer der Täter gedacht haben könnte, ist die Geschichte wirklich zu dick aufgetragen. Das Schlimme ist ja in Wirklichkeit, daß viele der Täter ihre Verbrechen begangen haben, ohne zusätzlich noch homosexuell, inzestuös etc. zu sein. Insofern lenken diese Eigenschaften Aues von der wirklichen Monstrosität der Verbrechen ab.

Eine Figur, wie Werner Best ist im Grunde viel erschreckender als Max Aue, da er im Grunde "normal" und "gewöhnlich" war. Aber über den gibt es schon eine exzellente Biographie.


05.02.2008 | 18:02 Uhr
kgarscha schreibt: En effet, c'est trop

Littell greift bei der Modellierung von Aue zu dem in der Literatur nicht unüblichen Verfahren der Kompositfigur: Diese wird aus meheren möglichen Einzelfiguren, und seien sie noch so verschieden oder widersprüchlich, zusammen gesetzt. Ein anderer "monströser" Roman mit totalem Anspruch, in dem diese Technik angewandt wird, ist z.B. "Terra Nostra" von Carlos Fuentes: Er konfrontiert die "reale" Geschichte Spaniens und Hispanoamerikas seit 1492 mit einer virtuell anderen (und besseren).

Littells Figur Aue trägt, was seine Belesenheit und literarische Bildung angeht, viele Züge der französischen Rechtsintellektuellen vor und während Vichy, besonders die von Robert Brasillach (auch wenn dieser selbst in "Les Bienveillantes" auftritt). Es lohnte sich sicherlich, Littells Konzept dieser deutsch-französischen faschistisch-nationalsozialistischen Komposit-
figur nachzugehen (vor allem mit Blick auf die anvisierte Leserschaft).
Karsten Garscha



05.02.2008 | 09:20 Uhr

Frank-Rutger Hausmann: Ein typischer bedingungsloser Vollstrecker

Max Aue, promovierter Jurist, zuletzt im Range eines Obersturmbannführers (Oberstleutnant), bekleidet eine herausgehobene Position im Gefüge der SS. Man könnte ihn zur "Generation des Unbedingten" (Michael Wildt) rechnen, jener Gruppe bedingungsloser Vollstrecker, die das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes bildeten und für die Planung wie die Durchführung des Holocaust und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich waren.

Soweit man ihrer nach 1945 habhaft werden konnte, wurden sie abgeurteilt. Dank dieser Prozesse erfuhr eine breite Öffentlichkeit von dem größten kaltblütig geplanten und gleichsam industriell durchgeführten Massenmord aller Zeiten. Im "größten Mordprozess" der Geschichte, dem sog. Einsatzgruppenprozess, einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse, wurden 1947/48 insgesamt 24 SS-Offiziere und SS-Führer angeklagt, von denen sechs den gleichen Rang wie Aue, elf einen höheren und sieben einen niedrigeren bekleideten. Acht der Angeklagten waren übrigens Juristen; fast alle hatten einen akademischen Beruf. Jedem einzelnen wurde die Verantwortung für die Ermordung von mindestens 10.000 Menschen zur Last gelegt und nachgewiesen.

In weiteren Prozessen gegen KZ-Kommandanten und KZ-Personal kamen weitere, ungeheuerliche Mordtaten zur Sprache. Der Höß-Prozess im März 1949 in Warschau war der erste dieser Prozesse, der Krakauer Auschwitz-Prozess im November 1947 der zweite; die 1963 in Frankfurt beginnenden Auschwitz-Prozesse waren ein wichtiger Schritt auf dem Weg der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen. Andere Prozesse (z.B. Majdanek-Prozess in Düsseldorf, ab 1975) schlossen sich an.

Max Aue ist eine ,Kunstfigur’, die an den genannten und vergleichbaren nicht genannten Mordtaten aktiv beteiligt war, aber auch als ,Schreibtischtäter’ in der SS-Verwaltung wirkte. In der Realität hat es m.W. eine solche Figur nicht gegeben, aber die von ihr begangenen Verbrechen haben alle einen realen Hintergrund.

Kommentare

05.02.2008 | 15:32 Uhr
Bechstein schreibt: Aue als Synonym für das ganze Volk?

Auch wenn man die von der FAZ hier dankenswerterweise angebotene Inhaltsübersicht über den Roman und die ersten drei Folgen des Vorabdrucks gelesen hat, ist es natürlich viel zu früh, um ein abschließendes Urteil zu ermöglichen, ob eine solche Figur möglich war oder nicht.

Ich frage mich aber, ob der Autor möglicherweise ganz bewusst alle Eigenschaften, die er den Deutschen zuschreibt - neben den sattsam bekannten typischen Nazi-Elementen auch die musischen, geistigen, sensiblen etc. - in die Figur des Aue hineingelegt hat, um diese Figur als Synonym für das ganze Volk auftreten zu lassen. Wenn dies sein Plan war, muss er scheitern. Das wäre nichts anderes als "Goldhagen II, ginge somit an der Wahrheit vorbei und brächte keinerlei neue Erkenntnisse. Nicht die Aggregation aller in einer Kunstfigur bringt neue Einsichten, sondern das Gegenteil: der saubere Schnitt quer durch alle Schichten. Nicht die Keule, das Skalpell ist gefragt.



05.02.2008 | 09:15 Uhr

Klaus Harpprecht: Die Wahrhaftigkeit des Monsters

Gab es einen Max Aue im Umkreis des Reichsführers SS? Ohlendorf vielleicht? Ein brillanter Beamter und zweifellos ein umsichtig handelnder Massenmörder. Hatte er Kierkegaard gelesen, wie Littell unterstellt? Wohl kaum. Heydrich? Mit einer bösen Intelligenz begabt, die ihn befähigte, die Strategie der "Endlösung" zu entwerfen und das "Protektorat Böhmen und Mähren" als eine Art Musterkolonie des Reiches zu verwalten.

Ein Intellektueller? Er spielte, wie bezeugt wird, ganz ordentlich die Geige, und er schätzte klassische Musik. Aber kultiviert? Dr. Werner Best, von seinem Konkurrenten Heydrich im Kampf um die Führung des RSHA an die Wand gedrückt: von ihm könnte am ehesten gesagt werden, dass er von "bürgerlicher Bildung" geprägt sei. Doch er war zugleich ein "weltanschaulich" bewegter Sektierer, dem es an dem bisschen Scharfsinn gebrach, das es brauchte, das Gewölle der nazistischen "Veterinärsphilosophie" (Carlo Schmid) zu durchschauen (obschon ihr Littell, seltsam genug, in einem seiner wenigen Interviews die gleiche "Solidität" bescheinigt wie dem Marxismus).

Dann vielleicht Schellenberg (den der Autor dieses Einwurfs kannte)? Ein intelligenter Opportunist, ehrgeizig und zu gerissen, um sich durch die Teilnahme an den Vernichtungsaktionen die Finger schmutzig zu machen, nicht ohne Charme, mit einem dünnen Bildungsfirnis versehen. Ein Intellektueller? Gewiss nicht. Kultiviert? Ein halbwegs elegant dressierter Kleinbürger. Eichmann? Der mordende Bürokrat, der vernichtende Spießer, sonst nichts. Oberländer, der mit seinen ukrainischen Söldnern am Rande herumspukt? Er kam dem Begriff des Intellektuellen ein Stück näher.

Das Klischee vom kultiviert-musikalischen SS-Schergen legte die Unterteilung des Buches nach den Sätzen der barocken Suite nahe: von der Toccata über die Allemande und die Sarabande bis zur Gigue. Auch dies erfüllt die Suggestion des Stereotyps: dass Max Aue einen adligen Herrn, der kurz vor dem Einmarsch der Russen auf der Dorfkirchenorgel die "Kunst der Fuge" intoniert, nach ergriffenem Lauschen kurzerhand über den Haufen schießt. "Wegen dieser korrupten Junker verliert Deutschland den Krieg. Der Nationalsozialismus geht zugrunde, und sie spielen Bach..." Nur: orgelspielende Junker traf man selten, leider. So steht’s um die Wahrhaftigkeit des Monsters.

Kommentare

13.02.2008 | 21:32 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Die Unwahrhaftigkeit des Monsters

Danke Klaus Harpprecht! Lese erst jetzt Ihre überzeugenden Zeilen zur "Wahrhaftigkeit des Monsters". Das ist auch mein bisheriger Eindruck: Die Unwahrhaftigkeit des Monsters. Diese Kunstfigur vermag mich bisher - auch literarisch nicht zu überzeugen. Max Aue lebte nie und lebt auch nicht in dem Roman.









08.02.2008 | 13:06 Uhr
Markus Teuber schreibt: Sie wollten intellektuelle Großbürger sein

Sie waren es nicht und strebten es an und als sie die Macht und Position inne hatten,spielten sie es. Ist das nicht ein herausragendes "Markenzeichen" aller "Nazis" in mittlerer und führender Postion gewesen,daß sie zu Anbeginn eigentlich fast immer irgendwie zum"Proletariat" gehörten,ohne Bildung,gesellschaftlichem Stand und vielfach auch ohne Kultur aufgewachsen? Und dies erst "erreicht" hatten oder vorgaben ,zu sein,als sie im Nazireich "wer waren" ?

Ihr allererster Führer gibt doch ein Paradebeispiel für diese "Laufbahn" : Ein offenbar talentloser Kunstmahler, der dennoch Zeit seines Lebens daran glaubte, auch ein bedeutender Mahler und kunstvoller Architekt hätte werden können.
War das nicht eines der Hauptmerkmale des Nationalsozialismus an sich: daß die Agitateure eine eigene "Kultur" - verbrämt durch okkulte Elemente und mit einem fast banalen, kindischen Mix aus germannischen Riten und griechisch-römischen und altdeutschen Romatizismen ausgestattet, erfunden hatten ?


05.02.2008 | 23:25 Uhr
HaenschenSchulze schreibt: Gebildet und fanatisch- ein Widerspruch?

Ob es sie wirklich gab, diese Täter, mit all diesen Eigenschaften vereint in einer Person, erscheint mir doch recht unwichtig; sicher gab es diese im deutschen Volk, in verschiedenen Mischungsgraden, und so kann ich die Beschreibung als "statistischen Mittelwert"einer Gemengelage, als allgemeine Zustandsbeschreibung akzeptieren. Was mich mehr erschreckt, aber was ich ebenso akzeptiere als sachlich faktisch richtig oder möglich, ist die fast bedingungslose Rationalität, in der Gefühle nur im Traum vorkommen.


05.02.2008 | 16:22 Uhr
Schwarzmarkt schreibt: viele waren es wohl nicht

Aber kann es nicht doch sein, dass es sie gab, die gebildeten und zugleich fanatisch überzeugten Täter. Und warum sollte der Autor nicht seine Freiheit nutzen, wenn eine Fiktion mal nicht den historischen Tatsachen genügt, mindert das nicht den Wert eines Buches. Es geht hier um den Schrecken und die Banalität des Bösen.

Dass ein Mensch zugleich Monster sein kann und doch Liebe empfindet zu seinem Schäferhund, einer Geliebten oder seinen Kindern? Gerade weil es uns so irreal erscheint, ist das Böse trotzdem lebendig in uns und nicht immer erkennbar.

Die schwarze Seite kann jeder in sich haben.



05.02.2008 | 09:10 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Ein Bild des Zufalls

Max Aue ist ein Hybrid, der in der Phantasie des Autors entstanden ist und all das in sich birgt, was Jonathan Littell mit dem mörderischen System des Nationalsozialismus assoziiert. Max Aue ist zugleich aber eine Projektionsfläche, auf der sich die Zufälligkeit des Hineingeratens und Funktionierens in dem System exzessiver Gewalt in zynischer Akzentuierung abbilden soll.

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05.02.2008 | 07:50 Uhr

Helmuth Kiesel: Wir hätten von ihm gehört

Hätte es einen Max Aue oder mehrere von ungefähr seiner Sorte gegeben, so hätten wir nicht bis heute auf 'Erinnerungen' dieser Art warten müssen. Bekenntnisdrang und Schreibvermögen, die sich in den "Wohlgesinnten" so lustvoll entfalten, hätten dazu geführt, dass Bücher dieser Art schon früher entstanden wären. Und sie wären auch publik geworden.

Zwar wäre es wahrscheinlich in Deutschland früher kaum möglich gewesen, derartige Texte zu vermarkten; aber sie wären als Privatdrucke kursiert, und früher oder später hätten Historiker sie aus dokumentarischen Gründen ediert. Ich will damit sagen: Den ideologischen Typus, den Littell unter dem Namen Aue beschreibt, mag es gegeben haben, aber nicht in der Kombination mit dem ästhetischen oder schriftstellerischen Vermögen von Littells Aue – sonst hätten wir von seinesgleichen längst gehört.

Die Frage ist dann natürlich, ob dies kriegsbedingter Zufall ist oder ob es sich um eine wesensmäßige Ausschließlichkeit handelt. Anders gesagt: Haben wir Russland-Literatur von der Littellschen Art nur deswegen nicht, weil die potentiellen Verfasser umgekommen sind? Das könnte sein. Der Berliner Germanist Horst Denkler hat erst unlängst mit einer Recherche unter dem Titel "Werkruinen, Lebenstrümmer" (Niemeyer Verlag, 2006) darauf hingewiesen, dass nicht wenige Schriftstellerkarrieren, darunter auch nationalsozialistisch angehauchte, im Krieg ein vorzeitiges Ende fanden. Oder haben wir – zweiter Teil der Frage – derartige Texte nicht, weil sich die ideologische Härte und die ästhetische Sensibilität, die Littell seinem Helden zuschreibt, in Wahrheit ausschließen?

Eine mir bündig scheinende Antwort auf diese Frage habe ich nicht; ich muss sie offen lassen, möchte aber noch einmal auf die Frage zurückkommen, ob eine Figur wie Aue historisch möglich war. An der Möglichkeit von Littells Kombination von SS-Offizier, Massenmörder, sensiblem Ästheten und reflektiertem Schriftsteller, habe ich, wie gesagt, einige Zweifel. An dem durch Aue verkörperten Typus des NS-Ideologen weniger. Aues Vorstellungen von Gerechtigkeit als Recht des Stärkeren, Notwendigkeit des Tötens um höherer Ziele willen, Opfergesinnung und so weiter sind uns nicht nur aus der nationalsozialistischen, sondern auch aus der nationalistischen und allgemeiner faschistischen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre bekannt.

Dafür hat Littell mit Aue gleichsam einen "Idealtypus" im Sinne Max Webers geschaffen: eine Konstruktion oder ein "Gedankenbild", wie Max Weber sagte, das dazu dient, die Wirklichkeit zu profilieren. Den "Idealtypus" gibt es in der Wirklichkeit nicht; aber er verdeutlicht ihre Tendenzen. Einen Aue, wie Littell ihn beschreibt, wird es vermutlich nicht gegeben haben; aber in mancherlei Brechung wird seinesgleichen sicher zu finden gewesen sein.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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