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Dienstag, 05. Februar 2008
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Patrick Bahners

Frage des Tages:

Wie historisch ist Max Aue? War eine solche Figur im Dritten Reich möglich?

"Nie hat es bessere Sklaven, nie schlechtere Herren gegeben" - unter dieses Motto des römischen Historikers Tacitus stellte Joachim Fest sein Werk "Das Gesicht des Dritten Reiches". In diesem Aufsteigerregime, das das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft pervertierte, schien keine Karriere undenkbar. Trifft das auch auf die des fiktiven Juristen Dr. Max Aue zu?

Beiträge

27.04.2008 | 21:19 Uhr

Lorenz Bormann: Prom. Philologen und Juristen gab es genug

Wenn ich in meiner Bibliothek die geerbte Nietzscheausgabe oder einen alten Macciavelli in die Hand nehme, dann finde ich die Notizen, die mir Dr. Aue sehr nahe bringen. Im Macciavelli steht mit Bleistift: "Leutnant Dr. X.X., Krakau 1942". Als Lesezeichen eine Entwesungsbescheinigung. Stellen, die sich auf das Recht auf Töten, auf die unbedingte Willensdurchsetzung usw. beziehen, etwa zu "Wenn es um das eigenen Volk geht, gibt es kein Recht oder Unrecht ..." werden handschrifltich kommentiert: "S.A., Röhm 34!"

Nehme ich die Nietzschebände, etwa Genealogie der Moral aus dem Jahr 1946 (!). Dann sind da die Reihung der Übermenschen "Napoleon, Bismarck" um "Hitler!" mit Bleistift ergänzt. Zu Aussagen über die Juden: "Schon damals!". Das ist der Dr. Aue nach 1945. In der Philosophie wird die Begründung und die Rechtfertigung für die Grausamkeit gesucht. Der Schreiber, PG seit 1930, Stud. in Tübingen, prom. Anglist, ausgebildeter Dirigent hätte mit Aue sicher über Suiten diskutieren können.

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10.02.2008 | 22:02 Uhr

Ricarda Elgeti: Die grausame Bürokratie

"Die Wohlgesinnten" ist ein Roman, kein historischer Abriss, trotz der historischen Recherchen des Autors. Ein Roman ist ein Psychogramm der Hauptfigur: M.Aue ist ein Bürokrat par excellence. Solche Charaktere gibt es heute wie damals. Sie zeichnen sich durch Affektisolierung (Freud) aus.

Ihre kognitiven Fähigkeiten stehen im Dienst der Umsetzung von Idealen. Die zu den Handlungen assoziierten Empfindungen werden nicht erlebt. Die "Aues" sind weder dumm noch affektlos; sie können "nur" Kognition und Emotion nicht koordinieren. Sie sind u. U. gebildeter "Schöngeist", intelligent, eloquent, aber ohne Empathie. Sie reflektieren die Emotionen ihrer Opfer, aber fühlen sie nicht. F. Schirrmacher nennt die Zahlenspiele und bürokratischen Querelen "quälende Passagen": Die Reduktion der Realität auf Zahlen und Fakten tötet alles Lebendige. Die Relevanz des Romans besteht in der Analogie zu heute: M. Aue kann unerkannt weiterleben, er kennt die Gesetze der Bürokraten und spielt damit.

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06.02.2008 | 18:27 Uhr

fraty: Wie historisch ist der Mensch?

Es spielt m. E. keine Rolle, wie historisch die Figur des Max Aue ist.
Als ich den Roman las, vor über einem Jahr, wurde mir sehr schnell klar, dass die Frage, die Littell stellt, eine Frage ist, die uns alle betrifft, egal in welcher historischen Situation wir uns zu bewähren haben.

Auch im Interview mit Littell, das ich heute gelesen habe, bestätigt sich, dass das die uns alle berührende Frage ist. Weil sie letztendlich nicht zu beantworten ist, wird niemand eine Antwort finden.
Aber der Roman lehrt uns, wie gefährlich alle kollektiven Antworten auf diese Frage werden können, weil sie zwangsläufig totalitär sind - sein müssen, sei es als eine Antwort, die die Transzendenz bemüht, sei es als eine Antwort, die eine diesseitige Ideologie bemüht.
Dennoch muss sich jeder der Frage stellen und jeder muss seine Antwort geben. Schön wäre es, wenn es im Bewusstsein seiner Kontingenz und seiner Beschränktheit geschähe.
Aber wie Littell selbst sagt: man sollte nicht dem Relativismus verfalle

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21.02.2008 | 01:38 Uhr
Hannes Meix schreibt: Gar nicht, sondern immer nur gegenwärtig

Zitat aus Hans Waal "Die Nachhut":
"Und so eine idiotische Frage: Wer weiß, wie ich mich verhalten hätte? …Natürlich hätte ich die faschistische Diktatur mit heißem Herzen bekämpft, hätte mich schützend vor meine jüdischen Klassenkameraden gestellt und nie im Leben ein blödes HJ-Hemd angezogen. Was dachte Busch denn? Schließlich weiß ich, wie es damals dazu kam, wie es ausging. Ahnungslose Besserwisser sind wir alle, aber wer nicht mal im Nachhinein ausschließen kann, vielleicht auch Mitläufer oder Täter gewesen zu sein, der kann auch gleich davon ausgehen. Der wird im Zweifel immer wieder mitmachen. Und genau so kam mir euer Antifaschismus manchmal vor … Lautes Singen im Wald war das, eine Art Eigenurintherapie, weil ihr euch selbst nicht sicher wart – euer selbst! "



05.02.2008 | 22:15 Uhr

LutzBrux: Banalität des sogenannten Bösen

Der historische Dr. Aue? Wen interessiert es ob es ihn wirklich gab ... Dr. Aue ist zusammengesetzt aus Charakterzügen und Handlugsformen echter Menschen. Das interessante an der Person des Aue ist, dass er eben nicht als Massenmörder geboren ist, sich schöneres vorstellen kann als Menschen zu schlachten, ein Magengeschwür bekommt und trotdem nichts tut, und Menschen, die das Morden erregend finden widerwärtig findet.

Aue zeigt, wie banal "das Böse" eigentlich ist. Der Roman räumt endlich mit der gefährlichen, romantisierenden Kategorisierung in Gut und Böse auf. Aue wäre heute ein pflichttreuer Verwaltungsbeamter der höheren Laufbahn. Damals wurde er zum Massenmörder. Das ändert nichts an seiner Schuld, sollte uns aber vom hohen Ross herunter holen. Keine Verfassung schützt uns davor, ein Aue zu werden, nur wir selber und unser individuelles Gewissen. Ein extrem wichtiges Buch.

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05.02.2008 | 19:17 Uhr

Sahe: Eindeutig ja

Der Autor J. Littell hat offensichtlich in breitester Form recherchiert und seinen Erzähler aus seinen gewonnenen Recherchen zusammengesetzt. Damit ist Aue geradezu der Prototyp des nicht nur mitlaufenden sondern auch handelnden Gewalttäters des Dritten Reiches. Er hat die Skrupellosigkeit und auch die manchmal kaum zu glaubende Ordnungsliebe im Detail.

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05.02.2008 | 16:54 Uhr

jenssiebke: Warum Reales in der Erzählfigur suchen?

Es handelt sich, wenn ich mich nicht irre, hier um ein fiktionales Werk; warum sollte man gleich am zweiten Lesetag in die naiv-gemeine Falle hineintappen, Reales in der Erzählfigur zu suchen?

Es gilt doch seit Olims Zeiten, daß Autoren ihre Personage amalgamieren, ob aus eigenen, fremden, angelesenen oder berichtetem Erfahrungen und Eindrücken heraus: ganz gleich. Es geht um Kunstprodukte.

Wenn Max Aue (der mir übrigens seit heute nebulöser und konstruierter erscheint als bis gestern) ein Romancharakter ist, dann sind viele historische Fragestellungen fehl am Platze.
Angesichts der "Expertenrunde" kommt der Eindruck auf: es wird hier ein Buch interessant geschrieben und geredet.

Die heutige Ode in Arithmetik füllte Zeile um Zeile ohne einen Erkenntnisgewinn hervorzubringen - höchstens den, daß ich am Erzähler / am Erzählten weniger teilhabe als zuvor.

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08.02.2008 | 10:03 Uhr
V Vetter schreibt: schlampig gedacht

Mögliches (so die Frage) und Reales (so der Leserbeitrag) durcheinander zu bringen, mag nicht "naiv-gemein" sein, zeigt aber schlampiges Denken. Im übrigen ist, was nicht möglich ist, Fantasy, also negligeable Unterhaltung.


06.02.2008 | 10:17 Uhr
ArianeBlau schreibt: Angst vor dem Bodenlosen

Zu den Fragen des Tages kann ich mit den Leseeindrücken von zwei, drei Tagen nichts beitragen. Die Arithmetik, so unangenehm sie ist, führt in ihrer Ausführlichkeit mitten hinein in die Menschen, die die Maschinerie der Vernichtung in Gang gebracht haben. Die Leichen wurden tatsächlich ausführlich gezählt und statistisch festgehalten.

Zahlen fühlen nicht, zählende Menschen wagen es nicht zu fühlen, die Zahlen führen alle anderen ins Fühlen, bis sich der Boden unter den Füßen öffnet, und die Angst, im Meer der Toten selbst zu ertrinken.


05.02.2008 | 18:30 Uhr
HerbertDebes schreibt: Webstühle & Ordnungssyteme

Das sehe ich auch so. Ich fand die Zeilen über die Funktionsweise der Webstühle interessant, auch deshalb, weil sie sich als Metapher für filigrane Systeme anbieten, und Max Aue hat es ja auch offensichtlich genossen, zwischen ihnen herumzulaufen und zu sehen, wie seine Maschinchen funktionieren.



05.02.2008 | 18:18 Uhr
E.Haerter schreibt: neue Erkenntnisse über den Webstuhl

Na ja, es geht ja mal gerade erst los. Der Protagonist stellt sich dem Leser sozusagen vor, indem er ihn an seinen Gedanken teilhaben lässt. Ich glaube nicht, dass Littell primär darauf aus war, dem Leser neue Erkenntnisse über den Webstuhl oder die Anzahl der Toten zu vermitteln.

Es geht m.E. jetzt um die Person, den Charakter Aue. So ganz allmählich kristallisiert sich heraus, wie der "tickt".



05.02.2008 | 16:32 Uhr

iacovo: Allzu romanhaft?

Es bleibt abzuwarten, ob das deutsche Publikum, die Figur des Aue nicht für allzu synthetisch halten wird. Vielleicht sind die deutschen Leser aufgrund ihrer Nähe zu befangen (und zu sehr in der Materie zuause) für einen fiktiven Roman, a la: ich nehme mal alle großen Ereignisse und Personen dieser Zeit (Stalingrad, Shoah, Hitler, etc.) und mixe sie so zusammen, dass der Protagonist überall seine Bröckchen abbekommt.

Es muss schon mehr dabei herausspringen, als eine Gänsehaut und die Wiederholung der bekannten Tatsachen.

Es wird wohl sehr viele Leser geben, denen der Plot letztlich zu konstruiert (und vereinfachend) erscheinen wird. Nicht zuletzt weil sie die Zeit tatsächlich erlebt haben.

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05.02.2008 | 16:32 Uhr

Schwarzmarkt: ein klares Ja

Ich habe gestern schon mal etwas ähnlich geantwortet: Ja ich halte es für möglich!! Etwas anderes zu behaupten wäre bonierte Vermessenheit. Warum sollen intelligente Menschen, sensible Menschen nicht auch abgrundtief böse sein können.

Hat sich A. H. nicht auch um seine Blondi "liebevoll" gekümmert, vielleicht war ein Himmler oder Heydriich von Bachschen Werken zu Tränen gerührt? Na Und, es macht sie nicht ein Jota besser. Adorno hat mal gesagt in etwas richtig schlechten kann kein guter Kern sein. Dem stimme ich zu, aber partiell sympathische Züge und liebevolle Taten sind bestimmt vorhanden. Das Böse tritt in allen Formen auf und jeder Mensch hat mehrere Seiten, die ihn als ganzes beschreiben.

Ein Deutscher ist doch nicht nur ein Deutscher, sondern hat eine Identität nach Hobby, Religion, Ausbildung, Geschlecht, Vereinen usw. Er muß sich immer wieder entscheiden und die verschiedenen Interessen zusammen bringen. Genauso kann ein abgrundtief böser Mensch auch gute Seiten haben.

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05.02.2008 | 18:22 Uhr
E.Haerter schreibt: Ja,

stimme Ihnen voll zu. Bei der Romanfigur kommt es aber darauf an, dass der Charakter stimmig, nachvollziehbar, glaubhaft angelegt ist. Das muss sich noch zeigen.



05.02.2008 | 15:16 Uhr

Wolfgang.Hoefft: Menschen die Existenzberechtigung absprechen, wie kann es dazu kommen?

Die Ausrottung von Menschen ist eine folgerichtige Konsequenz der Idee, daß diesen Menschen die Existenzberechtigung fehlt, wie es beispielsweise Rudolf Steiner, der Gründer der "Antroposophie", ausgesprochen hat.

In der F.A.Z. vom 28.11.2007, S. 37, wird unter der Überschrift "Steiner, der Rassist? - Ein Buch wird nicht mehr vertrieben" Steiner damit zitiert, daß er "dem Judentum" "die Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens" abspreche. Daß es sich dennoch erhalten habe, sei "ein Fehler der Weltgeschichte". Alle jüdischen "Sonderbestrebungen" müßten "aufgesogen werden durch den Geist der modernen Zeit", schrieb Steiner weiter.

Von einer literarischen Verarbeitung des Themas Ausrottung erwarte ich in erster Linie die Nachzeichnung des Weges zu der der bizarren Grundlegung der Ausrottung, nämlich dem Gedanken des "Fehlens einer Existenzberechtigung" der Auszurottenden. Das liefert Littell offenbar nicht.

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04.03.2008 | 21:28 Uhr
Ola Lindén schreibt: Existenzberechtigung

Vernichtung kan auch politisch begründet werden aus machtpolitischen Gründen oder als Vernichtungsterapie wie bei Dzerzjinskij. Warum muss das Fehlen einer Existenzberechtigung vorausgesezt werden.

Wenn Zinov'ev, Wortführer des Kominterns und des Sowjets in Petrograd, 1918 den Mord an 10 Millionen Menschen ankündigte, ging es dann um "Fehlen einer Existenzberechtigung? Zitate können in Harvest of Sorrow von Robert Conquest, seite 24 gefunden werden.



05.02.2008 | 13:55 Uhr

E.Haerter: Vielleicht

Die heutige Frage des Tages ist auch schon im gestrigen Forum behandelt worden. Man kommt zwangsläufig drauf. Die Persönlichkeitsspaltung des Protagonisten Aue ist zu eklatant. Auf der einen Seite der begabte musische Mensch (der man ohne Sensibilität nicht sein kann), auf der anderen Seite der eiskalte brutale Zyniker, der jetzt in der 3. Folge mit den grauenhaften Zahlen hantiert als sei es ein Gesellschaftsspiel.

Mir scheint die Figur Aue eher unglaubwürdig, aber die NSDAP war eine echte Volkspartei, in der unterschiedlichste Charaktere, Primitivlinge und Intellektuelle gleichermassen, auch ganz nach oben gekommen sind. Auch Albert Speer war ein Schöngeist und sehr weit oben. Ein brutaler Zyniker war er aber sicher nicht. Indes: das Buch ist ein Roman, wenn auch ein historischer, und Aue eine Romanfigur. Ob eine historisch mögliche? Vielleicht, dann aber eine äusserst extreme.

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05.02.2008 | 12:43 Uhr

AGeertz: Auch ein Deutscher - auch ein Mensch

Das Spektrum der Mittäter im so genannten Dritten Reich wird genauso breit gewesen sein, wie das Spektrum der willigen Sklaven im damaligen Deutschland; die Anzahl der Täter war gewaltig. Auch ein Dr. jur. Max Aue mit reiner Buchhaltermentalität mag möglich gewesen sein.

Wer mag sich aber die in reiner Buchhaltermentalität geschilderten Untaten als Lesestoff antun? Ein solcher Stil wird der historischen Bedeutung der Verbrechen nicht gerecht. Der dritte Teil des Vorabdrucks animiert nicht zum Weiterlesen.

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05.02.2008 | 22:26 Uhr
LutzBrux schreibt: Gerade dieser Stil ist nötig....

...um der historischen Bedeutung des Geschehens gerecht zu werden. Und jeder andere erdenkliche Stil, um das Thema aufzuarbeiten. Denn nach 50 Jahren moralinsauren Sich-an-die-Brustschlagens ist es endlich Zeit, diese ungeheuren Geschehnisse tatsächlich. Da helfen keine "die bösen Nazi"-Worthülsen, sondern nur das Nachdenken über Menschen.

Littell beschreibt hier eine Gattung Mensch, und mir persönlich hat dieser Roman, den ich in seiner Gänze in französich gelesen habe, mehr Kopfzerbrechen bereitet, hat mir aber auch mehr an Reflektion und Erkenntnis beschert, als die ewigen 3.Reich-Leiern in der Schule oder der Presse. Ein wiederliches, anstrengendes, 100% lohnendes Buch.


05.02.2008 | 17:57 Uhr
elgeti schreibt: Auch das Hier und Jetzt steckt in dieser Figur.

Warum schicken Sie die Leser mit der Frage in die Irre? Dies ist ein Roman und keine historischer Abriß, trotz Quellenstudium des Autors. Es ist ein Psychogramm der Hauptfigur. Dieses erstellt der Autor nicht aus der Sicht von 1945, sondern aus der von 2006. Auch das Hier und Jetzt steckt in dieser Figur.

So wie heute gab es auch damals mordende"Schöngeister". Ihre Seele kennt eine perfekte Trennung von intellektuellen Gedankengebäuden (Idealen) einerseits und emotionalem Erleben andererseits (Freud nannte das Affektisolierung). Diese Seelen ergehen sich in unerträglicher Pedanterie, Automatismen u. Statistiken - auch heute; vgl. den Beitrag zur Schulreform 4.2.08. M. Aue ist ein Bürokrat par excellence. Dass Seelenmord und Mord sehr nahe beieinander liegen, bezeugen alle Opfer von Gewalt (Juden, Vertriebene, Kinder, Migranten). Hoffentlich ist Herrn Schirrmacher das Erleben des alltäglichen bürokratischen Wahnsinns genauso unerträglich, wie die entspr. Passagen des Romans.


05.02.2008 | 13:36 Uhr
hildennet schreibt: Warum ist das wichtig?

Der Roman überläßt die Wertung dem Leser. Was ist daran falsch? Die Entrüstungsrituale sind, wenn sie zur Pflichtübung heruntergekommen sind teilweise nervig. Das Buch richtet sich nicht an Kinder, sondern an nachdenkliche Leser. Die beschriebenen Tatsachen spreche für sich selbst. Das muß reichen.



05.02.2008 | 11:54 Uhr

Devin08: Wie wichtig sind die Motive?

Wenn Littel schreibt, dass die Motive ihm nicht wichtig seien, dann ist das nur richtig im Kontext der Verbrechen. Im Kontext der Geschichtlichkeit dieser Verbrechen sind die Motive relevant.

Denn wer will den deutschen Antisemitismus (nicht nur das deutsche Ausmaß der Barbarei) verstehen, ohne die Kenntnis des "historischen Motivs" für diesen Antisemitismus, der in Deutschland genauso so zuhause war (und weiter ist), wie in England, den USA, ja sogar der damaligen Sowjetunion: Die Ahnung des Kapitalismus von dessen Untergang im Schrecken. Der Nihilismus ahnte das nur philosophisch vorweg (und das Wirken des Sozialismus blieb dagegen machtlos, weil darin befangen), was die Nazis vorweg praktizierten und was uns vermutlich jetzt erst wirklich blüht: Die Barbarei!

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05.02.2008 | 11:16 Uhr

v.schlieffen: nur mitlaufendes "Rädchen

Es interessiert mich herzlich wenig, ob mit der Figur des Dr, Aue eine mögliche Karriere im Dritten Reich erzählt werden soll. Wenn der Autor nämlich über diese Figur nur die einzelnen Greueltaten des verbrecherischen Systems nachzeichnet und sie lediglich als mitlaufendes "Rädchen" anlegt (so stellt es sich mir nach meinem jetzigen Kernntnisstand jedenfalls dar), dann gewinne ich ganz für mich persönlich keine neuen Erkenntnisse über die Hitlerdiktatur.

Eigentlich erwarte ich heute von einer literarischen Verarbeitung zum Thema Nazidiktatur die Darstellung der Verstrickungen einzelner Individuen und der Gesellschaft als ganzem. Hier spielen dann Themen eine Rolle, wie Wille und Macht, Freiheit und Abhängigkeit, wie Tolstoi sie in seinem Roman "Krieg und Frieden" thematisiert hat (hierzu empfehle ich die Lektüre von Tolstoi's Veröffentlichung 1868 zu "Krieg und Frieden" in der Zeitschrift " Russisches Archiv").
Die Vorbestellung des Romans "Die Wohlgesinnten" habe ich storniert.

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