Home
Home
Nominiert für den Grimme-Online-Award 2008
Lesesaal
FAZ.NET
Montag, 11. Februar 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden

Lorenz Jäger

Frage des Tages:

Nach dem Krieg taucht der SS-Offizier Max Aue in Frankreich unter - ein Einzelfall?

Max Aue taucht nach dem Krieg in Frankreich unter. Andere, sehr prominente Täter gingen ins peronistische Argentinien oder in arabische Staaten, schließlich gelang es manchen für eine gewisse Zeit, sich in der Bundesrepublik einzurichten. Wachpersonal der KZs fand man noch nach Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten. Wie typisch, oder untypisch, ist Max Aues Nachkriegs-Werdegang?

Beitrag

Helmuth Kiesel
11.02.2008 | 07:01 Uhr

Helmuth Kiesel: Hans Schwerte alias Hans Ernst Schneider

Die Frage, ob Littell mit dem SS-Offizier Max Aue, der nach dem Krieg in Frankreich untertaucht und eine unauffällige Existenz als Geschäftsmann führt, einen eher unwahrscheinlichen Sonderfall imaginiert hat oder ein Phänomen, das es gab, ja mehr- oder vielfach gab, gehört nicht in den Kompetenzbereich eines Germanisten.

Dennoch fühlt man sich als solcher fast unabweisbar angesprochen, weil der prominenteste deutsche Fall dieser Art ein renommierter Kollege war: der Aachener Literaturprofessor Hans Schwerte alias Hans Ernst Schneider.

Die Formulierung "dieser Art" muß allerdings gleich präzisiert werden: Schneider war, soviel wir wissen, an keiner Mordaktion, an keinem Verbrechen unmittelbar beteiligt. Insofern unterscheidet sich der Fall Schneider/Schwerte markant von dem Fall Aue. Aber wie in diesem ist in jenem ein staunenswerter Fall von Identitätswechsel zu sehen.

Hans Ernst Schneider wurde 1909 in Königsberg geboren, studierte deutsche Literaturgeschichte, Volkskunde und einiges mehr, engagierte sich 1933 in NS-Organisationen und trat 1937 der SS bei. Von 1938 an arbeitete er für das Amt "Ahnenerbe" der SS und leitete zuletzt die Dienststelle "Wissenschaftseinsatz". Zwei Jahre, 1940 bis 1942, war er in den Niederlanden tätig und soll dort unter anderem medizinische Geräte für Menschenversuche in Dachau beschafft haben. Im Mai 1945 besorgte sich Schneider neue Papiere, die ihn als Hans Schwerte auswiesen. Durch seine Frau ließ er erklären und behördlich festhalten, daß er in den letzten Tagen des Kampfes um Berlin gefallen sei. Danach heiratete Schneider unter dem neuen Namen Schwerte die angebliche Witwe Schneider ein zweites Mal. Anschließend studierte er in Hamburg und Erlangen Germanistik, schrieb eine Habilitationsschrift über das in den vergangenen Jahren vielfach strapazierte Thema "Faust und das Faustische", jetzt freilich in ideologiekritischer Weise. Aufgrund dieser Studie wurde Schwerte in Erlangen zum Professor ernannt und 1965 auf einen Lehrstuhl in Aachen berufen. Dort machte er sich einen Namen als progressiver, ideologiekritischer Germanist und als Förderer der Beziehungen zwischen nordrheinwestfälischen, belgischen und niederländischen Universitäten. Von 1970 bis 1973 war er Rektor der TH Aachen und wurde für seine Verdienste mit hohen deutschen und ausländischen Orden ausgezeichnet.

Schwertes frühere Existenz wurde erst 1995 publik und löste einige Bestürzung aus: Wie war es möglich, daß Schneider so lange unentlarvt bleiben konnte, obwohl es, wie man jetzt erfuhr, immer Gemunkel unter Kollegen gegeben hatte? Und wie war es möglich, daß ein SS-Offizier und führender Mitarbeiter des finsteren "Ahnenerbes" ein ideologiekritisch wirkender Modernisierer seines Faches und ein so verdienstvolles und angesehenes Mitglied der demokratisch gewordenen bundesrepublikanischen Gesellschaft werden konnte? War das nur ein durchtriebenes Rollenspiel ohne Tiefgang, oder war das Hineinwachsen in die neue Existenz mit einem echten innerlichen Wandel, mit einer radikalen ethischen und politischen Neuorientierung verbunden?

Der Fall Schneider/Schwerte ist ein krasser Fall von Identitätswechsel, aber kein Einzelfall. Die Nachkriegszeit hatte sogar eine eigene Bezeichnung für diese Identitäts- und Namenswechsler: "Braunschweiger", weil sie ihre "braune" Vergangenheit gänzlich verschwiegen und gleichsam abstreiften. Ihre Zahl ist nicht bekannt und auch kaum abschätzbar. Sie dürfte in die Tausende gegangen sein, aber daß es, wie man schon vermutet hat, bis zu 80.000 solcher Zeitgenossen gegeben hat, ist unwahrscheinlich. Als 1950 ein erstes Amnestiegesetz für diese "Illegalen" erlassen wurde, sollen sich sich nur 241 Personen gemeldet haben. Die anderen hatten sich in ihre neue Existenz so eingelebt, daß sie diese nicht mehr preisgeben mochten oder konnten, weil sie Nachteile oder Strafen zu befürchten hatten.

Eine Verwandlung vom deutschen SS-Offizier zum französischen Bürger und Geschäftsmann dürfte nicht eben leicht gewesen sein. Unter Bedingungen, wie Littell sie für seinen Roman konstruierte, mochte sie aber glücken. Mit einer Erziehung durch eine französische Mutter, mit einer zehnjährigen Kindheits- und Jugendzeit in Frankreich und mit anschließenden Studienaufenthalten in Paris hätte ein Mann wie Aue wohl als Franzose durchgehen können. Zudem wäre er in Frankreich vor einer Entdeckung und Entlarvung durch ehemalige Kameraden sogar besser geschützt gewesen als jeder "Braunschweiger" in Deutschland. Ein Beruf wie der, den Max Aue in Frankreich ausübt, hätte ihn nicht einmal zu jener ideologischen Konversion genötigt, zu der Schneider/Schwerte als Hochschullehrer gezwungen war; er hätte ein gesinnungsmäßiger Nazi bleiben können und nur davon schweigen müssen oder wenigstens nicht allzu laut darüber reden dürfen. Insofern ist der Fall Aue psychologisch und moralisch viel weniger aufregend als der Fall des Professors Schwerte/Schneider, wo sich die oben erwähnten Fragen nach der gesinnungsmäßigen Dimension des Identitätswechsels stellen – und uns ins Grübeln über die menschlichen Fähigkeiten zum Wandel oder zur Selbst- und Fremdtäuschung bringen.

Kommentare

11.02.2008 | 18:37 Uhr
Joachim Noack schreibt: Lieber Herr Kiesel

In der Tat: Ihre Schilderung der "gesinnungsmäßigen Dimension des Identitätswechsels" von Prof. Schwerte/Schneider kann einen nicht nur "ins Grübeln" bringen. Mir stockte der Atem als ich den Lebenslauf von Schwerte/Schneider las.

Dabei kommt mir eine furchtbare Frage - und ich frage alle, die sich hier im Forum beteiligen, ob das so sein kann?
Verkürzt und verallgemeinert auf den Punkt gebracht: wenn es die Zeitumstände gerade so mit sich bringen, wird man ein "böser" Mensch, und wenn die Zeiten dann wieder anders sind, wird man wieder ein "guter" Mensch.
Das ist ja die These von Goldhagen: der Mann, der einen Jungen (Juden) am Waldrand zu erschießen hatte, war ein ansonsten ganz lieber, treu sorgender Familienvater. Es hätte JEDER, so Goldhagen, in dieser Situation das so gemacht, wenn er durch die Zeitumstände in diese Situation gestellt worden wäre. Also, wir alle?
Ich bin auf ernst zu nehmende Kommentare gespannt. Mir ist es nämlich auch ernst.


Beitrag kommentieren

Um Beiträge kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Registrieren Sie sich hier.


Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008