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Freitag, 24. Mai 2013
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Experten und Moderatoren des Lesesaals

Experte

Friedmar Apel

Literaturwissenschaftler

zur Kurzbiographie

Experte

Jörg Baberowski

Historiker

Ordnung und Terror

Als vor zwei Jahren das Buch "Ordnung durch Terror" erschien, im Untertitel: "Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium", das Jörg Baberowski gemeinsam mit Anselm Doering-Manteuffel verfasst hatte, horchte man auf. Ein Vergleich der beiden Systeme – und noch dazu erschienen im sozialdemokratischen Traditionsverlag Dietz? Machte also die Sozialdemokratie ihren Frieden mit ihrer eigenen Geschichte? Denn deutsche wie russische Sozialdemokraten (Menschewiki) waren es ja gewesen, die schon in den zwanziger Jahren analysierend und polemisch das neue rote Terrorsystem ins Auge gefasst hatten.
Die beiden Autoren hatten sich zu einer fruchtbaren Arbeitsteilung entschlossen. Baberowski übernahm die Darstellung der russischen Seite. Auch die Sowjets dachten nicht nur in Klassen-, sondern ebenso in ethnischen Kategorien. Sie hatten ein Reich geerbt, in dem viele Völker lebten – über deren politische Zuverlässigkeit man in Moskau immer wieder Zweifel hatte.
Baberowski lehrt osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Den Lesern dieser Zeitung ist er bekannt durch seine Darstellung der Deportation der Tschetschenen und Inguschenen durch den stalinistischen Apparat – beiden Volksgruppen hatte man nach der Rückeroberung des Kaukasus kollektive Kollaboration mit den Deutschen vorgeworfen.

Experte

Anselm Doering-Manteuffel

Historiker

Vom Krieg zur Vernichtung

Wenige Tage vor dem Angriff auf Polen, so wird es kolportiert, habe Hitler der Generalität einen maßlosen Plan verkündet. Er habe den SS-Einheiten, "seinen Totenkopfverbänden", den Befehl erteilt, "unbarmherzig und mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken". Dieser oft überlieferte Wortlaut ist eine nachträgliche Fabrikation. Was zeigt: Kaum etwas ist für die Geschichtswissenschaft schwerer gewesen als die genaue Ermittlung des Moments, in dem ein konventioneller Krieg zu einem Vernichtungsfeldzug wurde.
Anselm Doering-Manteuffel, der mit Jörg Baberowski das Buch "Ordnung durch Terror" verfasst hat, untersuchte darin den deutschen Anteil. Und er griff dabei auf die Ideen vom "Osten" zurück, die schon im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee ventiliert worden waren, auch auf die Freikorps, die im Baltikum einen gegen Versailles gerichteten Brückenkopf hatten errichten wollen.
Anselm Doering-Manteuffel war von 1978 bis 1983 als Assistent von Ernst Nolte in Berlin tätig – aber die Distanz zu seinem Lehrer, zu dessen Gedanken eines "kausalen Nexus" von bolschewistischem und nationalsozialistischem Terror, hat er deutlich markiert. Seit 1991 lehrt er in Tübingen Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte. Sein Interesse gilt, neben der NS-Ära, vor allem der Verwestlichung der Bundesrepublik.

Experte

Hans-Martin Gauger

Literaturwissenschaftler

zur Kurzbiographie

Experte

Lutz Hachmeister

Medienwissenschaftler

Reich-Ranicki und Goebbels

Biographien enden nur selten im Nichts. Mancher, der vor 1945 an der Vorbereitung, Organisation und Durchführung des Massenmordes an den europäischen Juden beteiligt war, vermochte sich erfolgreich in die Nachkriegszeit zu retten – der Romanheld Max Aue, dem dies in Nordfrankreich gelingt, ist da keine Ausnahme. In seinem Buch über den SS-Intellektuellen Franz Alfred Six (für den Aue vor dem Krieg arbeitete, als Six Chef des Inlands-SD war) widmete sich der Medienforscher und Publizist Lutz Hachmeister 1998 auch den Nachkriegsbiographien ehemaliger Six-Vertrauter; sie kamen etwa beim Bundesnachrichtendienst oder beim "Spiegel" unter. Überhaupt setzt sich Hachmeister, der Gründungsdirektor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin, immer wieder intensiv mit der deutschen Vergangenheit auseinander, ob er Marcel Reich-Ranicki porträtiert ("Ich, Reich-Ranicki"), die Puzzleteile der Biographie Hanns Martin Schleyers zusammensetzt oder das "Goebbels-Experiment" durchführt. In diesem wichtigen Dokumentarfilm ließ er zusammen mit Michael Kloft vor drei Jahren den Propagandaminister des "Dritten Reiches" im Originalton zu Wort kommen: ein Schauspieler las im Film aus den Tagebüchern von Goebbels. Als Medienmensch und -macher ist Hachmeister ein engagierter und distanzierter Teil des Apparats, den er beobachtet und analysiert.

Experte

Klaus Harpprecht

Publizist

Die Chance auf viele Leben

Zu den vielen Büchern, Artikeln und Essays, die der 1927 geborene Publizist Klaus Harpprecht verfasste, stieß vor wenigen Jahren eine Biographie des evangelischen Geistlichen Harald Poelchau, der nach 1933 Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel war und der als Gegner der Todesstrafe bis 1945 über tausend zum Tode Verurteilten bis zu ihrer Hinrichtung seelischen Beistand zu geben versuchte – darunter Mitgliedern des Deutschen Widerstandes wie Dietrich Bonhoeffer. Es war dies ein besonders einfühlsamer, ungewohnter Blick hinter die Kulissen des Unrechtsregimes, freilich nicht das erste Mal, dass sich Harpprecht mit dem Nationalsozialismus und dessen Erbe beschäftigte. Während der Debatte um Walsers Friedenspreis-Rede beispielsweise griff der Ehemann der Autorin Renate Lasker-Harpprecht, die Auschwitz überlebt hat, die Frage auf, ob Deutschland "eine gewöhnliche Gesellschaft" sei. "Fortgewischt" schrieb er damals, sei in Deutschland "die Erinnerung, dass es gerade die Normalität ist, die uns quälend verfolgt: die Normalität der Tätergesellschaft". Gerade die "permanente Debatte über die Vergangenheit" habe das Ihre getan, "jene Perversion der Normalität in Schach zu halten." Klaus Harpprecht, bekannt auch als Redenschreiber Willy Brandts, lebt seit Jahren in Südfrankreich. Seinen Beruf begreift der engagierte Journalist, Essayist und Schriftsteller bis heute als Chance, "viele Leben zu leben".

Experte

Frank-Rutger Hausmann

Historiker und Komparatist

Für ein junges Europa

Louis Ferdinand Céline, Pierre Drieu La Rochelle, Robert Brasillach, Lucien Rebatet, Jean Cocteau, Marcel Jouhandeau – das "Who is who" der französischen Kollaboration ist für den Kenner der Romania voll klingender Namen. Auch der gefeierte Dichter und Diplomat Paul Claudel widmete ein Gedicht dem Marschall Pétain (und ein paar Jahre später ein ähnliches dem nun siegreichen General de Gaulle).
Aber die Motive der Kollaborateure konnten unterschiedlicher nicht sein: Es gab scharfe Antisemiten wie den tollwütigen Céline; es gab Linksfaschisten wie Drieu, neoklassizistische Ästheten wie Cocteau oder katholische Traditionalisten wie Claudel, Freunde eines "jungen Europa" und Adepten der ältesten Überlieferung.
Frank-Rutger Hausmann, der in Freiburg bis zu seiner Pensionierung die Romanische Literaturwissenschaft vertrat, kennt diese Welt wie kein anderer, und er hat in dieser Zeitung immer wieder ihre Figuren und Konstellationen vorgestellt: von den offenen Freunden der Deutschen bis zu den Gestalten im Halb- und Zwielicht, die der Kollaboration nur zeitweise verbunden waren.
Auch Max Aue, der Protagonist von Jonathan Littells Roman, taucht gelegentlich in diese geistige Welt ein – etwa, wenn er sich als Leser von Maurice Blanchot bekennt oder wenn er im Paris der dreißiger Jahre mit den Köpfen der späteren Kollaboration disputiert. Ist Max Aue am Ende eher ein Franzose?

Experte

Ulrich Herbert

Historiker

Radikalismus und Vernunft

Ulrich Herbert, Jahrgang 1951, gilt als einer der führenden Historiker der Bundesrepublik. Er lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg. Wer 1951 geboren wurde, war sich von vornherein bewusst, dass der Schatten der Vernichtungs- und Versklavungspolitik seine wissenschaftliche Arbeit stets begleiten würde – andererseits aber war klar, dass die bisherigen Antworten auf die Fragen nach den Initiatoren, den Motiven und dem konkreten Verlauf durch eine Theorie des Totalitarismus noch nicht beantwortet waren.
Seine Habilitationsschrift "Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903 – 1989", die sich der Karriere des Polizeichefs und SS-Obergruppenführers Werner Best widmete, wird heute als ein Markstein des historiographischen Nahblicks auf die Mentalität der Akteure der NS-Politik angesehen. Best und Jonathan Littells Romanfigur Max Aue mögen sich in einem Punkt ähneln: Sie vertreten die nationalsozialistische Intelligenzschicht.
Ulrich Herbert gibt mit einer Forschergruppe, zu der auch Götz Aly gehört, eine auf sechzehn Bände angelegte Quellen- und Dokumentensammlung heraus, die unter dem Titel "Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa" ein umfassendes Bild der NS-Politik ermöglichen soll – soeben ist der erste Band erschienen, der sich der Zeit unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme widmet.

Experte

Helmuth Kiesel

Literaturwissenschaftler

Im Labyrinth der Moderne

Die literarische Moderne ist nicht einfach eine zeitlich fixierbare Epoche, der Begriff umschreibt vielmehr ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen den Werken und jeweils herrschenden Ideologien. Prägend für die Moderne ist etwa die programmatische Indienstnahme der Kunst für politische und andere Zwecke in den diversen Avantgarden, aber auch ein bewusster Gegensatz vieler Autoren zum Zeitgeist: Der Antimodernismus ist selbst höchst modern. Der Heidelberger Germanist Helmuth Kiesel, geboren 1947, ist einer der besten Kenner der verschlungenen, oft labyrinthischen Pfade zwischen Ethik und Ästhetik, politischen Inhalten und künstlerischer Form, wie sie von der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts so gern mit Lust am Tabubruch betreten wurden. In seiner 2004 erschienenen "Geschichte der literarischen Moderne" bietet Kiesel ein gutes Navigationssystem. Zuvor hatte er schon, nach einer Habilitation über Alfred Döblins Spätwerk, unter anderem zu Erich Kästner, Thomas Mann, Max Weber, Kafka, Brecht, Benn, Botho Strauß und Peter Handke gearbeitet und ist überdies, auch für diese Zeitung, als Rezensent tätig. Im vergangenen Jahr erschien nach einigen Vorarbeiten eine Monographie zu Ernst Jünger. Mit besonderer Vorliebe widmet sich Kiesel also den großen literarischen Provokateuren. Kaum jemand dürfte ein besserer Kenner jener "Ästhetik des Schreckens" sein, die für die Moderne so kennzeichnend ist.

Experte

Klaus Theweleit

Literaturwissenschaftler

Experte

Andreas Wirsching

Historiker

zur Kurzbiographie

Moderator

Jürg Altwegg

Korrespondent

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Moderator

Patrick Bahners

Redakteur

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Moderator

Lorenz Jäger

Redakteur

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Moderator

Frank Schirrmacher

Herausgeber

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Moderator

Hubert Spiegel

Redakteur

zur Kurzbiographie

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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