Home
Nominiert für den Grimme-Online-Award 2008
Lesesaal
FAZ.NET
Donnerstag, 07. Februar 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden

Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Der Roman erinnert an die literarische Tradition der Konfession - Rhetorik eines Unverbesserlichen?

Die Beschreibung des eigenen Lebens als autobiographischer Rechenschaftsbericht ist seit der Antike ein literarisches Genre - von Augustinus über Rousseau bis zur "Speed Queen" Stewart O' Nans, der Geschichte einer Mörderin, die einem Unterhaltungsschriftsteller ihr Leben als literarisches Material verkauft. Aber wie glaubhaft ist der Sünder als Zeuge in eigener Sache? Und welchen Sinn hat eigentlich Max Aues Bekenntnis, das die Reue ja von vornherein ausschließt? "Die Wohlgesinnten" - Konfession oder Provokation?

Beiträge

07.02.2008 | 20:09 Uhr

vm.rollfink: Unverbesserlich ja, literarisch nein.

Aue will uns erzählen, wie es gewesen ist. Das erweist sich als die Geschichte eines Unverbesserlichen. Ein Rhetoriker ist Aue nicht, auch kein Literat. Was nervt, ist seine anmaßende z.T. trotzige Rechthaberei. So bedarf es wohl einer Menge Masochismus, seine Geschichte bis zum Schluss zu lesen.

Kommentare

09.02.2008 | 23:31 Uhr
Heinz Dieter Chiba schreibt: Hallo Herr Rollfink,

Ihr Kommentar etliche Male angesehen u. Ihre Wortwahl betrachet. Besonders Ihr "Unverbesserlich" liess mich fragen, wohin Sie hinaus wollen. Man könnte sich fragen, wer hier spricht, wenn Sie von "anmassend" u. "trotzige Rechthaberei" greifen?

Schliesslich verkleidet sich der Autor in seinem Erzähler. Es spricht doch Littell zu uns u. über uns - übrigens ganz sein Recht. Ich sehe Aue anders: i.d. Burg mit 1000 Ermordeten, darunter grausam verstümmelte Soldaten der Wehrmacht, ist unser Erzähler, weder "anmassend", "trotzig" oder "unverbesserlich".
Er wandert taumelnd als Mensch, nicht als SSler, durch die russisch-Hölle-verseuchte Atmosphäre jener Greueltaten - Kinder, Frauen (vergewaltigte?) liegen in den Leichenbergen.
Littell will, dass wir Leser uns Mühe geben u. neben Aue schreiten. Bevor man begreift, muss man gewandert sein.
Ich bezweifele, dass dabei "Masochismus" relevant sei, viel eher: Mitleid, Erbarmen, Verzweifelung mit dem Wesen: Mensch.



07.02.2008 | 19:11 Uhr

Sahe: Uninteressante Frage

Mit dieser Frage lockt Herr Spiegel keinen Hund hinter dem Ofen her, geschweige denn das Leserforum an die Tastatur. Was bringt diese formale Einordnung des Romans? Wobei jedem Laien schon offensichtlich ist, dass hier kein Bekenntnis des Autors selber vorliegt, sondern dieser nur die Form der Lebensbeichte für seinen Protagonisten gewählt hat.

Der Autor hat einfach ein Konstrukt gesucht, mit dem er seine ganzen Recherchen über das Thema Holocaust, die sicherlich sehr umfangreich waren, ansprechend unterbringen konnte. Nach den bisher gelesenen Folgen ist seine Darstellung sehr gelungen und man liest den Text gerne. Der Erzähler äußert Gedanken, die nicht langweilig sind, sondern teilweise überraschend. Man muss schon darauf kommen, die Berechnung zwischen der Anzahl der Toten und der Zeitdauer zu bringen und es so darzustellen, dass es nicht langweilig ist. Das Buch ist nicht langweilig und die heutige Fragestellung wird ihm nicht gerecht.

Kommentare


07.02.2008 | 14:02 Uhr

GregorKeuschnig: Bisher ein Wortgeplänkel

Basierend auf das, was bisher zu lesen ist: weder Provokation noch "Konfession". Eher vielleicht arg einfach, um nicht zu sagen trivial. Wortgeplänkel mit dem Thrill des "Bösen"; ein Bedienen der biblischen Lust an der Dichotomie - unter gleichzeitiger "Klarstellung", dass es eben nicht mehr alles ganz so einfach ist und das "gut" und "böse" eben nicht so klar auf der Hand liegen. So what? sage ich da zunächst einmal.

Da will mir jemand die Banalität des Bösen mit der Banalität des Bösen erklären? Oh ja, danke, das habe ich noch nicht gewusst. Und da muss natürlich dieser Ich-Erzähler nicht nur ein Monstrum UND intelligent sein, sondern auch noch alles andere (homosexuell; künstlerisch begabt; gute Manieren) - vielen Dank bis hierhin.

Ich warte auf Besserung, nein: Dichtung; Verdichtung. Aber da kommt ja noch einiges und ein Dummkopf, der jetzt schon den Stab bricht (und ein Dummkopf, wer - wider besseres Wissen- jetzt jubelt).

Kommentare

09.02.2008 | 23:45 Uhr
Heinz Dieter Chiba schreibt: Ihre Hohheit?

Eins kann Littell nie sein: ein Dummkopf. Andere zu kritisieren, eine urdeutsche Eigenschaft.
Schon nach dem ersten Video, wusste ich, dass ich das Buch auf Französisch lesen musste. Ich war gefesselt von Littelle Intelligenz u. Perspektive. Eigentlich logisch, denn erst durch die deutsche Ausgabe, durch Berkels Lesegenie, möchte ich zum originale Text zurück.

Ich glaube, wir haben einen wichtigen Roman vor uns allen. Was Littell nach 5 Jahren Studium publizieren lässt, ist eben nicht einfach. Und alles, was kompliziert auf uns wirkt, möchte vielleicht mancher bagatellisieren. Ich nicht. Ich werde mir die Mühe geben, das Buch zweimal zu lesen: auf Frz. u. auf Dt.
Und ich danke Jonathan Littell.
Sein oeuvre rührt, erklärt u. erschüttert das wacklige Gebäude unser glitzernden, stets falschen Arroganz.


07.02.2008 | 21:30 Uhr
jenssiebke schreibt: Genau!

Herr Keuschnig, Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund bzw. entwenden mir förmlich die Tasten unter den Fingerkuppen…

Mein Eindruck bleibt (leider) der einer gewissen Schwatzhaftigkeit seitens des Herrn Littell, welche dieser naturgemäß hinter seiner Erzählfigur zu verbergen sucht; der Kommunikationsqualität dient dergleichen Machart ohnehin nicht - ob es aber "irgendwie Kunst" noch werden kann? Zu solchem Urteil ist es in der Tat zu früh, nach 5 Folgen eines Vorabdrucks, der ohnehin nur 10 Prozent des Gesamten wiedergeben wird.
Sollte es dabei bleiben, daß scheinbar Unvereinbares (Perversion und strenge Zucht; hoher Sinn und niedere Triebe; Ordnung und Zerstörungstrieb pipapo) in einer Figur kulminieren soll (womöglich aber schlicht aufeinandergetürmt wird), dann wäre das Ergebnis bloße Effekthascherei.
Und ich wäre kein zukünftiger Käufer des Buchers.



07.02.2008 | 08:45 Uhr

UlrichA: Weder noch!

"Die Wohlgesinnten" - das ist weder Konfession noch Provokation. Wer Max Aues Bericht als "Bekenntnis" versteht, hat ihm nicht richtig zugehört. Es ist zwar verständlich, dass der Leser angesichts der Ungeheuerlichkeit und Unfassbarkeit von Aues Taten und Denken in der reinen, subjektiven Beschreibung eine "Konfession", wenn nicht gar eine Beichte sehen möchte.

Diese Interpretation entlastet den Leser, geht aber am Werk vorbei. Nur in diesem Sinne, also in der Interaktion mit dem Leser, ist "Die Wohlgesinnten" eine Provokation, denn das Buch zwingt zu einer radikalen Umbesetzung der eigenen Position als Rezipient. Für den, der diese Zumutung des Autors aushält, ist "Die Wohlgesinnten" nicht provozierender als die historische Wahrheit: der Mensch ist des Menschen Wolf.

Kommentare

22.02.2008 | 10:43 Uhr
Hajo Stork schreibt: Erkenntnis

Das ist das Vertrackte mit solcherart Erkenntnissen: dass sie uns nicht mehr bewusst werden, weil wir glauben zu wissen. Deshalb braucht es von Zeit zu Zeit derartige Bücher, damit wir wieder wach werden in unserem weichen Federbett aus Erkenntnisstoff.


07.02.2008 | 17:52 Uhr
hdkrebs schreibt: Neue Erkenntnis?

Dass der Mensch des Menschen Wolf sei, ist nun mal keine neue Erkenntnis und wenn Littel 1400 teils quälende Seiten braucht, um diese Erkenntnis wieder ins Bewußtsein zu rufen, dann ist das ein für den Leser schwieriger Kreuzweg.




Beitrag schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Registrieren Sie sich hier.

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008